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48 Mayday - CO2-Problem

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10. Mayday

10.4 CO2-Problem


Jan hörte die Anderen rufen, aber ignorierte sie völlig. Er hatte andere Dinge, auf die er sich konzentrieren musste. Mit fliegenden Fingern legte er das Haupttriebwerk still und zündete eine Reihe von Korrekturdüsen. Allmählich begann die Buran, um ihre Längsachse zu rotieren. Als ihm die Drehgeschwindigkeit ausreichend erschien, schaltete er die Korrekturdüsen ab. Ein paar Umdrehungen lang beobachtete er, ob die Rotationsachse stabil war. Er wischte sich die schweißigen Hände an seiner Kombination ab. Was tat er hier eigentlich? Jan wusste genau, auf welchen Kurs er die Buran bringen musste. Leider stand ihm nicht mehr die volle Schubkraft der beiden Triebwerke am Heck zur Verfügung. Wenn er es richtig anstellte, konnte er es vielleicht schaffen, die Flugrichtung auch mit einem einzigen Triebwerk zu korrigieren. Die Zeit reichte für eine Computersimulation nicht mehr aus. Er musste improvisieren und würde versuchen, das funktionsfähige Triebwerk immer dann für einen kurzen Moment zu zünden, wenn es auf der der gewünschten Richtung entgegengesetzten Seite war, und es abschalten, wenn es auf der Seite der gewünschten Richtung war. Wenn es das oft genug machte, würde die Buran irgendwann auf dem richtigen Kurs sein. Er suchte sich draußen im All zwei Sterne, die ihm als Orientierung dienen konnten. Bei jeder Umdrehung der Buran kreisten diese Sterne über seine Frontsichtscheibe.
»Selma fragt an, warum wir nicht zünden«, sagte Gina. »Sie meint, wir hätten bald keine Chance mehr, unseren Kurs mit ihrem zu synchronisieren.«
»Nicht jetzt!«, brüllte Jan. »Ich muss mich konzentrieren!«
»Was hast du vor?«, fragte Isabella entgeistert, als sie sah, wie Jans Hand zur manuellen Steuerung griff.
Jan reagierte nicht auf Isabellas Frage. Er war zu sehr mit dem beschäftigt, das er zu tun beabsichtigte. Er begann, das Triebwerk rhythmisch zu zünden und wieder abzuschalten, in der Hoffnung, das Material des Triebwerks würde diese Tortur mitmachen, ohne auszufallen. Minutenlang ließ er immer wieder für einen kurzen Moment das Triebwerk an. Die Raumfahrer waren solche Situationen durchaus gewohnt, doch den Wissenschaftlern im hinteren Bereich wurde schlecht und sowohl Stancu, als auch Kaya übergaben sich heftig, wodurch sich ein unangenehm süßlicher Geruch in der Zentrale ausbreitete.
»Sag Selma, sie soll unseren Kurs scannen!«, rief Jan zu Gina hinüber.
»Noch sechs Zündungen, sagt sie!«, rief Gina nach wenigen Augenblicken zurück.
Jan zählte die Zündungen und nach sechs weiteren Zündungen lehnte er sich zurück und stieß zischend seinen Atem aus. Erst jetzt spürte er, dass er nass geschwitzt war.
»Verdammte Scheiße, wir haben es geschafft!«, rief er aus und schlug mit beiden Fäusten auf die Lehnen seines Pilotensitzes.
»Ich hätte es nicht für möglich gehalten«, gab Isabella zu. »Wie bist du auf so eine verrückte Idee gekommen, das Schiff rotieren zu lassen und in Intervallen zu feuern?«
»Keine Ahnung«, sagte Jan. »Es kam aus dem Bauch heraus. Mir erschien es als einzig denkbare Chance, den Kurs anzupassen – und es hat ja auch geklappt.«
Isabella schnallte sich von ihrem Sitz los, kam zu Jan herüber und küsste ihn leidenschaftlich. Als sie sich wieder von ihm trennte, blitzte sie die anderen mit ihren Augen an. »Ich will kein Wort darüber hören, versteht ihr? Kein Wort!«
Pelle grinste unverschämt, sagte jedoch nichts. Er war viel zu froh, dass die Kurskorrektur geklappt hatte.
»Ich werd dann mal in meinen Anzug schlüpfen und mich hinten umsehen«, sagte er. »Vielleicht gelingt es mir ja, den Filter zum Leben zu erwecken. Kommt jemand mit? Ich könnte eine helfende Hand gebrauchen.«
»Ich komm mit!«, bot Stancu an.
»Sie?«, wunderte sich Pelle. »Sind sie sicher?«
»Ich denke, ich habe Einiges gutzumachen«, sagte Stancu. »Wenn sie meine Hilfe wollen, komm ich mit.«
»Dann lassen sie uns gehen. Je eher wir gehen, um so eher wird die Luft hier in der Zentrale besser.«
Jan und Gina begleiteten die beiden und halfen ihnen, die Raumanzüge anzulegen, da es schwierig war, dies ganz allein zu tun. Zwanzig Minuten später standen die beiden Männer in der alten Zelle, in die man Stancu eingesperrt hatte und Jan verschloss das Schott von außen.
Pelle machte durch das kleine Fenster im Schott ein zustimmendes Zeichen. Damit wusste Jan, dass das Schott dicht verschlossen war. Pelle und Stancu drehten gemeinsam an dem großen Rad des hinteren Schotts, durch das sie ins Innere des Laderaums gelangen konnten, der seit dem Meteoritentreffer keine Atemluft mehr enthielt. Die Luft der Zelle entwich rasch nach draußen und das Schott ließ sich anschließend relativ leicht öffnen.
Der Raum dahinter war nur schwach beleuchtet. Pelle warf einen Blick nach oben, wo die Deckenstrahler früher ein helles Licht auf den Innenraum geworfen hatten. Nun waren nur noch ein paar wenige Birnen der Notbeleuchtung intakt und warfen einen diffusen Schein auf den Innenraum. Die Magnetsohlen ihrer Schuhe boten ihnen einen gewissen Halt am Boden Pelle und Stancu machten ein paar Schritte aus der Zelle heraus und blieben stehen, damit sich ihre Augen an das schwache Licht gewöhnen konnten.
»Wie heißen sie eigentlich mit Vornamen?«, fragte Pelle Stancu.
»Ich heiße Vlad. Warum fragen sie?«
»Wir Raumfahrer duzen uns normalerweise, wenn wir zusammenarbeiten. Ich bin Pelle. Ich hab nicht vor, dauernd 'Herr Stancu' und 'Sie' zu sagen. Wie sieht's aus?«
»Mir soll's Recht sein, Pelle.«
Pelle schlug Stancu leicht mit dem Handschuh auf die Schulter.
»Ok, Vlad, dann komm mit, aber pass bitte genau auf, wo du hintrittst. Hier liegt eine Menge Zeug herum.«
Pelle schaltete seine Handlampe ein und leuchtete den Weg vor ihnen aus. Er hatte nicht zu viel versprochen: Überall lagen Trümmer herum, von Regalen, die nach dem Meteoritentreffer eingestürzt waren. Einige Trümmerteile schwebten auch vor ihnen im Raum, sodass sie ständig unter Teilen hindurchkrabbeln mussten, die im Weg waren. Sie waren ständig auf der Hut, ihre Anzüge nicht an scharfen Kanten zu beschädigen.
»Ich hatte es mir nicht so schlimm vorgestellt«, sagte Stancu. »Dieses Schiff ist ja ein Wrack.«
»Na ja, ich würde es nicht als Wrack bezeichnen«, entgegnete Pelle. »Es fliegt ja noch, und man kann es - wenn auch nur mit Tricks – steuern. Hier im Lagerraum ist nach dem Treffer alles durcheinander. Das sieht schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist. Tragisch ist nur, dass die große Laderaumluke nicht mehr richtig schließt, sonst hätten wir hier schon längst aufgeräumt. Was wir jetzt suchen, ist der Filter.«
»Wie sieht der denn überhaupt aus?«, wollte Stancu wissen.
»Das Gerät selbst sieht so ähnlich aus wie eine große Gasheizung auf der Erde. Du weißt, wie so ein Ding aussieht?«
»Sicher«, entgegnete Stancu. »Ich werde meine Helmlampe einschalten und danach suchen helfen.«
Sie mussten ständig größere Ausrüstungsgegenstände beiseite räumen und kamen nicht so schnell voran, wie sie es sich vorgestellt hatten.
»Habt ihr schon was gefunden?«, fragte Isabella über Helmfunk.
»Der Laderaum ist ein einziges Chaos«, antwortete Pelle. »Ohne Vlad wär ich noch nicht einmal so weit, wie ich jetzt bin. Ich hab aber eine ungefähre Vorstellung davon, wo das Gerät stehen muss. Wir melden und gleich wieder.«
Es sollten trotzdem noch zwei Stunden vergehen, bis sie endlich vor dem Filter standen, der äußerlich einen absolut intakten Eindruck machte.
»Er sieht eigentlich ganz in Ordnung aus«, meinte Vlad. »Gibt es eine Prüfroutine, die wir laufen lassen können?«
»Ich bin sicher, dass es so was gibt!«, antwortete Pelle. Er suchte das ganze Gerät ab und dann sah er es: Die Luftleitung, die zum Filter führte, war von einer metallenen Trennwand regelrecht zerschnitten worden.
»Das ist der Grund!«, sagte Pelle und deutete mit der Hand auf das zerteilte Rohr. »Vielleicht können wir es mit einem Schweißgerät flicken.«
»Haben wir denn ein solches Gerät?«, fragte Stancu.
»Hallo!?«, rief Pelle in sein Helmmikrofon. »Kann uns jemand sagen, ob wir ein Schweißgerät an Bord haben?«
»Im Laderaum könnte eines sein«, sagte Eva. »Seht euch dort um, vielleicht ist es heil geblieben.«
Stancu war bereits wieder unterwegs und hielt Ausschau nach dem benötigten Werkzeug – doch leider ohne Erfolg.
»Ich kann kein Schweißgerät finden«, erklärte er. »Was können wir sonst tun?«
»Wir könnten das Rohr erst mal weiterverfolgen, um festzustellen, ob es noch weitere Lecks gibt«, sagte Pelle. »dann sollten wir nachsehen, ob es hier irgendwo Ersatzrohre gibt, die man nur zusammenstecken muss.«
Sie liefen an dem Rohr entlang und fanden dabei noch weitere Beschädigungen, teilweise mit völlig ausgefransten Rändern.
»Hier ist nichts mehr zu retten«, meinte Pelle. »Wir könnten versuchen, ob man den ganzen Filter losmachen und nach vorn bringen kann.«
»Bei allem Respekt«, sagte Stancu. »Aber hast du dir den Filterblock angesehen? Den bekommen wir nicht bewegt – glaub mir.«
Pelle war jedoch noch nicht bereit, einfach aufzugeben. Er begab sich noch einmal zurück zu dem Gerät und untersuchte dessen Sockel. Nach Minuten intensiver Untersuchung richtete er sich wieder auf.
»Die Russen haben ganze Arbeit geleistet«, sagte er. »Dieses Gerät schafft niemand hier weg. Ich frage mich, wie die sich eine eventuell notwendige Reparatur vorgestellt hatten.«
Jan, der die ganze Zeit über die über Funk geführten Gespräche mitverfolgt hatte, fragte, ob es wirklich keine Möglichkeit einer Reparatur gäbe.
»Keine Chance, Jan. Das ist ein voll integrierter Block. So einen Schwachsinn hab ich selten gesehen. Wir werden versuchen müssen, mit der vorhandenen Luft auszukommen.«
»Kommt erst mal zurück«, meinte Jan. »Vielleicht fällt uns doch noch etwas anderes ein.«
Pelle und Stancu machten sich auf den beschwerlichen Rückweg. Fast eine Stunde später standen sie wieder in der Schleuse und warteten auf den Druckausgleich. Ihnen war klar, dass es voraussichtlich die letzte Exkursion in den hinteren Bereich der Buran gewesen war. Sie konnten sich den Verlust weiterer Atemluft einfach nicht mehr leisten. Gina öffnete den beiden die innere Luke und half ihnen aus den Anzügen heraus.
Pelle nahm den schweren Raumhelm ab und zog prüfend die Luft mit der Nase ein.
»Verdammt«, entfuhr es ihm. »Die Luft hier in der Kabine ist schon ganz schön verbraucht.«
»Nun übertreib es nicht«, meinte Gina. »So schlecht ist sie noch nicht.«
»Pelle hat recht«, bestätigte Stancu. »Nach der einwandfreien Luft aus dem Anzugtornister merkt man, dass es hier regelrecht stinkt. Wie hoch ist denn zurzeit die Kohlendioxid-Konzentration?«
»Sie ist noch nicht im kritischen Bereich«, warf Loma ein. »Doch sie steigt kontinuierlich an.«
»Loma!«, rief Stancu erfreut. »Sie sind ja wieder unter den Lebenden! Wie fühlen Sie sich?«
»Ehrlich? Mir geht es bescheiden. Eva hat mir ein paar starke Schmerzmittel aus der Bordapotheke gegeben, sonst würd ich es nicht aushalten. Wenn wir zurück auf dem Mond sind, werde ich wohl sofort auf die Krankenstation müssen. Trotzdem habe ich wohl ganz gehöriges Glück gehabt, das zu überleben.«
Das Funkgerät unterbrach ihre Unterhaltung. Selma Horec meldete sich: »Wir haben euren Kurs noch einmal komplett überprüft. So, wie wir es sehen, braucht ihr keine weitere Korrektur vorzunehmen. Wir werden in etwa zehn Tagen zusammentreffen.«
»Da sehen wir ein Problem«, erwiderte Jan. »Wir haben einen schweren Meteoritentreffer erhalten, der unseren CO2-Filter zerstört hat. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Luft zu reinigen.«
»Wie lange werdet ihr mit der Atemluft noch auskommen?«, fragte Selma besorgt.
»Wenn wir Glück haben, schaffen wir gerade die zehn Tage«, meinte Jan. »Wir haben ja eigentlich genügend Luft, wir können sie jedoch nicht mehr reinigen. Über kurz oder lang wird uns das Kohlendioxid umbringen. Gibt es keine Möglichkeit, das Zusammentreffen auf einen früheren Zeitpunkt zu legen? Könntet ihr nicht noch etwas beschleunigen?«
»Das würde nichts bringen. Wir sind nicht auf exakt demselben Kurs, sondern nähern uns von der Seite her. Wenn wir schneller werden, würden wir zwar eure Bahn kreuzen, die Buran jedoch nicht treffen. Ihr müsst versuchen, eure Atmung ruhig zu halten und euch nicht zu sehr körperlich anzustrengen. Wie sieht es mit den Raumanzügen aus? In welchem Zustand sind die Luftvorräte darin?«
»Ein paar Stunden könnten wir damit überbrücken«, sagte Jan. »Aber wir wollten die Anzüge nur einsetzen, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Wir müssen schließlich noch auf euer Schiff wechseln. Wie sollen wir das schaffen, wenn wir die Luft aus den Anzügen auch aufbrauchen?«
»Es geht nur darum, dass wir auch eine Vorstellung davon haben, wie es bei euch aussieht«, sagte Selma. »Wir werden alles daran setzen, euch zu erreichen, bevor es zu spät ist, das dürft Ihr mir glauben.«
»Wir vertrauen euch, Selma«, sagte Jan. »Und wir werden euch auf dem Laufenden halten.«
Jan unterbrach die Verbindung und sah Isabella, die neben ihm schwebte, ernst an. »Zehn Tage können eine verdammt lange Zeit sein. Also ihr habt es alle gehört: Keine körperliche Anstrengung, die uns zu verschärfter Atmung zwingt, dann sollte es klappen.«
»Bist du sicher?«, fragte Isabella leise.
»Ich hoffe es«, erwiderte Jan, ebenso leise.
Im nächsten Moment hörten sie einen äußerst lauten Knall und die Buran schüttelte sich.
»Mein Gott, was hat uns denn da schon wieder getroffen?«, fragte Pelle und beugte sich über seine Instrumente.
»Der Treffer hat die Hülle im Bereich des Laderaumes beschädigt«, sagte er nach kurzer Prüfung. »Volltreffer! Bis in den Laderaum!. Wär 's hier vorn passiert ...«
»Zum Glück war hinten sowieso schon alles kaputt«, sagte Gina. »So brauchen wir uns keine weiteren Gedanken zu machen, oder?«
Pelle biss sich auf die Lippen. »Keine Gedanken? Jetzt sind die Treibstoffleitungen komplett hinüber. Wir sind definitiv manövrierunfähig. Zum Glück brauchen wir keine weiteren Kurskorrekturen vorzunehmen. Trotzdem sollten wir es den Leuten von der INDIALOX 3 mitteilen.«

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