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Betrogen

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Wütend warf ich die Zeitschrift, in der ich geblättert hatte, ohne sie zu lesen, auf den Fußboden. Ich war stinksauer. Es war auch mein gutes Recht, sauer zu sein.
Zum gefühlten tausendsten Mal griff ich nach dem kleinen Notizbuch, welches ich heute morgen unter einem Stapel Zeitungen auf meiner Couch gefunden hatte. Ich hatte mir nichts dabei gedacht und hatte es aufgeschlagen. Erst jetzt wurde mir klar, dass es sich dabei um Carolas Terminkalender handelte.
Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht wirklich ein neugieriger Mensch bin. Ich habe auch nur ganz ohne Grund darin herumgeblättert.
Verdammt! Was bin ich doch für ein Idiot gewesen! Rene! Carsten! - Mein Name ist aber Bernd!
Carola du verdammtes Aas, wie konntet du mich nur so hintergehen? Nur gut, dass du diesen Kalender bei mir vergessen hast! Drei Jahre waren wir zusammen gewesen. Drei Jahre, in denen ich geglaubt hatte, es könnte etwas aus uns werden - und nun DAS! Ich hatte sie geliebt, war sogar sicher gewesen, dass auch sie mich lieben würde. So sehr kann man sich irren. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass Carola ein doppeltes Spiel mit mir treiben würde. Doppeltes? Ha! Passender wäre wohl eher ein 'dreifaches' Spiel.


Ich starrte wieder auf die verräterischen Einträge: Rene 16:30 Uhr, Carsten 18:00 Uhr.
Ich hatte noch nie von diesen beiden Kerlen gehört. Wie konnte sie sie nur so lange vor mir verheimlichen?
Ich fühlte mich unglaublich mies und ging ins Bad, um mir etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten.
Als ich mich wieder erhob, sah ich mein Gesicht im darüber hängenden Spiegel. Einen Augenblick starrte ich mein Gesicht im Spiegel an.
"Du naiver, blöder Idiot!", brüllte ich mich an und erschrak über mich selbst.
Aber ich hatte doch Recht! Meine Wut steigerte sich noch mehr. Ich musste irgendetwas unternehmen.
Im Geiste sah ich mich bereits als Ritter in schimmernder Rüstung, der nach Rache dürstend diese kleine Verräterin, oder besser 'Betrügerin', mit diesen Namen konfrontiert, um genussvoll zu erleben, wie sie unter meinen Anklagen zusammenbrach. Dieses Bild gefiel mir.
Sie würde erschreckt ihre Augen aufreißen und sich fragen, was sie wohl falsch gemacht hatte und wie ich davon erfahren konnte. Ich würde sie zappeln lassen und mich, in meiner ganzen Unschuld und Redlichkeit, daran weiden.
Wieder blickte ich auf diese beiden Einträge im Terminkalender.
"Warum?", fragte ich laut in den Raum hinein, "Warum hast du mir das angetan?"
Ich feuerte den Kalender mit voller Kraft ins Wohnzimmer und traf eine Vase, die mitten auf dem Tisch gestanden hatte. Sie fiel um und stürzte zu Boden. Die Blumen darin verteilten sich auf dem Teppich.
Carolas Blumen! Ich hatte sie für sie gekauft. Mit zwei Schritten war ich da und trampelte mit den Füßen darauf herum.
Ich fühlte mich noch immer nicht besser.
Vielleicht sollte ich alle ihre Sachen aus meinen Schränken suchen und sie aus dem Fenster in den Hof werfen.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer kam ich am Spiegel in der Diele vorbei und sah mich erneut an. Mein Gesicht war vor Wut verzerrt. Ich schlug mit der Faust gegen die Wand. Das tat verdammt weh und ich hielt mir die Hand.
"Schau nicht so blöd, du Idiot!", beschimpfte ich mein Bild im Spiegel und lief weiter zum Schlafzimmer. Ich hatte ja noch eine Mission ...
Es klingelte an der Tür.
Ich erschrak und blieb mitten in der Bewegung stehen. Mühsam brachte ich mich selbst wieder unter Kontrolle und ging vorsichtig zur Tür. Wer konnte es sein? Ich erwartete Niemanden.
Ich blickte durch den Türspion und erblickte ... Carola. Sie stand vor meiner Tür, als wenn nichts geschehen wäre. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufrichteten.
Zwar hatte ich einige Pläne gemacht, wie ich nun vorgehen wollte, doch das für mich viel zu frühe Erscheinen Carolas brachte mich etwas aus meinem Konzept.
"Bernd, ich bin's!", erklang ihre Stimme von draußen, "Mach' auf, ich habe den Schlüssel vergessen!"
Ich atmete ein paar Mal heftig durch und öffnete dann.
Sie lächelte mich an und trat ein. Ein kurzer Kuss und sie war an mir vorbei. Ich schaute nur verduzt hinterher.
Kein Anzeichen von Verlegenheit oder Betretenheit. Für sie schien die Welt noch immer in Ordnung zu sein.
Carola zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Ihre Haare waren anders, bemerkte ich, als ich sie genauer ansah. Widerwillig musste ich eingestehen, dass es ihr hervorragend stand. Nein, ich lasse mich jetzt nicht von ihr einwickeln - nicht nach Rene und Carsten! Ich wollte gerade anfangen, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren, als sie mir ein großes, flaches Päckchen, das sie aus einem Beutel holte, in die Hand drückte.
Völlig überrascht hielt ich es in den Händen und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.
"Was ist?", fragte Carola, "Willst du es nicht aufmachen?"
"Ich weiß nicht. Was ist es denn?"
Carola lachte. Sie hatte ein warmes, ansteckendes Lachen. Ich mochte es, wenn sie lachte.
"Mach' es auf, dann weißt du es."
Zögernd begann ich, das Papier aufzureißen und den Inhalt freizulegen. Es war ein Bilderrahmen und darin steckte ein Foto von Carola. Es musste ein ganz neues Bild sein, denn ich kannte es nicht. Es zeigte sie mit der Frisur, mit der sie gerade bei mir erschienen war. Sie lächelte mich auf dem Foto liebevoll an. Es war das Foto eines Engels.
Ich sah Carola an und wusste nicht, was ich sagen sollte.
"Warum ... was ... ich verstehe nicht", war alles, was ich herausbringen konnte.
Carola warf sich in meine Arme und gab mir einen Kuss zwischen Zärtlichkeit und Leidenschaft. Als wir uns wieder getrennt hatten, sagte sie:
"Alles Gute zum dritten Jahrestag, mein Schatz", sagte sie leise, "wir sind heute genau drei Jahre zusammen. Hast du es etwa vergessen?"
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Unser Jahrestag! Ich hatte ihn tatsächlich vergessen. Es war mir so peinlich - ich hätte im Boden versinken können.
"Deine neue Frisur steht dir wirklich gut", sagte ich, "zu welchem Friseur gehst du eigentlich?"
"Seit wann interessiert dich mein Friseur?", fragte sie amüsiert zurück, "Aber, wenn es dir weiter hilft: mein Friseur heißt Rene. Ich war froh, dass ich bei ihm noch so kurzfristig einen Termin bekommen konnte, denn ich wollte mich nicht vorher fotografieren lassen. Carsten, ein Freund meines Bruders, ist Fotograf und arbeitet in einem Studio. Fast wäre das Foto nicht pünktlich fertig geworden. Gefällt es dir nicht?"
"Nein, es ist perfekt. Danke Liebling, aber ich muss leider zugeben, dass ich den Tag wirklich vergessen hatte. Wie kann ich das nur wieder gut machen?"
Sie lächelte verschmitzt.
"Ich hätte da schon Ideen", sagte sie.
Dann erblickte sie die ruinierten Blumen auf dem Boden.
"Was ist denn hier geschehen?", wollte sie wissen.
"Das ist eine lange Geschichte ...", sagte ich verlegen und nahm sie in den Arm.
Meine ganze Aufregung hatte sich als ein Sturm im Wasserglas herausgestellt. Ich musste gestehen, dass mir das sehr, sehr Recht war.

 

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