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Wenn einer eine Reise tut ... Iguaçu

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Lena schreckte aus ihrem unruhigen Schlaf auf. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Sie war einfach schon viel zu lange unterwegs. Die Sitze in der kleinen Propellermaschine ließen ihr nicht viel Beinfreiheit, doch sie versuchte, sich etwas zu strecken, um ihre Glieder zu beleben.
Der Prospekt, in dem sie gelesen hatte, war heruntergefallen und sie hob ihn auf. Dabei bemerkte sie, dass der Fluggast neben ihr sie anzüglich - wie sie meinte - anstarrte.
Lena fragte sich, wann diese Reise endlich zu Ende sein würde. Freiwillig wäre sie niemals allein hierher geflogen, doch was tat man nicht alles für die Liebe. Peter, der Mann, mit dem sie nun schon seit zwei Jahren zusammen war, hatte ein Studium mit der Bezeichnung „Science of Water“ absolviert und relativ schnell einen Job gefunden, der interessant war und dazu noch gut bezahlt wurde. Der Nachteil war, dass seine Einsatzgebiete im Grunde allesamt außerhalb Deutschlands lagen. Seit neun Monaten arbeitete er nun schon, zusammen mit anderen Ingenieuren, in Itaipu, einem der größten Wasserkraftwerke der Welt. Es lag an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien und versorgte fast ganz Paraguay und ein gutes Viertel von Brasilien mit elektrischem Strom. Lena verstand es ja, dass Peter diese Chance ergriffen hatte, schnell in eine Position aufzusteigen, die er zu Hause nicht bekommen hätte, aber es führte auch dazu, dass sie sich nur sehr selten sehen konnten.
Wie sehr hatte sie sich gefreut, als Peter angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er Flüge für sie gebucht hatte, damit sie ihn in Brasilien besuchen konnte. Ihre Eltern waren strikt dagegen gewesen, als sie ihnen davon erzählt hatte, doch hatten sie Lena nicht aufhalten können.


So war sie nun bereits seit über vierundzwanzig Stunden unterwegs. Erst von Frankfurt aus nach Madrid, von dort nach Buenos Aires in Argentinien und jetzt – zuletzt – mit einer kleinen Propellermaschine der Aerotraffico Argentina nach Foz do Iguaçu, direkt am Parana. Peter wohnte dort in einer Pension, die von seiner Firma gebucht worden war.
Lena blickte aus dem Fenster. Die ganze Zeit über flogen sie über dichtbewaldeten Regenwald. Die Schwüle und Feuchtigkeit der Luft kroch bis in die Passagierkabine des Flugzeugs. Das Atmen war anstrengend und jede Bewegung war schweißtreibend. Sie drehte sich zur Seite und blickte direkt in die Augen ihres Sitznachbarn, der sie anzüglich angrinste. Der Kerl ging ihr auf die Nerven. Ständig starrte er auf ihre nackten Beine und ihre Bluse. Ständig hatte sie das Gefühl, als würde sie dieser Mann mit seinen Augen ausziehen. Sie machte ein abweisendes Gesicht.
Obwohl es so heiß war, wünschte sie sich jetzt, körperbedeckende Kleidung zu tragen. Demonstrativ blickte sie wieder aus dem Fenster. Sie hatte gehört, dass ihre Route direkt über die Fälle des Iguaçu führen würde. Nach allem, was sie bisher darüber gehört hatte, musste es ein überwältigender Anblick sein. Noch immer flogen sie über dichten, grünen Regenwald.
Der Mann neben ihr sprach sie auf spanisch an, doch Lena verstand kein spanisch. Sie schüttelte den Kopf.
Die Stewardess kam vorbei und bot eine Erfrischung an. Lena nahm dankend eine gekühlte Coke entgegen und bedankte sich auf englisch. Der Mann musterte sie wieder.
„Usted es alemán?“, fragte er, überlegte einen Moment und fragte noch einmal: „Du sind deutsch?“
Lena sah ihn verblüfft an.
„Sie sprechen deutsch?“, fragte sie.
Er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Abstand.
„Nur eine kleine Stück“, sagte er, „ich habe studiert etwas in Munich … äh, München. Sie sehr schön, sie wissen?“
Lenas Miene verhärtete sich wieder.
„Ich bin nicht interessiert“, sagte sie abweisend.
„Oh, Sie mich nicht missverstehen“, sagte der Mann und Lena musste unwillkürlich lächeln bei dieser Formulierung. „Nicht oft blonde junge Frau in hier Gegend. Was treiben hier hin?“
„Wenn Sie es genau wissen wollen – ich besuche meinen Freund, der hier beim Kraftwerk in Itaipu arbeitet.“
„Deutscher Freund?“, fragte er.
„Sicher, deutscher Freund“, antwortete Lena.
„Da mir nur fällt ein Peter Sowinski“, sagte der Mann.
„Sie kennen meinen Peter?“, fragte Lena aufgeregt.
„Sicher. Guter Kollege. Wasseringenieur. Hat erzählt, er warten auf Besuch. Muss gestehen, auf dir ich hätte auch gerne gewartet.“
Lena musste schmunzeln. So ein Ekel, wie sie zunächst gedacht hatte, war ihr Nachbar gar nicht.
„Wie heißen Sie?“, fragte sie ihn, „Mein Name ist Lena – Lena Topmöller.“
Der Mann strahlte sie mit breitem Lächeln an und reichte ihr seine Hand.
„Ich sein Carlos Montega, Ingeniero eléctrico aus Sao Paolo. In Augenblick ich wohnen aber in Puerto Iguazú – in selbe Haus, wie Pedro … Peter.“
Ein Schlag schien das Flugzeug zu erschüttern und das Motorengeräusch veränderte sich.
„Was war das?“, fragte Lena erschreckt.
iguacu„Kein Ahnung“, sagte Carlos, „vielleicht Luftloch. Wir fliegen über Fälle von Iguaçu.“
Ein weiterer Schlag traf die Maschine und für einen Moment machte sich ein unangenehmes Gefühl des Fallens im Magen breit. Carlos griff unwillkürlich nach Lenas Hand. Sie wollte sie ihm entziehen, doch er hielt sie mit eiserner Kraft fest. Lena blickte in seine Augen und sah, dass Carlos Angst hatte.
„Nicht böse sein“, sagte er, „ich haben schon immer Flugangst.“
„Ist schon gut“, antwortete sie, während Carlos an Lena vorbei nach draußen blickte. „Nein, ist nichts gut.“
Er deutete mit dem Kopf. Lena drehte sich herum und wusste, was er meinte. Der rechte Propeller stotterte und dichter Qualm drang aus dem Gehäuse des Motors.
Die Stewardess lief hektisch durch die Reihen und versuchte, die Fluggäste zu beruhigen. Sie machte dabei selbst keinen sehr zuversichtlichen Eindruck.
„Wir sind in einen Vogelschwarm geraten“, erklärte sie auf englisch, als sie bei Lena angelangt war, „der rechte Motor wird wohl ausfallen, aber der Captain sagt, dass er eine Notlandung in Puerto Iguazú durchführen wird. Machen Sie sich keine Sorgen.“
„Und wenn der andere Motor auch noch ausfällt?“, fragte Carlos ängstlich.
Die Stewardess legte ihm eine Hand auf die Schulter und meinte:
„Ich bin dieses Route schon so oft geflogen, aber es ist das erste Mal, dass wir dabei in einen Vogelschwarm geraten sind. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn ...“
Ein harter Schlag traf die kleine Maschine und ließ die Stewardess fast in den schmalen Gang stürzen. Nur mühsam hielt sie sich auf den Beinen. Hektisch blickte sie aus dem linken Fenster, wobei ihr ein „Madre mia“ herausrutschte.
Das Flugzeug schüttelte sich nun ein einem fort. Beide Motoren waren angeschlagen und der Rechte lief allmählich aus, qualmte aber noch immer stark. Aus dem Cockpit, dessen Tür offen stand, hörten sie den Piloten fluchen und hektisch reden. Vermutlich versuchte er, die Bodenstation des nahe gelegenen Flughafens zu informieren.
Lena und Carlos sahen aus dem Seitenfenster. Sie waren dem grünen Dach der Bäume schon um Einiges näher gekommen. Auch Lena drückte nun fest Carlos Hand und war froh, einen Gleichgesinnten bei sich zu haben. Die Landschaft veränderte sich plötzlich und ein Flusslauf tauchte unter ihnen auf. Der Pilot passte seinen Flug dem Flusslauf an, bei dem es sich nur um den Iguaçu handeln konnte.
„Wir es nicht schaffen bis Puerto Iguazú“, sagte Carlos, „Maschine zu tief.“
Die Stewardess, die kurz im Cockpit gewesen war, stürzte heraus und forderte sie alle auf, die Schwimmwesten überzuziehen, da sie auf dem Iguaçu wassern müssten. Alle mussten sich anschnallen und den Kopf auf die Knie legen.
Carlos begann, leise zu murmeln.
„Was tun Sie da?“, fragte Lena.
„Ich bete“, antwortete Carlos, „Sie sollten auch tun.“
Lena hatte nie viel mit Glauben und Kirche zu tun gehabt, doch vielleicht hatte Carlos ja recht. Angesichts einer nahenden Katastrophe erinnern sich Menschen häufig wieder an Gott und beten zu ihm. Unhörbar formten ihre Lippen die Gebete ihrer Kindheit, von denen sie geglaubt hatte, sie längst vergessen zu haben.
Das Flugzeug glitt inzwischen fast antriebslos knapp über der Wasseroberfläche und setzte dann auf. Der Pilot hatte eine Meisterleistung vollbracht und konnte verhindern, dass sich der Rumpf aufrichtete und dadurch zu zerbrechen drohte. Trotzdem wurden sie alle heftig durchgeschüttelt und zogen sich zahlreiche Prellungen zu. Dann wurde es ruhig. Die Maschine war zum Stillstand gekommen.
„Bitte schnallen Sie sich jetzt ab“, forderte die Stewardess sie auf, „wir werden zunächst warten, ob die Maschine sich mit Wasser füllt. Wenn nicht, können wir hier auf die Hilfe warten, die uns von Puerto Iguaçu zugesagt wurde. Wenn das Flugzeug allerdings versinkt, müssen wir aussteigen.“
„Wo genau sind wir hier eigentlich?“, fragte ein Mann aus den hinteren Reihen.
„Das ist genau das Problem. Wir sind hier schon sehr nah an den Fällen und wenn wir ruhig sind, können wir sie sogar schon hören. Wir haben hier bereits eine beachtliche Strömung. Wenn wir aussteigen, haben wir nur eine Chance – wir müssen die Felsen anpeilen, die hier überall aus dem Wasser ragen, und uns daran irgendwie festhalten, bis Hilfe kommt.“
Bereits nach wenigen Minuten war klar, dass Wasser ins Flugzeug eindrang und ihre Füße standen unter Wasser. Noch etwas später gab der Captain das Kommando zum Aussteigen. Einer nach dem Anderen blies seine Schwimmweste auf und sprang in die Fluten, die zum Glück nicht sehr kalt waren. Trotzdem wurden sie sehr schnell von der Strömung fortgetragen.
Als Lena an der Reihe war, reichte ihr Carlos ein Seilende.
„Hier, binde das um Deinen Körper – so können wir uns nicht verlieren und haben vielleicht bessere Chancen.“
„Wo hast Du das her?“, fragte Lena.
„Ich nicht weiß wieso, aber ich immer schleppe etwas Seil, Draht und Werkzeug mit mir herum in der Tasche“, sagte er, „ist wohl ein Tick von mir.“
Schnell band sie es um ihren Körper und Carlos prüfte den Knoten, den sie machte. Anerkennend nickte er und reckte den Daumen nach oben.
„Ich habe 'mal einen Segelkurs gemacht“, erklärte sie. Dann fassten sie sich an den Händen und sprangen. Das Wasser war zwar nicht warm, aber auch nicht so kalt, dass sie eine Unterkühlung fürchten mussten. Ihr einziger Gegner war die Strömung, die sie unerbittlich in Richtung der Fälle trug. Die Schwimmwesten verhinderten zwar, dass sie untergingen, sie verhinderten aber nicht, dass ihnen ständig Wasser ins Gesicht schwappte und sie das eine oder andere Mal Wasser schlucken mussten.
„Wir brauchen ein Hindernis, an dem wir uns festhalten können!“, brüllte Lena, so laut sie konnte, damit Carlos es verstand.
Einige der anderen Reisenden hatten bereits Glück gehabt und waren vor einen Felsen gespült worden. Manche hockten bereits oben auf einem solchen Felsen und warteten auf Rettung. Nur Lena und Carlos gelang es nicht. Nach kurzer Zeit wurde die Zahl der Felsen geringer und die Strömungsgeschwindigkeit wurde immer größer. Es konnte nicht mehr weit bis zu den Fällen sein. Wenn es ihnen nicht gelang, irgendwo Halt zu finden, würden die Fälle des Iguaçu ihr Ende bedeuten. Aus den Augenwinkeln sahen sie den ersten Hubschrauber über ihnen kreisen. Carlos wedelte mit seinen Armen, so gut er konnte, doch der Hubschrauber flog weiter.
Als sie schon glaubten, es sei um sie geschehen, geschah das Unglaubliche: Sie passierten eine Baumwurzel, die aus dem Wasser ragte und verfingen sich mit ihrem Seil daran. Die Strömung trieb sie hinter dem Baum zusammen, doch das Seil hielt. Das Wasser klatschte hier mit einer Kraft gegen ihre Körper, dass sie Mühe hatten, ihre Köpfe über Wasser zu halten. Nach einer Weile wurde Lena bewusstlos und Carlos arbeitete wie besessen, um sich und Lena das Atmen zu ermöglichen. Als er fast selbst am Ende war, entdeckte er den Schatten eines Hubschraubers über sich. Ein Mann in einem orangenen Overall reichte ihm eine Schlinge und machte ein Zeichen, dass er sie sich überstreifen solle. Es war ein phantastisches Gefühl, als die Winde des Hubschraubers ihn aus den tosenden Fluten herauszog. Carlos hielt Lena mit seinen Armen fest, wie ein Schraubstock. Seine Muskeln schmerzten, doch er biss die Zähne zusammen und hielt durch, bis sie oben angelangt waren.
Lena erwachte während des Fluges nach Puerto Iguazú und blickte in die Augen von Carlos, der ihr eine trockene Decke über den Körper legte, damit sie nicht fror.
„Haben wir es tatsächlich geschafft?“, fragte sie.
Carlos nickte und lächelte.
„Du bist bald bei deinem Peter“, sagte er.
„Ja“, sagte Lena und setzte sich auf. Sie lehnte sich an Carlos.
„Ich habe es Dir zu verdanken, dass ich noch lebe, nicht wahr?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht“, antwortete er, „wir haben Glück gehabt.
„Halt mich fest“, bat sie und Carlos legte seinen Arm um sie.
So saßen sie, bis der Flughafen in Sicht kam und sie zur Landung ansetzten. Nachdem die Rotorblätter zum Stillstand gekommen waren, sprangen sie aus der Maschine heraus und eine Gruppe von Ärzten und Helfern kümmerte sich um sie. In dem Gewimmel wurden Lena und Carlos getrennt und Carlos hielt Ausschau nach der jungen Frau, mit der er dieses unfreiwillige Abenteuer geteilt hatte.
Nach einer Weile entdeckte er sie. Sie befand sich in den Armen eines jungen Mannes, den er sehr gut kannte: Peter Sowinski. Vermutlich hatte er in den Nachrichten mitbekommen, was sich ereignet hatte und war sofort hierher gefahren. Irgendwie versetzte es ihm einen Stich, zu sehen, wie glücklich die Beiden waren – nach allem, was sie zusammen erlebt hatten. Er brachte es nicht über sich, jetzt zu ihnen zu gehen.
Er fragte sich, ob er etwa eifersüchtig war und fand, dass wohl ein ganz kleines Bisschen Eifersucht im Spiel war. Ein Krankenwagen hielt neben ihm. Carlos sah, dass er aus Foz do Iguaçu stammte, der Stadt auf der anderen Seite der Brücke über den Iguaçu.
„Können Sie mich mitnehmen?“, fragte er den Fahrer, „Ich muss auch auf die brasilianische Seite.“
„Springen Sie 'rein, Mann“, sagte der Fahrer. „Mann war das eine Aufregung heute.“
„Ja, das war es“, murmelte Carlos und sah im Vorbeifahren Lena und Peter hinterher.

Lena löste sich aus Peters Armen und sah sich um.
„Ein Mann hat mir geholfen“, sagte sie, „ohne ihn hätte ich den Iguaçu sicher nicht überlebt. Ich weiß gar nicht, wo er geblieben ist. Er sagte, er kennt dich.“
„Er kennt mich?“, fragte Peter, „Kennst du seinen Namen?“
„Carlos Montega heißt er. Er war sehr nett.“
Peter schüttelte den Kopf.
„Carlos hat dich gerettet?“, fragte er ungläubig, „Das ist ein guter Freund von mir. Wir arbeiten zusammen in Itaipu im Kraftwerk. Mensch, das müssen wir zusammen feiern. Ich muss dich unbedingt mit ihm bekannt machen.“
„Ja, das musst du unbedingt machen“, sagte Lena leise und blickte gedankenverloren in Richtung der Brücke über den Fluss, über den soeben ein Krankenwagen in Richtung Foz do Iguaçu rollte. „Ich würde ihn gern näher kennenlernen.“

Wenn einer eine Reise tut ...

Lena schreckte aus ihrem unruhigen Schlaf auf. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Sie war einfach schon viel zu lange unterwegs. Die Sitze in der kleinen Propellermaschine ließen ihr nicht viel Beinfreiheit, doch sie versuchte, sich etwas zu strecken, um ihre Glieder zu beleben.
Der Prospekt, in dem sie gelesen hatte, war heruntergefallen und sie hob ihn auf. Dabei bemerkte sie, dass der Fluggast neben ihr sie anzüglich anstarrte.
Lena fragte sich, wann diese Reise endlich zu Ende sein würde. Freiwillig wäre sie niemals allein hierher geflogen, doch was tat man nicht alles für die Liebe. Peter, der Mann, mit dem sie nun schon seit zwei Jahren zusammen war, hatte ein Studium mit der Bezeichnung „Science of Water“ absolviert und relativ schnell einen Job gefunden, der interessant war und dazu noch gut bezahlt wurde. Der Nachteil war, dass seine Einsatzgebiete im Grunde allesamt außerhalb Deutschlands lagen. Seit neun Monaten arbeitete er nun schon, zusammen mit anderen Ingenieuren, in Itaipu, dem größten Wasserkraftwerk der Welt. Es lag an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien und versorgte fast ganz Paraguay und ein gutes Viertel von Brasilien mit elektrischem Strom. Lena verstand es ja, dass Peter diese Chance ergriffen hatte, schnell in eine Position aufzusteigen, die er zu Hause nicht bekommen hätte, aber es führte auch dazu, dass sie sich nur sehr selten sehen konnten.
Wie sehr hatte sie sich gefreut, als Peter angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er Flüge für sie gebucht hatte, damit sie ihn in Brasilien besuchen konnte. Ihre Eltern waren strikt dagegen gewesen, als sie ihnen davon erzählt hatte, doch hatten sie Lena nicht aufhalten können.
So war sie nun bereits seit über vierundzwanzig Stunden unterwegs. Erst von Frankfurt aus nach Madrid, von dort nach Buenos Aires in Argentinien und jetzt – zuletzt – mit einer kleinen Propellermaschine der Aerotraffico Argentina nach Foz do Iguaçu, direkt am Parana. Peter wohnte dort in einer Pension, die von seiner Firma gebucht worden war.
Lena blickte aus dem Fenster. Die ganze Zeit über flogen sie über dichtbewaldeten Regenwald. Die Schwüle und Feuchtigkeit der Luft kroch bis in die Passagierkabine des Flugzeugs. Das Atmen war anstrengend und jede Bewegung war schweißtreibend. Sie drehte sich zur Seite und blickte direkt in die Augen ihres Sitznachbarn, der sie anzüglich angrinste. Der Kerl ging ihr auf die Nerven. Ständig starrte er auf ihre nackten Beine und ihre Bluse. Ständig hatte sie das Gefühl, als würde sie dieser Mann mit seinen Augen ausziehen. Sie machte ein abweisendes Gesicht.
Obwohl es so heiß war, wünschte sie sich jetzt, körperbedeckende Kleidung zu tragen. Demonstrativ blickte sie wieder aus dem Fenster. Sie hatte gehört, dass ihre Route direkt über die Fälle des Iguaçu führen würde. Nach allem, was sie bisher darüber gehört hatte, musste es ein überwältigender Anblick sein. Noch immer flogen sie über dichten, grünen Regenwald.
Der Mann neben ihr sprach sie auf spanisch an, doch Lena verstand kein spanisch. Sie schüttelte den Kopf.
Die Stewardess kam vorbei und bot eine Erfrischung an. Lena nahm dankend eine gekühlte Coke entgegen und bedankte sich auf englisch. Der Mann musterte sie wieder.
„Usted es alemán?“, fragte er, überlegte einen Moment und fragte noch einmal: „Du sind deutsch?“
Lena sah ihn verblüfft an.
„Sie sprechen deutsch?“, fragte sie.
Er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Abstand.
„Nur eine kleine Stück“, sagte er, „ich habe studiert etwas in Munich … äh, München. Sie sehr schön, sie wissen?“
Lenas Miene verhärtete sich wieder.
„Ich bin nicht interessiert“, sagte sie abweisend.
„Oh, Sie mich nicht missverstehen“, sagte der Mann und Lena musste unwillkürlich lächeln bei dieser Formulierung. „Nicht oft blonde junge Frau in hier Gegend. Was treiben hier hin?“
„Wenn Sie es genau wissen wollen – ich besuche meinen Freund, der hier beim Kraftwerk in Itaipu arbeitet.“
„Deutscher Freund?“, fragte er.
„Sicher, deutscher Freund“, antwortete Lena.
„Da mir nur fällt ein Peter Sowinski“, sagte der Mann.
„Sie kennen meinen Peter?“, fragte Lena aufgeregt.
„Sicher. Guter Kollege. Wasseringenieur. Hat erzählt, er warten auf Besuch. Muss gestehen, auf dir ich hätte auch gerne gewartet.“
Lena musste schmunzeln. So ein Ekel, wie sie zunächst gedacht hatte, war ihr Nachbar gar nicht.
„Wie heißen Sie?“, fragte sie ihn, „Mein Name ist Lena – Lena Topmöller.“
Der Mann strahlte sie mit breitem Lächeln an und reichte ihr seine Hand.
„Ich sein Carlos Montega, Ingeniero eléctrico aus Sao Paolo. In Augenblick ich wohnen aber in Puerto Iguazú – in selbe Haus, wie Pedro … Peter.“
Ein Schlag schien das Flugzeug zu erschüttern und das Motorengeräusch veränderte sich.
„Was war das?“, fragte Lena erschreckt.
„Kein Ahnung“, sagte Carlos, „vielleicht Luftloch. Wir fliegen über Fälle von Iguaçu.“
Ein weiterer Schlag traf die Maschine und für einen Moment machte sich ein unangenehmes Gefühl des Fallens im Magen breit. Carlos griff unwillkürlich nach Lenas Hand. Sie wollte sie ihm entziehen, doch er hielt sie mit eiserner Kraft fest. Lena blickte in seine Augen und sah, dass Carlos Angst hatte.
„Nicht böse sein“, sagte er, „ich haben schon immer Flugangst.“
„Ist schon gut“, antwortete sie, während Carlos an Lena vorbei nach draußen blickte. „Nein, ist nichts gut.“
Er deutete mit dem Kopf. Lena drehte sich herum und wusste, was er meinte. Der rechte Propeller stotterte und dichter Qualm drang aus dem Gehäuse des Motors.
Die Stewardess lief hektisch durch die Reihen und versuchte, die Fluggäste zu beruhigen. Sie machte dabei selbst keinen sehr zuversichtlichen Eindruck.
„Wir sind in einen Vogelschwarm geraten“, erklärte sie auf englisch, als sie bei Lena angelangt war, „der rechte Motor wird wohl ausfallen, aber der Captain sagt, dass er eine Notlandung in Puerto Iguazú durchführen wird. Machen Sie sich keine Sorgen.“
„Und wenn der andere Motor auch noch ausfällt?“, fragte Carlos ängstlich.
Die Stewardess legte ihm eine Hand auf die Schulter und meinte:
„Ich bin dieses Route schon so oft geflogen, aber es ist das erste Mal, dass wir dabei in einen Vogelschwarm geraten sind. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn ...“
Ein harter Schlag traf die kleine Maschine und ließ die Stewardess fast in den schmalen Gang stürzen. Nur mühsam hielt sie sich auf den Beinen. Hektisch blickte sie aus dem linken Fenster, wobei ihr ein „Madre mia“ herausrutschte.
Das Flugzeug schüttelte sich nun ein einem fort. Beide Motoren waren angeschlagen und der Rechte lief allmählich aus, qualmte aber noch immer stark. Aus dem Cockpit, dessen Tür offen stand, hörten sie den Piloten fluchen und hektisch reden. Vermutlich versuchte er, die Bodenstation des nahe gelegenen Flughafens zu informieren.
Lena und Carlos sahen aus dem Seitenfenster. Sie waren dem grünen Dach der Bäume schon um Einiges näher gekommen. Auch Lena drückte nun fest Carlos Hand und war froh, einen Gleichgesinnten bei sich zu haben. Die Landschaft veränderte sich plötzlich und ein Flusslauf tauchte unter ihnen auf. Der Pilot passte seinen Flug dem Flusslauf an, bei dem es sich nur um den Iguaçu handeln konnte.
„Wir es nicht schaffen bis Puerto Iguazú“, sagte Carlos, „Maschine zu tief.“
Die Stewardess, die kurz im Cockpit gewesen war, stürzte heraus und forderte sie alle auf, die Schwimmwesten überzuziehen, da sie auf dem Iguaçu wassern müssten. Alle mussten sich anschnallen und den Kopf auf die Knie legen.
Carlos begann, leise zu murmeln.
„Was tun Sie da?“, fragte Lena.
„Ich bete“, antwortete Carlos, „Sie sollten auch tun.“
Lena hatte nie viel mit Glauben und Kirche zu tun gehabt, doch vielleicht hatte Carlos ja recht. Angesichts einer nahenden Katastrophe erinnern sich Menschen häufig wieder an Gott und beten zu ihm. Unhörbar formten ihre Lippen die Gebete ihrer Kindheit, von denen sie geglaubt hatte, sie längst vergessen zu haben.
Das Flugzeug glitt inzwischen fast antriebslos knapp über der Wasseroberfläche und setzte dann auf. Der Pilot hatte eine Meisterleistung vollbracht und konnte verhindern, dass sich der Rumpf aufrichtete und dadurch zu zerbrechen drohte. Trotzdem wurden sie alle heftig durchgeschüttelt und zogen sich zahlreiche Prellungen zu. Dann wurde es ruhig. Die Maschine war zum Stillstand gekommen.
„Bitte schnallen Sie sich jetzt ab“, forderte die Stewardess sie auf, „wir werden zunächst warten, ob die Maschine sich mit Wasser füllt. Wenn nicht, können wir hier auf die Hilfe warten, die uns von Puerto Iguaçu zugesagt wurde. Wenn das Flugzeug allerdings versinkt, müssen wir aussteigen.“
„Wo genau sind wir hier eigentlich?“, fragte ein Mann aus den hinteren Reihen.
„Das ist genau das Problem. Wir sind hier schon sehr nah an den Fällen und wenn wir ruhig sind, können wir sie sogar schon hören. Wir haben hier bereits eine beachtliche Strömung. Wenn wir aussteigen, haben wir nur eine Chance – wir müssen die Felsen anpeilen, die hier überall aus dem Wasser ragen, und uns daran irgendwie festhalten, bis Hilfe kommt.“
Bereits nach wenigen Minuten war klar, dass Wasser ins Flugzeug eindrang und ihre Füße standen unter Wasser. Noch etwas später gab der Captain das Kommando zum Aussteigen. Einer nach dem Anderen blies seine Schwimmweste auf und sprang in die Fluten, die zum Glück nicht sehr kalt waren. Trotzdem wurden sie sehr schnell von der Strömung fortgetragen.
Als Lena an der Reihe war, reichte ihr Carlos ein Seilende.
„Hier, binde das um Deinen Körper – so können wir uns nicht verlieren und haben vielleicht bessere Chancen.“
„Wo hast Du das her?“, fragte Lena.
„Ich nicht weiß wieso, aber ich immer schleppe etwas Seil, Draht und Werkzeug mit mir herum in der Tasche“, sagte er, „ist wohl ein Tick von mir.“
Schnell band sie es um ihren Körper und Carlos prüfte den Knoten, den sie machte. Anerkennend nickte er und reckte den Daumen nach oben.
„Ich habe 'mal einen Segelkurs gemacht“, erklärte sie. Dann fassten sie sich an den Händen und sprangen. Das Wasser war zwar nicht warm, aber auch nicht so kalt, dass sie eine Unterkühlung fürchten mussten. Ihr einziger Gegner war die Strömung, die sie unerbittlich in Richtung der Fälle trug. Die Schwimmwesten verhinderten zwar, dass sie untergingen, sie verhinderten aber nicht, dass ihnen ständig Wasser ins Gesicht schwappte und sie das eine oder andere Mal Wasser schlucken mussten.
„Wir brauchen ein Hindernis, an dem wir uns festhalten können!“, brüllte Lena, so laut sie konnte, damit Carlos es verstand.
Einige der anderen Reisenden hatten bereits Glück gehabt und waren vor einen Felsen gespült worden. Manche hockten bereits oben auf einem solchen Felsen und warteten auf Rettung. Nur Lena und Carlos gelang es nicht. Nach kurzer Zeit wurde die Zahl der Felsen geringer und die Strömungsgeschwindigkeit wurde immer größer. Es konnte nicht mehr weit bis zu den Fällen sein. Wenn es ihnen nicht gelang, irgendwo Halt zu finden, würden die Fälle des Iguaçu ihr Ende bedeuten. Aus den Augenwinkeln sahen sie den ersten Hubschrauber über ihnen kreisen. Carlos wedelte mit seinen Armen, so gut er konnte, doch der Hubschrauber flog weiter.
Als sie schon glaubten, es sei um sie geschehen, geschah das Unglaubliche: Sie passierten eine Baumwurzel, die aus dem Wasser ragte und verfingen sich mit ihrem Seil daran. Die Strömung trieb sie hinter dem Baum zusammen, doch das Seil hielt. Das Wasser klatschte hier mit einer Kraft gegen ihre Körper, dass sie Mühe hatten, ihre Köpfe über Wasser zu halten. Nach einer Weile wurde Lena bewusstlos und Carlos arbeitete wie besessen, um sich und Lena das Atmen zu ermöglichen. Als er fast selbst am Ende war, entdeckte er den Schatten eines Hubschraubers über sich. Ein Mann in einem orangenen Overall reichte ihm eine Schlinge und machte ein Zeichen, dass er sie sich überstreifen solle. Es war ein phantastisches Gefühl, als die Winde des Hubschraubers ihn aus den tosenden Fluten herauszog. Carlos hielt Lena mit seinen Armen fest, wie ein Schraubstock. Seine Muskeln schmerzten, doch er biss die Zähne zusammen und hielt durch, bis sie oben angelangt waren.
Lena erwachte während des Fluges nach Puerto Iguazú und blickte in die Augen von Carlos, der ihr eine trockene Decke über den Körper legte, damit sie nicht fror.
„Haben wir es tatsächlich geschafft?“, fragte sie.
Carlos nickte und lächelte.
„Du bist bald bei deinem Peter“, sagte er.
„Ja“, sagte Lena und setzte sich auf. Sie lehnte sich an Carlos.
„Ich habe es Dir zu verdanken, dass ich noch lebe, nicht wahr?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht“, antwortete er, „wir haben Glück gehabt.
„Halt mich fest“, bat sie und Carlos legte seinen Arm um sie.
So saßen sie, bis der Flughafen in Sicht kam und sie zur Landung ansetzten. Nachdem die Rotorblätter zum Stillstand gekommen waren, sprangen sie aus der Maschine heraus und eine Gruppe von Ärzten und Helfern kümmerte sich um sie. In dem Gewimmel wurden Lena und Carlos getrennt und Carlos hielt Ausschau nach der jungen Frau, mit der er dieses unfreiwillige Abenteuer geteilt hatte.
Nach einer Weile entdeckte er sie. Sie befand sich in den Armen eines jungen Mannes, den er sehr gut kannte: Peter Sowinski. Vermutlich hatte er in den Nachrichten mitbekommen, was sich ereignet hatte und war sofort hierher gefahren. Irgendwie versetzte es ihm einen Stich, zu sehen, wie glücklich die Beiden waren – nach allem, was sie zusammen erlebt hatten. Er brachte es nicht über sich, jetzt zu ihnen zu gehen.
Er fragte sich, ob er etwa eifersüchtig war und fand, dass wohl ein ganz kleines Bisschen Eifersucht im Spiel war. Ein Krankenwagen hielt neben ihm. Carlos sah, dass er aus Foz do Iguaçu stammte, der Stadt auf der anderen Seite der Brücke über den Iguaçu.
„Können Sie mich mitnehmen?“, fragte er den Fahrer, „Ich muss auch auf die brasilianische Seite.“
„Springen Sie 'rein, Mann“, sagte der Fahrer. „Mann war das eine Aufregung heute.“
„Ja, das war es“, murmelte Carlos und sah im Vorbeifahren Lena und Peter hinterher.

Lena löste sich aus Peters Armen und sah sich um.
„Ein Mann hat mir geholfen“, sagte sie, „ohne ihn hätte ich den Iguaçu sicher nicht überlebt. Ich weiß gar nicht, wo er geblieben ist. Er sagte, er kennt dich.“
„Er kennt mich?“, fragte Peter, „Kennst du seinen Namen?“
„Carlos Montega heißt er. Er war sehr nett.“
Peter schüttelte den Kopf.
„Carlos hat dich gerettet?“, fragte er ungläubig, „Das ist ein guter Freund von mir. Wir arbeiten zusammen in Itaipu im Kraftwerk. Mensch, das müssen wir zusammen feiern. Ich muss dich unbedingt mit ihm bekannt machen.“
„Ja, das musst du unbedingt machen“, sagte Lena leise und blickte gedankenverloren in Richtung der Brücke über den Fluss, über den soeben ein Krankenwagen in Richtung Foz do Iguaçu rollte. „Ich würde ihn gern näher kennenlernen.“

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