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Sozialer Wohnungsbau

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HochhäuserEs war ein trüber Tag und genau so fühlte ich mich auch. Ich war noch nicht lange in der Stadt und mit meinem neuen Job kam ich auch noch nicht so zurecht, wie mein neuer Chef und auch ich selbst es erwarteten. Die ewigen Überstunden, welche die Folge davon waren, zerrten allmählich an meinen Nerven.
Doch jetzt wollte ich nicht mehr an die Arbeit denken. Endlich Feierabend. Die Straßenbahn war um diese Zeit nur mäßig gefüllt. Alles Menschen, wie ich, die auf dem Weg nach Hause waren und ihren eigenen Gedanken nachhingen.
Andererseits: Was sollte ich jetzt schon tun? Ich kannte ja im Grunde niemanden hier in dieser Stadt und immer nur abends durch die Kneipen zu ziehen, brachte auch nichts. In den Wochen, seit ich nun hier wohnte, hatte ich nur ein paar flüchtige Kontakte knüpfen können. Auch die bestehenden Cliquen innerhalb meines Büros waren keine große Hilfe. Bisher hatte man mir noch keine Angebote gemacht, mich ihnen anzuschließen, wenn sie in ihrer Freizeit etwas gemeinsam unternahmen. Erwartete ich zuviel? Ich wusste es nicht.
Mir war von Anfang an klar gewesen, dass ein Neuanfang nie leicht fallen würde, doch es ließ sich nicht leugnen, dass ich mich einsam fühlte. Es lief immer nach dem selben Schema ab: Aufstehen, arbeiten, Essen gehen, anschließend noch in einer Gaststätte ein Bierchen trinken – immer in der Hoffnung, Gesellschaft finden zu können. Letztlich landete ich sowieso wieder in meiner kleinen Wohnung in einem Hochhaus am Stadtrand, in dem niemand seinen eigenen Nachbarn kannte. Im Grunde war es eine ganze Hochhaussiedlung. Ich hätte auch lieber woanders gewohnt. Vielleicht später einmal, wenn ich etwas mehr verdienen würde.

Ein Ruckeln der Bahn riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte mich um. Sie war nicht da.
Die junge Frau war mein einziger Lichtblick auf meinem Heimweg. Ich wusste nicht, wie sie hieß, oder wo sie wohnte – nur, dass sie ebenfalls in der Innenstadt arbeitete und oft mit der selben Bahn, wie ich, nach Hause fuhr. Vor einigen Tagen hatte ich sie zum ersten Mal gesehen und hatte gleich gespürt, wie sich mein Puls beschleunigt hatte. Sie war eingestiegen, als ich schon in der Bahn saß. Sie war mir wegen ihrer roten Haare aufgefallen. Als sie mich dann mit ihren grünen Augen anschaute, war es fast um meine Fassung geschehen. Sie hatte sich neben mich gesetzt und wir waren ins Gespräch gekommen. Sie hatte ein sympathisches Lachen und wir machten etwas Smalltalk, bis wir gemeinsam ausstiegen und sich unsere Wege trennten.
Seitdem fieberte ich auf meinem Heimweg immer dem Moment entgegen, wenn die Straßenbahn an der Haltestelle hielt, an der sie einsteigen musste. Wenn sie da war und mich entdeckte, hellte sich immer ihre Miene auf und sie kam zu mir in die Bank. Manchmal, wenn der Platz neben mir bereits besetzt war, glaubte ich einen Hauch von Enttäuschung in ihrem Gesicht zu erkennen. Ich bildete mir bereits ein, dass sie mich auch mochte.
„Vielleicht bis morgen“, sagte sie dann beim Aussteigen, wenn jeder für sich nach Hause ging.
Doch heute war sie nicht da. Ob sie vielleicht krank war, oder ob sie Urlaub hatte. Vielleicht war sie ja auch weggezogen. Manchmal zogen Menschen auch weg. Ich weigerte mich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Was wusste ich eigentlich von dieser Frau? Eigentlich überhaupt nichts. Ich kannte nicht ihren Namen, nicht ihre Adresse, nicht einmal ihre Telefonnummer. Was, wenn ich sie niemals mehr wiedersehen würde? Ich seufzte.
Ein Kontrolleur fragte mich nach meinem Fahrausweis und ich hielt ihm gedankenverloren meinen Betriebsausweis hin.
„Nettes Foto“, meinte der Kontrolleur amüsiert, „trotzdem würde ich nun gern ihren Fahrausweis sehen.“
„Oh, Verzeihung“, murmelte ich und angelte nach meiner Monatskarte.
„Sie waren aber ganz weit weg, mit ihren Gedanken“, sagte der Mann und gab mir meine Karte zurück.
Als ich aus der Bahn ausstieg, war es bereits dunkel und es hatte zu regnen begonnen. Ich hielt mir meine Aktentasche über den Kopf und begann zu rennen. Ich hatte einfach keine Lust, zu allem Überfluss auch noch nass zu werden.
Bis zu meinem Haus war es nicht besonders weit, trotzdem war meine Jacke vollkommen durchnässt, als ich endlich das Vordach des Hauseingangs erreichte. Die Haustür stand offen. Es war immer dasselbe: Irgendwer ließ immer die Tür offen stehen, so dass einfach jeder hineinkommen konnte. Da ich kein Verlangen verspürte die Treppen bis zum siebten Stock zu steigen, wartete ich auf den Aufzug und drückte den Knopf für die siebte Etage. Mit lautem Quietschen uns Schaben setzte sich die Kabine in Bewegung. Mein Blick fiel auf ein nachlässig ausgeführtes Graffity, das jemand an die Innenwand der Kabine gesprüht hatte. Das war neu. Überhaupt machte der Aufzug einen recht maroden Eindruck – wie alles in diesem Haus. Bauten, wie dieses hier waren einfach Massenware der 70er und 80er Jahre. Allmählich zeigten sich die Folgen der unzulänglichen Bauweise dieser Häuser.
Der Aufzug hielt und ich stieg aus. Das Flurlicht flackerte, das war am Morgen noch nicht gewesen, als ich zur Arbeit gegangen war. Ich blickte mich misstrauisch um, da man bei diesem Licht immer das Gefühl hatte, es wäre noch Jemand da. Ich bin eigentlich kein schreckhafter Mensch, doch die Atmosphäre war irgendwie gespenstisch. Mit unerklärlicher Nervosität suchte ich in meinen nassen Jackentaschen nach meinem Schlüssel.
Die Eingänge zu den Wohnungen sahen im Grunde alle gleich aus. Ich hatte den unschätzbaren Vorteil, dass meine Wohnungstür direkt in der Ecke lag. Fast niemand brachte in dieser Etage sein Namensschild draußen an der Tür an.
Amüsiert dachte ich daran, dass vor wenigen Tagen einer der Hausbewohner sich in der Etage geirrt hatte und verzweifelt versucht hatte, die Wohnungstür zu öffnen. Erst der Hausmeister hatte ihm dann gesagt, dass er im falschen Stockwerk war.
Endlich hatte ich den Schlüssel in der Hand. Mir war kalt. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte. Das heißt, ich wollte den Schlüssel drehen, denn er rührte sich nicht.
„Verdammt“, sagte ich und rüttelte an dem Schlüssel. Ich zog ihn wieder heraus und betrachtete ihn kritisch. Er sah ganz normal aus.
„Falsche Etage?“, schoss es mir durch den Kopf, „Das wäre peinlich, wenn es auch mir passieren würde.“
Ich ging zurück zum Aufzug, wo die Nummer des Stockwerks auf die Wand gemalt war. Die Zahl stimmte. Ich befand mich im siebten Stock, also war ich hier richtig. Wenn mich jemand beobachtet hätte, würde er mich wohl für verrückt halten.
Ich steckte den Schlüssel wieder ins Schloss. Vermutlich klemmte der Schließzylinder nur ein Wenig. Er ließ sich auch jetzt nicht bewegen, also drückte ich fester.
Knack!
Ratlos hielt ich den Griff des Schlüssels in der Hand. Der Rest steckte im Zylinder und ich hatte keine Möglichkeit mehr, die Tür auf normalem Wege zu öffnen.
„Scheiße“, sagte ich, „was mach' ich denn jetzt?“
Ich hatte keine Lust mehr, noch länger in den nassen Sachen hier im Flur zu stehen. Ich blickte mich in alle Richtungen um. Niemand zu sehen.
Ich ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und warf mich mit der Schulter gegen die Tür. Morgen würde ich mich um die Reparatur kümmern, doch jetzt wollte ich einfach ins Trockene.
Mit einem scharfen Knall brach der Riegel des Schlosses und die Tür flog nach innen auf. Ich stürzte, von meinem eigenen Schwung getragen, in die Diele hinein und konnte nur mühsam verhindern, auf den Boden zu fallen.
Ein spitzer Schrei ertönte vor mir im Dunkeln, was mir derart in die Glieder fuhr, dass auch ich schrie. Licht wurde eingeschaltet und blendete mich einen Augenblick. Es ließ meine Augen tränen.
„Bleiben Sie, wo sie sind!“, kreischte eine Frauenstimme, „Ich bin bewaffnet!“
Ich blinzelte die Tränen weg und starrte die Frau an, die, in einen Morgenmantel gekleidet und mit einem Baseballschläger bewaffnet vor mir stand. Sie machte einen sehr entschlossenen Eindruck.
Sie hatte rotes Haar und grüne Augen. Es war die Frau aus der Straßenbahn. Wir rissen wohl beide die Augen weit auf, als wir jeder unser Gegenüber erkannten.
„Was machen Sie denn hier?“, fragten wir beide, wie aus einem Munde.
„Das könnte ich Sie fragen!“, sagten wir ebenfalls beide gleichzeitig.
Es war eine absolut idiotische Situation. Ich fasste mich als Erster.
„Das hier ist meine Wohnung!“, sagte ich laut, „Wie kommen Sie hier hinein?“
Ihre Wohnung?“, regte sich die Frau auf, „Das wüsste ich aber! Dies ist meine Wohnung!“
Ich blickte mich zum ersten Mal vorsichtig um und stellte fest, dass es entscheidende Unterschiede zu meiner Wohnung gab. Wände, Gardinen, Möbel – nichts davon kannte ich. Ich befand mich offenbar wirklich in einer fremden Wohnung.
„Ich äh … also ich … ich …“, war alles, was ich herausbrachte. Ich verstand es zwar nicht, aber hier war etwas denkbar falsch. Die Frau senkte ihren Baseballschläger, als sie bemerkte, dass es sich offenbar nicht um einen Angriff auf sie handelte, sondern nur um einen bedauernswerten Irrtum.
„Ich kann mich nur vielmals entschuldigen“, sagte ich dann, „ich werde selbstverständlich für den Schaden an der Tür aufkommen, aber ich kann es nicht verstehen. Das hier müsste meine Wohnung sein. Ich wohne Haydn-Alle 248, im siebten Stock. Und das hier ist der siebte Stock!“
„Haydn-Allee 248?“, fragte die Frau und bekam mit einem Mal einen amüsierten Gesichtsausdruck, „Hier ist aber Haydn-Allee 250.“
Ich stand wie vom Donner gerührt. Mein Gesichtsausdruck muss wohl sehr dümmlich gewesen sein, denn sie begann plötzlich zu lachen, bis ihr die Tränen kamen. Es war so ansteckend, dass wir noch Minuten später lachend in ihrer Diele standen.
Als wir wieder ernst wurden, hielt sie mir ihre Hand hin und sagte: „Also wenn du schon auf so spektakuläre Weise mein Gast bist, sollten wir wenigstens wissen, mit wem wir es zu tun haben. Ich heiße René.“
Ich ergriff ihre Hand und drückte sie leicht.
„Ich bin Markus“, sagte ich und musste grinsen. Es war einfach verrückt.
Sie drückte die Wohnungstür zu, so gut es ging und wies ins Wohnzimmer.
„Setz' dich doch, Markus“, sagte sie, „du bist ja ganz nass. Vielleicht solltest du dich etwas frisch machen. Ich schaue 'mal nach, ob ich etwas Passendes für dich zum Anziehen finden kann. Manchmal übernachtet mein Bruder hier in der Wohnung.“
Ich ging ins Bad und zog die Jacke und mein Hemd aus. Ich betrachtete mein Spiegelbild im Spiegel über dem Waschbecken und musste unwillkürlich grinsen. Ich hatte im Eifer des Gefechts die Häuser verwechselt und dadurch ausgerechnet das Mädchen gefunden, das mir seit Tagen durch den Kopf geisterte. Das Schicksal hatte es gut mit mir gemeint.
Diese Stadt erschien mir auf einmal gar nicht mehr so trostlos, wie noch zuvor.
Ich löschte das Licht und ging zurück ins Wohnzimmer, wo René mit untergeschlagenen Beinen auf der Couch saß und mich mit einem strahlenden Lächeln erwartete.

 

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