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Kurzgeschichten

Keller

Keller

Ich spürte plötzlich, dass es kalt war. Mein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub, und ich bekam dieses Zittern nicht unter Kontrolle. Wieso war es überhaupt so kalt? Hatte ich geschlafen?
 Ich wollte die Augen aufschlagen, merkte jedoch, dass ich sie schon weit geöffnet hatte. Wieso konnte ich nichts sehen? In meinem Zimmer war es niemals so vollkommen dunkel, dass man überhaupt nichts erkennen konnte, aber jetzt und hier umgab mich nur absolute Schwärze. Verdammt, was war das? War ich etwa blind?
 Der Schreck dieser Erkenntnis stach wie ein Messer in mein Herz. Blindheit! Nie wieder etwas sehen? Kein Licht, keine Farben? Keine Orientierung? Ich spürte, wie die Kälte in mir noch zunahm.
 Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ganz ruhig. Man wird nicht so ohne Weiteres blind. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich auf einer recht harten Matratze lag, von der ein unangenehmer, muffiger Geruch ausging. Ruckartig erhob ich mich - oder besser - wollte ich mich erheben, denn ein harter, schmerzhafter Ruck an meinem linken Handgelenk ließ mich gleich wieder auf die Matratze kippen. Mein Schmerzschrei hallte hohl von den Wänden wider.
 Verdammt, wo war ich hier? Vorsichtig zog ich an meinem linken Arm, doch etwas Scharfkantiges bohrte sich in mein Handgelenk und hielt ihn fest. War das ... eine Fessel?
 Vorsichtig bewegte ich den anderen Arm. Erleichtert stellte ich fest, dass er nicht angebunden war. Ich drehte mich auf die linke Seite und betastete mein linkes Handgelenk. Es war mit einem breiten Kabelbinder an einem metallenen Gegenstand gekettet. Ich war gefangen! Gefangen! Ich! Aber wieso? Was war überhaupt geschehen?
 »Hallo!«, rief ich. »Ist da jemand?«
 Meine Stimme hallte als leises Echo von den Wänden zurück. »Hallo! Hört mich jemand?«
 Es blieb still. Offenbar war ich allein.
 Ich setzte mich auf, soweit meine Fessel es zuließ und lehnte gegen das Metall, an das ich gekettet war. Was war das eigentlich? Mit der anderen Hand ertastete ich die typische Form eines alten Rippenheizkörpers. Er war kalt und rostig. Wer hatte mir das angetan? Und warum? War ich entführt worden? Ich besaß kein Vermögen, das man von mir erpressen konnte. Ein wahnsinniger Verbrecher? Mein Gott, das würde bedeuten, dass man mich ... Ich spürte mein Herz bis in den Hals schlagen. Es konnte doch nicht sein, dass ich ... Ich wollte nicht sterben!
 »Hilfe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber irgendwann hatte ich keine Luft mehr dazu. Ich zerrte immer wieder an der Fessel, doch dieser Kabelbinder war einfach zu stabil.
 In einer Phase der Resignation saß ich nur einfach da. Prüfend sog ich Luft durch die Nase. Was war das für ein Geruch? Die Kälte des Raumes war hinderlich. Es roch muffig und abgestanden, wie in einem ... Keller? Jetzt erinnerte ich mich. Ich kannte solche Gerüche. Im Haus meiner Eltern hatte es einen solchen Geruch im Keller gegeben. Die feuchten Wände, alter Putz, Rost auf alten Werkzeugen ... genau. Ich war in einem Keller gefangen. Aber da war noch etwas anderes - ein Anflug von Schärfe. Was konnte das sein? Kot von irgendwelchen Tieren? Irgendwie wollte ich es auf einmal nicht wissen.
Was war überhaupt das Letzte, an das ich mich erinnern konnte?
 Ich war mit dem Auto meines Chefs in die Stadt gefahren, um eine Besorgung für ihn zu machen, hatte es auf dem Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Marktplatz abgestellt. Als ich ihn abschloss, hatte mich ein Mann angesprochen. Es ging um Geldwechseln, oder eine Auskunft? Ich wusste es nicht mehr. Dann war da plötzlich ein zweiter Mann hinter mir, und ... von da an fehlte mir die Erinnerung. War es eine Entführung? Hatte man mich für meinen Chef gehalten? Was würden sie tun, wenn sich der Irrtum herausstellte? Sollte dieser dunkle Raum mein Grab werden? Ich riss wieder an der Fessel. Ich wollte nicht sterben! Man las in den Zeitungen so viel darüber, dass Zeugen einfach getötet wurden. Aber ich in einer solchen Situation? Ich doch nicht! Ich nicht!
 Ohne es verhindern zu können, musste ich schluchzen. Scheiße! Ich hatte mich immer für einen harten Brocken gehalten. Jetzt heulte ich, wie ein altes Waschweib. Dieser Gedanke brachte mich wieder zur Vernunft. Ich lauschte in die Dunkelheit. Von Ferne hörte ich ein leises Tropfen von Wasser. Bisher war mir das nicht aufgefallen. Aber da war noch etwas anderes. Das Tapsen winziger Füße. Mäuse? Oder Ratten? Oh Gott, ich hasse Ratten! Ich spürte, wie sich mir die Haare vor Entsetzen aufrichteten, bei dem Gedanken, dass sich Ratten an mir zu schaffen machen würden.
 Ich durfte das nicht zulassen! Als ich meine Körperhaltung ruckartig änderte, rutschte der Kabelbinder an der Rippe der Heizung ein Stück hoch. War da etwas Spielraum? Wieder betastete ich das Metall. Wieso war mir das nicht aufgefallen? Dieses alte Ding war rostig. Das bedeutete, dass die Kanten unter Umständen scharfkantig waren. Richtig. Die vordere Kante wirkte wie ein stumpfes Sägeblatt.
 Hoffnungsvoll begann ich damit, die Fessel rhythmisch auf und ab zu bewegen. Das schabende Geräusch wurde durch den Heizkörper verstärkt und produzierte ein Klingen, das sich durch das gesamte Rohrsystem der Heizung verbreitete. Wenn das jemand hörte, war ich geliefert. Aber wenn ich es nicht versuchte, hatte ich überhaupt keine Chance! Also machte ich weiter. Immer wieder verletzte ich dabei meine Hand, aber das war mir egal. Solange ich hier allein war, musste ich die Zeit nutzen. Vielleicht gab der Kunststoff ja irgendwann nach.
 Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Es war anstrengend, und immer wieder musste ich Pausen einlegen. Mein Handgelenk schmerzte furchtbar, und die Kälte dieses Kellers - ich war inzwischen sicher, dass ich in einem Keller gefangen war - spürte ich nicht mehr.
 Später, es mussten Stunden vergangen sein, und Hunger und Durst machten sich unangenehm bemerkbar, riss der Kabelbinder plötzlich, wobei ich mit dem Kopf hart gegen die Heizung stieß. Ich blutete, aber meine Hand war frei!
 Ich fühlte mich großartig, als mir der Triumph bewusst wurde, doch was hatte ich gewonnen? Ich konnte noch immer nichts sehen und steckte in einem Raum fest, den ich sicher nicht ohne Weiteres verlassen konnte. Wie viel Zeit hatte ich noch? Wann würden meine Peiniger zurückkehren, um - was auch immer - mit mir anzustellen? Ich war nicht bereit, das abzuwarten. Mühsam stand ich auf und bewegte meine schmerzenden Glieder. Das Hocken auf der schmutzigen Matratze in dieser Kälte forderte seinen Tribut. Es dauerte, bis das Blut in meinen Gliedern wieder richtig zirkulierte. Beide Beine waren eingeschlafen und prickelten schmerzhaft. Ich beschloss, den Raum vorsichtig, an den Wänden entlang zu erkunden. Irgendwo musste es eine Tür geben, und dahinter würde es auch Licht geben - so hoffte ich jedenfalls.
 Die Wände waren alt und schmutzig. Feuchter Backstein, bröseliger Putz. Hin und wieder stieß ich gegen ein Hindernis. Es schepperte laut. Farbeimer? Keine Ahnung. Sonst schien der Raum weitgehend leer zu sein. Nach rund zwanzig Schritten stieß ich gegen eine Wand. Es ging weiter, immer mit den Händen tastend, fand ich schließlich eine Tür. Natürlich verschlossen! Verdammte Scheiße!
 Vorsichtig tastete ich die Tür und das gesamte Umfeld des Türrahmens ab. Vielleicht fand sich dort irgendetwas, um dieses Ding zu öffnen. Plötzlich funkte es, und ich erhielt einen Schlag, der meinen gesamten Arm einen Moment lähmte. Vor meinen Augen tanzten Lichtblitze. Ich hatte einen elektrischen Schlag bekommen! Die nassen Wände ... natürlich ... dort musste ein Schalter sitzen. Ein Lichtschalter! Und es gab Strom - das hatte ich deutlich zu spüren bekommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und nahm mit bloßen Händen die Suche nach diesem Schalter auf. Als ich ihn gefunden hatte, schlug ich mit der Faust darauf, einen weiteren Schlag erwartend. Stattdessen leuchtete jedoch mitten im Raum eine Glühbirne auf, und ich hatte das Gefühl, brennende Nadeln würden sich durch die Augen in mein Hirn bohren. War ich bisher blind durch die Dunkelheit, war es nun die für mich gleißende Helligkeit, die mich nichts erkennen ließ.
 Mit tränenden Augen stand ich da und wartete darauf, wieder sehen zu können. Überhaupt war es ein grandioses Gefühl, dass meine Augen wieder etwas wahrnahmen.
 Jetzt konnte ich erstmals sehen, dass es in diesem Keller einen Tisch in der Mitte gab, auf dem alte Werkzeuge lagen. Unter ihnen gab es eine schartige, rostige Axt. Ich ergriff sie und schlug wie besessen damit auf die Tür ein. Irgendwann gab sie nach und ich stürzte hinaus. Der Kellergang lag im Dämmerlicht vor mir. Am Ende führte eine brüchige Holzstiege nach oben.
 Plötzlich hatte ich wieder Angst. Wenn dort oben jemand lauerte? Meinen Lärm hätte man auf jeden Fall gehört. Die Axt noch in der Hand schlich ich nach oben. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Ich fasste den Griff der Axt fester, zu allem entschlossen. Ich würde mich nicht kampflos ergeben, wenn sie jetzt auf mich warteten.
 Oben sah ich, dass dieses Haus sicher nicht bewohnt war. Blinde Fenster, verwahrloste Gänge. Ich hatte keine Ahnung, wo sich dieses Haus befand. Noch immer keine Spur von meinen Peinigern. Ich gebe zu, dass ich froh war, nicht auch noch gegen sie kämpfen zu müssen. Vorsichtig spähte ich aus einem blinden Fenster, das zur Straße zeigte. Es war dunkel draußen und die Straßenlaternen brannten, aber es war niemand zu sehen. Ich atmete tief durch. Keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, aber es war jetzt der Augenblick, es zu beenden. Entschlossen öffnete ich die Tür nach draußen, die nur angelehnt war, und trat in die Nacht hinaus. Die Kühle der Nachtluft tat gut, und vieles der vergangenen Stunden fiel von mir ab. Ich blickte noch einmal in jede Richtung, dann tauchte ich in die Dunkelheit zwischen den Laternen und verschmolz mit der Dunkelheit. Nur weg von hier! Jetzt war die Dunkelheit mein Freund. Es ist schon kurios. Als Gefangener, unten im Keller, hatte sie mir Angst gemacht, und jetzt legte sie sich wie eine warme Decke über mich, bot mir Schutz. Sie würden mich nicht bekommen.

Regenzeit

Regenzeit

 

Tellon spähte durch die Büsche in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Die Sonne neigte sich bereits zum Horizont und das Licht war kaum noch ausreichend, die weite Ebene zu überblicken, die sie überquert hatten.
Alle Glieder taten ihm weh und es fiel ihm schwer, seine Erschöpfung noch länger vor Amitra zu verbergen.
»Kannst du etwas erkennen?«, fragte sie ängstlich.
Tellon kam schwerfällig zu ihr zurück. »Nein. Überhaupt nichts.«
»Denkst du, sie sind uns noch auf den Fersen?«
Er sah sie mitfühlend an. »Ich hätte dir das niemals antun dürfen.«
Es tat ihm beinahe körperlich weh, sie so zu sehen: völlig erschöpft und schmutzig. Ohne Zögern war sie ihm gefolgt, als er den Vorschlag gemacht hatte, gemeinsam mit ihm zu fliehen - Barlon für immer den Rücken zu kehren. Klaglos war sie während der vergangenen drei Tage an seiner Seite geblieben, wie zügig er auch gelaufen war. Dafür bewunderte er sie, doch jetzt war sie am Ende. Sie beide waren am Ende.
»Was soll das bedeuten: Ich hätte dir das niemals antun dürfen? Ich habe meine Wahl getroffen und mich für ein einfaches Leben mit dir entschieden. Vergiss das nicht!«
Amitras Miene war energisch geworden, fast ärgerlich und das machte sie für Tellon noch reizvoller.
»In Barlon lebte ich in einem goldenen Käfig. Ich hatte alles, was ich mir wünschen konnte, abgesehen von Freiheit. Ihr Leute aus dem Volk denkt immer, wir leben in Luxus und Reichtum und blicken mitleidig auf euch herunter. Sicher, auch solche Menschen gibt es im Palast, aber als Mündel des Residenten ist der Palast die Hölle. Du ahnst nicht, wie sehr ich all die Menschen beneidet habe, die ich vom Fenster meiner Suite aus beobachten konnte. Ihr könnt reisen, wohin Ihr wollt und tun, wonach euch ist. Diese Wahl hatte ich nie. Wäre ich jetzt nicht hier, müsste ich mich bald mit Semjolk aus dem Fürstentum Gol treffen, um mit ihm verheiratet zu werden.«
Tellon nahm sie in den Arm. »Glaube bitte nicht, ich wäre nicht glücklich, mit dir hier zu sein - am Rande eines fremden Waldes. Vielleicht sind es die glücklichsten Tage meines Lebens, denn ob noch viele hinzukommen werden, wissen wir nicht. Aber du hast nicht verdient, hier draußen zu sterben. Ich wusste, was geschehen kann, aber war dir das auch klar?«
Amitra schob sich ein Stück von ihm weg. »Tellon, ich bin nicht dumm. Ich bin eine mögliche Thronfolgerin von Barlon und lasse mich von einem einfachen Zimmermann rauben? Nach dem Tod meiner Eltern hat Zeron die Residentschaft und die Vormundschaft über mich übernommen. Ich sollte seine Trumpfkarte für eine Übernahme von Gol sein, doch dazu war es erforderlich, mich mit dem Thronfolger von Gol zu verheiraten. Semjolk ist ein Widerling. Niemals wäre ich seine Frau geworden. Lieber würde ich mir das Leben nehmen.« Sie sah ihn ernst an. »Du musst mir etwas versprechen.«
»Was denn?«, fragte Tellon überrascht.
»Sollten sie uns einholen und einfangen, musst du mich töten. Du darfst nicht zulassen, dass sie mich zurückbringen. Ich meine das ernst.«
»Das kann nicht dein Ernst sein!«, rief Tellon entsetzt. »Wie könnte ich dich töten? Ich würde dich eher mit meinem Leben beschützen.«
»Das weiß ich, aber das wirst du nicht können, wenn die Garde uns einholt. Wenn es so weit ist, musst du es tun. Versprich es mir! Bitte!«
Tellon nickte resigniert. »Ich verspreche es.« Seine Stimme klang dabei heiser.
Ein Rauschen erfüllte plötzlich die Luft und die Baumkronen und die ersten Tropfen benetzten ihre Haut.
Amitra wandte ihr Gesicht nach oben. »Der Regen kommt. Das ist zu früh. Wir werden es niemals bis zu den grauen Landen schaffen.«
»Noch haben sie uns nicht gefangen. Wir dürfen nicht aufgeben. Der Regen behindert auch unsere Verfolger.«
Er schob sich noch einmal an den Busch heran, durch den er bereits vorher geblickt hatte und versuchte, etwas zu erkennen. Hinter ihnen war der Wald lichter und gestattete es, einen Blick zurückzuwerfen. Inzwischen war es deutlich dunkler geworden und der zunehmende Regen behinderte die Sicht zusätzlich. Im Nu war seine Kleidung vollkommen durchnässt. In weiter Ferne schimmerte etwas Licht durch den Regenvorhang. Das konnte nur ein Feuer der Gardisten sein, die sich ein Lager bereitet hatten. Es bedeutete, dass sie ihnen recht nah auf den Fersen waren.
»Mir ist kalt«, sagte Amitra. »Und meine Kleider sind nass.«
Tellon ging zu ihr und küsste sie. »Wir müssen weg. Ich habe in der Ferne ein Feuer gesehen, und wenn wir nicht erfrieren wollen, müssen wir in Bewegung bleiben.«
»Bist du sicher, dass sie ein Feuer haben?«, fragte Amitra. »Wie können sie das bei diesem Wetter in Gang bringen? Und warum können wir kein Feuer haben? Ich friere so entsetzlich.«
»Der Regen hat gerade erst eingesetzt. Vermutlich hatten sie vorher bereits Holz gesammelt. Wenn es weiter regnet wird es sicher bald verlöschen. Wir können und dürfen kein Feuer machen. Jetzt gibt es kein trockenes Holz mehr. Unsere einzige Chance ist, weiterzulaufen.«
»Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.«
»Amitra, du willst, dass ich dich töte, wenn sie uns fangen, aber ich will dich nicht töten - ich will mit dir leben! Ich kann auch nicht mehr, aber wir müssen es versuchen. Es regnet bereits und wir müssen die große Senke erreichen. Wir sind erst in Sicherheit, wenn wir sie durchquert haben. Das Reich von Barlon endet in der Senke. Dahinter beginnen die grauen Lande. Angeblich ist noch niemand von dort je zurückgekehrt, aber mehrere Waldläufer haben mir erzählt, dass die Menschen dort freundlich wären und man glücklich und unbehelligt leben kann. Ich denke, dass man einen Zimmermann und seine Frau dort brauchen kann.«
»Du bist ein hoffnungsloser Optimist. Bist du sicher, jemals dorthin zu gelangen?«
»Mit dir werde ich alles schaffen!«
Sie schmiegte sich an ihn. »Ich teile deinen Optimismus nicht, aber ich liebe dich dafür. Wenn du es schaffst, weiterzulaufen, werde ich das auch schaffen.«
Er nickte. »Dann lass uns gehen. Haben wir noch Nüsse für den Weg?«
»Für ein paar Tage wird es reichen, aber das Brot ist durch den Regen aufgeweicht.«
»Das Problem werden wir lösen, wenn es so weit ist«, sagte Tellon und nahm ihre Hand. Erschöpft und durchnässt machten sie sich auf den Weg.

Stundenlang waren sie durch die Dunkelheit gelaufen. Zweige waren ihnen ins Gesicht geschlagen, die Kleidung zum Teil zerrissen und die Knöchel ihrer Füße blutig geschlagen. Sie liefen nur noch automatisch weiter, jenem fernen Ziel entgegen, von dem sie glaubten, dass es ihnen Sicherheit und Freiheit versprach. Hin und wieder hielten sie kurz an, aßen ein paar Nüsse, tranken Wasser von großen Blättern und liefen weiter. Für Gespräche oder eine gelegentliche zärtliche Geste fehlte inzwischen jegliche Kraft.
Als die Sonne über einem trüben, regnerischen Himmel aufging, wurde die Vegetation allmählich spärlicher und der Wald öffnete sich zu einer steppenähnlichen Landschaft. Der Regen hatte nicht eine Minute nachgelassen und drückte bei den Flüchtenden nicht nur auf das Gemüt, sondern entzog ihnen weitere Kraft.
Tellon deutete mit dem Arm nach vorn. »Dort muss irgendwo die große Senke beginnen. Es kann nicht mehr weit sein.«
Amitra ließ sich auf den schlammigen Boden fallen. »Wenn es noch weit ist, bleibe ich genau hier sitzen. Tellon, ich kann einfach nicht mehr. Mir ist alles gleich. Sollen sie uns doch fassen und töten, oder was auch immer sie uns antun wollen.«
Tellon aktivierte seine letzten Reserven und zog Amitra vom Boden hoch. »Wir sind nicht so weit gelaufen, um jetzt aufzugeben. Wenn es sein muss, trage ich dich bis zur Grenze. Sie haben uns bis jetzt nicht gefasst, dann sollen sie uns auch jetzt nicht mehr fassen. Wer weiß? Vielleicht haben sie ihre Verfolgung ja auch abgebrochen.«
»Da kennst du unseren Regenten schlecht. Er würde jeden aus der Garde hinrichten lassen, wenn er nicht alles versucht hätte, mich zurückzubekommen.«

Während sie sich schwankend aneinander klammerten, hörten sie einen Ton.
»Ein Horn der Garde!«, rief Amitra. »Sie sind schon dicht hinter uns.«
»Wie ist das möglich?«, fragte Tellon. »Wir sind die ganze Nacht durchgelaufen ...«
»Sie haben Pferde«, sagte sie müde. »Es ist vorbei. Bald wirst du dein Versprechen einlösen müssen.«
»Nichts werde ich!«, rief Tellon. »Wenn wir die Senke zuerst erreichen, haben wir noch eine Chance.«
»Durch diesen Schlamm? Der Regen wird eher noch schlimmer werden.«
Tellon zog Amitra am Arm. »Komm! Wir haben nichts zu verlieren!«
Der schwere Boden machte es fast unmöglich, voranzukommen, doch Tellon stachelte Amitra immer wieder an, weiterzulaufen. Meist musste er sie inzwischen stützen.
Als sie schon fast ihre Hoffnung verloren hatten, standen sie plötzlich am Rand einer breiten Senke. Der Regen lief ihnen in breiten Bächen über Gesicht und Körper, als sie nach unten starrten und nicht glauben konnten, was sie sahen. Die Wassermassen der vergangenen Nacht hatten die gesamte Mulde in einen trägen Fluss verwandelt. In der Ferne sahen sie den gegenüberliegenden Rand der Senke und hatten das Gefühl, dort Licht zu sehen, doch das konnte in diesem Unwetter auch täuschen.
»Wie sollen wir dort hinüberkommen?«, fragte Amitra resignierend. »Wir können doch nicht den ganzen Weg schwimmen. Kannst du überhaupt schwimmen?«
»Ja, kann ich. Vielleicht ist dieses Wasser sogar unsere Chance.«
»Chance?«, rief sie hysterisch. »Bist du verrückt geworden?«
Wieder ertönte das Horn, diesmal deutlich näher. Auch undeutliche Stimmen waren zu hören, doch konnten sie ihre Verfolger noch immer nicht ausmachen.
»Wir müssen dort hinunter.« Tellon zog Amitra vorwärts, doch waren sie einfach zu schwach, um sich an dem Hang auf den Beinen zu halten. Sie strauchelten und kugelten den, glücklicherweise sandigen Hang hinunter. Fast am Wasser angelangt, kamen sie zur Ruhe und lagen im Schlamm. Minutenlang ließen sie sich nur vom Regen den Schmutz abspülen und versuchten, neue Kraft zu sammeln, doch sie waren am Ende. Als Tellon sich schließlich aufrappelte, bemerkte er eine Bewegung am oberen Rand der Senke. Die Garde war eingetroffen. Die Pferde nutzten ihnen an diesem steilen Hang nicht viel und noch schienen die Männer unschlüssig, wie sie vorgehen sollten.
Seine Kleidung wirkte schwer wie Blei, doch er kämpfte sich hoch und lief zu Amitra, die nur wenige Meter entfernt lag.
»Die Garde! Wir müssen da hinüber.« Er deutete auf das gegenüberliegende Ufer. »Los, zieh dein Kleid aus! Dein Unterkleid muss reichen. In dem schweren Ding ertrinkst du höchstens.«
Ein Pfeil bohrte sich neben ihm in den Boden.
»Bleibt, wo Ihr seid!«, brüllte jemand von oben. »Sonst müssen wir Euch erschießen!«
»Sie bluffen«, sagte Amitra. »Sie brauchen mich als Braut für diesen schrecklichen Semjolk. Sie schießen absichtlich vorbei!«
»Das gilt nicht für mich!«, rief Tellon. »Mich werden sie töten wollen! Wir müssen hier weg!«
Sie war plötzlich wie ausgewechselt. »Lieber ertrinke ich in dieser Brühe, als mich diesen Leuten zu ergeben!«
Mit einem Ruck riss sie sich ihr kostbares Kleid von Körper und stand nur noch in ihrem Unterkleid am Ufer. Ein weiterer Pfeil schlug sirrend neben ihnen ein. »Letzte Warnung!«
Die ersten Soldaten machten sich daran, die Böschung hinabzusteigen.
Sie deutete mit dem Kopf zum Wasser. »Komm, lass es uns versuchen. Wenn wir dabei umkommen, sind wir wenigstens beisammen.«
Er nickte ernst, blickte noch einmal nach oben und sprang kopfüber ins Wasser. Amitra folgte unverzüglich und beide wurden von der leichten Strömung davongetrieben. Nicht lange und sie waren außerhalb der Reichweite der Bogenschützen der Garde.

Das Wasser war verblüffend warm und gab ihnen neue Kraft. Trotzdem war ihnen bald klar, dass sie es nicht schaffen würden, den ganzen Weg zu schwimmen. Der Regen nahm noch weiter zu und bald wussten sie nicht mehr, in welche Richtung sie schwimmen mussten, da trieb ein mächtiger Baum an ihnen vorbei, komplett mit Krone und Wurzelwerk.
»Los, den müssen wir erreichen!«, rief Tellon. »Das ist unsere Fahrkarte in die Freiheit!«
Verzweifelt ruderten sie mit Armen und Beinen, um den Baum zu erreichen. Tellon schaffte es schließlich, eine Wurzel zu fassen und hielt sich fest. Amitra schaffte nur, Tellons Bein zu packen, doch auch sie hielt verzweifelt daran fest. Tellon zog sie beide näher an das Gehölz heran und erreichte eine Stelle, an der er sich hochziehen konnte. Sowie er Halt hatte, packte er Amitras Handgelenk und zog auch sie zu ihrer schwimmenden Insel.
Der Baum war groß und sein mächtiger Stamm lag wie ein großes Boot im Wasser. Seine rissige Rinde bot ihnen genügend Halt, komplett aus dem Wasser zu klettern. Allerdings ergossen sich aus den Wolken noch immer wahre Sturzbäche an Wasser.
Erschöpft blieben sie in einer breiten Astgabel liegen. Sie waren unterkühlt, müde und immer noch setzte ihnen die einsetzende Regenzeit zu. Aber sie waren der Garde entkommen und beisammen. Nur das zählte. Sie fielen in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf.

Sie wussten nicht, wie lange sie geschlafen hatten, als sie durch starke Erschütterungen geweckt wurden, die den Baum erschütterten. Der Regen hatte etwas nachgelassen und so konnten sie sehen, was um sie herum geschah.
Eine Reihe von kleinen Fahrzeugen umringte den Baum und Männer aus diesen Booten warfen Seile, die sie mit dem Baum verbanden.
Tellon und Amitra erhoben sich, um dieses eigenartige Treiben zu beobachten. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass eine Gefahr von diesen fremden Männern ausgehen könnte.
»Hey, da sind Menschen in der Baumkrone!«, rief jemand.
»Tatsächlich!«
»Wer ist das?«
Sofort zogen sie sich tiefer in die Blätter der Baumkrone zurück, doch ein paar Männer waren bereits aus ihren Booten geklettert und näherten sich ihnen.
»Hey, Ihr zwei! Wer seid Ihr und was treibt Ihr auf diesem Treibgut?«
Da sie entdeckt waren, hatte es keinen Sinn mehr, sich zu verstecken und so kletterten sie aus ihrem Versteck.
»Mein Gott, wie seht Ihr denn aus? Was ist mit Euch geschehen?«, fragte ein grobschlächtig aussehender Mann, der jedoch ehrlich besorgt wirkte.
Tellon beschloss, die Wahrheit zu sagen. »Wir kommen aus Barlon. Vielleicht sollte ich besser sagen: Wir sind von dort geflohen. Wir wollten versuchen, die grauen Lande zu erreichen.«
»Die ’grauen Lande'?« Er lachte brüllend. »Ihr müsst wahrlich aus Barlon stammen! Man ist dort noch immer im Glauben, hier leben nur mordende und raubende Barbaren. Und das versucht Ihr ausgerechnet zu Beginn der Regenzeit? Ihr müsst wirklich verzweifelt sein.«
»Dann sind wir hier in den grauen Landen?«, fragte Amitra.
»Das seid Ihr allerdings. Wir bevorzugen aber die Bezeichnung Arborien.«
Tellon blickte sich um. »Sag mal, was treibt Ihr eigentlich hier? Was haben die vielen Boote rund um diesen treibenden Baum zu bedeuten?«
Der Mann lachte erneut. »Aus Barlon seid Ihr? Das merkt man. Ihr habt keine Ahnung vom Leben in anderen Ländern. Eigentlich sind wir Fischer aus Arborien. Wir leben vom Fischfang und handeln mit den Clans im Inneren von Arborien. Holz ist ein teures Gut und kostet uns eine Menge Arbeit und Fisch. So ein Baum wie dieser als Treibgut ist ein Geschenk des Himmels. Das sind viele Fuder gutes Holz und es kostet uns nichts. Doch jetzt kommt erst einmal mit mir. In meinem Boot gibt es eine kleine Kabine. In der ist es trocken und warm. Meine Frau ist dort und kann Euch ein paar Decken geben.«
Wegen der kalten Glieder folgten sie dem Mann ungelenk zu seinem Boot, das mit Tauen am Baum festgemacht war. In der Kabine erwartete sie eine kleine, schlanke Frau, die überhaupt nicht zu dem Riesen zu passen schien, der sie entdeckt hatte.
»Hallo, ich bin Ella«, begrüßte sie die Frau und sah sie auffordernd an. Sie reichte ihnen warme Decken und Tücher, damit sie sich trocknen konnten.
»Wir heißen Amitra und Tellon«, stellte Amitra sie vor, »und stammen aus Barlon. Nun hoffen wir, hier in ... Arborien ein neues Leben anfangen zu können.«
Ella lächelte sie an. »Na, dann herzlich willkommen. Wir können immer helfende Hände gebrauchen. Arborien ist recht dünn besiedelt, aber für uns ist es das Paradies. Darf man fragen, ob Ihr besondere handwerkliche Fähigkeiten habt?«
»Ich bin Zimmermann«, sagte Tellon, »und das ist meine ... also eigentlich ...«
Ella winkte ab. »Es geht mich nichts an, wie Euer Verhältnis ist. Bei uns interessiert das niemanden. Ihr gehört also zusammen. Das ist das Einzige, was ich wissen möchte.«
Sie wandte sich direkt an Amitra: »Und was kannst du? Kochen, Nähen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ich kann nichts dergleichen. Aber ich kann lernen.«
»Kocht und näht man in Barlon nicht?«
Amitra lachte. »Doch, natürlich. Es ist nur ... Ich bin ... Ich war die Thronfolgerin von Barlon, bis Tellon mich geraubt hat.«
Ella pfiff durch die Zähne. »Das ist allerdings ein Ding. Du musst mir alles genau erzählen. Jetzt brauche ich erst einmal einen starken Tee. Hilft mir die ehemalige Thronfolgerin ein wenig in der Kombüse?«
»Aber gern.«
Die Frauen verschwanden im Nachbarraum und bald hörte Tellon das Lachen heller Frauenstimmen.
Er schaute aus dem Fenster auf das endlos scheinende Wasser hinaus und lächelte. Der Regen hatte wieder stärker eingesetzt.
Es war kurios, aber ohne dieses schreckliche Wetter wären sie vermutlich niemals in die Freiheit entkommen.

Unterschätzt

Diese Geschichte wurde als Beitrag in der Anthologie STORY CENTER 2009 "Boa Esperanca" von Michael Haitel veröffentlicht.

 

Gora blickte sich verstohlen um. In der Abfertigungshalle des zentralen Raumhafens der Erde nahe der Stadt Moskau herrschte große Aufregung. Bei einer Zusammenkunft der Staatschefs der Vereinigten Planetenliga war ein Attentat verübt worden, bei dem der neue Präsident von Centauri 4 getötet worden war. Er war offenbar vergiftet worden. Die Sicherheitskräfte der Erde waren sich noch mmer nicht im Klaren darüber, wie es bei all den Sicherheitsmaßnahmen überhaupt passieren konnte.
Gora musste unwillkürlich lächeln. Solche Aufgaben waren schließlich ihre Spezialität. Dafür hatte man gerade sie engagiert, denn sie hatte bisher selbst die schwierigsten Aufgaben erledigt und man hatte sie noch niemals gefasst, geschweige denn, sie überhaupt verdächtigt. Es lief immer gleich ab: Sie reiste über einen unverfänglichen Weg zu ihrem Missionsziel, schlüpfte in ihre Tarnung und erledigte ihren Job. Anschließend wählte sie eine passende Tarnung und entfernte sich ebenso unauffällig, wie sie gekommen war. Ein hübsches Sümmchen hatte ihr ihre Arbeit schon eingebracht und sie musste sich eingestehen, dass sie ihre Arbeit liebte, auch wenn es dabei nur ums Töten ging.

Mittlerweile wimmelte es nur so von Sicherheitskräften. Offenbar ging man davon aus, dass der oder die Täter den Planeten verlassen würden, da der Boden hier auf dem Planeten Erde bald zu heiß werden würde. Gora hätte ihnen gern gesagt, dass sie gar nicht so verkehrt mit ihrer Einschätzung lagen, denn genau das würde sie tun – die Erde auf dem schnellsten Weg verlassen. Allerdings hatte sie bisher auch noch nie erlebt, dass sie ihre Kontrollen auf dem Raumhafen derart verschärften, wie sie es nun taten. Gora war jedoch nicht wirklich beunruhigt, denn sie hatte eine Trumpfkarte im Ärmel, von der Niemand etwas ahnen konnte. Gora war ein so genannter Gestaltwandler. Sie konnte nahezu jede Gestalt annehmen und kopieren, die sie durch Berührung gescannt hatte und die in etwa ihrer Körpermasse entsprach. Auf die gleiche Weise konnte sie Substanzen kopieren, die sie einmal berührt hatte, auch wenn es sich dabei um ein hochwirksames Gift handelte. Für sie selbst war ein auf diese Weise hergestelltes Gift nicht gefährlich, wohl aber für jemanden, dem sie die Hand schüttelte, während sie ein Kontaktgift in ihren Handflächen bereithielt. Der Präsident von Centauri 4 war vollkommen ahnungslos, als er einer vermeintlichen jungen Journalistin die Hand schüttelte. Lächelnd hatte sie ihm viel Erfolg und eine angenehme Zukunft gewünscht, ehe sie wieder in der Menge der Reporter und Journalisten untertauchte. Noch bevor Gora den Tatort endgültig verließ, griff sich der Präsident unvermittelt an die Brust und verspürte eine unerklärliche Schwäche. Goras Gift wirkte schnell. Sie hielt nichts davon, ihre Zielpersonen lange leiden zu lassen. Sie war kein Sadist.

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Wenn einer eine Reise tut ... Iguaçu

Lena schreckte aus ihrem unruhigen Schlaf auf. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Sie war einfach schon viel zu lange unterwegs. Die Sitze in der kleinen Propellermaschine ließen ihr nicht viel Beinfreiheit, doch sie versuchte, sich etwas zu strecken, um ihre Glieder zu beleben.
Der Prospekt, in dem sie gelesen hatte, war heruntergefallen und sie hob ihn auf. Dabei bemerkte sie, dass der Fluggast neben ihr sie anzüglich - wie sie meinte - anstarrte.
Lena fragte sich, wann diese Reise endlich zu Ende sein würde. Freiwillig wäre sie niemals allein hierher geflogen, doch was tat man nicht alles für die Liebe. Peter, der Mann, mit dem sie nun schon seit zwei Jahren zusammen war, hatte ein Studium mit der Bezeichnung „Science of Water“ absolviert und relativ schnell einen Job gefunden, der interessant war und dazu noch gut bezahlt wurde. Der Nachteil war, dass seine Einsatzgebiete im Grunde allesamt außerhalb Deutschlands lagen. Seit neun Monaten arbeitete er nun schon, zusammen mit anderen Ingenieuren, in Itaipu, dem größten Wasserkraftwerk der Welt. Es lag an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien und versorgte fast ganz Paraguay und ein gutes Viertel von Brasilien mit elektrischem Strom. Lena verstand es ja, dass Peter diese Chance ergriffen hatte, schnell in eine Position aufzusteigen, die er zu Hause nicht bekommen hätte, aber es führte auch dazu, dass sie sich nur sehr selten sehen konnten.
Wie sehr hatte sie sich gefreut, als Peter angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er Flüge für sie gebucht hatte, damit sie ihn in Brasilien besuchen konnte. Ihre Eltern waren strikt dagegen gewesen, als sie ihnen davon erzählt hatte, doch hatten sie Lena nicht aufhalten können.

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Unbedenklichkeitsbescheinigung

 

doppelhelix

Meelena stand vor ihrem Badezimmerspiegel und bürstete sich ihre Haare. Gedankenverloren ließ sie ihre Bürste sinken und betrachtete ihre Erscheinung im Spiegel. Sie war mit ihren sechsundzwanzig Jahren noch immer sehr schlank und ihr Körper wirkte fest und straff. Langsam drehte sie sich, um sich im Profil zu betrachten. Sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Nicht viele Frauen hatten dabei so volles, braunes Haar, welches ihr im Zusammenspiel mit ihren dunklen, braunen Augen einen weichen Ausdruck verlieh.

 Sie seufzte leise.
 „Was nutzt mir das alles“, flüsterte sie leise und eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel.
 Sie wischte die Träne fort und verließ das Bad. Im Wohnzimmer saß Lennart, ihr Ehemann, an seinem Computer und arbeitete.
 Seit die meisten Firmen ihre Standorte aufgelöst hatten, arbeitete Lennart – wie fast jeder andere auch – zu Hause und war nur noch online mit dem Rechenzentrum seiner Firma verbunden.
 Lennart sah Meelena den Raum betreten und lächelte ihr zu. Noch immer spürte Meelena diese Schmetterlinge in ihrem Bauch, wenn er sie so anlächelte, obwohl sie nun bereits seit fast drei Jahren verheiratet waren. Im Grunde ihres Herzens war sie glücklich … wenn nicht …
 Sie setzte sich neben Lennart und blickte ihm über die Schulter. Wie von selbst, wanderte ihre Hand in seinen Nacken und begann ihn zu kraulen. Lennart brummte erst, doch dann wandte er sich ihr zu.
 „Was ist Schatz?“, fragte er besorgt, „Dein Blick ist so ernst.“
 Meelena sagte einen Moment lang nichts, dann rann wieder eine Träne über ihre Wange.
 „Schatz?“, fragte Lennart, „Was ist mit dir? Warum weinst du?“
 Sie schüttelte heftig ihren Kopf.
 „Lass' mich einfach“, sagte sie, „du musst dich auf deine Arbeit konzentrieren.“
 „Nein, die Arbeit läuft mir nicht weg“, sagte er, „erzähl' mir, was dich bedrückt. Bitte!“
 Meelena holte ein paar Mal tief Luft, dann presste sie es förmlich heraus:
 „Ich möchte ein Kind!“

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