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Kurzgeschichten

Firmware

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"Und was ist so Besonderes daran?", fragte ich Remo und betrachtete den kleinen MP3-Player, den er mir in die Hand gedrückt hatte.
Remo setzte ein Lächeln auf, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Auch, wenn ich bekannt dafür bin, dass ich gern etwas übertreibe, kann ich mit Recht sagen, dass es dämonisch wirkte. Ich hatte mich immer schon gefragt, was Remo eigentlich für ein Name war. Der Junge hatte ungefähr mein Alter und war irgendwann während des laufenden Schuljahres in meine Klasse gekommen. Es hieß, er habe auf einer anderen Schule Probleme gehabt und schnell verbreiteten sich Gerüchte, dass etwas mit ihm nicht stimmen würde.
Wie auch immer: Der Platz neben mir war frei und so setzte sich Remo neben mich. Ich kann nicht sagen, dass wir Freunde wurden, doch da er fast denselben Heimweg hatte, verbrachten wir einige Zeit miteinander.
"Das Gerät ist nichts Besonderes", sagte er. "Es ist ein ganz normaler iPod. Aber ich habe im Internet auf irgendeiner Seite ein Firmware-Update gesaugt und es auf den iPod gezogen."
"Er läuft aber noch, oder?", fragte ich.
"Das kann man wohl sagen", meinte er mit einer sehr gewichtigen Betonung. "Am Besten funktioniert es mit den alten Sachen von Tangerine Dream. Ich habe mal die CD-Version von Phaedra draufgezogen. Hör es dir doch mal an – aber sei vorsichtig."

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Familienbaum

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Die Feuer waren heruntergebrannt und die meisten der Feiernden hatten sich bereits auf den Heimweg gemacht. Waron blickte in die schwindende Glut und dachte nach.
»Woran denkst du?«, fragte Teneron, sein Vater.
»Es ist nichts.«
Teneron lächelte. »Ich kenne dich, mein Sohn. Du machst dir Gedanken um das, was jetzt kommt, nicht wahr?«
Waron wandte sich ihm heftig zu. »Lass mich einfach in Ruhe, Vater! Ich weiß selbst, dass ich jetzt zu den Erwachsenen zähle. Das Großjahrfest ist vorbei und die Feuer erlöschen. Ich weiß genau, was nun kommen muss.«
Teneron legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. »Junge, ich will dir doch nichts, aber es ist der Lauf der Dinge. Ich musste es tun und vor mir mein Vater. Die Tradition ist uralt, aber wenn wir unsere Traditionen nicht mehr achten, werden wir eines Tages verschwunden sein.«
»Das ist doch alles nur Gerede! Ich bin hier aufgewachsen. Dieser Baum ist meine Heimat. Er gab mir Wohnung, ernährte mich durch seine Früchte und bot mit Schutz vor Raubtieren durch seine Stärke und Höhe. Das alles soll ich verlassen - wegen einer Tradition?«
»Eines Tages wirst du es verstehen. Du musst dir jetzt einen eigenen Baum suchen, der einst das Heim deiner Familie wird. Die Tradition bestimmt lediglich den Zeitpunkt, da deine Suche zu beginnen hat: Die Nacht nach dem Großjahrfest.«
Waron blickte seinen Vater prüfend an. »Es ist dir absolut ernst damit, oder?«

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Ein Tag wie jeder Andere

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Ein Tag wie jeder Andere

Sascha Leyden hatte sich schon den ganzen gestrigen Tag nicht wohl gefühlt. Vermutlich hatte er sich einen grippalen Infekt zugezogen, wie er im Augenblick grassierte. Gerade jetzt, wo es innerhalb seiner Firma wieder einmal betriebsbedingte Kündigungen gab, passte es Sascha ganz und gar nicht, möglicherweise das Bett hüten zu müssen. Er hatte lange genug gekämpft, um eine feste Anstellung bei der Axxium-Versicherungsgesellschaft zu bekommen. Seine Freundin Conny hatte noch nicht so viel Glück gehabt – sie hielt sich durch eine Kombination von kurzfristigen Teilzeitjobs über Wasser.
Sascha sah auf seinen Computermonitor und musste sich anstrengen, dort etwas zu erkennen. Im Laufe des Tages hatte er bohrende Kopfschmerzen bekommen, die er auch mit Hilfe eines Schmerzmittels nicht in den Griff bekommen hatte. Verzweifelt blickte er auf die zahlreichen Unterlagen auf seinem Schreibtisch, die er noch bearbeiten musste. Er fragte sich, wie er das heute schaffen sollte – oder morgen, wenn die Grippe noch schlimmer werden sollte. Sascha wusste genau, dass man zwar eigentlich nicht entlassen werden konnte, wenn man krank war, doch die Praxis sah anders aus. In diesen Zeiten fand der Arbeitgeber immer eine Möglichkeit, einen Arbeitnehmer loszuwerden, der keine Effektivität versprach. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass bereits zwei bis drei Tage Krankheit ausreichen konnten, seinen Job in Frage zu stellen.

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Extraktion

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»Und Sie sind sich absolut sicher, dass Ihre Technologie den Durchbruch in der Versorgung der Welt mit billiger Energie bringen wird?«
Dr. Grisham vom molekularphysikalischen Institut in Cambridge wischte sich den Schweiß mit seinem Taschentuch von der Stirn. Er nickte langsam, ohne von seinen Instrumenten aufzusehen. »Es wird den ganzen Globus revolutionieren. Glauben Sie mir.«
Ich hatte noch immer meine Zweifel. Als man mir aus Canberra die Anweisung gab, dem britischen Forscher und seinem Team jede Unterstützung zu geben, die er benötigte, wusste ich nicht einmal, worum es eigentlich ging. Es hatte mit Energie zu tun, soweit war es klar. Aber ich konnte mir noch immer nicht vorstellen, wie er mit seinen lächerlichen Instrumenten Energie erzeugen wollte - geschweige denn, billige Energie.
»Könnten Sie mir noch einmal erläutern, was und hier eigentlich erwartet?« Hoffnungsvoll sah ich Grisham an, dem anzusehen war, wie sehr es ihn nervte, ständig von einem technischen Laien wie mir zu seinem Spezialgebiet befragt zu werden.
»Sie müssen ja nicht ins Detail gehen. Mich würde nur interessieren, wieso Sie ihre Versuche hier, bei uns in Südaustralien, durchführen müssen. Was gibt es hier so Besonderes? Lake Frome ist nicht einmal besonders eindrucksvoll. In wenigen Wochen wird er sicher sogar ausgetrocknet sein.«
Grisham faltete umständlich sein Tuch zusammen und stopfte es sich in die Hosentasche. »Gibson, Sie können wirklich eine Nervensäge sein. Haben Sie noch nicht mitbekommen, dass Energie auf unserem Planeten immer teurer - und irgendwann auch immer seltener - wird? Unsere fossilen Ressourcen sind am Ende. Wir haben es nur noch nicht mitbekommen. Damit meine ich die breite Masse. In unseren Kreisen ist das seit Langem bekannt und immer wieder haben wir gewarnt und gemahnt, dass wir alternative Energien dringend brauchen.«

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Dieb, auf nimmer und ewig

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Al setzte sich auf die Parkbank und streckte die Beine weit von sich. Er musste sich einfach etwas Ruhe gönnen, nach diesem hektischen Morgen. Eigentlich hieß er Alexander Makowiak, doch er hasste diesen Namen. Man kannte ihn überall in der Szene nur als Al. Einen ordentlichen Beruf hatte er zwar gelernt, doch als Einzelhandelskaufmann verdiente man nicht sonderlich viel. Er hatte sich anders orientiert. Sein größter Aktivposten war die Geschicklichkeit seiner Finger. Al lebte von Taschendiebstählen, und wenn es sich ergab, auch von diversen Ladendiebstählen. Er kam gut zurecht und lebte eigentlich nicht schlecht.
Er blickte sich um und als er erkannte, dass niemand in der Nähe war, holte er die Beute des Morgens hervor und checkte sie durch.
Es war einfach lächerlich, wie manche Leute ihre Brieftaschen trugen. Es war fast eine Beleidigung für einen filigranen Künstler wie ihn. Ohne großes Interesse öffnete er die erste Brieftasche und sah sie mit Kennerblick durch. Zwei Fünfziger steckten im hinteren Fach. Al nahm sie heraus und steckte sie in seine Jackentasche. Der ganze Rest bestand aus diversen Plastikkarten. Er hasste diese Karten. Zwar hatte Al bereits mit dem Gedanken gespielt, auch ins Kartenbetrugsgeschäft einzusteigen, doch hatte er es immer wieder verworfen. So lange die Leute noch genügend Bargeld mit sich herumtrugen, kam er zurecht. Achtlos warf er die Geldbörse in den Papierkorb neben der Bank, zog eine schicke Armbanduhr hervor und betrachtete sie, als er von der Seite angesprochen wurde.
"Geiles Teil."
Als Blick wandte sich dem Sprecher zu. Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass sich jemand zu ihm gesetzt hatte. Er nahm sich vor, demnächst aufmerksamer zu sein.

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