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Leseprobe: Iloo - die andere Welt

Foto: Julia Kestner, Hamburg

1. Der Unfall


Es hatte bereits den ganzen Tag über geregnet und der Himmel war vom Morgen an bleigrau geblieben. Es war ein Tag, der allein aus diesem Grunde schon aufs Gemüt drückte, doch Rainer bemerkte es überhaupt nicht. Seine Welt war auf das zusammengeschrumpft, was sich in seinem Kopf abspielte. Er saß in seinem Auto und war auf dem Weg nach Hause. Tief in seinen Gedanken versunken, steuerte er den Wagen, eher automatisch als bewusst, über die Autobahn.
Er fragte sich, was er hier eigentlich tat. Womit hatte er das verdient? Über zehn Jahre lang hatte er sich für seine Firma förmlich zerrissen. Das alles sollte vorbei sein? Rainer war Programmierer. Es war das, was er immer sein wollte und von dem er wusste, dass er es gut konnte. An ihm hatte es auch nicht gelegen, dass es mit seiner Firma bergab gegangen war. Es war die Konkurrenz aus Fernost gewesen, die das Unternehmen unter Druck gesetzt hatte. Schließlich hatten sie aufgeben müssen und es folgte die Insolvenz. Anfangs gab es noch Hoffnung, dass der Insolvenzverwalter eine Lösung finden würde, die Firma zu retten - sie wieder auf eine finanziell tragfähige Basis zu stellen, doch diese Hoffnung schwand von Monat zu Monat immer mehr. Ihm wurde klar, dass eine Rettung des Unternehmens einen Preis fordern würde: eine drastische Reduzierung der Belegschaft. Ihn hatte es erwischt und man hatte ihm mitgeteilt, dass man sich leider gezwungen sehe, seine Arbeitskraft dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen.
Rainer lachte bitter auf. Wie toll sich das anhörte: Sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen! Als wenn es für ihn, einen siebenundvierzigjährigen Informatiker, Verwendung auf dem Arbeitsmarkt geben würde ...
Es würde schwer werden, das war ihm absolut klar. Noch vor einem Jahr hätte er gedacht, alle Probleme meistern zu können, doch das galt jetzt nicht mehr. Vor drei Monaten hatte Ellen ihn verlassen. Nach all den Jahren der Ehe war sie einfach gegangen und er hatte nicht realisiert, was sich da angebahnt hatte. Anfangs hatte er getobt, dann war die Traurigkeit gekommen und er hatte sich unendlich leidgetan.
Ein lautes Hupen riss Rainer aus seinen Gedanken. Erschreckt riss er das Lenkrad seines Autos nach rechts. Er hatte nicht registriert, dass er fast auf die linke Fahrbahnseite geraten war und ein anderes Auto behindert hatte. Er hob entschuldigend die Hand und begann erneut zu grübeln.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie Kinder gehabt hätten, doch leider war ihnen dieses Glück nicht vergönnt gewesen. So hatten sie in der letzten Zeit mehr nebeneinander als miteinander gelebt. Sein Job hatte ihn immer stärker in Anspruch genommen und in der Krise hatte er versucht, durch einen unermüdlichen Einsatz dafür zu sorgen, unentbehrlich zu sein, um so seinen Arbeitsplatz zu sichern. Unter der Woche kam es kaum vor, dass er vor 22 Uhr abends nach Hause kam, und nicht selten fand er seine Frau dann bereits schlafend im Bett vor. An den Wochenenden arbeitete er zu Hause an seinen Projekten, die er im Betrieb nicht zu Ende geführt hatte. Sicherlich hatten die Zeichen bereits länger auf Sturm gestanden, nur hatte Rainer es nicht bemerkt - oder es nicht bemerken wollen. Er hatte einfach nicht die Zeichen erkannt, die darauf hingedeutet hatten, dass sie sich allmählich immer weiter voneinander entfernten. Die Entfremdung war nicht mehr aufzuhalten gewesen.
So war er auch vollkommen verblüfft, als er eines Abends nach Hause gekommen war und feststellte, dass Ellen nicht mehr da war. Im Wohnzimmer fand er nur einen Brief, auf dessen Umschlag sein Name stand. Er hatte diesen Brief rund zehnmal gelesen und kannte seinen Inhalt auswendig.

»Hallo Rainer,


verzeih mir, dass ich es dir auf diesem Wege mitteilen muss, aber ich habe es nicht fertiggebracht, es dir direkt ins Gesicht zu sagen. Ich fürchtete, dass ich schwankend werden könnte. Ab heute werde ich nicht mehr bei dir wohnen. Ich habe beschlossen, dich zu verlassen. Immer wieder habe ich versucht, dich darauf aufmerksam zu machen, dass ich auch noch da bin, und das Leben nicht nur aus beruflichen Problemen bestehen kann. Nie hast du mir eine Chance gegeben, dich zu unterstützen - hast dich immer mehr in dich zurückgezogen und ich habe es wirklich lange ertragen. Das ist nun vorbei. Ich halte dieses Desinteresse mir gegenüber nicht mehr aus. Ich kann nicht länger aus reiner Gewohnheit mit dir zusammenleben.
Vor einiger Zeit habe ich einen Mann getroffen. Du kennst ihn nicht. Du darfst mir glauben, dass es nicht meine Absicht war, mich auf einen anderen Mann einzulassen, und ich habe mich lange innerlich dagegen gewehrt, meiner Bereitschaft dazu nachzugeben. Doch bei ihm erfahre ich die Wertschätzung, die ich bei dir schon lange nicht mehr erfahren habe. Irgendwann hat sich zwischen uns etwas verändert. Ich habe das nie gewollt, doch es ist geschehen. Ich hoffe, du hasst mich nicht zu sehr dafür, doch ich werde zu ihm ziehen. Auch ich habe ein wenig Anspruch auf Glück und ich habe das Gefühl, als wenn er mir das geben könnte. Ich wünsche dir von Herzen, dass sich deine Probleme lösen lassen und du dir nicht mehr selbst im Wege stehst. Wenn du mit mir reden möchtest, rufe mich auf dem Handy an.

Ellen«

Immer wieder hatte Rainer diesen Brief gelesen. Er konnte es nicht fassen, dass Ellen einen Freund gehabt hatte - dass sie ihn betrogen hatte. Er hatte nicht den geringsten Verdacht gehabt.
Der Starkregen der letzten Tage hatte wieder eingesetzt und Rainer schaltete den Scheibenwischer auf die schnellste Stufe. Trotzdem schafften es die Wischerblätter kaum, das Wasser schnell genug wegzuwischen. Eigentlich war Rainer kein riskanter Fahrer, doch jetzt bemerkte er kaum, dass er für die gegenwärtige Wetterlage viel zu schnell fuhr. Der Regen hatte die Fahrbahn in eine nassglänzende Fläche verwandelt und die aufspritzende Gischt der vorausfahrenden Fahrzeuge machte ein vorausschauendes Fahren fast unmöglich.
Rainer griff zu seinem Handy und klappte es auf. Wie automatisch drückte er die Schnellwahltaste für Ellens Anschluss. Die Rufnummer leuchtete ihm entgegen und er starrte wie gebannt darauf. Er hatte vorgehabt, sie anzurufen, wie sie es im Brief angeboten hatte, doch konnte er sich nicht dazu durchringen, die Ruftaste zu drücken. Was sollte er ihr denn überhaupt sagen? Dass er sie liebte? Dafür war es jetzt um einige Monate zu spät.
Er hielt das Telefon noch in seiner Hand, als ein kurzer Blitz ihn aus seinen Gedanken riss.
»Scheiße!«, dachte er. »Jetzt bin ich auch noch von einer Verkehrskamera erfasst worden.«
Ärgerlich warf er das Handy auf den Beifahrersitz und blickte auf sein Tachometer. Er war wirklich zu schnell und nahm für einen kurzen Moment den Fuß vom Gaspedal.
Dann dachte er, dass es nun auch nichts mehr ausmachen würde, und trat das Gaspedal durch. Sein Wagen schlingerte kurz und machte dann einen Satz nach vorn. Ein Fahrer, der auf der linken Spur zu überholen versuchte, hupte laut, als Rainer ihn nicht mehr vorbei ließ. Rainer verspürte plötzlich ein irrationales Gefühl von Macht, als er so über die Autobahn raste. Was hatte er auch sonst noch? Zu Hause erwartete ihn nichts als die große Langeweile. Er entspannte sich gerade etwas, als der neben ihm fahrende Wagen verzögerte. Rainer bemerkte es nicht und zog seinen Wagen auf die Überholspur hinüber. Er machte sich gerade daran, einen weiteren Wagen zu überholen, als die Sicht für einen Augenblick klarer wurde. Der Anblick ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Nur etwa hundert Meter voraus befand sich ein Stau und er raste mit hoher Geschwindigkeit auf den LKW am Stauende zu. Instinktiv trat er die Bremse voll durch, doch auf der nassen Straße kam sein Auto nur ins Rutschen und brach zur Seite aus. Rasend schnell kam der LKW auf ihn zu. Mit aufgerissenen Augen sah Rainer hilflos dem Aufprall entgegen.
»Das war's also«, dachte er noch, dann krachte der Wagen in das stehende Fahrzeug. Rainer hörte das Kreischen von Metall und spürte einen stechenden Schmerz, der den gesamten Körper erfasste. Ein Blitz schien in seinem Kopf zu explodieren - es wurde dunkel um ihn.

 

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