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Kurzgeschichten

Rot

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv

Diese Geschichte entstand als Aufgabe in einem Schreibforum. Es ging darum, eine Geschichte zu schreiben, in der dem Protagonisten immer wieder eine bestimmte Farbe begegnet. Hier nun das Ergebnis:



Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Job schon machte, aber mit jedem Einsatz wurde es schlimmer. Im Geiste ging ich alle Punkte durch, die mir letztlich den Hals retten konnten.
Helm? Saß korrekt.
Brille? Okay.
Funk? Intakt.
Schutzweste? War nicht mehr neu, aber war ordnungsgemäß angelegt.
Ich atmete hörbar ein, und schaltete das Helmlicht ein. Ein roter Schein erfüllte den bisher dunklen Gang vor mir.
»Ich geh jetzt rein«, sprach ich ins Mikrofon.
»In Ordnung, aber schalte deine Helmkamera ein. Wir möchten sehen, was du siehst. Vielleicht können wir dir Hinweise geben.«
Ich drückte eine Taste an der kleinen Kamera, die neben dem roten Scheinwerfer an meinem Helm montiert war. »Ist eingeschaltet.«
»Gut, wir haben ein Bild.«
Vermutlich hätte ich mir längst einen anderen Job suchen sollen, aber irgendwie fällt es einem schwer, Veränderungen zu ertragen. Und mit zunehmendem Alter wurde es immer schwieriger. Vorsichtig machte ich einen Schritt nach vorn. Der rote Schein meiner Lampe tanzte über Boden und Wände des Gangs. Wer hatte sich nur ausgedacht, rotes Licht zu verwenden?
»Der Roboter hat sie an einer Säule am Ende des Gangs - hinten rechts - entdeckt«, tönte es aus dem Kopfhörer.
»Okay«, murmelte ich und lief weiter.
Früher war es nicht so gewesen, aber in der letzten Zeit bekam ich Schweißausbrüche, wenn ich in einen solchen Einsatz ging. Ich spürte, wie meine Hände zu zittern begannen. Ich schloss und öffnete sie einige Male, um sie zu entkrampfen.
Inzwischen hatte ich das Ende des Gangs erreicht und schaute in den Raum zu meiner Rechten.
Der kleine Roboter sah im roten Licht meiner Lampe unwirklich und bedrohlich aus, aber wirklich bedrohlich war etwas ganz anderes.
»Scheiße, was ist das denn?«, rief ich aus, als ich meinen Blick hob, und der Lichtkegel auf die Säule fiel.
»Was ist los? Wir können nichts erkennen? Kannst du näher rangehen?«
»Muss ich ja wohl ...«
Ich hatte im Laufe der Jahre viele Bomben entschärft, aber so etwas hatte ich bislang noch nie gesehen. Die Fantasie, und leider auch die Kompetenz, der Konstrukteure solcher Bomben wurde immer besser. Wie einfach war es früher oft gewesen, sie unschädlich zu machen. Heute wurde man mit elektronischen Schaltkreisen konfrontiert, regelrechten Mikrocomputern, Sackgassen und Fallen für Feuerwerker wie mich, die ihren Hals riskierten, um Katastrophen zu verhindern.
Ich erkannte eine Zahlenanzeige, auf der ein Countdown in großen roten Ziffern zu erkennen war. Dieses Rot brannte sich förmlich in mein Gehirn. Danach hatte ich noch zwölf Minuten Zeit, bevor der Zünder ausgelöst wurde. Doch was genau bewirkte der Zünder? An der Säule waren einige Flaschen mit einem Spanngurt befestigt. Auf jeder Flasche steckte ein Mechanismus, aus dem mehrere Kabel in ein Steuergerät führten. Überhaupt gab es erschreckend viele Kabel, die zwischen den einzelnen Bauteilen verdrahtet waren. Niemals konnten sie alle eine Funktion erfüllen.
»Was denkst du?«, ertönte es im Kopfhörer.
»Ganz ehrlich? Ich hab keine Ahnung. Aber wenn es sich bei diesen Flaschen um den eigentlichen Sprengsatz handelt, wird es die Säule wegreißen, wenn das hochgeht. Die Statik des gesamten Gebäudes wäre gefährdet. Habt Ihr eine Idee?«
»Nicht wirklich. So ein Ding haben wir bisher auch noch nicht zu Gesicht bekommen. Da hat sich jemand eine Menge Mühe gegeben, uns zu irritieren. Bekommst du das hin?«
Meine Finger wurden feucht vor Schweiß. »Ich weiß es nicht.«
Diese Höllenmaschine wirkte im unwirklichen roten Licht meiner Helmlampe wie ein wütender Drache, der nur darauf wartete, sein Feuer auf mich zu speien. Noch elf Minuten.
Ich begann, die einzelnen Drähte zu verfolgen, um mir ein Bild von der Funktionsweise der Bombe zu machen. Schweiß tropfte mir aus den Augenbrauen in die Brille. Die Sicht wurde unklar, und alles versank in rotem Nebel. Ich nahm die Brille ab und wischte sie von innen sauber. Ich musste anerkennen, dass der Konstrukteur der Bombe ein Meister seines Fachs war. Als noch vier Minuten auf der Uhr waren, war ich noch keinen Schritt weiter.
»Ist keine Batterie erkennbar?«
»Sogar mehrere.« Ich deutete mit meiner Spitzzange nacheinander auf verschiedene Blockzellen. »Seht Ihr das? Ich fürchte, dass es nichts bringt, sie nacheinander abzuklemmen. Vermutlich löst man das Ding dadurch erst aus.«
»Welche Farbe haben denn die Kabel? Kann man dadurch vielleicht etwas ableiten?«
Ich lachte humorlos auf. »Rot. Sie sind alle rot. Vielleicht auch nicht, aber bei diesem verdammten Licht wirken sie alle nur rot. Ich kann es nur falsch machen. Könnt Ihr auf dem Monitor unterschiedliche Farben ausmachen?«
»Nein«, tönte es aus dem Kopfhörer. »Unser Bild ist auch nicht besser.«
»Ich könnte den Kerl schütteln, der sich rote Scheinwerfer ausgedacht hat! Dieser Schwachsinn macht mich noch verrückt!«
»Das ist kein Schwachsinn. Langwelliges rotes Licht durchdringt besser bei Luftverunreinigungen wie Staub oder Dampf.«
Ich stieß geräuschvoll meine Luft aus. »Erspare mir diese Belehrungen, ja? Wenn mir von Euch niemand sagen kann, welcher Draht der Entscheidende ist ... Ich kann es nicht feststellen.«
»Dann komm jetzt raus. Das Gebäude ist evakuiert. Du hast getan, was du konntest.«
Ich wollte noch nicht aufgeben. Drei Minuten.
Als ich die Anschlüsse der Zeitanzeige verfolgte, stellte ich fest, dass sie überhaupt nicht an den Bombenmechanismus gekoppelt war, sondern nur von einer der Batterien mit Strom versorgt wurde. Es war überhaupt keine Zeitbombe. Es musste einen anderen Zünder geben, und das Ding konnte mir jeden Augenblick um die Ohren fliegen.
Hektisch streifte ich meine Handschuhe ab und betastete die Kabel.
»Verdammt! Was tust du da? Schwing deinen Arsch da raus!«
»Haltet mal einen Moment die Klappe! Ich brauche jetzt Ruhe! Ich hab da was ...«
Keine Ahnung, wieso ich nicht flüchtete. Ich hatte eine Scheißangst, aber ich hatte einen Verdacht. Wenn ich recht behielt ... Ich schaltete Funk und Kamera ab. Jetzt keine weitere Ablenkung!
Mit den Fingern verfolgte ich die Kabel, um genau zu fühlen, wo sie hinführten. Schließlich entdeckte ich eine Art Dose, in welche mehrere Kabel hineinführten. Ich zog den Deckel ab und schaute hinein. Mein Verdacht hatte sich bestätigt. Die Kabel verschwanden in einem alten Mobiltelefon. Mit fliegenden Fingern riss ich an dem Kabelbündel und trennte sie vom Telefon.
Die letzten Sekunden liefen auf dem Zifferndisplay herunter, und ich starrte auf die roten Zahlen, unfähig, etwas anderes zu tun. Ich fühlte mich innerlich leer. Längst könnte ich draußen und in Sicherheit sein. Hatte ich alles richtig gemacht, oder würde es mich gleich zerreißen? Ich dachte plötzlich an Martina. Wie oft hatte ich ihr versprochen, diesen Beruf aufzugeben? Von einem Häuschen in der Toskana hatten wir geträumt - wenn ich in Rente ging. Und jetzt?
Die Zeit war abgelaufen. Meine Gedanken kehrten in die Wirklichkeit zurück. Ich lebte noch. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich stieß ein irres Gelächter aus.
Schnell trennte ich sämtliche Bauteile der Bombe von ihren Kabeln.
»Was ist los bei dir?«, schallte es vom Eingang des Gebäudes. »Alles in Ordnung? Die Leitung war plötzlich tot.«
»Ich hab es geschafft!«
»Das ist ja ... das ist ja fantastisch! Warte, wir kommen jetzt rein, und holen dich. Den Rest übernehmen wir!«
Vollkommen erschöpft, setzte ich mich auf den Boden und lehnte gegen die Säule. Schritte kamen durch den Gang näher. Rotes Licht tanzte wild auf und ab. Dann erreichten sie mich und ihr Licht blendete mich. Schon vorher hatte ich es nicht gemocht, doch jetzt stellte ich fest, dass ich diese Farbe hasste. Ich würde Martina nicht länger enttäuschen. Dies war mein letzter Einsatz.
»Macht dieses verdammte rote Licht aus!«, fuhr ich meine Kollegen an.

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