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Extraktion

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»Und Sie sind sich absolut sicher, dass Ihre Technologie den Durchbruch in der Versorgung der Welt mit billiger Energie bringen wird?«
Dr. Grisham vom molekularphysikalischen Institut in Cambridge wischte sich den Schweiß mit seinem Taschentuch von der Stirn. Er nickte langsam, ohne von seinen Instrumenten aufzusehen. »Es wird den ganzen Globus revolutionieren. Glauben Sie mir.«
Ich hatte noch immer meine Zweifel. Als man mir aus Canberra die Anweisung gab, dem britischen Forscher und seinem Team jede Unterstützung zu geben, die er benötigte, wusste ich nicht einmal, worum es eigentlich ging. Es hatte mit Energie zu tun, soweit war es klar. Aber ich konnte mir noch immer nicht vorstellen, wie er mit seinen lächerlichen Instrumenten Energie erzeugen wollte - geschweige denn, billige Energie.
»Könnten Sie mir noch einmal erläutern, was und hier eigentlich erwartet?« Hoffnungsvoll sah ich Grisham an, dem anzusehen war, wie sehr es ihn nervte, ständig von einem technischen Laien wie mir zu seinem Spezialgebiet befragt zu werden.
»Sie müssen ja nicht ins Detail gehen. Mich würde nur interessieren, wieso Sie ihre Versuche hier, bei uns in Südaustralien, durchführen müssen. Was gibt es hier so Besonderes? Lake Frome ist nicht einmal besonders eindrucksvoll. In wenigen Wochen wird er sicher sogar ausgetrocknet sein.«
Grisham faltete umständlich sein Tuch zusammen und stopfte es sich in die Hosentasche. »Gibson, Sie können wirklich eine Nervensäge sein. Haben Sie noch nicht mitbekommen, dass Energie auf unserem Planeten immer teurer - und irgendwann auch immer seltener - wird? Unsere fossilen Ressourcen sind am Ende. Wir haben es nur noch nicht mitbekommen. Damit meine ich die breite Masse. In unseren Kreisen ist das seit Langem bekannt und immer wieder haben wir gewarnt und gemahnt, dass wir alternative Energien dringend brauchen.«


»Was ist mit der Atomenergie?«, fragte ich. »Soweit ich weiß, reicht die noch für etliche Jahrzehnte.«
»Atomenergie!« Grisham spie das Wort förmlich aus. »Bis wir die verbraucht haben, sitzen wir auf einem solch hohen Berg voller strahlendem Abfall, dass er uns ganz allmählich umbringen wird. Was wir brauchen, ist eine Energie, die universell verfügbar und absolut ungefährlich ist.«
Ich war noch immer nicht überzeugt. »Und dieses ... Dings, das Ihre Leute dort im See versenkt haben, ist so ein Ei des Kolumbus? Aus diesem See wollen Sie die Energie der Zukunft gewinnen?«
»Natürlich! Dieses ‚Dings‘‘ ist der von mir entwickelte Molekularkinetikextraktor, und wird auch einen Skeptiker wie Sie gleich überzeugen. Der Ort hier ist nahezu ideal. Wir haben hier eine extrem hohe Sonneneinstrahlung und das Gelände ist weitläufig unbewohnt. Der Entzug von Wärme wird hier niemanden stören.«
Ich glaubte, nicht recht zu hören. Dieser Wissenschaftler wollte mir eine Wärmepumpe als Stein der Weisen verkaufen?
»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Sie wollen mir nicht erzählen, dass eine Wärmepumpe die Probleme der Welt löst? Wärmepumpen gibt es bereits in allen Größen und Formen. Das ist ein alter Hut.«
Grisham warf seine Hände in die Höhe. »Wieso muss immer ich das Glück haben, mit technisch ungebildeten Verwaltungsleuten zu tun zu haben? Ein Molekularkinetikextraktor mag einem technischen Laien zwar zunächst wie eine Wärmepumpe erscheinen, aber er ist weitaus mehr als das. Was wissen Sie über die physikalische Erscheinung von Wärme?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Was meinen Sie?«
»Wenn ich einem Gegenstand oder einer Flüssigkeit Wärme zuführe, wird sie heiß. Aber was bewirkt, dass es heiß wird? Es sind die Moleküle. Sie schwingen, und je stärker sie schwingen, umso höher ist die Temperatur. Es ist also nichts anderes als Bewegungsenergie, die wir dem zu erhitzenden Medium zuführen.«
Er machte eine kreisende Bewegung mit seinem Arm. »Alles das hier wird von der Sonne mit kinetischer Energie versorgt. Solange die Sonne scheint, wird jedes verdammte Molekül in Schwingungen versetzt, und hier in Australien in besonderem Maße. In der Nacht wird diese ganze Wärme wieder abgegeben - die Schwingungen der Moleküle nehmen wieder ab. Es dürfte selbst Ihnen klar sein, dass dieser Wärmeverlust eine unglaubliche Verschwendung darstellt, oder?«
Er machte eine kunstvolle Pause und ich stellte fest, dass mich seine herablassende Art zu ärgern begann. Ich sagte jedoch nichts und sah ihn nur weiter an.
»Ich werde gleich beweisen, dass es möglich ist, die molekulare Schwingungsenergie bereits jetzt - am Tag - aufzufangen, sie quasi dem Medium zu entziehen und in Form von elektrischem Strom zu gewinnen.«
Ein Funkgerät begann zu summen und Grisham schaltete es ein. »Ja, hier Grisham. Wie weit seid ihr? Die Taucher sind bereits zurück? Gut, dann werde ich den Extraktor gleich aktivieren.« Er legte das Gerät beiseite. »Das waren meine Leute. Das Gerät ist installiert.«
Er verschränkte seine Finger und streckte seine Arme nach vorn durch, dass es in den Gelenken knackte. »Dann wollen wir mal. In wenigen Minuten werden Sie sehen, was meine Anlage zu leisten im Stande ist. Eine neue Ära der Stromerzeugung wird die Folge sein. Schmutzige Kraftwerke werden in wenigen Jahren von diesem Planeten verschwunden sein.«
Nacheinander legte er eine ganze Reihe von Kippschaltern auf seinem Board um. Einige Instrumente erwachten zum Leben und zeigten, mir unverständliche, Daten an. Sonst schien nichts weiter zu geschehen. Ich hatte erwartet, irgendein spektakuläres Schauspiel zu erleben, doch ich wurde enttäuscht.
Grisham starrte unverwandt auf seine Instrumente und schien mich nicht mehr zu bemerken. Ich sah aus dem Fenster unseres Wohncontainers, der eigens für die Experimente hergebracht worden war, und blickte in Richtung des Sees. Alles sah aus wie immer, und ich begann zu glauben, dass die Anlage dieses arroganten Doktors ein kompletter Fehlschlag gewesen war, als Grisham mit der flachen Hand auf seine Tisch schlug. »Es geht los! Sehen Sie!«
Er deutete auf einen seiner Bildschirme, aber ich wusste nicht, was er meinte.
Hektisch tippte er mit dem Nagel seines Zeigefingers gegen eine Stelle seines Monitors. »Hier! Schon zwanzig Kilowatt, und es steigt steil an.«
Jetzt sah ich es auch. Die Anzeige kletterte immer höher, und ein Ende war nicht abzusehen »Das ist ja phantastisch!«
»Es steigt etwas schnell«, sagte Grisham. »Wir sollten es nicht gleich beim ersten Mal übertreiben. Ich werde die Extraktionsrate etwas senken, um einen konstanten Stromfluss zu erhalten.«
Er änderte einige Einstellungen und brummte verblüfft. »Was soll denn das?«
»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte ich. »Dann wäre es unter Umständen klüger, das Gerät erst mal abzuschalten.«
»Das versuche ich ja! Aber der Extraktor spricht nicht an. Ich verstehe das nicht.«
Das Funkgerät meldete sich wieder und Grisham meldete sich. »Ja? Was soll das heißen: Steuerleitung gebrochen? Wie kann die Steuerleitung brechen?«
Ich sah ihn fragend an, doch er sagte nichts mehr. Dafür schien sein Gesicht allmählich grau zu werden. Als er das Gerät zur Seite legte, war von der Überheblichkeit des Forschers nichts mehr übrig geblieben.
Ich musste jetzt wissen, was los war. »Erzählen Sie schon! Was ist geschehen?«
»Der See ist spontan gefroren. Dabei sind die Steuerleitungen zum Extraktor wegen irgendwelcher Spannungen geborsten. Wir können das Gerät nicht mehr steuern.«
»Na dann ... ziehen Sie halt irgendeinen Stecker und nehmen sie ihm den Saft weg«, schlug ich vor. »Das kann doch nicht so schwer sein.«
»Leider ja. Der Extraktor bezieht seine Betriebsenergie direkt aus seiner Tätigkeit. Er entzieht der Umgebung kinetische Energie und wandelt sie um. Solange noch irgendwo kinetische Energie zu finden ist, wird er nicht abschalten. Der See ist inzwischen bei einer Temperatur angelangt, die nicht mehr weit vom absoluten Nullpunkt entfernt ist. Der Extraktor selbst hält seine Betriebstemperatur, wird also steuerlos weiterarbeiten.«
Ich wusste noch immer nicht, was das konkret bedeutet, stellte jedoch überrascht fest, dass es über dem See aus blauem Himmel zu schneien begann. Etwas Wind kam auf, was ungewöhnlich für diese Gegend war.
»Es schneit«, sagte ich und deutete auf den See.
Grisham sprang auf und stürzte zum Fenster. »Verdammt! Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. Wir müssen weg.«
Mit einem lauten Knall stellten die Messinstrumente auf Grishams Tisch ihren Dienst ein, doch ich hatte nur sein »Wir müssen weg« im Ohr. »Wieso müssen wir hier weg?«
»Das ist kein Schnee, sondern atmosphärischer Fallout. Die Luft gefriert über dem See und fällt aus. Wenn wir hierbleiben, werden wir ersticken, sofern wir nicht vorher erfroren sind.«
Grisham griff nach seinem Funkgerät. »Lasst alles stehen und liegen! Wir müssen sofort möglichst weit von hier weg!«
Er erhielt keine Antwort. Grishams Leute wohnten in einem Container, der viel näher am See stand, als unser Container. Es schien, als hätte die Kälte sie bereits in so kurzer Zeit erreicht, dass sie nicht mehr weggekommen waren.
»Oh Gott! Hoffentlich schaffen wir es noch!«
Jeder von uns griff sich eine Jacke und wir stürmten aus dem Container ins Freie, wo ein wahrer Sturm uns fast von den Beinen holte. Mit aller Kraft stemmten wir uns dagegen und schoben uns - Schritt für Schritt - auf unseren Geländewagen zu, der im Grunde nur hundert Meter entfernt geparkt war. Mit letzter Kraft erreichten wir ihn. Das Metall der Karosserie war schon so kalt, dass die Haut eines Fingers daran kleben blieb. Mit zusammengebissenen Zähnen riss ich ihn los und kletterte ins Innere, wo Eisblumen die Scheiben undurchsichtig machten. Grisham versuchte, den Motor zu starten, und als ich schon glaubte, die Batterie würde nicht mehr genügend Kapazität haben, sprang der Motor stotternd an. Ich machte die Frontscheibe mit einer Scheckkarte so weit frei, wie ich konnte und wir fuhren los. Wir jubelten regelrecht, als sich das Fahrzeug in Bewegung setzte und wir die weiß überzogene Straßenpiste nach Süden rollten - dorthin, wo es noch Wärme gab.
»Wieso stürmt es eigentlich so?«, fragte ich, als es im Wageninnern allmählich wärmer wurde.
»Der Fallout«, sagte Grisham. »Die Luft gefriert über dem See. Dadurch wird sie dort dünner und die Umgebungsluft strömt in diesen Bereich hinein, bis auch sie gefriert. Das kann noch lange so weitergehen. Wir können nur hoffen, dass der Extraktor irgendwann versagt, sonst wird ganz Australien noch unter einer Eisdecke versinken.«
»Das meinen Sie nicht ernst, oder?«
Grisham schwieg und fuhr weiter. Auch ich schwieg und dachte an die armen Männer, die wir am See zurücklassen mussten. Obwohl ich nicht viel mehr war, als ein von der Verwaltung gestellter Beobachter, fühlte ich mich schuldig. Ich sah Grisham von der Seite an. »Es ist Ihnen doch klar, dass dies ein Nachspiel haben wird.«
»Was?« Nervös warf er mir einen Blick zu. »Das war ein Unfall. Sie haben es doch selbst gesehen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe gar nichts gesehen. Sie haben mir ihre Erfindung als ausgereift und perfekt dargestellt. Das Einzige, was ich mitbekommen habe, ist, dass Sie sofort jegliche Kontrolle verloren haben, nachdem das Gerät aktiviert worden ist. Sie wussten überhaupt nicht, was geschehen würde, und für ihre Überheblichkeit mussten mehrere Männer sterben.«
»Es war ein Unfall!«, beharrte er. »Forschung fordert manchmal ihre Opfer. Ohne Opfer gibt es keinen Fortschritt.«
»Grisham, haben Sie den Verstand verloren?« Ich deutete mit dem Daumen über meine Schulter nach hinten. »Das war kein Fortschritt, sondern eine Katastrophe.«
Der Sturm war währenddessen immer stärker geworden und zerrte heftig an unserem Wagen. Immer häufiger blieben weiße Flocken an unserer Windschutzscheibe kleben, von denen sich unverzüglich Eisblumen über die Scheibe ausbreiteten. Es war zwar kaum vorstellbar, doch die Kälte schien sich schneller auszubreiten, als wir mit dem Geländewagen fahren konnten.
Grisham sah mich mit einem irren Blick an. »Was wollen Sie damit sagen? Soll das etwa bedeuten, dass Sie mich in ihrem Bericht als den Schuldigen hinstellen wollen? Ich werde mich ganz gewiss nicht vor einem Gericht für einen bedauerlichen Unfall verantworten.«
»Ich denke nicht, dass Sie das noch beeinflussen können.«
Abrupt bremste er den Wagen ab, der noch einige Meter über das Eis der Straße schlitterte, bevor er zum Stehen kam. Der Motor verstummte.
»Oh doch, das kann ich. Nur wir zwei wissen, was tatsächlich geschehen ist.« Er suchte etwas in der Ablage seiner Fahrertür und hielt plötzlich eine Waffe in der Hand.
»Wenn es keine Zeugen gibt, muss man mir glauben.«
Er wedelte mit der Waffe. »Los! Aussteigen!«
Ich war so geschockt, dass ich mich im ersten Moment nicht bewegen konnte. Tausend Dinge schossen mir durch den Kopf, doch ich bekam keine Ordnung in dieses Chaos.
»Los raus! Oder meinen Sie, ich hätte nicht den Mumm, eine Pistole abzufeuern?«
Hektisch fasste ich nach dem Türgriff und rüttelte daran. Mit lautem Klacken sprang sie weit auf, und eisiger Windhauch wehte herein. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich lediglich die Wahl zwischen zwei Todesarten hatte.
Wenn Grisham abdrücken würde, hätte ich es gleich hinter mir. Vielleicht hatte ich draußen doch noch eine Chance. Ich sprang aus dem Auto, ließ die Tür weit offen und rannte schnell von der Straße herunter, um aus der Schussbahn zu kommen. Ich hörte ihn noch fluchen, als er über die Vordersitze klettern musste, um die Beifahrertür wieder zu schließen. Ich schlitterte von der Straße in ein kleines, vereistes Waldstück hinein und rannte einfach immer weiter. Die Kälte brannte in meinen Lungen und der Wind machte mir zu schaffen. Meine Augen tränten und die Tränen gefroren bereits an meinen Wimpern. Lange würde ich es nicht durchhalten, wenn ich nicht irgendwo Schutz vor dieser immer schlimmer werdenden Kälte finden würde.
Meine Glieder wurden allmählich gefühllos, als ich, mitten im Wald, eine Holzhütte entdeckte, die ich wegen des weiß überfrorenen Daches fast übersehen hätte. Aus einem Kamin quoll weißer Rauch, der vom Wind weggetragen wurde. Die Hoffnung auf Menschen, die dort im Warmen saßen, mobilisierte meine letzten Kräfte. Mühsam schleppte ich mich dorthin und schlug mit den Knöcheln gegen die Tür, bis sie blutig waren.
Eine Frau mittleren Alters öffnete und blickte mich erstaunt an. »Mein Gott, was treiben Sie sich dort draußen herum? Kommen Sie schnell rein.«
Sie zog mich am Ärmel meiner Jacke ins Innere und betrachtete mich. »Sie sind dort draußen zu Fuß unterwegs gewesen?«
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte ich. »Sie ahnen nicht, wie glücklich ich darüber bin, noch rechtzeitig Ihr Haus entdeckt zu haben.«
Sie reichte mir eine Decke. »Hier, nehmen Sie. Sie müssen völlig durchgefroren sein. Sie können mir gleich alles erzählen. Ich muss nur schnell Holz nachlegen, sonst ist es hier mit der Wärme auch bald vorbei.«
Ich sah ihr hinterher und ließ meinen Blick dabei durch die Hütte schweifen. Wenn es hier einmal gemütlich gewesen war, war davon nicht mehr viel zu sehen. Die Frau hatte das meiste Mobiliar mit einer Axt zerlegt und heizte damit den Ofen, der seine Glieder allmählich wieder mit Leben erfüllte.
»Sie räumen grade auf?«, fragte ich.
Sie sah mich einen Moment lang schweigend an, dann lachte sie. »Das kann man wohl sagen. Nein, ich räume gewiss nicht auf, aber das ganze Zeug wird uns die Zeit verschaffen, bis man uns aus dieser rätselhaften Kälte befreien wird. Sobald Sie sich dazu in der Lage fühlen, dürfen Sie gern helfen, die restlichen Möbel zu Kleinholz zu verarbeiten.«
»Was machen Sie eigentlich hier draußen? Leben Sie etwa hier?«
»Oh nein, wir haben ein kleines Haus in Adelaide, aber mein Mann ist Park-Ranger hier im Flinders Ranges National Park. Ich hatte ihn nur begleitet.«
»Und wo ist Ihr Mann jetzt?«
»Als es losging, sagte er sofort, dass etwas nicht stimmt. Er fuhr mit Jeep los und will mit dem Hubschrauber zurückkehren, um mich abzuholen. Bis er zurückkehrt, verbrenne ich halt die Einrichtung hier.«
Ich blickte skeptisch aus dem Fenster. »Sind Sie sicher, dass Ihr Mann es geschafft hat? Ein Jeep ist kein guter Schutz gegen die Kälte.«
Sie kam vom Ofen auf mich zu und hielt mich am Arm. »Hey, etwas mehr Optimismus wäre jetzt angebracht! Aber ich weiß, dass er durchgekommen ist.« Sie deutete in eine dunkle Ecke der Hütte. »Deswegen.«
Ich starrte angestrengt dorthin und erkannte, dass dort ein CB-Funkgerät stand.
»Er hat mich, kurz bevor Sie hier angeklopft haben, verständigt, dass er bald mit dem Helikopter zurückkehren wird. Ich solle das Haus nicht verlassen. Und genau das werde ich auch nicht tun.«
Ich kam mir plötzlich schäbig vor, dass ich dieser freundlichen Frau beinahe die Hoffnung geraubt hatte, ihren Mann wiederzusehen. »Verzeihen Sie, aber ich habe in den letzten Stunden einiges erlebt.«
Sie nickte. »Kann ich mir vorstellen. Apropos ‚vorstellen‘ - wir haben uns gegenseitig überhaupt noch nicht bekannt gemacht.« Sie hielt mir ihre Hand hin. »Vera. Vera Johnson.«
Ich lächelte. »Sehr angenehm, Vera. Ich heiße Wayne Gibson und stamme aus Portland. Nicht verheiratet, keine Kinder. Ich arbeite für das Bildungsministerium.«
Sie sah mich prüfend an. »Da sind Sie ja weit weg von zu Hause, Wayne. Ich habe das Gefühl, als hätten Sie mir einiges zu erzählen.«
Vera machte uns beiden einen Tee und wir setzten uns auf die letzten beiden Stühle, die noch nicht zerhackt worden waren. Ich begann zu erzählen, und im Laufe der nächsten Stunden wurde ihre Miene immer nachdenklicher.
Irgendwann hörten wir ein Motorengeräusch durch das Heulen des Windes. Das Geräusch kam immer näher und schließlich wurde die Tür zu unserer Hütte aufgestoßen. Veras Mann stand in der Tür. Eisige Kälte griff erneut nach uns.
»Los! Schnappt euch warme Decken und rennt, wie der Teufel, zum Helikopter. Ich will sofort wieder starten, bevor der Vogel überhaupt nicht mehr abhebt. Die Luftbeschaffenheit ist ganz eigenartig.«
Wir ließen uns das nicht zweimal sagen und folgten ihm eilig, um die Wärme der Kabine zu erreichen. Ich hatte das Gefühl, als wäre es noch viel kälter geworden, als bei meiner Ankunft.
Veras Mann gab seiner Frau einen flüchtigen Kuss. »Schnallt euch an. Ich hebe sofort ab.« Er sah mich an. »Wer sind Sie überhaupt?«
»Wayne Gibson. Ich kann Ihnen gleich alles erklären.«
Mit einem leichten Schütteln setzte sich der Helikopter in Bewegung.
»Was können Sie mir erklären? Etwa, wieso die Welt einfriert - ausgerechnet hier bei uns in Süd-Australien? Ich bin ganz Ohr ...«
»Schatz, wieso hast du eigentlich so lange gebraucht?«, fragte Vera. »Wir haben fast die ganze Einrichtung verbrannt.«
»Ich musste noch einmal zwischenlanden. Unten auf der Straße steht ein großer Geländewagen. Ich hab nachgesehen, ob ich jemandem helfen kann, aber ich kam leider zu spät.«
»Ein Geländewagen?«, fragte ich. »War jemand darin?«
Er nickte. »Ein Mann. Tot. Er sah aus, als wäre er mitten in der Bewegung einfach eingefroren. Er hatte eine geladene Waffe in der Hand. Es sah fast aus, als wollte er sich erschießen, doch die Kälte ist ihm zuvorgekommen. Vermutlich ist ihm der Motor ausgegangen und er konnte ihn nicht mehr anbekommen. Warum fragen Sie? Haben Sie eine Ahnung, was es mit diesem Mann auf sich hat?«
»Oh ja, ich weiß genau, um wen es sich handelt.«
Ich schwieg einen Moment und musste diese Information erst sacken lassen. Grisham hatte es also nicht geschafft. Somit war ich der letzte Mensch, der wusste, was nun zu tun war. Grisham hatte gesagt, dass wir nur hoffen könnten, dass der Extraktor eines Tages versagen würde. Niemand von uns konnte ein solches Versagen bewirken, doch vielleicht gab es doch eine Möglichkeit.
Ich tippte Veras Mann auf die Schulter. »Sagen Sie, gibt es hier in der Nähe irgendwo eine Basis der australischen Armee?«
»Armee? Was wollen Sie denn von denen?«
»Ich hätte nichts dagegen, wenn unser Australien wieder so wäre, wie vor dieser Kälte, und ich hätte da eine Idee ...«
»Okay«, sagte unser Pilot gedehnt. »Dann fliege ich jetzt direkt nach Adelaide. Dort gibt es eine Kaserne. Aber bis wir dort sind, möchte ich erfahren, was hier überhaupt gespielt wird.«
»Das ist Ihr gutes Recht«, sagte ich lächelnd und lehnte mich in die Polster zurück. »Wie lange wird der Flug dauern?«
»Eineinhalb bis zwei Stunden werden es sicher sein.«
»Das wird reichen.«
Der Wind hatte etwas nachgelassen. Müdigkeit machte sich in mir breit und das monotone Dröhnen der Helikopterturbine machte meine Lider schwer. Ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, sank ich in einen Erschöpfungsschlaf. Sollte Vera ihrem Mann erzählen, was sie inzwischen wusste. Ich genoss das süße Weggleiten in einen Traum, in dem wir dieser verdammten Kälte den Garaus machten.

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