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47 Mayday - Das Wrack "Buran"

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10. Mayday

10.3 Das Wrack »Buran«


»Hallo Buran!«, erklang eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher. »Wir haben ihren Notruf empfangen. Unser Captain lässt fragen, wie wir ihnen helfen können.«
»Sie ahnen nicht, wie sehr wir uns über ihre Meldung freuen!«, rief Jan ins Mikrofon. »Wir sind in einer sehr prekären Lage. Das Schiff wurde von mehreren Meteoriten getroffen und beschädigt. Wir haben sowohl Luft als auch Treibstoff verloren. Bremsmanöver im Erde-Mond-System wird nicht mehr möglich sein. Absturz auf Erde oder Mond sehr wahrscheinlich. Luft reicht nur knapp. Unsere Zentrale auf dem Mond fragt an, ob sie ein Angleichungsmanöver fliegen können, um uns aufzunehmen.«
Überraschend schnell kam die Antwort: »Wir haben genügend Treibstoff. Wir könnten sie einholen, aber das wird nicht gelingen, wenn sie entweder den Mond oder die Erde anfliegen. Das wird für unseren Frachter dann zu riskant. Was halten sie von folgendem Vorschlag: Steuern sie den Punkt zwischen Erde und Mond an, an dem die Schwerkraft zwischen den beiden Himmelskörpern im Gleichgewicht ist. Dann kann weder die Erde noch der Mond sie vom Kurs abbringen, und wir könnten es vielleicht schaffen, ein Rendezvous zu arrangieren.«
»Einverstanden«, sagte Jan sofort. »Wir brauchten aber weitere Daten von ihnen, da einige unserer Instrumente nicht mehr zuverlässig arbeiten. Übrigens, mit wem spreche ich eigentlich? Mein Name ist Jan Lückert, Captain der Buran.«
Aus dem Lautsprecher kam ein leises Lachen. »Das Universum ist wirklich klein. Mein Name ist Selma Horec, Funkoffizier auf der INDIALOX 3. Ich glaube, wir hatten bereits das Vergnügen.«
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Isabella. »Du kennst diese Frau?«
»Wer war das?«, fragte Selma.
»Das war meine Freundin Isabella. Sie fliegt mit mir zusammen dieses Schiff.« Zu Isabella gewandt, fuhr er fort: »Wir haben uns kennengelernt, als ich von der Erde nach den Ferien wieder zum Mond flog. Die INDIALOX 3 hatte mich mitgenommen.«
»Sie müssen nicht eifersüchtig sein, Isabella«, sagte Selma, die alles mit angehört hatte. »Wir hatten uns lediglich darüber unterhalten, dass unsere Verträge mit den fernöstlichen Gesellschaften nur ein vergleichsweise geringes Einkommen ermöglichen – bei jeder Menge Arbeit. Glauben sie mir, sie würden für das Geld, das man mir zahlt, nicht in einem Frachter zur Venus fliegen. Aber das soll im Augenblick nicht unser Problem sein. Ich werde bis auf Weiteres ihre Ansprechpartnerin sein. Weil wir derzeit nur mit eingeschränktem Personal fliegen, bin ich sowohl für Kommunikation als auch für Ortung zuständig. Ich werde versuchen, den Vektor der Buran exakt zu ermitteln und gebe dann die Daten für die Kurskorrektur bekannt. Sie sind doch noch manövrierfähig?«
»Zurzeit ja«, erwiderte Jan. »Aber einer unserer Haupttanks ist leckgeschlagen und verliert laufend Treibstoff. In Kürze wird er leer sein, dann wird es schwieriger, den Kurs zu ändern, aber ich denke, dass wir über eine Ausgleichsverbindung noch Treibstoff vom Backbordtank zur Steuerborddüse pumpen können. Habt ihr auf der INDIALOX 3 keine Schwierigkeiten mit den Leoniden? Wir erhalten ständig Treffer und befürchten weitere Schäden an den Außenanlagen. Wenn wir einen Treffer auf die Antennen erhalten, verlieren wir die Verbindung.«
»Auch wir erhalten Treffer«, bestätigte Selma. »Doch wurde unser Frachter robust konzipiert – außerdem verfügt er über eine doppelte Außenwand. Die meisten Schäden sind nur in der äußersten Wand entstanden und können später in der Werft behoben werden. Ich schlage vor, dass ihr euer Schiff so ausrichtet, dass die Antennen wenigstens durch den Schiffsrumpf geschützt werden.«
»Das werden wir auch tun, aber zunächst müssen wir ja noch beschleunigen und den Kurs korrigieren. Während dieser Zeit besteht ein gewisses Risiko.«
»Wir haben euch exakt in der Ortung«, bestätigte Selma. »Ich hab ein Szenario vorbereitet, das von euch verlangt, in genau einer Stunde zündbereit zu sein. Die genauen Daten schicke ich noch. Im Augenblick ist die erforderliche Korrektur nicht so gravierend. Vielleicht schafft Ihr es mit dem defekten Tank. Wir werden allerdings ebenfalls korrigieren müssen, da wir ursprünglich die Erde anfliegen wollten. Unser Vektor weicht um Einiges von eurem ab, und wir haben schon eine beachtliche Geschwindigkeit, sodass es uns Ressourcen kosten wird – aber es wird reichen.«
»Wie wird sich das Rendezvous darstellen?«, wollte Jan wissen. »Gibt es schon ein Szenario dafür?«
»Das eigentliche Rendezvous-Manöver wird ein gutes Stück hinter dem neutralen Schwerkraftpunkt stattfinden«, erklärte Selma. »Wir stellen es uns so vor, dass ihr auf unser Schiff umsteigt und wir mit euch zum Mond fliegen. Die Buran müsst ihr aufgeben, oder später aufbringen müssen.«
»Ich habe befürchtet, dass es so kommen wird«, meinte Jan. »Wir haben wichtige wissenschaftliche Proben in der Schleusenkammer. Besteht eine Möglichkeit, diese Proben zu übernehmen?«
»Soll das ein Witz sein, Jan?«, fragte Selma. »Wir machen uns hier Gedanken, wie wir euch unversehrt vom Schiff bekommen. Ihr wollt doch nicht allen Ernstes verlangen, dass wir im freien Raum – ohne entsprechende Vorrichtungen – Waren umladen. Sicher, die INDIALOX 3 ist ein Frachter, aber wir sind auf vernünftige Einrichtungen zum Löschen oder Laden von Waren angewiesen.«
»Es war nur eine Frage«, sagte Jan lahm. »Ich hatte allerdings so etwas schon erwartet. Wir halten ständig einen Kanal für die neuen Kursdaten offen. Ich werde jetzt an meinen Funkoffizier Gina Daccelli abgeben und mich um die bevorstehenden Manöver kümmern.«
Jan stieß sich von der Konsole ab und überließ Gina das Pult. Noch während er zum Pilotenstand trieb, gab es einen heftigen Knall. Erneut hatte ein größerer Meteorit die Buran getroffen, die sich unter diesem Schlag regelrecht schüttelte.
»Pelle, bitte sofort einen Komplettstatus!«, brüllte Jan. »Wir können uns nicht noch mehr Schäden leisten. Gerade jetzt nicht, wo die Rettung quasi direkt hinter uns ist.«
»Schlechte Nachrichten, Jan«, erwiderte Pelle. »Wir haben Druckverlust im hinteren Bereich.«
»Wo denn? Im Laderaum haben wir doch sowieso schon Vakuum!«
»Ich such noch! Der Laderaum ist abgedichtet, die Personenschleuse ist von innen dicht und auch alle bisher geretteten Räume scheinen noch dicht zu sein. Trotzdem zeigt die Uhr hier weiteren Verlust an.«
Pelle griff sich plötzlich an die Stirn. »Verdammt! Es ist das Filtersystem für unsere Atemluft. Es befindet sich im hinteren Teil der Buran, im Laderaum. Unsere Luft wird über Leitungen durch die Filter wieder zu uns zurückgeführt. Ich fürchte, eine der Leitungen verläuft an der Innenwand des Laderaums und hat was abbekommen.«
»Ist der Filter noch funktionsfähig?«
»Kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall hab ich ihn abgeschottet, um nicht noch mehr Luft zu verlieren. Wenn wir Glück haben, ist es nur eine Rohrleitung und wir können sie flicken.«
»Wie lange reicht die Luft ohne den Filter?«, fragte Jan, während er im Kopf überschlug, wie lange es bis zum Rendezvous dauern könnte.
»Im Grunde haben wir genug davon, aber ohne den Filter vergiften wir uns allmählich mit Kohlendioxid. Ich müsste ausrechnen, wie viel Luft in den einzelnen Abteilungen und Räumen steckt, dann, was noch in den Raumanzügen ist. Es ist nicht einfach, Jan. Auf jeden Fall haben wir einige Tage Zeit verloren. Ich werd nach der Kurskorrektur mal nach hinten turnen und mir ansehn, wie schlimm es wirklich ist.«
Jan wurde nachdenklich. Zum ersten Mal kamen ihm der Gedanke, dass es ein Problem werden könnte, die Buran, und vor allem die Besatzung, unversehrt bis zum Rendezvous zu bringen. Er nahm auf dem Pilotensitz Platz und schnallte sich fest. Als er zur Seite blickte und Isabella ansah, stellte er fest, dass sie ihn beobachtet hatte.
»Sei ehrlich«, fragte sie leise. »Wie beurteilst du unsere Lage? Und erzähl mir nicht irgendeinen Quatsch.«
»Ich kann dir nichts vormachen, Isabella. Die Buran ist erheblich stärker angeschlagen, als uns lieb sein kann. Wir haben wertvollen Treibstoff verloren sowie Atemluft. Jetzt ist auch noch der Filter ausgefallen. Wenn es Pelle nicht gelingt, ihn zu reparieren, wird es eng. Die Atemluft wird immer schlechter. Außerdem befinden wir uns noch immer im Bereich der Leoniden, obwohl sie allmählich nachlassen werden.«
»Jan, kommen wir nach Hause?«, fragte Isabella. »Mehr will ich nicht wissen.«
»Ich weiß es doch auch nicht«, sagte Jan. »Ich werde alles tun, uns heil zurückzubringen.«
Eva hatte zum Teil mitbekommen, was Jan gesagt hatte und ließ sich zu ihnen hinübertreiben. »Die Lage ist beschissen, was?«
»Das kann man wohl sagen«, antwortete Jan. »Und es ist meine erste Mission. Selbst, wenn wir heil nach Hause kommen, wird meine Karriere wohl damit beendet sein.«
»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Eva mit hochgezogenen Brauen. »Für die Ereignisse, die zum Scheitern der Mission geführt haben, trägst du nicht die Verantwortung. Ich finde, dass du die Lage hier noch gut im Griff hast. Bring uns nach Hause und du brauchst dir sicher keine Gedanken um deine Zukunft zu machen, das darfst du mir glauben.«
Jan sah sie einen Moment lang schweigend an. »Weißt du was, Eva? Schlag mich, wenn ich noch einmal davon anfange.«
Sie hob fragend die Brauen. »Wovon?«
»Na, es ist doch wirklich bescheuert von mir. Wir stecken in Schwierigkeiten - müssen um unser Leben fürchten, und ich denke an meine Karriere.«
Eva lachte. »Stimmt schon, aber mach dir keine Vorwürfe. Wieso sollst du dir keine Gedanken über deine Zukunft machen? Die Raumfahrt war immer dein großer Traum. Wenn es jemanden gibt, der das versteht, dann bin ich es.«
Isabella räusperte sich laut. Eva wandte sich ihr zu. »Und deine Freundin, natürlich. Du hast uns nicht hier reingeritten. Wenn wir zurück sind, wird zu klären sein, wieso man auf dem Mond nicht auf die Gefahren der Leoniden hingewiesen hat. Dort seh ich die Hauptschuld.«
Isabella deutete mit dem Kopf nach hinten und meinte leise: »Wir sollten den Wissenschaftlern allerdings nicht das genaue Ausmaß unserer Probleme mitteilen. Ich hab nicht das Gefühl, dass sie es alle gut verkraften würden.«
»Einverstanden«, sagte Eva. »Wir sollten die Situation ruhig etwas optimistischer darstellen.«
»Ich bekomm gerade die neuen Kursdaten herein!«, rief Gina. »Ich überspiel sie auf deine Konsole, Isabella. Wenn ich das richtig interpretiere, sollen wir schon in fünf Minuten zünden.«
»Das ist knapp«, sagte Isabella. »Aber ich bin bereit.«
Sie drückte ein paar Tasten und beobachtete den Bildschirm, wo soeben die von der INDIALOX 3 übermittelten Daten angezeigt wurden.
»Reicht die Zeit?«, wollte Jan wissen.
Isabella sah ihn beleidigt an. »Was glaubst denn du? Warum wolltest du mich als Kopilotin haben? Nur weil ich so gut aussehe, oder weil du mir vertraust?«
»Nun schnapp nicht gleich ein, Isa. Fünf Minuten für eine komplette Konvertierung ins russische System, samt Durchführung – das ist nicht viel Zeit. Das weißt du.«
Isabella machte demonstrativ einen Schmollmund, was Jan zu einem leisen Lachen animierte.
»Die Zeit läuft. Ich bin gespannt, wann du mir die Zündsequenzen liefern kannst.«
»Dann pass mal auf«, sagte sie und konzentrierte sich auf ihre Datenkonsole. In den kommenden zwei Minuten tippte sie wie besessen auf ihrem Computer herum, lehnte sich zurück und schlug mit der Hand auf die Enter -Taste.
»So, jetzt bist du an der Reihe, mein Schatz! Ich bin gespannt, ob du es so schnell ausführen kannst, wie ich es dir liefere.«
Jan warf ihr eine Kusshand zu und machte sich an die Arbeit.
»Sind alle angeschnallt?«, fragte Jan in die Runde. »Wir sind etwas knapp in der Zeit. In wenigen Sekunden wird es unruhig werden.«
Jan war nervös. Normalerweise wusste er genau, was zu tun war. Nun aber konnte er der Technik der Buran nicht mehr in vollem Umfang vertrauen. Schon zu viele Treffer hatte die Fähre abbekommen. Er wusste nicht, wie viele der unzähligen Datenleitungen möglicherweise bereits nicht mehr einwandfrei funktionierten. Er aktivierte die Pumpen, die den Treibstoff aus dem intakten Tank zum Triebwerk auf der Seite des zerstörten Tanks hinüberpumpen sollten. Diese Vorrichtung war für genau solche Fälle vorgesehen, in denen eine Seite nicht mehr ausreichend versorgt werden konnte. Leider konnte die Notschaltung vorher nicht getestet werden. Jan hoffte, dass sie so arbeitete, wie er es erwartete. Die Anzeige auf seiner Konsole zeigte nach kurzer Zeit an, dass der notwendige Druck in der Treibstoffleitung vorhanden war. Mit gemischten Gefühlen griff er an den Zündschalter und beobachtete seinen Monitor, auf dem die Sekunden herunterzählten. Als der Countdown bei null angekommen war, legte er den Schalter um und die Triebwerke der Buran erwachten zum Leben.
Jan spürte sofort, dass die Buran nicht so reagierte, wie sie sollte. Ein Blick auf den Druckanzeiger sprach mehr als tausend Worte. Der Druck in der Reserveleitung brach im Augenblick der Zündung zusammen. Offenbar gab es noch weitere Undichtigkeiten im System, die sich erst im Betrieb offenbarten. Jan schlug mit der Hand auf den Pumpenschalter und hoffte darauf, dass die automatischen Ventile in der Leitung einen weiteren Verlust von Treibstoff verhinderten. Es arbeitete nur eines der Triebwerke! Das bedeutete, dass sie sich noch weiter vom beabsichtigten Kurs entfernen würden, wenn die Beschleunigung fortgesetzt würde. Eine gleichmäßige Beschleunigung war nur mit zwei intakten Triebwerken zu erzielen. Fiel eines davon aus, würde das verbleibende Triebwerk die Buran zur Seite drücken. Mit nur einem Haupttriebwerk waren sie im Grunde genommen fast manövrierunfähig. Es sei denn ... Er hatte auf einmal eine Idee.

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