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Tagesschau

02. Juni 2020

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93 Tanz auf dem Vulkan - Rising Star

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14. Tanz auf dem Vulkan
14.2 Rising Star

Ein paar Stunden später gab sie ihre Tochter mit gemischten Gefühlen in die Obhut der Krippe. Sie konnte nicht dagegen an, aber sie hatte das Gefühl, sie im Stich zu lassen.
»Du bist verrückt!«, schalt sie sich selbst. »Es ist nur für ein paar Stunden. Die meiste Zeit wird sie schlafen und dann hol ich sie ja auch schon wieder ab.«
Sie musste sich letztlich zwingen, das Kind aus der Hand zu geben und zu gehen. Sie fühlte sich mies dabei.
Gegen Mittag holte Irina sie ab.
»Wir werden mit einem Gleiter fliegen«, erklärte sie. »Wir werden daher keine Raumanzüge benötigen. Auch in der Werft existiert eine Atmosphäre.«
Während des gesamten Weges zur Werft sprach Irina nicht viel. Isabella fand es unerträglich. Mit jedem Kilometer, den sie sich ihrem Ziel näherten, wurde sie nervöser. Endlich war es so weit: Sie schwebten über einer riesigen Irisblende, welche die eigentliche Werft gegen die Leere des Alls verschloss. Direkt daneben befand sich eine kleine Schleuse, welche Irina ansteuerte. Isabella hatte solche Manöver unzählige Male geflogen und stellte fest, dass es sie in den Fingern juckte, auch wieder einmal eine solche Maschine zu fliegen. Sie war eben eine Vollblutraumfahrerin und nicht dafür geschaffen, nur einen Haushalt zu führen.
Sowie sie den Gleiter verlassen konnten, stiegen sie aus und Irina wies auf ein Schott in der Schleusenwand. Es war wie damals, als sie wegen der Invasion der Chinesen in der geheimen Werft den Prototyp des Plasmaschiffes erstmals gesehen hatte. Nur war dieses Schiff vollkommen anders konstruiert. Die Halle, die sie betraten, wirkte gigantisch. Isabella hatte angenommen, dass sie mit ihrem Gleiter bereits auf dem Grund der Halle gelandet waren, doch erwies sich das als Irrtum. Sie standen viel mehr auf einer Galerie, welche um die gesamte Werfthalle herumzuführen schien. Die Montagehalle erstreckte sich etwa genau so weit nach unten, wie nach oben. Erst als sich Isabellas Augen an die hellen Quarzstrahler gewöhnt hatten, die jeden Winkel taghell beleuchteten, konnte sie das wahre Ausmaß des Schiffes erkennen, das vor ihr stand. Im Gegensatz zu den zurzeit üblichen zylinderförmigen, oder hexagonalen Konstruktionen, war dieses Monstrum ein perfekter Kegel. Es war ein Kegel mit einer Höhe, welche die Länge jedes der ihr bekannten Schiffe weit in den Schatten stellte.
»Mein Gott, was ist das denn?«, entfuhr es ihr. »Was muss es gekostet haben, so ein Monstrum zu bauen?«
»Das willst du gar nicht wissen, Isabella«, sagte Irina. »Was ich jedoch wissen will, ist, ob du dieses Baby fliegen möchtest.«
»Das ist keine Frage«, sagte Isabella. »Allein schon bei dem Gedanken kribbelt es mir in den Fingern.«
Immer wieder legte sie den Kopf in den Nacken, blickte nach oben und dann wieder nach unten, um sich eine Vorstellung davon zu machen, was es bedeuten würde, diese Maschine zu fliegen.
»Warum hat es diese eigenartige Form? Das Manövrieren damit muss komplizierter sein, als mit normalen Schiffen. Ich sehe keine Bremsdüsen.«
»Ich sehe schon – du entdeckst die Besonderheiten dieses Schiffes mit einem Blick«, sagte Irina. »die RISING STAR ist für hohe Beschleunigungen gebaut worden. Sie wird niemals in dieser Form in Serie gehen. Sie muss nicht besonders manövrierfähig sein, sie soll nur schnell auf ihre Maximalgeschwindigkeit kommen können.«
»Wozu ist das wichtig? Man kann doch auch mit geringeren Werten hohe Geschwindigkeiten erreichen – es dauert nur länger. Wie ist der Antrieb des Schiffes bestückt?«
»Lass dir das bitte von unserem Doktor erklären«, sagte Irina. »Da möchte ich nicht vorgreifen.«
»Doktor?«
»Ja Dr. Karel Burmester. Er leitet die Konstruktionsabteilung und hat auch den Hauptantrieb entwickelt. Du wirst sehen – er ist ein Genie.«
Isabella sah Irina zweifelnd von der Seite an. Es war eigentlich nicht Irinas Art, in einem Wissenschaftler gleich ein Genie zu erblicken. Irina schien Isabellas Blick nicht zu bemerken.
Sie liefen ein Stück an der Galerie entlang, bis sie an einen Aufzug kamen, der sie zum Grund der Anlage brachte. Dort wurden sie bereits von Dr. Burmester erwartet. Isabella dachte, dass dieser Mann genau dem Klischee eines Wissenschaftlers entsprach: Er war vergleichsweise klein und musste zu Isabella ein Stück aufsehen. Sein dunkles Haar war – obwohl er noch nicht alt sein konnte – bereits schütter. Er trug eine schwarze Hornbrille und einen weißen Kittel. Mit freundlichem Lächeln kam er auf die Frauen zu und begrüßte Irina äußerst herzlich. Dann reichte er Isabella die Hand.
»Sie müssen Isabella Lückert sein«, sagte er. »Ich hab schon viel von ihnen gehört. Es macht mich stolz, dass gerade sie es sind, die mit der RISING STAR den Jungfernflug unternehmen wird. - Oh, ich vergaß, mich vorzustellen: Mein Name ist Karel Burmester. Das Schiff ist mein Projekt.«
»Noch ist nichts entschieden«, sagte Isabella. »Ich möchte mir erst ein umfassendes Bild machen. Irina meinte, sie würden mir genau erklären, was die Besonderheit des Antriebs dieses Schiffes ist.«
»Im Grunde ist das, was sie hier sehen, nichts Besonderes. In der Wandung des Kegels sind insgesamt zwölf Zyklotrone installiert, die sich für den kompletten Satz der im Außenring des Bodens angebrachten Plasma-Emitter nutzen lassen. Aber eigentlich sind die Zyklotrone nur dazu da, ein fokussierbares Magnetfeld im Zentrum aufzubauen.«
»Moment mal«, unterbrach Isabella seinen Redefluss. »Sie haben gesagt, in dieser Höllenmaschine sind zwölf Zyklotrone installiert? Und deren Hauptaufgabe ist nicht, das Schiff anzutreiben?«
»Sicher können sie damit das Schiff antreiben – sogar sehr effektiv, aber ja, die Hauptaufgabe ist nicht die Erzeugung von Schub, sondern das Magnetfeld.«
»Wozu soll das gut sein? Magnetfelder einer solchen Stärke braucht kein Mensch. Ich sehe sogar Probleme für die Crew, wenn sie solchen Kräften ausgesetzt ist.«
»Zunächst einmal: Es gibt keine Crew. Die RISING STAR wird nur von einem einzigen Menschen gesteuert. Es gibt nur einen Piloten. Der Rest wird automatisiert. Das Cockpit, wenn man ihn so nennen kann, ist extrem abgeschirmt. Wir arbeiten noch daran, die Abschirmung zu verbessern, aber bereits jetzt könnten sie ohne Gefahr die Triebwerke zünden. Die Magnetfelder sind jedoch existenziell für dieses Schiff notwendig. Fallen sie aus, wird das Schiff vernichtet. Ich erkläre ihnen auch, warum.
Was wissen sie über die Natur der Materie; Frau Lückert?«
Isabella sah ihn ratlos an. »Ich glaub, ich weiß nicht, worauf sie hinaus wollen, Dr. Burmester.«
»Materie, wie wir sie kennen, verfügt über einen Kern aus positiv geladenen Teilchen und Neutronen, die von einer Anzahl negativ geladener Elektronen umkreist werden. Im Laborversuch ist es gelungen, künstlich Materie zu erzeugen, bei der es genau umgekehrt ist.«
»Antimaterie?«, fragte Isabella entgeistert. »Versuchen sie mir zu erklären, dieses Schiff fliegt mit Antimaterie?«
»Genau«, bestätigte Dr. Burmester. »Die Herstellung von Antimaterie ist extrem schwierig und teuer. Allein die Lagerung und das Handling ist nur mit viel Fingerspitzengefühl möglich, denn wenn diese Materie mit normaler Materie zusammentrifft, neutralisieren sich beide unter Freigabe sämtlicher, darin enthaltener Energie. Sie können sich bestimmt vorstellen, dass es zu einer gigantischen Explosion kommen würde.«
Isabella deutete auf das Schiff und fragte mit belegter Stimme: »Da drin befindet sich Antimaterie? Ich glaub, mir wird schlecht. Wie soll denn das funktionieren? Ich fürchte, sie brauchen jemand anderes für diesen Job.«
»Sie brauchen keine Angst haben«, beschwichtigte Dr. Burmester. »Die RISING STAR hat selbstverständlich noch keine Antimaterie an Bord. Sie wird erst eingespeist, wenn sich das Schiff im freien Raum befindet und die Zyklotrone arbeiten. Zurzeit wird das Material in einem Spezialfrachter aufbewahrt, der auf einem entfernten Orbit um den Mond kreist. Es handelt sich um feinsten Osmium-Staub, der in einem Vakuumbehälter mit extremen Magnetfeldern festgehalten wird.«
»Aber wie soll dieses Zeug denn dieses Schiff antreiben?«, wollte Isabella wissen. »Und das, ohne es zu zerreißen?«
»Das Schiff ist extrem solide konstruiert. Es wird so funktionieren, dass die RISING STAR mithilfe ihrer Plasmatriebwerke auf Kurs gebracht und gehalten wird. Sobald der Kurs steht, wird die Antimaterie-Einspeisung vorgenommen. Dabei trifft jeweils ein Osmium-Staubteil aus Antimaterie auf ein Osmium-Staubteil aus normaler Materie und reagiert. Die gepanzerte, nach hinten offene Reaktionskammer entlässt die entstehende Energie, kanalisiert durch die bereits erwähnten Magnetfelder ins All und erzeugt Schub. Dadurch, dass wir feinsten Staub verwenden, lässt sich die Kraft fein dosieren, die wirksam werden soll.«
»Das bedeutet aber auch, dass der kleinste Fehler gleichzeitig mein Ende bedeuten würde.«
Dr. Burmester machte eine abwehrende Geste. »Sie haben mit der Zufuhr der Antimaterie überhaupt nichts zu tun – das übernimmt der Triebwerksrechner. Kein Mensch wäre in der Lage, so genau zu dosieren, wie es hier erforderlich sein wird.«
»... und wenn die Technik versagt?«, fragte Isabella.
»Alle Rechner sind in dreifacher Zahl vorhanden, wie auch alle Strom- und Datenleitungen. Sollte trotzdem etwas nicht in Ordnung sein, wird die Kommandozelle abgesprengt. Sie ist separat manövrierfähig und enthält alles Lebensnotwendige für eine Person für einen Monat. Innerhalb dieser Zeit wird es möglich sein, das Modul von einem Plasmaschiff bergen zu lassen. Sie sehen, es wurde an alles gedacht. Möchten sie sich das Schiff mal von innen ansehen?«
»Oh ja, gern«, sagte Isabella, doch sie war noch nicht überzeugt, dass sie sein würde, die dieses Schiff fliegen würde. Die Eröffnung Dr. Burmesters, dass die RISING STAR mit Antimaterie flog, saß ihr noch in den Knochen.
Als Irina nach dem beeindruckenden Rundgang wieder mit Isabella zurückflog, fragte sie: »Was meinst du, wäre es was für dich? Ich finde, dass du am besten geeignet wärst.«
»Ich weiß nicht recht. Das Ding ist eine fliegende Bombe. Was ist, wenn man die Zufuhr gleich beim ersten Mal falsch berechnet? Dann dauert mein Flug genau einen Wimpernschlag und ich bin Geschichte. Was wird dann aus Christina und Jan?«
»Du kannst Burmester vertrauen«, sagte Irina. »Er ist bei seinen Mitarbeitern als Sicherheitsfanatiker berüchtigt. Ich verstehe, dass dir die Art des Antriebs nicht behagt, aber es ist halt etwas völlig Neues, das hat den Menschen schon immer Sorgen bereitet. Als früher die ersten Dampfloks ihren Dienst aufnahmen, hat es Leute gegeben, die für ein Verbot dieser Fahrzeuge kämpften, da sie überzeugt waren, ein Mensch könne diese - für damalige Verhältnisse – irrsinnigen Geschwindigkeiten nicht ertragen.«
»Da sehe ich einen gravierenden Unterschied zwischen einer Fahrt mit einer Dampflok und einer Reise mit einem Antimaterie-Schiff«, meinte Isabella.
»Du kannst es dir ja durch den Kopf gehen lassen«, schlug Irina vor. »Wenn du im Moment etwas Zeit erübrigen kannst, biete ich dir an, den Flugsimulator der RISING STAR mal anzuschauen – oder vielleicht sogar zu fliegen?«
Irina sah Isabella lauernd von der Seite an.
»Du kannst ein Nein nicht akzeptieren, was?«, fragte Isabella, schon wieder lachend.
»Ich habe kein Nein gehört«, sagte Irina. »Ich kann mich nur an ein Zögern erinnern. Bitte schau es dir wenigstens an.«
»Na gut, versprochen! Ich schaue morgen mal vorbei.«
Die Frauen verabschiedeten sich voneinander und trennten sich. Isabella holte Christina, die sich riesig freute, sie wiederzusehen und ging zu ihrer Wohnung. Immer wieder zogen die Ereignisse des Tages an ihrem geistigen Auge vorbei. Das Schiff war ihr unheimlich, das war klar, doch war das rational, oder hatte sie einfach nur Angst vor dem Unbekannten? Sie beschloss, es mit Jan zu besprechen, auch wenn sie sich vorstellen konnte, was Jan davon halten würde. Er hatte mehr als einmal durchblicken lassen, dass es er lieber sehen würde, wenn sie für Christina zu Hause bleiben würde.
Isabella ging an ihre Kommunikationskonsole, die Bestandteil jeder Wohnung auf dem Mond war, und beantragte eine Leitung zur EXPERIENCE, die in Venusnähe manövrieren sollte. Sie wartete eine Weile, bis sie die Information erhielt, dass eine Verbindung derzeit wegen erhöhter Sonnenaktivität nicht möglich sei. Sie solle es in einigen Tagen erneut versuchen. Etwas ratlos unterbrach sie das Gespräch. Ausgerechnet jetzt! Ein paar Tage konnte sie nicht warten. Sie blieb noch einige Minuten vor dem Gerät sitzen und dachte nach, bis Christina sie aus ihren Gedanken riss. Seufzend erhob sie sich und lief zu ihrer Tochter. Isabella lächelte, als sie in ihr strahlendes, kleines Gesicht blickte. Immer überkam sie ein warmes Gefühl dabei. Im Grunde fühlte sie sich glücklich. Sie hob Christina hoch und nahm auf den Arm. Die Kleine rieb die Nase an ihrer Schulter und gluckste leise. So ein Kind war ein Wunder. Sie dachte an die Ereignisse während der Zeit, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, und empfand Dankbarkeit darüber, dass ihre Tochter trotz der teilweise extremen Belastungen, denen sie ausgesetzt war, gesund war. Sie küsste ihre Tochter sanft auf die Wange.
»Na, dann komm mal mit, mein Engelchen, wir machen dir jetzt was Leckeres zu essen.«
Viel später – Christina war bereits eingeschlafen – kamen die Gedanken zurück. Reichte ihr die Rolle als Mutter? Sie war Raumfahrerin. Das wollte sie immer sein und dafür hatte sie gekämpft. Sie wusste nicht, ob es richtig war, doch sie sehnte sich danach, ein Schiff durchs All zu steuern. Gerade Jan sollte dafür Verständnis haben – immerhin steckte er ständig in irgendwelchen Testprojekten. Isabella wusste, dass er für diesen Job lebte und ihn liebte. Warum also sollte nicht auch sie ihren Traum leben dürfen?
Sie beschloss, am nächsten Morgen Kontakt zu Irina aufzunehmen. Es konnte ja nicht schaden, den Simulator für die RISING STAR einmal in Augenschein zu nehmen.

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