Get Adobe Flash player

Adler wollen fliegen

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

„Ist die Ladung verstaut?“, fragte Pierre, den alle nur den „Träumer“ nannten. Niemand hätte vermutet, dass dieser – immer ein wenig abwesend wirkende- kleine Mann einer der wichtigsten Verbindungsleute zwischen den Drogenkartellen der amerikanischen Ostküste und den Opium-Liefernanten in Ostasien war. Nur die Wenigsten kannten die wahre Identität Pierres, der seine Dienste stets dem Meistbietenden anbot. Die Behörden in Europa und USA hatten schon häufig versucht, ihn zu erwischen, doch Pierre handelte nicht mit Drogen – er handelte vielmehr damit, die Verbindung zwischen Lieferanten und Kunden herzustellen.
„Es ist alles an Bord“, bestätigte Clark.
Pierre bezweifelte, dass Clark sein richtiger Name war, aber sein Kontakt hatte für ihn gebürgt, also ging das schon in Ordnung. Er hatte zum ersten Mal mit Clark zusammengearbeitet und seine sicherlich überzogene Forderung einer Anzahlung war anstandslos bezahlt worden.
Er blickte angestrengt über die Lichtung zum nahen Dschungel hinüber und wischte sich den Schweiß mit einem schmutzigen Tuch ab. Wie oft schon hatte er diese Reise gemacht und immer noch hasste er dieses Klima. Laos im Sommer war einfach die Hölle. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn unruhig werden.
Ihre kleine Transportmaschine stand am Rande einer ausgedehnten Lichtung in der Nähe des Dorfes Houay Ped und hatte mit Sicherheit keine Berechtigung, hier zu stehen. Ganz im Gegenteil. Würden die laotischen Behörden ahnen, dass dieses Flugzeug hier stand, würde der Boden hier für sie ganz schnell sehr heiß werden.


„Allmählich dürften sie aber zurückkommen“, sagte Pierre. „Es wird Zeit, dass unser Vogel hier abhebt.“
„Machen Sie sich nicht ins Hemd“, meinte Clark. „Hao Lun regelt das schon. Worum machen Sie sich eigentlich Sorgen? Um Ihren Anteil oder um Ihren Piloten?“
„Soll ich ehrlich sein? Ich fand es nicht sehr geschickt von Ihrem Unterhändler Hao Lun, wie er mit unseren Lieferanten verhandelt hat. Ich kenne Hmong schon sehr lange und es hat noch länger gedauert, bis er mir vertraute. Ich kann es mir nicht leisten, dieses Vertrauen zu verlieren. Wenn Sie mich fragen, ist Hao Lun ein ungehobelter Klotz.“
„Es fragt Sie aber niemand.“
Pierre starrte wieder in den Dschungel. Es passte ihm garnicht, dass sein Pilot Pete mit diesem Hao Lun gegangen war, um die vereinbarte Summe auszuliefern. Das konnte doch nicht so lange dauern.
Ein leichter Regen setzte ein und verwandelte die Luft in eine regelrechte Waschküche.
Plötzlich hörten sie Schüsse.
Clarks und Pierres Köpfe ruckten herum.
„Was ist da los?“, fragte Pierre.
„Scheiße!“, entfuhr es Clark und spuckte seinen Zigarettenstummel fort. „Der Dreckskerl hat es versaut! Wir müssen sofort die Maschine startklar bekommen.“
„Startklar? Wie stellen Sie sich das vor? Unser Pilot ist auch noch da draußen.“
Es fielen weitere Schüsse und Rufe wurden laut. Die Geräusche kamen näher.
Pierre rannte um das Flugzeug herum und trat die Keile vor den Rädern mit den Füßen weg. Immer wieder sah er hektisch zum Rand des Dschungels hinüber. Wann – verdammt nochmal – kam Pete endlich zurück? Dieser Hao Lun war ihm egal. Wenn er versucht haben sollte, Hmong zu betrügen, musste er mit den Konsequenzen fertig werden, aber er hatte keine Lust, von einer wütenden Gruppe laotischer Opiumbauern erwischt zu werden, nur, weil ein verrückter Kunde es verschuldet hatte.
Endlich sah er Bewegung im Unterholz am Rande der Lichtung. Zwei Gestalten brachen daraus hervor und rannten, wie der Teufel, auf das Flugzeug zu. Es waren Pete und Hao Lun.
Pierre und Clark kletterten schnell ins Innere und blickten gebannt durch die Fenster nach draußen.
Pete gestikulierte wild und brüllte irgendetwas, das sie leider nicht verstehen konnten. Dann brachen auch einige Asiaten durch das Unterholz und schossen aus Maschinenpistolen auf die Flüchtenden. Hao Lun stürzte zu Boden und hatte sich offenbar verletzt. Er versuchte, aufzustehen, doch es gelang ihm nicht. Einer der Verfolger trat an ihn heran und streckte ihn mit einem Schuss nieder.
Pete rannte unterdessen weiter. Pierre konnte die Angst in seinem Gesicht erkennen. Er spürte, dass auch seine eigenen Hände vor Angst schweißnass wurden.
Dann wurde auch Pete getroffen. Er warf beide Arme hoch und fiel wie ein gefällter Baum zu Boden. Einer der Verfolger ging auf Nummer sicher und schoss noch ein weiteres Mal auf den am Boden Liegenden.
Pierre spürte einen Kloß in seinem Hals. Er wollte nicht so enden.
Plötzlich hörte er ein Klicken. Er wandte sich um und blickte in den Lauf einer automatischen Pistole, die Clark in der Hand hielt.
„Bringen Sie uns hier heraus!“, brüllte er ihn an. „Sofort!“
„Sind Sie wahnsinnig? Ich bin kein Pilot! Unser Pilot liegt da draußen und ist tot.“
„Ich werde jetzt nicht anfangen zu diskutieren! Sie setzen sich sofort dort vorn hin und bringen uns hier weg. Dafür habe ich Sie bezahlt.“
„Ich kann diese Maschine nicht fliegen! Sie haben mich für die Vermittlung des Kontakts bezahlt und nicht dafür, dass ich Sie fliege.“
„Verdammt, machen Sie endlich, bevor ich die Geduld verliere! Wir haben über zwei Tonnen Rohopium an Bord. Glauben Sie, das würde ich diesen Wilden überlassen? Fliegen Sie endlich, oder ich mache Sie kalt!“
Pierre sah den irren Glanz in Clarks Augen und versuchte, sich zu erinnern, was Pete immer getan hatte, wenn er den Vogel gestartet hatte.
Mit schnellem Blick stellte er fest, dass die Leute von Hmong nicht mehr weit entfernt waren. Er griff nach dem Schalter für die Zündung und drückte sie. Ein Klicken ertönte – mehr tat sich nicht. Pierre ließ seinen Blick gehetzt über die Armaturen schweifen. Irgendwas war doch noch … Benzinleitung! Er musste die Benzinleitung freigeben. Schnell legte er die Hebel für die beiden Motoren um und wiederholte den Zündvorgang. Donnernd erwachten die Motoren zum Leben und die Propeller begannen, sich zu drehen. Normalerweise ließ Pete die Motoren immer einen Moment warmlaufen, aber diese Zeit hatten sie nicht. Pierre fand den Gashebel und drückte ihn nach vorn. Das Donnern der Motoren wurde zu einem Orkan. Vermutlich war es viel zu viel Gas, aber das war ihm egal. Langsam neigte sich die Nase der Maschine etwas nach unten und er löste die Bremsen der Maschine, die einen regelrechten Satz nach vorn machte.
Die Verfolger begannen zu gestikulieren und schossen nun auf das Flugzeug. Ein paar Aufprallgeräusche machten deutlich, dass ein paar Treffer in den Rumpf eingedrungen waren. Panisch überflog Pierre die Uhren des Cockpits.
„Verdammt“, dachte er, „wenn ich nur wüsste, was dieses ganze Zeug bedeutet.“
„Wann sind Sie endlich soweit?“, fragte Clark und fuchtelte mit seiner Waffe vor seiner Nase.
„Sie können mich … Sie Arschloch!“, entgegnete Pierre und hatte alle Hände voll zu tun, das Flugzeug grade zu halten. Sie wurden immer schneller.
Wann war der richtige Moment, das Steuer heranzuziehen? Es half nichts, er musste es einfach versuchen. Einen zweiten Versuch würde es nicht geben.
Langsam zog er das Steuer heran und betete, dass sich das Flugzeug vom Boden lösen würde. Er kicherte, als er daran dachte, wie absurd es war, dass ein Krimineller, wie er, in so einer Situation zu Gott betete.
„Was gibt es zu Kichern?“, fuhr Clark ihn an und hielt ihm die Waffe an den Kopf.
„Schieß doch, du Blödmann!“, brüllte Pierre, „Dann sind wir beide im Arsch!“
Clark nahm die Waffe weg. „Darüber reden wir noch!“
Ganz allmählich hob sich die Nase des Flugzeugs und es hob vom Boden ab. Jetzt kam es darauf an, schnell genug an Höhe zu gewinnen, um nicht in den Baumkronen der Urwaldriesen zu landen. Pierre hatte das Gefühl, dass sie nicht schnell genug stiegen. Vollkommen verkrampft hielt er das Steuer und biss die Zähne zusammen. Der Dschungel kam immer näher.
„Sind denn die Start- und Landeklappen draußen?“, fragte Clark.
Pierre deutete mit dem Kinn auf die Instrumente.
„Wenn du mir zeigen kannst, wie man den Scheiß bedient, mache ich das sofort. Verdammt! Ich bin kein Pilot – ich sitze hier nur, weil du diese Waffe in der Hand hast.“
Inzwischen hatten sie die grüne Wand des Dschungels erreicht. Ihre Höhe reichte zunächst aus und sie verfingen sich nicht in den Baumkronen.
Pierre entspannte sich etwas. Sie würden also zumindest nicht im Kugelhagel der Laoten sterben, doch wie sollte es weitergehen? Er hatte das Flugzeug in die Luft gebracht, doch wie und wo sollte er es wieder landen? Er hatte ja noch nicht einmal eine Ahnung, wohin er sich wenden sollte.
„Na bitte“, sagte Clark, „das war doch garnicht so schlecht. Sie brauchten einfach nur ein wenig richtige Motivation.“
Pierre spürte, wie ihm das Adrenalin wieder in die Adern fuhr. Dieser arrogante Kerl brachte ihn zur Weißglut. Er suchte die Instrumente nach einem bestimmten Knopf ab und fand ihn schließlich: den Knopf für den Autopiloten. Er drückte ihn und sah zu Clark hinüber, der sich soeben genüsslich einen Zigarillo anzündete. Pierre sah nur noch rot. Mit einem Satz sprang er von seinem Sitz auf und überwand die Strecke bis zu Clark in einem Atemzug. Mit beiden Fäusten stürzte er sich auf den Anderen, der im ersten Moment vollkommen verblüfft war, dann jedoch zum Gegenangriff überging. Sie prügelten massiv aufeinander ein, wobei Clark bemüht war, seine Waffe zu greifen, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Schließlich hatte er die Waffe in der Hand und Pierre versuchte, sie ihm zu entwinden. Ein Schuss löste sich und schlug irgendwo im Cockpit ein. Pierre schlug mit der Faust in Clarks Gesicht und er erschlaffte.
Pierre nahm die Waffe an sich und saß keuchend, aus mehreren Wunden blutend neben Clark auf dem Boden. Allmählich ließ die Wirkung des Adrenalins nach und er bemerkte, dass eine Warnlampe auf dem Armaturenbrett blinkte.
Er raffte sich auf und setzte sich wieder auf den Pilotensitz. Der Autopilot war nicht mehr in Betrieb. Der Schuss war irgendwo mitten in den Instrumenten eingeschlagen und musste etwas Lebenswichtiges getroffen haben. Er blickte auf den Höhenmesser und sah, dass sie an Höhe verloren. Vorsichtig zog er am Steuer, doch die Maschine reagierte nicht darauf. Pierre warf einen Blick auf den grünen Teppich unter der Maschine und es wurde ihm klar, dass dieser Ausflug nach Laos kein gutes Ende nehmen würde. Er verstand es zwar selbst nicht, doch wurde er mit einem Mal vollkommen ruhig.
Was hatte er im Leben eigentlich geleistet? Er hatte keine Familie, keine Kinder. Er hatte eine Menge Geld damit verdient, indem er die Versorgung der Ostküste mit Drogen organisiert hatte. Was war das Geld jetzt noch Wert? „Adler wollen fliegen“ hatte er immer gesagt, wenn ihn jemand gefragt hatte, wozu er immer noch mehr Geld brauchte.
Pierre lachte, als ihm das durch den Kopf ging. Er hatte seine Wahl getroffen, als er beschloss diesen Job zu machen. Jetzt war Zahltag und er hatte die Zeche zu bezahlen.
Der Dschungel kam immer näher. Nur noch wenige Fuß trennten die Maschine vom Blätterdach der Bäume. Dann peitschten die ersten Zweige gegen die Kabine und die Motoren begannen zu stottern.
„Der Adler ist gelandet“, sagte er laut. Dann ging ein harter Schlag durch die Maschine und Pierre wurde aus seinem Sitz geschleudert. Ein stechender Schmerz ging durch seinen Körper, als er gegen die Armaturen prallte. Er sah noch, wie der rechte Motor Feuer fing – dann wurde es dunkel um ihn.

Textgröße wählen

Meine Bücher

Iloo_BoD_Cover_front_amazon.jpg
Diese Website verwendet Session-Cookies. Sie enthalten keine Daten, die Rückschlüsse auf die Besucher unserer Website zulassen und werden nach Verlassen der Seite gelöscht.
Zu den Datenschutzbestimmungen Ich habe den Cookie-Hinweis gelesen. Ablehnen