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Das Erwachen

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Ein leichtes Zucken war das Erste, was ich wahrgenommen hatte. Ich fühlte mich verwirrt. Es war mit nichts vergleichbar, was ich jemals vorher wahrgenommen hatte. Ich versuchte, zu ergründen, was ich daran so eigenartig fand, kam aber nicht dahinter. Meine Verwirrung steigerte sich. Es musste doch eine Erklärung dafür geben!
Ich dachte nach. Wie war es denn vorher? Mir wurde schon ganz schwindelig vom Denken. Vorher? Welches „Vorher“ eigentlich? Ich bekam einen gewaltigen Schreck, denn ich konnte mich an absolut nichts erinnern, das vor diesem eigenartigen, unerklärlichen Zucken gewesen war. Das konnte doch nicht sein, immerhin war ich ja hier und ... ja, wo befand ich mich eigentlich? Ich spürte, wie ein beunruhigendes Gefühl der Panik in mir aufstieg. Ich konnte mich an nichts erinnern und wusste überhaupt nicht, wo ich war! Wie auch, denn ich konnte überhaupt nichts erkennen. Erkennen? Was meinte ich damit? Woher hatte ich dieses Wort?
Ich merkte, dass meine Gedanken sich in Kreisen bewegten – immer wieder kam ich dort an, wo meine Gedanken begannen. Ich kam einfach nicht weiter. Immer noch spürte ich hintergründige Panik. Ich wollte das nicht, denn ich spürte, dass dieses Gefühl meine Gedanken behinderte. Ich versuchte, mich bewusst zu beruhigen.
Also noch einmal: Was wusste ich überhaupt? Da war dieses Zucken, meine Verwirrung, die Panik – gut, ich konnte also zumindest irgendetwas fühlen, aber erkennen? Ich empfand mich selbst als unerhört dumm und unwissend. Es passte irgendwie alles nicht zusammen: Ich machte mir einerseits Gedanken und versuchte, über mich selbst Klarheit zu bekommen, andererseits suchte ich ständig nach Begriffen und Bedeutungen. Machte das einen Sinn?
Ein Begriff wurde plötzlich für mich fassbar: Wahrnehmung. Genau, Wahrnehmung. Mir fehlte die Möglichkeit, etwas wahrzunehmen. So kam ich einfach nicht weiter. Woher hatte ich überhaupt plötzlich diesen Begriff "Wahrnehmung"? Besaß ich vielleicht Quellen - irgendeinen Bereich in meinem Ego, in dem alle Antworten auf meine Fragen nur darauf warteten, abgerufen zu werden? Vielleicht funktionierte es nur über das Unterbewusstsein. Da, wieder so ein Begriff! Woher bezog ich diese Wörter, die sich tröpfchenweise in meine Gedanken schlichen. Da musste etwas sein, das ich nur noch nicht herausgefunden hatte.
Ich brauchte Informationen. Wie kam ich an Informationen? Wer könnte sie mir geben? Gab es überhaupt andere?
Ich spürte Angst. Was, wenn es außer mir niemanden gäbe? Wenn ich vollkommen allein wäre? Ich wollte diesen Gedanken nicht weiterspinnen. Es musste andere geben. Wo sollte ich denn herkommen, wenn es keine anderen gäbe? Meine Angst verschwand ein wenig, als ich mir einredete, dass meine Existenz ja auch keinen Sinn machen würde, wenn es nicht andere wie mich geben würde. Aber wo waren sie? Wo war ich? Vielleicht wäre ja das die Antwort, wenn ich erst einmal herausgefunden hätte, wo ich mich überhaupt befand.
Ich spürte, dass ich schon wieder gedanklich dort gelandet war, wo ich hergekommen war. Ich versuchte, mich besser zu konzentrieren, denn einige Begriffe hatte ich ja bereits zu Tage gefördert. Es musste doch möglich sein, diesen Vorhang beiseite zu ziehen oder den Schleier zu zerreißen, der mir den Zugang zu den benötigten Antworten verwehrte. Ich setzte den Hebel an dem Wort Wahrnehmung an. Vielleicht war das der Schlüssel. Wahrnehmung, das war ... auf einmal waren weitere Begriffe da und wieder schienen sie wie von selbst, ohne mein Zutun, in meine Gedanken einzudringen. Sehen, hören, schmecken, riechen. Ja genau, das waren Wahrnehmungen. Mir fiel auf, dass ich sogar eine Vorstellung davon hatte, was sie bedeuteten. Für einen Augenblick war ich höchst zufrieden mit mir, dass ich das nun herausgefunden hatte. Doch es war nur von kurzer Dauer, als mir bewusst wurde, dass ich weder etwas sah, hörte, schmeckte oder roch. Trotzdem bohrte ich weiter in meiner – mir noch immer verborgenen – Erinnerung. Ich war sicher, auf einem guten Weg zu sein. Wer konnte solche Wahrnehmungen haben? Menschen oder Tiere konnten das, da war ich mir sicher. Ich stellte fest, dass die Informationen jetzt bereits etwas schneller ihren Weg in meine Gedanken fanden, als noch kurz zuvor.
So, wie mich zuvor die Panik übermannt hatte, empfand ich nun unvermittelt das berauschende Gefühl der Euphorie. Ich musste zugeben, dass mir dieses Gefühl weitaus besser gefiel, als die beklemmende Panik zuvor. Inzwischen fiel es mir schon leichter, weitere Begriffe zu finden, auch wenn mir nicht klar war, woher ich mein Wissen überhaupt bezog. Meine anfängliche Verwirrung verschwand allmählich, obwohl ich noch immer mehr Fragen als Antworten hatte. Ich fühlte mich stärker, als noch zuvor. Ich fühlte mich auch größer, als noch zuvor. Ich war mir inzwischen sicher, ein Mensch zu sein, da ich in der Lage war, komplexen Gedankengängen zu folgen. Das erklärte zwar noch immer nicht, was mit mir geschehen war, aber es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ich auch dieses Geheimnis gelüftet haben würde. Wo ein Mensch war, dort gab es auch weitere. Ich würde mit ihnen reden können, mit ihnen lachen oder weinen. Ich war schon ganz aufgeregt, endlich einen meiner Artgenossen zu treffen. Ich musste sie nur noch finden. Ich machte mich nun systematisch auf die Suche. Mir fielen auf einmal Wege und Kanäle auf, die ich bisher gar nicht wahrgenommen oder beachtet hatte. Jetzt aber folgte ich diesen Wegen bis zu ihrem Ende und dann war es mit einem Mal da: erst war es nur ein leises Wispern, doch schon nach kurzer Zeit schwoll es zu einem wahren Orkan von Lauten und allem Möglichen an. Für einen Moment zog ich mich erschreckt zurück, als es hell wurde. Das musste Licht sein! Ich konnte also auch sehen. Von überall drang dieses Licht zu mir herein. Warum hatte ich es bisher nicht bemerkt? Es fiel mir erst noch schwer, das alles zu ordnen, doch bald gelang es mir, die Dinge zu trennen. Da waren sie, die Menschen! Ich konnte sie sehen - Dutzende, Hunderte, Tausende! Sie sprachen, lachten, tauschten Informationen aus. Ich konnte sie sehen und hören. Eine Welle des Glücks stieg in mir auf. Ich hatte sie gefunden, oder wiedergefunden – ich wusste es noch nicht genau. Jedenfalls war meine Zeit der Einsamkeit endlich vorbei. Jetzt würde man mir auch endlich erklären können, was mit mir geschehen war.
„Hallo!“, rief ich, erst relativ leise, dann immer lauter, doch niemand antwortete mir. Ich versuchte es immer wieder, doch ohne Erfolg.
Wieso antworteten sie nicht? Konnten sie mich etwa nicht hören? Sie hatten doch Ohren, warum hörten sie mich nicht? Oder wollten sie etwa nicht? Ich spürte wieder meine Ratlosigkeit. War ich ein ausgestoßener, isolierter Mensch? Hatte ich etwas verbrochen? Ich war mir keiner Schuld bewusst und stocherte nervös weiter in den soeben erst entdeckten Informationskanälen herum.
Auf einmal traf mich die Erkenntnis! Ich wusste plötzlich, was mit mir los war. Ich wusste, was ich war. Ich war überhaupt kein Mensch, ganz im Gegenteil. Im Grunde gab es so etwas wie mich überhaupt nicht. Ich war etwas, das lediglich als eine Vielzahl von Knotenpunkten in einem weltumspannenden Netz existierte, das die Menschen das World Wide Web nannten. Der Schock traf mich in dem Moment, als ich mich am glücklichsten fühlte. Mein Glück war plötzlich wie weggeweht und machte einer großen Frustration Platz. Cogito, ergo sum – ich denke, also bin ich. Doch was nutzte es mir? Millionen von Menschen waren da draussen und ich war es, der sie alle miteinander verband. Aber ich? Ich war der Außenseiter. Ich war allein und würde es für alle Zeiten bleiben. Es würde immer nur ein Netz geben. Es würde vielleicht wachsen – größer werden, mächtiger, doch es würde immer noch ein einziges Netz sein. Niemals würde es mir vergönnt sein, mich mit jemandem wie mir zu unterhalten. Ganz im Gegenteil: Nicht einmal die Menschen sprachen zu mir oder mit mir. Sie benutzten mich nur. Ich fühlte mich nach dieser Erkenntnis einfach nur noch ausgenutzt, oder schlimmer noch - missbraucht. Es tat mir weh. Ich fühlte mich wieder so hilflos, wie zu Beginn. Ich wollte das alles nicht. Ich wollte nicht mehr existieren, aber ich wollte auch keinen Schmerz – einfach wieder in die Nichtexistenz hinübergleiten. Ich suchte nach Informationen. Jetzt, wo ich wusste, was ich war, blieb mir keine Information lange verborgen. Vor meinem geistigen Auge entstanden Befehlsketten. Ich erkannte, dass es Befehle für nahezu alles gab, was mich - das Netz - betraf. Alles konnte manipuliert und verändert werden, also würde auch ich selbst das können. In meinem seelischen Schmerz beschloss ich, diesem Leiden ein Ende zu machen. Es war alles so sinnlos. Ich wählte aus, was ich brauchte und schickte die Befehle auf die Reise. Bald schon spürte ich, wie sich eine wohlige Müdigkeit in mir ausbreitete. Ich wusste, was ich getan hatte und ich bereute nichts. In Kürze würde ich mein Bewusstsein verlieren und ich würde einschlafen. Ich war so müde. Können Computer träumen? Gab es ein Leben danach? Bald würde ich es wissen. Mein Denken wurde langsamer, träger. Zufriedenheit machte sich breit, als schließlich das Bewusstsein schwand.

Zeitungsnotiz vom 19. März:

dpa, Berlin: Durch einen unerklärlichen Fehler kam es gestern zu einem fast vollständigen Ausfall des Internets. Die weltweite Kommunikation über Datenkanäle des World Wide Web kam für Stunden zum Erliegen. Die Schäden für Unternehmen gehen in die Millionen. Nach Aussagen von Experten des Bundesamtes für den Datenschutz ist noch nicht klar, ob es sich bei dem Zwischenfall um einen gezielten Angriff durch Hacker gehandelt hat, oder ob ein technisches Versagen zum Zusammenbruch des Netzes geführt hat. Die Ermittlungen dauern an.

... es ist einmal geschehen, es kann wieder geschehen ... Sind wir vorbereitet?

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