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Keller

Keller

Ich spürte plötzlich, dass es kalt war. Mein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub, und ich bekam dieses Zittern nicht unter Kontrolle. Wieso war es überhaupt so kalt? Hatte ich geschlafen?
 Ich wollte die Augen aufschlagen, merkte jedoch, dass ich sie schon weit geöffnet hatte. Wieso konnte ich nichts sehen? In meinem Zimmer war es niemals so vollkommen dunkel, dass man überhaupt nichts erkennen konnte, aber jetzt und hier umgab mich nur absolute Schwärze. Verdammt, was war das? War ich etwa blind?
 Der Schreck dieser Erkenntnis stach wie ein Messer in mein Herz. Blindheit! Nie wieder etwas sehen? Kein Licht, keine Farben? Keine Orientierung? Ich spürte, wie die Kälte in mir noch zunahm.
 Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ganz ruhig. Man wird nicht so ohne Weiteres blind. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich auf einer recht harten Matratze lag, von der ein unangenehmer, muffiger Geruch ausging. Ruckartig erhob ich mich - oder besser - wollte ich mich erheben, denn ein harter, schmerzhafter Ruck an meinem linken Handgelenk ließ mich gleich wieder auf die Matratze kippen. Mein Schmerzschrei hallte hohl von den Wänden wider.
 Verdammt, wo war ich hier? Vorsichtig zog ich an meinem linken Arm, doch etwas Scharfkantiges bohrte sich in mein Handgelenk und hielt ihn fest. War das ... eine Fessel?
 Vorsichtig bewegte ich den anderen Arm. Erleichtert stellte ich fest, dass er nicht angebunden war. Ich drehte mich auf die linke Seite und betastete mein linkes Handgelenk. Es war mit einem breiten Kabelbinder an einem metallenen Gegenstand gekettet. Ich war gefangen! Gefangen! Ich! Aber wieso? Was war überhaupt geschehen?
 »Hallo!«, rief ich. »Ist da jemand?«
 Meine Stimme hallte als leises Echo von den Wänden zurück. »Hallo! Hört mich jemand?«
 Es blieb still. Offenbar war ich allein.
 Ich setzte mich auf, soweit meine Fessel es zuließ und lehnte gegen das Metall, an das ich gekettet war. Was war das eigentlich? Mit der anderen Hand ertastete ich die typische Form eines alten Rippenheizkörpers. Er war kalt und rostig. Wer hatte mir das angetan? Und warum? War ich entführt worden? Ich besaß kein Vermögen, das man von mir erpressen konnte. Ein wahnsinniger Verbrecher? Mein Gott, das würde bedeuten, dass man mich ... Ich spürte mein Herz bis in den Hals schlagen. Es konnte doch nicht sein, dass ich ... Ich wollte nicht sterben!
 »Hilfe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber irgendwann hatte ich keine Luft mehr dazu. Ich zerrte immer wieder an der Fessel, doch dieser Kabelbinder war einfach zu stabil.
 In einer Phase der Resignation saß ich nur einfach da. Prüfend sog ich Luft durch die Nase. Was war das für ein Geruch? Die Kälte des Raumes war hinderlich. Es roch muffig und abgestanden, wie in einem ... Keller? Jetzt erinnerte ich mich. Ich kannte solche Gerüche. Im Haus meiner Eltern hatte es einen solchen Geruch im Keller gegeben. Die feuchten Wände, alter Putz, Rost auf alten Werkzeugen ... genau. Ich war in einem Keller gefangen. Aber da war noch etwas anderes - ein Anflug von Schärfe. Was konnte das sein? Kot von irgendwelchen Tieren? Irgendwie wollte ich es auf einmal nicht wissen.
Was war überhaupt das Letzte, an das ich mich erinnern konnte?
 Ich war mit dem Auto meines Chefs in die Stadt gefahren, um eine Besorgung für ihn zu machen, hatte es auf dem Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Marktplatz abgestellt. Als ich ihn abschloss, hatte mich ein Mann angesprochen. Es ging um Geldwechseln, oder eine Auskunft? Ich wusste es nicht mehr. Dann war da plötzlich ein zweiter Mann hinter mir, und ... von da an fehlte mir die Erinnerung. War es eine Entführung? Hatte man mich für meinen Chef gehalten? Was würden sie tun, wenn sich der Irrtum herausstellte? Sollte dieser dunkle Raum mein Grab werden? Ich riss wieder an der Fessel. Ich wollte nicht sterben! Man las in den Zeitungen so viel darüber, dass Zeugen einfach getötet wurden. Aber ich in einer solchen Situation? Ich doch nicht! Ich nicht!
 Ohne es verhindern zu können, musste ich schluchzen. Scheiße! Ich hatte mich immer für einen harten Brocken gehalten. Jetzt heulte ich, wie ein altes Waschweib. Dieser Gedanke brachte mich wieder zur Vernunft. Ich lauschte in die Dunkelheit. Von Ferne hörte ich ein leises Tropfen von Wasser. Bisher war mir das nicht aufgefallen. Aber da war noch etwas anderes. Das Tapsen winziger Füße. Mäuse? Oder Ratten? Oh Gott, ich hasse Ratten! Ich spürte, wie sich mir die Haare vor Entsetzen aufrichteten, bei dem Gedanken, dass sich Ratten an mir zu schaffen machen würden.
 Ich durfte das nicht zulassen! Als ich meine Körperhaltung ruckartig änderte, rutschte der Kabelbinder an der Rippe der Heizung ein Stück hoch. War da etwas Spielraum? Wieder betastete ich das Metall. Wieso war mir das nicht aufgefallen? Dieses alte Ding war rostig. Das bedeutete, dass die Kanten unter Umständen scharfkantig waren. Richtig. Die vordere Kante wirkte wie ein stumpfes Sägeblatt.
 Hoffnungsvoll begann ich damit, die Fessel rhythmisch auf und ab zu bewegen. Das schabende Geräusch wurde durch den Heizkörper verstärkt und produzierte ein Klingen, das sich durch das gesamte Rohrsystem der Heizung verbreitete. Wenn das jemand hörte, war ich geliefert. Aber wenn ich es nicht versuchte, hatte ich überhaupt keine Chance! Also machte ich weiter. Immer wieder verletzte ich dabei meine Hand, aber das war mir egal. Solange ich hier allein war, musste ich die Zeit nutzen. Vielleicht gab der Kunststoff ja irgendwann nach.
 Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Es war anstrengend, und immer wieder musste ich Pausen einlegen. Mein Handgelenk schmerzte furchtbar, und die Kälte dieses Kellers - ich war inzwischen sicher, dass ich in einem Keller gefangen war - spürte ich nicht mehr.
 Später, es mussten Stunden vergangen sein, und Hunger und Durst machten sich unangenehm bemerkbar, riss der Kabelbinder plötzlich, wobei ich mit dem Kopf hart gegen die Heizung stieß. Ich blutete, aber meine Hand war frei!
 Ich fühlte mich großartig, als mir der Triumph bewusst wurde, doch was hatte ich gewonnen? Ich konnte noch immer nichts sehen und steckte in einem Raum fest, den ich sicher nicht ohne Weiteres verlassen konnte. Wie viel Zeit hatte ich noch? Wann würden meine Peiniger zurückkehren, um - was auch immer - mit mir anzustellen? Ich war nicht bereit, das abzuwarten. Mühsam stand ich auf und bewegte meine schmerzenden Glieder. Das Hocken auf der schmutzigen Matratze in dieser Kälte forderte seinen Tribut. Es dauerte, bis das Blut in meinen Gliedern wieder richtig zirkulierte. Beide Beine waren eingeschlafen und prickelten schmerzhaft. Ich beschloss, den Raum vorsichtig, an den Wänden entlang zu erkunden. Irgendwo musste es eine Tür geben, und dahinter würde es auch Licht geben - so hoffte ich jedenfalls.
 Die Wände waren alt und schmutzig. Feuchter Backstein, bröseliger Putz. Hin und wieder stieß ich gegen ein Hindernis. Es schepperte laut. Farbeimer? Keine Ahnung. Sonst schien der Raum weitgehend leer zu sein. Nach rund zwanzig Schritten stieß ich gegen eine Wand. Es ging weiter, immer mit den Händen tastend, fand ich schließlich eine Tür. Natürlich verschlossen! Verdammte Scheiße!
 Vorsichtig tastete ich die Tür und das gesamte Umfeld des Türrahmens ab. Vielleicht fand sich dort irgendetwas, um dieses Ding zu öffnen. Plötzlich funkte es, und ich erhielt einen Schlag, der meinen gesamten Arm einen Moment lähmte. Vor meinen Augen tanzten Lichtblitze. Ich hatte einen elektrischen Schlag bekommen! Die nassen Wände ... natürlich ... dort musste ein Schalter sitzen. Ein Lichtschalter! Und es gab Strom - das hatte ich deutlich zu spüren bekommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und nahm mit bloßen Händen die Suche nach diesem Schalter auf. Als ich ihn gefunden hatte, schlug ich mit der Faust darauf, einen weiteren Schlag erwartend. Stattdessen leuchtete jedoch mitten im Raum eine Glühbirne auf, und ich hatte das Gefühl, brennende Nadeln würden sich durch die Augen in mein Hirn bohren. War ich bisher blind durch die Dunkelheit, war es nun die für mich gleißende Helligkeit, die mich nichts erkennen ließ.
 Mit tränenden Augen stand ich da und wartete darauf, wieder sehen zu können. Überhaupt war es ein grandioses Gefühl, dass meine Augen wieder etwas wahrnahmen.
 Jetzt konnte ich erstmals sehen, dass es in diesem Keller einen Tisch in der Mitte gab, auf dem alte Werkzeuge lagen. Unter ihnen gab es eine schartige, rostige Axt. Ich ergriff sie und schlug wie besessen damit auf die Tür ein. Irgendwann gab sie nach und ich stürzte hinaus. Der Kellergang lag im Dämmerlicht vor mir. Am Ende führte eine brüchige Holzstiege nach oben.
 Plötzlich hatte ich wieder Angst. Wenn dort oben jemand lauerte? Meinen Lärm hätte man auf jeden Fall gehört. Die Axt noch in der Hand schlich ich nach oben. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Ich fasste den Griff der Axt fester, zu allem entschlossen. Ich würde mich nicht kampflos ergeben, wenn sie jetzt auf mich warteten.
 Oben sah ich, dass dieses Haus sicher nicht bewohnt war. Blinde Fenster, verwahrloste Gänge. Ich hatte keine Ahnung, wo sich dieses Haus befand. Noch immer keine Spur von meinen Peinigern. Ich gebe zu, dass ich froh war, nicht auch noch gegen sie kämpfen zu müssen. Vorsichtig spähte ich aus einem blinden Fenster, das zur Straße zeigte. Es war dunkel draußen und die Straßenlaternen brannten, aber es war niemand zu sehen. Ich atmete tief durch. Keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, aber es war jetzt der Augenblick, es zu beenden. Entschlossen öffnete ich die Tür nach draußen, die nur angelehnt war, und trat in die Nacht hinaus. Die Kühle der Nachtluft tat gut, und vieles der vergangenen Stunden fiel von mir ab. Ich blickte noch einmal in jede Richtung, dann tauchte ich in die Dunkelheit zwischen den Laternen und verschmolz mit der Dunkelheit. Nur weg von hier! Jetzt war die Dunkelheit mein Freund. Es ist schon kurios. Als Gefangener, unten im Keller, hatte sie mir Angst gemacht, und jetzt legte sie sich wie eine warme Decke über mich, bot mir Schutz. Sie würden mich nicht bekommen.

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