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Die Zeitreisenden (Scifi-Kurzroman)

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Die Zeitreisenden

1.1    Die Ankunft

»Was hältst Du von den beiden?«, fragte Sheriff Wayne Dunn seinen Deputy. Lawrance Cole sah durch die Scheibe zu dem Pärchen hinüber, dass sie splitternackt am Coyote Run am Ortsrand von Thedford aufgegriffen hatten.
»Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir die Behörden in Omaha informieren.«
Dunn lachte humorlos. »Um denen zu demonstrieren, dass wir die Sache hier nicht im Griff haben? Was sollte ich denen auch sagen? Dass wir ein nacktes Pärchen an einer Durchgangsstraße aufgegriffen haben, ohne Papiere und nur mit einem kleinen Beutel voller rätselhafter Gegenstände?«
Cole deutete mit dem Kopf zu ihren Gefangenen, die stumm nebeneinander im Verhörraum saßen und sich nicht ansahen. »Sie sind merkwürdig, oder? Sehen aus, als wären sie einem Modemagazin entsprungen. Sie wirken weder wie Exhibitionisten, noch wie irgendwelche Verbrecher.«
»Bisher ergab der Abgleich mit den Fahndungslisten auch keine Ergebnisse. Aber was soll’s? Wir werden schon etwas aus ihnen herausbekommen.« Er erhob sich. »Kommst Du mit rein, oder schaust Du lieber von hier aus zu?«
Cole nippte an seinem Kaffee. »Lass mich mal hier sitzen. Ich kann Dich später ablösen, wenn sie weiter so schweigsam sind.«
Dunn nickte und öffnete seufzend die Tür zum Nebenraum. Der Mann trug nun Hemd und Hose, die sie ihm gegeben hatten, um ihre Blößen zu bedecken, die Frau trug ein langes Hemd, das sie in der Taille mit einer Kordel zusammengebunden hatte und wie ein kurzes Kleid wirkte. Ihre langen, weißblonden Haare trug sie offen, wie einen dichten Vorhang um die Schultern, bis auf den Rücken.
»Haben Sie es sich überlegt?«, fragte er. »Wir haben eine Menge Zeit, wenn Sie sich weiterhin weigern, uns zu erzählen, wer Sie sind. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee oder ein Wasser?«
Sie antworteten nicht.
»Nein? Mir soll es recht sein. Also: Wie sind Sie zu der Straße gekommen, an der wir Sie gefunden haben? Wo ist Ihr Fahrzeug? Wo Ihre Kleidung? Hat Sie jemand dort abgesetzt?«
Der Mann bewegte sich plötzlich. »Mein Name ist Brungk. Meine Begleiterin heißt Sequel. Wir wollten nicht unhöflich sein, mussten jedoch zunächst Ihre Sprache erlernen. Die Analyse ist abgeschlossen. Wir können kommunizieren.«
Dunn öffnete seinen Mund, schloss ihn aber sogleich wieder. Einen Moment sah er verständnislos zwischen den beiden hin und her. »Sagen Sie, wollen Sie mich verarschen? Sie wollen mir erzählen, sie hätten unsere Sprache vorhin noch nicht verstanden, und jetzt reden Sie, als hätten Sie nie etwas anderes getan?«
»So ist es. Bei uns wird höchstens verbal kommuniziert, wenn es sich nicht vermeiden lässt, aber wir können es, wenn wir es gelernt haben. Ich danke Ihnen für Ihre vielen verbalen Vorlagen, die Sie uns mit Ihrem Kollegen gegeben haben.«
Er hob seine Hände. »Hat es einen Grund, warum man uns diese Handfesseln angelegt hat?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Zurück zum Thema. Sie sind also Brungk. Und weiter?«
»Wie? Ich heiße Brungk. Nur Brungk.«
»Und ich heiße nur Sequel«, sprach die Frau mit klarer, wohlklingender Stimme. »Aber wir sind nicht hier, um über Dinge zu sprechen, die Sie nicht verstehen. Wir sind Forscher.«
»Forscher«, sagte Dunn skeptisch. »Haben Sie kürzlich mal in den Spiegel geschaut? Sie sind doch höchstens Mitte zwanzig und sehen aus, wie aus einem Modemagazin. Was können Sie schon erforschen?«
»Lassen Sie sich nicht von unserem Äußeren täuschen. Wir sind sicher älter als Sie vermuten, und wurden lange auf unsere Mission vorbereitet. Wir würden es begrüßen, wenn Sie uns helfen, einen bestimmten Ort zu finden.«
Dunn zog seine Brauen hoch. »Einen bestimmten Ort? Genauer geht’s wohl nicht? Sonst haben Sie keine Probleme? Ich werd Ihnen jetzt mal was sagen: Solange Sie solche Spielchen mit mir spielen, werden Sie nirgendwo hinkommen, Mr Brungk.«
»Einfach nur Brungk.«
Dunn schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hören Sie endlich auf, mich zu veralbern!«
»Wir machen uns nicht über Sie lustig«, sagte Sequel. »Wir verstehen nur nicht, wieso es für Sie wichtig ist, unsere Identität zu kennen. Wir kannten uns vor unserem Erscheinen nicht und werden uns sicher nicht mehr wiedersehen, nachdem wir unsere Mission fortgesetzt haben.«
»Sie beide kosten mich den letzten Nerv, wissen Sie das? Sie sind verpflichtet, sich jederzeit, zumindest mit Ihrem Führerschein, ausweisen zu können. Ich bin berechtigt, Sie hier festzuhalten, bis wir diesen Punkt geklärt haben. Es liegt also an Ihnen, ob Sie mit uns zusammenarbeiten, oder unsere Arbeit behindern.«
Die beiden Fremden sahen Dunn nur an und schwiegen. Dunn trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. »Na gut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Ihre Fingerabdrücke überprüft haben. Was denken Sie, was wir dann über Sie erfahren? Wenn Sie etwas zu sagen haben, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.«
Es klopfte an der Tür und Cole steckte seinen Kopf herein. »Wayne? Kannst Du mal kurz rauskommen?«
Dunn erhob sich und ließ seine Gefangenen allein im Verhörraum zurück. »Was gibt es denn?«
Cole hielt ihm einige Papiere entgegen. »Die Ergebnisse aus Omaha sind da. Sie werden Dir nicht gefallen.«
Dunn griff sie und studierte sie. »Das gibt’s doch überhaupt nicht. Das muss ein Irrtum sein.«
»Ich hab eben noch mit dem FBI telefoniert. Sie bestehen darauf.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Keine zwei Menschen auf der Erde haben exakt dieselben Fingerabdrücke. Nicht einmal bei Zwillingen gibt es das, und diese Zwei dort drinnen sind ganz sicher keine Zwillinge.«
Cole zuckte die Achseln. »Was willst Du jetzt von mir hören? Du erwartest doch nicht, dass ich Dir sagen kann, was hier los ist? Aber bist Du Dir sicher, dass wir sie tatsächlich festhalten können? Allein die Tatsache, dass wir nichts über sie wissen, macht sie nicht gleich zu Verbrechern.«
»Das weiß ich selbst! Trotzdem hab ich das Gefühl, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Sie können doch nicht von Himmel gefallen sein. Niemand hat sie kommen sehen und plötzlich stehen sie nackt an der Straße. Keine Papiere, kein Geld, nichts. Das gibt es doch nicht. Ich will wissen, was da los ist.«
»Dann wünsch ich Dir viel Spaß«, sagte Cole grinsend. »Ich würd sie laufen lassen und mich entspannt zurücklehnen und sie vergessen.«
Dunn brummte etwas und öffnete die Tür zum Verhörraum. Brungk und Sequel saßen noch so da, wie sie gesessen hatten, als er den Raum verlassen hatte. Er setzte sich den beiden gegenüber und legte betont ruhig seine Hände auf die Tischplatte.
»Die Auswertung Ihrer Fingerabdrücke liegt vor, und Sie können sich vermutlich denken, dass ich jetzt erst recht weitere Fragen an Sie habe.«
Sequel warf ihre langen, weißblonden Haare zurück und sah ihn irritiert an. »Und aus welchem Grund?«
»Weil Sie beide exakt identische Fingerabdrücke besitzen. Keine zwei Menschen auf diesem Planeten haben dieselben Fingerabdrücke. Erklären Sie mir, warum das bei Ihnen anders ist.«
»Ich denke, Sie gehen von falschen Prämissen aus. Sagen wir einfach, wir sind nicht hier aus der Gegend. Wo wir herkommen, sind identische Fingersignaturen ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Wir wurden als biologisches Konzept geschaffen, weil unsere Forschung uns lange Zeit von unseren Bezugsgruppen trennen wird, und ein Paar als kleinstes Konzept die größte Wahrscheinlichkeit auf Erfolg verspricht.«
Sheriff Dunn sah sie an, als wäre sie ein Geist. »Was zum Henker erzählen Sie mir da? Das ist doch alles Bullshit! Ich will endlich wissen, woher Sie kommen und was Sie vorhaben.«
Sequel sah Brungk an, und Dunn war sicher, dass sie so etwas wie einen nonverbalen Dialog führten. Schließlich nickte Brungk und Sequel wandte sich ihm wieder zu. »Wir sind bereit, Ihnen alles zu erzählen, auch wenn wir glauben, dass Sie es nicht verstehen oder zumindest nicht glauben werden.«
Dunn lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Sie können es ja mal versuchen.«
»Wir haben einen weiten Weg hinter uns. Wir sind Menschen, stammen jedoch nicht von dieser Welt, die Ihr Erde nennt. Unsere Geburtswelt trägt den Namen Lorana und ist viele Lichtjahre von hier entfernt. Ich könnte Ihnen die genaue Position nennen, aber ich fürchte, das würde Ihnen nicht viel sagen. Unsere Heimat ist nicht nur weit von hier entfernt, sie liegt auch in einer Zeit, die aus Ihrer Sicht in einer weit entfernten Zukunft liegt. Wir können Ihnen leider nicht genau sagen, wie viele Ihrer Jahre das sind, da die Zeitrechnungen im Laufe der Zeitalter oft gewechselt wurden.«
Sheriff Dunn starrte sie mit offenem Mund an. »Sagen Sie, wollen Sie mich testen? Erscheint hier gleich ein Kamerateam von Kanal 9 und ich werde vor Millionen Zuschauern als Depp der Nation vorgestellt?«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
»Na hören Sie! Sie tischen mir eine so verrückte Geschichte auf und verlangen, dass ich Ihnen das abnehme? Aber okay, ich spiele Ihr Spiel mal eine Weile mit. Sie kommen also von einem weit entfernten Planeten und aus einer Zeit, die viele Jahre in der Zukunft liegt. Hab ich das so weit richtig verstanden?«
»So ist es.«
»Dann sind Sie so etwas wie Aliens?«
Sequel überlegte einen Moment. »Wenn Sie damit meinen, dass wir eine fremde Lebensform darstellen, ist das falsch. Wir sind Menschen wie Sie ... oder besser: ähnlich wie Sie.«
»Und was macht den Unterschied aus?«, fragte Dunn, inzwischen gelangweilt.
»Sie stellen die archaische Form des Menschen unserer frühen Vorfahren dar. Wir besitzen ein optimiertes genetisches Gerüst und sicher einige Fähigkeiten, über die Sie nicht verfügen. Allerdings sind wir von der Reise noch etwas geschwächt und können das Potenzial nicht voll ausschöpfen. Das ist auch der Grund, aus dem wir Ihre Hilfe benötigen.«
Dunn nickte. »Das können Sie laut sagen. Sie brauchen verdammt Hilfe, wenn Sie von dem überzeugt sind, was Sie erzählen. Fangen wir noch einmal dort an, wo sie nackt an der Straße gestanden haben. Wieso überhaupt nackt, und wo ist Ihre Kleidung geblieben? Sie sind doch sicher nicht völlig nackt gestartet, von wo Sie gekommen sind.«
Sequel lächelte zum ersten Mal. »Oh doch. Es ist zu gefährlich, körperfremde Dinge mit in das Zeitfeld zu nehmen. Wir mussten so kommen, wie wir geschaffen wurden.«
»Zeitfeld. Klar. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Scottie hat Sie also quasi nackt durch die Zeit in unsere Welt gebeamt, und schon stehen Sie entspannt an unserer Durchgangsstraße.«
»Wer ist Scottie?«
Dunn winkte ab. »Ich geb ’s auf. Sie ziehen das Ding wirklich durch bis zum Schluss, was? Aber mal im Ernst: Sie hatten Ihren Spaß. Gegen Sie liegt im Grunde nichts vor. Ich hab nur ein Problem damit, dass Ihre Fingerabdrücke identisch sind. Dafür muss es doch einen nachvollziehbaren Grund geben. Wie macht man so was? Und warum?«
»Hab ich doch erklärt: ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Brungk und ich wurden als Paar geschickt. Wir sind vollständig kompatibel und fungieren als Einheit. Nur wir können untereinander in Gedanken miteinander sprechen und unseren Geist miteinander verschmelzen.«
Der Sheriff schüttelte den Kopf. »Mir wird das allmählich zu bunt. Aber wenn Sie sich schon so ein vollständiges Szenario ausgedacht haben, können Sie mir ja sicher erklären, wie man so einfach durch die Zeit hierher geschickt werden kann, oder?«
Er sah die beiden auffordernd an.
Sequel nickte ihrem Partner zu, der das Wort ergriff: »Wir haben nicht gesagt, dass es einfach war. Im Gegenteil. Es hat uns Jahre gekostet, diese Welt so genau zu treffen. Viele vor uns sind bei dem Versuch gestorben. Sie haben völlig falsche Vorstellungen davon, wie eine Zeitreise funktioniert. Sie stellen sich vor, wir hätten an einer identischen Stelle in der Zukunft gestanden und wären nur zurückgereist. Im weitesten Sinne ist das sogar korrekt, weil eine Reise durch die Zeit eben nicht gleichzeitig auch eine Reise durch den Raum darstellt. Sie ahnen nicht, wie viel Bewegung in jedem einzelnen Staubkorn dieses Planeten steckt. Er dreht sich um sich selbst, umkreist seine Sonne, die wiederum das galaktische Zentrum umkreist. Die Galaxis steht auch nicht still, sondern ist Bestandteil einer lokalen Gruppe von Galaxien, die in ihrer Gesamtheit um einen Superhaufen von über 2000 Galaxien rotiert. Können Sie sich vorstellen, welche Rechenleistung erforderlich ist, herauszufinden, an welcher Position Ihr Planet rund zwei Millionen Jahre vor unserer ursprünglichen Gegenwart gestanden hat? Uns reichte dabei keine grobe Schätzung, sondern wir brauchten das Ziel bis auf wenige Zentimeter genau, sonst wären wir entweder im All oder mitten im Planeten herausgekommen. Wir fürchten, dass es einigen unserer Vorgänger so ergangen ist, denn wir erhielten nie eine Nachricht von ihnen.«
Dunn lachte leise. »Sie wollen also zwei Millionen Jahre aus der Zukunft kommen? Willkommen in Thedford, dem Treffpunkt der Zeitalter. Was wollen Sie trinken?«
»Was wir trinken wollen?«
»Leute, das nennen wir archaischen Alten Ironie. Vermutlich kennt man das in zwei Millionen Jahren nicht mehr.«
»Sie glauben uns noch immer nicht.«
»Und das wundert Sie? Ihre Geschichte wird von Mal zu Mal haarsträubender. Es fällt mir zunehmend schwerer, sie ernst zu nehmen. Vielleicht sollte sich ein Psychologe mit Ihnen befassen, denn ganz normal kommen Sie mir nicht vor.«
»Ihre Sorge ist unbegründet, Sheriff Dunn. Wir sind im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte und bald werden wir auch stark genug sein, uns zu verschmelzen. Wenn das der Fall ist, werden wir Ihre Hilfe nicht mehr benötigen und Sie auch nicht länger in Anspruch nehmen.«
Sequel lächelte und streifte wie beiläufig ihre Handfessel ab. Ruhig legte sie die offenen Handschellen vor Dunn auf den Tisch. »Eine interessante, mechanische Spielerei, diese Handfesseln. Sie wurden unbequem. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich sie ablege?«
»Zum Kuckuck ...!« Dunn fielen fast die Augen aus den Höhlen. »Wie haben Sie das angestellt?«
»Es war doch nur ein mechanischer Verschluss. Wir spüren, dass Sie sich in unserer Anwesenheit unwohl fühlen. Das müssen Sie nicht. Wir sind nicht gekommen, um jemandem etwas zuleide zu tun. Im Gegenteil. Wir sind nur hier, weil es auf Ihrer Welt und ihn Ihrem Zeitalter, historischen Unterlagen zufolge, etwas geben muss, dass wir dringend finden und von hier wegschaffen müssen. Es ist wichtig.«
»Sie kommen also aus der fernsten Zukunft zu uns, weil wir etwas besitzen, das Sie unbedingt benötigen? Dass ich nicht lache!«
Sequel lächelte süffisant. »Halten Sie mich bitte nicht für arrogant, aber es hat vermutlich wenig Zweck, Sie weiter in unsere Aufgaben einzuweihen. Es würde uns jedoch helfen, wenn Sie uns verraten, welches Jahr wir haben und nach welcher Zeitrechnung es gezählt wurde.«
»Bitte was?«, fragte Dunn verblüfft. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Sie wirken auf mich wie zwei äußerst wache Menschen. Und Sie wollen nicht wissen, welches Datum wir haben?«
»Bitte«, sagte Sequel, die inzwischen das Reden der beiden vollständig übernommen hatte. »Sie würden mir damit wirklich helfen. Wir haben einen sehr weiten Weg hinter uns und da kommt es durchaus zu gewissen Unschärfen. Wir hatten gewaltiges Glück, im richtigen Moment die Oberfläche des Planeten zu treffen. Daher vermute ich, dass wir noch im Plan sind. Wir wissen es aber nicht genau. Also?«
Der Sheriff presste seine Lippen zusammen. »Von mir aus. Wir haben den 17. März 2015.«
Die beiden blickten sich kurz an, sagten jedoch nichts. Dunn vermutete, dass sie wieder in Gedanken miteinander sprachen.
»Gut 2015. Und nach welcher Zeitrechnung? Was war vor 2015 Jahren?«
»Na, Christi Geburt. Was sonst?«
Sequels Lächeln wurde breiter. »Das hatten wir gehofft. Die Zeit stimmt, der Planet auch - jetzt müssen wir es nur noch finden.«
»Was finden? Worum geht es überhaupt?«
»Besser, Sie wissen es nicht.«
Dunn schlug mit beiden Händen auf den Tisch und erhob sich. »Ich hab jetzt endgültig die Schnauze voll von Ihnen beiden. Ich kann es auf den Tod hassen, wenn man mich nicht für voll nimmt und mich zu veralbern versucht. Ich lasse Sie jetzt eine Weile allein. Sie können sich ja dann überlegen, ob Sie mir nicht noch etwas zu erzählen haben.«
Er verließ den Verhörraum und schlug die Tür lautstark hinter sich zu. Draußen atmete er ein paar Mal tief durch und sah seinen Deputy an, der die ganze Zeit über hinter der einseitig durchsichtigen Scheibe gesessen und dem Gespräch im Verhörraum zugehört hatte.
»Und was jetzt?«, fragte Cole.
»Ich halte diese Idioten fest, bis ich sie weich gekocht habe. Die spielen ein Spiel mit mir, und so was kann ich nicht leiden.«
»Rein rechtlich können wir das nicht, Chef. Abgesehen davon, dass wir sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses dranbekommen können, haben wir nichts in der Hand. Sie sind nicht verpflichtet, Papiere mitzuführen.«
»Weiß ich selbst. Ich versteh auch nicht, wieso die mir so einen Schwachsinn auftischen müssen. Aber da ist immer noch die Frage, wieso sie identische Fingerabdrücke haben. Haben sie womöglich sogar die Wahrheit gesagt?«
Cole lachte leise. »Chef, die werden Sie doch nicht mit diesen Räuberpistolen überzeugt haben?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll. Sie machen in ihrer Geschichte einfach keine Fehler. Entweder ist sie einfach nur gut durchdacht und konsequent erzählt, oder es ist so, wie sie behaupten.«
»Wayne, ich hab Dein Gespräch von hier aus mitverfolgt. Diese Sequel ist sicher eine äußerst heiße Frau, aber lass Dich von der doch nicht einwickeln. Ich hab auch keine Ahnung, welche Ziele die beiden verfolgen, aber ich hab nicht das Gefühl, sie würden mit offenen Karten spielen.«
»Vielleicht sollten wir uns Unterstützung aus Omaha holen.«
»Damit uns die gesamte Polizei des Staates auslacht?«
Dunn blickte durch die Scheibe, wo die beiden sich nun gegenübersaßen und ihre Köpfe mit ihren Stirnen aneinanderdrückten. »Hey, was machen die den jetzt?«
Er sprang auf und öffnete die Tür zum Verhörraum. »Was tun Sie da?«
Sequel und Brungk reagierten nicht, worauf Dunn zu ihnen trat, um sie voneinander zu trennen.
Als er sie berührte, erschien es ihm, als stürze er in ein tiefes, dunkles Loch. Die Welt um ihn versank und nur noch Dunkelheit umgab ihn. Das Gefühl des Fallens war unangenehm, und in seiner Vorstellung ruderte mit Armen und Beinen, um Halt zu finden. Sein Gefühl für Zeit und Raum ging verloren und er hatte keine Vorstellung, wie lange es dauerte, als er plötzlich die Gegenwart von zwei Persönlichkeiten wahrnahm.
»Hallo?«, rief er. »Ist da jemand?«
»Entspann Dich«, ertönte es direkt in seinem Geist. »Es ist gleich vorbei.«
Im nächsten Moment befand er sich in einem fensterlosen Zimmer, dessen Decke und Wände Licht ausstrahlten. Er saß in einem bequemen Sessel und ihm gegenüber saßen Sequel und Brungk - jeder in einem ähnlichen Sessel wie er. Sie lächelten ihm zu. Sequel beugte sich etwas nach vorn. »Wir haben unsere vollen geistigen Kräfte inzwischen zurückerlangt. Da es uns nicht gelungen ist, Dich mit Worten zu überzeugen, haben wir uns entschlossen, Dich für einen Moment in unseren geistigen Zusammenschluss einzuladen. Es ist vielleicht einfacher, Dich zu überzeugen, dass wir die sind, die wir zu sein vorgeben.« Sie sah ihn prüfend an. »Alles in Ordnung?«
»Ob alles in Ordnung ist?«, fragte Dunn schrill. Hektisch blickte er sich um. Er verstand nicht, was soeben mit ihm geschehen war. »Überhaupt nichts ist in Ordnung. Was habt ihr mit mir angestellt? Ich will sofort zurück in den Verhörraum! Sofort!«
»Beruhige dich«, sagte Sequel sanft. »Dir wird nichts geschehen. Wir haben uns lediglich entschlossen, dir zu zeigen, dass du es nicht mit zwei Verrückten zu tun hast. Wir hatten nämlich den Eindruck, dass du uns kein Wort von dem glaubst, das wir dir erzählt haben.«
Dunn schnappte nach Luft. Er hatte sich immer für einen Menschen gehalten, den nichts leicht erschüttern konnte, doch jetzt spürte er aufkeimende Panik, wie er es noch nie erlebt hatte. »Wer zum Henker seid ihr? Was wollt ihr von mir?«
Seine Augen wanderten hektisch durch den Raum. Er suchte krampfhaft nach einer Fluchtmöglichkeit. Als hätte Sequel seine Gedanken gelesen, sagte sie: »Du brauchst nicht vor uns zu fliehen. Deine Angst ist unbegründet. Wir haben diesen Raum eigens geschaffen, um uns mit dir ungestört unterhalten zu können. Natürlich hätten wir es auch in der realen Umgebung tun können, doch - wenn wir ehrlich sind - hat uns dein Kollege Cole hinter der Spiegelwand irritiert. Hier sind wir ungestört.«
»Verdammt, ihr habt mich nicht gefragt! Das ist eine Entführung! Was denkt ihr eigentlich? Dass ihr mich einfach in einen Scheiß Kerker schaffen müsst, um mich weich zu kochen? Ich kann euch versichern, dass ihr gehörigen Ärger bekommt, wenn ich hier rauskomme!«
»Wir können dich verstehen«, warf Brungk ein. »Du bist gegen deinen Willen durch uns hierher transportiert worden. Es ist jedoch weder ein Kerker noch haben wir vor, dich zu irgendetwas zu zwingen. Wir möchten dir nur unsere Mission erklären und hoffen, dass du anschließend verstehst, wer oder was wir sind. Ich gebe allerdings zu, dass wir und davon auch erhoffen, dass du uns hilfst. Aber das wird am Ende deine Entscheidung sein - nicht unsere. Begreifst du nun, dass wir dir nicht schaden wollen?«
Dunns erste Panik begann sich zu legen und sein Atem beruhigte sich etwas. »Ihr betont das zwar immer wieder, aber es übersteigt meinen Verstand. Es erklärt auch noch immer nicht, wer oder was ihr seid.«
Sequel beugte sich vor und berührte ihn sanft an der Hand. Dunn wollte sie erst zurückziehen, entschied sich dann jedoch dagegen. Es war wie ein leichter elektrischer Schlag, als sie seine Hand berührte, und was auch immer sie tat, es führte dazu, dass er sich entspannte.
»Ist jetzt alles in Ordnung? Bist du jetzt bereit, uns zuzuhören?«
Dunn nickte. »Ich weiß zwar nicht, was hier gerade abgeht, aber ja, ich bin in Ordnung.«
»Gut. Brungk und ich sind speziell für diesen Auftrag konfigurierte Menschen. Die Umweltbedingungen in unserer Heimat sind etwas anders als hier auf der Erde. Wir wurden geschickt, weil es auf der Erde etwas gibt, das so gefährlich ist, dass es den Fortbestand der menschlichen Rasse, des Planeten und vielleicht sogar des gesamten Sonnensystems gefährden könnte.«
»Bitte was? Du willst mich verscheißern, oder? Ihr kommt daher und wollt mir erzählen, dass das Ende der Welt bevorsteht und ihr das mal eben verhindern wollt? Hab ich das richtig verstanden? Seid ihr sowas wie Sekten-Heinis, die immer wieder mal den Weltuntergang prophezeien? Ich sag dir gleich: Ich glaub nicht an solchen Quatsch!«
»Ich weiß nicht, was eine Sekte ist, aber ich kann dir versichern, dass es mit einer Prophezeiung nicht das Geringste zu tun hat. Die Gefahr ist real und tödlich. Es gibt auf der Erde einen Mechanismus, der dafür geschaffen wurde, die Menschen, die Erde und zuletzt das komplette Sonnensystem zu zerstören. Er stammt aus der Zukunft und durchzieht die Zeitalter, bis zur Entstehung des Menschen. Wir wurden ausgeschickt, diesen Mechanismus zu finden und unschädlich zu machen.«
Dunn lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Ihr wollt mich wirklich nicht verarschen? Es gibt tatsächlich so ein Ding auf der Erde?«
Sequel und Brungk blickten ihn ernst an. »Ja.«
Dunn schluckte. Sein Rachen fühlte sich an wie zugeschnürt. Seine Stimme klang heiser, als er fragte: »Wie viel Zeit haben wir noch?«
»Das kann man so einfach nicht sagen. Wenn wir versagen, mag es noch einige Planetenjahre dauern, bis es geschieht - es kann aber auch deutlich schneller gehen. Die Menschen würden davon nichts spüren. Es würde sie nur auf einmal nicht mehr gegeben haben. Eure Welt - und letztlich natürlich auch unsere Welt - würde es in dieser Form nie gegeben haben. Wir wären aus der Geschichte getilgt.«
Dunn brach der Schweiß aus. Er spürte, wie eiskalte Angst Besitz von ihm ergriff. Es war schwer zu glauben, was ihm die beiden erzählten, doch die Umstände ihres Gesprächs verlieh dem Ganzen eine irrationale Glaubwürdigkeit.
»Und Ihr sucht dieses - was immer es auch ist - und verschwindet damit wieder in Eure eigene Zeit?«
Sequel schüttelte den Kopf. »Das wird nicht gehen. Die erforderliche Technologie steht hier nicht zur Verfügung. Wir werden hierbleiben müssen und uns an die Menschen dieser Zeit anpassen.«
»Was ist es überhaupt, was Ihr sucht? Was kann so gefährlich sein, dass es unser Sonnensystem gefährden kann?«
»Was sagt Dir der Begriff ’Singularität'?«
Dunn machte ein fragendes Gesicht. »Nichts.«
Sequel nickte. »Das dachte ich mir. Weißt Du, die Menschheit ist nicht allein dort draußen im Kosmos. Es gibt noch eine Reihe anderer Intelligenzwesen, und nicht alle sind dem Menschen wohlgesonnen. Wir hatten Dir gesagt, dass wir aus einer weit entfernten Zukunft stammen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Menschheit und auch die anderen Rassen sich in dieser Zeit enorm weiterentwickelt haben - geistig, wie auch technisch. Der größte Feind des Menschen ist eine mächtige, insektoide Rasse mit gewaltigem technischen Wissen. Sie nennen sich Skrii, und sie setzen alles daran, die Menschheit aus dem Universum zu tilgen. Rein militärisch sind sie nicht in der Lage, uns endgültig zu besiegen, aber wir konnten erfahren, dass es Kriegern der Skrii gelungen sein soll, auf dem Mutterplaneten der Menschheit einen Mechanismus auszusetzen, der sich in winzigsten Schritten rückwärts durch die Zeit frisst. Das soll so lange weitergehen, bis die menschliche Rasse im Entstehen begriffen ist.«
»Und dann?«, fragte Dunn.
»Dann wird die Singularität im Innern des Mechanismus freigesetzt. Das bedeutet, dass von diesem Moment an die Materie des Planeten allmählich in diese Singularität stürzt und sie mit Masse anreichert. Irgendwann bildet sie einen Ereignishorizont und wird zum Schwarzen Loch. Ist das einmal geschehen, wird seine Masse Einfluss auf das gesamte System nehmen. Es wird zu Kollisionen kommen, weitere Masse wird hinzukommen und schließlich wird die Sonne selbst darin verschwinden. Vermutlich wird das zu einer Nova, vielleicht sogar zu einer Supernova führen. Die Menschheit wird nie entstanden sein. Wir würden aus der Geschichte des Universums getilgt. Das wollen wir verhindern. Wir werden zur Stelle sein, wenn der Mechanismus diese Zeit passiert, und ihn unschädlich machen.« Sie machte eine kurze Pause und sah Dunn prüfend an. »Ist das etwas viel für Dich?«
Dunn schluckte. »Wenn ich ehrlich bin ... ja. Verdammt ich bin ein kleiner Sheriff in einem kleinen Nest, und Ihr erzählt mir Dinge über eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Wie die Dinge liegen, ist es Euch auch verdammt ernst damit. Könnt Ihr denn dieses Singular-Ding unschädlich machen? Geht das so einfach?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Absolut nicht. Zunächst müssen wir das Gerät finden und seine Wanderung durch die Zeit stoppen. Zumindest das sollte für uns kein Problem darstellen.«
Dunn presste seine Fäuste gegen seine Schläfen. »Aber das ist doch alles Bullshit! Habt Ihr mir nicht im Verhörraum erzählt, dass Ihr einen Punkt irgendwo im All finden musstet, an dem unsere Erde am Endpunkt Eurer Zeitreise einmal gestanden hatte? Wenn das so kompliziert ist, wieso kann dann so eine Maschine einfach auf der Erde bleiben und in die Vergangenheit reisen? Da stimmt doch etwas nicht.«
Sequel nickte anerkennend. »Du beginnst, in den richtigen Bahnen zu denken. Es stimmt, das klingt unlogisch. Es sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Dinge. Während wir in einem Zug durch die Zeit hierher gereist sind, wurde die Waffe der Skrii schon in der Zukunft auf der Erde deponiert. Sie gleitet von dort quasi in winzigsten Schritten durch den Zeitstrom in die Vergangenheit zurück. Dabei kann sie den Kontakt zum Planeten ständig neu justieren. Wir haben leider erst spät davon erfahren, was die Insektoiden getan haben und viel Zeit haben wir dabei verloren, zu errechnen, wie wir die Waffe noch aufhalten können.«
»Also jetzt mal ehrlich«, sagte Dunn. »Ihr könnt mich ja für einen ungebildeten Halbwilden halten, aber ist nicht bereits die Tatsache, dass wir uns hier unterhalten, in diesem ... ja was ist das hier eigentlich? ... ein Indiz dafür, dass der Plan dieser Fremden misslungen sein muss? Hätte er funktioniert, würde es weder Euch noch mich geben, oder?«
»Grundsätzlich folgerichtig gedacht«, stimmte Sequel zu. »Wenn man berücksichtigt, dass die Menschen dieser Epoche noch glaubten, Zeit verlaufe linear. Eine Katastrophe, von der ich nichts weiß, kann in der Vergangenheit nicht stattgefunden haben. Leider verhält es sich etwas anders. Zeit ist ein kompliziertes Gespinst von Möglichkeiten. Welchen Weg sie nimmt, hängt oft von Verkettungen winzigster Faktoren ab. Ich weiß, es ist nicht leicht, das zu verstehen, aber du musst dir vorstellen, dass jedes System seine eigene Zeit mitbringt, die zunächst einmal unabhängig von anderen existiert. So gibt es die Zeit der Erde, die einen komplizierten Weg von ihrer Entstehung über den heutigen Tag bis zu einer fernen Zukunft nimmt. Dann ist da diese Waffe der Skrii, die sich rückwärts durch den Zeitstrom der Erde ihren Weg zur Entstehung des Menschen sucht. Diese Waffe besitzt ihre eigene Zeit und sie verläuft nicht rückwärts, sondern vorwärts. Mit anderen Worten: Sie wird auf ihrem Weg rückwärts durch die Zeit der Erde älter. Solange sie ihr Ziel nicht erreicht hat, wird sie nicht aktiv werden, und erst, wenn das geschieht, beeinflusst sie den Zeitstrom der Erde.«
Sie blickte Dunn forschend an. »Kannst du mir folgen?«
Dunn nickte und schüttelte dann den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«
»Dann begreife einfach, dass wir diese Waffe finden und aufhalten müssen. Wir können sie aufspüren, sobald wir in ihrer Nähe sind. Leider haben wir nur einige Hinweise, wo wir suchen müssen. Wir sind gut ausgebildet, aber unsere Zeit liegt eben zwei Millionen Jahre in eurer Zukunft. Du kannst dir sicher vorstellen, wie lückenhaft unsere Kenntnis der Erde und ihrer aktuellen Verhältnisse ist. Die Recherche nach zutreffenden Daten hat uns viele Jahre gekostet, und wir können nicht sicher sein, dass alles korrekt ist, was wir herausgefunden haben.«
»Spricht man auf eurer Welt und in eurer Zeit noch so wie wir?«, fragte Dunn. »Ihr habt nicht den geringsten Akzent und sprecht ein perfektes Englisch.«
Brungk lachte. »Nein, unsere Sprache ist von eurer vollkommen verschieden. Allerdings ist verbale Kommunikation bei uns nicht mehr besonders wichtig. Bei uns gibt es den mentalen Schirm, in den sich jeder Bürger einloggen kann. Ist man verbunden, kann man mit jedem anderen Teilnehmer gedanklich kommunizieren. Aber es ist schon angenehm, dass unsere Daten über eure Sprache so zutreffend waren. Es wäre fatal gewesen, wenn man uns für die falsche Epoche konditioniert hätte.«
Dunn sah ihn ungläubig an.
»Wir sind besonders konzipierte Menschen«, sagte Sequel. »Wie ich bereits sagte. Wir sind aufs Reden konditioniert worden, um in dieser Welt normal zu wirken.«
Dunn lachte humorlos auf. »Na, das ist euch ja verdammt gut gelungen. Ihr ahnt nicht, wie verdammt normal ihr auf mich wirkt.«
»Tatsächlich?«
»Nein, verdammt! Mit der Ironie habt ihr es in der Zukunft wohl nicht, oder? Was denkt ihr denn? Taucht nackt aus dem Nichts auf, könnt in Gedanken miteinander reden, und nehmt mich in einen Raum mit hinein, der nur in eurem verschmolzenen Geist existiert. Was soll daran normal sein? Habt ihr sonst noch Tricks drauf, von denen ich wissen sollte?«
»Was meinst du mit Tricks?«, fragte Sequel unbefangen. »Wirst du uns helfen?«
»Wie kann ich euch denn helfen? Ich bin ein kleiner Dorf-Sheriff, und - wenn ich ehrlich bin - fühle mich ein wenig von der Situation überfordert.«
»Nach unseren Berechnungen wird die Waffe in der Zeit vom 12. Mai bis zum 14. Mai dieses Jahres sichtbar sein. Sie soll sich in einer Gegend befinden - nicht all zu weit von diesem Ort hier entfernt -, der für seine vulkanische Aktivität bekannt ist. Es sollen dort nur wenige oder überhaupt keine Menschen leben. Kennst du einen solchen Ort?«
Dunn überlegte. »Da fällt mir nur der Yellowstone Nationalpark ein, aber der ist nicht gerade in der Nähe.«
»Kannst du uns zeigen, wo das ist?«, fragte Brungk. »Es existieren doch sicher Karten, in denen Koordinaten verzeichnet sind, oder? Wir würden uns die erforderlichen Vektoren berechnen und könnten daraus eine Ortsverlagerung generieren.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich verstehe wieder mal kein Wort. Also Karten kann ich euch natürlich zeigen, und der Nationalpark ist natürlich darauf verzeichnet. Was meint ihr mit Ortsverlagerung?«
Sequel sah ihn fragend an. »Ist das nicht klar? Wir müssen doch in unmittelbarer Nähe sein, wenn die Waffe erscheint. Es nutzt nichts, wenn wir hier sind, wenn das Ding diese Zeitebene durchzieht. Wir müssen schon physikalisch vor Ort sein. Während wir geistig verschmolzen sind, können Brungk und ich uns direkt an diesen Ort versetzen.«
Dunn verzog seinen Mund. »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wissen möchte, was ihr alles draufhabt, aber eine Sache interessiert mich doch: Denkt ihr immer so kompliziert?«
»Nicht kompliziert, sondern nur folgerichtig.«
»Mag ja sein, aber ihr habt doch noch eine Menge Zeit, bis dieses Waffending erscheint, wie ihr sagt. Ich könnte euch hinfahren. Ich steck in dieser Sache sowieso schon tief genug drin - da kann ich euch auch weiterhin helfen. Außerdem kann es nicht schaden, meinen beschissenen Schreibtisch mal eine Weile nicht zu sehen.«
»Es mag sein, dass es nicht ungefährlich ist«, sagte Sequel ernst. »Brungk und ich sind nicht das erste funktionale Paar, das ausgesandt wurde. Etliche vor uns sind gescheitert, und wir haben keine Informationen darüber, was geschehen ist. Wir nehmen deine Hilfe natürlich gern an, aber du musst wissen, dass es uns alle das Leben kosten kann. Ihr Menschen dieser Epoche habt oft Bezugspersonen - andere Menschen, mit denen ihr verbunden seid. Ist das bei dir auch der Fall? Bist du einem Typ A verbunden?«
Dunn konnte es nicht fassen. »Typ A? Jetzt noch mal von vorn: Wovon, zum Henker, sprichst du jetzt schon wieder? Was ist ein Typ A?«
Brungk antwortete: »Du bist ein Typ B, wie auch ich einer bin. Sequel ist ein Typ A - ein Mensch der Neumenschen in sich tragen kann, bis sie Lebensreife erlangen.«
Dunn verschluckte sich fast. »Geht’s noch komplizierter? Ihr wollt wissen, ob ich eine Frau habe? Ich kann euch versichern, dass ich auf Frauen stehe, aber es ist mir leider noch keine begegnet, die einen kleinen Dorfsheriff nehmen wollte. Ich bin solo, falls euch das beruhigt.«
Sequel wandte sich an Brungk. »Vermutlich will er damit sagen, dass es keine typübergreifende, emotionale Verbindung gibt.«
Sie wandte sich zu Dunn. »Unter diesen Umständen würden wir uns freuen, die Unterstützung eines nativen Menschen dieser Epoche zu bekommen. Wir werden diesen virtuellen Raum nun auflösen. Die Rückkehr in die Realität führt bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, zu kurzfristiger Desorientierung. Das ist normal und muss dich nicht beunruhigen.«
»Aber ...«, konnte Dunn noch sagen, dann versank die Welt um ihn in bodenlose Schwärze. Als er wieder zu sich kam, hielt er sich direkt neben Sequel und Brungk am Tisch fest und fühlte sich schwindelig. Brungk erhob sich und stützte ihn.
Als Cole das durch die halbdurchsichtige Scheibe sah, hastete er zur Tür und riss sie auf. »Was tun Sie da? Setzen Sie sich sofort wieder hin!«
Dunn winkte ab. »Ist schon in Ordnung, Lawrence. Mir war nur etwas schwindelig und unser Freund hier wollte mir helfen.«
»Freund?«, fragte Cole misstrauisch. »Hab ich was nicht mitbekommen? Als du eben in den Verhörraum gegangen bist, waren das noch unsere Gefangenen.«
»Eine lange Geschichte, Lawrence. Wir haben uns ausführlich unterhalten und ich glaub ihnen jetzt. Sie brauchen unsere Hilfe - und wenn ich das richtig verstanden habe, brauchen wir auch ihre.«
Cole blickte ihn ungläubig an. »Chef, nimm es mir nicht übel, aber das klingt jetzt ganz schön verrückt. Du bist doch erst vor wenigen Sekunden hier hineingegangen. Ihr habt überhaupt nicht miteinander gesprochen.«
Dunn sah Brungk an. Sequel antwortete: »Zeitabläufe im virtuellen Raum werden anders empfunden als in der Realität. Cole hat schon recht. Für ihn sind nur wenige Sekunden vergangen.«
Cole hob abwehrend die Hände. »Ich hab genug von dem Scheiß. Du hast dich von diesem Weib einwickeln lassen. Ich hab’s befürchtet. Ich ruf jetzt in Omaha an. Sollen die sich mit diesem Pärchen herumschlagen.« Er wandte sich um und machte einen Schritt.
»Lawrence, warte!«, rief Dunn und wandte sich an Sequel. »Könnt ihr es ihm ebenso erklären wie mir?«
Sie nickte. »Kommen Sie, Cole.« Sie lächelte ihm zuckersüß zu, und Cole ging - wie von Fäden gezogen - zu ihr.
»Und was kommt jetzt? Gehirnwäsche?«
»Man kann ein Gehirn nicht waschen«, bemerkte Sequel ernst. »Nehmen Sie Platz und fassen einen von uns an. Mehr müssen Sie nicht tun, aber Sie werden anschließend verstehen, worum es uns geht. Sie müssen nichts befürchten. Wir werden nur reden.«
Damit wandte sie sich Brungk zu und sie berührten sich gegenseitig mit ihren Stirnen.
»Was jetzt?«, fragte Cole und sah Dunn fragend an.
Dunn deutete auf die beiden. »Na mach schon! Setz dich hin und berühre einen von ihnen.«
Widerstrebend folgte er der Aufforderung und streckte seinen Arm aus, um Sequel zu berühren. Im letzten Moment zuckte er zurück. »Was wird passieren, wenn ich sie anfasse?«
»Ich verstehe dich, aber dein Misstrauen ist unbegründet.« Dunn deutete mit dem Kopf auf die beiden. »Mach endlich. Sie warten auf dich.«
Cole seufzte und berührte die Frau. Ein kurzes Zittern fuhr durch seinen Arm und er bekam einen abwesenden Gesichtsausdruck.
Dunn wollte sich gerade einen Kaffee aus der Küche holen, als die drei sich wieder bewegten. Cole lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Oh Scheiße, in was sind wir da hineingeraten? Gut, dass ich Omaha nicht angerufen habe ... Wenn das alles stimmt ... und nach diesem Gespräch hab auch ich keine Zweifel mehr ... Ich darf gar nicht darüber nachdenken ...«
»Verstehst du jetzt, dass wir ihnen helfen müssen?«
Cole nickte. »Ja, sie haben mir gesagt, dass du sie begleiten wirst. Ich mach dabei allerdings nicht mit. Ich hab Elaine, und wir planen unsere Hochzeit. Da werde ich nicht mein Leben bewusst aufs Spiel setzen.«
»Ich verstehe dich.« Dunn legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Du wirst den Laden hier eine Weile allein schmeißen müssen. Offiziell kannst du sagen, ich wäre im Urlaub. Denkst du, das geht in Ordnung?«
»Du machst Witze! Wie soll ich die zwei Strafzettel, die ich in der Woche auszustellen habe, nur allein bewältigen?«
Dunn lachte. »So hab ich mir das gedacht.« Er wandte sich an Sequel und Brungk. »Ihr seid natürlich ab sofort keine Gefangenen mehr und könnt gehen, wohin ihr wollt.«
Sequel lächelte. »Und wohin sollte das sein? Wir kennen hier nichts und haben auch nichts - nicht einmal passende Kleidung.« Sie wand ihren Körper ein wenig. »Selbst mit diesem Stück Stoff fühle ich mich etwas unvollständig bekleidet.«
Dunn schluckte, als er die Bewegungen der Frau sah. Sie sah einfach atemberaubend aus. Er fragte sich, ob sich so eine Frau für einen wie ihn interessieren könnte. Er schalt sich in Gedanken sogleich einen Narren. Die Frau war eine Fremde und hatte zudem diesen Brungk, der selbst aussah wie ein griechischer Halbgott.
»Ihr könnt erst mal mit zu mir kommen«, hörte er sich sagen. »Ich hab das Haus meiner Eltern geerbt und lebe dort seit ihrem Tod allein. Der Platz reicht für uns alle. Es gibt gute Betten und ihr könnt euch dort frisch machen. Mit etwas Glück ist auch noch Kleidung von meiner Schwester da, die mit ihrem Mann nach Cheyenne gezogen ist. Die Sachen könnten Sequel passen, wenn sie auch nicht der neuesten Mode entsprechen werden. Brungk kann ein paar Sachen von mir anprobieren.«
»Das Angebot nehmen wir gern an«, sagte Sequel. »In deinem Haus gibt es auch eine Karte?«
Dunn lächelte. »Ja, eine Karte habe ich auch im Haus.«
»Dann schaff deine Gäste mal hier raus«, schlug Cole vor. »Es haben heute Morgen sicher ein paar Leute mitbekommen, dass wir diese zwei Nudisten an der Interstate aufgegriffen haben. Bevor hier Neugierige auftauchen, sollten sie schon weg sein.«
»Er hat recht«, sagte Dunn und deutete auf die Hintertür des Büros. »Mein Wagen steht hinter dem Haus. Folgt mir, ich bring euch mit dem Wagen zu mir nach Hause.«
Sie erhoben sich und folgten ihm. Dunn bemerkte erst jetzt, dass sie noch barfuß liefen. Schuhe hatten sie ihnen noch nicht anbieten können. Er lief zu seinem Wagen und öffnete ihn. »Na kommt schon.«
Sequel zögerte einen Moment und betrachtete skeptisch den Toyota Prius, bevor sie auf den Beifahrersitz kletterte. Brungk nahm auf dem Rücksitz Platz.
Sequel strich mit ihren Händen über den Stoff des Sitzes. »Dieses Fahrzeug ist überraschend bequem. Dunns Blick fiel auf die langen Beine seiner Beifahrerin und einige Augenblicke lang war er nicht in der Lage, den Wagen anzulassen. Verdammt, er war auch nur ein Mann, und in festen Händen oder nicht - diese Frau machte ihn wahnsinnig. Dabei hatte er nicht einmal das Gefühl, sie würde es absichtlich machen. Sie machte alles, was sie tat, mit einer beeindruckenden Unbefangenheit.
Er riss sich von dem Anblick los und fuhr gab Gas. Seine Fahrgäste blickten neugierig umher und schienen alle Eindrücke förmlich in sich aufzusaugen. Sequel sah ihn von der Seite an. »Der Antrieb ist sehr laut«, sagte sie. »Mit welcher Energieform wird dieses Fahrzeug angetrieben?«
»Diesel-Benzin.«
»Darüber liegen uns keine Informationen vor. Worum handelt es sich dabei?«
»Es wird aus Erdöl gewonnen. Wir haben Motoren, die das verbrennen und daraus Leistung beziehen.«
»Da werden fossile Brennstoffe verbrannt?«, fragte Brungk ungläubig. »Das wäre bei uns strengstens verboten. Wisst ihr denn nicht, was diese Verbrennungsrückstände mit eurer Welt anstellen?«
»Willkommen im 21. Jahrhundert«, erwiderte Dunn sarkastisch.
Nach wenigen Minuten erreichten sie ein alleinstehendes Haus mit zwei Stockwerken und einem - für diese Gegend untypischen - Satteldach. Eine breite Veranda mit einem roten Holzgeländer zierte die Vorderfront.
»Wir sind da«, erklärte Dunn. »Das ist mein Zuhause. Lasst uns hineingehen, da ist es viel kühler als hier draußen.«
Sie verließen das Auto und folgten Dunn über die kleine Holztreppe auf die Veranda. Sequel schaute sich immer wieder neugierig um und Dunn bildete sich ein, dass ihr gefiel, was sie sah. Er öffnete die Tür und ließ seine Gäste eintreten. Von der Veranda aus erreichte man die Küche. Dunn hatte seit dem Tod seiner Eltern fast nichts darin verändert. So hatte er alle Möbel aus den 50er Jahren behalten und kochte noch immer auf dem alten Gasherd, den sein Vater Dutzende Male repariert hatte. Er konnte sich einfach nicht davon trennen.
»Hier wird Essen zubereitet, nicht wahr?«, fragte Sequel. »Ich habe Fotos von solchen Räumen gesehen, hab aber keine Vorstellung davon, wie so etwas vor sich geht.«
»Richtig«, grinste Dunn, »Hier werden Speisen gekocht. Wir nennen so einen Raum Küche. Dies ist eine sehr alte Küche und stammt noch von meinen Eltern. Ich hab alles gelassen, wie es ist. Mir gefällt es so.«
Brungk hatte sich auf einen der Stühle gesetzt und wirkte desinteressiert, während Sequel mit ihren Fingern über die Oberflächen von Tisch, Anrichte und Spüle fuhr.
»Ich finde das faszinierend«, sagte sie. »Es ist unsagbar fremd für mich, aber es ist atmosphärisch stimmig. Ich weiß nicht, was es auslöst, aber es gefällt mir. Darf ich auch die anderen Räume sehen?«
Dunn deutete auf die schmale Holzstiege, die nach oben führte. »Die Schlafräume liegen oben. Vielleicht sollte ich euch zunächst diese Räume zeigen. Dort steht auch der Kleiderschrank mit den zurückgebliebenen Kleidungsstücken meiner Schwester.«
Er ging vor und deutete ihnen, ihm zu folgen. Oben öffnete er die Tür zum Zimmer seiner Schwester und Sequel blickte hinein.
»Hier könnt ihr zwei übernachten. Das Bett ist breit genug für zwei Personen. Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite. Was meint ihr?«
»Du meinst, ich soll mit Sequel zusammen in diesem Bett schlafen?«, fragte Brungk. »Ich halte das nicht für eine gute Idee.«
Dunn sah ihn ratlos an. »Ähem, und warum nicht? Ihr seid ein Paar, oder nicht? Dann könnt ihr auch in einem Bett zusammen schlafen.«
Sequel sah ihn lächelnd an. »Du hast da etwas nicht ganz richtig verstanden. Brungk und ich sind ein funktionales Paar. Wir wurden als Paar konzipiert, um eine bestimmte Aufgabe lösen zu können. Wir sind in der Lage, unsere Egos miteinander verschmelzen zu lassen und haben in diesem Zustand besondere Fähigkeiten. Wir sind genetisch aufeinander abgestimmt. Es ist dir doch selbst bereits aufgefallen. Denk an unsere Fingerabdrücke. Das ist nur ein Hinweis auf unsere enge Beziehung. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns auch geschlechtlich als Paar empfinden. Es ist im Grunde ein Zufall, dass wir als Typ A und Typ B konzipiert wurden. Zwischen Brungk und mir existiert kein emotionales Band. Wir würden es vorziehen, nicht gemeinsam in einem Bett zu schlafen.«
»Da hab ich wohl tatsächlich was in den falschen Hals bekommen«, meinte Dunn, kommentierte es jedoch nicht, als er Sequels fragenden Blick bemerkte. »Ich hab noch ein Gästezimmer am Ende des Flures, aber das ist nicht so komfortabel eingerichtet.«
»Das nehm ich!«, rief Brungk, ohne es überhaupt gesehen zu haben.
Dunn sah ihn überrascht an. »Du hast es doch noch nicht einmal gesehen.«
»Wenn es ein Bett enthält, reicht mir das völlig. Ich bin sehr müde und muss unbedingt ein paar Stunden schlafen.«
Dunn deutete auf das Ende des Flures. »Dann leg dich einfach hin.« Er wandte sich zu Sequel um. »Das gilt natürlich auch für dich. Du bist sicher auch müde.«
»Überhaupt nicht«, versicherte sie. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern weiter dein Haus anschauen und mich unterhalten. Es ist in eurem Zeitalter alles so interessant und ursprünglich. Ich möchte so viel wie möglich davon in mich aufnehmen.«
»Okay«, sagte Dunn und deutete auf das Bad. »Hier könnt ihr euch frisch machen, waschen oder duschen. Es gibt auch eine Toilette.«
Sequel warf einen Blick hinein und lächelte. »Nicht alles ist völlig verschieden, scheint mir. Das ähnelt einer Hygienezelle in meinem Heimatkomplex.«
Dunn öffnete die Tür zum Zimmer seiner Schwester. »In den Schränken dort befinden sich die Sachen meiner Schwester, die sie zurückgelassen hat. Probier einfach an, was dir passt und gefällt. Ein Spiegel befindet sich auf der Innenseite der Schranktür. Ich lass dich jetzt allein und du kannst in Ruhe auswählen. Wenn du mich suchst, findest du mich unten im Erdgeschoss. In Ordnung?«
Sequel lächelte und nickte. »Danke Dunn.«
»Wayne«, korrigierte Dunn. »Dunn ist der Familienname. Mein Vorname lautet Wayne. Wenn du schon in meinem Haus wohnst, solltest du mich beim Vornamen nennen.«
»Okay. Wayne also.«
Sie blickten sich einen Moment schweigend an, bis Sequel die Tür von innen verschloss. Dunn blieb noch einen Augenblick stehen, wandte sich dann um und lief die Treppe herunter ins Erdgeschoss. Im Kühlschrank fand er noch ein Bier, das er sogleich öffnete und mit ins Wohnzimmer nahm. Er hatte vor, sich durch das TV auf andere Gedanken bringen zu lassen, doch waren die Erlebnisse des Tages noch zu präsent in ihm. Er hielt die Fernbedienung in der einen, das Bier in der anderen Hand, konnte sich jedoch nicht entscheiden, was er tun sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, sollte in Kürze nicht mehr existieren? Und diese zwei eigenartigen Menschen, die nun auch noch in seinem Haus wohnten, sollten der Schlüssel zur Rettung sein? Ausgerechnet er sollte eine Rolle in diesem Drama spielen? Es war alles zusammen etwas viel für ihn.
Er wusste nicht, wie lange er so gesessen hatte, als er Geräusche von oben vernahm. Jemand kam die Treppe herunter. Das Erste, was er sah, waren zwei lange, nackte Beine. Es folgte eine junge Frau, wie er sie bislang nur aus Zeitschriften oder dem TV kannte. Sequel war eine ausgesprochene Schönheit und mit der Zielsicherheit einer Frau hatte sie aus dem Fundus seiner Schwester die Kleidung herausgesucht, die ihre gesamte Erscheinung am besten zur Geltung brachte.
Unten angekommen breitete sie ihre Arme aus und drehte sich einmal um ihre Achse. »Ich hoffe, ich habe passende Kleidung gefunden. Trägt man es so bei euch? Ich möchte natürlich nicht auffallen, wenn andere Menschen mich sehen.«
»Es ist perfekt«, beeilte sich Dunn zu versichern. Es war eigenartig, diese Frau in den Sachen seiner Schwester zu sehen. Sequel schien eine Vorliebe dafür zu haben, Kleidung zu tragen, die ihren Körper gut zur Geltung brachte, beziehungsweise einiges davon zeigte. Dunn konnte sich nicht erinnern, wann Kim zuletzt so kurze Röcke getragen hatte.
Sie setzte sich neben ihn auf die Couch und schlug ihre Beine unter. »Bei euch ist alles so ... ursprünglich«, sagte sie.
»Wie meinst du das?«
»In meiner Welt ist im Grunde jede Sekunde des Lebens vorgezeichnet. Bereits vor der Zusammenführung von Eizelle und Samen wird das zukünftige Leben nach den Erfordernissen der Gesellschaft geprägt. Der spätere Mensch wird exakt die Interessen und Talente entwickeln, die von der Gesellschaft benötigt werden. Dadurch sind die Menschen in ihren Tätigkeiten glücklich und werden wertvolle Elemente der Menschheit. Bei euch erscheint es mir eher roh und zufällig. Ist es nicht so?«
Dunn überlegte einen Moment. »Ich würde eher eine Prägung ungeborenen Lebens als unnatürlich oder sogar künstlich empfinden. Menschen sollten einen freien Willen haben und selbst entscheiden können, wie sie leben wollen.«
Sequel blickte ihn aus leuchtenden Augen an. »Wir haben einen freien Willen. Wie kannst du annehmen, wir unterlägen einem äußeren Zwang?«
»Wenn ihr alle für eine Aufgabe vorgesehen seid und man euch bereits vor der Zeugung genetisch darauf programmiert, sehe ich keinen freien Willen. Tut mir leid.«
»Jeder Mensch hat in unserer Gesellschaft das Recht, sich seinen Tätigkeitsbereich selbst auszusuchen. Natürlich wird er dabei seiner Prägung folgen, aber die Entscheidung liegt bei jedem selbst.«
»Du und Brungk habt also ganz allein entschieden, in die Vergangenheit zu reisen. Die Möglichkeit, hier zu scheitern, zu sterben, oder den Rest des Lebens in unserer rohen Zeit zu fristen, hat euch nie zweifeln lassen, ob ihr das Richtige tut?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht eine Sekunde. Wir wurden dafür geschaffen. Es war unsere Berufung.«
»Das meine ich doch! Ihr hattet überhaupt keine Wahl. In der Sekunde, als Wissenschaftler beschlossen hatten, Menschen zu schaffen, die in die Vergangenheit reisen sollen, war eure freie Wahl zum Teufel!«
Sequel sah ihn schweigend an. Dunn erwartete eine Antwort, doch sie kam nicht. Sie zog ihre Beine an und schlang ihre Arme darum. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Hatte er sie durch seine Argumente vielleicht verunsichert? Er wusste es nicht. Als die Pause zu lang wurde, schaltete er den Fernseher an und verfolgte eine Nachrichtensendung.
»Vielleicht hast du sogar recht«, sagte sie plötzlich. »Wir haben immer nur für die Reise hierher gelebt. Unsere Aufgabe steckt in uns, treibt uns an. Ich weiß jedoch nicht, was geschieht, wenn es uns gelingt, unsere Mission zu erfüllen. Unser Daseinszweck wäre dann erfüllt, obwohl wir nach unseren Maßstäben noch recht junge Menschen sind. Ich habe mir nie die Frage nach einem Danach gestellt, weißt du?«
»Na, dann denk mal darüber nach. Nach allem, was ihr erzählt habt, wird sich euer Daseinszweck schon sehr bald erfüllen.« Er erhob sich. »Habt ihr Zukunftsmenschen eigentlich keinen Hunger? In meiner Zeit muss man hin und wieder Essen. Hast du Lust, mir in der Küche zu helfen?«
Sequel sah ihn unsicher an. »Wie sollte ich dir helfen? Ich habe noch nie eine Speise selbst hergestellt. Bei uns erledigen das Maschinen. Die Synthetisierer präsentieren uns gleich vollständige Mahlzeiten.«
Dunn lachte leise. »Synthetisierer, hmm? Dann komm mal mit. Ich zeige dir, wie das hier bei uns läuft.«
Er lief voraus und Sequel folgte ihm neugierig. »Ihr bearbeitet also wirklich noch die Rohstoffe selbst? Ist jeder von euch dann eine Art Chemiker?«
Sie betraten die Küche und Dunn deutete mit dem Arm einmal im Kreis. »Sieht das aus wie ein Labor? Eine Küche ist ein Arbeitsraum, in dem man mit Lebensmitteln hantiert. Wenn ich deine Fragen richtig interpretiere, esst ihr überhaupt keine natürlich gewachsenen Dinge mehr. In meiner Zeit ist das anders. Bei uns werden essbare Pflanzen noch richtig angebaut und wachsen im Boden. Fleisch stammt noch von richtigen Tieren, die gezüchtet werden, um uns zu ernähren.«
Sequels Gesicht nahm einen entsetzten Ausdruck an. »Ihr esst Tiere? Ihr tötet Tiere, um sie zu essen? Ich hätte nie vermutet, dass Menschen in früheren Zeitaltern so barbarisch waren. Und wie muss ich mir das vorstellen, dass Pflanzen zum Essen im Boden wachsen? Ist dir nicht bewusst, wie keimverseucht wild wachsende Flora sein kann?«
Dunn lachte laut auf. »Natürlich sind wir Keimen ausgesetzt. Na und? Die meisten töten wir durch Hitze ab und an die Verbleibenden sind wir meist gewöhnt. Und was das Fleisch angeht ... Ja, wir Barbaren essen Tiere und auch ihre Produkte. Es gibt zwar auch Menschen, die das nicht tun, aber ich gehöre nicht dazu. Wenn du es nicht kennst, solltest du es zumindest einmal kosten. Du solltest wenigstens wissen, wovor du dich vor Entsetzen schüttelst. Oder kannst du etwa unsere Nahrung überhaupt nicht vertragen?«
Der Gedanke war ihm erst jetzt gekommen. Wenn diese Menschen nur keimfreie Nahrung kannten, wurden sie unter Umständen krank, wenn sie normales Essen zu sich nahmen.
»Euer Essen kann uns nicht schaden«, sagte Sequel. »Wir wurden genetisch so konzipiert, dass wir jede Nahrung vertragen sollten, die man in eurem Zeitalter kennt.«
»Okay. Also: Was hältst du von Bratkartoffeln mit Speck und Eiern? Mehr hab ich zurzeit nicht im Haus.«
»Ich kenne nichts davon. Ich werde mich überraschen lassen müssen.«
Dunn holte eine Tüte mit Kartoffeln hervor und begann, sie mit einem Schäler von der Schale zu befreien. Sequel zierte sich zunächst ein wenig, die schmutzigen Kartoffeln mit den Händen anzufassen, aber Dunn ließ nicht locker, bis auch sie versuchte, die Kartoffeln mit einem zweiten Schäler zu bearbeiten. Sie war recht ungeschickt und langsam, aber es gelang ihr nach kurzer Zeit, sie zu schälen.
»Ich schneide schon mal den Speck«, sagte Dunn. »Du könntest die Kartoffeln halbieren und in kleine Scheiben schneiden. Aber Vorsicht mit deinen Fingern. Das Messer ist sehr scharf.«
Während er den Speck würfelte, warf er immer einen Blick zu Sequel, die konzentriert an ihren Kartoffeln arbeitete. Man merkte ihr an, dass es eine völlig fremde Tätigkeit für sie war. Als alles geschnitten war, warf Dunn den Speck in eine Pfanne und zündete die Flamme auf dem Herd. Nach kurzer Zeit zog ein köstlicher Geruch nach gebratenem Speck durch die Küche und Sequel schnüffelte ständig mit der Nase.
»Ist das normal, wenn der Speichelfluss im Mund zunimmt?«, fragte sie. »Ich muss ständig schlucken.«
Dunn lachte laut. »Offenbar habt ihr Zukunftsmenschen noch nicht alles verlernt. Ja, es ist normal.«
Er nahm den ausgebratenen Speck aus der Pfanne und gab ihn in eine kleine Schale. Er fügte noch etwas Öl in die Pfanne und gab die Kartoffeln hinein. »Jetzt dauert es noch eine Weile. Man muss nur achtgeben, dass die Kartoffeln nicht am Pfannenboden anbacken. Im Schrank neben dir stehen Teller. Hol schon mal zwei heraus. Besteck findest du in der Schublade unter dem offenen Fach.«
Sequel öffnete den Schrank und bestaunte die Menge an Geschirr, die sauber aufgestapelt darin stand. Sie nahm zwei Teller heraus und holte auch zwei Messer und Gabeln aus der Schublade. »So was kenne ich auch noch aus meiner Zeit, obwohl wir Messer kaum noch verwendet haben.«
Neugierig stellte sie sich hinter Dunn und blickte in die Pfanne, in der er geschickt mit einem Pfannenwender die Kartoffeln wendete. Das laute Bratgeräusch irritierte sie. »Macht kochen immer solchen Lärm?«
»Lärm? Ich liebe dieses Geräusch beim Braten. Es stört mich auch nicht, dass es über eine halbe Stunde dauert, bis es fertig ist.«
»So lange dauert es, eine Mahlzeit zu bereiten? Bei uns ordert man sein Essen am Display des Synthetisierers und einen Augenblick später steht es dampfend im Ausgabefeld.«
»Bei uns dauert es eben. Manche Gerichte dauern noch viel länger, aber das Ergebnis rechtfertigt es in jedem Fall.«
Sequel blieb hinter ihm stehen und starrte fasziniert auf die Pfanne. Nach und nach trat sie näher an ihn heran und Dunn nahm auf einmal ihren Geruch wahr. Er musste sich krampfhaft auf sein Essen konzentrieren, um sich abzulenken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einer Schönheit wie Sequel so nahe gewesen zu sein. Er wusste genau, dass sie eine Fremde war, eine Frau aus einer fernen Zukunft. Er wusste, dass die körperliche Nähe nichts zu bedeuten hatte und nur ihrer unbefangenen Neugier auf alles geschuldet war, das ihr Informationen aus seiner Zeit bringen konnte. Alles das wusste er genau, aber er konnte trotzdem nicht verhindern, dass er auf sie reagierte.
Mit aller Gewalt brachte er sich auf andere Gedanken und rührte in den Kartoffeln. Als sie fast fertig waren und er den Speck dazugab, fiel ihm ein, etwas vergessen zu haben.
»Zwiebeln! Wie konnte ich die Zwiebeln vergessen?«
Schnell griff er in einen Eimer unter der Spüle und holte zwei Zwiebeln heraus. Geschickt entfernte er die äußere Haut und schnitt sie in Ringe. Als er Sequel ansah, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wieso, aber es ist etwas in der Luft, das meine Augen reizt.«
»Es ist die Zwiebel«, sagte Dunn. »Das geht gleich vorbei.« Er gab auch die Zwiebeln in die Pfanne und wendete alles noch einmal. »Gleich ist es so weit.«
Als Letztes schlug er zwei Eier auf und ließ sie über die Kartoffeln laufen.
Wenige Minuten später saßen sie sich am Küchentisch gegenüber und Dunn trug Sequel etwas aus der Pfanne auf. Er schob ihr die Pfeffer- und Salzstreuer herüber.
»Salz und Pfeffer musst du nach eigenem Geschmack verwenden. Nimm nicht zu viel, bis du ein Gefühl dafür bekommst. Würze lieber nach.«
Sequel saß hilflos vor ihrem Teller, der köstlich duftete, und wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Dunn nahm die Gabel und zeigte ihr, wie man es aß. »Einfach rein damit! Du kannst nichts falsch machen. Guten Appetit!«
Sie kostete vorsichtig von ihrem Teller und ihre Miene hellte sich zusehends auf. Die zweite Gabel war bereits deutlich voller als die erste. »Das schmeckt hervorragend. Ich hab noch nie einen so intensiven Geschmack erlebt. Schmeckt jedes Essen bei euch so gut?«
»Das hängt natürlich auch davon ab, wie gut jemand kochen kann. Bratkartoffeln sind jetzt nicht unbedingt eine Wissenschaft. Das ist ein recht einfaches Essen.«
»Ich finde es ungeheuer gut«, sagte sie mit vollem Mund.
Dunn beobachtete sie, und empfand eine irrationale Freude darüber, dass es Sequel so gut schmeckte. Als sie fertig waren, holte Dunn noch ein paar Früchte hervor, die sie ebenfalls mit Heißhunger verspeiste. »Und so was wächst bei euch einfach aus dem Boden?«
»Na ja, diese Pflaumen wachsen an Bäumen, aber grundsätzlich sind es einfach Pflanzen, die eigens angebaut werden, um gegessen zu werden.«
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Allein dafür würde ich auf ewig hier in dieser Zeit bleiben wollen. Das gibt es bei uns in der Zukunft alles nicht.«
Dunn sah sie nachdenklich an. »Ich würde es dir und Brungk wünschen, dass ihr eure Mission erfüllen könnt. Mir im Übrigen auch, denn ein Scheitern würde schließlich bedeuten, dass es all das bald nicht mehr geben würde. Es erscheint mir so verdammt unwirklich, darüber nachzudenken. Gut, es gab Zeiten, in denen wir Menschen einer totalen Auslöschung näher standen als einem stabilen Frieden ...«
Sie sah überrascht auf. »Wirklich? Und warum?«
»Menschen waren zu allen Zeiten kriegerisch veranlagt. Nach der Erfindung von Atom- und Wasserstoffbombe gab es eine Phase der militärischen Aufrüstung, und es sah mehr als nur einmal so aus, als würde es einen Verrückten geben, der den globalen Krieg auslösen würde.«
»Globaler Krieg? Auf der Erde? Zwischen den Menschen? Das ist unfassbar!«
»Ist es das wirklich? Kämpft ihr in der Zukunft nicht auch gegen die Skrii? Aggressives Verhalten scheint demnach auch in zwei Millionen Jahren noch immer in den Menschen zu existieren.«
»Aber doch nicht untereinander!«, entgegnete Sequel heftig. »Die Insektoiden wollen uns auslöschen! Das rechtfertigt jede Aggression!«
Dunn hatte keine Lust, dazu eine weitere Diskussion zu entfachen und ließ Sequels Ausbruch unkommentiert. Er wechselte das Thema. »Wie soll es eigentlich weitergehen? Wenn ich mich recht erinnere, wird die Waffe der Skrii in etwa zwei Monaten diese Zeitebene kreuzen. Wir haben also noch eine Menge Zeit, uns in Stellung zu bringen, aber wann wollt ihr im Yellowstone Nationalpark eintreffen? Braucht ihr eine Vorlaufzeit? Einen Mindestzeitraum vor dem Auftauchen der Waffe?«
Sequel überlegte. »Wenn sie auftaucht, wird sie innerhalb von zwei Tagen eurer Zeit weitergezogen sein. Wir sind zwar speziell für diesen Auftrag geschaffen worden, haben allerdings noch nie unter echten Bedingungen unseren Spürsinn prüfen können. Unsere Wissenschaftler meinen, wir würden das fremde Zeitfeld etwa einen Tag vor dem Durchgang spüren und lokalisieren können. Es darf dabei allerdings nicht mehr, als 100 Bymen ... entschuldige, das sind etwa 150 eurer Meilen ... entfernt sein.«
»Gut, dann schlage ich vor, ihr lebt euch erst mal etwas in unserer Zeit ein und einige Tage vor dem Ereignis fahre ich mit euch zum Park. Unter Umständen könnt ihr Hilfe von jemandem gebrauchen, der hier aufgewachsen ist.«
Sequel lächelte ihn an. »Ich hatte gehofft, dass du so denkst. Ich gestehe, dass ich befürchtet hatte, du und Cole würdet uns einfach nur für verrückt halten. Wir hatten bereits überlegt, eine ungezielte Ortsversetzung durchzuführen, aber ich war sicher, dass uns das nicht weitergebracht hätte. Schließlich hatten wir noch immer keine geeignete Kleidung, und erst recht keine Mittel, um weiterzukommen. Ich konnte Brungk überzeugen, zu warten. Ich bin froh, dass du uns jetzt glaubst. Kannst du mir erklären, was den Ausschlag gab, uns zu vertrauen?«
Dunn trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und überlegte. Die Frage war berechtigt. Vermutlich war es seine ›Entführung‹, der Aufenthalt im psychischen Konstrukt dieses seltsamen Paares, der ihn schließlich überzeugt hatte. Solche Fähigkeiten kamen bei normalen Menschen einfach nicht vor.
»Es war unser Gespräch in eurem virtuellen Raum, denke ich.«
Sie nickte. »Das hab ich vermutet. Du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du uns hilfst?«
Dunn schüttelte den Kopf.
»Und warum tust du es dann? Bist du immer so leichtsinnig?«
»Ich weiß es selbst nicht. Aber erkläre mir doch einfach, was geschehen kann.«
Sequel schmunzelte. »Doch, du weißt es. Du willst dir nur nicht eingestehen, dass ich der Grund sein könnte. Ich habe deine Blicke bemerkt. Das sollte für dich nicht der Grund sein, Wayne Dunn. Uns trennen Millionen Jahre Entwicklung und kulturelle Änderungen. Die Waffe der Skrii wird groß sein - wie eines eurer Häuser. Sie wird von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden, die nach den Wertvorstellungen der Skrii programmiert ist. Die Waffe ist darauf ausgelegt, sich gegen äußere Zugriffe zu verteidigen. Was immer wir tun, um sie unschädlich zu machen, wird von der KI als Bedrohung eingestuft und einen Verteidigungsmodus auslösen. Wir kämpfen seit Langem gegen diese Wesen und wissen daher, dass sie über mächtige Zerstörungswaffen verfügen. Unsere Mission ist vielleicht schon jetzt gescheitert, nur, dass wir es noch nicht wissen. Wir könnten alle sterben. Ist dir das klar?«
Dunn überlegte wieder. »Du hast vermutlich recht. Ich weiß selbst, dass es Schwachsinn ist, dich als normale Frau meiner Welt anzusehen. Hinzu kommt deine - für mich - unverständliche Beziehung zu Brungk, mit dem du dich in besonderer Weise mental verbinden kannst. Soweit der Verstand. Es steht nur nirgends geschrieben, dass Menschen immer nur vernünftig sind. Ist das bei euch anders?«
»Nein, auch wir sind nicht immer vernünftig - meistens aber schon. Unsere Gesellschaft basiert generell auf vernünftigem und logischem Verhalten.«
Dunn nickte. »Das dachte ich mir schon. Aber dein Argument, ich solle mich für dich nicht in Gefahr begeben, ist nicht unbedingt logisch, denn entweder wir gehen beim Versuch drauf, diese Waffe zu entschärfen, oder wir werden durch die Waffe selbst alle ausgelöscht. Was macht den Unterschied? Nur, wenn wir es überhaupt wagen, gibt es eine Chance auf Erfolg.«
»Stimmt«, sagte Sequel nachdenklich. »Das hatte ich nicht bedacht.«
»Sollten wir aber das Glück haben, und unsere Mission hat Erfolg, wirst du dich geistig davon lösen müssen, ein Mensch aus der Zukunft zu sein. Dann musst du dich in eine von uns verwandeln, oder du wirst in deinem Leben nie glücklich werden können.«
»Was meinst du mit glücklich?«
»Du kennst den Begriff Glück überhaupt nicht?«, fragte Dunn fassungslos. »Was ist mit Freude am Leben? Emotionalem oder körperlichem Hochgefühl?«
»Ich glaube, ich kann dir nicht folgen.«
Dunn betrachtete forschend die schöne Fremde. »Manchmal denke ich, dass euch in den Zeitaltern etwas verloren gegangen ist. Wenn wir Erfolg haben, werden du und Brungk eine Menge zu lernen haben. Was verbindet euch wirklich?«
»Brungk ist mein funktionaler Partner. Wir sind zwei Module, die zusammen funktionieren. Wir müssen uns geistig verschmelzen, um unser Potenzial ausschöpfen zu können. Du wirst es erleben, wenn wir gegen die Skrii-Waffe kämpfen werden. Dann wird sich zeigen, ob unsere Wissenschaftler uns richtig konfiguriert haben.«
»Wenn ihr so oft miteinander verschmelzt ... Was löst es emotional in euch aus? Was empfindet ihr dabei?«
Sequel lächelte nachsichtig. »Das scheint dir ungemein wichtig zu sein. Ich bezweifle, dass du es verstehst. Wir sind die Mission. Nur gemeinsam ist es uns möglich, sie zum Erfolg zu bringen. Wir fühlen uns erst in der Verbindung vollständig ... Ich weiß nicht, ob das korrekt ausgedrückt ist. Nur in der Verbindung gibt es überhaupt erst die Mission. Getrennt sind wir nur Menschen ohne besonderen Daseinszweck.«
»Entschuldige, aber das ist für mich eine grauenhafte Vorstellung. Eure Prägung hindert euch doch an allem, was das Menschsein ausmacht. Ihr empfindet demnach füreinander überhaupt nichts.«
»Hast du geglaubt, Brungk und ich hätten reproduktive Ambitionen?« Sie lachte hell auf. »Das ist absurd und durch unsere genetische Konditionierung auch überhaupt nicht möglich.«
Dunns Fassungslosigkeit wurde immer größer. Eigentlich hätte er das Gespräch hier gern abgebrochen, doch die Neugier und auch die auffällige Sachlichkeit Sequels trieben ihn dazu, weitere Fragen zu stellen. Er wollte einfach verstehen, mit wem er es zu tun hatte.
»Was meinst du damit? Wurdet ihr so geschaffen, dass euch Geschlechtlichkeit nichts bedeutet? Oder seid ihr überhaupt nicht in der Lage, euch zu ›reproduzieren‹, wie du es nennst?«
»Wir sind voll funktionsfähige Menschen der Typen A und B. Natürlich sind wir auch reproduktionsfähig, aber Brungk und ich sind diesbezüglich in jeder Hinsicht inkompatibel. Sind deine Fragen damit hinreichend beantwortet?«
Dunn verzog das Gesicht. »Vermutlich nicht, aber wir sollten weitere Fragen vertagen. Es ist spät geworden und ich brauche eine Mütze Schlaf. Wirst du überhaupt nicht müde? Brungk liegt schon seit Langem im Bett.«
»Ich brauche nicht so viel Schlaf, aber du hast recht. Ein paar Stunden könnten nicht schaden. Aber ich hab auch noch eine Frage.«
Dunn sah sie erwartungsvoll an.
»Wenn wir eine Weile hier bei dir wohnen ... Wird dann niemand Fragen stellen, wer wir sind? Cole weiß natürlich Bescheid, aber was ist mit anderen Menschen dieses Ortes?«
»Offiziell werde ich euch als Cousin und Cousine von der Westküste vorstellen. Ihr seid eine Weile hier bei mir zu Besuch. Von der Familie meines Vaters, die von der Westküste stammt, wissen die Wenigsten hier etwas. Man wird es euch abnehmen.«
Sequel nickte, aber er konnte sehen, dass sie noch nicht zufrieden war. »Was sind ein Cousin und eine Cousine?«
»Kinder der Geschwister der Eltern.«
Sie winkte ab. »Heute Abend wird mir das alles zu kompliziert. Vermutlich bin ich tatsächlich müder als ich dachte. Ich werde mich auch ins Bett legen.«
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und stieg die Treppe hinauf, die zu den Schlafräumen führte. Dunn blickte ihr hinterher und fragte sich, was er eigentlich erwartete. Er musste sich eingestehen, dass ihn diese Frau faszinierte. Sie sah toll aus, aber das war es nicht allein. Sie war hochintelligent, entstammte jedoch einer Kultur, die so fremdartig war, dass er sich ihr gegenüber vorkam wie ein Dinosaurier. Und genau genommen lagen zwischen ihnen so viele Jahre, dass dieser Vergleich durchaus angemessen war. Einige Minuten grübelte er und dann entstanden weitere Fragen in seinem Kopf. Brungk und Sequel sahen aus wie Menschen des 21. Jahrhunderts. Okay, sie sahen beide extrem gut aus, aber letztlich wirkten sie wie normale Menschen. Sollte sich der Mensch in zwei Millionen Jahren nicht weiterentwickelt haben? Was war mit Evolution? Offenbar hatten die Menschen die Erde verlassen oder zumindest andere Welten besiedelt. Müssten sie sich nicht ihrer neuen Umgebung angepasst haben? Würde sich das nicht auf das Aussehen auswirken müssen? Er hatte sich schon mit dem Gedanken angefreundet, Besuch aus der Zukunft bei sich aufgenommen zu haben, aber jetzt kamen ihm erneut Zweifel. Er beschloss, die beiden und ihr Verhalten in der nächsten Zeit sehr genau zu beobachten.

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