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Leseprobe: Iloo - die andere Welt - Ankunft in Iloo

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  • 2. Ankunft in Iloo

Als Rainers Denken wieder einsetzte, war es vollkommen dunkel um ihn. Er war verwirrt und desorientiert. Vorsichtig versuchte er, zu ertasten, wo er sich befand, doch konnte er sich nicht so bewegen, wie er es gern gewollt hätte. Etwas schien ihn festzuhalten. Die Dunkelheit war absolut undurchdringlich. Leise Panik machte sich in ihm breit. War er etwa lebendig begraben worden? Krampfhaft versuchte er, sich zu erinnern, wie er in diese Lage gekommen sein konnte.

»Für das hier muss es eine vernünftige Erklärung geben«, dachte er. »Ich darf jetzt nicht durchdrehen.«

Plötzlich fiel es ihm wieder ein: der Autounfall. Der letzte Eindruck vor dem Aufprall auf den LKW war ihm noch im Gedächtnis, wie auch der stechende Schmerz, der darauf gefolgt war. Rainer war sich sicher, dass man einen solchen Aufprall bei der hohen Geschwindigkeit eigentlich nicht überleben konnte. Trotzdem hockte er hier im ... was auch immer und konnte darüber nachdenken. Also hatte er es überlebt. Aber wieso konnte er nichts sehen? War er etwa blind?

Jetzt registrierte er auch die Schmerzen, die seinen ganzen Körper wie in Feuer tauchten. Ein Stöhnen entrann seiner Kehle. Er versuchte erneut, sich zu bewegen, doch allein der Versuch verursachte unerträgliche Schmerzen.

»Er kommt zu sich«, sagte jemand. Er versuchte herauszufinden, wer da gesprochen hatte. Vielleicht war es ein Arzt? Rainer bemühte sich, etwas zu sagen, konnte aber keinen artikulierten Satz hervorbringen.

»Du darfst jetzt nicht sprechen«, sagte die Stimme wieder. »Du hast Glück, dass du überhaupt noch lebst. Die Explosion war gewaltig. Wir mussten dich in einen Kokon stecken.«

Was hatte das zu bedeuten? Welche Explosion hatte es gegeben? Sollte sein Autounfall noch schlimmere Folgen gehabt haben? Wer war bei ihm? Es klang nicht nach einem Arzt. Wen kannte er, der sich um ihn kümmern würde? Ellen? Dummes Zeug - Sie wusste vermutlich nicht einmal, dass er hier lag. Es versetzte ihm einen Stich, als er begriff, dass sie nie mehr bei ihm sein würde. Er versuchte erneut, zu sprechen, doch es kamen nur einige krächzende Laute dabei heraus. In was für einem Kokon steckte er eigentlich? Rainer hatte noch nie von so etwas gehört. Was war mit seinen Augen geschehen? Es gab einfach zu viele Fragen. Obwohl die Schmerzen in seinem Körper ihn fast überwältigten, lauschte er dennoch aufmerksam auf die Geräusche, die von außen in seinen mysteriösen Kokon drangen. Eine Tür wurde geöffnet und jemand kam herein. So sehr er sich auch bemühte, konnte er jedoch keine Schritte hören. Die Person schien sich sehr leise zu bewegen. Jemand sprach leise, und er konnte zunächst nichts verstehen, bis eine fremde Stimme - offenbar die Stimme desjenigen, der den Raum betreten hatte - lauter wurde.

»Schweig! Die Anweisung war klar. Du solltest mich sofort informieren, wenn er wach wird! Ihr seid wirklich zu nichts zu gebrauchen!«

»Ich dachte doch nur ...«, sprach die erste Stimme unterwürfig, wurde jedoch barsch unterbrochen: »Denken!? Ihr sollt gehorchen und nicht denken! Ich werde es deinem Herrn melden, sobald er wieder bei Bewusstsein ist. Dann kann er selbst das Maß deiner Sühne bestimmen.«

Der Andere sagte nun nichts mehr. Was wurde hier eigentlich gespielt? Leise Schritte kamen näher, und die energische Stimme sprach wieder: »Ich weiß, dass Sie mich hören können. Sprechen Sie jetzt nicht. Es gab einen Unfall. Ihre Haut ist in Mitleidenschaft gezogen worden und Sie haben ein Schädeltrauma erlitten. Wir haben Sie einer neuartigen Behandlungsmethode unterzogen und Sie in einen Kokon mit speziellen Wirkstoffen gesteckt. Versuchen Sie am besten zu schlafen. Ich komme in einigen Stunden wieder vorbei - dann holen wir Sie da raus. Mit etwas Glück lässt sich sogar Ihr Haar retten.«

Rainer versuchte trotzdem, etwas zu sagen, doch es kam nichts Verständliches heraus. Was sollte das bedeuten: Die Haare wären zu retten? Wenn er eine Kopfverletzung erlitten hatte, wäre es um die paar Haare, die er noch auf dem Kopf trug, sicher nicht schade. Die Schritte entfernten sich wieder. Er fragte sich, ob die Person, die zuerst da war, auch jetzt noch bei ihm war, und versuchte, sich bemerkbar zu machen. Mehr als ein Stöhnen und Krächzen kam nicht dabei heraus. Irgendwie konnte Rainer seine Lippen nicht richtig bewegen. Es fühlte sich eigenartig an. Offenbar war er jedoch nicht allein, denn sofort sprach die Stimme wieder: »Bitte rede nicht so viel und versuche lieber, etwas zu schlafen. Ich werde wachen und aufpassen.«

Ein weiteres Mal fragte sich Rainer, wer da bei ihm war. Die Stimme war ihm vollkommen fremd. Sie klang durchaus angenehm, hatte jedoch einen etwas unterwürfigen Ton. Vielleicht war es besser, wenn er versuchte, etwas zu schlafen, wie es der andere vorgeschlagen hatte. Die Schmerzen machten ihm noch eine Weile zu schaffen, doch sie erschöpften ihn auch, sodass er nach einiger Zeit tatsächlich einschlief.

* * *

Rainer wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er durch Stimmen geweckt wurde.

»So, jetzt wollen wir mal sehen, ob der Kokon das geleistet hat, was wir uns davon versprechen«, sagte die Stimme, die er schon früher gehört hatte. Er vermutete, dass sie einem der Ärzte gehörte.

»Ich werde Ihnen jetzt sagen, wie es weitergeht. Wir werden das Zimmer abdunkeln, damit sich Ihre Augen langsam an das Licht gewöhnen können. Entspannen Sie sich, ich werde nun die Verriegelung des Kokons öffnen.«

Ein leises Klicken ertönte im Innern des Kokons und schwaches Licht fiel herein. Die Oberseite des Kokons wurde zurückgeklappt und Rainer war unendlich froh, dass er sein Augenlicht nicht verloren hatte. Es war zwar dunkel im Zimmer, doch er konnte die Zimmerdecke erkennen und einen runden Beleuchtungskörper. Es wunderte Rainer, dass er nahezu jedes Detail der strukturierten Decke erkennen konnte, zumal ohne Brille. Er versuchte, den Kopf zu drehen, doch eine Polsterung in der Unterseite des Kokons verhinderte es.

»Langsam die Helligkeit erhöhen!«, befahl die Stimme und Rainer versuchte, den Sprecher im Raum auszumachen. Es wurde etwas heller im Zimmer und er wurde geblendet.

»Warten Sie, ich werde Ihnen helfen, sich aufzusetzen.«

Eine Hand griff nach seiner Hand und zog ihn hoch. Rainer griff zu und versuchte, sich hinzusetzen.

»Au!«, rief der Andere und zog rasch seine Hand weg. »Was fällt Ihnen ein? Beherrschen Sie sich gefälligst. Ich will Ihnen doch nur helfen!«

Rainer sah in die Richtung, aus der gesprochen worden war und erhielt einen gewaltigen Schreck. Vor ihm stand eine Gestalt mit einem Katzengesicht, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Hand hielt.

Rainer starrte das Wesen vor sich fassungslos an. Das war doch nicht möglich! Eine riesige, aufrecht gehende Katze stand vor ihm und sprach zu ihm. Der Unfall musste, trotz allem, erheblich heftiger ausgefallen sein, als er im ersten Moment angenommen hatte. Es konnte sich hier nur um einen Streich seiner Sinne handeln. Vielleicht fantasierte er auch nur, und er bildete sich ein, aufgewacht zu sein. Rainer schloss seine Augen und hoffte, dass dieses Katzenwesen verschwunden war, wenn er sie wieder öffnete.

»Ich will mal vermuten, dass Sie sich noch nicht wieder unter Kontrolle hatten«, sagte die Stimme wieder, die er bereits vernommen hatte, als es um ihn herum noch dunkel gewesen war. »Aber Sie sollten die Kontrolle über Ihre Krallen möglichst schnell zurückgewinnen, sonst wird Ihnen das nur unnötigen Ärger einbringen.«

Krallen? Rainer öffnete vorsichtig seine Augen. Die Katzengestalt war noch da und blickte ihn forschend an. »Meinen Sie, dass Sie zurechtkommen?«, fragte sie. »Sie wirken desorientiert. Vielleicht sollte ich Ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel verabreichen. Nach Verletzungen, wie sie bei Ihnen vorlagen, sind manche Patienten traumatisiert, aber ich darf Ihnen versichern, dass sich das geben wird. Sie müssen nur etwas Geduld haben. Ich muss noch einige andere Patienten aufsuchen, sehe aber nachher noch einmal nach Ihnen. Gewöhnen Sie sich einfach langsam ein. Ihre Dienerin ist ja auch da und kann sich um Ihr Wohl kümmern.«

Das Wesen näherte sich Rainer und tätschelte ihm leicht mit einer seiner Pfoten den Kopf. Rainer zuckte unwillkürlich zurück, als fürchte er, dass es ihn mit ihren Krallen schlagen könnte. Er fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals. Seine Halluzinationen waren nicht vergangen. Im Gegenteil: sie hatten sich nach dem zweiten Öffnen seiner Augen noch mehr manifestiert. Verdammt, er wollte endlich aus diesem irrsinnigen Traum aufwachen. Schweigend sah er diesem Katzenäquivalent eines Arztes hinterher und sah, wie die Gestalt eine Tür öffnete und sie hinter sich schloss. Rainer seufzte und kratzte sich am Kopf. Was er sah, ließ ihn aufschreien. Sein kompletter Arm war mit einem gelblichen Fell überzogen! Fell an seinem Arm? Er streckte mit fahrigen Bewegungen seinen Arm aus. Das Bild blieb: Ein muskulöser Arm mit einem gelblichen Fell, der in einer Hand mit drei Fingern und einem Daumen endete. Fasziniert betrachtete er seinen Arm und seine Hand. Versuchsweise öffnete und schloss er sie. Es war definitiv sein Arm und seine Hand - aber vier Finger? Er streckte auch den zweiten Arm aus, doch dieser unterschied sich nicht wesentlich vom anderen Arm. Rainer wusste nicht genau, ob es nun Entsetzen oder Faszination war, als er entdeckte, dass an den Enden seiner Finger Krallen waren, die er ein- und ausfahren konnte. Er strich mit der rechten Hand über seinen linken Arm und spürte jedes einzelne Härchen unter seinen Fingern. Konnte man so etwas träumen? Er weigerte sich, es als Realität anzuerkennen. Es gab - verdammt noch mal - keine aufrecht gehenden, sprechenden Katzen, und erst recht war er keine von ihnen. Er war Rainer Kornmänger. Sicher hatte er sich selbst durchaus immer als einen besonderen Menschen wahrgenommen, aber zumindest als Menschen, und nicht als irgendein Tier! Er schloss wieder seine Augen und atmete schwer. Er würde versuchen, noch etwas zu schlafen und dann würde die Welt sicher wieder so sein, wie sie sein sollte ...

Ein paar Minuten lang versuchte er, wieder einzuschlafen, doch er war einfach nicht müde genug. Er wollte seine Augen öffnen, doch wagte er es nicht, da er befürchtete, dass die Illusion einer vierfingerigen Hand und einem Arm mit dichtem Pelz noch immer nicht vorbei sein könnte. Ihm fiel mit einem Mal ein, dass die große Katze von einer Dienerin gesprochen hatte. War er etwa nicht allein?

Er riss seine Augen auf und sah sich hektisch um. Da war es, dieses zweite Wesen. Es war etwas kleiner als die Arztkatze, aber es war ebenfalls eine aufrecht stehende Katze. Sie stand verschüchtert an der Seite und rührte sich nicht. Sie sah ihn zwar aus ihren grünen, geschlitzten Augen an, doch sagte sie nichts. Vielleicht konnte sie ja auch nicht sprechen. Ein Funke der Hoffnung glomm in ihm auf, dass die Welt doch nicht ganzso verdreht war, wie es jetzt den Anschein hatte. Er würde es jetzt testen und sie direkt ansprechen.

Rainer wollte eine Frage stellen, doch hatte er Probleme, mit seinen Lippen zurechtzukommen. Sein erster Versuch war daher ein haltloses Gestammel. Er winkte dem Katzenwesen, näher zu kommen, worauf es sich in demütiger Haltung näherte. Rainer machte einen weiteren Versuch. »Was geht hier vor?«

Das war schon besser, wenn seine Stimme auch einen fremden Klang hatte.

Das Wesen blickte erleichtert. »Herr, du kannst ja doch sprechen!«

»Wieso nennst du mich Herr? Wie ist dein Name?«

Das Katzenwesen blickte ihn verblüfft an. Woher wusste er überhaupt, dass es ein verblüffter Blick war?

»Du bist mein Herr. Deshalb nenne ich dich so. Ich bin Innilu - deine Dienerin. Erinnerst du dich gar nicht?«

Rainer schüttelte den Kopf.

»Ich weiß überhaupt nichts. Da war dieser ... Unfall und dann ... Sag mir: Bin ich verrückt?«

»Wieso fragst du sowas, Herr? Wieso solltest du verrückt sein?«

»Liegt das nicht auf der Hand? Ich bilde mir ein, ich sei von Katzen umgeben. Meine eigenen Arme erscheinen mir wie die einer Katze. Selbst du - wer immer du bist - siehst für mich aus wie eine Katze. Wenn das nicht verrückt ist, weiß ich es nicht.«

»Katze?«, fragte das Wesen. »Was ist eine Katze? Ich habe dieses Wort noch nie gehört, aber ich bin auch nur eine dumme Dienerin.«

Rainer stemmte sich ein wenig von seiner Liege hoch und sah sie kritisch an.

»Dafür, dass du noch nie von Katzen gehört haben willst, siehst du aber sehr nach einer aus. Vielleicht bin ich aber auch nur ein Verrückter. Vielleicht sollte ich auf den Arzt warten und sein Angebot, mir ein Beruhigungsmittel zu geben, eingehen. Wie war noch mal dein Name?«

»Innilu, Herr. Mein Name ist Innilu.«

»Innilu? Was ist denn das für ein merkwürdiger Name? Von wo stammst du, Innilu?«

»Entschuldige Herr, wenn ich vorlaut bin, aber Innilu ist ein ganz normaler felidischer Name. Ich stamme, wie du vom Turm der Wissenschaftler, nur dass ich nur eine Dienerin bin. Ich bin dir schon lange zu Diensten. Erinnerst du dich denn überhaupt nicht?«

»Felidischer Name? Turm der Wissenschaftler? Ich versteh überhaupt nichts mehr. Wo hat man mich hingeschafft? Ich will einfach nur nach Hause. Kannst du mir helfen, nach Hause zu gelangen, wenn du doch meine Dienerin bist?«

»Herr, das kann ich nicht entscheiden. Du bist hier im Turm der Heilergilde. Man wird uns zurücksenden, wenn man überzeugt ist, dass du vollständig wiederhergestellt bist - wenn du wieder gesund bist.«

Rainer krabbelte umständlich aus der Bodenschale seines Kokons und versuchte, sich hinzustellen. Dabei bemerkte er, dass er keinerlei Kleidung am Körper trug, der jedoch mit feinem, dichten Fell bedeckt war. Sein Körper machte äußerlich einen durchtrainierten Eindruck. Interessiert spielte er mit den Muskeln seiner Arme und seiner Beine, wobei er registrierte, dass er den Körper aufrecht hielt wie ein Mensch - nur, dass es kein menschlicher Körper war. Wenn dies hier alles wirklich geschah - wie war er in diesen Körper gelangt? Wo befand er sich überhaupt? Zum ersten Mal sah er Innilu genauer an. Auch sie hatte ein durchgehendes, dichtes Körperfell, das vom Nacken her zum Kopf hin einen rötlichen Schimmer hatte. Der Rest des Körpers war gelblich und leicht gefleckt. Am gewöhnungsbedürftigsten war das Gesicht. Es war das typische Gesicht einer Katze - allerdings mit dem Ausdruck von Intelligenz hinter den geschlitzten grünen Augen. Er sah, dass Innilus Gesicht von feinen Schnurrhaaren eingefasst war. Vorsichtig näherte er sich seinem eigenen Gesicht mit einer Hand und spürte das leichte Kitzeln, als er seine eigenen Schnurrhaare berührte. Irgendetwas war geschehen, und das war alles andere als normal. Er steckte definitiv im Körper einer dieser Katzen - jedenfalls fühlte sich dieser Körper so an, als wäre es seiner. Er spürte eine Bewegung und drehte seinen Kopf, um zu sehen, was es gewesen war. Was er entdeckte, beruhigte ihn nicht unbedingt, denn er erblickte einen langen Schwanz, der sich leicht bewegte. Vorsichtig tastete er danach und stellte fest, dass es seiner war. Rainer hatte geglaubt, dass ihn nicht mehr viel aus der Bahn werfen konnte, doch er hatte sich geirrt. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen zu schwanken schien. Das alles schien real zu sein, obwohl es nur dem Hirn eines Wahnsinnigen entsprungen sein konnte.

»Was ist mit dir, Herr?«, fragte Innilu und sprang ihm zur Seite, um ihn zu stützen. Rainer fing sich wieder und hielt sich am Rand des Kokons fest.

»Es geht schon.« Er schob ihre Hand weg. Innilu machte ein trauriges Gesicht und blickte zu Boden. Hatte er etwas falsch gemacht? Rainer trat auf sie zu und hob ihren Kopf mit seiner linken Hand vorsichtig an, wobei er sich krampfhaft darauf konzentrierte, nicht seine Krallen auszufahren, was ihm auch gelang. Er betrachtete das Katzenwesen Innilu, wie man ein seltenes Tier oder ein Insekt betrachtet - nicht mit einem bestimmten Gefühl, sondern allenfalls interessiert. Er verglich ihre Erscheinung mit seinem eigenen Körper.

Innilu sah ihn ängstlich an und versuchte, ihren Kopf zurückzuziehen, um ihn wieder zu senken.

»Warum siehst du mich nicht an?«

»Ich darf es nicht«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Ich bin deine Dienerin und es steht mir nicht zu, in deiner Gegenwart den Blick zu heben, wenn du es mir nicht ausdrücklich gestattest.«

»Du bist also meine Dienerin? Was bedeutet das? Bist du so etwas, wie eine Haushälterin?«

Innilu blickte kurz auf, senkte dann aber wieder ihren Blick. »Verzeihung, aber ich verstehe nicht, was du meinst, Herr. Ich bin deine Dienerin und muss dir gehorchen.«

In Rainers Kopf drehte sich alles. Er war plötzlich ein riesengroßer Kater, hatte eine Katze als Dienerin und schien sich in einer, ihm vollkommen fremden Welt zu befinden. War er nach seinem Unfall etwa gestorben, und das hier war sein privates Fegefeuer? War es gar der Himmel? Oder die Hölle? Er musste es herausfinden, wenn er nicht seinen Verstand verlieren wollte.

»Behandle ich dich gut, Innilu?«

Innilu wusste nicht, wie sie auf diese Frage reagieren sollte. Manche Herren stellten ihren Dienerinnen manchmal solche Fragen und züchtigten sie dann, wenn ihnen die Antwort nicht gefiel. Bisher jedoch hatte ihr Herr ihr solche Fragen nicht gestellt.

»Ich hab dich etwas gefragt. Wenn du mir gehorchen musst, möchte ich, dass du mir diese Frage beantwortest.«

»Ja Herr, ich kann nicht klagen. Du hast mich bisher immer nur geschlagen, wenn ich es auch verdient und einen Fehler begangen habe.«

Rainer war wie vor den Kopf geschlagen. »Ich habe dich tatsächlich geschlagen?«

Innilu nickte einmal. »Du musst das doch wissen. Herren schlagen ihre Dienerinnen, wenn sie nicht folgsam waren, oder Fehler begangen haben. Manche tun das ständig und oft ohne Grund. Du bist ein guter Herr. Ich bekomme nicht häufig Schläge.«

Sie hoffte, dass sie die richtige Antwort gegeben hatte.

Rainer konnte es nicht fassen. Offenbar war er in die Identität und den Körper eines Wissenschaftlers dieser eigenartigen Welt geschlüpft und hatte nun sogar eine Dienerin. Er konnte nur nicht glauben, dass er dieses andere Wesen - diese Katze - mit Schlägen züchtigte. Es schien eine gewalttätige Welt zu sein. Er hoffte nur, dass er nicht bis in alle Zeit hier gefangen sein würde. Ihm war daran gelegen, sein altes Leben zurückzubekommen, auch wenn es zuletzt nicht mehr, als ein Trümmerhaufen gewesen war. Aber jetzt war er erst einmal hier und hatte keine Ahnung, wie man hier zurechtkommen konnte.

* * *

»Das wird ab jetzt nicht wieder geschehen, Innilu!«, sagte er. »Kein Mann sollte eine Frau schlagen.«

Innilu sah kurz auf, bevor sie wieder ihren Blick senkte. Rainer hatte jedoch erkennen können, dass eine hintergründige Wut in Innilus Augen zu erkennen war, was so gar nicht zu der unterwürfigen Art passte, die sie bisher gezeigt hatte.

»Wolltest du etwas sagen? Dann sieh mich an und sprich es aus. Ich will es hören.«

Innilu hob ihren Kopf und Rainer sah, dass es wirklich Wut war, die aus ihren Augen hervorstach.

»Das sagst du, Herr?«, fragte Innilu. »Du bist doch der Repräsentant der konservativen Liga im Rat. Du Herr, hast doch das Gesetz zur Disziplinierung der Frau in den Rat eingebracht. Und nun, Herr? Jetzt willst du mir sagen, dass du auf weitere Züchtigungen verzichten willst?«

Man konnte Innilu ansehen, dass sie über ihren Mut selbst überrascht war. Instinktiv nahm sie wieder ihre demütige Haltung an, um die Strafe für ihre Entgleisung nicht zu hart ausfallen zu lassen. Doch als nichts geschah, hob sie langsam den Kopf und sah Rainer an. Ein amüsiertes Blitzen war in seinen Augen zu sehen. »Ganz so demütig scheint mir die Dienerin Innilu nicht zu sein, nicht wahr? Du hast mehr in deinem kleinen Kopf, als du vorgibst. Du musst mir unbedingt berichten, was ich für ein Mensch bin, was ich bisher getan habe, und so weiter. Ich will wissen, wer ich bin, denn ich kann mich wirklich an überhaupt nichts erinnern.«

Innilu hob vorsichtig ihren Blick, um Rainer anzusehen. Es war eine Ungeheuerlichkeit von ihr, Inolak seinen Gesetzesentwurf zur Disziplinierung der Frau vorzuwerfen. Instinktiv wappnete sie sich gegen die zu erwartende Strafe. Zwar hatte Inolak eben erst gesagt, dass er sie nicht schlagen würde, doch was hatte es schon zu bedeuten, wenn ein Mann solche Versprechungen machte? Innilu war verwirrt. Inolak war ein brillanter Wissenschaftler und sie war stolz darauf, ihm, und nicht einem der anderen Wissenschaftler, zu dienen. Einige der anderen Frauen der Gilde wurden von ihren Herren wie Sklavinnen gehalten und mussten in erster Linie niedere Arbeiten verrichten und die sexuellen Bedürfnisse ihrer Herren befriedigen. Inolak war da etwas anders. Er liebte es, sie ständig um sich zu haben, und sich rund um die Uhr von ihr bedienen zu lassen. Natürlich gehörte es auch zu ihren Pflichten, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, doch das störte sie nicht sonderlich, da Inolak kein gewalttätiger Mann war. Innilu mochte es, dass Inolak oft jemanden brauchte, dem er seine Ideen und Theorien erklären konnte. Nicht, dass sie alles verstand, was er erzählte. Inolak brauchte es aber, um sich über manche Dinge selbst klar zu werden, und sie profitierte davon, indem sie Dinge erfuhr und lernte, die andere Frauen niemals erfuhren. Das hatte schon dazu geführt, dass Innilu innerhalb der Gruppe der Dienerinnen der Wissenschaftler-Gilde isoliert war. Viele Frauen hatten den Eindruck, dass Innilu sich als etwas Besseres betrachtete. Dass es sich nicht so verhielt, musste Innilu allerdings oft genug am eigenen Leib erfahren, wenn sie zum Beispiel einen Fehler gemacht, oder einen Befehl Inolaks nicht zu dessen Zufriedenheit ausgeführt hatte. Dann bekam sie Inolaks Zorn zu spüren, und dann konnte es durchaus geschehen, dass sie Schläge erhielt. Im Großen und Ganzen war Innilu nicht unzufrieden mit ihrer Situation. Sie war halt eine Frau, und damit waren ihre Möglichkeiten eben begrenzt.

Als die Explosion in Inolaks Labor stattfand, befand sie sich auf einem Botengang für Inolak. Es hatte sie zutiefst erschreckt, als sie davon erfahren hatte, doch es war nicht so sehr der Schreck eines Verlustes, der ihr zu schaffen gemacht hatte, sondern vielmehr der Gedanke, nun einem anderen Mann zugeteilt zu werden, der womöglich härter mit ihr umspringen würde als Inolak. So war ihre Erleichterung groß, als man feststellte, dass Inolak zwar schwer verletzt, jedoch nicht tot war. Lomak, der Älteste der Wissenschaftler-Gilde, hatte sofort einen Transfer zum Turm der Heiler-Gilde veranlasst und ihr befohlen, nicht von Inolaks Seite zu weichen, während er sich in der Obhut der Heiler befand. So war Innilu mit dem Schwerverletzten gereist und wachte Tag und Nacht bei ihrem Herrn. Sie musste feststellen, dass die Frauen der Heiler-Gilde offenbar denselben Status hatten, denn die Heiler nahmen von ihr meist keinerlei Notiz, und gaben ihr nur von Zeit zu Zeit einen Befehl in Bezug auf die Versorgung Inolaks - meist mit der Drohung verbunden, sie würden dem Patienten zu gegebener Zeit von ihrem Fehlverhalten berichten. Die Umgebung der Krankenstation im Turm war an sich schon beeindruckend und so bemühte sich Innilu, möglichst unauffällig zu bleiben und die Anweisungen exakt auszuführen. Nun war ihr Herr wieder wach und stand auf wackeligen Beinen vor ihr. Er gab ihr Rätsel auf. Es mussten die Folgen der Explosion sein. Inolak wusste nichts von ihr - er kannte nicht einmal seinen eigenen Namen. Er sprach davon, dass Frauen von Männern nicht geschlagen werden sollten. Wollte er sie prüfen? Sie wollte jetzt keinen Fehler machen. Sie fragte sich, was hier eigentlich vorging. Und überhaupt, wovon sprach er da eigentlich?

»Was ist ein Mensch, Herr? Ich habe dieses Wort noch nie gehört«, fragte sie.

»Noch nie gehört?«, entfuhr es Rainer. »Wir alle sind ...« Rainer unterbrach sich mitten im Satz. »Was sind wir denn eigentlich wirklich?«

»Wir sind natürlich Feliden - die höchste Lebensform auf Iloo.«

Rainer murmelte: »Mein Gott, wie weit bin ich eigentlich von zu Hause weg?«

»Was sagtest du, Herr?«

Rainer nahm auf einer der eigenartig aussehenden Sitzgelegenheiten seines Krankenzimmers Platz. Erst als er beinahe saß, erkannte er den Grund für die seltsamen Aussparungen in Lehne und Sitz: Sie ermöglichten es Trägern von Schwänzen, sich normal hinzusetzen. Er deutete auf den Sitz neben sich und bat Innilu, neben ihm Platz zu nehmen. Sie zögerte noch einen Moment, bis Rainer fast die Geduld verlor.

»Muss ich dir erst befehlen, dich neben mich zu setzen?«

Innilu nahm zögernd Platz. »Dienerinnen dürfen niemals neben ihrem Herrn sitzen. Eigentlich müsste ich zu deinen Füßen sitzen.«

Sie wollte schon vom Sitz rutschen, als Rainer ihr seine große Hand auf den Oberschenkel legte, um sie zurückzuhalten. Es war ihm bisher noch überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass er hier als Mann neben einer Frau saß, mit nichts weiter, als einem Körperfell bekleidet. Rainer hatte in dem Katzenwesen neben sich bisher kein sexuelles Wesen erblickt, sondern nur ein fremdes, das ihm seine Fragen beantworten sollte. Jetzt musste er feststellen, dass sein Körper sich der Gegenwart dieser Frau bewusst war. Die Nähe Innilus, zusammen mit der Berührung der Hand, ließ ihn ein Kribbeln in den Lenden verspüren, das ihm zutiefst peinlich war. Innilu bemerkte es und machte sich auf das gefasst, was normalerweise nun folgen würde.

»Tut mir leid«, sagte Rainer. »Das ist sonst nicht meine Art.«

Innilu war vollkommen überrascht. »Es muss dir nicht peinlich sein, Herr. Du bist ein Mann. Wenn du es möchtest, werde ich dir zu Diensten sein.«

Rainer konnte es nicht fassen. Er hatte Schwierigkeiten damit, seine Situation zu verstehen, und erst recht, sie auch zu akzeptieren. Offenbar war er von jetzt auf gleich von einem Menschen zu einem übergroßen Kater geworden. Dieser Kater war scheinbar eine Größe in dieser, aus Katzen bestehenden, Zivilisation. Die Frau an seiner Seite war, wie es schien, eine Art Mischung aus Dienerin, Sklavin und Sexobjekt. So, wie sie sich gab, schien es sogar völlig normal zu sein. Rainer wollte das alles nicht. Er wollte keine Sklavin, er wollte sich einfach nur unterhalten und einige Informationen erhalten. Vielleicht würde er dann einen Weg finden, in seine eigene Welt zurückzukehren. Rainer fasste einen Entschluss. »Ich möchte jetzt ein paar Dinge klarstellen: Du wirst mich ab sofort nicht mehr mit ›Herr‹ ansprechen, sondern mit meinem Namen. Ich heiße Rainer.«

Die Aussprache seines Namens verunglückte völlig, da sein Stimmapparat die Bildung der erforderlichen Laute nicht fertigbrachte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er die ganze Zeit hindurch kein deutsch gesprochen hatte, sondern eine völlig fremde Sprache, die offenbar seinem Körper geläufig war. Gewisse Fähigkeiten und Erinnerungen des ursprünglichen Besitzers seines Körpers schienen noch vorhanden sein. Innilu war einmal mehr verwirrt.

»Dein Name ist Leaina?«, fragte sie. »Ich dachte, du seist Inolak? Das ist dein Name.«

Sie sah ihn zum ersten Mal direkt und kritisch an. Nach einer Weile fragte Rainer: »Nun? Sag einfach, was hinter deiner Stirn vorgeht. Du hältst mich sicher für verrückt, oder?«

Die Schlitze in Innilus Augen zogen sich noch weiter zusammen. »Darf ich offen sprechen?«

Rainer machte mit der Hand eine zustimmende Geste.

»Ich bin bereits seit Jahren deine Dienerin, aber seit dem Unfall im Labor bist du anders. Bitte verstehe es nicht falsch. Ich möchte nicht bestraft werden, aber du verlangst Dinge von mir, die einer Frau nicht zustehen. Ich soll dich ansehen, wenn wir miteinander reden. Ich soll neben dir sitzen. Es ist dir peinlich, wenn dein Körper auf mich reagiert. Ich soll dich nicht Herr nennen.«

Sie stockte einen Moment.

»Du wirkst wie mein Herr - und dann auch wieder, als wärst du jemand ganz anderes. Ich erkenne dich nicht wieder. Ich denke, dass es noch die Nachwirkungen deiner Verletzungen sind und du dich bald wieder erinnern wirst. Trotzdem bist du irgendwie anders. Ich bin nur eine Dienerin und verstehe nicht so viel davon, aber dieser eigenartige Name, den du mir genannt hast ... Ist es normal, dass man alles vergessen hat, aber sich an einen Namen erinnert, den ich noch nie gehört habe?«

Rainer schüttelte seinen Kopf. »Das ist nicht normal, Innilu. Ich will versuchen, dir etwas zu erklären - jedenfalls soweit ich das bisher selbst verstehe. Du kannst dich an diese Explosion erinnern, die Inolak so schwer verletzt hat, dass man ihn hierher bringen musste. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist eine Fahrt mit einem schnellen Fahrzeug - einem Auto. Ich weiß nicht, ob du so etwas kennst. Ich bin mit diesem Fahrzeug verunglückt und wurde dabei schwer verletzt, möglicherweise sogar getötet. Doch ich bin nicht tot, sondern erwache hier bei dir, in diesem eigenartigen Krankenhaus. Ich stecke in einem Körper, der nicht meiner ist, und entdecke, dass diese ganze Welt hier ebenfalls nicht meine ist. Mein Name ist wirklich Rainer und ich bin weder ein Wissenschaftler, noch hatte ich bis heute eine Dienerin.«

Innilu sah ihn mit einem leicht spöttischen Blick an. »Herr, warum erzählst du mir eine so verrückte Geschichte? Möchtest du, dass man dich für verrückt hält? Wenn die Wissenschafltergilde zu der Überzeugung kommt, dass du nicht mehr normal bist, wird man dich nicht mehr zurückhaben wollen. Dann wird man mich in den Dienerinnen-Pool stecken und neu zuweisen. Ich will das nicht, Herr. Ich möchte weiter deine Dienerin sein. Erzähl bitte nicht überall diese Geschichten, ja?«

Rainer konnte den flehenden Ausdruck in ihren Augen sehen. Offenbar war er wirklich kein so schlimmer Herr für sie, wie er es sich ausgemalt hatte. Aber sie glaubte ihm seine Geschichte nicht. Er fragte sich, ob er das jemandem glauben würde, und musste sich eingestehen, dass er es nicht getan hätte.

»Du glaubst mir nicht.«

Innilu nickte. »Das kannst du wohl sagen, und du kannst es mir auch nicht verübeln. Vielleicht hast du im Kokon Alpträume gehabt. Alpträume können durchaus verrückt sein und einem real erscheinen. So etwas könnte ich glauben, und ich könnte auch sicher sein, dass es vorübergehen würde. Du würdest wieder normal werden.«

»Ist dir eigentlich bewusst, dass du dich die ganze Zeit über mit mir in einem Ton unterhältst, den du zu Beginn nicht einmal gewagt hättest? Du scheinst ganz tief in dir drinnen doch zu ahnen, dass ich anders bin als vorher.«

Sie sah ihn einen Moment schweigend an.

»Vielleicht hast du recht und ich spüre, dass etwas anders ist, aber das bedeutet nicht, dass ich dir diesen Unfug abnehme, den du mir erzählt hast. Aber ich spiel einfach mal dieses Spiel mit. Wenn du wirklich nicht Inolak bist, und nicht in diese Welt gehörst, dann wirst du mir sicher erklären können, aus was für einer Welt du stammst, oder etwa nicht?«

»Du willst mich testen, was? Du willst, dass ich mich in meinen eigenen Erzählungen verstricke und mich widerlege, ist das richtig?« Er musste lächeln, denn so, wie sich Innilu ihm gegenüber verhielt, würde sie sich ihm gegenüber niemals verhalten haben, wenn er dieser fremde Wissenschaftler gewesen wäre.

»So ist es«, sagte sie knapp. »Fang an, ich werde zuhören und aufpassen, was du zu erzählen hast.«

»Zunächst einmal: Meine Welt heißt Erde und die am höchsten entwickelten Lebewesen auf der Erde sind Menschen. Ich bin einer dieser Menschen. Ich bin auch in meiner Heimatwelt ein Mann - genau wie hier. Auch bei uns gibt es Männer und Frauen und sie leben oft zusammen, entweder in einer Ehe oder einfach nur, weil sie auch ohne eine solche Ehe zusammenbleiben möchten.«

»Was ist eine Ehe?«, fragte Innilu dazwischen.

»Es ist im Grunde ein Versprechen, das sich ein Paar gegenseitig gibt, das ganze Leben zusammenzubleiben. Aber es ist noch mehr. Man geht eine sehr enge Bindung ein. Ich weiß nicht, wie ich es besser erklären kann.«

»Also verstehe ich das richtig, dass bei euch die Männer ihre Dienerinnen ein Leben lang an sich binden, sie an sich ketten?«

»Nein, das hast du vollkommen falsch verstanden! Männer und Frauen tun das freiwillig. Frauen sind bei uns auch keine Dienerinnen der Männer. Gibt es bei euch denn überhaupt keine gleichberechtigten Frauen?«

Für einen Moment war Innilu sprachlos. »Wie jetzt? Gleichberechtigt? Wie muss ich mir das vorstellen? Schlagt ihr eure Frauen nicht?«

»Verdammt nein!«, rief Rainer aus. »Dreht sich bei euch denn alles nur um Gewaltausübung gegen Frauen? Natürlich gibt es auch bei uns Männer, die gewalttätig gegenüber ihren Frauen sind, aber das ist verboten und kann bestraft werden. Im Normalfall wird nicht geschlagen. Frauen haben auch bei uns die gleichen Rechte wie Männer. Niemand darf eines anderen Eigentum sein. Die Meinung von Mann und Frau zählt gleich viel. Männer und Frauen haben grundsätzlich das Recht, jeden Beruf auszuüben, wenn sie die Befähigung dazu haben und so weiter. Gleichberechtigung geht viel weiter, als nur der Verzicht auf gegenseitige Gewalt.«

»Das ist schon sehr fremdartig, was du mir da erzählst«, meinte Innilu, »aber es ist noch immer nur eine Geschichte. Woher soll ich wissen, ob du mir nicht eine gut erdachte Geschichte auftischst. Ich gebe zu, der Gedanke, dass wir Frauen nicht euer Eigentum sind und die gleichen Rechte haben, wäre verlockend, aber es ist absolut unmöglich. Überraschend ist nur, dass es ausgerechnet ein Mann ist, der solche Fantasien äußert. Erzähl mir mehr. Erzähl von deiner Welt, von dem was du dort gemacht hast.«

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