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Familienbaum

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Die Feuer waren heruntergebrannt und die meisten der Feiernden hatten sich bereits auf den Heimweg gemacht. Waron blickte in die schwindende Glut und dachte nach.
»Woran denkst du?«, fragte Teneron, sein Vater.
»Es ist nichts.«
Teneron lächelte. »Ich kenne dich, mein Sohn. Du machst dir Gedanken um das, was jetzt kommt, nicht wahr?«
Waron wandte sich ihm heftig zu. »Lass mich einfach in Ruhe, Vater! Ich weiß selbst, dass ich jetzt zu den Erwachsenen zähle. Das Großjahrfest ist vorbei und die Feuer erlöschen. Ich weiß genau, was nun kommen muss.«
Teneron legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. »Junge, ich will dir doch nichts, aber es ist der Lauf der Dinge. Ich musste es tun und vor mir mein Vater. Die Tradition ist uralt, aber wenn wir unsere Traditionen nicht mehr achten, werden wir eines Tages verschwunden sein.«
»Das ist doch alles nur Gerede! Ich bin hier aufgewachsen. Dieser Baum ist meine Heimat. Er gab mir Wohnung, ernährte mich durch seine Früchte und bot mit Schutz vor Raubtieren durch seine Stärke und Höhe. Das alles soll ich verlassen - wegen einer Tradition?«
»Eines Tages wirst du es verstehen. Du musst dir jetzt einen eigenen Baum suchen, der einst das Heim deiner Familie wird. Die Tradition bestimmt lediglich den Zeitpunkt, da deine Suche zu beginnen hat: Die Nacht nach dem Großjahrfest.«
Waron blickte seinen Vater prüfend an. »Es ist dir absolut ernst damit, oder?«


Teneron nickte. »Wenn die letzte Glut erloschen ist, musst du aufbrechen. Vergiss nicht, den Wasserschlauch mitzunehmen und das geschenkte Brot. Je eher du aufbrichst, um so eher kannst du als neuer Baumherr zurückkehren. Vorher brauchst du über dieses Mädchen nicht einmal nachdenken.«
Waron fuhr herum. »Von welchem Mädchen sprichst du?«
»Stell dich nicht dümmer an, als du bist. Dein Vater ist alt, aber nicht senil. Ich habe deine Blicke gesehen. Lumena wirkt so zart und schüchtern, aber auch ich habe Augen im Kopf. Ich habe sie ebenfalls mit den anderen an den Feuern tanzen sehen. Erzähl mir jetzt nicht, dir wäre entgangen, wie ihre langen, schwarzen Haare geflogen sind. Dieses Mädchen war das Feuer. Und glaub deinem alten Vater: Sie hat es nur für dich getan.«
Sein Vater schmunzelte. »Es ist aber auch nicht verwunderlich, wenn ich dich so ansehe: Dein durchtrainierter Körper, deine glatte, bronzene Haut und die langen, dichten, schwarzen Haare ... Vor vielen Jahren sah ich genauso aus und deine Mutter ...«
»Das ist doch Blödsinn!«, regte Waron sich auf. »Sie hat mit den anderen Mädchen getanzt.«
Teneron lächelte noch immer. »Aber ich hatte Recht, dass es Lumena war, die du angestarrt hattest. Junge, such dir deinen Baum und dann geh zu ihr. Ihr würdet gut zueinander passen.«
Waron lachte humorlos: »Selbst, wenn du wirklich Recht hättest: Lumena weiß überhaupt nicht, dass ich existiere.«
Teneron erhob sich und zog seinen Sohn an der Hand empor. »Komm Junge, lass dich noch mal drücken, bevor du deinen Weg gehst.«
Mit gemischten Gefühlen ließ Waron sich von seinem Vater umarmen. Er wusste genau, dass alles anders sein würde, wenn sie sich das nächste Mal treffen würden.
»Pass auf dich auf, Junge.«
»Und du grüß Mutter und Enia.«
»Mach ich.«
Teneron wandte sich ab und verschwand mit wenigen Schritten in der Dunkelheit. Seine Familie war nun vollständig auf Sord, ihrem Familienbaum. Wehmütig sah Waron zur mächtigen Krone empor, die nur noch als Schatten vor dem nur wenig helleren Himmel zu erkennen war. Er wusste nicht, ob seine Leute ihn beobachteten. Es war ihm auch egal, denn nach der verdammten Tradition durfte nun niemand aus seiner Familie mehr mit ihm sprechen, bevor er als Baumherr zurückkehrte. Baumherr! Die meisten der infrage kommenden Bäume waren längst bewohnt und schieden von vornherein aus.
Die letzte Glut erlosch und Waron griff nach seiner Ausrüstung. Er würde ein gutes Stück durch den dichten Wald zu laufen haben, bis er auf einen großen, unbewohnten Baum hoffen durfte. Dazu kam noch, dass sich nicht jeder Baum für eine Wohnung eignete. Weidenbäume waren zu weich, Trakkibäume zu niedrig, Hivbäume zu schmal. Was er brauchte, war ein Guanbaum, wie Sord einer war. Guanbäume waren sehr hoch, besaßen eine mehrstufige Krone mit sehr dichten Blättern und boten guten Schutz gegen fast alle Wetterbedingungen. Im Sommer lieferte er die nahrhaften Guanfrüchte, die sich gut lagern ließen. Er hoffte, dass es ihm gelingen würde, einen solchen Baum zu finden, bevor seine Vorräte zur Neige gingen.
Mit den Füßen trat er die Asche auseinander, sah sich noch einmal um und machte sich seufzend auf den Weg. Der Himmel war kaum zu erkennen, daher war es Waron im dichten Wald nicht möglich, sich nach den Sternen zu orientieren. Die nähere Umgebung von Sord kannte er wie seine eigene Tasche und so brauchte er nicht zu fürchten, in der Dunkelheit gegen einen Stamm zu laufen.
Die nächtlichen Geräusche des Waldes nahmen allmählich zu und er hoffte, dass in dieser Nacht keine Schleicher unterwegs waren. Schleicher waren große Katzen, die vorwiegend nachts auf die Jagd gingen und die auch einen Menschen nicht verschmähten, wenn sie auf einen trafen. Bei Tage hätte er eventuell Chancen, sich gegen ein solches Tier zu wehren, aber in der Dunkelheit ...?
Ein Knacken ließ ihn frösteln. Waron blieb stehen und lauschte. Das Knacken wiederholte sich und dann vernahm er leise Schritte - Schritte eines Menschen.
»Hallo, ist da jemand?«
Die Schritte kamen näher und dann stand sie vor ihm, eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren und einem glatten, bodenlangen Kleid, dass ihre schlanke Figur betonte.
»Lumena?«, fragte Waron ungläubig. »Was machst du hier?«
Sie lächelte leicht. »Na, was schon? Du wirst uns verlassen, heut Nacht.«
»Ich muss meinen Baum suchen.«
»Ich weiß. Ich wollte dir Glück wünschen.«
»Wissen deine Eltern, dass du hier bist?« Waron blickte sich misstrauisch um. »Wenn sie uns zusammen sehen ...«
Lumena winkte ab. »Vielleicht ahnen sie es. Mutter hat nicht gefragt.«
»Aber wieso begibst du dich in Gefahr?«
Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Pscht. Ich hab was für dich.«
Sie griff in eine Tasche ihres Kleides und holte ein Glas hervor, in dem etwas leuchtete.
»Das sind Leuchtkäfer. Sie leuchten jede Nacht mehrere Stunden. Sie sollen dir den Weg weisen.«
Waron nahm das Glas in die Hand und hielt es hoch. »Das kann ich doch nicht annehmen.«
Wieder drückte ihr Finger auf seine Lippen. »Pscht. Du wirst doch mein Geschenk nicht ablehnen.« Schnell schlang sie noch ein Tuch um seinen Hals. »Das hab ich gemacht. Es soll dich warmhalten ... und dich an mich erinnern ...«
»Lumena, ich ... Warum tust du das?«
»Finde deinen Baum, Waron. Ich hoffe, ein Baumherr interessiert sich noch für eine einfache Frau.«
»Du meinst wirklich ...?«
Sie trat einen Schritt auf ihn zu und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen, dann lief sie fort. »Viel Glück, Waron!«
Er starrte noch einen Moment in die Dunkelheit, doch sie kehrte nicht zurück. Ob sein Vater tatsächlich Recht hatte und Lumena sehr wohl wusste, dass es ihn gab? Lächelnd fuhr er sich mit den Fingerkuppen über seine Lippen. Dort hatte sie ihn geküsst. Der Wald schien plötzlich eine Spur freundlicher geworden zu sein.
Er lief noch eine Weile und erreichte schließlich eine Gegend, die ihm nicht mehr bekannt vorkam. Die Leuchtkäfer begaben sich allmählich zur Ruhe und es hatte keinen Sinn mehr, noch weiter zu laufen. Er suchte sich einen Baum, kletterte hinauf und suchte sich eine Stelle in den Ästen, wo er den Rest der Nacht verbringen konnte. Es war ein junger Guanbaum. In hundert Jahren würde ein junger Mann wie er, diesen Baum vielleicht zu seinem Baum erwählen. Manche der Alten sagten sogar, dass es anders herum wäre und der Baum würde sich seinen Herrn wählen, aber das war natürlich blanker Unsinn.
Waron erwachte, als die ersten Sonnenstrahlen ihn an der Nase kitzelten. Verschlafen öffnete er seine Augen und blickte sich um. Der für die Nacht ausgewählte Platz war gut gewählt. Er lag hoch genug, um für die nächtlichen Räuber unerreichbar zu sein. Selbst ein Schleicher hätte sich schwergetan, denn so geschickt, wie sie am Boden jagen konnten, so schlecht waren sie im Klettern.
Er holte ein Stück von dem Brot hervor, das er beim Fest von den anderen bekommen hatte, und nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserschlauch. Er tränkte ein paar Brotkrumen mit Wasser und warf sie vorsichtig in das Glas mit den Käfern. Wenn sie ihm auch in den folgenden Nächten von Nutzen sein sollten, musste er sie füttern. Sein Blick fiel auf das Tuch, das Lumena ihm umgelegt hatte. Behutsam nahm er es ab und ließ es durch seine Finger gleiten. Wehmütig roch er daran und meinte, noch etwas von Lumenas Duft daran zu entdecken. Es war aus einem hauchdünnen Stoff gewebt und trug das Muster ihrer Familie. Wenn er es auch bisher noch nicht gewusst hatte - jetzt wurde es ihm klar. Seine Suche nach einem Familienbaum würde er für sie machen. Lumena sollte die Herrin seines Baumes werden. Er musste nur noch einen geeigneten Baum finden und dann würde er sie fragen.
Seine Gedanken stockten. Das waren doch Hirngespinste, denn er stand ja noch ganz am Anfang seiner Suche. Seufzend kletterte er den Stamm herunter und sprang das letzte Stück auf den weichen Waldboden. Sorgsam blickte er sich um. Es war niemand zu sehen und so machte er sich auf den Weg. Die Gegend war ihm unbekannt, aber das war von vornherein klar gewesen. Im bekannten Teil des Waldes gab es keine geeigneten Familienbäume, die noch nicht bewohnt waren.
Sein Weg führte ihn immer tiefer in den Wald hinein und wiederholt betrachtete er Guanbäume, an denen er vorbeikam, aber nie waren sie alt oder ausladend genug, um für seine Zwecke geeignet zu sein.
Am Nachmittag, seine Beine wurden allmählich müde, erreichte er eine Lichtung. Solche Plätze waren selten in seinem Wald und daher äußerst begehrt. Was an dieser Lichtung besonders auffiel, war ein riesiger Baum in seiner Mitte. Seine Größe beeindruckte Waron und bewundernd blickte er an ihm empor. Es war definitiv kein Guanbaum, das sah er sofort, doch konnte er nicht erkennen, um was es sich denn tatsächlich handelte.
Während er noch in die Betrachtung des Baums vertieft war, hörte er ein Knacken im Unterholz. Er fuhr herum und sah einen Waldspringer auf sich zu laufen. Diese Tiere waren eigentlich harmlos, aber die Tatsache, dass dieses scheue Tier direkt auf ihn zukam, ließ ihn misstrauisch werden. Es war noch ein junger Waldspringer, Waron erkannte es an den nur kleinen Hörnern. Erschreckt bemerkte das kleine Huftier ihn, verzögerte einen Moment, um dann in einem Bogen an ihm vorbeizulaufen, direkt auf den Baum zu, der mitten auf der Lichtung stand. Die Zweige begannen zu zittern und ein leichtes Knarren ertönte aus dem mächtigen Stamm. Der Waldspringer lief in panischer Angst immer weiter. Als er unter der mächtigen Krone hindurchlief, geschah es: ein Hagel von messerscharfen Stacheln wurde aus der Krone auf das hilflose Tier abgefeuert und etliche drangen tief in seinen Körper ein. Es fiel einfach nur um und rührte sich nicht mehr.
Waron schaute ungläubig auf die Szene und fragte sich, was er da eben erlebt hatte. Da kam ihm ein Gedanke. Es musste sich um einen der sagenumwobenen Wehrbäume handeln. Die Alten erzählten gern Schauermärchen über diese Bäume, die alles umbrachten, was sich in ihren Radius begab. Er hatte immer geglaubt, dass es sich nur um Geschichten handelte, die man Kindern erzählte, um sie zu erschrecken. Jetzt wusste er, dass es sie wirklich gab.
Hinter ihm hörte er es erneut knacken. Er hatte überhaupt nicht mehr darauf geachtet, dass der Waldspringer ja in Panik gewesen war. Es musste etwas hinter ihm her gewesen sein. Er fuhr herum und sah einen Schleicher, der sich ihm langsam und mit geschmeidigen Bewegungen näherte. Sein Fell war graugrün und war im Unterholz nicht leicht auszumachen. Die grünen, geschlitzten Augen waren dafür umso besser zu erkennen und Waron war sich darüber im Klaren, dass er am Boden keine Chance gegen diesen Gegner haben würde. Gehetzt blickte er sich um. Der Bewuchs um die Lichtung herum war in erster Linie Unterholz und konnte ihm keinen Schutz bieten. Der Schleicher kam ganz allmählich näher, als wüsste er, dass ihm diese Beute nicht entkommen würde. Waron wunderte sich, dass dieses Tier überhaupt schon jetzt auf der Jagd war., denn es handelte sich eigentlich um einen Nachtjäger. Der einzige Baum weit und breit war der Wehrbaum, doch er kam nicht infrage, obwohl er hoch genug war, um dem Schleicher zu entkommen. Sein Blick fiel auf den toten Waldspringer. Er hatte keine Lust, so zu enden wie dieses Tier. Ratlosigkeit machte sich breit. Er wollte aber auch nicht dem Schleicher als Mahlzeit zu dienen. Sein Traum vom eigenen Baum trat auf einmal in weite Ferne. Er dachte an Lumena, die ihm Glück gewünscht hatte und die er bitten wollte, seine Baumherrin zu werden. Alles erschien ihm auf einmal unwirklich. Realer dagegen war diese große Katze, die ihm mit einem gewaltigen Satz näher kam. Warons Denken setzte aus und er rannte los. Er rannte einfach auf die Lichtung hinaus und hörte das Fauchen der Katze hinter sich, er schlug Haken wie ein Langohr und schaffte es mehrfach, den scharfen Krallen des Schleichers zu entkommen. Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, bis ihn seine Kräfte verlassen würden. Ein Sirren erfüllte plötzlich die Luft, und hätte er nicht im letzten Moment einen Haken geschlagen, wäre er von einigen Baumstacheln getroffen worden. Er war dem Wehrbaum viel zu nahe gekommen.
Der Schleicher hatte einen Stachel abbekommen und zog ihn sich mit den Zähnen aus dem Fell. Er fauchte und wurde vorsichtiger. Waron blickte dem Tier direkt in die Augen und konnte seine Panik nicht unter Kontrolle bekommen. Er lief weiter auf den Baum zu, der schon mehrfach seine Stacheln auf ihn abgefeuert hatte, ihn jedoch bisher nur einmal gestreift hatte. Eine blutige Schramme zog sich quer über seine Stirn. Heftig prallte er gegen den Stamm und zog sich eine Prellung am Ellenbogen zu. Schwer atmend lehnte er gegen die Rinde und suchte seinen Gegner. Der Schleicher umkreiste in einiger Entfernung den Wehrbaum, wagte es jedoch nicht mehr, sich ihm zu nähern. Überrascht stellte er fest, dass das Bombardement der Stacheln aufgehört hatte. Erschöpft schloss er die Augen und lehnte seinen Kopf gegen das Holz des mächtigen Stammes. In diesem Augenblick hatte er das Gefühl eines elektrischen Schlages. Ihm wurde schwindelig und er musste sich festhalten.
»Was bist du?« Die Frage schien direkt in seinem eigenen Kopf zu entstehen.
Waron blickte sich gehetzt um, doch außer ihm und dem Schleicher in einiger Entfernung war niemand da.
»Was bist du?«
»Werd ich jetzt verrückt? Ich bin ein Mensch, was sonst?«
»Ein Mensch? Ich erinnere mich. Früher lebten wir mit den Menschen, aber sie sind weitergezogen.«
»Weitergezogen? Wer spricht da überhaupt mit mir? Wo bist du?«
»Krok. Ich nenne mich Krok. Du stehst direkt bei mir und lehnst gegen mich. Es ist ein eigenartiges Gefühl, einen deiner Art zu spüren - nach all den vielen Jahren.«
Waron wandte sich um und legte seine Hände auf die rissige Rinde. »Das bist ... du? Ich rede mit einem Baum?«
»Ich bin Krok, einer der letzten Wehrbäume. Wir konnten immer schon denken. Wir waren die einzigen Bäume, die das konnten. Ich war sehr einsam. Aber jetzt bist du da, Waron.«
»Woher kennst du meinen Namen?«
»Aus deinen Gedanken. Wehrbäume können die Gedanken von Menschen lesen.«
»Warum hast du eigentlich deine Stacheln auf mich abgefeuert? Es hätte mich töten können.«
»Das tut mir unendlich leid. Ich kann nur Gedanken von Menschen lesen, zu denen ich Kontakt hatte. Sonst spüre ich nur Annäherung und habe Angst, dass es ein Feind ist. Ich musste mich wehren.«
Waron sah an dem Stamm empor und begann, daran emporzuklettern.
»Was tust du, Waron?«
»Ich klettere an dir hoch, weil ich mir deine Krone anschauen möchte. Ich suche einen Familienbaum für mich und meine zukünftige Familie. Warum nicht einen Baum wählen, der uns wirklich beschützen kann?«
»Dann hätte ich immer Gesellschaft von Menschen? Richtig?«
»Das ist richtig. Wir würden auf dir wohnen und leben - wenn du das zulässt.«
»Ich wäre ein wirklich glücklicher Baum. Dann wähle auch ich dich.«
Waron musste an die Erzählungen der Alten denken. Der Baum wählt den Menschen. Er hätte nie geglaubt, dass es tatsächlich so wäre.
»Dann bist du jetzt mein Familienbaum. Ich werde dich für eine kurze Zeit verlassen, denn ich muss jemanden hierher holen.«
»Ich sehe, dass du es ehrlich meinst, Waron. Hol die Mutter deiner Kinder her. Ich werde sie willkommen heißen.«
Woran machte sich auf den Rückweg, nachdem er sicher war, dass der Schleicher sich nicht mehr in der Nähe aufhielt. Der Weg zurück zu seinen Eltern erschien ihm unendlich lang, weil er so aufgeregt war und es nicht abwarten konnte, Lumena auf ihrem Familienbaum aufzusuchen.
Endlich erreichte er den Guanbaum, der so lange seine Heimat gewesen war. Seine Schwester erblickte ihn als Erste und ließ sich an den bodenlangen Zweigen zu ihm hinabgleiten. Sofort sah sie den Zweig mit den Blättern, die Waron zum Beweis mitgebracht hatte. Freudig warf sie sich in seine Arme. »Du hast es geschafft! Ich wusste es, ich wusste es.«
Sein Vater kam hinzu und drückte ihn kurz an sich. »Meine Gratulation. Ich hab nie daran gezweifelt, dass du deinen Baum finden würdest. Lass mal sehen.«
Er griff nach dem Zweig und betrachtete ihn nachdenklich. »Ich habe solche Blätter schon mal gesehen, aber das ist sehr lange her. Sie sind von einem ... Wehrbaum. Junge, das kann nicht sein.«
»Doch Vater. Dieser Baum wird mein Familienbaum. Er hat mich erwählt. Er wartet jetzt nur darauf, dass ich ihm mein Mädchen vorstelle.«
Teneron sah ihn an, als zweifle er am Verstand seines Sohnes. »Er wartet ... auf was?«
»Er möchte, dass ich ihm die Mutter meiner Kinder bringe. Deshalb sei mir nicht böse, wenn ich gleich wieder gehe, um Lumena zu fragen.«

Ängstlich folgte Lumena ihrem zukünftigen Mann durch das Unterholz. Als sie die Waldlichtung erreichten, deutete Waron auf den mächtigen Baum in seiner Mitte. »Das ist er. Das ist Krok, auf dem wir leben und auf dem wir unsere Kinder großziehen werden.«
»Aber das ist ... ein Wehrbaum. Nicht, dass ich schon einen gesehen hätte, aber mein Vater hat mir davon erzählt.«
»Er tut uns nichts, glaub mir. Im Gegenteil, er freut sich darauf, dich kennenzulernen.«
Er fasste Lumena an der Hand und zog sie auf die Lichtung hinaus. Langsam schritten sie auf den Baum zu, und als sie die gewaltige Krone erreichten, begannen die Zweige zu zittern, doch das Bombardement der Stacheln blieb aus. Schließlich erreichten sie den Stamm.
»Leg deine Hände und deine Stirn an den Stamm. Krok wird dich so kennenlernen.«
Zögernd tat sie es und zuckte kurz zusammen, als der Baum Kontakt zu ihr aufnahm. »Willkommen Lumena. Ich freue mich, dass du gekommen bist. Wir sind nun eine Familie und ich werde es niemals zulassen, dass dieser Familie etwas geschieht. Das ist ein Versprechen und ein Wehrbaum hält ein Versprechen auf ewig.«
Lumena löste sich von der Rinde und sah Waron verwirrt an. »Er hat zu mir ... gesprochen. Ein Baum, der sprechen kann? Wie kann das sein?«
Waron lächelte. »Ich war genauso verblüfft, aber es ist wahr. Ein Wehrbaum besitzt eine Seele und kann sich in unseren Gedanken mitteilen. Er ist etwas ganz Besonderes und - was am wichtigsten ist - er mag uns.«
Lumena blickte ehrfürchtig an Kroks mächtigem Stamm empor und legte behutsam ihre Hände auf seine rissige Rinde. Ein Gefühl von Wärme durchströmte sie, als sie die Zuneigung des Baumes spürte.
»Und?«, fragte er. »Bist du zufrieden? Kannst du dir vorstellen, meine Frau zu werden und mit mir hier zu leben?«
Sie lächelte und schmiegte sich an ihn. »Oh ja, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Du hättest mich auch fragen können, wenn du nicht so einen tollen Baum gefunden hättest. Jetzt kann ich es dir ja sagen.«
»Du verrücktes Mädchen! Und du hast mich immer Glauben gemacht, du würdest mich überhaupt nicht bemerken.«
»Ganz so leicht wollte ich es dir eben nicht machen. Geliebt hab ich dich schon immer.«
Glücklich schlang er seine Arme um sie und drückte sie fest an sich. »Ich glaub, ich bin der glücklichste Mann der ganzen Welt.«

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