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Der Segen

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regenNaubatpur war sicherlich nicht der Nabel der Welt. Inesh wusste das, aber er kümmerte sich im Grunde nicht sonderlich um das, was in der Welt geschah. Er war ein einfacher Mann und zählte in seinem Dorf trotzdem zu den wenigen, die von sich behaupten konnten, dass ihnen ein kleines Stück Land gehörte. Wie schon sein Vater und dessen Vater vor ihm, baute er Reis an. Die Nähe des Ganges und die Lage seines Landes an einem kleinen Hügel begünstigten dies und Inesh beklagte sich auch nicht, dass es wohl nie gelingen würde, dort etwas anderes als Reis anzubauen.
Er hatte den ganzen Tag schon in der Hitze des Tages auf seinen Feldern gearbeitet und die Qualität der Pflanzen immer wieder geprüft. Der Boden war nur noch leicht feucht. In den oberen Terrassen seiner Anbaufläche war es bereits vollkommen ausgetrocknet.
Gerade jetzt war es wichtig, dass die empfindlichen Reispflanzen genügend Wasser hatten. Er blickte nach oben und sah einen makellos blauen Himmel. Kaum ein Wölkchen störte dieses tiefe Blau. Seit Wochen schon sah er nichts anderes, als diesen wolkenlosen Himmel. Seufzend erhob er sich und ließ seinen Blick über die grünen Felder schweifen. Noch waren sie grün, doch wenn es nicht bald Regen geben würde, könnte es geschehen, dass der Reis verdorren würde. Bereits jetzt konnte er die oberen Terrassen vergessen. Er glaubte nicht mehr daran, dass die Pflanzen dort noch zu retten waren. Wenn auch der Rest noch austrocknen sollte, würde er sein Land verkaufen müssen, um sich auf dem Markt im nahegelegenen Patna Lebensmittel zu kaufen. Er weigerte sich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Es war bisher noch immer weitergegangen. Inesh bete täglich zu Brahma und Vishnu, in der Hoffnung, dass ihm die Götter gnädig sein würden.

 
 
Er trank einen letzten Schluck aus seiner Wasserflasche. Nun war sie leer und somit war es Zeit, nach Hause zu kommen. Seine Glieder taten ihm weh von der harten Arbeit, aber das störte ihn nicht. Inesh war es gewohnt und wenn er am Ende des Sommers die Ernte einfahren konnte, würde sich die Quälerei gelohnt haben.
Er machte sich auf den Weg nach Hause. Der Gedanke an Neela und seine Tochter Roshan ließen ihn unvermittelt eine wohlige Wärme empfinden. Sie waren seine wahren Schätze - seine Familie. Neela hatte er vor Jahren auf dem Markt von Patna gesehen und es war gleich um ihn geschehen gewesen. Sie war so bildschön gewesen in ihrem bunten Sari und war ihm gleich aufgefallen. Sie hatte nicht, wie die meisten Frauen, ihren Blick züchtig gesenkt, als er sie angesehen hatte, sondern seinen Blick offen erwidert. Leider war sie die Tochter eines Händlers und ihr Vater hatte sie bereits einem befreundeten Händler versprochen, der einen Sohn hatte. Als einfacher Bauer war es ihm auch nicht möglich gewesen, den Brautpreis aufzubringen, um überhaupt daran zu denken, um sie anzuhalten. Also war er täglich zum Markt nach Patna gelaufen, nur um sie zu sehen, wenn es schon das Einzige war, das er sich leisten konnte. Neela blieb dieses Interesse nicht verborgen und stets überzog ein Lächeln ihr sonst so ernstes Gesicht, wenn sie ihn in der Menge ausgemacht hatte. Monatelang hatte er für diese Augenblicke gelebt und ihr Lächeln hatte ihn für die Strapazen des Weges entschädigt. Irgendwann war es ihm gelungen, mit ihr zu sprechen, als ihr Vater seinen Marktstand kurz verlassen musste. Er gestand ihr spontan seine Liebe und sein Herz hatte bis zum Hals geklopft. Es war einfach verrückt. Er war nur ein einfacher Bauer und kannte sie im Grunde überhaupt nicht. Trotzdem liebte er sie. Vollkommen aus dem Häuschen war er, als sie geantwortet hatte, dass sie genauso empfand.
Sie vereinbarten geheime Treffen und irgendwann bat Neela ihn, sie zu rauben, da ihr Vater sie sonst mit einem Mann verheiraten würde, den sie nicht mochte. Es war ihr vollkomen klar, dass sie damit alle Brücken hinter sich abbrechen würde.
Seit zehn Jahren schon war Neela nun bereits seine Frau und sie liebten sich noch wie am ersten Tag.
Der Weg nach Hause führte ihn an weiteren Feldern vorbei, die einem großen Herren in Patna gehörten. Viele seiner Nachbarn arbeiteten für ihn und sie grüßten Inesh, sobald sie ihn von weitem erkannten. Auf diesen Feldern gab es nicht diese Gefahr der Dürre, da ihr Besitzer Wasser aus dem nahen Ganges bis hierher pumpen ließ. Inesh hielt dies für sündhaft, da man doch kein Wasser aus dem heiligen Fluss einfach auf die Felder leiten konnte. Weit hinten konnte er die ersten kleinen Häuser von Naubatpur erkennen. Bald würde er zu Hause sein. Er freute sich bereits auf das Essen, das Neela für ihn gekocht hatte. Heute würde es nicht nur Reis geben, sondern auch ein Huhn, das sie in der letzten Woche auf dem Markt gekauft hatte.
Roshan entdeckte ihren Vater als Erste. Laut rufend kam sie auf ihren nackten Füßen angelaufen und warf sich ihm in die Arme. Inesh schwang sie mehrmals im Kreis und küsste sie. Roshan war das Kind ihrer Liebe und brachte den Sonnenschein in ihr Haus. Hand in Hand schritten sie über die Schwelle des kleinen Hauses, das bereits seinem Vater gehört hatte. Neela stand am Herd und rührte in einem großen Topf. Inesh stockte selbst nach zehn Jahren immer noch der Atem, wenn er sie nach einem langen Arbeitstag wiedersah.
"Inesh", sagte sie und strahlte ihn an. Doch dann umwölkte sich ihre Stirn. "Du kommst früh. Ich hatte noch garnicht mit dir gerechnet. Ist etwas geschehen?"
Inesh trat zu seiner Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange und in den Nacken.
"Das ist es ja. Es ist nichts geschehen. Noch ist es nicht wirklich schlimm. Der Boden ist noch feucht, aber wenn das letzte Wasser von den oberen Terassen abgelaufen ist, werden die Pflanzen vertrocknen. Es ist bereits Juli und der Himmel sieht aus, als wolle er niemals wieder eine Wolke hervorbringen."
"Hab Geduld. Vishnu wird es nicht zulassen, dass es geschieht. Der Monsun hat uns noch nie im Stich gelassen."
"Neela, ich wünschte manchmal, ich hätte deine Ruhe und Gelassenheit. Sicher wird der Monsun kommen, doch er nutzt uns nichts mehr, wenn die Pflanzen erst verdorrt sind."
Neela wandte sich ihm zu.
"Vielleicht fragst du Shankar Prakash", schlug sie vor. "Vielleicht gibt er dir von seinem Wasser ab."
"Neela!", ereiferte sich Inesh, "Prakash nimmt sein Wasser aus dem Ganges!"
"Ich bin auch eine Hindu", sagte sie, "aber es kann doch Brahma nicht erzürnen, wenn wir sein Wasser verwenden, um den Reis zum Wachsen zu bringen."
"Nein!", sagte Inesh fest. "Es ist Unrecht."
"Unrecht ist es, wenn es uns zwingt, das Land zu verkaufen, um unser Essen zu kaufen. Was ist mit Roshan? Du hast immer gesagt, sie soll die Schule in der Stadt besuchen, damit sie einmal eine Ausbildung machen kann."
Inesh blickte gequält zwischen Neela und Roshan hin und her. Roshan war seine Tochter, sein Schatz, seine Zukunft. Was sollte er tun?
Roshan kam zu ihm und schlang ihre Arme um seine Beine.
"Sei nicht mehr traurig, Vater", sagte sie. "Ich brauche keine Schule. Es wird alles wieder gut. Ich bete jeden Abend vor dem Schlafengehen zu Vishnu und ich bin sicher, dass er uns helfen wird."
Inesh ging in die Hocke und umarmte sein Mädchen. Er küsste sie auf die Stirn und konnte nicht verhindern, dass ein paar Tränen sich ihren Weg über die Wangen suchten. Es rührte ihn, dass ihre Tochter begriffen hatte, wie ernst es aussah und lieber auf das Lernen in der Schule verzichten wollte, um ihnen zu helfen.
"Du bist so lieb, meine Kleine", sagte er flüsternd. "Aber du musst etwas lernen. Die Zeiten haben sich geändert. Heute müssen auch Mädchen etwas lernen. Ich will, dass du eine Zukunft hast."
Neela hatte inzwischen den Topf auf den Küchentisch gestellt und ein paar Schalen hervorgeholt. Dann wischte sie sich ihre Hände an einer Schürze ab, die sie zum Schutz ihre Sari angelegt hatte und kniete sich zu den beiden auf den Boden.
Sie kannte ihren Mann. Er würde niemals etwas tun, das gegen seinen Glauben verstieß. Sanft streichelte sie ihm über das Haar.
"Inesh, wir haben schon so viel gemeinsam überstanden", sagte sie. "Wir überstehen auch das hier gemeinsam. Sollte es nötig sein, das Land wirklich zu verkaufen - würde es etwas zwischen uns ändern, wenn du und vielleicht auch ich auf den Feldern von Shankar Prakash arbeiten müssten?"
Inesh hob erstaunt den Kopf. "Aber nein, das würde zwischen uns überhaupt nichts ändern. Ich werde dich immer lieben."
Neela lächelte ihn an. "Eben", sagte sie. "Das Leben geht weiter und wir sind zusammen. Was zählt sonst noch?"
Er sah seine Frau an. Sie überraschte ihn immer wieder.
"Und nun lasst uns am Tisch Platz nehmen, oder wollt ihr das schöne Huhn kalt werden lassen?"
Sie beteten ein kurzes Dankgebet und dankten Vishnu für das Mahl. Anschließend aßen sie und ganz allmählich wurden ihre Gespräche wieder entspannter und irgendwann lachten sie sogar miteinander.
Als sie am Abend zu Bett gingen fragte Neela:
"Was denkst du: Wie lange halten die Pflanzen es noch ohne Wasser aus?"
"Ich weiß nicht - höchstens einen oder zwei Tage, denke ich. Danach wird die Ernte wohl ausfallen."
Sie rückte dicht an ihn heran und schmiegte sich an ihn.
"Der Monsun wird kommen", sagte sie. "Wart's ab."
"Ich wünschte manchmal, ich hätte deinen unerschütterlichen Glauben."
Sie stemmte sich auf ihren Armen hoch und sah im in die Augen.
"Ich wusste damals auch gleich, dass du mich aus meinem Elternhaus rauben würdest. Ich habe fest daran geglaubt - und ich habe Brahma darum gebeten."
"Du hast darum gebetet, geraubt zu werden? Das hast du mir nie gesagt."
"Ich habe darum gebetet, von dir geraubt zu werden. Das ist ein Unterschied. Und jetzt glaube ich fest daran, dass die Götter gnädig sein werden."
"Ich weiß nicht, womit ich dich verdient habe", sagte er und gab ihr einen langen Kuss.
"Weil du bist, was du bist", sagte sie. "Und weil du mich liebst. Nun lass uns schlafen. Der Morgen beginnt früh."
Sie löschten das Licht. Inesh konnte lange nicht einschlafen. Immer wieder ging ihm alles durch den Kopf. Erst im Morgengrauen schlief er endlich erschöpft ein.
Es war schon fast hell, als er fühlte, dass ihn jemand schüttelte.
"Vater, wach auf!", rief seine Tochter. "Das musst du sehen. Es geschieht."
"Was geschieht?", fragte er schlaftrunken.
"Wolken", sagte Roshan und rannte aus dem Zimmer.
Jetzt bemerkte es Inesh auch. Draußen war es nicht so hell wie sonst und ein leichtes Grummeln war zu hören. Blitzartig war er wach und sprang förmlich in seine Kleider hinein. Er rannte nach draußen, wo bereits Neela und Roshan standen und in den Himmel starrten. Er sah ebenfalls nach oben und der Himmel war aschgrau vor dichten Wolken, die sich allmählich von Osten heranschoben.
Minutenlang standen sie schweigend und staunten über diese dunkle Wolkendecke.
"Der Monsun", flüsterte Inesh leise. "Er hat ihn uns geschickt. Die Regenzeit - sie kommt."
Neela sah ihn lachend an und hielt ihre Handflächen nach oben. "Der erste Tropfen", sagte sie. "Ich haben ihn gespürt."
"Ich auch!", rief Roshan und hüpfte vor Freude.
Inesh sagte überhaupt nichts. Er sah nur nach oben und hörte ein mächtiges Rauschen, das mit einem Mal die ganze Luft zu erfüllen schien. Im nächsten Moment begann der erste Monsunschauer seit vielen Monaten. Innerhalb von wenigen Augenblicken war die ganze Straße nass und der Weg verwandelte sich in braunen Matsch. Mitten in diesem Inferno aus prasselndem Regen standen drei Personen und genossen, das Gefühl, von diesem kostbaren Nass vollkomen durchnässt zu werden. Erst hüpfte nur Roshan in den Pfützen herum und spritzte sie alle mit dem Wasser voll, dann begannen auch Neela und Inesh zu tanzen und zu hüpfen. Es war pure Freude darüber, dass endlich der Regen da war - der lebensspendende Regen. Nun würden sie sich keine Sorgen mehr über die Ernte machen müssen.
"Danke!", brüllte Inesh in den tosenden Himmel hinein. "Danke, dass du uns segnest!"
Er nahm seine beiden größten Schätze in den Arm und begriff erst jetzt, was hier eigentlich geschah. Alle Last fiel von ihm ab und er ließ seinen Gefühlen freien Lauf. Die Tränen rannen ihm über das Gesicht und er war einfach glücklich.

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