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Leseprobe: Fünfzig Tage im Mai

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Fünfzig Tage im Mai2. Mai


Sascha Leyden hatte sich schon den ganzen gestrigen Tag nicht wohl gefühlt. Vermutlich hatte er sich einen grippalen Infekt zugezogen, wie er im Augenblick grassierte. Gerade jetzt, wo es innerhalb seiner Firma wieder einmal betriebsbedingte Kündigungen gab, passte es Sascha ganz und gar nicht, möglicherweise das Bett hüten zu müssen. Er hatte lange genug gekämpft, um eine feste Anstellung bei der Axxium-Versicherungsgesellschaft zu bekommen. Seine Freundin Conny hatte noch nicht so viel Glück gehabt – sie hielt sich durch eine Kombination von kurzfristigen Teilzeitjobs über Wasser.
Sascha sah auf seinen Computermonitor und musste sich anstrengen, dort etwas zu erkennen. Im Laufe des Tages hatte er bohrende Kopfschmerzen bekommen, die er auch mit Hilfe eines Schmerzmittels nicht in den Griff bekommen hatte. Verzweifelt blickte er auf die zahlreichen Unterlagen auf seinem Schreibtisch, die er noch bearbeiten musste. Er fragte sich, wie er das heute schaffen sollte – oder morgen, wenn die Grippe noch schlimmer werden sollte. Sascha wusste genau, dass man zwar eigentlich nicht entlassen werden konnte, wenn man krank war, doch die Praxis sah anders aus. In diesen Zeiten fand der Arbeitgeber immer eine Möglichkeit, einen Arbeitnehmer loszuwerden, der keine Effektivität versprach. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass bereits zwei bis drei Tage Krankheit ausreichen konnten, seinen Job in Frage zu stellen. Sascha griff nach der nächsten Mappe und las die Beschreibung des Schadenfalles durch. Es war seine Aufgabe, Schadenfälle zu bewerten und die Folgen einer Schadenregulierung auf die Beitragsentwicklung des Kunden zu kalkulieren. Er las den Vorgang drei mal durch, doch konnte er sich einfach nicht mehr ausreichend auf den Text konzentrieren. Er befühlte seine Stirn und fand sie schweißnass. Vermutlich hatte er sogar Fieber. Er gehörte einfach nur noch ins Bett. Sascha beschloss, alles auf eine Karte zu setzen und seinen Vorgesetzten zu bitten, ihn früher nach Hause gehen zu lassen. Er klappte die Mappe zu und legte sie wieder zurück auf den Stapel der unerledigten Akten. Dann erhob er sich und verließ seine Arbeitskabine, die nur durch einige Stellwände von den übrigen Arbeitsplätzen in dem Großraumbüro abgetrennt war. Im Gang auf dem Weg zum Büro des Leiters traf er auf Lara Schmidt, die als Mädchen für Alles im Büro eine relativ sichere Stelle hatte. Lara war wie immer gut gelaunt und meinte:
„Hallo Sascha.“,
Dann umwölkte sich ihre Miene und sie fragte:
„Geht es Dir nicht gut?“
„Nein Lara, ich glaube, mich hat eine Grippe erwischt. Komme mir am Besten nicht zu nahe, sonst bekommst Du es auch noch.“
Sie rückte gleich etwas von ihm ab und meinte:
„Gebrauchen kann ich es nicht, aber es ist auch keine Katastrophe, oder?“
„Na ja, wenn ich mir Harald Feininger ansehe, – er hat sich ein Bein gebrochen und wurde aus betriebsbedingten Gründen bereits am folgenden Tag entlassen – dann ist es schon eine Katastrophe.“
„Harald!“, stieß Lara verächtlich aus. Sascha hatte so einen Tonfall von ihr bisher nicht gehört.
„Er hat es selbst verschuldet.“
„Den Beinbruch?“, fragte Sascha entgeistert.
„Blödsinn – er hat alle Vorschläge der Geschäftsführung abgelehnt. Da muss er sich nicht wundern, wenn er gefeuert wird.“
Sie waren mittlerweile am Büro des Leiters angekommen. Lara hielt Sascha kurz an der Schulter fest und flüsterte ihm ins Ohr:
„Flexibilität ist der Schlüssel, Sascha. Mach da drin keinen Fehler. Kuriere Dich aus, aber sei flexibel. Du bist nett – ich würde es nicht gern sehen, wenn Du nicht mehr hier wärst.“
Lara ließ seine Schulter los und tänzelte mit ihren langen Beinen weiter den Gang hinunter. Sascha stieß die Luft aus und sah ihr nach. Sie war schon eine Augenweide. Er machte sich von dem Anblick los. Er hatte schon genug Probleme bekommen, als Conny ihn kürzlich von der Arbeit abgeholt hatte und ihn mit Lara aus dem Haupteingang kommen sah. Sie war so entsetzlich eifersüchtig. Aber was hatte sie eben gemeint? Sascha klopfte an die Tür des Vorgesetzten, wartete einen Augenblick und öffnete - als er nichts gehört hatte – vorsichtig die Tür.
Der Leiter der Schadenabteilung – Ryan Foster – kam von der englischen Muttergesellschaft und hatte sich zum Ziel gesetzt, diese Abteilung zum Aushängeschild der deutschen Niederlassung zu machen. Er blickte von seiner Arbeit auf und sagte:
„Herr Leyden, kommen Sie herein, was kann ich für Sie tun?“,
Wie immer begleitete ein breites Lächeln seine Worte. Sascha trat ein und schloss die Tür. Er setzte sich auf eine freien Stuhl vor dem Schreibtisch und sagte:
„Herr Foster, ich fühle mich nicht gut.“
Foster lächelte immer noch, als er fragte:
„Und warum erzählen Sie mir das? Sie wollen doch nicht etwa Urlaub beantragen? Sie sind meines Wissens noch kein halbes Jahr in Ihrer jetzigen Position, da steht Ihnen ein Erholungsurlaub noch nicht zu.“
„Nein Herr Foster, das ist mir klar, aber ich habe mir wohl eine Grippe eingefangen. Ich bin krank und wollte nach Hause gehen, um mich auszukurieren.“
Das Lächeln verschwand von Fosters Gesicht.
„Herr Leyden, ich habe Sie bisher als zuverlässigen Mitarbeiter kennen gelernt.“, sagte er, „Aber Sie kennen auch die schwierige Lage, in der wir uns alle befinden. Überall muss gespart werden. Wir alle müssen Opfer bringen. Überlegen Sie es sich, ob es die Sache Wert ist, sich auszukurieren und dafür die Firma im Stich zu lassen.“
„Ich will doch nicht die Firma im Stich lassen!“, brauste Sascha auf, „Es kann doch nur im Sinne der Firma sein, wenn ich nach ein oder zwei Tagen wieder voll einsatzfähig bin.“
„Wenn Sie dann wieder arbeiten können, mag das sein, Herr Leyden – aber was, wenn es länger dauert? Dann entsteht bereits ein Schaden, dem wir eventuell nur entgehen könnten, wenn wir Sie durch einen gesunden Mitarbeiter ersetzen. Sie wissen selbst, dass es genug Menschen gibt, die nur darauf warten, Ihren Job ebenso gewissenhaft zu machen, wie Sie ihn bisher gemacht haben.“
Sascha war entsetzt und hatte das Gefühl, dass er hier ausgebootet werden sollte, wenn er nicht mitspielte. Er war jedoch nicht bereit, so schnell aufzugeben und meinte:
„Wenn ich könnte, würde ich mich sofort wieder an meinen Platz setzen, Herr Foster. Aber heute geht es einfach nicht, auch wenn Sie mir drohen.“
Foster schüttelte leicht den Kopf.
„Ich drohe Ihnen doch nicht, Herr Leyden – ich zeige Ihnen nur auf, wie die Situation derzeit ist. Ich weiß doch selber, dass Sie ...“
Foster hielt inne und überlegte. Dann fuhr er fort:
„Sagen Sie, Herr Leyden, besitzen Sie eigentlich ein Interface?“
„Natürlich habe ich zu Hause einen Computer mit Internetzugang.“, bestätigte Sascha.
„Nein, das meine ich nicht. Mir ist klar, dass Sie Internetzugang haben – schließlich ist es seit ein paar Jahren Pflicht, einen solchen Zugang zu haben. Was ich meine ist ein Interface.“
Foster sah ihn an und stellte fest, dass er überhaupt nicht zu wissen schien, wovon er sprach.
„Sie müssen doch davon zumindest gehört haben.“, sagte er vorwurfsvoll, „Eine Schnittstelle direkt zum Gehirn. Es wird seit fast zwei Jahren häufig bei Menschen eingesetzt, die körperliche Gebrechen haben, um ihnen eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.“
Sascha überlegte.
„Doch davon habe ich gehört. Aber warum sollte ich so etwas haben? Ich bin nicht gebrechlich. Ich bin nur ein bisschen krank.“
Foster sah ihn intensiv an und meinte:
„Herr Leyden, das ist nicht der Punkt. Flexibilität ist das Stichwort. Sie wollen doch flexibel sein, oder?“
Sascha fiel der Satz von Lara wieder ein. Sie hatte ihm vorhin vor der Tür dasselbe gesagt. Vorsichtig sagte er:
„Sicher bin ich flexibel. Deshalb hatte ich mich ja auch bei Axxium beworben, aber ich verstehe immer noch nicht....“
Foster setzte wieder sein bekanntes Lächeln auf und griff in seine Jackentasche. Er zog ein kleines Kärtchen heraus und reichte es Sascha.
„Sie werden es verstehen, junger Mann. Nehmen Sie diese Karte und suchen Sie diese Adresse auf – am Besten noch bevor Sie nach Hause gehen. Fassen Sie es als Chance auf.“
Sascha wollte noch eine Frage stellen, doch Foster deutete an, dass das Gespräch nun beendet sei. Also erhob er sich und wandte sich zur Tür.
„Erholen Sie sich Herr Leyden.“, sagte Foster, „Aber denken Sie an die Karte.“
Vor der Tür betrachtete Sascha die Karte und las die aufgedruckte Adresse: Axxium – Development inc., Medizinische Interface-Installation, Dr. Med. Paul Görtgen. Die Adresse stimmte mit der seiner Arbeitsstätte überein, demnach musste diese Stelle im selben Gebäude sein. Er hatte noch nie davon gehört, aber im Info-Terminal am Eingang musste ja verzeichnet sein, wo diese Abteilung zu finden war. In diesem Moment schwebte Lara wieder an ihm vorbei und fragte:
„Nun, wie habt Ihr Euch geeinigt?“
Dann sah sie die Karte, die er in der Hand hielt und meinte:
„Ich wusste, dass Du nicht so ein Schlappschwanz bist, wie Harald.“
Sie knippste ihm ein Auge und deutete einen Kuss an, dann schwebte sie davon. Sascha wusste nie, wie er Lara einschätzen sollte. Wollte sie etwas von ihm, oder spielte sie eines ihrer üblichen Spielchen. Aber was soll' s – er hatte ja schließlich Conny.
Sascha ging noch einmal zu seinem Arbeitsplatz zurück und holte seine Jacke und Aktentasche, dann ging er zu den Aufzügen. Intensiv studierte er die Beschriftungen der einzelnen Stockwerke und fand endlich, wonach er suchte: Dr. Med. Paul Görtgen, Interf.-Inst. Er hatte diesen Eintrag zwar schon gesehen, ihm aber keine Bedeutung beigemessen. Also drückte er den Knopf neben dem Namen und fuhr in die neunte Etage. Als sich die Fahrstuhltür öffnete, betrat Sascha eine andere Welt – weiß, steril und futuristisch gestylt. Ein hübsches Mädchen an der Anmeldung fragte ihn, ob er eine Anmeldekarte erhalten habe. Sascha händigte ihr die kleine Karte aus, die er von Foster erhalten hatte – etwas Anderes hatte er ja nicht. Das Mädchen war jedoch zufrieden und tippte etwas auf ihrem Computer herum.
„Können Sie mir bitte Ihre Personalnummer geben?“, fragte sie.
Sascha diktierte ihr die Nummer, worauf sie auf einen der Sitze in der Anmeldung zeigte und sagte:
„Bitte haben Sie noch ein paar Minuten Geduld, Herr Leyden, man wird sich gleich um Sie kümmern.“
Sie zögerte kurz, dann fügte sie hinzu:
„Hat man Ihnen schon in Ihrer Abteilung ein paar Einzelheiten erläutert? Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen? Sie haben es sich auch gut überlegt?“
Sascha, noch etwas verwirrt, wegen der Ereignisse des Morgens und die ungewohnte Umgebung, war durch diese Fragen für den Augenblick völlig überfordert und stammelte:
„Oh, was? Ja, ich denke schon.“
Sie zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Sascha nahm Platz und griff nach einer der dort herum liegenden Zeitschriften. Er kam sich vor, wie beim Zahnarzt. Seine Kopfschmerzen waren schon viel schwächer geworden. Sascha wusste, dass es sich hier nur um eine Art Wartezimmersyndrom handeln konnte, denn er fühlte sich noch immer fiebrig. Nach wenigen Minuten kam das Mädchen der Anmeldung aus ihrem Kommandostand heraus und trat auf ihn zu.
„Würden Sie mir bitte folgen?“, fragte sie mit einem Lächeln, dem Sascha überall hin gefolgt wäre.
„Benimm Dich nicht so verdammt unreif!“, schalt er sich in Gedanken, „Sie macht hier einen Job, wie Du ihn da unten in der Abteilung auch machst.“
Er folgte ihr durch mehrere kurze Gänge bis in einen ärztlichen Behandlungsraum.
„Ich bringe Ihnen Herrn Leyden, Dr. Görtgen.“, sagte seine Begleiterin und ging dann wieder weg.
Dr. Görtgen war ein untersetzter, etwa fünfzig Jahre alter Mann, der einen sehr kompetenten Eindruck machte. Er blickte von irgendwelchen Unterlagen – die er gerade begutachtete – hoch und stand auf. Er kam auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand.
„Sie sind also der junge Mann, der sich entschlossen hat, sich der Gruppe der Interface-User anzuschließen?“
„Nun, eigentlich weiß ich überhaupt nicht, was ich hier soll.“, sagte Sascha wahrheitsgemäß. Dr. Görtgen deutete auf einen Stuhl und bat ihn, sich zu setzen.
„Es ist immer dasselbe.“, sagte er, „Nie erklären sie den Leuten, worum es geht. Also, ich nehme an, sie wollten sich krank melden – denn Sie wirken nicht so, als wenn es Ihnen wirklich gut geht.“
Er wartete die Antwort nicht ab und erzählte weiter:
„In unserer gegenwärtigen Lage kann es sich kein Arbeitgeber leisten, auf die Arbeitskraft seiner Mitarbeiter zu verzichten, nur weil sie krank sind. Normalerweise gibt es kein Arbeitsgericht in diesem Staat mehr, das einer betriebsbedingten Kündigung aus diesem Grunde Steine in den Weg legen würde. Doch gibt es seit Jahren eine Möglichkeit, diese Unpässlichkeit von Mitarbeitern zu überbrücken. Leider wurde diese Möglichkeit lange nicht als solche erkannt. Eine für behinderte und gebrechliche Menschen geschaffene Technologie hilft uns hier weiter: Das Interface. Sie wissen, was das ist?“
Sascha schüttelte den Kopf und sagte: „Nicht genau. Ich weiß nur, dass es bei körperlich Behinderten eingesetzt wird, um ihnen einen Zugang zum Internet zu ermöglichen, damit sie Kontakte pflegen oder im Notfall Hilfe herbeiholen können.“
„Das ist ein Aspekt der Sache.“, stimmte Dr. Görtgen zu, „Aber das Interface ist noch viel mehr. Es kann Ihnen helfen, Ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen, wenn Sie sich körperlich nicht in der Lage fühlen, ins Büro zu gehen.“
„Sie meinen, ich könnte von zu Hause aus arbeiten, ohne ins Büro zu gehen? Ich könnte mich auskurieren und trotzdem arbeiten?“
Dr. Görtgen lachte:
„Sie haben es erfasst.“
Er schaltete einen Bildschirm ein, auf dem eine schematische Darstellung von einem Mechanismus zu erkennen war.
„Das Einzige, was Sie benötigen, ist dieses Interface. Es wird im Bereich Ihres Hinterkopfes in Ihr Gehirn eingesetzt und hier und hier...“,
er deutete auf den Bildschirm,
„..mit den Synapsen Ihrer Großhirnrinde verschweißt. Das Gerät benötigt so gut wie keine Energie und versorgt sich durch die angeschlossene Computerschnittstelle mit der notwendigen Energie. Ein Versagen des Interfaces ist quasi ausgeschlossen.“
Sascha glaubte seinen Ohren nicht zu trauen.
„Sie wollen ernsthaft dieses Ding da direkt in mein Gehirn pflanzen und ich soll es dann mit einem Kabel an den Computer anschließen?“
„Zur Zeit geht es leider noch nicht anders.“, sagte Dr. Görtgen entschuldigend, „Wir arbeiten an einer drahtlosen Möglichkeit, aber alle zur Zeit bekannten Verfahren sind noch zu anfällig und können das Gehirn schädigen, da Sender und Empfänger direkt im Gehirn liegen. Der kabelgebundene Anschluss hingegen ist technisch ausgereift.“
„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Sie müssten mir den Schädel aufschneiden – ich könnte sterben.“
„Dieses Argument hört man oft, gilt aber heute nicht mehr, Herr Leyden.“, erklärte Dr. Görtgen, „Wir sind heute so weit, dass wir Ihnen das Modul ambulant einsetzen und Sie danach allein nach Hause gehen lassen können. Es ist absolut schmerzfrei – abgesehen von einem leichten Druckschmerz in den ersten Tagen, bis sich das Hirn an den Fremdkörper gewöhnt hat. Ich würde vorschlagen, dass wir es jetzt gleich einsetzen – was meinen Sie? Der Zeitpunkt wäre ideal. Sie könnten die Zeit, die Sie brauchen, um wieder fit zu werden, nutzen, um sich an das Interface zu gewöhnen.“
„Ich weiß nicht recht.“, sagte Sascha, „Das alles nur, um den Job nicht zu verlieren? Mir gefällt der Gedanke nicht, dass Sie an meinem Hirn herumfummeln müssen.“
„Sie müssen es selbst wissen, junger Mann.“, sagte Dr. Görtgen, „Viele von Ihren Kollegen haben bereits ein solches Interface und sind sehr zufrieden damit. Wenn Sie es nicht brauchen, müssen Sie es ja nicht benutzen. Es wird durch Ihre Haare verdeckt und ist normalerweise nicht sichtbar. Nur, wenn Sie es brauchen, wie in Ihrer gegenwärtigen Situation, kann es ihnen die finanzielle Existenz retten. Sie sind noch jung. Sie müssen auch an Ihre Zukunft denken. Vielleicht wollen Sie irgendwann eine Familie gründen. Sie wissen selbst – wenn Sie erst mal aus dem Arbeitsprozess heraus sind, kommen Sie nur schwer wieder hinein.“
Dr. Görtgen ließ Sascha noch etwas Zeit, sich zu entscheiden, dann sagte er nach einiger Zeit:
„Ich muss Sie allerdings darauf hinweisen, dass das Angebot der Firma nur einmal gemacht wird. Wenn Sie jetzt ablehnen, wird man es Ihnen als Desinteresse an Ihrem Job auslegen.“
„Gut, dann machen Sie es.“, hörte Sascha sich sagen und hatte dabei das Gefühl, als wenn jemand Anderes die Entscheidung getroffen hätte.
Dr. Görtgen schien nie daran gezweifelt zu haben, wie Sascha sich entscheiden würde, denn unmittelbar nach dieser Äußerung zog dieser ein paar Formulare aus seiner Schublade.
„Diese Unterlagen lesen Sie bitte gründlich durch und unterschreiben sie danach eigenhändig.“, sagte er, „Die Firma will nur, dass nicht später irgendwelche Forderungen von Seiten der Mitarbeiter geltend gemacht werden können – eine reine Formalität.“
Wie automatisch las Sascha die Bögen durch und setzte seinen Namen unter die Formulare. Nun war es geschehen – er hatte sich auf Gedeih und Verderb seiner Firma ausgeliefert. Was würde Conny dazu sagen? Würde sie Verständnis dafür haben, oder würde sie entsetzt reagieren. - Müßig sich darüber noch Gedanken zu machen – er hatte sich entschieden.
Sascha wurde in einen weiteren Behandlungsraum geführt, wo er sich mit nacktem Oberkörper auf einer Liege auf den Bauch legen musste. Über der Liege schwebte – gehalten durch eine massive Halterung an der Decke – ein chromblitzender Automat, dessen Funktion nicht zu erraten war. Das Mädchen von der Anmeldung kam wieder herein und fixierte Saschas Schultern und Kopf mit etlichen einstellbaren Halterungen. Als sie fertig war, konnte er sich keinen Millimeter mehr bewegen. Da in die Liege eine Aussparung für das Gesicht eingearbeitet war, konnte Sascha nun auch nicht mehr sehen, was sich über und hinter ihm abspielte. Lediglich die Stimme von Dr. Görtgen konnte er hören:
„Wir werden jetzt jeden Moment mit der Implantation beginnen. Sie werden einen kleinen Einstich spüren, danach wird Ihr Hinterkopf sich einfach nur kalt anfühlen. Es ist nicht ganz angenehm, aber es wird auszuhalten sein.“

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