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Heimkehr

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 
Ich hatte die Nase voll. Inzwischen hielt der Computer höchstens noch ein paar Tage durch, bevor ich mich wieder um ihn kümmern musste. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Jedes Mal, wenn der Computer wieder verrückt spielte, wirkte sich das auf die Temperaturkontrolle der Umwälzanlage aus. Diesmal war es besonders schlimm – die Temperatur hatte fast 300 C erreicht.
Mürrisch startete ich den Computer neu und betrachtete desinteressiert die Anzeigen auf dem Bildschirm. Es war nichts zu entdecken. Wie es schien, würde diesmal ein einfacher Neustart die Probleme lösen. So wie die Systeme nach und nach wieder online waren, hatte ich auch wieder Zugriff auf die Steuerung der Umweltparameter. Ich regelte die Temperatur wieder auf angenehme 200 C und blieb in meinem Sessel sitzen, bis es wieder angenehmer wurde. Ich hatte schließlich auch nichts Besseres zu tun.
Einige Zeit später blickte ich mich um. Die Zentrale glich einer Müllhalde. Es war mir gleich. Was spielte es jetzt noch für eine Rolle? Mit welchem Enthusiasmus waren wir vor ein paar Jahren gestartet. Nachdem man mit Hilfe der großen Radioteleskope Signale aufgefangen hatte, die man nur als Antwort auf die zahllosen Sendungen verstehen konnte, die man von der Erde in alle Richtungen abgestrahlt hatte, wo man sicher war, dass dort ein Planetensystem existieren musste. Trotz intensivster Bemühungen gelang es zwar nicht, den Inhalt der Sendungen zu entschlüsseln, doch stand fest, dass sie nur von intelligentem Leben erzeugt worden sein konnten. Ein internationales Konsortium setzte schließlich durch, dass eine Expedition ausgestattet wurde, um nachzuschauen, wer der Menschheit eine Antwort auf ihre Sendungen geschickt hatte. Als Quelle der Sendungen, die selbst jetzt noch festzustellen waren, hatte man den Stern Proxima Centauri identifiziert, den uns am nächsten gelegenen Stern. Irgendwer war dort draußen und wollte Kontakt zu uns aufnehmen. Trotzdem war es eine schwierige Mission, denn zwischen der Erde und dem Ziel lagen über vier Lichtjahre. Wer war bereit, Jahre seines Lebens zu opfern, nur um außerirdische Lebensformen zu treffen, deren Beschaffenheit nicht einmal bekannt war?
Es kam dem Konsortium entgegen, dass die Wissenschaft einen weiteren Schritt in der Entwicklung gemacht und einen atomaren Antrieb entwickelt hatte, der die Aussicht versprach, ein Raumschiff bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Das Problem war allerdings die Brennstoffversorgung, denn ein Raumschiff, das bis an die Geschwindigkeit des Lichts beschleunigt werden sollte, unterlag damit bereits in verstärktem Maße relativistischen Problemen. Einstein hatte bereits vor dem zweiten Weltkrieg mathematisch bewiesen, dass ein Schiff zum Erreichen der Lichtgeschwindigkeit seine gesamte Masse aufwenden müsse – immer unter der Annahme, die Materie würde vollständig in Energie umgesetzt. Genau das kam natürlich überhaupt nicht in Frage – schließlich wollten Raumfahrer nicht ihr Schiff und sich selbst in Energie umwandeln. Es schien erst so, als würde sich dieses Problem nicht lösen lassen, doch dann hatte der Physiker und Astronom Rudyard Allan Falkner seine Therorie veröffentlicht, wonach das Weltall nicht so leer sein sollte, wie man immer angenommen hatte. Er stellte ein Modell vor, wonach die Dichte des Raumes außerhalb des solaren Kuiper-Gürtels erheblich höher sein sollte, als vermutet. Er meinte sogar, dass es bei steigender Geschwindigkeit eines Raumschiffes möglich sein müsste, diese Materiepartikel einzufangen und sie für den Antrieb nutzbar zu machen. Falkner wurde zunächst von der Fachwelt verlacht, doch ein paar Jahre später brachte eine der Voyager-Sonden, die im Jahre 1977 gestartet wurden und die noch immer funktionierte, den Beweis: Die Dichte des Raumes nahm mit zunehmender Entfernung von der Sonne tatsächlich wieder zu. Zwar sprechen wir hier nicht von einer Dichte, die auch nur in die Nähe der Beschaffenheit von fester Materie gelangt, doch sah man eine Chance für die von Falkner propagierten Thesen.
Fünfzehn Jahre später war es dann so weit: Das erste interstellare Raumschiff der Erde – die Milestone – war fertiggestellt. Eine Crew von zwanzig freiwilligen Männern und Frauen ging an Bord und machte sich auf den langen Weg nach Proxima Centauri.
Ein kurzes Signal schreckte mich aus meinen Gedanken. Diesmal war es die Energieversorgung der hydroponischen Anlage. Allmählich gab ein System nach dem Anderen seinen Geist auf. Die Milestone war am Ende, das wusste ich ganz genau, aber so lange ich noch in der Lage war, meine Arbeit zu tun, würde ich versuchen, jeden Schaden zu beheben. Ich wollte nicht ausgerechnet jetzt noch aufgeben – so kurz vor dem Ziel. Wenn meine Berechnungen stimmten, würde die Milestone in höchstens einem Monat den Rand des heimatlichen Sonnensystems erreichen. Sicher, ich wäre dann noch lange nicht zu Hause, doch theoretisch wäre ich auch nicht mehr im Leerraum zwischen den Sternen. Es wäre zumindest ein Hauch von Heimat.
Die hydroponischen Anlagen waren eines der wichtigsten Systeme der Milestone, denn sie sorgten für die Aufbereitung der Atemluft und bescherten mir das eine oder andere frische Gemüse. Die Aussicht darauf, dass ein Ausfall der Quarzlampen den empfindlichen Pflanzen schaden könnte, trieb mich zur Eile an. Ich bewegte mich durch scheinbar endlose leere Gänge, in denen meine Füße Abdrücke in dem Schmutz hinterließen, der hier überall zu finden war. Das war nicht immer so gewesen. Als die Milestone startete, damals vor elf Jahren, war alles blitzblank und sauber. Es hatte kleine automatische Reinigungsmaschinen gegeben, die ständig herumwuselten und dem Schmutz keine Chance gaben. Zudem hatte sich die Crew während der langen und langweiligen Reise zum Proxima Centauri darum gekümmert, alles in Ordnung zu halten. Schließlich war die Milestone ihr Zuhause für die folgenden Jahre und sie hatten auch eine Beschäftigung gebraucht.
In der ersten Zeit war es noch interessant gewesen. Es hatte noch Kontakt zur Erde bestanden, wenn auch das Antwortzeitverhalten mit zunehmender Entfernung immer schlechter wurde. Dann war die Verbindung zur Erde endgültig abgebrochen. Sie hatten damit gerechnet und sich darauf eingestellt. Sie hatten sich mit Feuereifer auf die Forschung gestürzt, denn noch nie hatte ein bemanntes Raumschiff das heimatliche Sonnensystem verlassen. Alles, was sie über die Struktur des Raumes weit draußen, jenseits des Van-Allan-Gürtels wussten, stammte von uralten Sonden, die eigentlich längst ihre Arbeit hätten einstellen sollen. Bald hatten sie alles erfasst, was es hier zu erforschen gab. Die Dichte des so genannten Leerraumes hatte allmählich zugenommen und so testeten sie die größte Neuerung ihres Schiffes: Den Materieschirm. Er war kein Schirm im wörtlichen Sinne, denn er tat das exakte Gegenteil von einem Regenschirm auf der Erde. Es handelte sich um einen spezielle Konstruktion, die vor der Milestone wie ein riesiger, umgekehrter Schirm entfaltet wurde. Voll ausgefahren sah es so aus, als würde ein umgekehrter Regenschirm ohne Bespannung durchs All fliegen. Die Schirmkonstruktion wurde dann elektrisch aufgeladen, um ein dichtes Magnetfeld zu erzeugen. Mit zunehmender Geschwindigkeit der Milestone fing dieser Schirm immer mehr von der frei im All umher fliegenden Materie ein und führte sie dem Reaktor zu, der sie in seinem Konverter zu Energie verarbeitete. Bei der Materie handelte es sich um kleinste Teilchen, oft nur im molekularen, oder sogar atomaren Bereich, die durch das Magnetfeld so abgelenkt werden konnten, dass sie im Reaktor genutzt werden konnten.
Die Pflege dieses Systems war meine, Collins, Aufgabe gewesen, doch im Laufe der Zeit hatte es sich ergeben, dass ich zu einem Mädchen für Alles geworden war. Ich möchte behaupten, dass niemand die Milestone so gut kannte – und noch kennt - , wie ich.
In der Nähe der hydroponischen Abteilung war die Luft definitiv besser, als im Rest des Schiffes. Ich vermutete, dass die Luftverteilung auch einmal wieder eine Überholung nötig hatte. Den Einstieg in die Anlage bildete ein großes, rundes Schott, das mit einem großen Handrad entriegelt werden musste. Ich drehte an dem Rad und zog die schwere Tür auf. Im Innern des Raumes war es stockfinster, was ich jedoch auch erwartet hatte. Also ließ ich die Tür wieder zufallen und griff nach meiner Taschenlampe, die ich stets an meinem Gürtel trug. Ein Versorgungsschacht mündete wenige Meter vom Einstieg entfernt. In ihn führten einige dicke Kabelstränge hinein und verschwanden im Dunkeln. Ich leuchtete in den Schacht hinein und war überrascht, dass mittlerweile selbst hier Moos an den Wänden und auf dem Boden zu finden war. Es gab hier kaum jemals Licht. Ich wusste, dass am Ende dieses Schachts ein Schaltschrank zu finden war, der die Sicherungen für die gesamte Hydroponik enthielt. Ich biss die Zähne zusammen und kletterte hinein. Die Stufen der Leiter waren feucht und glitschig. Ich mochte diesen Ort nicht, seit ich einmal von der Leiter gestürzt war und mir den Unterarm gebrochen hatte. Damals war Indira noch da gewesen und hatte mir den Arm geschient. Ich seufzte. Indira war die Ärztin an Bord der Milestone gewesen.
Ich hangelte mich bis zu dem inzwischen von Flechten überzogenen Schaltschrank und entfernte die Flechten an der großen Klappe vor den Sicherungen. Ich vergewisserte mich, dass es wirklich die Sicherungen waren, die wieder einmal durchgebrannt waren und schaute in den kleinen Kasten mit den Ersatzsicherungen, der neben mir auf dem Boden stand. Während ich die defekten Teile austauschte, zählte ich den Bestand und stellte fest, dass ich mir solche Defekte nicht mehr oft leisten konnte. Meine Vorräte an Ersatz waren fast aufgebraucht. Ich aktivierte die Schaltkreise der Reihe nach wieder und erkannte an den aufleuchtenden Kontrolllämpchen, dass die Hydroponik wieder funktionierte. Ich schloss die Klappe wieder und machte mich auf den Rückweg. Als ich wieder im Hauptgang war, stieß ich zischend meinen Atem aus. Ich mochte diesen Ort eben nicht.
Zur Kontrolle betrat ich die hydroponische Abteilung dann doch noch und starrte zur Decke, wo die hellen Quarzlampen nun wieder brannten. Ich zählte fünf Strahler, die den Stromausfall nicht überstanden hatten. Für sie würde ich keinen Ersatz mehr in den Lagern finden – das wusste ich genau. Ich hoffte, dass die restlichen Lampen für das Gedeihen der Pflanzen ausreichen würden. Ich blickte mich um. Viele der Pflanzen hatten eine Größe erreicht, die sie niemals haben sollten. Die Anlage sah regelrecht verwildert aus.
Marian schoss mir durch den Kopf. Marian. Es schmerzte mich noch immer, wenn ich an sie dachte. Marian war die Biologin des Teams gewesen. Sie war immer so ausgeglichen und fröhlich gewesen. Wir hatten uns gleich von Anfang an gut verstanden. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie ich anfangs immer nach Ausreden suchte, um mich in der hydroponischen Anlage aufzuhalten, wo Marian fast immer zu finden gewesen war. Anfangs hatte sie manchmal genervt gewirkt, wenn ich immer wieder dort erschienen war, doch nach einiger Zeit hatte es sie amüsiert und dann kam der Zeitpunkt, als wir ein Paar wurden. Es war die schönste Zeit in meinem Leben gewesen. Ich seufzte wieder. Es war schon so lange her.
Die Mission der Milestone hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Bereits auf dem Weg zum Proxima Centauri hatte es immer wieder technische Probleme gegeben. Im Gegensatz zu den meisten Anderen der Crew hatte ich alle Hände voll zu tun gehabt. Karim, der Navigator hatte irgendwann die Vermutung geäußert, ich würde die Reparaturen nicht ordentlich ausführen, um eine Beschäftigung zu haben. Die Anderen hatten zwar gelacht, doch Etwas davon war hängen geblieben und der Neid derjenigen, die nichts zu tun hatten, war immer größer geworden.
Die Stimmung in der Crew war immer schlechter geworden. Wir hatten uns trotz der relativen Größe der Milestone nicht wirklich aus dem Weg gehen können und so hatte unser Psychologe Thomas eine Menge Arbeit, aus uns wieder ein Team zu machen. Zu diesen Problemen war dann noch der Raum selbst hinzu gekommen. Die Beschaffenheit des Raumes hatte sich bei der Annäherung an unser Ziel derart verändert, dass wir schließlich gezwungen waren, den Schirm wieder einzuklappen. Glücklicherweise war dies zu einem Zeitpunkt geschehen, als wir bereits wieder deutlich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit gelegen hatten und wir mit relativistischen Schwierigkeiten nicht mehr rechnen mussten.
Ich konnte mich noch gut daran erinnern, dass ein regelrechter Ruck durch unser Team gegangen war, als es uns erstmals gelungen war, das Vorhandensein von Planeten im Proxima Centauri-System festzustellen. Nach unseren Messungen musste es mindestens vier Planeten geben und noch immer hatten unsere Instrumente die Signalgruppen empfangen, die letztlich dafür verantwortlich waren, dass wir überhaupt hier waren. Unser Schwede Bo, der für die Kommunikation zuständig gewesen war, hatte die Sendungen immer wieder aufgenommen und sie über unsere Antennen wieder zurückgeschickt. Wir hatten gehofft, dass die Urheber der Sendungen vielleicht anhand unserer Antwort feststellen würden, dass wir auf dem Weg zu ihnen waren. Wir hatten jedoch nie etwas anderes empfangen, als die schon bekannten Symbolgruppen, die wir schon von der Erde her kannten.
Ein paar Monate später hatten wir das Planetensystem von Proxima Centauri erreicht. Unsere Stimmung hatte irgendwo zwischen der Enttäuschung darüber gelegen, dass wir keine gezielten Reaktionen bekommen hatten und der Erwartung dessen, was wir finden würden. Bo hatte inzwischen genau ermitteln können, dass die Signale vom ersten Planeten des Systems stammen mussten. Proxima Centauri ist ein so genannter Zwergstern, der viel weniger Energie abstrahlt, als unsere heimatliche Sonne. Es war daher nicht überraschend, dass der innerste Planet dieses Systems bewohnt war – sofern es sich um Leben handelte, das Unserem auch nur im Entferntesten ähnelte. Wir hatten also diesen Planeten angesteuert und uns in seine Umlaufbahn begeben. Was unsere Fernortungsinstrumente angezeigt hatten, war eine echte Sensation: Wir entdeckten große Städte von fremdartigem Aussehen, ein dichtes Verkehrsnetz. Breite Bänder verbanden die Städte miteinander. Wir hatten vermutet, dass es sich um Straßen handelte. Wir hatten es jedoch beunruhigend gefunden, dass wir selbst in der stärksten Vergrößerung keine Lebewesen entdecken konnten. Unser Kommandant Dimitri hatte entschieden, dass es nur eine Möglichkeit gab, dieses Rätsel zu lüften. Wir mussten mit Hilfe eines unserer beiden Landemodule nachschauen, was dort los war. Wir hatten Sonden in die Atmosphäre des Planeten entsandt und so erfahren, dass wir das große Glück hatten, einen Sauerstoffplaneten zu finden, dessen Atmosphäre sogar für uns atembar war. Voller Euphorie wurden die Vorbereitungen für die Landung durchgeführt. Es war ein Schlag ins Gesicht, als mir Dimitri eröffnet hatte, dass ich nicht bei diesem Landeunternehmen dabei sein würde. Einer sollte auf jeden Fall zurückbleiben, für den Fall, dass es an Bord zu Zwischenfällen kommen würde. Ich kann mich noch gut an Marians trauriges Gesicht erinnern, als sie erfuhr, dass ich nicht mitkommen durfte.
Nachdem die Landefähre abgelegt hatte, konnte ich einfach nicht mehr. Schon seit Jahren waren wir in dieser Konservendose eingesperrt gewesen und jetzt, da es eine Möglichkeit gab, sich einmal gepflegt die Beine zu vertreten, durfte ich nicht mit. Wir hatten während unseres Fluges aus reiner Langeweile begonnen, aus Produktabfällen unserer hydroponischen Anlage Schnaps zu brennen. Diesen hatte ich jetzt aus unserer Kombüse geholt und erst einmal einen ordentlichen Schluck genommen. Es hatte gebrannt wie die Hölle, doch ich hatte mich anschließend besser gefühlt. Ich hatte mich zur Zentrale bewegt und über die Instrumente den Verlauf der Landung verfolgt. Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht. Das Wetter war ruhig und stabil und in der Reichweite der Landefähre hatte sich sich ein Platz befunden, der durchaus eine Art Flugplatz sein konnte. Dort sollte die Landung vorgenommen werden. Unser Pilot Marco hatte etwas von seinem Fach verstanden. Er hatte die Fähre durch die fremde Atmosphäre bewegt, als wenn er sich auf der Erde befinden würde. Marian hatte mir über Funk ständig durchgegeben, was sie sahen. Alles hatte nach einer reinen Routinesache ausgesehen. Marian hatte irgendwann gesagt, dass sie nun gelandet seien und die Fähre verlassen würden. Sie waren auf eine Reihe von Gebäuden zu gelaufen, die am Rand des Platzes standen. Marian hatte berichtet, dass die Gebäude vergleichsweise klein seien und auf dem Platz kleine Fahrzeuge zu sehen seien, die eventuell Flugzeuge sein könnten. Alles war verlassen gewesen. Niemand hatte von ihnen Notiz genommen. Die Gebäude waren ebenfalls verlassen. Ihre Einrichtung war zwar fremdartig, hatte jedoch darauf hingedeutet, dass die Erbauer dieser Gebäude nicht so fremdartig sein konnten, wie man befürchtet hatte.
Ich hatte dies alles lediglich über Funk miterleben müssen. Sie waren später weitergeflogen, um aus der Luft nach Zeichen von Leben zu suchen. Ein Alarm hatte mich aus meinen Gedanken abgelenkt. Es war ein stark erhöhter Sonnenwind registriert worden, wie man es im Sonnensystem während der Sonnenfleckaktivitäten ebenfalls feststellen konnte. Ich hatte den Alarm abgestellt und mich wieder dem Funkgerät zugewandt. Es dauerte nicht lange und der Alarm war erneut ertönt. Ich hatte ihn abgeschaltet und einen Blick auf die Messgeräte geworfen. Ich hatte geglaubt, meinen Augen nicht zu trauen. Die Werte waren so hoch gewesen, dass man befürchten musste, die Sonne würde eine Plasmafackel ausstoßen. Auch das kam im Sonnensystem häufig vor, doch war man zu Hause auch viel weiter von der Sonne entfernt, als hier. Mir war mulmig geworden und ich hatte den Alarm über Funk an unseren Kommandanten gemeldet. Er hatte der Erscheinung keine große Bedeutung beigemessen und erklärt, sie hätten soeben eine Art Flugfeld gefunden, auf dem sie Hunderte von brandigen Flecken entdecken konnten, fast, als wenn von hier eine größere Menge an Raumschiffen gestartet wäre. Es hatte einfach keinen Sinn gemacht.
Sie hatten die Gegend noch mehrere Tage lang untersucht, während ich immer wieder neue Höchstwerte der Sonnenaktivität messen konnte. Ich hatte dem Zeitpunkt entgegen gefiebert, wenn die Anderen und besonders Marian wieder bei mir sein würden. Während der Tage, in denen meine Gefährten auf dem Planeten verweilt hatten, wurden die Meldungen immer spärlicher. Immer häufiger hatte ich von mir aus darauf drängen müssen, dass sie mich ins Bild setzten. Selbst Marian hatte sich nicht mehr von sich aus gemeldet. Ich hatte das nicht verstanden. Endlich hatte Dimitri angerufen und mitgeteilt, dass sie zurückkehren würden. Nervös hatte ich im Schleusenbereich auf die Ankunft der Fähre gewartet.
Als sie dann endlich eingetroffen waren, waren sie wieder da und doch auch wieder nicht. Nacheinander hatten sie die Milestone betreten und schwebten an mir vorbei. Sie hatten mich überhaupt nicht beachtet. Mir war ganz anders geworden. Was ging hier vor?
In den folgenden Tagen hatte ich meine Freunde und Partner immer misstrauischer beobachtet. Sie hatten sich, so oft es ging, in der Messe der Milestone versammelt, wo sie dann schweigend beieinander saßen. Mich hatten sie völlig ausgeschlossen. Es war ja nicht so gewesen, dass sie sich nicht mehr mit mir unterhielten. Wenn ich sie gezielt angesprochen hatte, erhielt ich auch eine – wenn auch recht einsilbige – Antwort. Meine Verzweiflung war während dieser Zeit immer größer geworden, besonders weil auch Marian für mich immer fremder wurde.
Ich hatte damals noch die Hoffnung, dass sich das Blatt noch wenden würde, wenn wir erst einmal wieder auf dem Heimweg sein würden und hatte deshalb darauf gedrängt, die Milestone für den Rückweg startklar zu machen. Niemand hatte auf mein Drängen reagiert, oder mir in irgend einer Weise geholfen. Jetzt hatte es sich ausgezahlt, dass ich während der Anreise nach und nach in allen nur erdenklichen Bereichen gearbeitet hatte. Ganz allein hatte ich das Schiff für den Rückflug vorbereitet. Eine unbestimmte Angst hatte mich erfasst, dass meine Kollegen auf dem Planeten von einem Erreger infiziert worden sein könnten und das eigenartige Verhalten Anzeichen einer Erkrankung war.
Ein Geräusch holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich sah zur Konsole des Funkers hinüber. Im Geiste sah ich noch immer Bo, wie er dort auf seinem Sitz festgeschnallt gesessen hatte. Bo, unser Mann für die Kommunikation, war immer sehr sympathisch gewesen. Ich konnte mir noch immer keinen Reim darauf machen, was eigentlich auf Proxima Centauri 1 geschehen war. Aber was spielte das jetzt für eine Rolle? Bo lag – genau wie die Anderen – in der Kühlzone bei einer Temperatur von nur knapp über dem absoluten Nullpunkt. Eine Signalleuchte auf der Konsole blinkte rythmisch auf. Ein eingehender Ruf auf einer der irdischen Frequenzen! War ich etwa schon innerhalb der Reichweite von Sendern der Erde? Ich konnte es mir eigentlich nicht vorstellen. Ich warf einen Blick auf den Geschwindigkeitsmesser der Milestone. Es zeigte noch immer ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit an. Ich wusste, dass dies nur ein hypothetischer Wert sein konnte, rechnerisch ermittelt aus der bekannten Triebwerksleistung und der bisherigen Dauer des Bremsvorgangs. Nervös wechselte ich meinen Platz und setzte mich an die Kommunikationskonsole, wo ich mit zittrigen Fingern den Eingangskanal des Funkgerätes öffnete. Was ich zu hören bekam, war nur ein hochfrequentes Zirpen. Verstehen konnte ich nichts. Ratlos sah ich auf die Konsole. Wer auf der Erde sendete einen solchen Müll? Ich begann, zu verstehen, dass diese Sendungen wohl nicht für mich bestimmt sein konnten. Trotzdem gaben sie mir ein gewisses, beruhigendes Gefühl. Es gab die Erde und ihre Menschen offensichtlich noch.
Enttäuscht nahm ich wieder auf meinem Pilotensessel Platz, auf dem ich seit Marcos Tod häufig saß und vor mich hin döste. Marco war der Erste gewesen. Er hatte etwa vier Monate nach unserem Start von Proxima Centauri aufgehört, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen. Ich hatte wirklich alles versucht, aber mir hatten einfach die Mittel und Kenntnisse gefehlt, etwas Wirkungsvolles dagegen zu unternehmen. Anfangs hatte ich es noch geschafft, die Aufmerksamkeit Indiras, unserer Bordärztin, zu erwecken und von ihr einige Tipps zu bekommen, doch dann hatte auch sie die Nahrungsaufnahme eingestellt. Von da an ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Tagen waren fast alle Besatzungsmitglieder so weit geschwächt, dass sie dem Tode nahe waren. Ich hatte mich nach Kräften bemüht, ihnen wenigstens etwas Wasser einzuflößen, doch nach einer gewissen Zeit hatten sie nicht einmal mehr die nötigen Schluckreflexe. Hätte ich während dieser Zeit nicht so viel zu tun gehabt, ich glaube, ich wäre verrückt geworden.
Als ich unserm Kommandanten Dimitri die Augen für immer schloss, bemerkte ich eine Bewegung hinter mir. Es war Marian.
„Marian“, hatte ich gesagt und mein Herz hatte einen Satz gemacht, „dir geht es wieder besser?“
Ich war aufgesprungen und hatte sie in meine Arme genommen, doch sie hatte meine Umarmung nicht erwidert.
„Wir werden alle gehen“, hatte sie gesagt, „du musst mir jetzt genau zuhören.“
„Was meinst du, Marian? Was soll das bedeuten: Wir werden alle gehen? Wenn es eine Krankheit ist – vielleicht kann man sie heilen?“
Ein schwaches Lächeln hatte ihre Lippen umspielt.
„Marian, ja, so wurde ich genannt“, hatte sie leise gesagt und für einen Moment war der alte Schimmer wieder in ihre Augen getreten, doch nur für einen Augenblick, dann war es wieder vorbei gewesen.
„Du würdest es eine Krankheit nennen, Collin, aber es ist keine. Das, was geschehen ist, sollte niemals in dieser Form geschehen. Es tut uns unendlich Leid, aber ihr seid nicht sie und uns fehlt das Wissen.“
Mir hatte sich alles im Kopf gedreht. Was erzählte Marian da für ein verworrenes Zeug?
„Marian, du machst mir Angst“, hatte ich geantwortet, „wovon redest du eigentlich? Von welchem Wissen redest du?“
Sie hatte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht und weitergeredet: „Collin, mir fehlt die Zeit. Die Anderen sind schon auf dem Weg. Ich wurde bestimmt, als Letzte zu gehen, da wir zusammen gehörten. Mir würdest du zuhören. Also tue bitte genau, was ich dir sage: Bringe jeden, der gegangen ist, unverzüglich in die Kältezone. Warte nicht. Es ist wichtig. Du wirst es verstehen – später.“
Ich hatte ihre Worte vernommen, doch war ich noch nicht bereit, zu akzeptieren, dass Marian auch von sich selbst gesprochen hatte. Ich wollte sie nicht verlieren.
„Marian, was hindert dich daran, die Rückreise mit mir gemeinsam zu machen? Du scheinst dich doch etwas erholt zu haben.“
„Sie haben gesagt, dass du so reagieren wirst, aber glaube mir, ich spüre meine Kräfte schwinden, während ich hier mit dir spreche.“
Marian war plötzlich Etwas in sich zusammen gesackt und ich war ihr zu Hilfe gesprungen, um sie zu stützen. Sie hatte mich von unten angesehen und gelächelt. Da war sie – meine Marian, wie ich sie gekannt hatte. Sie hatte meinen Kopf in ihre Hände genommen und ihr Gesicht an meine Schulter gebettet. Ein Schluchzen hatte ihren Körper geschüttelt. Sie hatte mich anschließend ein Stück von sich weg geschoben und mich aus Tränen erfüllten Augen angesehen.
„Collin, ich liebe dich“, hatte sie noch gesagt, „verzeih' uns und denke an die Kältezone.“
Dann war sie in sich zusammengesackt und war tot. Ich hatte sie noch Minuten lang in meinen Armen gehalten, erfüllt von Trauer und völliger Ratlosigkeit.
In den Tagen danach hatte ich genug damit zu tun, meine verstorbenen Kollegen in die Kältezone zu schaffen. Ich hatte zwar nicht verstanden, warum Marian mich immer wieder daran erinnert hatte, denn normalerweise erhielten verstorbene Raumfahrer eine Raumbestattung, das heißt, dass sie aus der Schleuse ins All katapultiert wurden, um für alle Zeiten dort zu treiben. Ich wollte jedoch Marians letzten Willen respektieren und so hatte ich nach und nach alle Verstorbenen in die Kältezone geschafft, wo sie innerhalb von wenigen Sekunden zu einem Eisblock gefroren waren.
Ein Gedanke unterbrach meine geistige Reise durch die Vergangenheit: Doppler-Effekt. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Dieses Gezirpe in der Funkanlage – das waren Funksignale, die dem Doppler-Effekt unterworfen waren. Der österreichische Mathematiker und Physiker Christian Doppler hatte bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts festgestellt, dass sich die Wahrnehmung von Frequenzen verändert, wenn sich die Quelle und der Empfänger von Signalen auf einander zu oder von einander weg bewegen. Die Milestone raste mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit auf das Sonnensystem zu. Da war es doch vollkommen klar, dass sich die Signale am Empfänger verzerren mussten. Ich flog förmlich zur Kommunikationskonsole hinüber, um zu sehen, ob es die Signale noch gab. Ich hatte Glück und drückte sofort auf die automatische Aufzeichnung. Ich durfte gar nicht daran denken, was ich vielleicht alles an wichtigen Informationen verpasst haben konnte. Ich wartete eine Weile und schaltete dann die Wiedergabe ein, wobei ich in Stufen die Wiedergabe immer langsamer einstellte, bis ich etwas verstehen konnte. Die Qualität der empfangenen Nachricht war schlecht, aber größtenteils verständlich. Offenbar war es eine automatische Sendung, die sich ständig wiederholte:
„Dies ist eine automatische Mitteilung der Orbitalstation auf Titan. Im solaren Sonnensystem herrscht derzeit der Ausnahmezustand. Einfliegende Schiffe von jenseits der Grenzen des Systems müssen zwingend zunächst die Orbitalstation auf Titan anfliegen. Eine direkte Reise zu den inneren Planeten Mars, Erde oder Venus ist nicht gestattet.“
Danach wiederholte sich der Text der Meldung. Ich fragte mich, was das nun wieder zu bedeuten hatte. Ich war nicht über viele Jahre durch's All geflogen, um dann nicht direkt nach Hause zu fliegen. Orbitalstation auf Titan. Was sollte das sein? Als die Milestone ihre Reise angetreten hatte, hatte es solche Stationen auf Saturnmonden überhaupt noch nicht gegeben. Nun, ich war auch schon lange unterwegs – viel zu lange.
Die Bordroutine war jeden Tag gleich. Wach werden, frühstücken, Rundgang durch das gesamte Schiff, notwendigste Reparaturen vornehmen – sofern möglich. Danach dösen im Pilotensessel der Zentrale. Es kotzte mich inzwischen an. Ich war mir sicher, dass ich mich nie wieder weiter vom Erdboden entfernen würde, als ein Flugzeug in die Luft steigen würde. Immer häufiger träumte ich davon, was ich tun würde, wenn ich wieder auf der Erde gelandet wäre. Die Geschwindigkeit der Milestone war inzwischen bereits sehr stark reduziert. Ich konnte die Sendungen vom Titan schon fast ohne Hilfsmittel verstehen – und das nicht allein deswegen, weil ich bereits innerhalb der Grenzen des Systems war.
Eines der größten Probleme bei Reisen, wie ich sie unternahm, war, dass ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Unendlich oft hatte ich bereits diese letzten Gespräche mit meinen Kollegen und insbesondere mit Marian im Kopf durchgespielt. Auch nach Jahren verstand ich noch nicht wirklich, was Marian mit ihren letzten Worten gemeint hatte. Ich fragte mich, ob sich die ganze Mühe der Reise zum Proxima Centauri eigentlich gelohnt hatte und beantwortete sie mir selbst ganz energisch mit nein. Wir hatten gehofft, Brüder im All zu finden, aber waren scheinbar zu spät gekommen. Fast die ganze Besatzung hatte die Reise nicht überlebt und ich selbst hatte viele Jahre meines Lebens für einen Traum vergeudet. Doch ich sollte nicht undankbar sein, denn schließlich war ich zurückgekehrt und hatte auch nicht den Verstand verloren. Und Marian? Die hatte ich wirklich verloren. Sie war der wichtigste Mensch in meinem bisherigen Leben gewesen. Warum kam ich einfach nicht darüber hinweg? Sagt man nicht immer, dass die Zeit alle Wunden heilt?
Ich war gerade dabei, den großen Materieschirm einzufahren, da er bei der inzwischen geringen Geschwindigkeit keine Funktion mehr hatte. Außerdem war die Materiedichte innerhalb des Systems viel zu gering. Da ging der Alarm los.
Ich fluchte, denn man konnte am Alarm nicht erkennen, worum es sich handelte. Also hastete ich durch die völlig verdreckten Gänge zurück zur Zentrale. Die früher einmal hier arbeitenden Reinigungsmaschinen hatten schon vor Jahren ihren Geist aufgegeben und in den Lagern hatten sich keinerlei Ersatzteile dafür befunden. Ich muss gestehen, dass ich auch überhaupt kein Interesse daran hatte, hier für Sauberkeit zu sorgen. Es war mir im Grunde auch vollkommen egal, was mit der Milestone nach meiner Ankunft auf der Erde geschehen würde.
In der Zentrale angekommen, erkannte ich, dass eine neue Mitteilung eingegangen war. Klugerweise hatte ich nach der letzten Funknachricht die permanente Aufzeichnung aktiviert gelassen. Es war eine weitere Nachricht vom Titan, doch diesmal war es offensichtlich keine automatische Mitteilung.
„Fremdes Raumschiff mit Kurs auf das Saturnsystem, bitte identifizieren Sie sich!“
Es war mir klar, dass auch aus dieser Entfernung ein Funkspruch noch einige Zeit unterwegs sein würde, aber ich antwortete sofort:
„Hier spricht Collin Porter vom interstellaren Raumschiff Milestone. Ich befinde mich auf dem Rückweg von Proxima Centauri.“
Nach einiger Zeit traf die Antwort ein: „Milestone, wir haben Sie schon seit einiger Zeit erwartet. Wir werden Ihnen nun einige Kursdaten übermitteln und bitten Sie, Ihren Kurs entsprechend zu ändern. Die Milestone ist nicht für einen Weiterflug zur Erde vorgesehen, sondern verbleibt auf Titan.“
Es verschlug mir die Sprache. Was bildeten sich diese Leute eigentlich ein? Nach Allem, was ich erlebt hatte, wollte ich einfach nur nach Hause und nun bestand die Aussicht, noch lange hier draußen – mitten im Sonnensystem – zu bleiben. Wütend schlug ich auf die Antworttaste.
„Was bilden Sie sich eigentlich ein? Ich will nicht aus einer Blechbüchse in eine Andere umsteigen – ich will endlich wieder einen blauen Himmel sehen, frische Luft atmen. Ich fliege zur Erde!“
„Mr. Porter, Sie werden nicht zur Erde fliegen – jedenfalls nicht mit der Milestone. Seien Sie kooperativ. Um so schneller können Sie auch dorthin reisen, wo Sie hin möchten. Wenn Sie nicht freiwillig zu uns kommen, wird man Sie holen. Ich denke, das können wir uns gegenseitig ersparen. Bitte legen Sie den neuen Kurs an.“
Ich wollte schon abschalten, als die Stimme am andern Ende noch eine Frage stellte:
„Mr. Porter, wie geht es Ihren Mitreisenden? Sind sie auch gut untergebracht?“
Ich spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten und ich leicht fröstelte. Was war das jetzt wieder? Was war das für eine eigenartige Frage?
„Ich bin der einzige Überlebende der Expedition, falls Sie das wissen wollen!“, rief ich ins Mikrophon, „Was soll diese blöde Frage nach der Unterbringung?“
Ich war einfach nicht in der Lage, höflich und freundlich zu bleiben.
„Mr. Porter, uns ist bekannt, dass nur noch Sie aktiv sind. Wir sind Ihnen dafür auch sehr dankbar. Was ich wissen wollte, ist, ob Ihre Mitreisenden gut untergebracht sind.“
„Verdammt noch 'mal, meine Mitreisenden sind tot! Verstehen Sie? Tot! Sie stecken in der Kältezone der Milestone.“
„Das ist gut“, sagte der Mann vom Titan, „Mr. Porter, Sie haben Ihre Arbeit sehr gut gemacht.“
Ich stutzte. Wieso wusste man auf Titan, dass ich als Einziger an Bord noch aktiv bin? Die Rätsel hatten mich wieder eingeholt. Die Ereignisse der vergangenen Jahre zogen wieder an meinem geistigen Auge vorbei. Ich beschloss, mich zunächst dumm zu stellen und den Titan anzufliegen. Ich hatte auch nicht wirklich viele Alternativen.
Ein Blick auf die Navigationskontrolle zeigte mir, dass die neuen Zielkoordinaten inzwischen eingetroffen waren. Ich war fast etwas dankbar dafür, dass ich etwas tun musste und nicht weiter nachdenken konnte. Ich war so froh gewesen, meinen Verstand behalten zu haben und nun stand ich doch noch an der Schwelle zum Wahnsinn. Die Steuerung der Milestone war mir im Laufe der langen Zeit so geläufig geworden, dass ich fast beiläufig den neuen Kurs setzte. Die Korrekturtriebwerke begannen zu arbeiten und die gesamte Schiffszelle begann zu vibrieren und zu ächzen. Die Milestone war mittlerweile eine alte Dame geworden. Ich hoffte, dass sie nicht auf den letzten Metern noch schlapp machte.
Es dauerte noch fast vier Wochen, bis ich mit dem Teleskop der Milestone zum ersten Mal einen Blick auf die Orbitalstation des Titan werfen konnte. Sie musste wahrhaft riesig sein. Sie bestand aus einer Kugel, sowie einem dicken Torus darum herum, der an drei Stellen mit der Kugel verbunden war. Da sich die Station gemächlich um ihre Achse drehte, wirkte sie wie ein großes Rad. An den Polen der zentralen Kugel befanden sich Vorrichtungen, die möglicherweise zum Andocken von Schiffen geeignet waren. Ich nahm nach langer Zeit wieder eine Funkverbindung zur Station auf:
„Hier Milestone. Ich stehe quasi schon vor eurer Tür. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, mir zu sagen, wie ich bei euch anlegen kann.“
Die Antwort kam fast augenblicklich:
„Mr. Porter, wir haben Sie auf unseren Ortungsschirmen. Wir empfehlen Ihnen, einen Service-Kanal zu Ihrem Autopiloten zu öffnen und uns Zugriff darauf zu geben. Wir holen Sie dann automatisch herein. Sie können dann schon zur Hauptschleuse gehen, wenn Sie möchten.“
Ich war mir nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Empfehlung, oder eher um einen Befehl gehandelt hatte, aber es spielte letztlich keine Rolle mehr. Ich hatte die weitere Entwicklung nicht mehr in der Hand. Ich fühlte mich unglaublich müde und wollte nur noch meine Ruhe haben. Nicht mehr denken und endlich wieder auf der Erde sein. Ich schaltete den Autopiloten auf den Service-Kanal und gab die Steuerung über mein Schiff endgültig ab. Ich blieb noch eine Weile im Pilotensessel sitzen und verfolgte die Manöver der Milestone, die nun nicht mehr von mir, sondern von außen veranlasst wurden. Ich musste allerdings zugeben, dass sie etwas vom Fach verstanden, denn die Milestone passte sich perfekt der Rotation der Station an, bevor sie endgültig andockte.
Hatte ich es mir so vorgestellt, nach Hause zu kommen? Eigentlich nicht. Ich erhob mich von meinem Sitz. Es war ein eigenartiges Gefühl. Die Triebwerke waren nun abgeschaltet und das Schiff rotierte leicht. Jede Außenwand schien nun unten zu sein. Ich griff nach meiner Tasche, in der ich die wichtigsten Unterlagen hatte. Es war schon komisch – da flog man viele Jahre durch das All und alles Wichtige aus dieser ganzen Zeit passte in eine kleine Tasche. Zum letzten Mal hangelte ich mich durch die schmutzigen Gänge, um zur Hauptschleuse zu kommen. Als ich dort ankam, wurde ich dort bereits erwartet. Man hatte die Schleuse – nachdem der Druckausgleich hergestellt war – von außen geöffnet.
Der Mann, der mich erwartete, machte auf mich einen ganz normalen Eindruck. Sein Blick war offen und drückte Freundlichkeit aus.
„Willkommen auf Titan, Mr. Porter“, sagte er mit wohlklingender Stimme, „folgen Sie mir bitte in unsere Station. Sie haben sicher eine Menge Fragen und ich werde mich bemühen, sie zu beantworten.“
Ich folgte ihm und betrat die Titan-Station. Ich bemerkte gleich, dass es eine andere Welt war, die ich betrat. Alles wirkte sauber, ordentlich und nagelneu. Ich sah Geräte und Instrumente, deren Funktion ich nicht bestimmen konnte.
„Welches Jahr haben wir?“, fragte ich.
Der Mann drehte sich um. „Sie würden wohl sagen, wir hätten das Jahr 2050, doch wir rechnen nicht mehr nach diesem Zählsystem.“
2050. Das würde bedeuten, dass ich mit der Milestone stark relativistischen Einflüssen ausgesetzt war, denn ich hatte den Bordkalender noch gut im Gedächtnis und der hatte zuletzt den 11. Juli 2035 angezeigt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Mann gesagt hatte, man würde nicht mehr nach diesem Kalender rechnen.
„Moment mal“, sagte ich, „was soll das bedeuten, ihr rechnet nicht mehr nach diesem Kalender. Wer seid ihr überhaupt?“
Der Mann lächelte. „Mein Name ist 4-Rehlog-3569, falls es Sie interessiert. Lassen Sie uns in unsere Kantine gehen und dort etwas trinken oder essen – wir haben eine sehr gute Küche. Dort werde ich Ihnen alles erklären.“
Ich ging hinter diesem 4-irgendwas her und verstand überhaupt nichts mehr. Ich registrierte, dass die Anziehungskraft allmählich größer wurde, also näherten wir uns dem äußeren Rad der Station, wo die Fliehkraft annähernd Erdschwere simulierte. Immer wieder begegneten wir Menschen, die mich und meinen Führer freundlich grüßten. Endlich erreichten wir die Kantine, die mäßig besucht war. Sie wirkte noch genau so, wie ich Kantinen noch von früher kannte. Wir setzten uns und ein hübsches junges Mädchen nahm unsere Bestellung auf. Zumindest darin hatte sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.
„Also“, sagte ich, „dann fangen Sie mal an zu erklären, Herr 4-...“
„Nennen Sie mich einfach Rehlog“, sagte er, „hier in der Station wird dies sicherlich nicht zu Verwechslungen führen. Ich bin ein fast reiner Glii, deshalb der eigenartige Name. Die meisten Anderen haben ihre alten menschlichen Namen beibehalten.“
Ich starrte mein Gegenüber an. „Was ist ein Glii?“, fragte ich mit leicht belegter Stimme.
„Was haben Sie gefunden, als Sie auf Proxima Centauri eintrafen?“, fragte Rehlog, „Oder anders gefragt, was haben Sie dort nicht gefunden?“
Ich sah den Mann aus zusammengekniffenen Augen an.
„Dort war niemand“, sagte ich, „wir fanden die Reste einer großen Zivilisation, doch war alles verlassen. Als meine Freunde dann vom Planeten zurück kamen, waren sie krank und starben. Nur ich habe überlebt.“
„Ganz so war es nicht“, sagte Rehlog, „ich werde es mal in Kurzform erklären. Wir Glii stammen ursprünglich vom Planeten Glii, das ist der erste Planet der Sonne, die ihr Proxima Centauri nennt. In unserer früheren Heimat lebten wir in Symbiose mit einer Primatenspezies, die jedoch nur eine sehr geringe Intelligenz entwickelt hatte. Wir Glii sind eigentlich eine Art Kollektivintelligenz. Ihr würdet sagen, wir sind so etwas wie Viren oder Bakterien. Einzeln sind wir nichts, doch als geballte Masse entwickelten wir Intelligenz. Irgendwann im Laufe unserer eigenen Entwicklung stellten wir fest, dass wir individuelle Intelligenz entwickeln können und sogar unsere Umwelt manipulieren können, wenn wir die Primaten unseres Planeten infizieren. So gingen wir eine Symbiose ein und konnten so gemeinsam eine Zivilisation schaffen, die eurer in nichts nachsteht. Leider hatten wir unsere Rechnung ohne unsere Sonne gemacht. Proxima Centauri ist eine sehr instabile Sonne. Häufig schleudert sie Plasmafackeln weit in den Raum und überschüttete unsere Welt mit harter Strahlung. Der Allgemeinzustand unserer Wirtskörper wurde von Generation zu Generation immer schlechter. Auch unsere Mediziner waren nicht mehr in der Lage, die vielen degenerativen Erkrankungen zu heilen. Etwa in diesem Stadium erreichten uns eure ersten Funksignale. Wir begriffen, dass es weit draußen im All Wesen gab, die Kontakt zu uns aufnehmen wollten. Unsere Forscher fanden heraus, dass eure Sonne ein stabiler Typus ist und in diesem System eventuell eine Chance für uns zum Überleben bestand. Wir beschlossen daher, eine Raumflotte zu bauen und unseren Planeten zu evakuieren. Leider machte uns auch dabei unsere Sonne einen Strich durch die Rechnung. Ihre Aktivität nahm von Jahr zu Jahr zu und immer mehr unserer Körper versagten bereits in der Jugend. Mit äußerster Mühe schafften wir es, wenigstens eine kleine Flotte fertig zu stellen und zu starten. Während der Jahre, die wir benötigten, dieses Sonnensystem hier zu erreichen, starben die Meisten von uns. Ich drücke das so aus, weil zwar die Summe unserer Teilelemente wieder dem Pool zugeführt werden konnte, doch diese Teilelemente mit dem Tod des Wirtskörpers ihre Individualität verloren haben. Sie wurden wieder Bestandteil der Mutterintelligenz, die wir in speziellen Behältern mitführten.“
Ich hatte den Ausführungen Rehlogs bisher gebannt gelauscht und empfand die Situation als völlig absurd. Konnte es wirklich sein, dass ich hier einem Außerirdischen gegenüber saß, der ebenso gut ein alter Bekannter hätte sein können. Er erzählte mir eine haarsträubende Geschichte, als wäre es eine kleine Anekdote, die man zwischen Suppe und Nachtisch zum Besten gab.
„Sie glauben mir nicht“, sagte Rehlog, „ich spüre das genau.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll“, entgegnete ich, „würden Sie es an meiner Stelle glauben?“
Rehlog lächelte. Es war ein warmes und verständnisvolles Lächeln. Wenn dies wirklich ein Außerirdischer war, konnte es zumindest kein Monster sein. Ich zuckte bei dem Gedanken innerlich zurück. Monster? Warum dachten Menschen bei außerirdischem Leben immer zuerst an Monster? Ich sollte es besser wissen. Ich hatte aus dem Orbit des fremden Planeten die Spuren der Zivilisation mit eigenen Augen gesehen.
„Mr. Porter“, sagte Rehlog, „lassen Sie mich erst zu Ende erzählen. Danach will ich Ihnen gern alle Ihre Fragen beantworten.
Wir müssen uns unterwegs begegnet sein, doch auch wir hatten Sie und Ihr Schiff nicht bemerkt. Bereits vor Jahren trafen unsere Schiffe hier ein und sorgten zunächst bei den Menschen für einige Aufregung. Es kostete uns viel Mühe, sie davon zu überzeugen, dass wir keine Invasionsflotte waren, sondern dass wir auf die Hilfe der Menschen angewiesen waren. Wir gingen in einen Orbit um den vierten Planeten – Mars und nahmen diplomatische Verhandlungen auf. Wir legten unsere Karten offen auf den Tisch – ich mag diese blumigen irdischen Metaphern – und zeigten den Verantwortlichen, wie es um uns bestellt war. Unsere letzten überlebenden Körper starben wenige Monate nach unserem Eintreffen. Wir machten das Angebot, Menschen zu infizieren und uns von ihren Körpern assimilieren zu lassen. Wir stellten in Aussicht, dass ein betroffener Mensch seine Eigenständigkeit behalten und gleichzeitig eine Steigerung seiner Intelligenz erleben würde. Es gab viele Freiwillige, aber auch Menschen, die sich scheuten, uns in sich aufzunehmen. Im Laufe der Zeit lernten wir, dass es auch menschliche Hüllen gab, die offenbar keine eigenständige Individualität mehr besaßen. Wir stellten einen Antrag, zu prüfen, ob wir nicht solche Körper wieder beseelen dürften. Nach langen Debatten wurde uns diese Erlaubnis erteilt. Ich bin ein solches Exemplar. Ich trage nur eine rudimentäre menschliche Seele in mir, deshalb auch dieser für Sie merkwürdige Name.“
„Sie wollen mir also allen Ernstes sagen, dass Ihre ganze Rasse sich mit uns Menschen verschmolzen hat?“, fragte ich verständnislos.
„Genau so ist es“, bestätigte Rehlog, „ich betone jedoch ausdrücklich, dass wir der Menschheit in keiner Weise ihre Eigenständigkeit genommen haben. Wir sind nur hinzu getreten.“
Ich hatte noch immer Probleme, die Informationen zu verarbeiten, die ich soeben erhalten hatte.

"Hat das mit dem so genannten Ausnahmezustand zu tun, in dem in der automatischen Sendung die Rede war, die ich empfangen habe?", wollte ich wissen.
"Das mag etwas zu dramatisch klingen", räumte Rehlog ein, "denn es gibt natürlich nicht wirklich einen Ausnahmezustand, wie die Menschen ihn bisher verstanden haben. Die Formulierung hat allerdings bisher schon häufig dazu geführt, dass Piloten von Schiffen, die von der Entwicklung hier nichts wussten, tatsächlich erst unsere Station hier angeflogen haben."
Ich zuckte mit den Schultern. "Und? Wozu ist das so wichtig?"
"Wir sind der Ansicht, dass wir niemanden unvorbereitet ins innere System einfliegen lassen sollten."
„Werdet Ihr mich nun auch infizieren?“, fragte ich vorsichtig. Rehlog muss mir wohl angesehen haben, dass mich dieser Gedanke ängstigte.
„Nicht, wenn Sie das nicht wünschen“, sagte er, „es gibt viele Menschen wie Sie, die uns nicht in sich tragen. Wir respektieren den Willen unserer Gastgeber, das dürfen Sie mir glauben.“
Mir kam mit einem Mal ein Gedanke.
„Rehlog, als meine Kollegen ihren Exkurs zu eurem Planeten gemacht haben, kamen sie krank zurück“, sagte ich, „kann es sein, dass sie dort noch von restlichen Glii infiziert wurden? Oder seid ihr vollständig von eurem Planeten geflohen?“
Rehlog schüttelte den Kopf. „Nein, ein Kollektivwesen wie wir Glii kann niemals vollständig von einem Ort an den Anderen reisen. Immer bleiben Reste unserer Wesenheit irgendwo zurück. Ein solcher Verlust ist auch unerheblich. Sie liegen mit Ihrer Vermutung ganz richtig. Ein Teil der Zurückgebliebenen hat die Chance ergriffen, den Planeten zu verlassen, als die Menschen dort eintrafen.“
„Wie können Sie da so sicher sein?“, wollte ich wissen, „Proxima Centauri ist etwa vier Lichtjahre weit entfernt. Wollen Sie mir jetzt weismachen, Sie stünden mit diesen Artgenossen in Verbindung?“
„Oh, ich nicht“, sagte Rehlog und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, „ich bin Bestandteil dieses Körpers, der hier vor Ihnen sitzt. Damit habe ich meine Verbindung zur Mutterintelligenz eingebüßt, aber die Mutterintelligenz, die es in einem Bunker auf der Erde noch gibt, spürt ihre Bestandteile auch über große Entfernungen. Sie hat gespürt, dass sich weitere Teile auf den Weg hierher gemacht haben. Sie hat auch gespürt, dass diese Teile der Glii zu Wenige waren, um das Wissen zur gefahrlosen Infizierung von Organismen zu besitzen. Mit anderen Worten gesagt, die Glii in Ihren Kollegen waren zu dumm. Sie schadeten ihren Wirtskörpern, weil sie an die Primatenspezies auf unserem alten Planeten gewohnt waren. Die Mutterintelligenz hat ihre ganze Kraft aufbringen müssen, wenigstens über eines der infizierten Individuen Kontakt aufzunehmen. Sie gab die Anweisung aus, die Körper einzufrieren. Ich bin glücklich, dass Sie das auch getan haben. Unsere Leute haben die Körper während unseres Gesprächs bereits von Ihrem Schiff geholt. Sie werden zur Zeit erwärmt und viele Glii aus dem Bunker der Mutterintelligenz kümmern sich darum, den Organismus der Menschen wieder zu beleben.“
„Sie machen was?“, fragte ich aufgeregt, „Sie wollen tote Körper beleben? Ich bin schon traurig genug über den Tod meiner Freunde. Sie müssen mich nicht auch noch auf diese geschmacklose Art und Weise veralbern!“
„Ich will Sie nicht veralbern, Mr. Porter“, sagte Rehlog, „nichts liegt mir ferner. Mit etwas Glück sind Ihre Kollegen nicht tot. Speziell das Individuum, mit dem die Mutterintelligenz Kontakt aufgenommen hatte, sollte noch leben. Da bin ich sicher.“
„Marian!?“, entfuhr es mir, „Sie meinen, Marian lebt?“
„Wenn das der Name des Individuums ist – ja.“
„Kann ich sie sehen?“
Mir war plötzlich alles egal. Die Erde, die Außerirdischen, eine Invasion oder auch nicht – wenn ich nur Marian wieder zurückbekommen konnte.
Rehlog musste mir angesehen haben, wie erregt ich war, denn er erhob sich und kam um den Tisch herum. Sanft legte er mir eine Hand auf die Schulter.
„Wir müssen noch warten“, sagte er, „der Prozess ist sehr kompliziert und wir dürfen keinen Fehler machen. Meine Mitarbeiter werden sich melden, wenn es soweit ist. Es wäre auch im Sinne Ihrer Marian, wenn Sie etwas ruhiger wären, wenn wir sie nachher aufsuchen. Möchten Sie vielleicht jetzt etwas essen oder trinken?“
Ich blickte zu ihm hoch. Es war ein Mensch – zweifellos und doch entstammte das Meiste seiner Seele einer völlig fremden Zivilisation. In meinem Kopf drehte sich alles. Waren wir Menschen wirklich noch die selben Menschen, die wir vorher waren, oder war die Menschheit so etwas wie ein Mischprodukt geworden? Mein Blick schwenkte umher. Überall saßen Leute an Tischen, aßen und unterhielten sich, manche lachten. Alles war so, wie ich es kannte.
„Ich könnte einen Whisky vertragen“, sagte ich, „ich glaube, den habe ich mir jetzt verdient.“
Rehlog lachte. „Einen Whisky also – den ersten nach vielen Jahren. Den sollen Sie haben, Mr. Porter.“
„Wissen Sie was? Nennen Sie mich Collin.“
Rehlog winkte der Bedienung und bestellte zwei alte Glenfarclas.
„Ihr habt hier echten schottischen Single Malt Whisky?“, wunderte ich mich, „und du – ich sage jetzt einfach du – trinkst das sogar? Ich fasse es nicht.“
„Wieso Collin? Ich sehe mich als Menschen und nicht als Glii. Da werde ich doch auch das Recht haben, die Errungenschaften der Erde zu schätzen und zu lieben.“
Die Drinks kamen und wir prosteten uns zu.
Stunden saßen wir so beisammen und Rehlog erzählte mir, was sich seit meiner Abreise und vor allem seit der Ankunft der Glii alles verändert hatte und was immer noch so war, wie eh und je. Die Welt hatte sich weiter gedreht, doch wie es schien, war es immer noch meine Welt und ich saß hier bei einem Außerirdischen in menschlicher Gestalt und plauderte mit ihm, wie mit einem alten Freund.
Schließlich war es soweit. Rehlog erhielt einen Anruf. Anschließend nickte er mir zu.
„Bist du soweit, Collin?“, fragte er, „Deine Freundin fragt nach dir.“
Ich sprang auf und stieß dabei fast den Tisch um.
„Wo ist sie?“, brüllte ich meine Frage durch den Raum, worauf die Gespräche an den Nachbartischen verstummten und mich alle ansahen.
„Komm' mit“, sagte Rehlog und zupfte an meinem Ärmel, „ich führe dich hin.“
Ich weiß noch, dass wir durch endlose Gänge dieser riesigen Station liefen, jedoch kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Meine Gedanken kreisten nur noch um einen Namen – Marian.
Wir betraten eine Abteilung, die auf den ersten Blick bereits als Krankenabteilung zu erkennen war. Manche Dinge ändern sich auch nach Jahren nicht wesentlich. Rehlog deutete mit der Hand auf eine Tür. Eine Krankenschwester wollte mich erst am Betreten des Raumes hindern, doch sie trat beiseite, als Rehlog ihr sagte, dass es in Ordnung sei.
Mit zittrigen Händen drückte ich auf den Öffnerkontakt und die Tür fuhr zur Seite. Da war sie – meine Marian, genau so schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie saß in einem Rollstuhl und sah mich lächelnd an, als ich eintrat.
„Collin“, sagte sie und hob ihre Hände in meine Richtung.
Ich eilte zu ihr, kniete mich hin und drückte ihren warmen Körper an mich. Ich konnte nichts sagen, so dick war der Kloß in meinem Hals. Tränen rannen mir über die Wangen. Ich konnte es nicht verhindern und ich wollte es auch gar nicht. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich konnte mein Glück noch nicht fassen.
Ich löste mich etwas von ihr und sah sie an.
Marian sah meinen Blick. „Der Rollstuhl ist nur vorübergehend. Ich bin noch zu schwach, um aufzustehen.“
„Ich hatte geglaubt, du wärst tot“, flüsterte ich, „es ist ein Wunder, dass ich dich wieder habe. Ich werde nicht zulassen, dass wir jemals wieder getrennt werden.“
Marians Augen strahlten mich an.
„Das will ich auch nicht“, sagte sie, „ich möchte nur noch dieses ganze Weltall hinter mir lassen und mit dir auf der Erde neu anfangen.“
Wir küssten uns immer wieder. Die Gespräche, die wir dabei führten, dürften für die Nachwelt nicht sehr interessant gewesen sein. Wir fühlten uns wohl dabei.
Bald würden wir eine Passage vom Titan zur Erde bekommen - nach Hause, doch bereits jetzt hatte ich das überwältigende Gefühl, heimgekehrt zu sein.

Ende

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