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Kurzgeschichten

Projekt Katalyse

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Undrop war verärgert, als ihn sein Stellvertreter von seiner Lieblingstätigkeit ablenkte – einer Tiefenmeditation – ständig nach innerer Vervollkommnung strebend. Eigentlich war er der Statthalter der Kemaphen auf dem Planeten Lyriss III, der von seinen primitiven Bewohnern Erde genannt wurde. Somit war Undrop der Befehlshaber der Besatzungstruppen auf Lyriss III und nur unmittelbar der Königin selbst gegenüber verantwortlich.
"Was ist denn, Konatmon?“, fuhr er seinen Stellvertreter an. „Du weißt, dass ich es nicht schätze, in meiner Meditation gestört zu werden!“
„Verzeiht, aber ich denke, Ihre Aufmerksamkeit sollte sich auf die Aktivitäten der Erdlinge richten.“
Undrop war verblüfft. Seit über hundert Planetenumläufen schon befanden sich die Truppen der Kemaphen hier auf diesem Planeten und während der letzten Generationen von Erdlingen hatte es noch nie ein Problem mit ihnen gegeben. Aus den Geschichtsdokumenten wusste er, dass es in den ersten Jahren sogar zu erbitterten Kämpfen gekommen war, doch dann war der Widerstand der Erdlinge zusammengebrochen und die Herrschaft der Kemaphen hatte begonnen.
„Was an den Aktivitäten der Erdlinge kann so wichtig sein, dass ich mich damit befassen müsste?“, fragte er. „Erfüllen sie ihre Quoten nicht oder weigern sie sich etwa, für uns zu arbeiten?“
Der Gedanke allein daran, dass ein Erdling sich weigern könnte, die Anweisung eines Kemaphen zu missachten, erheiterte ihn so sehr, dass seine fleischigen Schultern unkontrolliert zuckten.
„Das ist es gewiss nicht“, sagte Konatmon. „Sie erfüllen ihr Soll, liefern pünktlich. Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung.“
„Was willst du dann überhaupt?“, fragte Undrop verständnislos. „Diese Erdlinge, diese Menschen – wie sie sich selbst nennen – wissen doch überhaupt nicht mehr, wie es war, als wir nicht über sie herrschten. Sie sind ein langweiliges Hilfsvolk und wenn ich ehrlich bin: Ich hätte sie – ginge es nach mir – längst ausgemerzt und den Planeten besiedelt.“

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Mutprobe

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Heute würde mein großer Tag sein. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht selbst wollte. Ganz im Gegenteil. Im Grunde meines Herzens sehnte ich mich sogar danach. Trotzdem hielt mich die Angst fest im Griff. Wie oft schon hatte es einen großen Tag für mich gegeben und ich hatte gekniffen – hatte mich verweigert und war ein Opfer meiner Angst gewesen.
Ich blickte zu meinem Bruder hinüber. Er sah mich von der Seite her an und ich hatte das Gefühl, als könnte ich verhaltenen Spott in seinen Augen erkennen. Dabei hatte er selbst Angst, verstand es aber besser, sie den Eltern nicht zu zeigen.
Heute jedoch würde es keine Ausflüchte mehr geben. Diesmal würden die Eltern es mir nicht mehr durchgehen lassen. Die Eltern … Sie waren noch unterwegs, um sich um das Mittagessen zu kümmern. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben. Die Sonne stand hoch am Himmel. Ich rechnete damit, dass sie bald zurückkehren würden.
Einerseits freute ich mich darauf, andererseits bedeutete es aber auch, dass ich … Nein, ich wollte nicht daran denken.
Wieder sah ich zu meinem Bruder hinüber. Es war tatsächlich Spott in seinen Augen. Eigentlich hätte ich ihn dafür zurechtweisen müssen, doch mir war nicht danach. Ich wusste, dass er mir auch dies wieder als Schwäche auslegen würde, doch das war mir im Augenblick egal.

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Hintos Entscheidung

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Das Autoradio dröhnte und die Seitenscheibe seines Freelanders war heruntergefahren. Der Fahrtwind brachte nur wenig Kühlung, doch es war alles, was er an Erfrischung bekommen konnte, denn die Klimaanlage seines alten Geländewagens war schon lange nicht mehr in Ordnung. Hinto Hawks war das egal. Für ihn war ein Auto nur ein Arbeitsgerät, und solange es fuhr, sah er keinen Grund, sich nach etwas Neuem umzusehen. Die Interstate 93 war um diese Zeit wie ausgestorben. Die Pendler von Boulder City und Kingman waren erst viel später unterwegs, aber das interessierte Hinto nicht.
Unvermittelt tauchte der Staudamm vor ihm auf. Hier lag sein Ziel, denn der Damm war sein Job. Er bog auf die Hoover-Dam-Access-Road ab, wo sich die Basis seiner Abteilung befand. Hinto stellte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Dienstgebäude ab und stieg aus. Die Hitze schien noch zuzunehmen. Fluchend spuckte er sein Kaugummi aus und machte sich auf den Weg ins Gebäude. An der Eingangstür traf er auf Grover Lincoln, seinen Kollegen von der Frühschicht.
»Na Hinto, alte Rothaut«, begrüßte er ihn. »Wird auch Zeit, dass du endlich auftauchst. Rose wartet mit dem Essen auf mich.«
Hintos Gesichtsausdruck wurde abweisend. »Werd nicht frech, Nigger. Rose wird's schon überleben, deinen schwarzen Arsch erst ein paar Minuten später zu sehen.«
Wer die beiden nicht kannte, würde vermuten, dass sie sich nicht leiden konnten, doch in Wahrheit waren sie befreundet und verbrachten ihre freien Wochenenden oft gemeinsam mit ihren Familien. Grovers Frau Rose und Eyota, Hintos Frau, waren befreundet, und auch die Kinder verstanden sich.
»Was ist Samstag?«, fragte Grover lachend. »Barbecue bei uns? Mein Schwager kommt deswegen aus Kingman rüber. Geh mal davon aus, dass wir deine ganze rote Brut satt bekommen. Was sagst du?«
»Weiß noch nicht. Eyotas Vater geht es nicht gut. Wir werden wohl zum Reservat hinüberfahren.«
»Bis ins Navajo-Reservat? Mein Gott, da bleib ich lieber schön zu Haus am Grill. Ihr könnt es euch ja noch überlegen.«
Hinto zuckte mit den Schultern. »War etwas Besonderes in deiner Schicht?«

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Josie

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Der Blick aus dem Fenster war noch immer genauso trostlos wie vor einer Stunde, als ich hinausgesehen hatte. Der Himmel war einfach nur bleigrau und der Nebel in den Straßen hatte sich noch mehr verdichtet. Ich konnte kaum mehr die gegenüberliegende Straßenseite erkennen, geschweige denn die Menschen. Ich stutzte. Menschen? Ich sah auf meine Armbanduhr. Um diese Zeit hätte eigentlich das geschäftige Treiben des Feierabendverkehrs die Straßen füllen sollen. Stattdessen war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt jemanden gesehen hatte. Ich starrte noch einmal konzentriert in die grauen Nebelschleier hinein, doch ich war mir nicht sicher. Meine Wohnung lag im vierten Stock und der Nebel wurde immer schlimmer.

 Ich zog meine Gardine wieder vor das Fenster und wandte mich ab. Ich fragte mich, wann ich eigentlich zuletzt die Sonne gesehen hatte. Ich konnte mich nicht erinnern. Überhaupt überkam mich in den vergangenen Tagen stets dieses eigenartige Gefühl, das ich nicht so recht fassen konnte. Immer, wenn ich glaubte, es greifen zu können, löste es sich wieder auf - fast wie die Nebel draußen in den Straßen die Welt auszublenden schienen.
 Ich wusste ja, dass es absoluter Blödsinn war, doch schloss dieses Gefühl die Ahnung mit ein, dass diese Wohnung, in der ich lebte, mir im Grunde fremd war, obwohl ich sicher war, dass die Einrichtung meine eigene sein musste. Ich blickte mich um. Da war die braune, abgwetzte und etwas speckige Ledercouch, der gemütliche Ohrensessel und der langflorige Wollteppich unter dem niedrigen Glascouchtisch. Ich betrachtete die Bilder an den Wänden. Sie zeigten Fotos, die ich im Urlaub geschossen hatte. Allerdings wollte mir nicht mehr einfallen, wo genau es gewesen war. Es wirkte alles vollkommen normal. Das hier war meine Wohnung. Warum also erschien sie mir so fremd?

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Heimkehr

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Ich hatte die Nase voll. Inzwischen hielt der Computer höchstens noch ein paar Tage durch, bevor ich mich wieder um ihn kümmern musste. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Jedes Mal, wenn der Computer wieder verrückt spielte, wirkte sich das auf die Temperaturkontrolle der Umwälzanlage aus. Diesmal war es besonders schlimm – die Temperatur hatte fast 300 C erreicht.
Mürrisch startete ich den Computer neu und betrachtete desinteressiert die Anzeigen auf dem Bildschirm. Es war nichts zu entdecken. Wie es schien, würde diesmal ein einfacher Neustart die Probleme lösen. So wie die Systeme nach und nach wieder online waren, hatte ich auch wieder Zugriff auf die Steuerung der Umweltparameter. Ich regelte die Temperatur wieder auf angenehme 200 C und blieb in meinem Sessel sitzen, bis es wieder angenehmer wurde. Ich hatte schließlich auch nichts Besseres zu tun.
Einige Zeit später blickte ich mich um. Die Zentrale glich einer Müllhalde. Es war mir gleich. Was spielte es jetzt noch für eine Rolle? Mit welchem Enthusiasmus waren wir vor ein paar Jahren gestartet. Nachdem man mit Hilfe der großen Radioteleskope Signale aufgefangen hatte, die man nur als Antwort auf die zahllosen Sendungen verstehen konnte, die man von der Erde in alle Richtungen abgestrahlt hatte, wo man sicher war, dass dort ein Planetensystem existieren musste. Trotz intensivster Bemühungen gelang es zwar nicht, den Inhalt der Sendungen zu entschlüsseln, doch stand fest, dass sie nur von intelligentem Leben erzeugt worden sein konnten. Ein internationales Konsortium setzte schließlich durch, dass eine Expedition ausgestattet wurde, um nachzuschauen, wer der Menschheit eine Antwort auf ihre Sendungen geschickt hatte. Als Quelle der Sendungen, die selbst jetzt noch festzustellen waren, hatte man den Stern Proxima Centauri identifiziert, den uns am nächsten gelegenen Stern. Irgendwer war dort draußen und wollte Kontakt zu uns aufnehmen. Trotzdem war es eine schwierige Mission, denn zwischen der Erde und dem Ziel lagen über vier Lichtjahre. Wer war bereit, Jahre seines Lebens zu opfern, nur um außerirdische Lebensformen zu treffen, deren Beschaffenheit nicht einmal bekannt war?

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