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Raumschiff Freedom

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Ruben war nervös. Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals in seinem Leben so nervös gewesen war. Immer wieder schaute er auf seine Uhr. Gleich musste Sina kommen. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten halben Stunde erschien, würde es bedeuten, dass die Bewahrer sie erwischt hätten. Dann könnte er sich auch gleich stellen, denn ohne Sina würde es für ihn keinen Sinn mehr machen, weiter in Freedom zu leben.

Eigentlich war Freedom kein schlechter Ort. Ruben musste unwillkürlich lächeln. Freedom war der einzige Ort, an dem Menschen lebten. Wenn es stimmte, was sie in der Schule gelernt hatten, war Freedom das letzte Schiff, das es noch geschafft hatte, die Erde zu verlassen, bevor der Krieg ausgebrochen war, damals, vor etwa hundertfünfzig Jahren. Freedom war die Arche, in der das menschliche Leben bewahrt wurde und einer ungewissen Zukunft entgegen strebte.

„Freedom!“, dachte Ruben verächtlich, „Das Wort bedeutete Freiheit.“

Es war eine Freiheit, an die Ruben nicht mehr glauben konnte, dabei war er ein Kind von Triebwerkstechnikern. Triebwerkstechniker genossen allgemein eine herausragende Stellung in der Gesellschaft der Freedom. Immer hatte er bekommen, was er wollte. Seine Eltern hatten ihm jeden erdenklichen Luxus zukommen lassen, den man im Schiff bekommen konnte. Immer hatten sie ihm gesagt, er würde eines Tages dafür ausgebildet werden, ihren Platz in der Triebwerkstechnik einzunehmen, wenn sie selbst zu alt dafür wären. Es hatte ihn stolz gemacht und er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als er von Controler, dem elektronischen Führer des Schiffes, die Einberufung zum Technikerseminar erhalten hatte. Danach hatten seine Zweifel begonnen. Sina, ein gleichaltriges Mädchen, das ebenfalls ein Kind von Triebwerkstechnikern war, hatte sich im Unterricht neben ihn gesetzt und von da an verbrachten sie soviel Zeit miteinander, wie nur eben möglich war. Sie lernten gemeinsam, gingen gemeinsam in der Kantine essen und verbrachten auch ihre Freizeit miteinander.

Eines Tages bestimmte Controler, dass sich Sina zu praktischen Arbeiten direkt in der Triebwerksabteilung melden solle. Ruben wusste noch genau, wie neidisch er gewesen war, da er selbst förmlich darauf brannte, dort Dienst zu tun. Als Sina nach Tagen wieder zurück war, war sie nicht mehr die Selbe.

„Was ist los mit Dir?“, fragte Ruben, „Du bist so eigenartig, seit Du den Ehrendienst in der Triebwerksabteilung geleistet hast. Bin ich Dir nicht mehr gut genug?“

„Das ist doch dummes Zeug“, ereiferte sich Sina, „das hat mit Dir überhaupt nichts zu tun.“

„Dann erkläre es mir bitte, damit auch ich es verstehe“, bat Ruben.

Sina sah sich vorsichtig um und legte dann einen Finger an die Lippen. Sie ergriff eine Hand Rubens und zog ihn hinter sich her. Ruben wusste nicht, was das sollte, ließ sich aber von Sina führen. Sie zog ihn in eine Sanitärzelle hinein und ließ das Wasser der Dusche laufen.

„Was soll das?“, fragte Ruben, „Du willst mit mir duschen?“

„Hier kann man uns nicht belauschen“, sagte Sina leise, „hier können wir reden. Es ist nicht gut, wenn Du ständig fragst, was mit mir los ist.“

„Aber was ist denn nun mit Dir los?“, fragte er, „Und wer will uns belauschen?“

„Hör mir einfach zu“, sagte Sina, „man hat uns immer erzählt, dass wir die Nachkommen von Menschen sind, die damals von der Erde gestartet sind, als der Krieg ausbrach. Dieses Schiff – die Freedom – ist seit hundertfünfzig Jahren unterwegs nach irgendwo. Niemand weiß im Grunde, wohin die Reise geht.“

„Dieses Wissen ist im Controler gespeichert“, entgegnete Ruben, „er wird uns informieren, wenn es soweit ist.“

„Und warum ist das so?“, fragte Sina, „Warum weiß niemand von uns, wohin wir eigentlich fliegen? Überlege doch mal: Wir leben in einem Raumschiff. Wir haben einen eigenen Ökokreislauf, der uns mit allem versorgt, was wir brauchen, solange wir uns an die strenge Geburtenkontrolle halten, die unser Leben sichert.“

„Ich verstehe immer noch nicht...“, sagte Ruben.

„Wie stellst Du Dir die Triebwerksabteilung vor, Ruben?“, fragte Sina.

„Es ist die größte Abteilung unseres Schiffes“, sagte Ruben, „das Triebwerk liefert seit dem Start den Schub für unsere Reise. Nur deshalb können wir uns hier bewegen, wie wir es tun. Nur deshalb haben wir Gewicht. Das Aggregat muss wahrhaft gigantisch sein.“

„Was würdest Du sagen, wenn ich Dir verrate, dass der Treibstoff für dieses Triebwerk schon lange aufgebraucht ist?“

„Das ist unmöglich!“, rief Ruben, „Wir haben doch festen Boden unter unseren Füßen.“

„Das ist ja das Eigenartige“, meinte Sina, „ich habe die Anzeigen dort unten genau gesehen. Es befindet sich keinerlei Brennstoff in den Tanks. Ich bin kein Idiot, Ruben, ich kann Anzeigen ablesen und verstehen, was sie bedeuten.“

„Was haben denn die Triebwerkstechniker gesagt, die dort unten arbeiten?“

„Sie haben mir verboten, weitere Fragen zu stellen?“, sagte Sina, „Sie haben mir sogar damit gedroht, dass ich nie wieder dort unten arbeiten dürfe, wenn ich Fragen stelle. Aber sie konnten mir nicht das Denken verbieten. Wieso, Frage ich Dich, können wir Schwerkraft spüren, wenn es nichts gibt, das dieses Schiff beschleunigt?“

„Es muss dafür eine plausible Erklärung geben“, meinte Ruben, „vielleicht sollten wir Controler direkt fragen.“

„Ich halte es für keine gute Idee“, erwiderte Sina, „wer fliegt dieses Schiff?“

„Controler fliegt es“, sagte Ruben, „dafür ist er konstruiert worden.“

„Controler fliegt das Schiff, Controler leitet unsere Gesellschaft, Controler bestimmt, wer welchen Beruf erlernt. Controler bestimmt sogar, welches Paar heiraten darf und welches nicht. Controler kontrolliert einfach alles.“

„Er wurde konstuiert, um uns zu dienen und unser Überleben zu sichern, bis wir das Ziel erreicht haben.“

„Ruben, bist Du so naiv?“, fragte Sina, „Wer dient denn hier wem? Seit Generationen dienen wir einer Maschine, die unser Leben bestimmt, die uns nicht unser Ziel verrät – die uns wie unmündige Wesen behandelt. Wir können Controler nicht direkt fragen, ohne dass wir sofort die Bewahrer am Hals hätten.“

Die Erwähnung der Bewahrer ließ Rubens Herz schneller schlagen. Die Bewahrer waren eine nur dem Controler unterstehende Polizeieinheit, die für die Einhaltung der Gesetze sorgte. Sie waren insbesondere gefürchtet, da es auch in ihrer Macht stand, Urteile des Controlers zu vollstrecken. Ruben konnte sich noch gut daran erinnern, dass vor einigen Jahren ein Ehepaar durch die Schleusen geschickt wurde, nur weil sie sich nicht an die Geburtenkontrolle gehalten hatten. Controler entschied, dass die Nahrungsmittel nicht für die Menge der Menschen reichen würde. Daher wurden die beiden zur Ausschleusung verurteilt. Ruben schüttelte sich, als er daran dachte.

„Und was sollen wir nun tun?“, fragte er.

„Ich will wissen, wie es draußen aussieht!“, sagte Sina.

„Bist Du verrückt?“, fragte Ruben, „Die Freedom ist mit Absicht versiegelt worden. Die Strahlung ist dort draußen so hoch, dass es uns töten würde. Der einzige Weg hinaus ist die Schleuse und von dort ist noch niemand zurückgekommen.“

„Es gibt noch einen anderen Ort“, sagte Sina, „wir haben sogar im Unterricht darüber gehört. Das Observatorium. Es soll ein Ort ganz oben in der Freedom sein, von wo man das All sehen kann.“

„Das Observatorium!“, rief Ruben, „Du musst den Verstand verloren haben! Es wurde wegen der harten Strahlung schon vor über hundert Jahren zur verbotenen Zone erklärt. Wir könnten sowieso nicht dorthin. Diese Abteilung ist versiegelt.“

„Es gibt aber einen Schlüssel beim Kommandanten“, sagte Sina, „und den werde ich stehlen, wenn ich mit meinen Eltern nächste Woche beim Kommandanten zum Essen eingeladen bin.“

Ruben sah wieder auf seine Uhr. Jetzt musste sie endlich kommen, oder man hatte Sina gleich auf frischer Tat beim Kommandanten erwischt. Der Kommandant war ein von den Menschen gewähltes Amt, das im Grunde keine Funktion hatte, trotzdem hatte man diese Position immer beibehalten.

An der Kabinentür klopfte es leise. Ruben sprang förmlich zur Tür und riss sie auf. Sina flog im in die Arme und atmete heftig.

„Ich habe ihn“, sagte sie, „aber ich bin mir nicht sicher, ob sie es nicht schon entdeckt haben. Wir müssen sofort zu den Aufzügen.“

„Ja, aber wir sind doch noch gar nicht vorbereitet“, wandte Ruben ein.

„Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, sagte Sina, „sobald man den Computer des Kommandanten prüft, weiß man, dass ich den Zutrittsschlüssel zum Observatorium gestohlen habe.“

„Dann soll es so sein“, sagte Ruben, „dann sollten wir nun schnell sein.“

Sie rannten durch die Gänge des Wohndecks, auf dem Ruben seine Kabine hatte und liefen zu den Aufzügen. Einige Passanten wichen schimpfend zur Seite aus und ließen sie vorbei. Als sie an einer Gruppe von Bewahrern vorbei kamen, zwangen sie sich gewaltsam zur Ruhe. Die Männer starrten sie prüfend an und sie hatten das Gefühl, als wüssten sie, was Sina getan hatte, doch niemand hielt sie an, niemand hinderte sie am Weitergehen. Schließlich erreichten sie die Aufzüge und betraten eine Kabine. Zwei weitere Männer standen darin. Ruben und Sina nickten ihnen grüßend zu und drückten auf den Knopf eines der weit oben liegenden Decks. Misstrauisch sahen die Männer zu ihnen hinüber, sagten jedoch nichts. Viele Decks später stiegen sie aus und ließen Ruben und Sina allein zurück.

„Was jetzt?“, fragte Ruben.

„Jetzt ändern wir das Ziel“, sagte sie und drückte auf den Stopp-Knopf.

„Sie haben die Abbruchtaste gedrückt“, ertönte einen angenehme Stimme, „möchten Sie ihren Weg fortsetzen oder wünschen Sie eine Änderung Ihres Zieles?“

„Änderung“, sagte Sina mit fester Stimme. Es kostete sie eine Menge Kraft, es möglichst selbstverständlich klingen zu lassen.

„Observatorium“, fügte sie hinzu. Nun war es heraus. Nun würde sich zeigen, ob sie ihr Ziel erreichen konnten.

„Das Observatorium gehört zur verbotenen Zone“, sagte die Stimme, „bitte geben Sie den erforderlichen Autorisierungscode ein.“

Sina begann, den Code aus dem Gedächtnis in die Tastatur einzugeben und Ruben betete, dass sie sich dabei nicht vertippte oder irrte.

Nachdem die letzte Ziffer eingegeben war, setzte sich der Aufzug wieder in Bewegung und sie atmeten auf. Zumindest diese Hürde hatten sie überwunden.

Als die Aufzugskabine schließlich zum Stehen kam und die Tür sich öffnete, blieb ihnen das Herz stehen. Vor ihnen stand eine Gruppe von mindestens zwanzig Bewahrern.

„Ruben und Sina von den Triebwerkstechnikern, Sie sind festgenommen“, sagte einer der Bewahrer, „Sie werden angeklagt des Diebstahls und des unerlaubten Versuchs, die verbotene Zone zu betreten.“

„Es handelt sich um einen Irrtum!“, versuchte Ruben, ihren Fehler zu korrigieren.

„Leugnen ist zwecklos“, sagte der Bewahrer, „Controler hat Sina beim Diebstahl beobachtet und anschließend überwacht. Ihre Cooperation ist aktenkundig. Der Controler hat nun zu entscheiden, was mit Ihnen geschieht.“

Ruben und Sina waren entsetzt. Sina griff nach Rubens Hand, der sie drückte.

„Controler, wir haben die Täter festgenommen“, sprach der Bewahrer in ein kleines Funkgerät, das er am Arm trug, „ich erbitte Anweisungen.“

Der Controler reagierte sofort und verkündete über die Lautsprecher:

„Ruben von den Triebwerkstechnikern und Sina von den Triebwerkstechnikern wurden überführt, ein Vergehen der Kategorie 1 begangen zu haben. Es ist unverzüglich ihre Ausschleusung zu veranlassen.“

„Ausschleusung?“, fragte Sina hysterisch, „Ihr könnt uns doch wegen so etwas nicht aus dem Schiff werfen!“

Die Bewahrer ergriffen sie und der Mann, der mit dem Controler gesprochen hatte, sagte:

„Das hättet Ihr Euch vorher überlegen sollen. Der Controler hat entschieden.“

Er gab den Anderen ein Zeichen und sie führten Ruben und Sina in einen Bereich, den sie noch nie gesehen hatten. Normalerweise gelangte man nicht leicht in die Nähe der Schiffsschleusen. Sie liefen wie in Trance und konnten vor lauter Angst überhaupt nicht mehr denken. Schließlich gelangten sie zu einem nackten Raum, an dessen hinterer Wand ein schweres Tor zu sehen war. Einer der Bewahrer drückte ein paar Tasten, worauf sich das schwere Tor öffnete. Ruben und Sina wurden in die Schleusenkammer gestoßen, worauf sich das Tor bereits wieder schloss.

Ruben und Sina sahen sich an. Ruben nahm Sina fest in den Arm, wobei er sich nicht sicher war, ob er Sina Halt geben wollte, oder bei ihr Halt finden wollte.

„Was wird nun geschehen?“, fragte Sina ängstlich, „Werden wir sofort tot sein?“

„Ich weiß es nicht“ sagte Ruben flüsternd, „wahrscheinlich ja.“

„Ich hab' Angst, Ruben“, sagte sie.

„Ich auch“, antwortete er.

Eine Sirene ertönte und zeigte an, dass in wenigen Augenblicken alles vorbei sein würde. Ein Knirschen ließ vermuten, dass sich nun das äußere Tor öffnen würde.

Unwillkürlich hielten die Beiden die Luft an und klammerten sich aneinander. Das äußere Tor glitt auf und ... es geschah nichts.

Ruben und Sina sahen sich an.

„Das Schott ist doch offen ...“, sagte Ruben.

„Ich kann noch atmen“, sagte Sina überrascht.

Sie liefen zum Ende der Schleusenkammer und sahen hinaus. Es war finster. Er rief und es kam seine eigene Stimme als Echo zurück.

„Es ist kalt“, sagte Sina, „was tun wir nun?“

„Ich würde vorschlagen, wir schauen uns das hier mal genauer an“, schlug Ruben vor und sprang von der Kante der Schleusenkammer hinunter in die Dunkelheit. Im selben Moment schalt er sich einen Narren. Wie konnte er davon ausgehen, dass sich der Boden nur knapp unter ihm befinden würde. Er hatte jedoch Glück und strauchelte nur einen Moment, als er auf dem glatten, feuchten Boden aufkam, der vor der Schleusenkammer lag.

Sina hatte erschreckt aufgeschrieen, als Ruben gesprungen war, aber Ruben konnte sie beruhigen.

„Mir ist nichts geschehen“, rief er nach oben, „es sind höchstens eineinhalb Meter bis zum Boden. Du kannst springen, Sina. Ich kann Dich sehen und werde Dich auffangen.“

„Ich weiß nicht recht“, sagte Sina, „wir wissen doch nicht, was das hier eigentlich ist. Normalerweise müssten wir tot sein.“

„Eben deshalb sollten wir uns das genau ansehen, Sina“, drängte Ruben, „worauf wartest Du? Etwa darauf, dass die Bewahrer die Schleuse wieder von innen öffnen? Du erinnerst Dich – sie haben von Controler die Anweisung, uns zu töten.“

Wie, um Sina eine Entscheidungshilfe zu geben, setzte sich das schwere Außenschott in Bewegung und begann, sich zu schließen. Sina blickte noch einmal zurück, dann seufzte sie und sprang Ruben hinterher, der sie leicht auffing. Nachdem sich das Schott endgültig geschlossen hatte, standen sie in absoluter Finsternis.

„Und was nun?“, fragte Sina, „Wir können überhaupt nichts erkennen. Vielleicht war es das, was Controler wollte: Uns dazu verleiten, hier hinaus zu springen, damit wir hier zugrunde gehen.“

„Das ist Quatsch, Sina! Überleg' doch 'mal: Die Freedom ist ein Raumschiff. Sie ist die Arche, die den Rest der Menschheit überleben lässt, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Das würde bedeuten, dass das hier der Weltraum sein müsste, denn wir haben das Schiff verlassen. Trotzdem stehen wir mit beiden Beinen auf dem Boden, leben und können atmen. Hier stimmt doch Etwas nicht.“

Sina fiel etwas ein. Sie hatte in ihrer Kombination eine kleine Handlampe mit einem Akku. Sie kramte sie hervor und schaltete sie ein. Im ersten Moment blendete sie sogar der relativ schwache Schein dieser Lampe.

„Du hast eine Lampe?“, wunderte sich Ruben.

„Ja, ich trage sie meist mit mir herum, ohne an sie zu denken – nur für den Fall, dass einmal etwas Licht brauche, wenn ich in einem der Lagerräume etwas suche. Sie fiel mir gerade erst wieder ein.“

Sina leuchtete die nähere Umgebung ab. Sie standen offenbar in einem etwa fünf Meter breiten Gang, der aus einem eigenartigen Material bestand. Der Boden war feucht und glänzte im Licht der Lampe. Ruben bückte sich und betastete den Boden.

„Was ist das für ein Material?“, wunderte er sich, „Es fühlt sich eigenartig kalt und rauh an.“

Sina hatte inzwischen ihre Lampe auf die Wände zu ihren Seiten gerichtet.

„Was ist denn das da?“, fragte sie.

Ein ungefüger schwarzer Kasten hing dort an der Wand, aus dem ein dicker Hebel ragte. Aus dem Kasten führte ein dickes Kabel an der Wand entlang in die Dunkelheit. Es wirkte alles in allem alt, primitiv und schmutzig.

„Es könnte eine Art Schalter sein“, vermutete Ruben, „obwohl ich noch nie einen solch klobigen Schalter gesehen habe.“

Er griff mit der Hand an den Hebel und versuchte, ihn zu bewegen.

„Sei vorsichtig“, warnte Sina, „wir wissen nicht, wozu dieses Ding gut ist.“

Ruben drehte sich halb zu ihr um. „Haben wir noch Etwas zu verlieren? Ich werde jetzt herausfinden, wozu er gut ist.“

Mit aller Gewalt zog Ruben an dem Hebel, doch erst beim dritten Versuch ließ er sich langsam in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Er musste lange nicht mehr benutzt worden sein.

Mit einem lauten Knacken rastete der Hebel ein. Im selben Moment sprang im gesamten Gang flackernd eine trübe Beleuchtung an. Viele der Beleuchtungskörper schienen nicht mehr zu funktionieren, doch das Licht reichte aus, um zu erkennen, dass sie sich in einem leeren Gang befanden, der sich in der Ferne verlor. Nachdem sie eine Weile in den Gang gestarrt hatten, sagte Sina:

„Wir sollten herausfinden, wo dieser Gang hinführt. Wir können nicht ewig hier in diesem Gang ausharren. Mir wird allmählich kalt.“

Erst jetzt bemerkte auch Ruben, dass ihm kalt wurde. Im Schiff herrschte überall die gleiche Temperatur und es war nicht notwendig, warme Kleidung zu tragen. Hier war es anders. Beherzt schritten sie aus und liefen auf das ferne Ende dieses Ganges zu. Längere Märsche waren ihnen vollkommen fremd und daher mussten sie nach einiger Zeit eine Pause einlegen. Der Charakter des Ganges hatte sich bisher nicht verändert. Ebenso war auch noch immer kein Ende zu erkennen.

„Findest Du es auch so anstrengend?“, fragte Ruben schwer atmend.

„Ich habe die ganze Zeit über das Gefühl, als würden wir aufwärts laufen“, antwortete Sina, ebenfalls keuchend, „mir ist auch gar nicht mehr kalt. Hoffentlich sind wir bald am Ende des Ganges.“

Sie ruhten noch einen Moment, dann liefen sie weiter. Nach vier weiteren Pausen trafen sie unvermittelt auf ein Tor, welches verschlossen war. Enttäuscht blieben sie davor stehen.

„Dafür sind wir nun so weit gelaufen?“, fragte Ruben, „Ich kann es nicht glauben. Was hat das Alles denn für einen Sinn?“

„Schau mal, was ich gefunden habe“, sagte Sina und leuchtete mit ihrer Lampe auf einen kleinen Kasten an der Wand. Er sah aus, wie ein kleiner Monitor, nur, dass seine Frontseite blind wirkte und er offenbar abgeschaltet war. Sina wischte mit der Hand über die Frontseite und im selben Augenblick erwachte der Bildschirm zum Leben.

„Was führt Euch hierher?“, prangte in weißen Lettern auf dem Bildschirm. Darunter war eine Tastatur abgebildet.

„Wir wollen hier hinaus!“, rief Ruben, doch nichts geschah.

„Vielleicht müssen wir die Buchstaben dort eintippen“, vermutete Sina. Sie stellte sich vor den Kasten und drückte die ungewohnten Felder mit den Buchstaben. Auch das brachte keinen Erfolg. Immer wieder erschien nur die Eingangsfrage, was sie herführt. Sie versuchten immer wieder die unterschiedlichsten Begriffe und Kombinationen. Schließlich gaben sie auf und setzten sich auf den Boden.

„Entweder ist dieses Ding dort kaputt, oder wir kennen einfach die Lösung nicht“, sagte Roman verzweifelt, „warum nur stecken wir jetzt hier in dieser Misere? Wir könnten noch immer in der Geborgenheit der Freedom leben.“

„Welche Geborgenheit denn?“, fragte Sina verächtlich, „Denk doch einmal darüber nach, wofür man uns aus der Schleuse geworfen hat. Das war doch eine absolute Lappalie. Gut, ich habe den Schlüssel des Kommandanten entwendet, aber ich hatte den Eindruck, dass man uns in erster Linie nur wegen unserer Zweifel verurteilt hat.“

„Sag das noch mal“, forderte Ruben Sina auf.

„Was?“

„Du hast gerade etwas gesagt. Weswegen sind wir hier?“

Sina überlegte. „Ich sagte, sie hätten uns in erster Linie wegen unserer Zweifel verurteilt, und davon bin ich auch überzeugt.“

Ruben sprang auf und rief:

„Das ist es! Sina, Du bist ein Genie!“

Hastig tippte er das Wort 'Zweifel' auf den Bildschirm. Der Apparat reagierte.

„Seid Ihr bereit für die Wahrheit?“, stand plötzlich da.

„Ja“, tippte Ruben.

„Willkommen! Meldet Euch am Torhaus!“

„Was soll denn das heißen?“, fragte Sina. Ruben zuckte nur mit den Schultern.

Mit einem schrillen Kreischen setzten sich ein paar Sekunden später die Torflügel in Bewegung und ließen eine Lichtfülle in den Gang hineinfluten, die Beide zwangen, die Augen zu schließen. Tränen rannen ihnen über die Wangen und erst langsam konnten sie etwas erkennen.

Die Welt hinter dem Tor erschien ihnen absolut unwirklich. Ein greller leuchtender Ball strahlte aus einem blauen Himmel auf sie herab. Weiter unten waren eigenartige, riesige Gewächse zu sehen, die bis in den Himmel zu reichen schienen. Es war warm.

„Weißt Du, wie das aussieht?“, fragte Sina, „Ich habe in Büchern Bilder gesehen, wie es damals auf der Erde ausgesehen haben muss. Das hier sieht aus, wie die Erde, von der wir stammen.“

„Aber das ist doch überhaupt nicht möglich!“, rief Ruben aus, „Wir sind seit hundertfünfzig Jahren in einem Raumschiff unterwegs. Wir müssen inzwischen Lichtjahre weit von der Erde entfernt sein.“

„Was, wenn wir die Erde niemals verlassen hätten?“, fragte Sina, „Wenn Alles nur ein einziger Betrug gewesen ist?“

„Du meinst, sie hätten uns über mehrere Generationen dort unten eingesperrt und in dem Glauben gelassen, wir wären auf einer langen Reise? Mit den scharfen Gesetzen der Geburtenkontrolle und allem anderen? Das kann doch nicht sein!“

„Ich habe die Vermutung, dass es sich genau so verhält“, sagte Sina. Sie schirmte ihre Augen mit der Hand ab und blickte in alle Richtungen.

„Wenn es je einen Krieg gegeben hat, dann sind seine Spuren inzwischen nicht mehr zu entdecken“, sagte sie, „es wirkt wie ein riesiger, friedlicher Garten. Ich glaube nicht, dass ich den Wunsch habe, wieder in das enge Gefängnis der Freedom zurückzukehren.“

Nicht weit vom Tor entfernt, das sich inzwischen hinter ihnen wieder geschlossen hatte, hatte man offenbar ein dickes Rundholz in den Boden geschlagen, an dem man einen Apparat angebracht hatte, dessen Bedeutung sie nur erraten konnten: Ein kleiner schwarzer Kasten mit ein paar Knöpfen und einem Lautsprecher. Es musste sich um einen Kommunikationsapparat sehr einfacher Art handeln.

Sina drückte auf einen der Knöpfe, worauf der Apparat zum Leben erwachte.

„Hier ist Telefonzentrale Silkwood“, drang eine menschliche Stimme aus dem Lautsprecher, „wie kann ich Ihnen helfen?“

Ruben und Sina sahen sich kurz an, dann sprach Sina:

„Hier sind Ruben und Sina. Wir suchen Menschen.“

Ein Lachen beantwortete ihre Meldung. „Was seid Ihr denn für Spaßvögel? Ihr wisst genau, dass die Telefone nicht zum Spielen sind. Also wer seid Ihr? Ruben und Sina wer? Ich verspreche auch, dass ich Euch nicht bei Euren Eltern verrate.“

„Ich glaube, wir verstehen nicht“, sagte Ruben etwas ratlos, „wir sind Ruben und Sina von den Triebwerkstechnikern und suchen in der Tat nach Menschen.“

„Moment“, kam es aus dem Lautsprecher, „habe ich das richtig verstanden: Triebwerkstechniker? Ihr seid keine Kinder, die sich einen Scherz mit mit erlauben?“

„Nein“, sagte Sina, „wir kommen von der Freedom, falls Ihnen das etwas sagt.“

„Ich werd' verrückt!“, sagte der Mann am Telefon wieder, „Bleiben Sie, wo Sie sind! Ich schicke Ihnen sofort einen Wagen, der Sie abholen kann.“

Das Telefon verstummte und weder Ruben, noch Sina wussten, wie sie sich verhalten sollten. Nur wenige Minuten später kam ein Fahrzeugungetüm auf vier Rädern den Hügel hinaufgefahren. Trotz seiner beeindruckenden Größe verursachte es beim Fahren kaum Geräusche. An einem Steuer saß ein Mann, der eine Art von Arbeitskleidung und eine Mütze trug. Direkt vor ihnen hielt er das Fahrzeug an und sprang heraus. Im Gegensatz zu ihnen hatte der Mann eine relativ dunkle Hautfarbe, aber es handelte sich zweifelsfrei um einen Menschen.

„Mein Name ist Grover Linsley“, sagte er mit einem breiten Grinsen und hielt ihnen seine Hand hin. Ruben und Sina betrachteten interessiert die Hand.

Grover lachte laut und sagte: „Ihr Zwei seid wirklich Frischlinge, das merkt man gleich. Hier schütteln wir uns zur Begrüßung die Hände, aber das werdet Ihr noch schnell genug lernen. Springt auf, ich fahre Euch nach Silkwood.“

Ruben und Sina kletterten auf die hintere Bank des Fahrzeugs, während Grover wieder am Steuer Platz nahm.

„Was ist Silkwood?“, wollte Ruben wissen, „Heißt diese Welt so?“

„Freunde, Ihr seid auf der guten alten Erde“, erklärte Grover, „Silkwood ist die kleine Stadt hinter dem Wald dort vorn. Wird Euch gefallen, nach den Jahren in dieser Büchse.“

„Ich glaube, wir verstehen das hier noch nicht so ganz“, sagte Ruben, „wir sind seit Generationen in einen Raumschiff unterwegs und sind dann wieder hier auf der Erde? Was ist mit dem Krieg? Die Erde soll doch zerstört sein – unbewohnbar.“

„Man wird Euch das Meiste in Silkwood erklären, aber ich darf Euch sicher schon ein paar Dinge verraten: Ihr wart zwar seit Generationen in einem Raumschiff, aber leider hat dieses die Erde niemals wirklich verlassen. Als vor mehr als einhundertfünfzig Jahren die politische Lage immer bedrohlicher wurde und man einen Atomkrieg befürchtete, beschloss die damalige Regierung in London, einige Bunker zu errichten, die wie Raumschiffe aufgebaut waren. Ausgewählte Gruppen von Menschen wurden dort einquartiert, um das Überleben der Menschheit nach einem atomaren Krieg zu sichern. Man war sich darüber im Klaren, dass es viele Jahre dauern würde, bis man wieder an die Oberfläche kommen durfte. Deshalb führte man bei der Erstbesatzung eine Art Gehirnwäsche durch, mit dem Ziel, dass niemand mehr die Wahrheit kennt. Nur, wenn die Besatzung wirklich davon überzeugt war, dass es nur ihre beschränkte Welt gab, würde eine so kleine Gesellschaft funktionieren können. Also schickte man sie auf eine Reise ins Ungewisse, ohne, dass sich dass Schiff wirklich bewegte. Nur: Der befürchtete Krieg hatte niemals stattgefunden. Quasi im letzten Moment gelang es den Politikern, sich doch noch zu einigen. Die Mannschaften in den Bunkern – die Generationenschiffe – waren jedoch bereits unterwegs. Man hatte sie so konstruiert, dass man von außen nicht mehr in sie eindringen konnte, ohne die Besatzung nachhaltig zu gefährden, oder sie sogar auszulöschen. Aus diesem Grunde gibt es die Telefone am Ausgang der Bunkeranlage. Wir hoffen seit vielen Jahren, dass endlich wieder einmal jemand den Weg zu uns findet. In Silkwood werdet Ihr noch weitere frühere Besatzungsmitglieder wiedertreffen. In größeren Abständen werden immer schon mal Leute vom zentralen Computer verurteilt, die Anlage zu verlassen. Wir hoffen, dass wir eines Tages einen Weg finden werden, die Generationenschiffe gefahrlos zu öffnen und alle Besatzungsmitglieder daraus zu befreien. Bis es soweit ist, sind wir darauf angewiesen, dass – wie Ihr – von Zeit zu Zeit jemand das Schiff verlässt.“

Grover deutete nach vorn.

„Dort ist Silkwood.“

Ruben und Sina waren noch ganz verwirrt, durch die Informationen, die ihnen Grover gegeben hatte. Interessiert schauten sie an Grover vorbei nach vorn. Vor ihnen lag eine saubere, kleine Kleinstadt, die sich gemütlich und einladend vor ihnen ausbreitete. Sie konnten sich gar nicht satt sehen. Grover drehte sich um und sah in ihre Gesichter. Es war immer wieder schön, wenn ein Neuankömmling nach Silkwook kam. Immer hatte sie diese typischen, staunenden Gesichter.

Ruben lehnte sich wieder zurück und legte einen Arm um Sinas Schultern. Sie war erst etwas erstaunt, ließ es jedoch geschehen. Es fühlte sich richtig an. Sie lächelte ihn an und legte ihren Kopf an seine Schulter.

Für sie hatte ein Abenteuer begonnen, das sie sich niemals ausgemalt hätten. Doch sie hatten beide das Gefühl, als wenn erst jetzt Fesseln von ihnen abgefallen waren. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlten sie sich wirklich frei.

 

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