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Die Chance

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Larissa zog ihren Pelzmantel enger um ihre Schultern und zog sich die warme Kapuze über die Ohren. Forschend blickte sie den vor Eiskristallen im Sonnenlicht blitzenden Weg entlang. Sven, ihr Freund, hätte schon längst zurück sein sollen. Vor drei Tagen war er losgezogen, um nach Nahrungsmitteln und Brennstoffen zu suchen. Er hatte eine Karre und die letzten beiden Pferde mitgenommen, die ihnen noch verblieben waren.
Larissa fröstelte. Sollte Sven nicht zurückkehren, würde es schwierig werden, mit den Kindern und vor allem den drei Alten zurechtzukommen.
Sie schreckte zusammen, als sie eine Berührung an ihrem Ärmel bemerkte. Es war Murat, einer der jüngsten ihrer Gruppe. »Anne?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht deine Anne. Das weißt du doch. Oder nicht?«
Der Junge nickte. »Aber ich hab Angst. Und mir ist kalt.«
Sie sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann öffnete sie ihren Mantel ein Stück. »Na, komm schon. Wir wärmen uns gegenseitig. Wo kommst du überhaupt her? Hast du dich etwa auf der Ladefläche vom Elektrokarren versteckt?«


Murat schmiegte sich dankbar an ihren Körper und Larissa schloss den Mantel um sie beide.
»Wird meine Anne zurückkommen?«, fragte er leise.
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte nein. Ich weiß es natürlich nicht genau, aber schau dir die Welt an, in der wir leben. Wohin man schaut, gibt es nur noch Schnee und Eis. Die meisten Menschen sind entweder geflohen oder tot.«
Murat schluchzte leise. »Glaubst du, meine Leute sind auch tot? Als wir von Duisburg aufgebrochen sind, waren wir doch alle gesund. Sie kommen bestimmt zurück.«
Larissa strich dem Jungen tröstend über die Haare. »Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Vielleicht haben sie es ja geschafft, aber dann werden sie schon viel weiter im Süden sein. Ich würd‘s dir wünschen, wenn du sie eines Tages wiedersiehst, doch bis es soweit ist, wirst du bei uns bleiben.«
Sie blickte zweifelnd in den blauen Himmel, der einen schönen Sommertag vortäuschte, wie er noch vor einiger Zeit im August gewesen wäre. »Hoffentlich kommt wenigstens er zurück«, murmelte sie leise.
»Wer soll zurückkommen?«
Sie lächelte, weil Murat sofort darauf reagiert hatte. »Sven. Ich warte auf Sven.«
»Ist Sven dein Mann?«
»Mein Mann?« Sie lachte leise. »Nein er ist mein ... Freund. Vielleicht wird er mal mein ... wenn wir das alles hinter uns ... » Eine Träne rann über ihre Wange. Murat hatte sie aus den Tiefen des Pelzmantels angesehen. »Weinst du Larissa? Warum weinst du?«
Sie wischte sich die Träne mit dem Handrücken aus dem Gesicht. »Es ist kalt. Lass uns wieder reingehen.«
Sie wandten sich um und betraten den massiven Eingang einer Anlage, die vor vielen Jahren geschaffen worden war, um Menschen vor den Folgen eines atomaren Angriffs zu schützen. Mit einem satten, schmatzenden Geräusch schloss sich die schwere, automatische Tür hinter ihnen. Der Eingangsbereich war nüchtern und schlicht, bestand im Grunde nur aus dicken Betonwänden. Sogleich wurde es ihnen wärmer. Früher mag es hier einmal eine Wachmannschaft gegeben haben - heute war die ganze Anlage vollkommen unbewacht. Larissa hatte nicht einmal etwas von der Existenz dieser Bunkeranlage gewusst, doch hatte sich die eher zufällige Entdeckung in der Nähe von Ahrweiler als Segen für ihre Gruppe herausgestellt. Seit ein paar Monaten lebten sie nun bereits in dieser Anlage, die einmal der Regierungsbunker der Bundesrepublik Deutschland gewesen war. Eine Kleinstadt unter der Erde, gedacht dazu, bis zu 3000 Menschen aufzunehmen. Eine kleine Enttäuschung war es, als sie feststellten, dass die erwarteten Lebensmittel nicht existierten. Immerhin wurde der Bunker seit einigen Jahren nur mehr als Museum genutzt. Allerdings gab es eine beachtliche Menge an Dieselkraftstoff für die zahlreichen Generatoren für Strom und Heizung. Frieren mussten sie also nicht. Lediglich ihr Lebensmittelbedarf musste durch Raubzüge in den umliegenden Ortschaften und Städten gedeckt werden. Auf einem solchen Raubzug befand sich Sven, und wenn er nicht zurückkam, hatten sie ein Problem. Larissa seufzte. Vielleicht hätten sie nach Süden ziehen sollen, wie die meisten der Überlebenden es getan haben. Andererseits wusste keiner von ihnen, was aus ihnen geworden ist. Die Alpen wollten erst einmal überwunden werden, und in diesen Zeiten konnte man nicht davon ausgehen, dass es brauchbare Straßen gab. Sie half Murat aus den dicken Sachen und verstaute ihren Mantel in einem großen Stahlschrank, der neben der Aufzugtür stand. Gemeinsam warteten sie auf die Kabine, die von der hundert Meter tiefer gelegenen Bunkerebene heraufkam. Schweigend betraten sie den Aufzug, in dem es nur zwei Knöpfe gab: Bunker und Ausgang. Larissa wunderte sich immer wieder darüber, wie reibungslos die Technik in dieser Anlage noch immer funktionierte, obwohl sie bereits vor dreißig Jahren stillgelegt worden war. Mit einem leichten Ruck hielt die Kabine an und sie stiegen aus. Der Anblick der hohen Halle mit ihrer überdimensionalen Tresortür und den schweren Hydraulikstempeln, die sie bewegen konnten, beeindruckte sie jedes Mal. Ursprünglich war sie dazu gedacht, den Regierungsbunker gegen die von außen eindringende Radioaktivität zu schützen. Zurzeit war diese Tür immer offen, da es lediglich die Kälte war, gegen die es sich zu schützen galt und sie dagegen noch einige Vorräte an Brennstoff in den Tanks der Bunkeranlage besaßen, mussten sie sich nicht vollständig einschließen.
Murats kleine Hand schlich sich in Larissas Hand und so betraten sie gemeinsam ihr eigenartiges Heim, dem sie verdankten, noch am Leben zu sein.
Nach einer kurzen Fahrt mit einem der zahlreichen Elektrokarren, erreichten sie den »Stadtteil«, in dem sich ihre Gruppe niedergelassen hatte. Hier gab es richtige Wohnungen mit allem, was man brauchte - abgesehen von Lebensmitteln.
Richard, das älteste Mitglied der Gruppe, saß auf einer Bank vor seiner Wohnung und rauchte eine Pfeife. Er winkte fröhlich, als Larissa mit dem Elektrokarren anhielt. »Larissa-Kindchen, hast du Nachrichten von draußen mitgebracht?«
Er glaubte immer noch, dass die Lage, in der wir uns befanden, sich wieder bessern würde
»Nein Richard. Es ist immer noch kalt, und wenn du mich fragst, wird es immer schlimmer.«
»Wart’s ab, Kindchen. Die Sonne wird sich noch durchsetzen. Hat sie immer getan.«
Larissa ließ ihn auf der Bank sitzen und ging mit Murat in den Gemeinschaftsraum. Dort hielten sich auch die anderen Mitglieder ihrer zusammengewürfelten Gruppe auf.
Marlene hatte früher als Köchin in einer Großküche gearbeitet und kümmerte sich darum, dass alle etwas Vernünftiges zu Essen bekamen. Sie stand an einem Herd des Gemeinschaftsraumes, der früher wohl tatsächlich als Kantine gedient hatte, und winkte Larissa mit dem Kochlöffel zu.
Die Kinder, die sie auf ihrem Weg von der Nordseeküste in verschiedenen Orten aufgegabelt hatten, saßen in einer Ecke des Raumes und spielten. Sie kamen mit der Situation noch am besten zurecht, solange sie nicht darüber nachdachten, wo ihre Eltern geblieben waren. Die Flucht vor dem Eis hatte in weiten Teilen Deutschlands und auch in den übrigen europäischen Staaten zu einem Chaos geführt, dem unzählige Menschen zum Opfer gefallen waren.
»Ist der Zwerg dir wieder nachgeschlichen?«
Larissa drehte sich zu dem Sprecher herum. Es war Ulf, nicht viel älter als sie und im früheren Leben Schreiner. Sein handwerkliches Geschick hatte ihnen schon gute Dienste geleistet.
Larissa winkte ab. »Lass ihn doch. Irgendwie hat er mich wohl adoptiert, und so ist er wenigstens beschäftigt.«
»Noch keine Spur von Sven?«
Sie schüttelte den Kopf. »Hatte er nicht ein Funkgerät dabei?«
»Ja, schon. Aber du kennst diese Dinger aus dem Lager hier im Bunker doch selbst. Die sind uralt und unzuverlässig.«
»Verdammt, ich mach mir einfach Sorgen! Es dauert immer länger, bis er zurückkehrt. Es scheint immer schwieriger zu werden, Vorräte für uns zu beschaffen.«
Ulf nickte. »Die nähere Umgebung ist längst abgegrast. Man muss immer weiter fahren, um etwas zu finden.«
»Das kann doch auf Dauer keine Lösung sein?«, ereiferte sich Larissa. »Was geschieht, wenn der Winter einbricht? Wissen wir eigentlich, bis wohin die Gletscher schon vorgedrungen sind? Wenn sie uns erreichen, sind wir hier eingeschlossen. Dann ist das alles ...« Sie machte mit der Hand eine umfassende Geste. »... nichts weiter als ein riesiger Sarg. Ich bin noch immer dafür, weiterzuziehen.«
»Und wohin? Die Alpen sind schon längst nicht mehr passierbar. Die Letzten, die es versucht hatten, melden sich schon seit Tagen nicht mehr. Ich glaub nicht, dass sie noch leben.«
»Es muss einfach eine Lösung geben!«, sagte Larissa trotzig. »Ich will noch nicht sterben.«
»Meinst du ich? Oder einer der anderen hier? Ohne diesen Scheißbunker hier wären wir schon längst tot, glaub mir. Vielleicht sprichst du mal mit Jürgen. Der alte Haudegen war Hobbyfunker und ist nicht aus seiner Kommunkationszentrale wegzubekommen. Möglicherweise hat er Kontakt zu anderen Gruppen bekommen und etwas erfahren, das uns nutzen kann.«
»Das ist eine Idee. Hier, nimm mal Murat und gib ihm was zu essen. Ich fahr noch mal zu Jürgen rüber.«
Larissa entschied sich dann doch, zu laufen. Die Kommunikationszentrale - früher einmal als Verbindung der Regierung zur Außenwelt gedacht, enthielt alles, was man brauchte, um aus einem Tiefbunker heraus regieren zu können - lag in einer anderen Ebene und man war schneller über die Treppenhäuser dorthin gelaufen, als mit einem Elektrokarren gefahren. Einige Minuten später war sie am Ziel. Die Zentrale war mit alten Röhrenbildschirmen vollgestopft und zahllose Kabel liefen kreuz und quer über den Boden. Das war Jürgens Werk, der aus dem vorhandenen Material ein leistungsstarkes Funkgerät gebastelt hatte.
Jürgen selbst thronte hinter seinen Geräten und drehte an diversen Knöpfen.
»Hallo Jürgen. Schon was Neues erfahren?«
Er blickte kurz hoch. »Ach, hallo Larissa. Was treibt dich denn in meine Elektronik-Höhle?«
»Ich mach mir Sorgen um Sven. Er müsste längst zurück sein.«
Jürgen wandte sich zu ihr. »Du weißt, dass es sehr gefährlich ist, was Sven tut? Die Kälte nimmt zu, obwohl wir noch lange nicht Winter haben. Es gibt noch immer marodierende Gruppen, die ebenfalls auf Plünderungstour sind. Wenn er auf solche Gruppen stößt, wird es schnell ernst. Aber eigentlich ist er ein sehr geschickter Plünderer. Außerdem sind wir hier besser ausgerüstet und in besserer körperlicher Verfassung. Er sollte es schaffen.«
Er sah Larissas trauriges Gesicht. »Mach ein anderes Gesicht, Mädchen. Er kommt bestimmt zurück. Oder meinst du, er lässt sich ein Mädchen wie dich entgehen?«
Der Anflug eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. »Ach, ich weiß auch nicht. Konntest du erfahren, wie es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte? Gibt es Hoffnung auf Besserung? Sind schon Helfer von irgendwo unterwegs?«
Jürgen presste seine Lippen fest aufeinander. »Larissa, ich will dir nichts vormachen. Der Motor unserer Welt ist stehengeblieben. Ich hab es von Funkern auf Schiffen im Südatlantik erfahren. Den Golfstrom, der über Jahrtausende hinweg die europäischen Küsten mit warmem Wasser versorgt hat, gibt es nicht mehr. Jetzt holt sich die Arktis das zurück, was ihr der Golfstrom so lange verwehrt hat. Es ist nur überraschend, mit welcher Geschwindigkeit dies geschieht. Die ersten Ausläufer der Gletscher haben bereits Düsseldorf erreicht. Von Osten her schieben sich bereits Eisschichten vor die Alpen. Ich hab es vorhin erst erfahren. Ich fürchte, wir sind hier nicht mehr lange sicher, völlig unabhängig davon, ob wir genügend Lebensmittel finden. Wenn erst der Winter einbricht, ist das Eis sehr schnell hier und sperrt uns hier ein. Wir werden sehr bald unsere Sachen packen müssen.«
»Und wohin soll es dann gehen? Du sagst selbst, dass sich bereits Eis vor den Alpen auftürmt.«
»Die einzige Chance ist der Westen. Dort könnte es gelingen, das Mittelmeer zu erreichen. Barcelona soll noch eisfrei sein.«
»Wann wolltest du es den anderen sagen?«
»Heute Abend beim Essen, okay?«
»Okay. Ich geh dann mal wieder. Ich hab keine Ruhe. Ich denke, ich geh noch mal nach oben.«
»Mach dich nicht selbst fertig, Larissa. Wenn er kommt, dann kommt er. Du kannst es nicht beeinflussen.
»Das weiß ich selbst. Aber ich fühl mich besser, wenn ich noch mal nach oben fahre und nachsehe.«
Jürgen zuckte mit den Achseln. »Dann wirst du es halt machen müssen. Ich würd es mir an deiner Stelle ja ersparen ...«
Larissa hatte Angst. Sie konnte nicht einmal sagen, was ihr am meisten Angst machte. War es die Hoffnungslosigkeit, einfach im Bunker auszuharren? War es der Gedanke, auf dem Weg zum rettenden Mittelmeer zu erfrieren? Oder war es sogar nur die Angst, Sven zu verlieren? Sie wusste es nicht.
Sie presste ihre Lippen fest aufeinander und drehte sich wortlos um. Wieder auf dem Gang, überkamen sie die Tränen. Sie konnte einfach nicht mehr. Jeder erwartete von ihr ein freundliches Wort, das Ausstrahlen von Zuversicht. Im Grunde war sie ein positiv eingestellter Mensch, doch die Kraft, aus der sie das alles schöpfte, war aufgebraucht.
Vielleicht sollten sie einfach aufgeben - wie die vielen anderen, deren Leichname erfroren unter dem Schnee und Eis lagen, die vielleicht erst in vielen Jahren wieder ans Tageslicht kommen würden.
Eine Weile lehnte sie an der kühlen Betonwand, dann fing sie sich wieder. Mit der Hand wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Leise schlich sie sich am Gemeinschaftsraum vorbei, da sie keine Lust hatte, wieder eines der Kinder im Schlepptau zu haben. Erst, als sie mit einem der Elektrokarren losfuhr, erfüllte sie ein irrationales Gefühl der Erleichterung. Wie lange noch würden sie den Luxus dieser Bunkeranlage genießen können? Wenn die Tage erst wieder kürzer werden würden und der Winter einbrach, würde der Gletscher bald bei ihnen eintreffen. Wenn dies geschah, sollten sie schon eine erhebliche Distanz zwischen sich und das Eis gebracht haben. Doch wie sollten sie die Kinder, und vor allem die Alten, transportieren? Sven war mit ihren beiden Pferden unterwegs. Was, wenn diesen Tieren etwas zugestoßen war? War das unter Umständen der Grund, warum Sven nicht zurückkehrte?
Sie erreichte den Aufzug und sprang von ihrem Fahrzeug. Sie ließ es achtlos mitten im Gang stehen und öffnete die Aufzugtür. Ein Druck auf den oberen Knopf und die Kabine setzte sich ruckelnd in Bewegung.
Im Geiste spielte sie das Szenario durch. Die Pferde tot - erfroren -, und Sven ... Was dann? Sie müssten zu Fuß nach Westen ziehen. Auch, wenn es dort noch keine Gletscher gab, so war die Welt auch dort weiß und tödlich kalt. Sie bezweifelte, dass ihr Pelzmantel sie lange schützen würde.
Oben angekommen, griff sie nach ihrem Mantel und wickelte sich einen warmen Schal um ihren Hals. Dicke Stiefel und Skihandschuhe rundeten das Bild ab. Entschlossen entriegelte sie die Eingangstüren und trat nach draußen.
Eine dicke Wolkendecke hatte sich vor die Sonne geschoben und verdeckte sie. Die Welt wirkte gleich einige Nuancen dunkler, obwohl das allgegenwärtige Weiß eigentlich das Gegenteil erwarten lassen würde. Oh, wie sie dieses Weiß hasste!
Angestrengt blickte sie die Straße hinunter, bzw. den Weg, der einmal eine Straße gewesen war. Es gab nur diesen Weg zum Bunker, und wenn Sven es schaffte, zu ihr zurückzukehren, musste er diesen Weg nehmen.
Es begann zu schneien und die Sicht wurde schlechter. Unwillkürlich zog Larissa ihren Mantel noch enger um sich und ihre Kapuze tiefer ins Gesicht. Die Kälte biss in ihre Haut und es fühlte sich an, als würde sie um die Lippen herum aufplatzen, als sie plötzlich einen Lichtschein im Schneetreiben zu erkennen glaubte. Zunächst vermutete sie, einer Täuschung aufgesessen zu sein, doch dann drangen die Geräusche von Motoren an ihr Ohr. Solche Geräusche hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Die letzten motorgetriebenen Fahrzeuge hatte sie gesehen, als ein Treck zusammengestellt worden war, der versuchen wollte, die Alpen zu überqueren. Sie hatten nie wieder etwas von ihnen gehört.
Das Geräusch kam näher und inzwischen konnte sie auch Scheinwerferkegel erkennen, die sich den Weg zu ihrem Bunker heraufkämpften.
Wieso quälten sich Fahrzeuge hier herauf? Der Weg endete schließlich beim Bunker.
Das Dröhnen der Maschinen wurde immer lauter und dann sah sie, wieso sie solch einen Lärm machten. Es waren keine normalen Autos oder Lastkraftwagen, sondern schwere Baufahrzeuge mit massiven Schneeräumern davor. Dahinter fuhren einige militärische Lastwagen, ein Bus und schließlich eine ganze Reihe von Tanklastzügen, sowie ein Panzer der Bundeswehr.
Unmittelbar vor ihr hielt das erste Räumfahrzeug an, und ein Mann in einem dicken Thermoanzug sprang aus der Fahrerkabine herunter in den Schnee. Sein Kopf steckte in einer Kapuze, während eine dunkle Brille und ein hochgezogener Schal ihn unkenntlich machten. Der ganze Tross hielt an, die Motoren wurden jedoch nicht abgestellt.
Larissa blickte dem Mann staunend und fragend entgegen. Sie wusste nicht, ob sie lieber nach drinnen fliehen und das Tor verriegeln sollte, oder lieber abwarten. Ihre Neugier überwog und der Mann trat dicht auf sie zu. Er zog seinen Schal vom Gesicht und nahm die Brille ab. Es war Sven.
»Hallo, mein Schatz! Wieso stehst du hier draußen, in der Kälte? Du holst dir noch den Tod.«
Larissa glaubte ihren Augen nicht. »Sven? Wo hast du nur gesteckt? Ich hab mir solche Sorgen gemacht! Ich hab schon geglaubt, dir wäre was zugestoßen.«
Er zog sie mit der Hand an sich und küsste sie auf ihren eiskalten Mund. »Fast wäre ich auch nicht zurückgekehrt. Auf meinem Weg nach Bonn bin ich über einen gefrorenen See gefahren - so wie immer eigentlich. Diesmal jedoch brach das Eis und die ganze Kutsche, samt den Pferden, versank. Ich konnte gerade noch rechtzeitig abspringen.«
»Ja, aber dein Funkgerät ...«
»Ist mit dem Wagen versunken. Ich bin tagelang umhergeirrt und hab die Nächte in verlassenen Häusern verbracht, in denen ich noch etwas Brennbares gefunden habe. Mein Feuerzeug funktionierte wenigstens anfangs noch. Vor einem Tag fand mich dann eine Patrouille von denen da.« Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter.
»Und wer sind ‚Die‘?«
»Ein bunter Haufen von Kraftfahrern, Bauarbeitern und Soldaten mit ihren Familien. Sie hatten sich in der Nähe von Köln zusammengetan und wollten versuchen, über die Alpen zu kommen. Inzwischen wissen sie, dass das nicht mehr möglich ist, aber man kann in Frankreich an den Alpen vorbeifahren, um zum Mittelmeer zu gelangen. Von dort aus sollte es möglich sein, nach Afrika zu kommen.«
Larissa schüttelte noch immer ungläubig ihren Kopf. »Heißt das, wir bekommen eine Chance, hier wegzukommen?«
Sven lächelte. »Genau das bedeutet es. Wir bekommen eine Chance.«
Hinter ihnen erschien eine weitere, vermummte Gestalt. »Mein Name ist Martin. Eigentlich Oberleutnant Martin Sorbiesky, aber das gehört ja wohl der Vergangenheit an. Wir haben Sven irgendwo in der Wildnis aufgegriffen, und er erzählte uns, dass es hier noch eine Gruppe Überlebender gibt. Wir haben noch Platz in unseren Bussen. Da die Zeit drängt, bitte ich Sie, mich zu ihrer Gruppe zu führen. Wir würden gern in zwei bis drei Stunden weiterfahren. Wir besitzen zwar einige Tanklastzüge voller Diesel, aber wir dürfen unsere Motoren nicht abschalten, damit die Kälte sie nicht ruiniert. Ich kann Ihnen ein paar Männer mitgeben, die Ihnen packen helfen. Nehmen Sie nur das Nötigste mit.«
Larissa sah ihn fragend an. »Kommt das nicht alles sehr plötzlich? Ich weiß nicht, ob wir so schnell abreisen können.«
»Junge Dame, wir fahren in spätestens drei Stunden weiter. Wer dann auf einem unserer Wagen ist, kommt mit. Noch Fragen?«
Sie schüttelte den Kopf und beeilte sich, Sven und Martin ins Innere des Bunkers zu führen. Martin winkte noch zu einem der Busse hinüber und ein Dutzend Männer kletterten heraus, die sich ihnen anschlossen.
Als der Aufzug mit ihnen nach unten fuhr, lehnte sich Larissa gegen Sven, glücklich, dass er zurückgekehrt war. Martin sah die beiden an und lächelte. »Ich wollte eben nicht so garstig rüberkommen. Ich will einfach nur mit meinen Leuten hier weg und ich denke, euch geht es nicht anders. Ein Stoßtrupp von uns befindet sich in der Nähe von Perpignan. Dort sieht die Welt schon nicht mehr ganz so trostlos aus. Wir müssen es nur schaffen, vor dem Wintereinbruch dort zu sein. Alles Weitere wird sich ergeben.«
Larissa nickte ihm dankbar zu und schloss die Augen. Sie genoss die Arme, die Sven um sie gelegt hatte und träumte von Wärme und Sonne. Sie hatte nicht mehr daran geglaubt, doch nun hatten sie eine echte Chance, heil aus dieser Katastrophe herauszukommen. Was aus ihrer Heimat werden würde, wusste sie nicht. In ihren Gedanken hatte sie sie bereits verlassen und weit hinter sich gelassen.
Alles, was zählte, war das Leben. Und das bekam soeben einen neuen Sinn.

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