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102 Tanz auf dem Vulkan - Wieder daheim

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14. Tanz auf dem Vulkan
14.11 Wieder daheim

Endlich war es so weit und die RISING STAR konnte ihren Antimaterie-Antrieb abschalten. Für die restliche Strecke bis zur endgültigen Parkposition in einem stabilen Mondorbit reichten Isabella die Plasma- und Korpuskularaggregate. Sie steuerte das Schiff, als hätte sie es bereits seit Jahren getan. Neema sah ihr dabei interessiert über die Schulter und war beeindruckt von der spielerischen Leichtigkeit, mit der sie die notwendigen Handgriffe machte, bis die RISING STAR antriebslos in den freien Fall um den Mond überging.
»RISING STAR in Parkposition«, tippte Isabella in ihr Terminal. »Kommandantin Lückert und die Besatzung der DIGGER XI wären glücklich, wenn Sie uns aus unserem Aquarium befreien könnten.«
»Sie müssen sich noch etwas gedulden«, schallte es aus dem Lautsprecher in der Zentrale. Nach der langen Zeit des Schweigens empfand sie die Durchsage als äußerst unangenehm.
»Bitte mäßigen Sie Ihre Stimme!«, tippte sie. »Wir sind Sprache im Moment noch nicht wieder gewohnt.«
»Verzeihen Sie«, tönte es erheblich leiser. »Wir werden mit einer Gruppe von Technikern und Ärzten an Bord kommen und Sie bei der Umstellung auf Gasatmung überwachen.«
»Erwarten Sie Probleme dabei?«, wollte Isabella wissen.
»Nun ja ...«
»Nun ja, was?«, fragte Isabella zurück. »Was hat man mir verschwiegen?«
»Die Umstellung wird möglicherweise etwas unangenehm sein.«
»Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Umstellung auf die Flüssigatmung auch nicht gerade toll war«, tippte Isabella und sowohl Neema als auch Lance nickten heftig.
»Sehen Sie«, kam es aus dem Lautsprecher. »Die Atmung über die Flüssigkeit ist naturgemäß bereits schwerer als die Gasatmung. Deshalb ist das Perfluorkarbon stärker mit Sauerstoff angereichert als die normale Atemluft. Dazu kommt noch, dass wir die Umgebungstemperatur auf ihrer Körpertemperatur gehalten haben, um Überhitzung oder Unterkühlung zu vermeiden, denn eine Regulierung über normales Schwitzen war nicht möglich. Sie sind bereits seit hundertsiebzig bis hundertachtzig Stunden in diesem Zentralentank, dadurch ist bereits eine Gewöhnung eingetreten, die wir so bald wie möglich umkehren müssen. Wichtig ist auch, die Flüssigkeit kurzfristig aus Ihren Lungen zu entfernen.«
»Also was erwartet uns genau?«, fragte Isabella.
»Sie werden auf den Liegen Platz nehmen, die in der Zentrale installiert sind. Dort werden Sie sich anschnallen, oder wir helfen Ihnen dabei, nachdem wir eingetroffen sind. Anschließend wird die Flüssigkeit abgepumpt und durch angereicherte Atemluft ersetzt. Wir werden dazu Ihre Liegen kippen, sodass Sie mit dem Kopf nach unten hängen. Ich vergaß: Vorher wird das Schiff in Rotation versetzt, damit die entstehende Zentrifugalkraft eine leichte Schwerkraft simuliert. Sobald der Flüssigkeitsspiegel weit genug gesunken ist, wird das Perfluorkarbon in einem Schwall aus Ihren Lungen fließen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Sie heftig husten werden, wenn erstmals wieder Luft in Ihre Lungen gelangt. Sie können aber sicher sein, dass die Versorgung mit Sauerstoff wegen der Anreicherung gewährleistet ist. Das nächste Problem ist die Temperatur. Sobald die umgebende Flüssigkeit abgepumpt ist, werden Sie vermutlich frieren. Wir werden uns bemühen, warme Bekleidung bereitzuhalten. Danach beginnt die allmähliche Akklimatisierung an die Normalverhältnisse. Wir schätzen, dass wir das innerhalb von vierundzwanzig Stunden erledigt haben.«
»Wir sind nicht begeistert, aber haben verstanden«, tippte Isabella. »Wir warten auf Ihr Team.«
Sie drehte sich zu den anderen um und zuckte mit den Achseln. Sie hatten es sich entschieden einfacher vorgestellt. Auf jeden Fall hatten sie nicht damit gerechnet, noch weitere vierundzwanzig Stunden an Bord dieses Schiffes verbringen zu müssen.
Zwei Stunden später kam eine fast zwanzigköpfige Gruppe in Raumanzügen an Bord, die eine Reihe von Instrumenten bei sich hatten, sowie Steuergeräte für die Kontrolle des Perfluorkarbon und anderer Dinge. Sie verloren keine Zeit und baten die Raumfahrer, auf den Liegen Platz zu nehmen, wie es ihnen bereits erklärt worden war. Sie hatten kein gutes Gefühl dabei, auf diesen Liegen angeschnallt und auf den Kopf gestellt zu werden. Das Geräusch der Pumpen übertönte bald sämtliche anderen Geräusche in der Zentrale. Langsam sank der Spiegel der Flüssigkeit und schließlich waren die Köpfe der Raumfahrer wieder in der Luft. Heftig erbrachen sie die viele Flüssigkeit, die den gesamten Körper anfüllte. Sie husteten und würgten, während die Leute vom Mond mehr oder weniger hilflos dabeistanden. Es dauerte Minuten, bis sich die Körper der Angeschnallten beruhigten und sie hektisch die Luft einatmeten, die nun wieder ihre Lungen ausfüllte. Isabella fühlte sich wie zerschlagen und zitterte am ganzen Körper. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so gefroren zu haben, wie in diesem Moment. Ihre Zähne klapperten und sie war außerstande, ihren Körper zu kontrollieren.
Einer der Männer gab ein Zeichen, worauf die Liegen in die normale Position zurückgeklappt wurden. Einige wasserdichte Behälter wurden geöffnet und man reichte den Raumfahrern trockene Tücher und warme Bademäntel. Noch hatte niemand der anderen seinen Raumanzug abgelegt. Einer der Männer schaltete seinen Außenlautsprecher ein: »Wir werden unsere Anzüge noch geschlossen halten, solange die Sauerstoffkonzentration hier im Raum so hoch ist. Wir werden sie Schritt für Schritt reduzieren, bis Sie wieder normale Atemluft atmen. Eine genaue ärztliche Untersuchung werden wir unten auf dem Mond in den Räumen der Akademie durchführen, aber wie es scheint, haben Sie alle die Reise gut überstanden. Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass es innerhalb der nächsten Stunden bei jedem von Ihnen zu durchfallähnlichen Erscheinungen kommen kann. Das sollte Sie nicht beunruhigen. Ihr Körper stößt lediglich das noch in Ihnen befindliche PFK ab. Sobald das geschehen ist, wird es auch wieder möglich sein, normale Nahrung zu sich zu nehmen. Haben Sie sonst noch Fragen?«
Sie schüttelten ihre Köpfe. Ihnen war noch nicht nach Unterhaltung zumute. Isabella versuchte, etwas zu sagen, aber ihre Stimmbänder versagten ihr noch den Dienst, deshalb winkte sie nur ab. Die Leute verließen nach und nach die Zentrale. Nur einer blieb zurück und hielt bei ihnen aus. Einige Stunden später signalisierte der Mann, dass die Sauerstoffkonzentration das normale Maß erreicht hatte. Er begann, seinen Helm zu öffnen und nahm ihn ab. Es war Jan.
Isabella riss die Augen auf, als sie ihren Mann erkannte.
»Jan!«, rief sie und erschrak über ihre eigene Stimme, die zum ersten Mal wieder funktionierte und sich für sie noch fremd anhörte. »Wieso hast du nicht gesagt, dass du es bist?«
»Leider habe ich einen Anzug ohne Lautsprecher erwischt, als ich auf dem letzten Drücker hierher mitflog, und die Batterie des Funkgeräts scheint auch hinüber zu sein.«
»Ach ist doch egal«, sagte Isabella und warf sich in Jans Arme. »Du glaubst gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe. Wo ist Christina? Mein Gott, ich muss schrecklich aussehen, mit diesen klitschigen Haaren!«
Jan lachte und befreite sich aus dem Raumanzug.
»Das ist ja wieder typisch: Kaum bist du halbwegs unter den Lebenden, machst du dir Sorgen um dein Aussehen.«
Isabella küsste Jan heftig auf den Mund.
»Ich garantiere dir eines«, sagte sie. »So bald werde ich eine solche Reise freiwillig nicht mehr machen.«
»Ich bin allerdings froh, dass du es getan hast«, sagte Neema, die dunkelhäutige Kommandantin der DIGGER XI. »Ohne diesen Einsatz wären wir jetzt vielleicht schon tot. Wir hatten ernsthaft erwogen, unsere Schleusen zu öffnen, bevor es mit uns endgültig zu Ende gehen würde.«
Jan umarmte und drückte seine Frau.
»Ich weiß, dass wir in der letzten Zeit nicht viel voneinander hatten«, sagte er. »Und es war vielleicht auch nicht richtig von mir, dass ich dich davon abhalten wollte, wieder zu arbeiten. Ich dachte dabei wirklich nur an unsere Tochter. Aber ich kann dir eines sagen: Ich bin unglaublich stolz auf dich. Ich weiß nicht, ob ich freiwillig diese Sache mit der Flüssigatmung mitgemacht hätte.«
»Wir auch nicht!«, rief Jack dazwischen. »Aber wir hatten ja erst recht keine andere Wahl.«
»Ich bin hiergeblieben, weil ich euch alle mit hinunter zum Mond nehmen möchte«, erklärte Jan. »Draußen ist ein Shuttle angedockt, das nur darauf wartet, gestartet zu werden. Was würdet Ihr davon halten, wenn wir uns unten alle frisch machen und etwas Leichtes in der Akademie-Kantine genehmigen? Richtiges, schweres Essen wird noch ein paar Tage warten müssen.«
»Hieß es nicht, wir müssten noch 24 Stunden hierbleiben, bevor wir das Schiff verlassen dürfen?«
Jan winkte ab. »Es ging in erster Linie um die Anpassung des Sauerstoffs. Das ist aber schon erledigt. Oder möchtet Ihr noch länger hierbleiben? Dann komme ich auch gern später wieder.«
»Nichts wie weg«, meinte Neema und zog ihren Mann von seiner Liege hoch. »Ich möchte endlich wieder richtige Klamotten tragen.«
Sie zwängten sich durch den engen Kanal zur Andockschleuse des Shuttles, das mit einem luftdichten Rüssel fest mit der RISING STAR verbunden war. Als sie alle an Bord waren, legte Jan ab und justierte sie Fluglage des Shuttles neu, da es bisher an der rotierenden RISING STAR geklebt hatte. In einem weiten Bogen steuerte er das Mare Nubium an, wo die Akademie beheimatet war. Es war eigenartig, aber es war ein Gefühl des Heimkommens, das Isabella erfüllte, als sie die Lichter der Akademie vor sich entdeckte. Niemals hätte sie geglaubt, dass sie diese künstliche Welt einmal als ihr Zuhause ansehen würde. Doch sie hatten hier ihr gemeinsames Leben begonnen und ungemein viel erlebt. Irgendwo dort unten wartete ihre Tochter auf sie – in der Kinderkrippe, wo Jan sie zurückgelassen hatte. Sie nahm sich vor, die Kleine erst einmal richtig durchzuknuddeln, wenn sie zu Hause waren.
»Eigentlich hatte ich mir gewünscht, blauen Himmel zu sehen, aber heute bin ich auch mit diesem Ressort dort unten zufrieden, nach der langen Zeit im All«, sagte Leo. »Trotzdem werde ich so bald wie möglich zur Erde fliegen.«
»Wir werden zur Erde fliegen«, korrigierte Neema.
»Natürlich«, sagte Leo lächelnd und nahm sie in den Arm. Ihre Ankunft in der Akademie verlief recht unspektakulär. Jan steuerte den Flieger direkt in die Hauptschleuse hinein und beantragte, bei Normaldruck aussteigen zu dürfen, da es sich um die Ankunft der Leute aus der RISING STAR handelte. So kamen sie in den Genuss, im Bademantel zu Fuß zum Ankunftsgebäude zu gehen. Einige der Studenten blickten ihnen befremdet hinterher. So etwas hatten sie bisher auch noch nicht gesehen.
Irina Onotova erwartete sie an der inneren Schleuse und lächelte. Wortlos nahm sie Isabella in den Arm und drückte sie. Jan stand daneben und wartete, bis die beiden Frauen sich voneinander getrennt hatten. Beide hatten Tränen in den Augen, was Jan bei Irina eigenartig vorkam, weil er sie stets als kühl eingestuft hatte.
»Das war eine fantastische Leistung«, sagte sie. »Und ich bin so froh, dass du es getan hast.«
Isabella nickte. »Es war ein Notfall. Ich konnte unsere Freunde doch nicht im Stich lassen. Ich glaub jedoch nicht, dass ich die RISING STAR noch einmal fliegen werde. Ihr werdet euch andere Piloten suchen müssen. Junge Piloten, die noch ungebunden und experimentierfreudig sind. Ich bin Mutter und brauche solche riskanten Unternehmungen nicht. Das bin ich meinem Kind schuldig. Wie geht es Christina?«
»Mach dir keine Sorgen. Der Kleinen geht es gut. Geh erst mal duschen, zieh dir ein paar frische Sachen an und dann gehen wir zu ihr.«
Irina wandte sich an die Crew der DIGGER XI. »Sie alle heiße ich im Namen der UNO-Akademie herzlich willkommen. Auch Ihnen stehen selbstverständlich unsere Duschen zur Verfügung. Ich kann mir vorstellen, dass Sie nach den Strapazen und den Ängsten der letzten Zeit gern etwas Sicherheit und Normalität verspüren möchten. Wenn ich etwas für Sie tun kann, brauchen Sie es nur zu sagen.«
»Das ist nett und wir danken Ihnen allen für die spontane Hilfe, der wir unser Leben verdanken«, sagte Neema. »Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn wir gleich erst einmal ein richtiges Bett aufsuchen wollen, nachdem wir uns die Reste von diesem ekelhaften Zeug vom Körper gewaschen haben. Anschließend möchten wir so schnell wie möglich zur Erde reisen und dort einen langen Urlaub irgendwo an einem Strand machen.«
»Es ist ihnen aber klar, dass wir von Ihnen noch ausführliche Berichte benötigen, nicht wahr?«
»Irina, muss das jetzt sein?«, fragte Isabella.
Leo trat einen Schritt vor. »Sie werden bekommen, was immer Sie benötigen, aber das wird warten müssen. Wir haben weit draußen im All im Angesicht und in der Gewissheit des unvermeidlichen Todes untereinander geheiratet. Nun sind wir dank ihres tollen Schiffes und dem unglaublichen Einsatz von Isabella gerettet worden. Sie werden verstehen, dass wir uns jetzt unsere Hochzeitsreise nicht nehmen lassen werden. Wir sind anschließend bereit, unsere Havarie mündlich oder in Schriftform zu Protokoll zu geben. Doch nicht jetzt.«
Irina überlegte einen Moment, dann begann sie, zu lächeln. »Sie sollen Ihre Reise haben. Ich wünsche Ihnen alles Gute zu ihrer Vermählung. Ich werde die Behörden sicherlich eine Weile hinhalten können, doch in ein paar Wochen benötige ich Ihren Bericht, und dann müssen wir uns darüber unterhalten, was mit dem Schiff dort draußen geschehen soll. Es stellt immerhin einen nicht unerheblichen Wert dar. Denken Sie, es würde sich lohnen, es zu reparieren?«
Neema deutete auf ihre Technikerin. »Das kann Ihnen nur Jack sagen.«
»Jack?«
»Mein Name ist Jaqueline Singer, aber ich hasse meinen Vornamen. Nennen Sie mich einfach Jack. Zu Ihrer Frage: In der DIGGER sind lediglich die Verdichterzellen ausgefallen. Wenn Sie mich mit einem kompletten Satz neuer Verdichterzellen zur DIGGER schicken, bringen Lance und ich das Baby garantiert hierher zurück. Ich weiß nur nicht, ob ich so bald bereit bin, eine so weite Reise mit einem Raumschiff zu unternehmen. Wir wollen jetzt nur einen blauen Himmel sehen und unsere Körper von warmer Luft und Sonne verwöhnen lassen.«
Jan räusperte sich. »Vielleicht könnte ich da helfen. Die EXPERIENCE steht im Orbit um den Mond. Wir müssen sowieso zur Erde. Ich könnte euch alle übermorgen mitnehmen.«
»Das wäre fantastisch!«

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