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34 Das Leben in der Akademie - Virgin 2 - Teil 2/2

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6. Das Leben in der Akademie

6.5 Virgin 2 - Teil 2/2


Der Wellnessbereich interessierte sie beide besonders. Hier konnte man seine Muskeln trainieren, eine Sauna benutzen oder sich massieren lassen.
Susann strahlte. »Ich glaub, ich bleib gleich hier und lass mich massieren. Das wäre jetzt genau das Richtige für meine Stimmung.«
Als sie Jans abweisendes Gesicht sah, schüttelte sie den Kopf. »Du musst ja nicht hierbleiben. Ich bin ein großes Mädchen. Du kannst gern allein das Schiff weiter erforschen. Wir sind ja noch ein paar Tage hier und da werde ich schon noch alles andere entdecken.«
»Wenn dich das nicht stören würde ... Ich möchte mir erst alles anschauen.«
Sie schüttelte ihren Kopf. »Nein, geh nur. Wir sehen uns nachher in der Kabine. Ich will zumindest pünktlich zum Essen kommen.«
Jan ließ Susann zurück und machte sich an die weitere Erkundung des Schiffes. Der Speisesaal des Restaurants beeindruckte ihn. Er war ringförmig angelegt und rotierte um die Längsachse des Schiffes, wodurch ein äußerst fremdartiger Eindruck entstand, da die Essensgäste an Tischen saßen, die zum Teil auf dem Kopf an der Decke klebten. Die Lösung war einfach und effektiv, denn durch die Rotation des Restaurants entstanden geringe Fliehkräfte, die ausreichten, auch flüssige Speisen in den Terrinen und Tellern festzuhalten. Jan fragte sich, welchen Energieaufwand eine solche Anlage beanspruchen würde, aber die Virgin 2 war ein Luxus-Schiff und die Fluggäste hatten sicherlich durch Entrichtung des horrend hohen Flugpreises sämtlichen Aufwand des Schiffsbetreibers mehr als gedeckt. Er bestaunte den Saal noch einen Augenblick und auch die Speisen, die den Gästen gereicht wurden, bis er ihn im Bereich der Schiffsachse durchquerte, gleich neben der Röhre des Aufzugs.
Im nächsten Raum fand er die Lounge, einen Mehrzweckraum, der während der Dauer der Reise für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden konnte. Als er ihn betrat, waren einige Fluggäste anwesend, die sich auf dicken, bequemen Sesseln festgeschnallt hatten und zum Teil lasen oder sich einen Film auf einem der zahlreichen Bildschirme ansahen. Er erblickte Sheila, die eben einem Fluggast einen Drink aushändigte. Als sie ihn entdeckte, lächelte sie ihm zu und kam zu ihm.
»Schauen sie sich das Schiff an?«
Jan nickte. »Meine Kollegin ist in der Wellness-Oase hängen geblieben, aber ich bekomme sonst nicht solch luxuriösen Schiffe zu sehen und wollte es mir genau anschauen.«
Sie verzog bedauernd das Gesicht. »Ich würde mich ja anbieten, es ihnen zu zeigen, aber leider ist mein Dienst noch nicht zu Ende.«
Jan deutete auf das Schott an der hinteren Wand. »Was befindet sich dort hinten?«
»Das sind die Bereiche der Crew, und dahinter ist dann die Zentrale der Virgin 2. Der Zutritt ist leider nur den Profis gestattet.«
Jan grinste. »In gewisser Hinsicht bin ich auch so etwas wie ein Profi. Zumindest werde ich einer sein, sobald ich meine Prüfungen bestanden habe. Meinen sie, der Captain könnte eine Ausnahme machen und mir einen Blick in die Zentrale gestatten?«
»Das weiß ich nicht. Ich könnte ihn fragen. Aber versprechen sie sich nicht zu viel. Captain Larouche hält in der Regel nicht viel davon, Reisende in die Zentrale zu lassen.«
»Könnten sie ihn trotzdem fragen? Sie können sich sicherlich vorstellen, dass es einen angehenden Raumpiloten brennend interessiert, ein fremdes Schiff zu besichtigen.«
Sheila lächelte. »Na gut, warten sie.«
Sie hob ein winziges Sprechgerät an die Lippen und sprach eine mehrstellige Nummer hinein.
»Zentrale«, tönte es aus dem kleinen Lautsprecher des Geräts.
»Sheila Schwartz hier. Ich bin in der Lounge und habe einen jungen Mann bei mir, der sich liebend gern unsere Zentrale anschauen würde.«
»Larouche hier!«, erscholl eine andere Stimme. »Sheila, meine Anweisungen diesbezüglich sind doch wohl deutlich genug gewesen. Ich wünsche keine Urlauber in meiner Zentrale.«
»Vielleicht machen sie bei diesem eine Ausnahme. Es handelt sich nicht um einen normalen Reisenden, sondern um ein Mitglied der Akademie. Er ist auf dem Weg zur Erde und die Gesellschaft hat nur die freien Plätze zur Verfügung gestellt.«
»Akademie? Ach, einer von den beiden, die wir an Bord genommen haben? Um wen handelt es sich?«
»Sein Name ist Jan Lückert.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen und Jan dachte bereits, dass man seine Bitte abschlagen würde.
»Dann schicken sie mir den jungen Mann mal herein. Ich denke nicht, dass es all zu viele Jan Lückerts auf dem Mond geben wird.«
Jan und Sheila blickten sich fragend an. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß auch nicht, was er meint.«
Sie zog eine Code-Karte durch ein Lesegerät neben dem Schott, das mit einem leisen Klicken aufsprang. Sheila drückte dagegen, wodurch es langsam aufschwang.
»Kommen sie, ich bringe sie direkt zu Captain Larouche.«
Jan folgte ihr durch eine Reihe schmaler Gänge, die von kleinen Kabinen gesäumt waren. »Das ist unser Reich«, kommentierte Sheila seine Blicke. »Unsere Kabinen sind bei Weitem nicht so komfortabel wie die Suiten im Cabin-Deck, wo die Gäste wohnen. Noch ein kleines Stück, dann erreichen wir die Zentrale.«
Die Zentrale war - wie auch das Starflight-Kasino - ein kreisrunder Raum, der allmählich um die Mittelachse rotierte. Die Mitarbeiter der Zentrale saßen in speziellen Sesseln vor ihren Instrumenten und hatten den Luxus, eine Minimalschwerkraft von etwas weniger als der Schwerkraft des Mondes zu genießen. Ein Mann von vielleicht fünfundvierzig Jahren, der einen Platz in zentraler Position einnahm, blickte interessiert zu ihnen hinüber, als sie durch den Eingang nahe der Nabe hereinkamen.
»Sie sind also Jan Lückert«, sagte er und erhob sich vorsichtig aus seinem Sitz. »Von Ihnen erzählt man sich unter uns Raumfahrern ja so Einiges.« Er hielt Jan seine Hand zur Begrüßung hin. »Ich bin Captain Larouche.«
Jan ergriff die dargebotene Hand. »Sehr erfreut, und danke, dass ich die Gelegenheit habe, das Allerheiligste dieses Schiffes besichtigen zu dürfen.«
»Junge, bei mir musst du nicht so geschwollen daherreden. Ich kenn die Geschichte mit der Moonshuttle 1 vor ein paar Jahren und auch die Sache mit der steuerlosen Kapsel, aus der du deine Freundin gerettet hast. Geschichten wie diese sind es, die jungen Menschen Mut machen, sich für den Beruf eines Raumfahrers zu bewerben.« Er kaute auf seiner Unterlippe. »Entschuldigung, ich sollte eigentlich nicht ’du' sagen.«
Jan winkte ab. »Das stört mich nicht. Wenn ich ehrlich bin, stört es mich da schon eher, dass ich immer wieder auf diese alten Geschichten angesprochen werde. Als hätte ich da völlig überlegen reagiert und die Welt gerettet. So ist es ja schließlich nicht gewesen. Man muss wohl eher sagen, dass ich in den jeweiligen Situationen ordentlich Schiss hatte und ganz viel Glück gehabt habe, dass es geklappt hat.«
Larouche lachte. »Das kann ich mir denken. Ich bin aber trotzdem froh, dass wir uns mal kennenlernen. Schau dich hier in Ruhe um. Wenn du Fragen hast - jeder hier wird sie dir gern beantworten.«
Die Zentrale war für Jan bisher das Spannendste an diesem Schiff. Hier liefen alle Fäden zusammen und nahezu jeder Bereich war gegenüber der Technik, die er von der Akademie her gewohnt war, der neueste technische Stand. Die Virgin 2 konnte unter Umständen sogar vollkommen automatisch fliegen. Selbst, wenn die gesamte Besatzung ausfallen würde, könnte die Virgin 2 noch bis in einen stabilen Orbit um Erde oder Mond fliegen. Von einer solchen Computerunterstützung konnten sie auf der Akademie nur träumen. Allerdings machte man auch auf der Virgin 2 davon keinen Gebrauch, sondern kontrollierte die Systeme lieber manuell.
Jan hielt sich lange in der Zentrale auf und studierte alle Sektionen gründlich. Die Crew gab ihm bereitwillig Auskunft auf alle seine Fragen und war überrascht über die Kompetenz, die bereits aus diesem Studenten sprach. Als Captain Larouche ihn schließlich verabschiedete, wünschte er ihm noch viel Glück für die Zukunft und bot ihm an, sich für ihn einzusetzen, wenn es ihn nach dem Studium zu einer der privaten Gesellschaften ziehen würde.
Jan kehrte in den öffentlichen Bereich zurück und machte sich auf den Weg zur Wellness-Oase, doch Susann war bereits nicht mehr dort. Auch in ihrer Kabine war sie nicht. Dafür fand er einen kleinen Zettel:
    »Hallo du Nase!
    Waren wir nicht zum Essen verabredet? Ich wollte nicht länger warten, sonst hält    uns Phil noch für unzuverlässig. Komm doch nach, sobald du das hier liest.

    Susann«
Jan legte den Zettel schuldbewusst wieder zurück. Natürlich hatten sie sich zum Essen verabredet, aber er hatte sich sehr lange in der Zentrale aufgehalten. Ein Blick in den Spiegel. Er fand, dass sein Outfit durchaus auch für das Kasino in Ordnung war, und machte sich auf den Weg. Als er den Zugang zum Kasino erreichte, suchte er den Außenring ab, an dem die Tische angebracht waren und entdeckte Susann und Phil sofort, die sich angeregt unterhielten und offenbar viel Spaß hatten.
Erst überlegte er, ob er sich überhaupt zu ihnen setzen sollte, entschied sich dann aber, es zu tun.
»Ach, da bist du ja«, sagte Susann. »Wenn du jetzt nicht gekommen wärst, hätten wir bestellt. Der Magen hängt uns schon auf den Schuhsohlen.«
»Sorry. Ich war noch in der Zentrale und da hab ich etwas die Zeit aus den Augen verloren.«
»Wow!«, rief Phil aus. »Der Alte hat dich ins Allerheiligste gelassen? Das will etwas heißen. Ich durfte nur mal ganz kurz hineinschauen, als ich hier angeheuert hatte.«
Das Kasino hatte eine klassische Bedienung. Das bedeutete, dass ein echter Mensch an den Tisch kam und die Bestellungen aufnahm. Das Essen kam und es war wirklich erstklassig. Jan genoss es sehr, fühlte sich jedoch etwas deplatziert, weil Susann und Phil ständig scherzten und sich gegenseitig anhimmelten. So verabschiedete er sich nach dem Essen und erklärte, er würde ins Bett gehen.
In der Kabine setzte er sich zunächst in den Wohnbereich und zappte sich unmotiviert durch das gesamte Angebot an Filmen und TV-Einspielungen von der Erde. Stunden später kam Susann und hatte ein - wie er fand - verklärtes Lächeln im Gesicht.
»Na, war’s noch nett?!«
Erschreckt fuhr sie herum. »Du bist noch wach?«
»Na ja, ich war nicht wirklich müde, aber ich wollte euch nicht stören. Ich hab doch gemerkt, dass da eine Spannung zwischen dir und Phil war.«
Sie lächelte immer noch. »Ja, Spannung. Kann man so sagen. Phil ist ein toller Kerl, findest du nicht?«
»Du fragst einen Kerl, ob er einen anderen Kerl toll findet? Ist jetzt nicht dein Ernst. Ist mir auch im Grunde egal, was du tust, aber gab es da nicht einen Marco?«
Ihr Lächeln verschwand. »Was willst du mir damit sagen?«
»Herrje, gar nichts. Aber du hast mir dieses Foto von dir und Marco gezeigt und erzählt, wie sehr du dich freust, ihn wiederzusehen. Irre ich mich?«
»Nein, du hast schon recht«, sagte sie und setzte sich zu ihm. »Ich wollte es ja nie wahrhaben, aber es hat sicher etwas zu bedeuten, wenn der Freund sich nicht mehr bei seiner Freundin meldet, oder findest du nicht? Die Kontakte sind immer spärlicher geworden und ich führte es auf die stark limitierten Leitungen zurück, die man uns Studenten in der Akademie zumutet. An Bord der Virgin 2 jedoch stehen uns schnelle Breitbandleitungen zur Verfügung. Das bedeutet Sprechfunk und Telefonie. Ich hab’s versucht. Er hat mich mehrfach abgewiesen. Marco will überhaupt nicht mit mir sprechen. Ich muss der Tatsache ins Auge sehen, dass der Mond meiner Beziehung nicht gutgetan hat. Ich bin gewiss niemand, die sich gleich dem Nächstbesten an den Hals wirft, aber Phil ist nett, er sieht gut aus, hat Manieren, ist witzig. Es tat einfach gut, sich mal etwas zu amüsieren. Findest du das falsch? Ich bin ja nicht gleich mit ihm ins Bett gestiegen.«
Jan schüttelte den Kopf. »Ist schon in Ordnung. Ich will dich doch nicht verurteilen. Ich hätte auch überhaupt kein Recht dazu. Ich hab’s nur nicht verstanden.«
Sie sah ihn aus Augen an, in denen sich Tränen sammelten. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich frage mich, ob es meine Schuld ist. Ich war so glücklich mit Marco, und ich hatte geglaubt, dass wir eine Zukunft hätten. Dann ging ich zum Mond und er blieb zurück. Sag mir: Hab ich es vermasselt?«
Jan lachte lautlos auf. »Susann, ich bin kein Beziehungstherapeut. Vermutlich hab ich von solchen Dingen wenig Ahnung und kann froh sein, dass meine Freundin mit mir zusammen auf dem Mond ist und wir uns dort fast täglich sehen können. Aber ich denke nicht, dass du es vermasselt hast. Wenn ich ein Mädchen wirklich lieben würde, dann würde ich auch auf sie warten - das weiß ich genau.«
Unvermittelt warf sich Susann in seine Arme und barg ihr Gesicht an seiner Schulter. Heftige Schluchzer erschütterten ihren Körper und Jan wusste nicht, was er mit Susann tun sollte. Unbeholfen legte er einen Arm um sie und hielt sie, während sie hemmungslos weinte. Er kam sich genauso hilflos vor, wie bei Isabella, wenn sie das Bedürfnis verspürte, zu weinen. Männer waren dadurch einfach überfordert.
Als es vorbei war, löste sie sich von ihm und sah ihn aus verheulten Augen an. »Danke.«
»Danke wofür?«
»Dass du es zugelassen hast. Dass ich mich bei dir ausweinen durfte.«
Jan wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Sie erhob sich, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand in ihrem Schlafraum. Er blickte ihr hinterher und schüttelte den Kopf. Er würde die Frauen niemals verstehen.

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