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Das Wunder vom Templo Major

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Es hatte ihre Hochzeitsreise werden sollen, doch hatte das Geld nie gereicht. Das Leben hatte es zunächst nicht gut mit ihnen gemeint. Die Miete für die kleine Wohnung in Tijuana war so hoch, dass es Raoul und Carmen oft schwer fiel, sie pünktlich zu bezahlen. Raoul war Landarbeiter und hatte sich ein kleines Stück Land am Rande der Stadt gekauft, welches eigentlich ihren Lebensunterhalt sichern sollte. Carmen hatte sich ihr Leben zwar anders vorgestellt, als Tag für Tag mit Raoul das bisschen Land zu bestellen, doch sie beklagte sich nicht. Sie hatte Raoul, der fleißig und treu war und fühlte sich im Grunde ihres Herzens glücklich.

Ein schwerer Rückschlag war es, als die große Dürre ihre gesamte Ernte vernichtete. Sie konnten dadurch die Kosten für die Wohnung nicht mehr aufbringen und mussten schweren Herzens das Land verkaufen.

Carmen suchte sich eine Arbeit als Bedienung in einem der wenigen Restaurants, die auch von den Gringos besucht wurden, wenn sie über die Grenze kamen, um mit ihren Dollars um sich zu werfen. Carmen hasste sie, doch sie sicherten ihr Einkommen, das für einige Zeit das einzige Geld war, das sie hatten.

Raoul ging täglich zu einem der Anwerbebüros an der Grenze, in der Hoffnung, einmal zu den Glücklichen zu gehören, die eine der wenigen begehrten Green-Cards ergattern konnten, die eine legale Arbeit jenseits der Grenze ermöglichen würden. In Mexico selbst sah er für sich und seine Frau langfristig keine Perspektiven. Von dem bisschen Geld, das Carmen verdiente, investierte Raoul regelmäßig einen kleinen Betrag in eine Lotterie. Hätte Carmen davon gewusst, hätte es bestimmt heftigen Streit gegeben, doch eines Tages hatte er Glück und er gewann auf einen Schlag fünfzigtausend Neue Pesos. Das war nicht wirklich viel, doch Raoul war wild entschlossen, sich davon einen Traum zu erfüllen: Er wollte einmal in seinem Leben die großen Pyramiden sehen – die in Mexico Stadt. Geschichte hatte ihn schon immer interessiert, insbesondere natürlich die Sagen und Mythen seiner Vorfahren. Wenigstens einmal wollte er mit den eigenen Füßen auf der Pyramide des Quetzalcoatl stehen und die ruhmreiche Geschichte seines Volkes spüren. Es kostete Raoul eine Menge Überzeugungsarbeit, doch schließlich gab Carmen mit einem Seufzen nach. Sie kannte diesen Traum ihres Mannes und warum sollte man nicht einmal in seinem Leben unvernünftig sein?

„Wie lange soll diese Fahrerei noch dauern?“, fragte Carmen.

Sie stammte von der Pazifikküste und kam mit der trockenen Hitze in Mexico Stadt nicht zurecht.

„Es kann nicht mehr lange dauern“, erwiderte Raoul, dem die Hitze nichts auszumachen schien. Er war ganz nervös, seit sie die Busstation in Mexiko Stadt verlassen hatten und auf die MEX132 gefahren waren. Er fieberte bereits dem Ziel entgegen und legte den Kopf an die Seitenscheibe, um mehr sehen zu können.

Carmen sah ihn von der Seite an und lächelte. „Im Grunde ist er immer noch ein kleiner Junge“, dachte sie.

„Raoul.“

„Ja?“, fragte Raoul und sah zu Carmen herüber. „Ist etwas? Du lächelst so eigenartig.“

 „Weißt du eigentlich, warum ich dieser Reise überhaupt zugestimmt habe?“, fragte sie.
 Raoul sah sie ratlos an.
 „Hm, weil du mich liebst und mir Recht gegeben hast, dass man auch einmal unvernünftig sein kann?“
 „Das auch.“ Carmen lächelte noch breiter.
 „Was denn sonst noch?“, wunderte sich Raoul. Er verstand nicht, worauf seine Frau hinaus wollte.
 „Sieh mal, unser Geld reicht doch hinten und vorne nicht für uns beide“, erklärte sie, „das Problem ist aber, dass wir bald nicht mehr zu zweit sein werden.“
 „Nicht mehr zu zweit sein werden ...“, plapperte Raoul nach, ohne es wirklich zu begreifen.
 Plötzlich riss er die Augen weit auf. Carmen sah ihn erwartungsvoll an.
 „Du meinst ... wir werden ... du bist ... das bedeutet ... aber wie kann das ....“, Raoul bekam keinen klaren Satz heraus. Carmen lachte schallend.
 „Wenn du damit fragen willst, ob wir ein Baby bekommen“, sagte sie, „dann ja, wir bekommen ein Baby.“
 Raoul stieß einen Triumpfschrei aus, der sämtliche übrigen Fahrgäste aus ihrer Lethargie riss.
 „Wir bekommen ein Baby, versteht Ihr? Carmen und Raoul werden ein Kind haben!“
 „Wir haben es ja verstanden!“, kam eine Stimme von weiter vorne, „Aber muss man deshalb so schreien?“
 „Glückwunsch!“, kam es von anderswo her.
 Raoul beruhigte sich allmählich wieder. „Aber ist diese Reise nicht zu anstrengend für dich? Du musst dich schonen.“
 „Quatsch Raoul“, sagte Carmen, die über die überschwängliche Freude Raouls glücklich war, „es dauert noch Monate, bis es soweit ist. Du schaust dir gleich deine Pyramiden an – nein wir schauen sie uns gleich an und morgen reisen wir weiter nach Tampico und erholen uns dort. Lass und jetzt nicht an das Geld denken.“
 Raoul küsste Carmen und nahm sie fest in den Arm. Er wusste zwar nicht, wie es weitergehen würde, doch jetzt und hier war die Welt für ihn in Ordnung.
 

Eine Weile später bog der Bus von der Hauptstraße ab und näherte sich dem Ziel ihrer Reise. Schon von Weitem konnte man die Ruine der mächtigen Pyramide sehen. Der Bus hielt und sie stiegen aus. Raoul hatte absichtlich keine geführte Tour gebucht. Er hatte sich schon in seiner Jugend intensiv mit der Geschichte seines Volkes befasst und war überzeugt, keinen Führer zu benötigen. Carmen konnte zwar diesen Enthusiasmus ihres Mannes nicht nachvollziehen, musste aber gestehen, dass das Gebäude mehr als beeindruckend war.

 Auf dem Weg zur Hauptruine bemerkten sie einen Bettler, der im Schatten einer niedrigen Mauer saß und seinen breitkrempigen Hut tief in die Stirn gezogen hatte.
 „Sieh mal, der arme Mann dort“, sagte Carmen, „wir sollten ihm etwas geben.“
 „Wir haben doch selbst nichts“, wandte Raoul ein.
 „Aber macht es uns wirklich ärmer, wenn wir ihm etwas geben?“, fragte Carmen, „Gerade jetzt, wo wir so glücklich sind, möchte ich auch anderen etwas Gutes tun.“
 „Du hast ja Recht, mein Schatz“, sagte Raoul und holte seine Geldbörse hervor. Er überlegte einen Moment, dann zog er einen Hundert-Peso-Schein hervor und legte ihn dem Bettler in seine Schale, die vor ihm stand und in der ein paar kleine Münzen lagen.
 „Hier guter Mann“, sagte er, „kauf' dir etwas zu Essen und vielleicht ein paar neue Hosen.“
 „Gracias“, sagte der Bettler mit einer tiefen, rauhen Stimme, ohne aufzusehen, „mögen die Götter dich beschützen.“
 Raoul wandte sich ab. Was hatte der Alte gemeint? Die Götter mögen ihn beschützen? Eigenartig.
 Sie gingen weiter und stellten fest, dass auffallend wenige Leute in den Ruinen unterwegs waren. Der Aufstieg bis zum obersten Plateau der Pyramide war sehr beschwerlich und Raoul machte viele Pausen, da er nicht wollte, dass Carmen sich in ihrem Zustand überanstrengte. Sie lachte ihn zwar aus deswegen, doch er ließ sich nicht beirren.
 Die Aussicht vom Plateau war überwältigend und sie machten einige Fotos. Raoul war am Ziel seiner Träume. Hier wollte er schon immer stehen. Hier spürte er den Puls der Geschichte.
 Später stiegen sie wieder herab und machten sich auf den Weg zum Bus, als ihnen plötzlich ein paar abgerissene Gestalten den Weg versperrten. Raoul und Carmen wichen zurück, doch auch hinter ihnen standen zwei Männer. Einer von ihnen zeigte demonstrativ ein Messer.
 „Wo wollen wir denn so spät noch hin?“, fragte der Anführer der Gruppe.
 „Lassen Sie uns passieren“, sagte Raoul, „wir haben nichts, was Sie interessieren könnte.“
 „Das sehen wir anders“, sagte der Mann wieder, „wir haben gute Augen und haben beobachtet, wie ihr dem Bettler hundert Peso gegeben habt. Man gibt einem Bettler nicht hundert Peso – es sein denn, man hat so viel Geld, dass es nichts ausmacht.“
 Er schritt nun drohend auf sie zu und zog ein langes Messer aus seinem Gürtel.
 „Aber wir haben nicht den ganzen Abend Zeit. Her mit dem Geld und euch wird nichts geschehen. Ich kann es mir aber auch holen.“
 Er hielt seine Linke auffordernd vor Raoul und unterstrich diese Geste mit seinem Messer.
 „Du willst doch nicht, dass deiner Signora etwas geschieht, oder?“
 Schweißperlen bildeten sich auf Raouls Stirn. Mit zitternden Fingern holte er seine Geldbörse hervor und reichte sie dem Mann, der sie mit einer geübten Bewegung öffnete und ihren Inhalt prüfte. Raouls Gedanken rasten. Es war alles Geld, das sie besaßen. Vermutlich würden sie nie wieder so viel Geld besitzen. Er wusste nicht, warum er es tat, aber er trat dem Räuber gegen die Messerhand, worauf dieses im hohen Bogen wegflog. Schnell griff er er die Geldbörse und schlug dem Mann mit der Faust ins Gesicht. Der Räuber wich einen Schritt zurück, als Raoul einen stechenden Schmerz in seinem Rücken verspürte. Die Kraft schien aus ihm förmlich herauszufließen. Einer der hinter ihnen stehenden Männer war seinem Anführer zu Hilfe geeilt und hatte ihm sein Messer bis zum Heft in den Rücken gestoßen. Carmen schrie hysterisch, als Raoul mit einem erstaunten Gesichtsausdruck zusammenbrach. Carmen schrie noch immer, als die Männer mit ihrer Beute längst entkommen waren. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Eben noch war sie die glücklichste Frau der Welt gewesen und jetzt war ihre Welt zusammengebrochen. Langsam sank sie auf die Knie und starrte auf ihren leblos da liegenden Mann.
 „Das sieht nicht gut aus“, sagte eine tiefe, rauhe Stimme hinter ihr. Es war die abgerissene Gestalt des Bettlers, dem sie das Geld gegeben hatten.
 „Du musst Hilfe holen“, sagte er.
 „Können Sie das nicht für mich tun?“, fragte Carmen tonlos unter Schluchzen.
 „Nein, ich kann das nicht. Das musst du tun. Aber ich bleibe bei ihm. Versprochen.“
 Carmen zögerte noch eine Weile, dann rannte sie, um Hilfe rufend, weiter in Richtung der Busstation.
 Der Bettler sah auf Raoul hinunter. „Du solltest jetzt wieder aufstehen“, sagte er und stieß Raoul leicht mit dem Fuß an.
 Raoul begann sich zu bewegen und stöhnte laut. Die Schmerzen waren immer noch furchtbar.
 Unter Husten kam er langsam wieder auf die Beine und sah den Bettler überrascht an.
 „Wo kommen Sie denn her?“, fragte er, „Und wo ist Carmen, meine Frau?“
 „Sie muss dich sehr lieben, Raoul. Sie versucht, Hilfe zu holen. Ich habe ihr nicht gesagt, dass es zwecklos ist.“
 „Woher kennen Sie meinen Namen?“, fragte Raoul, „Überhaupt, was soll das heißen: Hilfe ist zwecklos?“
 „Einem Toten kann man nicht mehr helfen, Raoul. Du bist eben umgebracht worden. Ich werde dich ins Totenreich begleiten, was schon immer meine Aufgabe war.“
 „Ich bin aber doch gar nicht tot!“, rief Raoul, von dem allmählich Panik Besitz ergriff, „Wie sollte ich mich sonst hier mit dir unterhalten?“
 Der Bettler zog sich langsam den breitkrempigen Hut vom Kopf, der bis dahin sein Gesicht beschattet hatte. Er offenbarte ein uraltes, faltiges Gesicht mit einem Blick, der durch ihn hindurchzusehen schien. Raoul fröstelte es plötzlich trotz der noch immer hohen Temparaturen. Der Mann trug unverkennbar die Züge eines Indios, doch da war noch etwas anderes, unheimliches.
 „In früheren Zeiten nannte man mich Xolotl“, sagte er, „gerade dir sollte dieser Name bekannt sein. Es gibt in der heutigen Zeit so wenige Menschen, die sich noch an die Zeit des Aztekenreiches erinnern. Die Pyramide hier ist meinem Bruder geweiht, aber das brauche ich dir sicher nicht zu erklären.“
 „Du bist wirklich Xolotl, der Gott des Todes und des Blitzes?“, fragte Raoul, immer noch zweifelnd.
 Xolotl griff hinter Raoul und zog mit einem Ruck das lange Messer aus seinem Rücken. Er hielt es ihm vor die Nase. „Du zweifelst noch immer, nicht wahr? Ihr seid nicht mehr die Menschen von damals, als man Göttern noch huldigte und Opfer darbrachte. Aber wir können gern diskutieren, während wir uns auf den Weg machen.“
 Er machte eine Geste mit der Hand auf eine der nahen Mauern, in der nun ein dunkler Gang zu erkennen war. Raoul war sich sicher, dass dieser Gang vorher noch nicht vorhanden gewesen war. Xolotl stieß ihn leicht an und machte eine auffordernde Bewegung mit dem Kopf. „Los, die Zeit drängt.“
 Raoul stolperte in den dunklen Gang hinein. Xolotl griff eine Fackel an der Wand, die sich wie von selbst entzündete.
 „Wieso drängt die Zeit?“, wollte Raoul wissen, „Wenn ich tot bin, wieso habe ich es dann eilig? Musst du etwa noch andere Menschen unglücklich machen?“
 Xolotl hielt verblüfft inne.
 „Werde nicht unverschämt! Du sprichst mit einem Gott!“
 Raoul wurde allmählich mutiger.
 „Was willst du denn sonst tun?“, fragte er, „Mich töten? Dazu ist es wohl jetzt etwas spät, oder? Im Übrigen stelle ich mir unter einem Gott etwas anderes vor und nicht einen Bettler in den Ruinen einer Pyramide.“
 Xolotl schluckte.
 „Es hat andere Zeiten gegeben, als man uns noch mit Furcht und Ehrerbietung begegnete“, sagte er, „niemand hätte es gewagt, sich so respektlos zu verhalten, wie du. Man hat uns Menschenopfer gebracht, um uns zu besänftigen.“
 „Bist du darauf etwa auch noch stolz?“, fragte Raoul, „Eher bin ich stolz darauf, ein normaler Mensch zu sein.“
 „Ein toter Mensch“, fügte Xolotl hinzu.
 „Das ist immer noch besser, als Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen zu haben“, entgegnete Raoul wieder. Er war nicht mehr zu bremsen. Nachdem sein klares Denken wieder zurückgekehrt war, erfüllte ihn einen unglaubliche Wut. „Aber Ihr Götter habt wahrscheinlich überhaupt kein Gewissen!“
 „Selbstverständlich haben wir ein Gewissen!“, verteidigte sich Xolotl. Er befand sich in einer für ihn völlig verrückten Situation.
 „Ach ja?“, fragte Raoul, „Und was sagst du, wenn ich behaupte, dass du meinen Tod verschuldet hast? Aus reiner Milde habe ich dir ein großzügiges Almosen gegeben – weil ich glücklich war und wollte, dass auch andere ein bisschen glücklicher sind. Das wurde von Räubern beobachtet. Ohne dich hätten sie uns wohlmöglich überhaupt nicht aufgelauert, weil meine Frau und ich nicht gerade nach einer dicken Geldbörse aussehen. Aber du musstest dich ja unter die Menschen mischen! Das habe ich jetzt davon! Danke!“
 Xolotl stutzte. Hatte dieser Mensch etwa Recht?
 „Auf dieser Welt ist nicht mehr viel Platz für Götter“, sagte er, „unsere Tempel sind zerstört, unsere Anhänger in alle Winde zerstreut. Da mische ich mich schon mal unter die Weltlichen in der Gestalt eines Bettlers. Du glaubst ja nicht, wie lange die Ewigkeit dauern kann.“
 „Muss ich jetzt etwa auch noch Mittleid mit dir haben?“, fragte Raoul, „Ich war gerade im Begriff, eine Familie zu gründen. Meine Frau erwartet ein Kind. Jetzt muss es ohne Vater aufwachsen. Carmen kann vielleicht nicht mehr arbeiten, weil sie sich um unser Kind kümmern muss. Ich darf gar nicht daran denken. Xolotl, ich war noch überhaupt nicht an der Reihe! Ich hatte noch ein Leben vor mir!“
 „Ich brauche dein Mitleid nicht!“, schimpfte Xolotl und ließ einen Blitz aus seiner Hand in den Boden schlagen. Raoul schloss geblendet die Augen. Als sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatten, entdeckte er zwei Sitzgelegenheiten an der Stelle, wo der Blitz eingeschlagen hatte. „Setz dich!“, befahl Xolotl.
 Raoul setzte sich vorsichtig. Er hatte keine Ahnung, was dieser Gott nun wieder von ihm wollte. Xolotl setzte sich auf den anderen Sitz und lächelte ihn an. Es war die erste freundliche Regung, die er zeigte.
 „Siehst du, es geht doch.“, sagte er, „Ich hatte noch niemals ein solches Gespräch mit einem Menschen, weißt du? Götter herrschen. Sie befehlen und fordern und nun kommst du daher und greifst mich an. Irgendwo hast du sogar Recht, Raoul. Wäre ich nicht da gewesen und hätte dich veranlasst, mir ein Almosen zu geben, wärst du wohl noch am Leben. Es ist für mich eine völlig absurde Situation, aber ich schäme mich dafür. Ich würde es meinem Bruder Quetzalcoatl gegenüber niemals zugeben, aber ich will das alles nicht mehr. Die Zeiten haben sich geändert. Das Ende der fünften Sonne, unserer gegenwärtigen Welt, ist schon lange überfällig. Wahrscheinlich gelten die alten Regeln schon lange nicht mehr und wir Götter sind die Anachronismen eines neuen Zeitalters. Deine Geschichte rührt mich, Raoul. Ich möchte dir helfen.“
 „Helfen? Wie denn? Ich bin tot!“
 „Noch hat man deinen Tod in der Menschenwelt nicht endgültig festgestellt“, sagte Xolotl, „Carmen hat eben erst die Gelegenheit gehabt, eure Helfer zu alarmieren. Wir hätten noch einen Moment Zeit, um eine Entscheidung zu treffen.“
 „Du meinst, du könntest mich zurückschicken?“, fragte Raoul skeptisch.
 Xolotl nickte. „Ja, das liegt in meiner Macht, jedoch nur, solange der Tod noch nicht durch andere Menschen bestätigt wurde. Raoul, sag mir eines: Du und deine Frau - ihr erwartet ein Kind. Ein Kind ist selbst für Götter etwas Besonderes. Wird es wachsen und gedeihen können? Oder wird es hungern müssen, krank werden und sterben? Ich weiß, du hast kein Geld und in eurer Welt braucht man Geld, nicht wahr? Nur, weil ich ein Anachronismus bin, bin ich nicht dumm.“
 „Du hast Recht, wir haben kein Geld“, bestätigte Raoul, „aber wir schlagen uns irgendwie durch, wenn du mir nur eine Chance geben würdest, zu Carmen zurück zu gehen.“
 Xolol lächelte rätselhaft.
 „Raoul, ich mag dich“, sagte er, „zum ersten Mal in meiner langen Existenz werde ich etwas für einen einfachen Menschen tun. Du wirst nun aufstehen und den Weg zurückgehen, den wir gekommen sind. Du wirst einschlafen und als lebendiger Mensch wieder aufwachen. Die Schmerzen der Messerwunde werde ich dir nicht ersparen können, aber du wirst leben und es wird ein langes und erfülltes Leben werden. Erzähle deinem Sohn von mir, wenn er alt genug ist.“
 „Wir wissen noch nicht, ob es ein Junge ist“, sagte Raoul.
 „Glaub mir, es wird ein Sohn sein“, sagte Xolotl, „nun geh, es wird Zeit. Deine Retter sind auf dem Weg.“
 Raoul erhob sich und wollte Xolotl danken, doch dieser winkte ab. „Geh einfach. Unsere Wege werden sich sich noch einmal kreuzen. Hab ein schönes Leben, Raoul. Ach, eines noch: In ein paar Wochen wirst du dich an einen Ort erinnern, an dem du noch niemals gewesen bist. Suche diesen Ort auf. Ich verspreche dir, dass du niemals mehr Geldmangel erleiden wirst.”
 Raoul hob eine Hand und grüßte Xolotl ein letztes Mal, dann drehte er sich um und lief zum Ausgang des Tunnels. Das Letzte, was er wahrnahm, war die grelle Sonne, die ihm ins Gesicht schien, dann drehte sich die Welt um ihn und er versank in Ohnmacht.
 

“Er lebt noch”, war das Erste, was er wieder hörte, als sein Geist sich wieder zu klären begann. Die Schmerzen in seinem Rücken waren mörderisch. Raoul versuchte, etwas zu sagen, aber seiner Kehle entrann lediglich ein Stöhnen.

 “Raoul! Ich bin es, Carmen!”, rief die wohl bekannte Stimme seiner Frau, “ich habe einige Sanitäter hier. Ein Arzt kommt auch gleich. Jetzt können wir dir helfen. Bitte halte durch.”
 “Er hat eine Menge Blut verloren”, sagte einer der Sanitäter, “es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.”
 “Und ein Wunder, dass das Messer beim Eindringen in den Körper keine lebenswichtigen Dinge getroffen hat”, meinte der zweite Sanitäter. Vorsichtig legten sie Raoul auf die mitgebrachte Trage und schnallten ihn fest. Es war ein weiter Weg bis zur Straße, wo der Krankenwagen stand.
 Die Schmerzen trieben Raoul die Tränen in die Augen, doch er war dankbar, wieder am Leben zu sein. Carmen hatte ebenfalls Tränen in den Augen, doch aus ganz anderen Gründen. Sie hatte befürchtet, ihn verloren zu haben. Nur eine irrationale Hoffnung hatte sie angetrieben, immer weiter zu laufen und fortwährend um Hilfe zu rufen. Nun entlud sich die ganze Spannung und sie war glücklich, dass ihre Stoßgebete erhört worden waren.
 Raoul begann sich zu fragen, ob er das alles vielleicht nur geträumt hatte. Fieberträume konnten durchaus erschreckend real wirken.
 Die Sanitäter stiegen nun mit ihrer Last die letzten Stufen der Tempelanlage herab. Eine kleine Gruppe Schaulustiger hatte sich versammelt und versuchte, einen Blick auf Raoul zu erhaschen. Unter ihnen ein abgerissen wirkender Mann mit einem breitkrempigen Hut. Raoul bemerkte ihn, als er an der Gruppe vorbeigetragen wurde. Es war der Bettler, dem er den Hundert-Peso-Schein gegeben hatte. Er tippte sich mit der Hand an den Hut und sagte mit seiner tiefen, rauhen Stimme: “Mögen die Götter mit dir sein, Raoul.” Dann wandte er sich ab und war schnell zwischen den Anderen verschwunden.
 “Was war das denn?”, fragte Carmen und versuchte, den Mann noch zwischen den übrigen Schaulustigen zu entdecken, “Das war doch dieser Bettler. Wieso kannte er deinen Namen?”
 Raoul überlegte, ob er Carmen von seinem Erlebnis berichten sollte, entschied sich jedoch dagegen. Er wollte sie nicht mit einer haarsträubenden Geschichte zusätzlich ängstigen.
 “Ich weiß es nicht”, sagte er daher nur.
 Die Sanitäter schoben die Trage inzwischen in den Wagen. Der angekündigte Arzt war noch immer nicht eingetroffen.
 “Wir können nicht länger warten”, sagte einer der Sanitäter, “wir bringen Sie am besten ins Hospital nach Mexiko Stadt.”
 Carmen kletterte hinten in den Wagen, um bei ihrem Mann zu sein. Sie griff nach seiner Hand, die er fest geschlossen gehalten hatte. Raoul öffnete seine Hand und es fiel etwas heraus. Er hatte selbst überhaupt nicht bemerkt, dass er etwas festgehalten hatte. Carmen bückte sich und hob eine kleine, goldene Figur auf. Es war eine stilisierter Mensch mit einem Hundekopf. Sie betrachtete die Figur und drehte sie zwischen ihren Fingern.
 “Was ist das?”, fragte sie, “Es sieht aus wie Gold. Woher hast du es?”
 Raoul wandte sich ihr zu und betrachtete ebenfalls die kleine Figur. “Das ist eine Darstellung des Gottes Xolotl”, stellte er fest, “ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich sie her habe. Vielleicht ist es ein Geschenk.”
 “Ein Geschenk?”, fragte Carmen, “Was für ein Geschenk? Wer hat es dir geschenkt?”
 Raoul fühlte sich auf einmal unendlich müde. Sein Zusammentreffen mit Xolotl war offenbar doch nicht nur ein Produkt seiner Phantasie gewesen. Er hatte wirklich einem Gott gegenüber gestanden. Er seufzte.
 “Ich liebe dich, Carmen”, sagte er leise, “alles, was wir hier erleben, ist ein Geschenk. Es ist eine lange Geschichte und ich werde sie dir erzählen, doch jetzt bin ich einfach nur noch müde und möchte schlafen.”
 Raoul schloss seine Augen. Carmen betrachtete ihn, verstand aber nicht wirklich, was er gemeint hatte. Sie war einfach nur froh, dass ihm nicht wirklich etwas geschehen war. Sie drehte die kleine, goldene Figur in ihren Händen und betrachtete die fein herausgearbeiteten Linien. Es war das Werk eines Künstlers. Wenn die Figur wirklich aus Gold bestand, hätte sie sicherlich einen immensen Wert. Sie würde warten müssen, bevor Raoul ihr erklären konnte, was sich abgespielt hatte, nachdem sie losgelaufen war, um Hilfe zu holen. Gedankenverloren steckte sie die Darstellung Xolotls in ihre Tasche. Sie würde warten. Sie hatten ja noch so viel Zeit.

Alle Rechte vorbehalten. ©2008 Michael Stappert

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