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Kurzgeschichten

Südsee - Ein Traumurlaub

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Trevor zeichnete mit seinem großen Zeh Striche in den feuchten Sand und ließ sein Gesicht von der Sonne bescheinen.
»Was tust du da?«, fragte Dawn, seine Ehefrau.
Trevor ließ sich auf den Rücken fallen und wandte sich ihr zu. »Ach nichts. Ich genieße einfach diese herrliche Idylle.«
Dawn lächelte ihm zu und steckte ihren durchtrainierten Körper. Sie suchte die Bucht ab, in der sie lagen, und stellte fest, dass sie vollkommen allein waren. »Willst du die ganze Zeit hier herumliegen? Keine Lust auf etwas Aktivität?«
Trevor fuhr hoch. »Jetzt? Hier?«
Sie lachte hell und warf ihre langen Haare zurück. »Nicht, was du jetzt denkst. Ich wollte schwimmen gehen. Das Wasser ist so angenehm wie eine Badewanne. Wir könnten nackt baden und niemand würde es bemerken.«
Sie kicherte, als sie Trevors beinahe enttäuschtes Gesicht sah. Schnell beugte sie sich zu ihm herüber und gab ihm einen Kuss. »Für das Andere ist später noch genug Zeit.«
Sie erhob sich und streifte mit lässigen Bewegungen ihren Bikini ab. Trevor beobachtete sie dabei und genoss immer wieder den Anblick dieser makellos schönen Frau. Ihre Haut hatte inzwischen eine nahtlose Bräune, um die man sie daheim beneiden würde. Sie wusste genau, wie sie auf ihn wirkte, und zwinkerte ihm zu, während ihr Blick auf seine Badehose fiel.
Er richtete sich auf, um nach ihr zu greifen, doch sie wandte sich zum Strand und lief ins flache Wasser, bis es tief genug war, und tauchte dann kopfüber unter.
Er presste die Lippen aufeinander und blickte hinterher. »Dieses kleine Aas«, murmelte er. »Aber was soll’s? Hier ist ja sonst niemand.«
Er erhob sich, streifte seine Badehose ab und rannte ihr hinterher. Dawn war bereits ein gutes Stück hinausgeschwommen, aber er folgte ihr mit kraftvollen Zügen. Als er sie erreicht hatte, tollten sie wie die kleinen Kinder im Wasser. Sie spritzten sich gegenseitig nass, tauchten einander unter und klammerten sich aneinander. Zwischendurch küssten sie sich leidenschaftlich und schließlich landeten sie auf einem kleinen flachen Felsen, der zweihundert Meter vor der Bucht aus dem Wasser ragte, wo sie sich liebten. Erschöpft lagen sie später nebeneinander auf dem Felsen und streichelten sich gegenseitig über die Haut. Trevor konnte es nie fassen, wie zart und weich sich Dawns Haut anfühlte.
»Weißt du, dass dies der schönste Urlaub ist, den wir je zusammen verbracht haben?«, fragte er. »Ich wollte ja ursprünglich nicht hierher, aber es ist einfach toll hier. Vor allem natürlich, weil es auch zwischen uns wieder funktioniert. Ich weiß ja, dass ich ...«
Sie legte ihm einen Finger über die Lippen. »Nicht, Trevor ... Mach es nicht kaputt. Genieße das Leben. Du weißt, dass ich dich liebe.«
Er seufzte. »Ja, das weiß ich. Und manchmal frage ich mich, womit ich dich verdient habe.«
Sie schmunzelte. »Wer sagt, dass du mich verdient hast?« Sie sah sich um. »Vielleicht sollten wir zum Strand zurückschwimmen. Wenn ich ehrlich bin, hab ich Hunger, und wir könnten im Hotelrestaurant eine Kleinigkeit essen, bevor wir uns für den Abend zurechtmachen.«
Trevor stimmte zu. »Gut, aber wir könnten ein kleines Wettschwimmen machen.«
»Wettschwimmen? Was bekomme ich, wenn ich gewinne?«
»Du wirst nicht gewinnen.«
»Und wenn doch?«
Er überlegte. »Dann darfst du dir was wünschen. Aber das gilt auch für mich.«
»Okay!«, rief sie und sprang mit einem Satz ins Wasser. Als Trevor hineinsprang, hatte sie bereits einen guten Vorsprung.
Er war ein guter Schwimmer, doch Dawn war ebenfalls gut in Form, und es gelang ihm bis zum Strand nicht, sie zu überholen.
»Ich hab einen Wunsch frei«, stieß sie keuchend und außer Atem hervor, als sie bei ihrer Decke ankamen und ihre Badesachen anzogen.
»Du hast geschummelt«, warf er ihr vor. »Du bist ins Wasser gesprungen, obwohl das Wettschwimmen noch nicht begonnen hatte.«
»Hab ich nicht! Außerdem hattest du auf zweihundert Meter genügend Gelegenheit, mich zu schlagen.«
Tevor ließ es auf sich beruhen. Sie packten ihre Sachen zusammen und liefen Hand in Hand zurück zum Hotel. Das Luxushotel machte schon von Weitem einen futuristischen Eindruck, und eigentlich wirkte es wie ein Fremdkörper in dieser Südseeidylle, doch drinnen war es einfach nur luxuriös und komfortabel. Ihre Suite hatte die Ausmaße einer Luxuswohnung und der Ausblick vom Balkon war atemberaubend.
Als sie die Drehtür zum Foyer durchschritten, fröstelten sie einen Moment, da die Räume innerhalb des Gebäudes selbstverständlich voll klimatisiert waren. Die Angestellte am Hotel-Counter lächelte ihnen freundlich zu und überreichte ihnen ungefragt ihren Schlüssel zur Suite.
»Ist das Restaurant schon geöffnet?«, fragte Dawn.
»Es öffnet erst in einer halben Stunde«, sagte sie mit Bedauern in der Stimme. »Sie könnten sich in der Zwischenzeit einen Drink an der Bar gönnen, wenn Sie mögen.«
Trevor schüttelte den Kopf. »Wir gehen erst auf unser Zimmer. In diesem Aufzug möchten wir auch nicht an die Bar.«
Die Angestellte lächelte, sagte jedoch nichts weiter.
Als sie im Aufzug standen und sie die Kabine in Bewegung setzte, um sie ins 41. Stockwerk zu bringen, fiel Trevor etwas ein: »Sag mal, welchen Tag haben wir heute? Meine ganze Zeitrechnung ist hier durcheinandergekommen.«
»Wir haben Freitag, glaube ich.«
»Das bedeutet, wir müssen morgen abreisen.«
Dawn überlegte. »Du hast recht. Dann war das bereits unser letzter Ausflug an den Strand?« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht. »Dass Urlaub immer so schnell vorübergehen muss ...«
Ein Glockenton wies darauf hin, dass sie ihr Stockwerk erreicht hatten. Die Tür öffnete sich und sie traten auf den Flur hinaus, nur, dass da nichts mehr war. Kein Flur, kein Boden, überhaupt nichts. Ihre Schritte gingen ins Leere und ein Panik erzeugendes Gefühl des Fallens machte sich in ihnen breit. Dawn hielt sich krampfhaft an Trevor fest, dass es beinahe schmerzte. Es war das Letzte, was sie empfanden, bevor ein gnädiger Schlaf ihr Bewusstsein auslöschte.

Als Trevor erwachte, wurde er von einer grellen Lampe geblendet, und er schloss die Augen wieder.
»Hey, nicht wieder einschlafen!«, rief eine unangenehme Frauenstimme. Eine Hand patschte gegen seine Wange. »Los! Augen auf! Wir haben nicht alle Zeit der Welt! Andere wollen auch an die Reihe kommen.«
Er öffnete ein Auge. »Was ist denn los? Was wollen Sie von mir?«
»Genug geschlafen! Richten Sie sich auf, damit Sie den Kaffee trinken können.«
Er öffnete das zweite Auge. Inzwischen gewöhnte er sich an das grelle Licht. Sein Blick wanderte umher, und ihm gefiel ganz und gar nicht, was er sah. Er befand sich auf einer abgewetzten Liege, von denen es in dem Raum, in dem er sich befand, noch weitere gab. Alle waren von schlafenden Männern und Frauen belegt.  Mühsam richtete er sich auf und setzte sich auf die Kante der Liege. Die Frau, die ihn angesprochen hatte, stand direkt vor ihm und schaute ihm forschend in die Augen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie. Sie hielt ihm einen Pappbecher unter die Nase. »Ihr Kaffee. Trinken Sie ihn und dann machen Sie die Liege frei. Wir hinken bereits im Zeitplan hinterher.«
Trevor schüttelte den Kopf, um die Spinnweben zu vertreiben, die seine Gedanken noch immer lähmten. »Was ist denn überhaupt los? Wie komme ich hierher?«
Die Frau verdrehte die Augen. »Mein Gott, schon wieder so einer, der nicht zurückfindet.«
Sie hielt eine Mappe in der Hand und schlug sie auf. »Trevor Jablonski, 42 Jahre, ledig, Arbeiter in der Müllverwertung. Buchung für zwei Wochen Südsee, Luxuspaket. Fällt es Ihnen wieder ein? Sie hatten einen Traumurlaub gebucht. Zwei Wochen Südsee, und dieser Traum ist jetzt vorbei, verstehen Sie? Willkommen in der Realität. Und jetzt machen Sie bitte die Liege frei.«
»Warten Sie! Was haben Sie vorgelesen? Traumurlaub? Ich bin ledig? Aber ich hatte den Urlaub nicht allein verbracht. Ich hatte eine Frau. Ich bin zusammen mit meiner Frau dort gewesen!«
»Sehen Sie, dass Sie Ihren Kopf wieder klar bekommen. Sie sind nicht verheiratet, allerdings sehe ich hier, dass Sie ausdrücklich eine Begleitung gebucht haben. Vermutlich irritiert Sie das.«
»Dann war meine Frau nichts weiter als ein Bestandteil des Traums?«, fragte Trevor enttäuscht und auch etwas verzweifelt.
Die Frau lachte humorlos auf. »Soweit geht unser Traumservice nun auch wieder nicht. Eine virtuelle Traumbegleiterin nach eigenen Wünschen kostet keine Kleinigkeit. Das können Sie sich als Recycling-Mann sicher nicht leisten. Wir haben schließlich auch weibliche Kunden, die sich für ihren Urlaub eine Begleitung wünschen. Unser System sucht anhand der Datenerhebung vor Verabreichung des gebuchten Traums nach passenden Kunden, die infrage kommen, für die Dauer des Traums kombiniert zu werden. Sie sind lediglich auf eine Kundin getroffen, die gleichzeitig die Südsee gebucht hat, das ist alles.«
Sie deutete mit der Hand zum Ausgang der Halle. »Und jetzt gehen Sie endlich. Ihr Urlaub ist vorbei.«
Irritiert ließ er sich von der Liege gleiten und lief auf wackeligen Beinen zum Ausgang. Die Frau kümmerte sich nicht weiter um ihn. Allmählich drang die Wirklichkeit wieder zu ihm durch und er erinnerte sich daran, einen Traumurlaub gebucht zu haben. Eine wirkliche Reise kam bei seinem geringen Einkommen nicht infrage und seine Kollegen hatten ihm vorgeschwärmt, wie toll diese Traumurlaube wären. Man müsse auf nichts verzichten, alles wäre täuschend echt und es kostete kein Vermögen.
Er musste feststellen, dass sie recht gehabt hatten. Er hatte tatsächlich das Gefühl, in der Südsee gewesen zu sein.
Im Foyer der Einrichtung gab es einen Schalter, an dem er seine persönlichen Sachen abholen konnte. An seinem Handgelenk hing noch das Armband mit den Daten seiner Urlaubsbuchung. Er trat an den Schalter, wo ein junges Mädchen auf sein Armband blickte. Sie war entschieden freundlicher als die Frau, die ihn geweckt hatte.
»Hatten Sie einen schönen Urlaub?«, fragte sie lächelnd.
»Ja, danke, den hatte ich wirklich.«
»Darf ich eben ihr Armband scannen? Ich hole Ihnen dann Ihre Sachen.«
Als das Mädchen gegangen war, bemerkte Trevor eine Frau von vielleicht Mitte vierzig neben sich. Auch sie wartete auf ihre persönlichen Sachen. Sie lächelte, als sich ihre Blicke trafen. »Ihr Urlaub ist auch vorbei?«, fragte sie.
Trevor nickte.
»Darf man fragen, wo Sie waren?«, fragte sie. »Man will ja vielleicht auch später mal was anderes buchen. Ich bin immer interessiert daran, wie es an anderen Zielen ist.«
»Ich hatte zwei Wochen Südsee. War wirklich ganz toll. Kann ich empfehlen.«
»Südsee?«, fragte sie.
»Was ist daran so verwunderlich?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nichts. Es ist nur ... Ich hatte auch zwei Wochen Südsee.«
Sekundenlang starrten sie sich an und bekamen erst nicht mit, dass das Mädchen mit den Sachen für die beide zurückgekommen war.
Trevor fand seine Sprache zuerst wieder. »Ich heiße Trevor Jablonski. Wäre es unverschämt, Sie nach Ihrem Namen zu fragen?«
Ihr Gesicht zeigte ein sympathisches Lächeln, das immer breiter wurde. »Nein, das ist nicht unverschämt. Ich heiße Dawn. Dawn Browning.«
»Dawn!«
»Ja. Und Sie heißen Trevor? Und waren zwei Wochen in der Südsee?«
Er grinste. »Genau. Und ich denke, wir sollten uns irgendwie kennen, nicht wahr?«
»Ja, irgendwie schon.«
Trevor sah die Frau an. Sie hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner Begleiterin aus dem Urlaubstraum, aber auch seine Erscheinung war dort arg geschönt gewesen. Es waren ihre Augen, die den Ausdruck hatten, den er aus dem Urlaub kannte, und den er liebte. Auch sie taxierte ihr Gegenüber und schien nicht sonderlich enttäuscht zu sein.
»Sagen Sie, Dawn, wie wäre es, wenn wir zusammen noch etwas trinken, und den Urlaub dabei ausklingen lassen?«
»Trevor, das ist eine hervorragende Idee«, sagte sie lächelnd. »Aber hör auf, mich zu siezen! Und eines muss dir noch klar sein.«
Trevor sah sie fragend an. »Und das wäre?«
»Ich habe noch einen Wunsch frei!« Lachend hakte sie sich bei ihm ein und beide verließen kichernd gemeinsam die Urlaubsagentur.

Reise ins Ungewisse

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Ein schrilles Signal ließ Sven hochfahren. Das Wecksignal machte ihm jeden Morgen zu schaffen. Gerade an diesem Morgen hätte er es am liebsten überhört, hätte sich die Decke wieder über den Kopf gezogen und die vor ihm liegende Aufgabe einfach ignoriert. Natürlich wusste er, dass es keinen Zweck hätte, und er damit niemals durchkommen würde.
»Licht«, rief er, doch die Deckenbeleuchtung seines Zimmers produzierte nur ein trübes Dämmerlicht - gerade genug, um sich zu orientieren. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und wie es schien, hatte die dichte Wolkendecke vom Vortag nicht genügend Sonnenlicht durchgelassen, um die Kollektoren seines Wohnblocks aufzuladen.
Seufzend schaltete er seine eigene Akkulampe ein und stand auf. Heute war der Tag, der alles verändern würde. Für diesen Tag war er lange ausgebildet worden, und diesen Tag hatte er herbeigesehnt und gleichermaßen auch gefürchtet.
Mit schleppenden Schritten ging er ins Bad, wo er seine Akkulampe auf die Ablage des Rasierspiegels stellte. Er betrachtete den Mann im Spiegel.
Er war gut in Form, musste er zugeben. Ob ihm das helfen würde, wusste er zwar nicht, aber er hatte stets Wert gelegt auf eine gute körperliche Verfassung und Kondition. Die auf seinen Oberarm tätowierte Zahl 213 war ihm seit vielen Jahren geläufig und er beachtete sie nicht weiter. Sie war es, die ihn von den meisten Menschen unterschied, die noch in Australien lebten. Er war aus befruchteten Eizellen geklont worden, die aus ihm den 213. Sven gemacht hatten. Schon als Kind war ihm bewusst geworden, dass er auf eine ganz spezielle Aufgabe vorbereitet wurde. Anfangs hatte es ihm noch zu Schaffen gemacht, zu wissen, nur ein Klon zu sein, doch inzwischen war ihm das egal.
Er machte sich mit kaltem Wasser frisch und blickte wieder in den Spiegel.
»Willkommen im 24. Jahrhundert«, sagte er und schlüpfte in seinen Overall, den er voraussichtlich auch an Bord des Schiffes tragen würde, das er zu fliegen hatte.
Als er die Nasszelle verließ, war es draußen bereits heller geworden.
Der Kommunikator blinkte.
»Annehmen!«, rief Sven. »Hier Sven 213. Was gibt es?«
»John Harper, Raumüberwachung. Ich wollte Sie darauf hinweisen, dass die RENEGAT 4 startbereit ist. Ihre Passagiere sind bereits an Bord. Wir brauchen Sie so schnell wie möglich hier auf dem Raumhafen. Für den Swing-by brauchen wir einen sonnennahen Kurs. Das Schiff muss innerhalb der nächsten fünf Stunden starten, sonst müssen wir den Treibstoff neu berechnen. Schaffen Sie das?«
»Mein eCar ist nicht ausreichend aufgeladen. Gestern hatten wir fast keine Sonnenstunden, wie Sie wissen. Ich muss warten, bis die Helligkeit ausreicht, um die Live-Kollektoren ausreichend zu laden. Sobald ich kann, komme ich rüber zu Ihnen.«
»Nehmen Sie notfalls ein Miet-Car mit Brennstoffzellen. Die Kosten tragen wir.«
Sven ließ es unkommentiert und schaltete ab. Eigentlich hatte er noch frühstücken wollen, doch wenn der Raumhafen es so dringend machte, würde er stattdessen lieber dort etwas essen. Er blickte sich noch einmal in seinem Zimmer um. Seine wenigen privaten Dinge waren bereits vor einigen Tagen abgeholt worden. Trotzdem fiel es ihm schwer, jetzt wegzugehen. Ob er jemals wieder hierher zurückkehren würde, war mehr als ungewiss.
Entschlossen zog er die Tür hinter sich zu und ging, ohne abzuschließen.
Der Himmel war noch immer bleigrau. Es war nicht mehr damit zu rechnen, dass die Sonne durchbrechen würde, also wandte er sich gleich zum Mietstand, wo die teuren Brennstoffzellen-Fahrzeuge standen. Sven kletterte in ein freies Fahrzeug und nannte sein Ziel: Raumhafen Perth.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und Sven lehnte sich entspannt zurück. Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
Sein bisheriges Leben als Klon war nicht schlecht gewesen. Er hatte sogar einige Freiheiten mehr genossen, als vielen Normalbürgern zuteilwurden. Dafür wusste er allerdings von Anfang an, dass er irgendwann in einem der großen Siedlerraumschiffe sitzen würde, um es an sein fernes Ziel zu steuern. Jahre würden vergehen, bis er wieder einen Menschen sehen würde, mit dem er sich unterhalten konnte.
Beinahe lautlos glitt sein Fahrzeug autonom über den breiten Highway, der durch eine trostlose, rote Wüstenlandschaft nach Perth führte. Obwohl er hier aufgewachsen war, fühlte er sich diesem Land, diesem Planeten überhaupt, nicht verbunden. Australien war der letzte Kontinent, der noch weitgehend bewohnbar war. Der Rest der Welt war ein ausgezehrter Torso, heruntergewirtschaftet und unbewohnbar gemacht durch endlose Glaubens-, Ressourcen-, Rassen- und Wirtschaftskriege. Sven überlegte, wie groß die Erdbevölkerung nach der letzten Zählung war. Er glaubte, sich an eine Zahl von 20 Millionen zu erinnern, und es wurden ständig weniger. Es war ein Wunder, dass sie es überhaupt geschafft hatten, zumindest in Australien wieder eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, mit wissenschaftlichen Errungenschaften, von denen man in früheren Jahrhunderten nur geträumt hatte.
Trotzdem waren die Tage der Menschen auf der Erde gezählt. Die Strahlungszonen nahmen allmählich zu, und das Leben bestand aus ständigem Rückzug.
Die RENEGAT 4 kam ihm in den Sinn. Sein Schiff. Noch heute würde damit die Erde verlassen, zusammen mit 50000 Siedlern, die in Kälteschlafkammern, bei Temperaturen in der Nähe des absoluten Nullpunkts an ihr fernes Ziel gebracht werden mussten.
Die RENEGAT 4 war eines von mehreren Siedlerschiffen, die gebaut worden waren, um die Reste der Menschheit zu evakuieren. Die Renegat-Serie verfügte über ein spezielles Triebwerk, dass eine Reise mit Geschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit ermöglichte. Bis es jedoch zum Einsatz kommen konnte, brauchte es eine Menge Zeit.
Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Gedanken. Das Fahrzeug hatte ein Warnsignal angezeigt. Eine angenehme Frauenstimme verkündete: »Bitte bereit machen für manuelle Übernahme. Die Induktionsschleifen in der Straßendecke sind für etwa 35 Meilen außer Betrieb.«
Ein Steuerknüppel fuhr automatisch aus der Frontkonsole, sodass Sven ihn greifen konnte. »Bitte drücken Sie eine Taste, wenn Sie bereit sind, das Fahrzeug manuell zu steuern.«
Sven hatte in seinem Leben nur wenige Male ein Fahrzeug selbst gesteuert, und fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken. Er musste über sich selbst lachen. Da war er auf dem Weg, ein riesiges Raumschiff zum zweiten Planeten der Sonne Beta Hydri im Sternbild Wasserschlange zu steuern, und scheute davor zurück, ein Miet-Car zu steuern. Er war froh, dass die Automatik wieder übernahm, als die defekte Stelle der Straße überwunden war.
Als er später den Raumhafen erreichte, wurde er schon erwartet.
»Es wurde auch Zeit, S213«, sagte der Leiter des Mission-Centers vorwurfsvoll. »Sie können gleich an Bord gehen. Wir haben keine Zeit mehr. Das Schiff muss starten, wenn wir nicht noch ein paar Tonnen Reaktionsmasse zusätzlich einsetzen wollen.«
Sven hasste es, wenn man ihn nur mit seiner Klon-Nummer ansprach. Er hatte sich für den Namen Sven entschieden, aber die meisten Verantwortlichen des Raumhafens kümmerten sich nicht darum. Für sie war er der maßgeschneiderte Pilot ihres Schiffes und hatte einfach nur ihre Anweisungen zu befolgen.
»Ich würde mich vorher gern noch etwas frisch machen«, sagte er.
Sein Chef winkte ab. »Dazu ist später an Bord noch genug Zeit. Bewegen Sie Ihren Hintern in die Zentrale der RENEGAT 4. Der Countdown für den Start steht bei minus 45 Minuten.

Als Sven die Zentrale seines Schiffes betrat, dass für die kommenden Jahre sein Zuhause sein würde, hatte er tatsächlich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Er konnte nicht sagen, wie viele Tage und Wochen er während seiner Ausbildung in Simulatoren verbracht hatte, die diesem Raum ähnelten. Ein großer, runder Raum mit zahllosen Monitoren rundherum, Schalttafeln mit - für fremde Menschen - verwirrenden Anzeigen und Tasten. Dann die schweren Kontursessel, die ihm die erste Phase des Starts erleichtern würden - das ausgeklügelte Schienensystem, in dem sie Sessel steckten und das seinen Sitz in kürzester Zeit zu seinen aktuellen Armaturen transportieren würde.
Alles wirkte blitzblank und neu, aber Sven wusste es besser. Die RENEGAT 4 hatte die Reise schon zweimal gemacht und hatte einige Jahre auf dem Buckel. Er konnte nur hoffen, dass die Bodencrew ihren Job sorgfältig gemacht hatte.
Er nahm vor dem Hauptpult Platz und öffnete einen Kommunikationskanal zum Mission-Center: »Sven 213 ist an Bord und übernimmt die Schiffskontrollen. Countdown bei minus 13 Minuten. Führe jetzt die Startchecks durch.«
»Okay«, war die schlichte Antwort.
In den nächsten Minuten ging Sven die Checkliste durch und überprüfte den Status aller Systeme. Noch konnten Reparaturen vorgenommen werden. War er erst einmal unterwegs, hatte er nur Werkzeuge für einfache Probleme.
Er hatte jedoch nichts zu beanstanden und meldete kurz vor Ablauf des Countdowns, dass er startbereit war. Mit geübten Griffen zog er die Sicherungsgurte über seinem Körper straff und ließ sie einrasten. Automatisch kippte der Sitz in eine liegende Position, um den Startandruck erträglicher zu machen. Die letzten zwei Minuten des Countdowns liefen auf einem kleinen Monitor an der Decke ab, während das Dröhnen der fernen Korpuskulartriebwerke allmählich lauter wurde.
»Sven!«, klang es aus einem Lautsprecher, und ein weiterer Monitor sprang an. Er erkannte Manuel 173, einen der Techniker, mit dem er während der langen Ausbildung immer wieder zu tun hatte, und mit dem er seit Langem befreundet war.
»Manuel«, wunderte er sich. »Was gibt es noch? Wir stecken mitten in der Startsequenz. Ich hab jetzt keine Zeit mehr für private Gespräche ...«
»Ich wollte dir auch nur Lebewohl sagen. Tu mir den Gefallen und bring das Baby sicher ans Ziel. Ich würde dir wirklich wünschen, dass du es schaffst. Genieße dein Leben auf Beta Hydri 2. Das musst du mir versprechen!«
Sven grinste. Manuel wäre am liebsten mitgeflogen, aber Techniker-Klone wurden fast immer nur in den Raumhäfen und den Montagehallen gebraucht. Er hätte es begrüßt, Manuel bei sich zu haben, während der langen und langweiligen Beschleunigungs- und Bremsphasen.
»Ich verspreche es dir, Manuel. Mach’s gut. Wenn es geht, lass ich dir eine Nachricht mit einem Rückkehrschiff überbringen.« Er wollte gerade abschalten, als Manuel noch etwas rief.
»Ja? Wolltest du noch etwas sagen?«
»Es gibt da eine Sache, die ich für dich geregelt habe. Niemand weiß etwas davon. Eine Überraschung - mein letztes Geschenk an dich sozusagen.«
»Was ist es?«
Manuel zeigte ein breites Grinsen. »Du wirst es selbst herausfinden müssen. Vergiss deinen alten Kumpel nicht.« Er schaltete ab und das Bild auf dem Monitor verschwand.
Die letzten Sekunden wurden heruntergezählt. Ein Ruck ging durch die RENEGAT 4 und ein Gewicht legte sich wie eine eiserne Faust auf seine Brust. Für die nächsten Minuten musste er den Druck von etwas 7 G ertragen, bis das Schiff die Fluchtgeschwindigkeit der Erde erreicht hatte.
Es war eine Wohltat, als die Startbeschleunigung vorüber war, und die Automatik die Triebwerke auf einen Schub von 1 G zurückregelten. Sein Sitz kippte wieder in die Ausgangsposition zurück. Sven atmete schwer aus. Er war unterwegs, so wie es immer für ihn bestimmt gewesen war. Szenenhaft zog sein bisheriges Leben an ihm vorbei: Die relativ unbeschwerte Zeit in der Kinderkrippe, die Schulzeit, der Drill der Pilotenschule, die Theorie, seine kurzen Affären mit weiblichen Klonen, die wie er für das Umsiedlungsprogramm gezüchtet worden waren. Nichts in diesem Leben war dem Zufall überlassen worden, niemals war er gefragt worden, wie er sich sein Leben vorstellte. Manchmal fragte er sich, was sein Original für ein Mensch gewesen war. Ob er auch immer nur gezwungen war, den Anweisungen des Umsiedlungsprogramms Folge zu leisten?
Er musste an Cynthia denken. Sie war eine der weiblichen Klone, mit der er erst vor kurzer Zeit eine Affäre gehabt hatte. Mit ihr war es anders gewesen als mit den Frauen davor. Bei ihr hatte er zum ersten Mal auch eine emotionale Verbindung gespürt. Er wagte es nicht, bereits von Liebe zu sprechen, aber es hatte ihn erheblich belastet, als er den Befehl erhalten hatte, sich für die Renegat-Mission bereitzuhalten. Es bedeutete die unverzügliche Trennung von Cynthia. Vor seinem geistigen Auge sah er noch immer ihr trauriges Gesicht, als er ihr die Nachricht übermittelte. Sie hatte sich an ihn geklammert, wollte ihn nicht gehen lassen. Doch was sollten sie tun? Sie waren nichts weiter als zwei Klone, geschaffen für klar umrissene Aufgaben, zum Wohle der Menschheit. Sven wurde übel bei dem Gedanken. Auch, wenn er eine Kopie eines normal geborenen Menschen war, zählte doch auch er zu dem, was man ›Menschheit‹ nannte. Cynthia würde halt weiterhin beim Hibernationsprojekt arbeiten und Kälteschlafkammern zusammenschrauben, damit die vielen Tausend Menschen von der Erde evakuiert werden konnten. Sie würde schon einen neuen Partner finden, und er ...? Aber das hatte ein paar Jahre Zeit.
Ein Signal auf dem Pult erforderte seine Aufmerksamkeit. Ein Funkspruch vom Raumhafen.
»RENEGAT 4, wie ist Ihr Status? Nach unseren Daten befindet sich das Schiff - wie vorgesehen - auf Sonnenkurs. Können Sie das verifizieren?«
Sven ging automatisch alle Anzeigen durch, die ihm darüber Aufschluss gaben. Es war alles in Ordnung.
»RENEGAT 4 ist auf Kurs. Triebwerke erzeugen Schub von etwa 1 G. Erreichen der Merkur-Bahn in circa 28 Stunden und Swing-By ab Stunde 34. Alle Parameter in den zulässigen Toleranzen.«
»Gut RENEGAT 4. Wir entkoppeln jetzt unsere Kontrollsysteme von Ihrem Schiff. Ab jetzt sind Sie auf sich gestellt. Bringen Sie unsere Leute heil ans Ziel. Wir wünschen Ihnen viel Glück!«
»Danke! RENEGAT 4 meldet sich ab. Ende.«
Sven schaltete die Verbindung ab. Es war ihm bewusst, dass er damit endgültig seine Verbindung zur Erde gekappt hatte. Er war überrascht, wie leicht ihm das fiel. Was ihn jetzt beschäftigte, war der Swing-By um die Sonne. Um die hohen Geschwindigkeiten zu erreichen, die im relativistischen Bereich erforderlich waren, musste extrem viel Reaktionsmasse bereitgestellt werden. Aus diesem Grund nutzte man die gewaltige Anziehungskraft der Sonne quasi als Schwungscheibe für das Raumschiff. Man steuerte mit hoher Geschwindigkeit einen relativ niedrigen Orbit um das Zentralgestirn an, und ließ sich von der Sonne aus dem Sonnensystem katapultieren. Es kam nur darauf an, nicht zu dicht an die Sonne heranzugeraten, da die Hitzeschilde es sonst nicht mehr absorbieren konnten. Bisher war es jedoch noch nie zu Problemen bei diesem Manöver gekommen. Trotzdem war es ein eigenartiges Gefühl, direkt die Sonne anzusteuern, auch, wenn man sie nur umfliegen wollte.
Unwillkürlich kontrollierte Sven die Logdateien der Hibernationstanks, aber wie erwartet, enthielten sie keinerlei Besonderheiten. Die Systeme waren inzwischen weitgehend ausgereift. Nur selten kam es zu außergewöhnlichen Zwischenfällen, und noch seltener kam ein Mensch dabei zu Schaden.
Ein Vorteil der permanenten Beschleunigung von 1 G war, dass man das Gefühl hatte, auf dem Erdboden zu stehen. Er würde sich also während des kommenden Jahres nicht mit Schwerelosigkeit herumschlagen müssen. Sven erhob sich aus seinem Sessel und verließ die Zentrale. Unterhalb der Steuerzentrale befand sich seine private Suite, in die man seine Sachen gebracht hatte. Interessiert kontrollierte er, was man ihm an Filmen, virtuellen Spielen, Musik und Buchdateien zur Verfügung gestellt hatte. Die Zeit würde lang werden auf dieser Reise. Zwar war die RENEGAT 4 ein überlichtschnelles Schiff, aber zunächst musste sie ein Jahr lang mit 1 G beschleunigen, um möglichst nah an die Lichtgeschwindigkeit heranzugelangen. Zum Ende hin würde es ein Tanz auf der Rasierklinge werden. Mit jedem Prozent, das er näher an die magische Grenze der Lichtgeschwindigkeit heranreichte, würden sich auch die Auswirkungen der Relativität verstärken. Seine Zeitwahrnehmung würde sich verlangsamen, während seine Masse stetig zunahm. Es würde wichtig sein, im exakt richtigen Augenblick zu reagieren, da er sonst zu viel Reaktionsmasse verbrauchen würde, und ein Abbremsen im Zielgebiet nicht mehr möglich wäre.
Im entscheidenden Moment, würde Sven den Gravitonen-Antrieb einschalten. Im Grunde ähnelte der Antrieb dem normalen Korpuskular-Antrieb, bei dem nukleare Reaktionsmasse ausgestoßen wurde, nur, dass Gravitonen sich schneller bewegen konnten als Licht. Die RENEGAT 4 würde einen Stoß bekommen, der sie aus dem drei-dimensionalen Raumzeit-Kontinuum katapultierte, in dem Geschwindigkeiten oberhalb der Lichtgeschwindigkeit nicht möglich waren.
Der Effekt war bei unbemannten Schiffen zunächst entdeckt und dann vervollkommnet worden. Seit über 50 Jahren reisten Siedlerschiffe auf diesem Wege ins 24 Lichtjahre entfernte Beta Hydri-System, wo es einen Planeten gab, der der Erde so sehr ähnelte, dass dort ein Neuanfang der Menschheit versucht werden sollte.
Schiffe, die diesen Weg nahmen, stürzten in der Nähe von Beta Hydri unvermittelt wieder zurück in den dreidimensionalen Raum. Warum das so war, und ob es möglich war, auch weitere Entfernungen zu überbrücken, wusste bisher niemand. Es war noch nie versucht worden.

Zwei Tage später lag die Sonne bereits hinter ihm und der Bug der RENEGAT 4 wies auf das Sternbild Wasserschlange. Noch befand er sich innerhalb des Sonnensystems, doch seine Geschwindigkeit wuchs mit jeder Stunde, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es endgültig hinter ihm liegen würde. Sven hockte in seinem Sessel und betrachtete einfach nur die Sterne, als ein durchdringendes Signal ihn aus seinen Gedanken riss.
»Ein Hibernationstank?«, wunderte er sich. »Bitte nicht die Kälteschlafkammern! Wenn sie einen Defekt aufweisen, ist es jetzt für jede Hilfe zu spät.«
Er sprang auf und machte sich auf den Weg, die Schlafkammern seiner Passagiere direkt in Augenschein zu nehmen. Es würde Tage dauern, sie alle zu inspizieren, das war ihm klar, aber zunächst würde er sich den Bereich ansehen, der ihm von der Anlage gemeldet worden war. Er aktivierte die Beleuchtung in den Ladezonen und kletterte die Leiter hinunter in den Laderaum.
Als er den betreffenden Sektor erreicht hatte, hörte er Schritte. Unvermittelt blieb er stehen. Niemand, außer ihm, sollte sich hier aufhalten. Er hob seine Handlampe und leuchtete in den Gang hinein, aus dem die Geräusche gekommen waren.
Eine junge Frau kam ihm entgegen. Sie hatte lange, nasse Haare und hatte sich eng in eine Decke gewickelt. Als sie ihn erreichte, erkannte er sie.
»Cynthia?«, fragte er verständnislos. »Was machst du hier?«
»Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du mit diesem Schiff für immer verschwinden würdest.«
»Wir hatten das doch besprochen«, sagte Sven. »Wir hätten doch nie eine Zukunft gehabt. Beziehungen zwischen Klonen führen zu nichts. Wir wurden alle für bestimmte Aufgaben gezüchtet und können nicht zusammenbleiben.«
»Können wir doch!!«, rief sie trotzig. »Manuel hat mich in eine der Hibernationskammern geschmuggelt, die zusätzlich eingebaut wurde, und sie umprogrammiert, damit ich nach dem Swing-By aufwache. Also: Hier bin ich.«
Sven war sprachlos.
»Freust du dich denn kein Bisschen, dass ich an Bord bin?«
Sven zog sie einfach an sich und schloss sie in seine Arme. »Doch Cynthia, und wie ich mich darüber freue. Ich hatte unsere Zeit schon als Affäre zwischen Klonen abgehakt, und durch meine Abreise war sie ja eigentlich auch vorbei, nicht wahr?«
»Aber jetzt können wir zusammen sein«, sagte sie. »Niemand kann uns jetzt noch trennen. Das Umsiedlungsprogramm hat keine Macht mehr über uns. Und wenn wir unser Ziel erreichen, hat man uns zugesagt, dass wir frei sind. Auf Beta Hydri 2 sollen Klone einfach nur Menschen sein, sagt man.«
Sie klammerten sich aneinander und küssten einander. Svens Gedanken überschlugen sich. Er würde nicht allein sein, während der langen Zeit der Beschleunigung, und sie würden sogar eine Zukunft haben, wenn sie es richtig anstellten. Zum ersten Mal fühlte er sich nicht mehr nur als Klon, sondern als Mensch. Er begann zu begreifen, dass er sich auf seine Zukunft freuen durfte.

Rot

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Diese Geschichte entstand als Aufgabe in einem Schreibforum. Es ging darum, eine Geschichte zu schreiben, in der dem Protagonisten immer wieder eine bestimmte Farbe begegnet. Hier nun das Ergebnis:



Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Job schon machte, aber mit jedem Einsatz wurde es schlimmer. Im Geiste ging ich alle Punkte durch, die mir letztlich den Hals retten konnten.
Helm? Saß korrekt.
Brille? Okay.
Funk? Intakt.
Schutzweste? War nicht mehr neu, aber war ordnungsgemäß angelegt.
Ich atmete hörbar ein, und schaltete das Helmlicht ein. Ein roter Schein erfüllte den bisher dunklen Gang vor mir.
»Ich geh jetzt rein«, sprach ich ins Mikrofon.
»In Ordnung, aber schalte deine Helmkamera ein. Wir möchten sehen, was du siehst. Vielleicht können wir dir Hinweise geben.«
Ich drückte eine Taste an der kleinen Kamera, die neben dem roten Scheinwerfer an meinem Helm montiert war. »Ist eingeschaltet.«
»Gut, wir haben ein Bild.«
Vermutlich hätte ich mir längst einen anderen Job suchen sollen, aber irgendwie fällt es einem schwer, Veränderungen zu ertragen. Und mit zunehmendem Alter wurde es immer schwieriger. Vorsichtig machte ich einen Schritt nach vorn. Der rote Schein meiner Lampe tanzte über Boden und Wände des Gangs. Wer hatte sich nur ausgedacht, rotes Licht zu verwenden?
»Der Roboter hat sie an einer Säule am Ende des Gangs - hinten rechts - entdeckt«, tönte es aus dem Kopfhörer.
»Okay«, murmelte ich und lief weiter.
Früher war es nicht so gewesen, aber in der letzten Zeit bekam ich Schweißausbrüche, wenn ich in einen solchen Einsatz ging. Ich spürte, wie meine Hände zu zittern begannen. Ich schloss und öffnete sie einige Male, um sie zu entkrampfen.
Inzwischen hatte ich das Ende des Gangs erreicht und schaute in den Raum zu meiner Rechten.
Der kleine Roboter sah im roten Licht meiner Lampe unwirklich und bedrohlich aus, aber wirklich bedrohlich war etwas ganz anderes.
»Scheiße, was ist das denn?«, rief ich aus, als ich meinen Blick hob, und der Lichtkegel auf die Säule fiel.
»Was ist los? Wir können nichts erkennen? Kannst du näher rangehen?«
»Muss ich ja wohl ...«
Ich hatte im Laufe der Jahre viele Bomben entschärft, aber so etwas hatte ich bislang noch nie gesehen. Die Fantasie, und leider auch die Kompetenz, der Konstrukteure solcher Bomben wurde immer besser. Wie einfach war es früher oft gewesen, sie unschädlich zu machen. Heute wurde man mit elektronischen Schaltkreisen konfrontiert, regelrechten Mikrocomputern, Sackgassen und Fallen für Feuerwerker wie mich, die ihren Hals riskierten, um Katastrophen zu verhindern.
Ich erkannte eine Zahlenanzeige, auf der ein Countdown in großen roten Ziffern zu erkennen war. Dieses Rot brannte sich förmlich in mein Gehirn. Danach hatte ich noch zwölf Minuten Zeit, bevor der Zünder ausgelöst wurde. Doch was genau bewirkte der Zünder? An der Säule waren einige Flaschen mit einem Spanngurt befestigt. Auf jeder Flasche steckte ein Mechanismus, aus dem mehrere Kabel in ein Steuergerät führten. Überhaupt gab es erschreckend viele Kabel, die zwischen den einzelnen Bauteilen verdrahtet waren. Niemals konnten sie alle eine Funktion erfüllen.
»Was denkst du?«, ertönte es im Kopfhörer.
»Ganz ehrlich? Ich hab keine Ahnung. Aber wenn es sich bei diesen Flaschen um den eigentlichen Sprengsatz handelt, wird es die Säule wegreißen, wenn das hochgeht. Die Statik des gesamten Gebäudes wäre gefährdet. Habt Ihr eine Idee?«
»Nicht wirklich. So ein Ding haben wir bisher auch noch nicht zu Gesicht bekommen. Da hat sich jemand eine Menge Mühe gegeben, uns zu irritieren. Bekommst du das hin?«
Meine Finger wurden feucht vor Schweiß. »Ich weiß es nicht.«
Diese Höllenmaschine wirkte im unwirklichen roten Licht meiner Helmlampe wie ein wütender Drache, der nur darauf wartete, sein Feuer auf mich zu speien. Noch elf Minuten.
Ich begann, die einzelnen Drähte zu verfolgen, um mir ein Bild von der Funktionsweise der Bombe zu machen. Schweiß tropfte mir aus den Augenbrauen in die Brille. Die Sicht wurde unklar, und alles versank in rotem Nebel. Ich nahm die Brille ab und wischte sie von innen sauber. Ich musste anerkennen, dass der Konstrukteur der Bombe ein Meister seines Fachs war. Als noch vier Minuten auf der Uhr waren, war ich noch keinen Schritt weiter.
»Ist keine Batterie erkennbar?«
»Sogar mehrere.« Ich deutete mit meiner Spitzzange nacheinander auf verschiedene Blockzellen. »Seht Ihr das? Ich fürchte, dass es nichts bringt, sie nacheinander abzuklemmen. Vermutlich löst man das Ding dadurch erst aus.«
»Welche Farbe haben denn die Kabel? Kann man dadurch vielleicht etwas ableiten?«
Ich lachte humorlos auf. »Rot. Sie sind alle rot. Vielleicht auch nicht, aber bei diesem verdammten Licht wirken sie alle nur rot. Ich kann es nur falsch machen. Könnt Ihr auf dem Monitor unterschiedliche Farben ausmachen?«
»Nein«, tönte es aus dem Kopfhörer. »Unser Bild ist auch nicht besser.«
»Ich könnte den Kerl schütteln, der sich rote Scheinwerfer ausgedacht hat! Dieser Schwachsinn macht mich noch verrückt!«
»Das ist kein Schwachsinn. Langwelliges rotes Licht durchdringt besser bei Luftverunreinigungen wie Staub oder Dampf.«
Ich stieß geräuschvoll meine Luft aus. »Erspare mir diese Belehrungen, ja? Wenn mir von Euch niemand sagen kann, welcher Draht der Entscheidende ist ... Ich kann es nicht feststellen.«
»Dann komm jetzt raus. Das Gebäude ist evakuiert. Du hast getan, was du konntest.«
Ich wollte noch nicht aufgeben. Drei Minuten.
Als ich die Anschlüsse der Zeitanzeige verfolgte, stellte ich fest, dass sie überhaupt nicht an den Bombenmechanismus gekoppelt war, sondern nur von einer der Batterien mit Strom versorgt wurde. Es war überhaupt keine Zeitbombe. Es musste einen anderen Zünder geben, und das Ding konnte mir jeden Augenblick um die Ohren fliegen.
Hektisch streifte ich meine Handschuhe ab und betastete die Kabel.
»Verdammt! Was tust du da? Schwing deinen Arsch da raus!«
»Haltet mal einen Moment die Klappe! Ich brauche jetzt Ruhe! Ich hab da was ...«
Keine Ahnung, wieso ich nicht flüchtete. Ich hatte eine Scheißangst, aber ich hatte einen Verdacht. Wenn ich recht behielt ... Ich schaltete Funk und Kamera ab. Jetzt keine weitere Ablenkung!
Mit den Fingern verfolgte ich die Kabel, um genau zu fühlen, wo sie hinführten. Schließlich entdeckte ich eine Art Dose, in welche mehrere Kabel hineinführten. Ich zog den Deckel ab und schaute hinein. Mein Verdacht hatte sich bestätigt. Die Kabel verschwanden in einem alten Mobiltelefon. Mit fliegenden Fingern riss ich an dem Kabelbündel und trennte sie vom Telefon.
Die letzten Sekunden liefen auf dem Zifferndisplay herunter, und ich starrte auf die roten Zahlen, unfähig, etwas anderes zu tun. Ich fühlte mich innerlich leer. Längst könnte ich draußen und in Sicherheit sein. Hatte ich alles richtig gemacht, oder würde es mich gleich zerreißen? Ich dachte plötzlich an Martina. Wie oft hatte ich ihr versprochen, diesen Beruf aufzugeben? Von einem Häuschen in der Toskana hatten wir geträumt - wenn ich in Rente ging. Und jetzt?
Die Zeit war abgelaufen. Meine Gedanken kehrten in die Wirklichkeit zurück. Ich lebte noch. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Ich stieß ein irres Gelächter aus.
Schnell trennte ich sämtliche Bauteile der Bombe von ihren Kabeln.
»Was ist los bei dir?«, schallte es vom Eingang des Gebäudes. »Alles in Ordnung? Die Leitung war plötzlich tot.«
»Ich hab es geschafft!«
»Das ist ja ... das ist ja fantastisch! Warte, wir kommen jetzt rein, und holen dich. Den Rest übernehmen wir!«
Vollkommen erschöpft, setzte ich mich auf den Boden und lehnte gegen die Säule. Schritte kamen durch den Gang näher. Rotes Licht tanzte wild auf und ab. Dann erreichten sie mich und ihr Licht blendete mich. Schon vorher hatte ich es nicht gemocht, doch jetzt stellte ich fest, dass ich diese Farbe hasste. Ich würde Martina nicht länger enttäuschen. Dies war mein letzter Einsatz.
»Macht dieses verdammte rote Licht aus!«, fuhr ich meine Kollegen an.

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