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Reise ins Ungewisse

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Ein schrilles Signal ließ Sven hochfahren. Das Wecksignal machte ihm jeden Morgen zu schaffen. Gerade an diesem Morgen hätte er es am liebsten überhört, hätte sich die Decke wieder über den Kopf gezogen und die vor ihm liegende Aufgabe einfach ignoriert. Natürlich wusste er, dass es keinen Zweck hätte, und er damit niemals durchkommen würde.
»Licht«, rief er, doch die Deckenbeleuchtung seines Zimmers produzierte nur ein trübes Dämmerlicht - gerade genug, um sich zu orientieren. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und wie es schien, hatte die dichte Wolkendecke vom Vortag nicht genügend Sonnenlicht durchgelassen, um die Kollektoren seines Wohnblocks aufzuladen.
Seufzend schaltete er seine eigene Akkulampe ein und stand auf. Heute war der Tag, der alles verändern würde. Für diesen Tag war er lange ausgebildet worden, und diesen Tag hatte er herbeigesehnt und gleichermaßen auch gefürchtet.
Mit schleppenden Schritten ging er ins Bad, wo er seine Akkulampe auf die Ablage des Rasierspiegels stellte. Er betrachtete den Mann im Spiegel.
Er war gut in Form, musste er zugeben. Ob ihm das helfen würde, wusste er zwar nicht, aber er hatte stets Wert gelegt auf eine gute körperliche Verfassung und Kondition. Die auf seinen Oberarm tätowierte Zahl 213 war ihm seit vielen Jahren geläufig und er beachtete sie nicht weiter. Sie war es, die ihn von den meisten Menschen unterschied, die noch in Australien lebten. Er war aus befruchteten Eizellen geklont worden, die aus ihm den 213. Sven gemacht hatten. Schon als Kind war ihm bewusst geworden, dass er auf eine ganz spezielle Aufgabe vorbereitet wurde. Anfangs hatte es ihm noch zu Schaffen gemacht, zu wissen, nur ein Klon zu sein, doch inzwischen war ihm das egal.
Er machte sich mit kaltem Wasser frisch und blickte wieder in den Spiegel.
»Willkommen im 24. Jahrhundert«, sagte er und schlüpfte in seinen Overall, den er voraussichtlich auch an Bord des Schiffes tragen würde, das er zu fliegen hatte.
Als er die Nasszelle verließ, war es draußen bereits heller geworden.
Der Kommunikator blinkte.
»Annehmen!«, rief Sven. »Hier Sven 213. Was gibt es?«
»John Harper, Raumüberwachung. Ich wollte Sie darauf hinweisen, dass die RENEGAT 4 startbereit ist. Ihre Passagiere sind bereits an Bord. Wir brauchen Sie so schnell wie möglich hier auf dem Raumhafen. Für den Swing-by brauchen wir einen sonnennahen Kurs. Das Schiff muss innerhalb der nächsten fünf Stunden starten, sonst müssen wir den Treibstoff neu berechnen. Schaffen Sie das?«
»Mein eCar ist nicht ausreichend aufgeladen. Gestern hatten wir fast keine Sonnenstunden, wie Sie wissen. Ich muss warten, bis die Helligkeit ausreicht, um die Live-Kollektoren ausreichend zu laden. Sobald ich kann, komme ich rüber zu Ihnen.«
»Nehmen Sie notfalls ein Miet-Car mit Brennstoffzellen. Die Kosten tragen wir.«
Sven ließ es unkommentiert und schaltete ab. Eigentlich hatte er noch frühstücken wollen, doch wenn der Raumhafen es so dringend machte, würde er stattdessen lieber dort etwas essen. Er blickte sich noch einmal in seinem Zimmer um. Seine wenigen privaten Dinge waren bereits vor einigen Tagen abgeholt worden. Trotzdem fiel es ihm schwer, jetzt wegzugehen. Ob er jemals wieder hierher zurückkehren würde, war mehr als ungewiss.
Entschlossen zog er die Tür hinter sich zu und ging, ohne abzuschließen.


Der Himmel war noch immer bleigrau. Es war nicht mehr damit zu rechnen, dass die Sonne durchbrechen würde, also wandte er sich gleich zum Mietstand, wo die teuren Brennstoffzellen-Fahrzeuge standen. Sven kletterte in ein freies Fahrzeug und nannte sein Ziel: Raumhafen Perth.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und Sven lehnte sich entspannt zurück. Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
Sein bisheriges Leben als Klon war nicht schlecht gewesen. Er hatte sogar einige Freiheiten mehr genossen, als vielen Normalbürgern zuteilwurden. Dafür wusste er allerdings von Anfang an, dass er irgendwann in einem der großen Siedlerraumschiffe sitzen würde, um es an sein fernes Ziel zu steuern. Jahre würden vergehen, bis er wieder einen Menschen sehen würde, mit dem er sich unterhalten konnte.
Beinahe lautlos glitt sein Fahrzeug autonom über den breiten Highway, der durch eine trostlose, rote Wüstenlandschaft nach Perth führte. Obwohl er hier aufgewachsen war, fühlte er sich diesem Land, diesem Planeten überhaupt, nicht verbunden. Australien war der letzte Kontinent, der noch weitgehend bewohnbar war. Der Rest der Welt war ein ausgezehrter Torso, heruntergewirtschaftet und unbewohnbar gemacht durch endlose Glaubens-, Ressourcen-, Rassen- und Wirtschaftskriege. Sven überlegte, wie groß die Erdbevölkerung nach der letzten Zählung war. Er glaubte, sich an eine Zahl von 20 Millionen zu erinnern, und es wurden ständig weniger. Es war ein Wunder, dass sie es überhaupt geschafft hatten, zumindest in Australien wieder eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, mit wissenschaftlichen Errungenschaften, von denen man in früheren Jahrhunderten nur geträumt hatte.
Trotzdem waren die Tage der Menschen auf der Erde gezählt. Die Strahlungszonen nahmen allmählich zu, und das Leben bestand aus ständigem Rückzug.
Die RENEGAT 4 kam ihm in den Sinn. Sein Schiff. Noch heute würde damit die Erde verlassen, zusammen mit 50000 Siedlern, die in Kälteschlafkammern, bei Temperaturen in der Nähe des absoluten Nullpunkts an ihr fernes Ziel gebracht werden mussten.
Die RENEGAT 4 war eines von mehreren Siedlerschiffen, die gebaut worden waren, um die Reste der Menschheit zu evakuieren. Die Renegat-Serie verfügte über ein spezielles Triebwerk, dass eine Reise mit Geschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit ermöglichte. Bis es jedoch zum Einsatz kommen konnte, brauchte es eine Menge Zeit.
Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Gedanken. Das Fahrzeug hatte ein Warnsignal angezeigt. Eine angenehme Frauenstimme verkündete: »Bitte bereit machen für manuelle Übernahme. Die Induktionsschleifen in der Straßendecke sind für etwa 35 Meilen außer Betrieb.«
Ein Steuerknüppel fuhr automatisch aus der Frontkonsole, sodass Sven ihn greifen konnte. »Bitte drücken Sie eine Taste, wenn Sie bereit sind, das Fahrzeug manuell zu steuern.«
Sven hatte in seinem Leben nur wenige Male ein Fahrzeug selbst gesteuert, und fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken. Er musste über sich selbst lachen. Da war er auf dem Weg, ein riesiges Raumschiff zum zweiten Planeten der Sonne Beta Hydri im Sternbild Wasserschlange zu steuern, und scheute davor zurück, ein Miet-Car zu steuern. Er war froh, dass die Automatik wieder übernahm, als die defekte Stelle der Straße überwunden war.
Als er später den Raumhafen erreichte, wurde er schon erwartet.
»Es wurde auch Zeit, S213«, sagte der Leiter des Mission-Centers vorwurfsvoll. »Sie können gleich an Bord gehen. Wir haben keine Zeit mehr. Das Schiff muss starten, wenn wir nicht noch ein paar Tonnen Reaktionsmasse zusätzlich einsetzen wollen.«
Sven hasste es, wenn man ihn nur mit seiner Klon-Nummer ansprach. Er hatte sich für den Namen Sven entschieden, aber die meisten Verantwortlichen des Raumhafens kümmerten sich nicht darum. Für sie war er der maßgeschneiderte Pilot ihres Schiffes und hatte einfach nur ihre Anweisungen zu befolgen.
»Ich würde mich vorher gern noch etwas frisch machen«, sagte er.
Sein Chef winkte ab. »Dazu ist später an Bord noch genug Zeit. Bewegen Sie Ihren Hintern in die Zentrale der RENEGAT 4. Der Countdown für den Start steht bei minus 45 Minuten.

Als Sven die Zentrale seines Schiffes betrat, dass für die kommenden Jahre sein Zuhause sein würde, hatte er tatsächlich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Er konnte nicht sagen, wie viele Tage und Wochen er während seiner Ausbildung in Simulatoren verbracht hatte, die diesem Raum ähnelten. Ein großer, runder Raum mit zahllosen Monitoren rundherum, Schalttafeln mit - für fremde Menschen - verwirrenden Anzeigen und Tasten. Dann die schweren Kontursessel, die ihm die erste Phase des Starts erleichtern würden - das ausgeklügelte Schienensystem, in dem sie Sessel steckten und das seinen Sitz in kürzester Zeit zu seinen aktuellen Armaturen transportieren würde.
Alles wirkte blitzblank und neu, aber Sven wusste es besser. Die RENEGAT 4 hatte die Reise schon zweimal gemacht und hatte einige Jahre auf dem Buckel. Er konnte nur hoffen, dass die Bodencrew ihren Job sorgfältig gemacht hatte.
Er nahm vor dem Hauptpult Platz und öffnete einen Kommunikationskanal zum Mission-Center: »Sven 213 ist an Bord und übernimmt die Schiffskontrollen. Countdown bei minus 13 Minuten. Führe jetzt die Startchecks durch.«
»Okay«, war die schlichte Antwort.
In den nächsten Minuten ging Sven die Checkliste durch und überprüfte den Status aller Systeme. Noch konnten Reparaturen vorgenommen werden. War er erst einmal unterwegs, hatte er nur Werkzeuge für einfache Probleme.
Er hatte jedoch nichts zu beanstanden und meldete kurz vor Ablauf des Countdowns, dass er startbereit war. Mit geübten Griffen zog er die Sicherungsgurte über seinem Körper straff und ließ sie einrasten. Automatisch kippte der Sitz in eine liegende Position, um den Startandruck erträglicher zu machen. Die letzten zwei Minuten des Countdowns liefen auf einem kleinen Monitor an der Decke ab, während das Dröhnen der fernen Korpuskulartriebwerke allmählich lauter wurde.
»Sven!«, klang es aus einem Lautsprecher, und ein weiterer Monitor sprang an. Er erkannte Manuel 173, einen der Techniker, mit dem er während der langen Ausbildung immer wieder zu tun hatte, und mit dem er seit Langem befreundet war.
»Manuel«, wunderte er sich. »Was gibt es noch? Wir stecken mitten in der Startsequenz. Ich hab jetzt keine Zeit mehr für private Gespräche ...«
»Ich wollte dir auch nur Lebewohl sagen. Tu mir den Gefallen und bring das Baby sicher ans Ziel. Ich würde dir wirklich wünschen, dass du es schaffst. Genieße dein Leben auf Beta Hydri 2. Das musst du mir versprechen!«
Sven grinste. Manuel wäre am liebsten mitgeflogen, aber Techniker-Klone wurden fast immer nur in den Raumhäfen und den Montagehallen gebraucht. Er hätte es begrüßt, Manuel bei sich zu haben, während der langen und langweiligen Beschleunigungs- und Bremsphasen.
»Ich verspreche es dir, Manuel. Mach’s gut. Wenn es geht, lass ich dir eine Nachricht mit einem Rückkehrschiff überbringen.« Er wollte gerade abschalten, als Manuel noch etwas rief.
»Ja? Wolltest du noch etwas sagen?«
»Es gibt da eine Sache, die ich für dich geregelt habe. Niemand weiß etwas davon. Eine Überraschung - mein letztes Geschenk an dich sozusagen.«
»Was ist es?«
Manuel zeigte ein breites Grinsen. »Du wirst es selbst herausfinden müssen. Vergiss deinen alten Kumpel nicht.« Er schaltete ab und das Bild auf dem Monitor verschwand.
Die letzten Sekunden wurden heruntergezählt. Ein Ruck ging durch die RENEGAT 4 und ein Gewicht legte sich wie eine eiserne Faust auf seine Brust. Für die nächsten Minuten musste er den Druck von etwas 7 G ertragen, bis das Schiff die Fluchtgeschwindigkeit der Erde erreicht hatte.
Es war eine Wohltat, als die Startbeschleunigung vorüber war, und die Automatik die Triebwerke auf einen Schub von 1 G zurückregelten. Sein Sitz kippte wieder in die Ausgangsposition zurück. Sven atmete schwer aus. Er war unterwegs, so wie es immer für ihn bestimmt gewesen war. Szenenhaft zog sein bisheriges Leben an ihm vorbei: Die relativ unbeschwerte Zeit in der Kinderkrippe, die Schulzeit, der Drill der Pilotenschule, die Theorie, seine kurzen Affären mit weiblichen Klonen, die wie er für das Umsiedlungsprogramm gezüchtet worden waren. Nichts in diesem Leben war dem Zufall überlassen worden, niemals war er gefragt worden, wie er sich sein Leben vorstellte. Manchmal fragte er sich, was sein Original für ein Mensch gewesen war. Ob er auch immer nur gezwungen war, den Anweisungen des Umsiedlungsprogramms Folge zu leisten?
Er musste an Cynthia denken. Sie war eine der weiblichen Klone, mit der er erst vor kurzer Zeit eine Affäre gehabt hatte. Mit ihr war es anders gewesen als mit den Frauen davor. Bei ihr hatte er zum ersten Mal auch eine emotionale Verbindung gespürt. Er wagte es nicht, bereits von Liebe zu sprechen, aber es hatte ihn erheblich belastet, als er den Befehl erhalten hatte, sich für die Renegat-Mission bereitzuhalten. Es bedeutete die unverzügliche Trennung von Cynthia. Vor seinem geistigen Auge sah er noch immer ihr trauriges Gesicht, als er ihr die Nachricht übermittelte. Sie hatte sich an ihn geklammert, wollte ihn nicht gehen lassen. Doch was sollten sie tun? Sie waren nichts weiter als zwei Klone, geschaffen für klar umrissene Aufgaben, zum Wohle der Menschheit. Sven wurde übel bei dem Gedanken. Auch, wenn er eine Kopie eines normal geborenen Menschen war, zählte doch auch er zu dem, was man ›Menschheit‹ nannte. Cynthia würde halt weiterhin beim Hibernationsprojekt arbeiten und Kälteschlafkammern zusammenschrauben, damit die vielen Tausend Menschen von der Erde evakuiert werden konnten. Sie würde schon einen neuen Partner finden, und er ...? Aber das hatte ein paar Jahre Zeit.
Ein Signal auf dem Pult erforderte seine Aufmerksamkeit. Ein Funkspruch vom Raumhafen.
»RENEGAT 4, wie ist Ihr Status? Nach unseren Daten befindet sich das Schiff - wie vorgesehen - auf Sonnenkurs. Können Sie das verifizieren?«
Sven ging automatisch alle Anzeigen durch, die ihm darüber Aufschluss gaben. Es war alles in Ordnung.
»RENEGAT 4 ist auf Kurs. Triebwerke erzeugen Schub von etwa 1 G. Erreichen der Merkur-Bahn in circa 28 Stunden und Swing-By ab Stunde 34. Alle Parameter in den zulässigen Toleranzen.«
»Gut RENEGAT 4. Wir entkoppeln jetzt unsere Kontrollsysteme von Ihrem Schiff. Ab jetzt sind Sie auf sich gestellt. Bringen Sie unsere Leute heil ans Ziel. Wir wünschen Ihnen viel Glück!«
»Danke! RENEGAT 4 meldet sich ab. Ende.«
Sven schaltete die Verbindung ab. Es war ihm bewusst, dass er damit endgültig seine Verbindung zur Erde gekappt hatte. Er war überrascht, wie leicht ihm das fiel. Was ihn jetzt beschäftigte, war der Swing-By um die Sonne. Um die hohen Geschwindigkeiten zu erreichen, die im relativistischen Bereich erforderlich waren, musste extrem viel Reaktionsmasse bereitgestellt werden. Aus diesem Grund nutzte man die gewaltige Anziehungskraft der Sonne quasi als Schwungscheibe für das Raumschiff. Man steuerte mit hoher Geschwindigkeit einen relativ niedrigen Orbit um das Zentralgestirn an, und ließ sich von der Sonne aus dem Sonnensystem katapultieren. Es kam nur darauf an, nicht zu dicht an die Sonne heranzugeraten, da die Hitzeschilde es sonst nicht mehr absorbieren konnten. Bisher war es jedoch noch nie zu Problemen bei diesem Manöver gekommen. Trotzdem war es ein eigenartiges Gefühl, direkt die Sonne anzusteuern, auch, wenn man sie nur umfliegen wollte.
Unwillkürlich kontrollierte Sven die Logdateien der Hibernationstanks, aber wie erwartet, enthielten sie keinerlei Besonderheiten. Die Systeme waren inzwischen weitgehend ausgereift. Nur selten kam es zu außergewöhnlichen Zwischenfällen, und noch seltener kam ein Mensch dabei zu Schaden.
Ein Vorteil der permanenten Beschleunigung von 1 G war, dass man das Gefühl hatte, auf dem Erdboden zu stehen. Er würde sich also während des kommenden Jahres nicht mit Schwerelosigkeit herumschlagen müssen. Sven erhob sich aus seinem Sessel und verließ die Zentrale. Unterhalb der Steuerzentrale befand sich seine private Suite, in die man seine Sachen gebracht hatte. Interessiert kontrollierte er, was man ihm an Filmen, virtuellen Spielen, Musik und Buchdateien zur Verfügung gestellt hatte. Die Zeit würde lang werden auf dieser Reise. Zwar war die RENEGAT 4 ein überlichtschnelles Schiff, aber zunächst musste sie ein Jahr lang mit 1 G beschleunigen, um möglichst nah an die Lichtgeschwindigkeit heranzugelangen. Zum Ende hin würde es ein Tanz auf der Rasierklinge werden. Mit jedem Prozent, das er näher an die magische Grenze der Lichtgeschwindigkeit heranreichte, würden sich auch die Auswirkungen der Relativität verstärken. Seine Zeitwahrnehmung würde sich verlangsamen, während seine Masse stetig zunahm. Es würde wichtig sein, im exakt richtigen Augenblick zu reagieren, da er sonst zu viel Reaktionsmasse verbrauchen würde, und ein Abbremsen im Zielgebiet nicht mehr möglich wäre.
Im entscheidenden Moment, würde Sven den Gravitonen-Antrieb einschalten. Im Grunde ähnelte der Antrieb dem normalen Korpuskular-Antrieb, bei dem nukleare Reaktionsmasse ausgestoßen wurde, nur, dass Gravitonen sich schneller bewegen konnten als Licht. Die RENEGAT 4 würde einen Stoß bekommen, der sie aus dem drei-dimensionalen Raumzeit-Kontinuum katapultierte, in dem Geschwindigkeiten oberhalb der Lichtgeschwindigkeit nicht möglich waren.
Der Effekt war bei unbemannten Schiffen zunächst entdeckt und dann vervollkommnet worden. Seit über 50 Jahren reisten Siedlerschiffe auf diesem Wege ins 24 Lichtjahre entfernte Beta Hydri-System, wo es einen Planeten gab, der der Erde so sehr ähnelte, dass dort ein Neuanfang der Menschheit versucht werden sollte.
Schiffe, die diesen Weg nahmen, stürzten in der Nähe von Beta Hydri unvermittelt wieder zurück in den dreidimensionalen Raum. Warum das so war, und ob es möglich war, auch weitere Entfernungen zu überbrücken, wusste bisher niemand. Es war noch nie versucht worden.

Zwei Tage später lag die Sonne bereits hinter ihm und der Bug der RENEGAT 4 wies auf das Sternbild Wasserschlange. Noch befand er sich innerhalb des Sonnensystems, doch seine Geschwindigkeit wuchs mit jeder Stunde, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es endgültig hinter ihm liegen würde. Sven hockte in seinem Sessel und betrachtete einfach nur die Sterne, als ein durchdringendes Signal ihn aus seinen Gedanken riss.
»Ein Hibernationstank?«, wunderte er sich. »Bitte nicht die Kälteschlafkammern! Wenn sie einen Defekt aufweisen, ist es jetzt für jede Hilfe zu spät.«
Er sprang auf und machte sich auf den Weg, die Schlafkammern seiner Passagiere direkt in Augenschein zu nehmen. Es würde Tage dauern, sie alle zu inspizieren, das war ihm klar, aber zunächst würde er sich den Bereich ansehen, der ihm von der Anlage gemeldet worden war. Er aktivierte die Beleuchtung in den Ladezonen und kletterte die Leiter hinunter in den Laderaum.
Als er den betreffenden Sektor erreicht hatte, hörte er Schritte. Unvermittelt blieb er stehen. Niemand, außer ihm, sollte sich hier aufhalten. Er hob seine Handlampe und leuchtete in den Gang hinein, aus dem die Geräusche gekommen waren.
Eine junge Frau kam ihm entgegen. Sie hatte lange, nasse Haare und hatte sich eng in eine Decke gewickelt. Als sie ihn erreichte, erkannte er sie.
»Cynthia?«, fragte er verständnislos. »Was machst du hier?«
»Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du mit diesem Schiff für immer verschwinden würdest.«
»Wir hatten das doch besprochen«, sagte Sven. »Wir hätten doch nie eine Zukunft gehabt. Beziehungen zwischen Klonen führen zu nichts. Wir wurden alle für bestimmte Aufgaben gezüchtet und können nicht zusammenbleiben.«
»Können wir doch!!«, rief sie trotzig. »Manuel hat mich in eine der Hibernationskammern geschmuggelt, die zusätzlich eingebaut wurde, und sie umprogrammiert, damit ich nach dem Swing-By aufwache. Also: Hier bin ich.«
Sven war sprachlos.
»Freust du dich denn kein Bisschen, dass ich an Bord bin?«
Sven zog sie einfach an sich und schloss sie in seine Arme. »Doch Cynthia, und wie ich mich darüber freue. Ich hatte unsere Zeit schon als Affäre zwischen Klonen abgehakt, und durch meine Abreise war sie ja eigentlich auch vorbei, nicht wahr?«
»Aber jetzt können wir zusammen sein«, sagte sie. »Niemand kann uns jetzt noch trennen. Das Umsiedlungsprogramm hat keine Macht mehr über uns. Und wenn wir unser Ziel erreichen, hat man uns zugesagt, dass wir frei sind. Auf Beta Hydri 2 sollen Klone einfach nur Menschen sein, sagt man.«
Sie klammerten sich aneinander und küssten einander. Svens Gedanken überschlugen sich. Er würde nicht allein sein, während der langen Zeit der Beschleunigung, und sie würden sogar eine Zukunft haben, wenn sie es richtig anstellten. Zum ersten Mal fühlte er sich nicht mehr nur als Klon, sondern als Mensch. Er begann zu begreifen, dass er sich auf seine Zukunft freuen durfte.

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