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49 Mayday - Opfer der Leoniden - Teil 1/2

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10. Mayday

10.5 Opfer der Leoniden - Teil 1/2


Gina aktivierte das Funkgerät und versuchte, eine Verbindung zu bekommen, doch Selma Horec antwortete nicht.
»Ich fürchte, der letzte Treffer hat unsere Funkverbindung wieder zerstört«, erklärte sie. »Als wenn wir nicht schon genug Ärger hätten. Wir können nur von draußen sehen, was wirklich los ist. Vielleicht ist die Antenne wieder abgerissen. Vielleicht ist aber auch nur ein Kabel defekt, dann könnte ich es reparieren.«
»Du willst doch nicht jetzt nach draußen gehen?«, fragte Pelle entgeistert. »Die Gefahr durch die Leoniden ist noch nicht vorbei. Das kommt überhaupt nicht infrage!«
»Und wie willst du mit unseren Rettern in Kontakt treten, wenn wir keine Funkverbindung aufbauen können, du Schlaumeier?« Gina funkelte ihn aus blitzenden Augen an. »Ich weiß selbst, wie gefährlich das ist, aber wer sollte diese Reparatur durchführen?«
»Ich könnte das machen«, erklärte Pelle. »Ich bin schließlich Bordtechniker und hab die Antenne schon mal repariert. Zugegeben, ich würd mich nicht darum reißen, jetzt dort hinauszugehen, aber bevor ich dich der Gefahr aussetze, tu ich es lieber.«
Gina ergriff Pelles Hände und gab ihm einen Kuss. »Du bist lieb, aber die Funkanlage ist mein Job und nicht deiner. Dafür bin ich ausgebildet worden. Ich hatte schon beim letzten Mal ein schlechtes Gewissen, dich damit zu belasten. Ich glaub dir, dass du das auch hinbekommen würdest, aber seien wir ehrlich: Auf dich können sie hier auf der Buran nicht verzichten. Wenn dir etwas zustoßen würde, wär's eine Katastrophe. Wenn mir etwas zustieße, würde es den Ablauf an Bord nicht so sehr beeinträchtigen.«
»Was redest du denn da für einen Scheiß? Ich will nicht, dass du nach draußen gehst!«, rief Pelle heftig.
»Hort auf! Niemand geht dort hinaus!«, rief Jan dazwischen. »Die Gefahr durch die Leoniden ist viel zu groß!«
Gina stemmte ihre Hände in die Hüften. »Ich weiß eure Besorgnis zu schätzen. Ich bin auch nicht scharf auf diese Exkursion, aber wir brauchen die Verbindung.«
»Moment, Moment«, unterbrach Jan. »Lasst uns überlegen, ob wir diese Funkverbindung unbedingt benötigen. Sowohl Selma als auch wir wissen, dass keine weiteren Kurskorrekturen notwendig sind. Wir könnten auch keine weiteren Korrekturen durchführen, weil die Treibstoffleitungen den Instrumenten zufolge endgültig zerstört sind. Wir können nichts mehr zu unserer Rettung beitragen und sind zum Warten verdammt. Also, warum sollte jemand von uns nach draußen? Ich kann den unmittelbaren Nutzen nicht erkennen. Ich seh nur, dass wir schon wieder etwas von unserer kostbaren Atemluft verlieren, wenn jemand die Buran verlässt.«
»Wenn du verantworten kannst, dass wir jetzt vollends von der Außenwelt abgeschnitten sind!«, sagte Gina zornig und sah Jan wütend in die Augen.
»Gina!«, sagte Jan sanft. »Wir wollen einfach nicht, dass dir etwas zustößt! Klar, wenn unser Leben davon abhängen würde, müsste jemand die Reparatur durchführen, aber da wir sowieso keinen Einfluss mehr darauf haben, was geschieht, muss sich keiner von uns in Gefahr begeben.«
»Ich versteh ja deinen Standpunkt, Jan, aber das, was Selma gesagt hat, bezieht sich nur auf den letzten Scan. Was ist, wenn sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellt, dass doch eine winzige Anpassung notwendig ist. Drüben weiß man noch nicht, dass wir total manövrierunfähig sind. Was, wenn sie von uns eine Korrektur erwarten? Dann sind wir erledigt, weil sie uns nicht mehr rechtzeitig erreichen können, wenn sie zu spät bemerken, dass wir in einem Wrack sitzen.«
»Gina hat recht«, sagte Pelle matt. »Ich möchte auch nicht dort hinaus, aber sie hat recht. Wir brauchen die Kommunikation. Ich werd mit Gina zusammen hinausgehen und wir machen es gemeinsam, dann geht es schneller.«
»Nein!«, rief Jan bestimmend dazwischen. »Auf keinen Fall geht Ihr beide! Ihr habt mich überzeugt, dass es lebenswichtig werden könnte, eine Funkverbindung zu haben, aber der Bordtechniker bleibt hier. Eher gehe ich mit hinaus.«
»Du bist der Captain«, sagte Isabella mit vor Schreck geweiteten Augen. »Du kannst nicht hinausgehen. Du wirst für die Schiffsführung gebraucht.«
»Das ist Quatsch, Isabella«, entgegnete Jan. »Und das weißt du selbst. Dieses Schiff ist tot. Da ist nichts mehr zu führen. Und selbst wenn ... du könntest die Buran ebenso gut fliegen, oder Eva. Ich kann und will nicht von jemandem verlangen, dort hinauszugehen. Wie du schon sagtest: Ich bin der Captain. Ich wollte diesen Job, und es ist nun mal so, dass damit auch Verantwortung verbunden ist. Nur werde ich auf Gina nicht verzichten können. Sie kennt sich am besten mit der Anlage aus und muss mir sagen, was zu tun ist.«
Isabella knetete nervös ihre Hände. »Jan, ich will nicht, dass du das tust! Ich brauche dich. Wenn dir etwas zustieße ...«
Jan kam zu ihr hinüber und fasste sie an beiden Schultern, damit sie ihn ansehen musste. »Isa, ich brauche dich auch. Aber das Gleiche gilt auch für Gina und Pelle, und einen von beiden muss ich dort hinausschicken. Versteh das doch. Soll ich hier sicher im Schiff bleiben und mich verkriechen, während ich meine Leute der Gefahr aussetze? Isa, das kann ich nicht. Gina versteht etwas von ihrem Fach. Wenn wir es gemeinsam tun, werden wir schnell wieder hier sein.«
Isabella warf ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. »Ich hab Angst.«
»Ich auch. Sehr große sogar, aber es hilft nichts - wir müssen da hinaus.«
»Ja  ich weiß«, flüsterte sie schluchzend.
Behutsam löste sich Jan von ihr und wandte sich Gina zu. »Gina?«
Sie nickte. »Ich bin einverstanden, wenn du mir zur Hand gehen willst. Dann lass uns keine Zeit verlieren und machen, dass wir die Antenne wieder ausgerichtet bekommen.«
»Ich komm auch mit!«, sagte Eva. »Ich bin nur Beobachterin. Auf mich könnt ihr notfalls ebenfalls verzichten, und zwei weitere Hände können nur von Vorteil sein.«
»Gut«, meinte Jan. »Wir drei gehen hinaus – und zwar sofort. Um so eher sind wir zurück, in der relativen Sicherheit.«
Isabella fühlte einen dicken Kloß in ihrem Hals, als sie mit den Dreien zu den Raumanzügen hinüberschwebte, um ihnen beim Anlegen der Ausrüstung zu helfen. Sie wusste, dass weitere Diskussionen überflüssig waren. Jan war der Captain. Er hatte die Entscheidung getroffen und würde sich nicht mehr davon abbringen lassen. Sie spürte, dass ihre Hände vor Angst schweißig wurden und ihr Herz raste. Selbst als sie vor ein paar Jahren in der antriebslosen Zelle gesessen und den Tod vor Augen gehabt hatte, hatte sie nicht so viel Angst verspürt wie jetzt. Sie wusste, dass ihr Beruf gefährlich war, doch war es eine Sache, es zu wissen, doch eine ganz andere Sache, möglicherweise diese Drei, und dazu noch ihren Freund für ein Himmelfahrtskommando auszustatten, von dem sie vielleicht nicht mehr zurückkehren würden.
Als sie fertig waren, hielt Isabella Jan an den Armen fest. In ihren Augen spiegelte sich die nackte Angst. »Gibt es keine andere Lösung?«
Jan schüttelte den Kopf. Gina presste ihre Lippen fest zusammen.
»Gibt es wirklich keine andere Lösung?«, fragte Pelle.
Gina schwebte zu ihm und strich ihm mit ihrer behandschuhten Hand über die Wange. »Mach es uns nicht so schwer. Bitte. Keiner von uns will das, aber du musst doch einsehen, dass es getan werden muss.«
Pelle sah zu Isabella hinüber, die hilflos ihre Arme hob. »Macht nur schnell. Vergeudet keine Sekunde dort draußen.«
Eva klatschte in die Hände. »Leute, wenn ihr noch länger diskutiert, mach ich noch einen Rückzieher. Entweder wir gehen jetzt oder lassen es. Mir ist nicht weniger mulmig als euch.«
Wortlos sahen sie zu, wie die Drei sich in die kleine Zelle zwängten, die seit ihrer Havarie als Schleuse diente. Das äußere Schott wurde geöffnet und sie verschwanden aus ihrem Blickfeld.
Pelle schwebte neben Isabella und legte ihr sanft einen Arm um die Schultern. »Es wird schon gut gehen«, sagte er. »Du wirst sehen ...«
Isabella legte ihren Kopf an seine Schulter. »Ich hab solche Angst, Pelle. Ich hab kein gutes Gefühl. Diese ganze Mission war ein totales Desaster. Seit wir auf dem verdammten Asteroiden angekommen waren, ist so ziemlich alles schiefgegangen, nicht wahr?«
»Du hast schon recht, aber wir werden es schaffen. Ich bin sicher.«
»Woher nimmst du diese Zuversicht? Es ist doch bisher nur immer noch schlimmer geworden, oder etwa nicht?«
Pelle kaute an seiner Unterlippe. »Ja, aber es muss auch wieder aufwärts gehen.«
Isabella löste sich von Pelle und schwebte zu ihrer Konsole hinüber. Dort angekommen nahm sie einige Schaltungen vor. Sie wischte sich die Tränen fort, die sich in ihren Augenwinkeln gebildet hatten, und versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Als ausgebildete Pilotin bin ich für die Dauer der Abwesenheit von Captain Jan Lückert der verantwortliche Offizier. Pelle, bitte übernimm den Kommunikationsstand und schalte uns eine permanente Leitung zu unseren Leuten im Außenbereich.«
Pelle war froh, dass Isabella sich gefangen hatte, und kam ihrem Befehl unverzüglich nach. Wenige Augenblicke später konnten sie über die Lautsprecher hören, was Jan, Gina und Eva sprachen.
»Könnt Ihr uns auch hören?«, fragte Isabella ins Mikrofon.
»Klar und deutlich«, kam sofort die Antwort. »Wir sind jetzt hinten im Laderaum. Es sieht katastrophal aus. Wir können sogar den Meteoriten sehen, der hier eingeschlagen ist. Er steckt in den Trümmern der vorderen Regalreihe und ist ein ganz schöner Brocken.«
»Ist noch etwas heil geblieben?«, wollte Isabella wissen. »Sind noch Ersatzteile für die Funkanlage vorhanden?«
»Da haben wir Glück gehabt«, bestätigte Gina. »Die Antennen- und Umsetzerteile waren im hinteren Regal. Das ist zwar auch schrottreif, aber die Regalstützen sind so umgeknickt, dass die Kisten mit den Antennenteilen heil geblieben sind. Wir fangen jetzt an, die Teile so zu verstauen, dass wir sie mit nach draußen nehmen können.«
»Was ist, wenn die Halterungen verbogen sind?«, fragte Isabella.
»Ich hab einen kleinen Plasmabrenner dabei. Die Energiezelle wird zwar nicht lange reichen, aber damit kann ich entweder das Trümmerstück abtrennen oder die neue Halterung aufschweißen. Es wird schon gehen.«
»Tut mir nur den Gefallen und bleibt nicht zu lange draußen«, mahnte Isabella. »Die Leoniden werden und noch ein paar Tage lang begleiten.«
»Wir werden uns beeilen, so gut es geht«, meldete sich Jan. »Mach dir nicht zu viele Sorgen. Wir werden jetzt aussteigen.«
Über eine Helmkamera, die Eva an ihrem Helm angeschlossen hatte, konnten Pelle, Isabella und die Wissenschaftler die Arbeiten auf der Außenseite verfolgen.
Jan hatte kein gutes Gefühl, als er aus dem Loch in der Außenwand der Buran ins Freie kletterte. Ohne dieses Einschlagloch wäre es ihnen unmöglich gewesen, die Halterung für die neue Antenne nach draußen zu bringen. Die Personenschleuse war nicht mehr zu benutzen und auch die große Lastenschleuse funktionierte nicht mehr einwandfrei. Im Gegensatz zum letzten Außeneinsatz, als Pelle die Antenne repariert hatte, konnten sie diesmal das Schiff nicht so drehen, dass der Rumpf der Buran sie gegen die Leoniden schützte.
Nacheinander kletterten auch Gina und Eva aus dem Rumpf hinaus ins All. Sie waren durch eine reißfeste Leine, die im Innern der Buran befestigt war, gesichert. Die Buran war auf ihrer Außenseite mit zahlreichen Griffmulden versehen, die man auch mit den klobigen Handschuhen der Raumanzüge gut greifen konnte. Jan und Eva ergriffen die Halterung und die Antennenschüssel, während Gina sich orientierte und ihnen den Weg zur zerstörten Funkanlage wies. Trotz der Schwerelosigkeit war es eine unbequeme und schweißtreibende Arbeit, mit der Ausrüstung über die Oberfläche der Buran zu klettern. Als sie an der Funkanlage angekommen waren, erkannten sie das wahre Ausmaß der Zerstörung. Ein Meteorit hatte die Parabolantenne komplett abgetrennt und die Halterung dabei verbogen und ausgefranst.
»Daran kann ich auf keinen Fall eine neue Schüssel montieren«, sagte Gina. »Das alte Ding muss vollständig weg. Bindet die Ersatzteile dort vorn fest und helft mir, die Schrauben der Halterung zu lösen.«
Jan befestigte die große Schüssel mit einem Klettband und ließ sich an der Sicherheitsleine ein Stück von der Buran wegtreiben. Er blickte an der Buran entlang und verschaffte sich einen Eindruck vom Zustand der Hülle. Es gefiel ihm absolut nicht, was er sah. Überall entdeckte er kleinere oder größere Beulen, die von Zusammenstößen mit Meteoriten herrührten. Bei genauerem Hinsehen blitzte es von Zeit zu Zeit an verschiedenen Stellen der Hülle auf. Also befanden sie sich noch immer im unmittelbaren Gefahrenbereich der Leoniden. Man konnte nur hoffen, dass sie nicht getroffen wurden.
»Wir sollten hier draußen keine Zeit verschwenden«, sagte er. »Es blitzen dauernd irgendwo auf der Hülle kleine Meteoriteneinschläge auf. Die Meisten sind winzig, aber man kann nie wissen.«
Er zog sich an der Sicherheitsleine zurück zum Schiff und gesellte sich zu Eva und Gina, die bereits konzentriert an der Arbeit waren.
»Verdammt!«, rief Gina aus. »Diese Halterung hat sich dermaßen verzogen, dass ich die Schrauben nicht lösen kann.«
»Lass mich mal versuchen«, schlug Jan vor und nahm Ginas Platz ein. Er nahm den schweren Spezialschlüssel in die Hand und setzte ihn an.
Jan wusste, dass er kein Schwächling war, doch musste etwas mit den Schrauben geschehen sein, denn sie rührten sich keinen Millimeter.
»Lass es sein, Jan«, sagte Gina. »Ich versuch es mit dem Brenner. Dann schweißen wir die neue Halterung eben auf den Stumpf. Das ist zwar nicht elegant, aber es dauert nicht so lange.«

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