Projekt Katalyse

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 
Undrop war verärgert, als ihn sein Stellvertreter von seiner Lieblingstätigkeit ablenkte – einer Tiefenmeditation – ständig nach innerer Vervollkommnung strebend. Eigentlich war er der Statthalter der Kemaphen auf dem Planeten Lyriss III, der von seinen primitiven Bewohnern Erde genannt wurde. Somit war Undrop der Befehlshaber der Besatzungstruppen auf Lyriss III und nur unmittelbar der Königin selbst gegenüber verantwortlich.
"Was ist denn, Konatmon?“, fuhr er seinen Stellvertreter an. „Du weißt, dass ich es nicht schätze, in meiner Meditation gestört zu werden!“
„Verzeiht, aber ich denke, Ihre Aufmerksamkeit sollte sich auf die Aktivitäten der Erdlinge richten.“
Undrop war verblüfft. Seit über hundert Planetenumläufen schon befanden sich die Truppen der Kemaphen hier auf diesem Planeten und während der letzten Generationen von Erdlingen hatte es noch nie ein Problem mit ihnen gegeben. Aus den Geschichtsdokumenten wusste er, dass es in den ersten Jahren sogar zu erbitterten Kämpfen gekommen war, doch dann war der Widerstand der Erdlinge zusammengebrochen und die Herrschaft der Kemaphen hatte begonnen.
„Was an den Aktivitäten der Erdlinge kann so wichtig sein, dass ich mich damit befassen müsste?“, fragte er. „Erfüllen sie ihre Quoten nicht oder weigern sie sich etwa, für uns zu arbeiten?“
Der Gedanke allein daran, dass ein Erdling sich weigern könnte, die Anweisung eines Kemaphen zu missachten, erheiterte ihn so sehr, dass seine fleischigen Schultern unkontrolliert zuckten.
„Das ist es gewiss nicht“, sagte Konatmon. „Sie erfüllen ihr Soll, liefern pünktlich. Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung.“
„Was willst du dann überhaupt?“, fragte Undrop verständnislos. „Diese Erdlinge, diese Menschen – wie sie sich selbst nennen – wissen doch überhaupt nicht mehr, wie es war, als wir nicht über sie herrschten. Sie sind ein langweiliges Hilfsvolk und wenn ich ehrlich bin: Ich hätte sie – ginge es nach mir – längst ausgemerzt und den Planeten besiedelt.“

„Du weißt, wie die Königin darüber denkt, Undrop. Ich hasse sie genauso wie du, aber leider brauchen wir sie. Wir haben ihnen zwar die meisten Wissenschaften verboten, doch ihr Verständnis für Chemie und Biologie – darin sind sie uns leider haushoch überlegen. Ohne ihre überlegenen Fertigkeiten hätten wir noch immer unter Krankheiten wie dem Lungenfraß oder Knochenschwund zu leiden. Unsere Aufgabe hier ist es, dafür zu sorgen, dass der Nachschub an Medikamenten und die Entwicklung neuer Mittel funktioniert und mehr nicht.“
„Wir haben aber keine Vorschriften darüber, wie wir unsere Aufgabe erfüllen“, sagte Undrop. „Bitte komme jetzt zur Sache: Was haben diese Erdlinge angestellt?“
„Es geht um Pablo Johnson-Schneider, den Leiter der medizinisch-biologischen Abteilung des Werks in der Ortschaft Leverkusen in Department 112.“
„Nun kommen Sie mir nicht mit diesen unmöglichen Namen dieser Erdlinge!“, meinte Undrop ungehalten. „Ich kenne mich weder mit diesen Ansiedlungen, noch mit den Funktionen der Werke aus. Es interessiert mich auch nicht, solange alles funktioniert.“
„Dieser Pablo Johnson-Schneider war innerhalb der letzten Wochen für uns fast nie zu erreichen. Das ist ungewöhnlich, denn die Erdlinge in Positionen, in denen sie mit Kemaphen zu tun haben, müssen immer für uns erreichbar sein. Immerhin geht es um die Sicherstellung der Lieferungen an uns.“
„Deswegen machen Sie so ein großes Aufheben darum?“, fragte Undrop. „Senden Sie ein paar Soldaten der Raumlandedivision dorthin und lassen Sie ein paar von seinen untergebenen Erdlingen hinrichten. Anschließend weisen Sie ihn an, ab sofort zuverlässig für uns erreichbar zu sein. Sie werden sehen, das Problem löst sich von allein.“
Konatmon wiegte seinen großen Kopf skeptisch hin und her , wobei sein mittleres Auge nervös zuckte.
„Ich habe ein eigenartiges Gefühl bei der Sache. Mir wäre wohler, Sie würden sich einmal darum kümmern.“
Undrop lachte. „Das würde Ihnen so passen! Sie wollten mein Stellvertreter werden. Nun sind Sie es. Also kümmern Sie sich darum. Wenn Ihnen so sehr daran liegt, gehen Sie doch zu diesem Pablo Irgendwas und fragen ihn. Es ist Ihnen aber klar, dass Sie keine gute Figur abgeben, wenn Sie als Kemaphe zu einem Erdling gehen, um ihn zu befragen, oder? Lassen Sie diese Brut zu Ihnen kommen und sich Bericht erstatten!“
„Ich weiß, was Sie meinen aber ich will diese Wesen dort aufsuchen, wo sie sich sicher fühlen und demonstrieren, dass wir jederzeit bei ihnen auftauchen können.“
„Sie müssen wissen, was Sie tun. Ich hätte kein Verlangen, diesen zweiäugigen Kreaturen in ihren eigenen Löchern gegenüberzutreten.“
Konatmon verabschiedete sich und ging. Lust verspürte er keine, zu diesen Menschen zu gehen. Schon immer waren sie ihm nicht geheuer gewesen. Zwar hatte es seit vielen Jahren keine Probleme mehr mit ihnen gegeben, doch war nicht zu übersehen, dass sie sich im Grunde nicht wie ein Volk verhielten, das besiegt war. Keine Spur von Unterwürfigkeit. Diese Erdlinge taten eigentlich, was von ihnen verlangt wurde, doch irgendwie …
Von Zeit zu Zeit ließ Undrop einige von ihnen hinrichten, wenn er das Gefühl hatte, er müsse seine Autorität wieder einmal stärken, doch hatte er selbst nicht das Gefühl, als würden diese Maßnahmen wirklich das Machtgefüge stärken. Die Erdlinge nahmen es oft einfach nur ausdruckslos hin, wenn wieder einmal jemand von ihnen getötet worden war. Trotz der langen Zeit der Besetzung dieses Planeten wussten sie eigentlich erschreckend wenig über diese Rasse, die den Kemaphen frappierend ähnlich sah. Okay, sie besaßen nur zwei Augen und ihnen wuchsen an den unmöglichsten Stellen Haare – sogar auf dem Kopf,
Er rief einen der vollautomatischen Personentransporter, die überall im Schiff herumfuhren und nur darauf warteten, dass man sie rief. Obwohl die Kemaphen schon so lange auf diesem Planeten weilten, hatten sie sich nie überwinden können, die Sicherheit und Bequemlichkeit ihrer Großraumschiffe gegen ein Haus auf der Oberfläche von Lyriss III einzutauschen. Inzwischen lief man sogar die relativ kurzen Distanzen innerhalb des Schiffes nicht mehr zu Fuß, sondern ließ sich vom automatischen Transportsystem kutschieren. Auf dem Weg durch die Gänge begegnetem Konatmon einige Artgenossen, die ebenfalls mit einem Transporter unterwegs waren. Man grüßte sich, doch im Grunde war man sich gleichgültig. Er fragte sich, ob das schon immer so gewesen war. So konnte er sich etwa überhaupt nicht vorstellen, dass seine Vorfahren tatsächlich auf diesem Planeten gegen die Erdlinge gekämpft hatten. Sicher, er war kein Soldat, aber wenn er es nüchtern betrachtete, waren auch die Soldaten der Truppe nicht viel motivierter als er. So, wie er es betrachtete, hatten sie ein Problem. Die Kemaphen verließen sich seiner Meinung nach viel zu sehr darauf, dass sie über äußerst überlegene Waffen verfügten und allein die Drohung, sie einzusetzen und gelegentliche Hinrichtungen, diese Erdlinge in der Spur zu halten.
Das Reich war einfach zu groß geworden und echte Konkurrenten gab es im bekannten Universum nicht mehr. Die Kemaphen hatten eine ganze Reihe von bewohnten Welten befriedet und herrschten auf ihnen. Jedes dieser Völker hatte innerhalb des Reiches seine ganz bestimmte Funktion – je nach ihrer besonderen Befähigung, welche man ihnen ließ, um sie für das Reich auszubeuten. Warum nur musste es ihn ausgerechnet hierher – nach Lyriss III verschlagen? Diese Welt hatte überhaupt nichts für einen Kemaphen zu bieten. Wie es aussah, würde er noch etliche weitere Planetenumläufe hier ausharren müssen, bevor er heim – nach Kemaph - reisen durfte, um dort eine Familie zu gründen.
Nach einigen Minuten erreichte der kleine Transporter einen der Gleiterhangars, wo eine, aus zehn Kemaphen bestehende, Inspektionseinheit bereits auf ihn wartete. Offenbar hatte man diesen Soldaten bereits mitgeteilt, dass er vorhatte, einen Flug nach Leverkusen zu unternehmen. Alle Zehn ließen erkennen, dass sie den Anweisungen nur unwillig gefolgt waren. Niemand von ihnen ließ erkennen, ob er ihn überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. Konatmon spürte Ärger in sich aufsteigen und fuhr die Leute an: „Etwas mehr Einsatz, meine Herren! Oder verspürt jemand Lust, in den nächsten hundert Tagen die hydroponischen Anlagen zu reinigen? Oder die Abfallentsorgung?“
Widerwillig stellten sich die Männer auf und nahmen Haltung an.
„Wer ist der diensthabende Offizier?“, fragte er.
„Ich“, meldete sich einer der Männer. „Unterleiter Moghrop.“
Konatmon nickte. „Sie sind mir für die Männer verantwortlich. Wenn jemand von ihnen versagt, werde ich es Ihnen anlasten. Sie wissen, was das bedeutet.“
Damit war alles gesagt und sie betraten den Gleiter. Natürlich wusste niemand an Bord, wo der Ort Leverkusen zu finden war. Dafür gab es schließlich Computer, in denen alles gespeichert war. Konatmon drückte ein paar Tasten und der Gleiter erwachte zum Leben. Langsam schob sich das Fahrzeug aus der Schleuse und nahm dann Fahrt auf. Durch die transparenten Scheiben der Kanzel war ein bedrückender, blauer Himmel zu sehen, der von widerlichen, weißen Fetzen belebt zu sein schien, die von den Einheimischen Wolken genannt wurden. Er würde sich nie an dieses gelb-weiße Licht gewöhnen können, das in den drei Augen weh tat. Schnell ließ er die polarisierenden Scheiben abdunkeln und änderte den Farbton auf rot, bis es für die Augen eines Kemaphen angenehm wurde. Dann setzte er sich in seinen Sessel und schloss die Augen. Bis zur Landung hatten sie noch ein wenig Zeit und die Landschaft interessierte ihn sowieso nicht. Den Soldaten erging es nicht anders und so schliefen sie alle noch bis zur Landung.
Ein Glockensignal verkündete, dass die Landung erfolgt war. Konatmon vertrieb die Müdigkeit aus seinen Augen und blickte nach draußen. Überall um sie herum erhoben sich Anlagenkomplexe unbekannter Funktion. Es war eine äußerst effiziente Produktionsanlage für die unterschiedlichsten Medikamente. Er erinnerte sich, dass er bereits einmal hier gewesen war, als er noch etwas jünger war. Damals hatte Undrop ihn mitgenommen, um ihm zu zeigen, wie man die Erdlinge disziplinierte, indem man einige von ihnen vor den Augen der Übrigen tötete. Er war sicher kein Freund der Erdlinge, doch dieses Schlachten hatte er nie gutgeheißen. Es machte einfach keinen Sinn.
Heute stand er hier an seiner Stelle und sollte entsprechenden Druck ausüben. Er atmete ein paar Mal tief durch, bevor er den Gleiter verließ, um den Labortrakt der Anlage zu betreten. Er gab den Soldaten ein Zeichen, ihm zu folgen. Gemeinsam schritten sie auf den Zentraleingang zu, der sich bereitwillig vor ihnen öffnete.
Ein Erdlingsweibchen erwartete sie dort und begrüßte sie in der Sprache der Kemaphen.
„Ich begrüße den stellvertretenden Statthalter des Kemaphischen Reiches auf der Erde, Konatmon, wenn ich nicht irre? Mein Name ist Clarissa Lüders.“
„Nein, du irrst nicht … Frau“, sagte er irritiert. Allerdings waren es nicht die für einen Menschen durchaus erheblichen körperlichen Reize der Frau, sondern der Abscheu, den er empfand. Allein die Haare, die ihrem Kopf entsprangen und bis weit auf ihre Rückseite reichten. Dazu kam noch die blanke Haut der Beine, die unter dem kurzen Kleidungsstück hervorschauten und demonstrierten, wie primitiv diese Wesen im Grunde waren. Er zwang sich, darüber hinwegzusehen.
„Wir sind gekommen, um Pablo Johnson-Schneider zu sprechen. Führ uns zu ihm, Frau.“
Sie nickte kaum merklich. Es war ihr nicht anzusehen, was sie dabei dachte. Einladend wies sie auf eine breite Tür.
„Wenn Sie mir bitte folgen würden. Dr. Johnson-Schneider ist mit einem Experiment beschäftigt, ist aber bereit, Sie sofort zu empfangen.“
Konatmon stutzte. Was sollte diese Bemerkung? Wenn ein Kemaphe etwas wollte, hatte ein Erdling seine unwichtige Arbeit sofort einzustellen und zu seiner Verfügung zu stehen. Die Äußerung, er sei bereit, ihn zu empfangen, betrachtete er als Affront. Mürrisch folgten sie dem Erdlingsweibchen und betraten ein riesiges Labor, welches mit einer Vielzahl teils unverständlicher Geräte angefüllt war. Automatische Anlagen füllten eine fast farblose Flüssigkeit in schlanke Glasgefäße und lagerten sie anschließend in einem erschütterungssicheren Gestell. Er begann sich zu fragen, ob diese Erdlinge vielleicht doch nicht so primitiv waren, wie er immer angenommen hatte.
Gegen seinen Willen begann er, sich in dem Labor umzusehen, in dem eine größere Zahl einheimischer Wesen mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt waren. Sie machten dabei einen sehr motivierten und lebhaften Eindruck, wie er ihn bei seinen eigenen Artgenossen nur selten erlebte.
„Sie sind Konatmon, nicht wahr?“, sprach ihn unvermittelt ein großer Mensch an, den er sich älter vorgestellt hätte. „Ich bin Dr. Johnson-Schneider, der Leiter dieser Anlage.“
Der Erdling zog seinen Mund in die Breite, was bei dieser Spezies üblich war, wenn Freundlichkeit im Spiel war. Er hielt Konatmon seine Hand hin, die dieser jedoch ignorierte.
„Etwas mehr Ehrfurcht würde hier wohl angebracht sein“, wies er ihn zurecht. „Du stehst dem stellvertretenden Statthalter gegenüber.“
„Und wenn schon?“, fragte Johnson-Schneider respektlos. „Sie wollen sicherlich wissen, aus welchem Grunde ich Ihre Anrufe ignoriert habe, beziehungsweise, warum ich mich verleugnen ließ.“
„Du gibst es also zu?“, fragte Konatmon überrascht.
„Natürlich. Und ich hätte es auch zugegeben, wenn Sie nicht mit einer ganzen Truppe bewaffneter Kemaph aufgetaucht wären.“
„Ihr Ton gefällt mir nicht! Warum nimmst du überhaupt solchen Ärger auf dich? Es muss dir doch klar sein, dass wir uns das nicht bieten lassen!“
Er gab seinen Leuten ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen hoben und Pablo Johnson-Schneider, sowie Clarissa ins Visier nahmen. Es irritierte ihn jedoch, dass sie sich dadurch nicht beeindrucken ließen.
„Sehen Sie, Konatmon“, sagte Johnson-Schneider. „Vor über hundert unserer Jahre erschienen die Schiffe Ihres Volkes über unserem Planeten und zeigten uns innerhalb von nur wenigen Jahren unsere Grenzen. Sie nahmen uns fast alles: Unsere Schwerindustrie, unsere Waffen und Forschung auf fast allen Gebieten, bis auf Medizin, Biologie und Chemie. Die dafür benötigten Materialien erhielten wir von Ihnen. Was Sie uns aber nicht nehmen konnten, ist unsere Würde. Über Generationen hinweg waren wir nun gezwungen, unser Leben so zu führen, wie es von den Kemaph zugelassen wurde.“
„Das ist mir alles bekannt!“, blaffte Konatmon. „Rede nicht drumherum! Ich bin hier, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen und Euch zu zeigen, dass es unsere Regeln sind, die hier zählen und nicht die der Erdlinge!“
Der Erdling zog den kleinen Pelz über einem Auge hoch.
„Und wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie mal wieder ein paar Menschen abschlachten lassen? Ich muss Sie dann darauf aufmerksam machen, dass wir an einem Wendepunkt angelangt sind und uns das nicht mehr bieten lassen werden. Natürlich können Sie uns töten, aber es würde die Geschichte, wie sie ab jetzt geschrieben wird, nicht mehr aufhalten. Das Projekt Katalyse ist bereits abgeschlossen.“
Konatmon fühlte plötzlich ein kaltes Gefühl in seinem Nacken. Sein mittleres Auge zwinkerte wieder nervös. „Was für ein Projekt?“
„Ihre Leute sollen die Waffen senken!“
„Du hast hier keine Forderungen zu stellen, Erdling!“ Die Stimme war heiserer, als Konatmon es beabsichtigt hatte.
„Ganz im Gegenteil“, sagte Johnson-Schneider. „Seit Generationen senden wir den Kemaph alle Medizin, die sie benötigen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Die Kemaph beherrschen ein ganzes Sternenreich. Sie machen es überall nach dem selben Muster. Nach und nach ist es uns gelungen, mit den anderen Völkern einen Kontakt herzustellen. Sie müssen nicht wissen, wie wir das angestellt haben. Wir jedenfalls wissen nun, wie Ihre Rasse generell mit andersartigen Intelligenzen umspringt. Wir sind mit den anderen übereingekommen, dieses Schmarotzertum zu beenden.“
Konatmons Ohren verfärbten sich vor Wut rot.
„Wie kannst du es wagen …!“
Er gab seinen Männern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen wieder hoben.
„Auf eine solche Ungehörigkeit einem Kemaphen gegenüber steht die Todesstrafe!“
Johnson-Schneider ließ nicht erkennen, ob ihn diese Drohung beeindruckte.
„Töten Sie uns, wenn Sie wollen“, sagte er. „Andere Lösungen kennen Sie ja offenbar nicht. Ich würde dennoch gut überlegen, es zu tun, denn Sie haben noch keine Ahnung, wie sehr Sie uns noch brauchen werden.“
„Was soll dieses Gerede?“, brauste Konatmon auf. „Ihr Erdlinge nehmt euch viel zu wichtig! Niemand braucht euch Kreaturen.“
Johnson-Schneider lächelte. „Sie befinden sich in einem gewaltigen Irrtum. Wer sich der Fähigkeiten eines Volkes bedient, weil er selbst nicht die notwendigen Fähigkeiten besitzt, dokumentiert sehr eindrucksvoll, dass er sehr wohl auf Hilfe angewiesen ist und auf die Kemaph trifft dies in besonderem Maße zu. Wir Menschen haben eine sehr hervorstechende Eigenschaft: Wir lieben unsere Freiheit. Sie dürfen uns glauben, dass wir in all den Jahren immer nur darauf hingearbeitet haben, uns von Ihrer Knechtschaft zu befreien und heute ist der Tag, an dem unser Traum wahr wird.“
„Du redest irre, Erdling! Ein Leben in Freiheit wird es für euch nie mehr geben.“
„Oh doch! Ich werde Ihnen etwas erklären. Wir Menschen kennen allein durch die Aufgabe, die uns von den Kemaph aufgezwungen wurde, die Struktur und den Stoffwechsel eines Kemaph besser als Eure Rasse selbst. Seit Generationen nehmt Ihr unsere Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel. Ich denke, Eure Rasse ist nicht einmal mehr in der Lage, einen Impfstoff gegen Erkrankungen selbst herzustellen. Jeder von Euch wird bereits als Kind gegen verschiedene Krankheiten geimpft. Das Mittel dazu stammt aus unserer Produktion. Wenn ich nun verrate, dass es eine Komponente in diesem Impfstoff gibt, die latent im Körper eines Kemaph verbleibt ...“
„Du willst mir weismachen, Ihr hättet uns etwas gegeben, um uns zu vergiften?“
Konatmon lachte laut auf.
„Das ist lächerlich! Es gibt bei uns keine auffälligen Todesfälle mit ungeklärter Ursache.“
„Das ist richtig“, stimmte Johnson-Schneider zu. „Die Komponente ist absolut harmlos – für sich allein betrachtet. Anders ist es, wenn eine weitere Komponente ins Spiel kommt, welche die erste Komponente aktiviert – ein Katalysator sozusagen. Dann wird die Komponente aktiv und kontaminiert das gesamte Zellsystem. Dann beginnt ein kontinuierlicher Leistungsabfall bei dem Betreffenden. Je nach individueller Konstitution geht es langsam oder auch ganz schnell. Man wird müde, die Gedanken werden träge, die Motivation lässt nach. Später kann man sich nicht mehr auf den Beinen halten und nach spätestens vier Tagen beginnt das Sterben.“
Konatmons Gesichtszüge froren ein. Sein mittleres Auge zuckte nur noch. Er spürte ein Gefühl, dass er lange Zeit nicht mehr empfunden hatte: Angst.
„Das war doch einer eurer schlechten Erdlings-Scherze ...“, sagte er matt. Insgeheim fühlte er, dass der Erdling nicht gescherzt hatte. Allein das Selbstbewusstsein, dass er zur Schau stellte, war für ihn Beweis genug, dass diese Wesen eine Teufelei begangen hatten.
„Du kannst doch nicht wissen, ob wirklich jeder von uns diese beiden Komponenten in seinem Körper trägt. Du bluffst doch. Selbst, wenn wir alle diese Impfung erhalten haben … wie soll die zweite Komponente in unsere Körper gelangen? Es hätte bereits Todesfälle geben müssen.“
„Eine gute Argumentation“, lobte Johnson-Schneider. „Aber ich darf versichern, dass wir an alles gedacht haben. Seit einiger Zeit bezieht Ihr Volk von uns regelmäßig ein Getränk mit einem ganz bestimmten Wirkstoff. Wir boten es euch an, als sich auf einer anderen Welt unter euren Leuten Schwächeanfälle zu häufen begannen. Wir lösten dieses Problem, in dem wir einen Anti-Wirkstoff verteilen ließen, der die Wirkung unsrer Komponente für kurze Zeit aufhebt. Seit fast einem Jahr wird dieser Wirkstoff, der in Form eines Getränks angeboten wird, von jedem Kemaphen regelmäßig konsumiert und es geht euch gut. Wenn wir aber nun die Lieferung dieses Wirkstoffs einstellen oder ihn nicht mehr dem Getränk zusetzen … Ich muss Ihnen nicht erklären, was dann geschieht, oder?“
Konatmons Mund fühlte sich trocken an. Er drehte sich um und sah seine Soldaten an, die vor Entsetzen ihre Waffen gesenkt hatten. Er sah Johnson-Schneider direkt an und sah den Ausdruck des Triumphes in seinen Augen. Er war versucht, sofort den Schießbefehl zu erteilen, doch hatte er sich rechtzeitig wieder unter Kontrolle.
„Was wollt Ihr?“, fragte er.
„Unsere Freiheit“, sagte Johnson-Schneider knapp. „Wir wollen, dass die Kemaphen sich von der Erde zurückziehen und uns das Selbstbestimmungsrecht zubilligen. Und das Ganze innerhalb kürzester Zeit. Wir geben euch vier Wochen Zeit, um zu verschwinden.“
„Das ist inakzeptabel!“, rief Konatmon aus. „Wir werden euch zwingen. Ihr habt unserer Militärmacht nichts entgegenzusetzen. Wenn wir das Gegenmittel nicht bekommen, werden wir Erdlinge töten, bis Ihr es uns liefert.“
„Tut das“, sagte Johnson-Schneider hart. „Wir Menschen sind sehr sehr viele. Tötet Ihr uns, sterbt Ihr. Wir können das aussitzen, bis es euch nicht mehr gibt, das könnt Ihr uns glauben.“
„Verdammt, Ihr könnt doch nicht ein ganzes Volk einfach ausrotten wollen ...“
„Das wollen wir auch gar nicht“, betonte Johnson-Schneider. „Wir wollen, dass Ihr verschwindet … mehr nicht. Haltet Ihr Euch an die Spielregeln, werden wir Euch auch weiter mit dem Gegenmittel beliefern, allerdings wird es nicht mehr kostenlos sein. Ab jetzt wird es gerechten Handel geben.“
Er wartete, ob Konatmon noch etwas sagen würde, doch er war viel zu geschockt von der Entwicklung der Ereignisse.
„Ich schlage vor, Sie gehen jetzt und berichten Ihrem Vorgesetzten Udrop. Wir werden Sie alle sehr gut im Auge behalten. In vier Wochen müssen alle Militäranlagen abgebaut und Ihre Schiffe verschwunden sein. Sollte es in der Zwischenzeit zu Aktionen gegen Menschen kommen, werden wir eindrucksvoll demonstrieren, was es mit dem Mittel, das in ihren Körpern schlummert, auf sich hat. Ab jetzt werden wir uns nur noch auf Augenhöhe gegenüberstehen. Wir Menschen hoffen, dass Sie das begriffen haben.“
Konatmon wollte noch etwas sagen, doch er klappte seinen Mund wieder zu. Er gab seinen Männern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen wegsteckten. Mit müden Bewegungen verließen sie den Labortrakt und kehrten zu ihrem Gleiter zurück, der in einiger Entfernung auf sie wartete.
Zum ersten Mal sah Konatmon sich wirklich um. Er betrachtete den Himmel, die Wolken, sog die Luft dieser Welt ein und seufzte. Wie es aussah, war die Ära der Kemaphen auf dieser Welt vorbei. Er zweifelte keinen Augenblick, dass dieser Erdling – Mensch, korrigierte er sich in Gedanken – die Wahrheit gesagt hatte. Wenn sie überleben wollten, würden sie sich ändern müssen. Sie würden diese Welt verlassen müssen. Er fragte sich, ob er wohl jemals wieder hierher zurückkehren würde. Wohl eher nicht, beantwortete er seine eigene Frage. Dann dachte er an Kemaph, seine Heimatwelt, auf der er geboren war. Er würde sie wiedersehen. Konatmon wusste, dass es ein weiter Weg werden würde, bis sein Volk sich wieder über seine neue Position im Gefüge der bewohnten Welten klar werden würde und es würde sicher nicht ohne Blessuren abgehen, doch es war auch eine Chance. Er blickte noch einmal zurück und sah Johnson-Schneider mit seiner Assisstentin im Eingang stehen und zu ihnen hinüberblicken.
Beide hoben zum Gruß die Hand. Konatmon zögerte einen Moment, dann erwiderte er die Geste und betrat dann den Gleiter. Als dieser abgehoben hatte, musste er irrational lächeln. Vielleicht war die Zukunft doch nicht so trostlos, wie sie auf den ersten Blick schien ...