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Mutprobe

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Heute würde mein großer Tag sein. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht selbst wollte. Ganz im Gegenteil. Im Grunde meines Herzens sehnte ich mich sogar danach. Trotzdem hielt mich die Angst fest im Griff. Wie oft schon hatte es einen großen Tag für mich gegeben und ich hatte gekniffen – hatte mich verweigert und war ein Opfer meiner Angst gewesen.
Ich blickte zu meinem Bruder hinüber. Er sah mich von der Seite her an und ich hatte das Gefühl, als könnte ich verhaltenen Spott in seinen Augen erkennen. Dabei hatte er selbst Angst, verstand es aber besser, sie den Eltern nicht zu zeigen.
Heute jedoch würde es keine Ausflüchte mehr geben. Diesmal würden die Eltern es mir nicht mehr durchgehen lassen. Die Eltern … Sie waren noch unterwegs, um sich um das Mittagessen zu kümmern. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Die Sonne stand hoch am Himmel. Ich rechnete damit, dass sie bald zurückkehren würden.
Einerseits freute ich mich darauf, andererseits bedeutete es aber auch, dass ich … Nein, ich wollte nicht daran denken.
Wieder sah ich zu meinem Bruder hinüber. Es war tatsächlich Spott in seinen Augen. Eigentlich hätte ich ihn dafür zurechtweisen müssen, doch mir war nicht danach. Ich wusste, dass er mir auch dies wieder als Schwäche auslegen würde, doch das war mir im Augenblick egal.

Um mich abzulenken, richtete ich meinen Blick in die Ferne und genoss die Wärme der Sonne, die von oben auf uns herabschien. Von Weitem konnte ich erkennen, dass unsere Eltern zurückkehrten. Mein Bruder hatte es auch bereits gesehen und wir wurden unruhig. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie hungrig ich eigentlich war.
Es war Zeit für das Mittagsmahl und meine Mutter hatte uns etwas wirklich Leckeres mitgebracht. Sofort machten wir uns darüber her und stritten uns sogar noch um die letzten Krümel. Mutter beobachtete uns dabei amüsiert und stieß uns zärtlich an. Es hätte auch genauso gut anders laufen können, da sowohl sie, als auch Vater, es nicht gern sahen, wenn wir uns stritten. Schon oft hatte es dann auch mal ein paar Schläge gesetzt.
Als wir fertig waren, wurde Mutter ganz ruhig. Ich wusste, was jetzt kam. Keine Ausflüchte mehr. Meine Angst wurde wieder übermächtig und ich schluckte nervös. Mutter deutete in die Ferne. Ich folgte der Geste mit den Augen und nickte.
Ich lief ein paar Schritte und blieb wieder stehen. Ich ließ mir wieder alles durch den Kopf gehen, was mich meine Eltern gelehrt hatten. Theoretisch wusste ich alles, was ich wissen musste. Dennoch …
Ich drehte mich noch einmal um und sah meine Mutter an. Sie blickte mich aufmunternd an. Sie hatte Verständnis für mich, doch diesmal würde sie nicht nachgeben und mit meinem Vater brauchte ich nicht rechnen. Seine Einstellung zu den Dingen kannte ich zur Genüge.
Es war schon hart, wenn man aus einer Familie mit Traditionen stammte. Seit unzähligen Generationen hatten alle Jungen und Mädchen in meinem Alter hier gestanden. Ob sie alle auch meine Angst verspürt haben? Ich wusste es nicht.
Krampfhaft klammerte ich mich fest und atmete. Nein ich atmete nicht – ich hyperventilierte. Mir wurde fast schwindelig davon. Ich zwang mich, den Blick gradeaus zu richten und den Horizont zu fixieren. Es war schön hier. Die Eltern hatten einen herrlichen Platz für uns ausgesucht. Ein leichter Wind ließ mich zwinkern. Ich hob leicht meine Arme und genoss den leichten Wind, der mich umspielte. Thermik, schoss es mir durch den Kopf. Ja, ich wusste theoretisch alles, was ich wissen musste. Wenn es hier nicht so unverschämt hoch wäre. Ganz weit unten im Tal konnte ich Menschen erkennen – klein wie Ameisen. Immer wieder hatten die Eltern darauf hingewiesen, dass sie niemals dieses Schicksal teilen würden, dort unten am Boden herum zu kriechen.
Noch einmal holte ich tief Luft und nahm meinen ganzen Mut zusammen. Ich konnte nicht verhindern, dass ich einen Mark erschütternden Schrei ausstieß, als ich mich abstieß und in die Tiefe stürzte. Der erste Moment der Panik verging, wie Rauch im Wind. Ich fiel und hörte den Schrei meiner Mutter von weit oben. Der Wind erfüllte mich mit einer wahren Euphorie. Immer heftiger zerrte der Wind an meinen Armen und ich breitete sie weit aus. Ich spürte für einen Moment die Last meines Gewichts, bis ich merkte, dass die Luft mich trug. Die Euphorie wurde übermächtig und ich stieß einen weiteren Schrei aus. Mit winzigsten Bewegungen meiner Arme konnte ich die Richtung verändern, in die ich segelte. Es war einfach fantastisch. Endlich begriff ich, was meine Eltern immer gemeint hatten und ich fragte mich, wovor ich überhaupt solche Angst gehabt hatte. Ich war dazu geboren, durch die Lüfte zu segeln. Instinktiv spürte ich, was ich tun musste, um wieder an Höhe zu gewinnen. Ich blickte nach oben, wo noch immer meine Eltern warteten und mir zusahem. In großen Kreisen schraubte ich mich wieder nach oben, bis ich wieder die Ausgangshöhe erreicht hatte. Ich schlug leicht mit meinen Armen und streckte meine Beine aus. Noch etwas ungeschickt, setzte ich schließlich auf dem Boden auf, wo mich Vater und Mutter begeistert begrüßten. Ich konnte den Stolz in ihren Augen deutlich erkennen. Auch aus den Augen meines Bruders war jeglicher Spott verschwunden. Er schaffte es sogar, mich zu meinem Erfolg zu beglückwünschen. Er würde der Nächste sein. Ich zweifelte nicht daran, dass auch er es schaffen würde – jetzt, wo ich mich frei geflogen hatte und wusste, was es bedeutete, ein Weißkopfseeadler zu sein.

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