Einsamer Reisender

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Einsamer Reisender

Ich war aufgeregt wie niemals zuvor in meinem Leben. Seit mittlerweile sieben Zyklen meines Heimatplaneten um unsere geliebte Sonne streifte ich inzwischen durch bisher unbekannte Teile unseres Universums und war auf der Suche nach intelligentem Leben.
Natürlich hatte es immer schon Skeptiker gegeben, die daran zweifelten, dass es außer uns überhaupt noch weiteres Leben im All gab. Ich gehörte nicht zu diesen Skeptikern, obwohl ich nicht abstreiten konnte, dass alle bisherigen Versuche, Kontakt zu anderen Intelligenzen zu bekommen, ins Leere gelaufen waren. Unser eigenes Planetensystem umfasste siebzehn Planeten, von denen nur unserer Leben trug.
Trotzdem hatte mich die Idee, eines Tages mit Wesen zusammenzutreffen, die ebenfalls intelligent waren, nie losgelassen. Als unsere Wissenschaftler und Techniker das Problem der als unüberwindlich geltenden Grenze der Lichtgeschwindigkeit gelöst hatten und dadurch der Weg zu neuen Antriebssystemen für unsere Raumschiffe frei wurde, war für mich klar, dass ich eines dieser Schiffe steuern wollte.
Mit Geschwindigkeiten weit über der des Lichts wollte ich den Bereich des Zentrums unseres Spiralnebels verlassen, um die weiter entfernten Arme zu durchstreifen.
Unsere Wissenschaftsphilosophen waren sich seit langem einig darüber, dass intelligentes Leben eine äußerst großzügige Zeitspanne brauchen würde, sich zu einer Spezies zu entwickeln, die mit uns auf einer Stufe stehen könnte. Unsere Existenz und unser, bereits hoher technischer und moralischer Entwicklungsstand galt als eine nette Laune der Natur.
Man ging jedoch davon aus, dass solche Launen im Zentrum der Galaxis eher nicht die Regel sein würden. Also hatte ich mich für diesen Forschungsauftrag gemeldet und war mir von Beginn an bewusst, dass es bedeuten würde, lange Zeit allein zu sein. Nun, ich war nun mal ein asexuelles Exemplar meiner Rasse und kam daher mit der Einsamkeit gut zurecht. Niemals hätte ich einem männlichen oder weiblichen Exemplar, oder gar einem Koppler, zugemutet, eine solche Reise mit mir anzutreten. Ohne ihre Bezugsfamilien wären sie seelisch zugrunde gegangen. Nein, es war schon gut so, wie es war. Die Suche nach fremdem Leben war eine Aufgabe für einen Asexuellen.
Aber ich wollte doch berichten, wieso ich so aufgeregt war.
Ich war grob der Linie eines der äußeren Arme unseres Spiralnebels gefolgt und hatte bereits einen großen Teil meiner Hoffnung eingebüßt, noch Erfolg zu haben, als das Ortungssystem meines Schiffes ansprach. Nicht all zu weit von meinem Standort entfernt, hatte das Rechnersystem einen Gegenstand ausgemacht, der eindeutig nicht natürlichen Ursprungs sein konnte: Einen Zylinder von wenigstens elf Glib Länge und etwa halb so breit.
Das Ortungsergebnis wurde mir optisch auf meiner Facettenkugel angezeigt. Fasziniert studierte ich den Gegenstand. Eindeutig wurde er gesteuert. An einer der Schmalseiten waren Rohrenden erkennbar, aus denen Partikel ausgestoßen wurden. Das war mit Sicherheit ein Antrieb.
Ich war so aufgeregt, dass alle meine drei Herzen für einen Moment aus dem Takt kamen und ich mich festhalten musste, um nicht zu stürzen.
Ich kletterte in meine Steuerzelle und begann sogleich mit dreien meiner Arme, Befehle in die Tastaturen zu tippen. Jetzt galt es, unverzüglich die Fahrt aufzuheben und eine Kursangleichung zum fremden Schiff durchzuführen. Zugleich konnte es nicht schaden, auf allen verfügbaren Frequenzen einen Gruß an die Fremden zu richten. Was das wohl für Wesen waren? Wie sahen sie aus? Waren sie in der Lage, meinen Gruß zu empfangen und zu verstehen? Ich verwarf die letzte Frage, denn wie sollten sie unsere Sprache verstehen? Aber sie konnten vielleicht meine Funkimpulse als friedliche Kontaktaufnahme interpretieren.
Für einen kurzen Augenblick kam mir der Gedanke, was ich tun würde, wenn die Fremden nicht so friedlich waren wie ich. Mein Schiff war unbewaffnet und verfügte nicht über Schutzmechanismen gegen Projektile oder gebündeltes Licht.
Mein Funkanruf war gesendet, aber ich war einige Momente lang unentschlossen, wie es weitergehen sollte. Dann gab ich mir einen Ruck. Schließlich war ich lange unterwegs und das nur aus einem einzigen Grund: Eine Situation wie diese zu erleben.
Mein Funkempfänger schrillte laut und das bedeutete, dass man auf der anderen Seite reagiert hatte. Nervös schickte ich die empfangenen Daten durch den Rechner, in der Hoffnung, dass unser System vielleicht in der Lage wäre, aus den fremden Daten etwas Verständliches zu interpretieren. Unser Rechner forderte weitere Daten und prognostizierte, dass weitere Fremddaten eine höhere Chance boten, Strukturen zu erkennen, die auch mir verständlich sein konnten.
Also sendete ich nun ununterbrochen an das fremde Schiff und bald entspann sich zwischen uns ein reger Funkverkehr, wobei vermutlich niemand auf beiden Seiten wirklich verstand, was die andere Seite meinte. Allein die Tatsache, dass man mir auch beständig antwortete, zeigte mir allerdings, dass man dort ebenfalls stark an Kommunikation interessiert war. Waren es unter Umständen ebenfalls Forscher, mit demselben Ziel, welches auch ich verfolgte?
Das Ganze ging bereits seit mehr als zwei Mikrotageszyklen, als ein Signal meines Rechners meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf der Facettenkugel bildete sich ein unscharfes Bild zweier äußerst fremdartiger Wesen. Ihre Größe konnte ich nicht abschätzen, da mir die Vergleichswerte fehlten, doch allein ihre Körperform erschien mir völlig fremd. Offenbar besaßen sie lediglich zwei Arme und zwei Beine. Ein ovaler Auswuchs zwischen ihren Armen erhob sich nach oben. Möglicherweise war darin die Sensorik dieser Wesen enthalten, wobei ich mich fragte, ob sie überhaupt optische Informationen aufnehmen konnten, denn ich konnte kein Facettenband erkennen. Stattdessen gab es auf der mir zugewandten Seite zwei eigenartige kleine Kuhlen und einen breiten Schlitz weiter unten, der sich ständig öffnete und wieder schloss. Wie konnten Wesen mit einem solchen Körperbau überhaupt ihre Umgebung so manipulieren und beherrschen, dass sie Raumschiffe bauen konnten?
Nun, zumindest konnte ich sie jetzt sehen. Ob sie mich auch sehen konnten, war nicht festzustellen.
Irgendwie hatte ich mein Zeitgefühl verloren. Unsere Schiffe flogen nun in relativ geringer Entfernung voneinander parallel durchs All. Alles in mir fieberte danach, eine persönliche Gegenüberstellung mit diesen Wesen abzusprechen, aber das war leichter gedacht als getan. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir die ersten unbeholfenen Begriffe austauschen konnten. Es war ein großartiges Gefühl, eine Verständigung mit völlig fremden Intelligenzen aufzubauen. Offenbar gab es auch bei ihnen eine akustische Verständigung. Das würde vieles leichter machen.
Nach und nach gelang die Kommunikation immer besser. Ich erfuhr, dass sich diese Wesen Menschen nannten und auf einer wissenschaftlichen Expedition befanden. In dem aus meiner Sicht recht kleinen Schiff befanden sich mehr als vierzehn Lebewesen. Man reagierte recht überrascht, dass ich in meinem Schiff allein unterwegs war. Man lud mich ein, zu ihnen herüber zu kommen, da auch die Menschen noch nie intelligente Wesen getroffen hatten, die nicht von ihrem Planeten stammten.
Ich richtete alle meine Ortungsinstrumente auf das fremde Schiff, da ich sicher gehen wollte, mich keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Vielleicht konnte ich ja herausbekommen, welche Art von Atmosphäre in dem Schiff herrschte. Schließlich wollte ich weder mich noch die anderen vergiften, wenn wir inkompatible Gase atmeten.
Ich hatte gerade meine Messungen aktiviert, als ich auf der Facettenkugel sah, wie ein Teil sich vom fremden Raumschiff löste und vom Schiff wegtrieb.
In der Bildverbindung zu den Fremden war plötzlich Aufregung zu erkennen und laute Stimmen drangen aus meinem Lautsprecher. Es war ein solches Durcheinander, dass ich zunächst nicht begriff, dass die Menschen an einen Angriff dachten.
Ich wedelte abwehrend mit allen sieben Armen und versicherte, keine Waffe auf sie gerichtet zu haben. Ich würde lediglich Messungen vornehmen, bevor ich zu ihnen an Bord kommen wollte.
Die Aufregung unter den Menschen schien nicht abreißen zu wollen und ich schaltete meine Messinstrumente ab. Unsere Verbindung war noch so neu und frisch, da wollte ich nicht riskieren, dass man meine Handlungen falsch interpretierte. Ich kündigte an, in Kürze zu ihnen an Bord zu kommen.
Ein Mensch fragte, wie groß mein Beiboot wäre. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Ich wiederholte nur, dass ich mich gleich auf den Weg machen würde. Den Bordrechner stellte ich nur noch auf Automatik und lief zur nächsten Schleuse.
Als sich das Schott öffnete und die Luft sich mit einem Zischen ins All verflüchtigte, schloss ich meine Körperporen. In diesem Zustand konnte ich mühelos das Vakuum des Alls ertragen und brauchte erst in zwei Mikrotageszyklen wieder Atemluft. In dieser Zeitspanne würde ich längst an Bord des anderen Schiffes sein. Kraftvoll stieß ich mich mit allen Beinen von der Schleuse ab und schoss wie ein Torpedo auf das andere Schiff zu. Schnell wurde es vor meinem Facettenband größer.
Was ich für einen glatten Zylinder gehalten hatte, war in Wirklichkeit von zahlreichen Dellen uns Ausbuchtungen übersät. Überall ragten dünne Antennen ins All. Vor mir öffnete sich ein Schott und gelbes Licht drang dahinter hervor. Es blendete mich und ich versuchte verzweifelt, die Empfindlichkeit meines Facettenbandes auf dieser Seite zu dämpfen, doch es ging nicht schnell genug. Vielleicht wäre alles anders geworden, hätte ich es geschafft, die Blendung rechtzeitig auszuschalten. Doch so prallte ich viel zu schnell auf das Zylinderschiff und drang durch die Hülle, als hätte ich mit einem Messer in eine unserer Speisepflanzen geschnitten. Niemals hätte ich erwartet, dass die Hülle eines Raumschiffes so weich sein könnte.
So hielt mich die Außenhaut auch nur wenig auf und mein Körper durchschlug eine Wand nach der anderen, ein Deck nach dem anderen. Nach und nach wurde ich gebremst und als ich endlich ruhig lag, bemerkte ich eine Schneise, die ich durch das gesamte Schiff gezogen hatte. Überall jaulten Alarme, rote Lichter drehten sich an Wänden, die nicht zerstört waren.
Ich prüfte, ob ich mich beim Aufprall verletzt hatte, doch konnte ich nichts entdecken.
Aus einem defekten Schott in meiner Nähe quollen einige dieser Menschen. Sie sahen etwas anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte, bis mir einfiel, dass sie möglicherweise Schutzanzüge trugen. In ihren Händen hielten sie kleine Gegenstände, die sie auf mich richteten. Waren das Waffen? Natürlich, sie mussten denken, dass ich sie angegriffen und ihr Schiff schwer beschädigt hatte. Wie sollte ich ihnen klarmachen, dass es nur ein Versehen war? Ich fuhr einen Arm aus und schlug dem vordersten der Menschen seine Waffe aus den Händen. Dabei blitzte das Ding kurz auf und entsetzt sah ich, dass der Arm des Menschen verschwunden war. Überall klebte eine rote Substanz und der Mensch schrie laut und unverständlich.
Verursachte ihm das Schmerzen? Nur, weil ein Arm verloren ging? Wuchsen sie bei diesen Wesen etwa nicht wieder nach?
Ich versuchte, diesen Menschen zu trösten und berührte ihn sanft mit einem anderen Arm. Ich verstand es nicht, aber mein Arm glitt einfach durch ihn hindurch und das Schreien hörte auf. Noch mehr von der roten Substanz spritzte herum und war nun überall um mich herum und auch an den anderen Menschen, die nun alle ihre Waffen gegen mich hoben und feuerten. Es fühlte sich warm an, wenn mich die Strahlen aus den Waffen trafen und es kitzelte etwas.
Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich einen von ihnen getötet hatte. Die Situation entwickelte sich in eine Richtung, die ich nie beabsichtigt hatte. Ich suchte Kontakt und keine Auseinandersetzung. Wir waren ein friedliches Volk. Doch nun mussten die Fremden annehmen, ich wolle sie alle töten. Wie konnte ich dieses Missverständnis jetzt noch aufklären? Das Kitzeln wurde stärker und mit der Zeit unangenehm. Ich beherrschte mich, so lange ich konnte, doch die Fremden hatten offenbar beschlossen, mich für ein Monster zu halten. Meinen letzten Versuch, sie von meiner Ungefährlichkeit zu überzeugen, schlug völlig fehl. Ich hob meine sieben Arme und offenbarte meine leeren Greifer. Das veranlasste sie zu noch wütenderen Angriffen. Immer weitere Menschen in Anzügen drangen aus dem Schott und fingen ebenfalls an, auf mich zu feuern. Was sich zunächst nur warm anfühlte, wurde für mich allmählich unangenehm heiß. Meine Passivität veranlasste sie nicht dazu, ihren Beschuss einzustellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zurückzuziehen. Ein Schritt zurück und ich durchdrang die Wand hinter mir. Einer meiner Füße steckte tief im Boden und ich fürchtete schon, festzustecken, doch das Material war überall so weich wie die Außenhaut. Die Angreifer folgten mir und ich gebe zu, dass ich in Panik geriet. Ich wollte einfach nur noch weg von diesen wütenden Wesen, die ich noch dazu so gut verstehen konnte. Ich durchdrang Wand um Wand. Das Kreischen der Alarme wurde immer chaotischer. Zwar kannte ich nicht den Aufbau des fremden Schiffes, aber ich war sicher, mit jeder meiner Bewegungen neue Zerstörungen zu verursachen. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dass meine Mission so furchtbar danebengeht.
Ich wollte zurück zu meinem Schiff. Jeder Mikrozyklus mehr an Bord des Zylinders würde das Schiff mehr zerstören. Mir fehlte völlig die Orientierung. Die Fremden hinter mir, floh ich kreuz und quer durch das Schiff. Vereinzelt hörte ich Explosionen. Mehrfach sah ich Menschen, die bereits tot waren. Versuchte ich, sie sanft zur Seite zu schieben, zerflossen sie förmlich unter meinen Händen. Was waren das für Wesen? Bestanden sie nur aus Wasser? Mein Entsetzen wurde immer größer.
Wie viele hatte ich jetzt schon getötet? Allein dieser Gedanke war für ein Wesen wie mich die höchste Seelenqual.
Als mir einfiel, dass ich zur Rückkehr zu meinem Schiff einen Widerstand benötigen würde, um mich abzustoßen, erfasste mich erneut die Panik. Das Material war so weich, dass ich lediglich Löcher in die Wände und Böden treten würde, aber es würde mich nicht zum Schiff zurückbringen. Doch ich musste es versuchen, denn hierbleiben konnte ich auch nicht, sonst gelang es den Menschen am Ende noch, mich zu töten.
Ich trat mit den Beinen wie verrückt und zerfetzte dabei alles, was mir unter die Füße kam. Am Ende erwischte ich dabei vermutlich die Kraftwerkszelle des Schiffes, denn es gab eine gewaltige Explosion, die auch meinem Körper einige Schrammen zufügte. Das Letzte, was ich wahrnahm, war mein Schiff, dem ich mich allmählich näherte. Ein unwahrscheinlicher Zufall, denn es hätte mich auch fort vom Schiff ins All befördern können.
Die Automatik meines Schiffes hatte mich erkannt und dafür gesorgt, dass ich wieder eingefangen werde. Ich erwachte in einer Schleuse, deren Außenschott noch offenstand. Ich schloss das Schott und ließ Atemluft einpumpen. Erst dann erlaubte ich mir, meine Poren wieder zu öffnen. Ich sog gierig Luft durch alle Poren und der Schlag meiner Herzen beruhigte sich. Durch eine Scheibe des Außenschotts suchte ich das Schiff der Menschen. Es war nicht mehr da. Stattdessen trieben deformierte Teile überall herum.
Niedergeschlagen ging ich in die Zentrale des Schiffes und nahm auf einem Sitz Platz. Ich fühlte mich schlecht. Die gesamte Besatzung eines fremden Raumschiffes hatte ich auf dem Gewissen, samt dem Raumschiff selbst. Ich, ein Botschafter des Friedens, hatte sie alle umgebracht. Wie sollte ich mir das jemals verzeihen können?
Später, als ich meinen Weg bereits fortgesetzt hatte, kannte ich den Grund für das Desaster. Die Dichte der Körperstruktur eines Mitglieds meiner Rasse war um ein Vielfaches höher als die Dichte der Masse eines Menschen oder seines Raumschiffes. Niemals hätten wir uns persönlich begegnen dürfen! Doch das konnten weder ich noch die anderen wissen. Machte es das besser? Machte mich das weniger schuldig? Meine gesamte Mission machte mir mit einem Mal keine Freude mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich einsam.