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50 Mayday - Opfer der Leoniden - Teil 2/2

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10. Mayday

10.5 Opfer der Leoniden - Teil 2/2


Sie fingerte an ihrer Anzugtasche herum und holte ein pistolenähnliches Instrument hervor, welches sie nur wenige Zentimeter über der Basisplatte der alten Halterung ansetzte. Ein blassblauer Strahl flammte auf und fraß sich in das Metall der Halterung. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann war der zerstörte Stumpf abgetrennt.
»Eva, reich mir mal die neue Halterung«, bat Gina.
Eva reichte ihr das neue Teil hinüber und half, es auszurichten. Gina schnitt den unteren Teil mit dem Brenner ab und prüfte, ob die abgeschnittenen Teile in etwa aufeinander passten, dann änderte sie die Einstellung am Brenner und setzte ihn an den Schnittstellen an.
»Jetzt bitte nicht bewegen, bis ich es euch sage«, sagte sie zu Jan und Eva. Sie brachte das Material mit dem Brenner zum Schmelzen und verband so die Teile der alten Halterung mit der Neuen. Als die Schmelzstelle schließlich ausgehärtet war, gab sie Entwarnung: »So, ihr könnt jetzt loslassen. Das wird sich so schnell nicht lösen. Jan, würdest du bitte die Antennenschüssel oben einrasten? Ich kümmere mich um die Anschlusskabel.«
Während Jan, zusammen mit Eva die massive Schüssel auf die Halterung setzte und sie dort fest einrasten ließ, verlängerte Gina die abgerissenen Kabel der alten Funkanlage mit einem mitgebrachten Kabel und schloss die neue Antenne an.
»Pelle, lass bitte mal die Antennenmotoren laufen lassen.«, bat Gina über Helmfunk. »Wir müssen testen, ob sich die Antenne ausrichten lässt.«
Einen Moment später begann sich die Anlage zu drehen und die Schüssel neigte sich.
»Ok, Pelle, es geht. Du kannst abschalten. Wir kommen jetzt rein.«
»Das wird auch Zeit, Gina«, sagte Pelle. »Gute Arbeit.«
»Danke«, antwortete sie.
Sie verstauten die Werkzeuge in ihren Taschen und begannen den Rückweg zum Loch in der Wandung. In diesem Moment blitzte es nur einen Meter von ihnen entfernt auf der Hülle auf. Sie konnten die leichte Erschütterung sogar in ihren Handschuhen fühlen, mit denen sie sich an den Griffmulden festhielten. Noch während sie erschreckt innehielten, schlugen an mehreren Stellen fast gleichzeitig weitere Meteoriten ein und ließen ihnen die Splitter um die Ohren fliegen.
»Wir müssen hier weg!«, rief Jan laut. »Wir sind alle mit Seilen gesichert. Stoßt euch von der Hülle ab, damit wir wenigstens nichts mehr mit den Splittern zu tun haben! Wir ziehen uns dann am Seil ins Schiff hinein. Los!«
Sie stießen sich ab und entfernten sich ein Stück von der Buran. Aus der Distanz konnten sie erkennen, wie häufig es auf der Hülle des Schiffes blitzte.
»Hoffentlich bekommt die Antenne nicht wieder was ab«, meinte Gina.
»Ich hab da ganz andere Sorgen, Gina!«, rief Jan und spürte, wie ihm unter dem Raumhelm der Angstschweiß über das Gesicht lief. »Los zieht an dem Seil wie der Teufel! Wir müssen so schnell wie möglich in die Deckung der Buran! Hier draußen sind wir einfach nur Zielscheiben!«
»Beeilt euch!«, rief Isabella. »Die Trefferdichte steigt jede Minute an!«
»Wir machen ja schon!«, rief Jan zurück. »Meinst du, wir sind freiwillig noch hier draußen?«
In diesem Moment spürte Jan einen kleinen Schlag an seinem Bein. Es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter, als eine Alarmmeldung auf seinem Helmdisplay erschien, welches eine Beschädigung der äußeren Anzughülle signalisierte. Hektisch blickte er auf seinen Innendruckanzeiger, der jedoch noch keinen Druckverlust anzeigte. Er hatte noch einmal Glück gehabt und verstärkte seine Anstrengungen, die rettende Deckung der Buran zu erreichen.
Plötzlich hörte er ein ersticktes Keuchen im Helmlautsprecher.
»Wer war das?«, fragte er. »Hat jemand Probleme?«
»Ich war es nicht«, gab Eva zurück.
»Gina?«, fragte Jan. »Gina, bist du in Ordnung?«
Es kam keine Antwort. Jan begann, an seiner Leine zu ziehen und versuchte, Gina in den Sichtbereich seines Helmvisiers zu bekommen. Als er sie schließlich sah, bekam er einen gewaltigen Schreck. Aus einem winzigen Loch im Brustbereich entwich Gas, vermischt mit einer roten Flüssigkeit. Es war ihm sogleich klar, dass es sich nur um Blut handeln konnte. Gina war getroffen worden und vermutlich hatte es sie schwer erwischt, da sie keine weiteren Versuche unternahm, sich in Sicherheit zu bringen. Er versuchte, die Sicherheitsleine von Gina zu greifen, doch sie war ein Stück zu weit entfernt. Also zog er wie ein Wahnsinniger an seinem eigenen Seil, um ins Schiff zu kommen, um von dort aus Gina hineinzuziehen.
»Was ist bei euch los?«, wollte Isabella wissen. »Was ist mit Gina?«
»Nicht jetzt, Isabella«, sagte Jan keuchend. »Gina hat's erwischt. Ich muss sie reinholen.«
»Mein Gott!«, entfuhr es Isabella. »Pelle, Gina ist getroffen. Jan holt sie rein.«
»Wie schlimm ist es?«, fragte Pelle besorgt.
»Lasst Jan in Ruhe!«, brüllte Eva. »Gina ist schwer verletzt und ihr Anzug ist leckgeschlagen. Er muss sich jetzt beeilen.«
Eva hatte inzwischen auch den Eingang zur Buran erreicht und half Jan beim Einholen der leblosen Gina. Noch immer konnte man erkennen, dass Gas entwich. Ob es noch immer blutete, war nicht zu erkennen.
Ginas Körper schlug hart gegen Jan und Eva und warf sie bis tief in den Laderaum der Buran hinein. Sie rappelten sich jedoch sofort auf und schauten nach Gina.
»Ich hab Dichtungsmasse dabei«, sagte Eva und suchte in den Tiefen ihrer Anzugtasche. Sie zog eine kleine Tube hervor, die sie auf die undichte Stelle drückte. Fast sofort hörte der Gasaustritt auf. Jan hatte ein kleines Anschlusskabel aus seiner Tasche gezogen und stöpselte es in das Dateninterface von Ginas Helm. Auf seinem eigenen Helmdisplay konnte er die wichtigsten Daten Ginas nun ablesen. Dieses Verfahren musste angewandt werden, weil die Helmvisiere der Raumanzüge verspiegelt waren und einen Blick von außen nicht zuließen.
»Sie lebt!«, rief Jan. »Ihr Blutdruck ist recht niedrig und sie ist nicht bei Bewusstsein! Wir bringen sie jetzt zur Schleuse! Bitte haltet alles bereit, was wir gebrauchen können, um Gina zu helfen.«
Eva und Jan legten alles ab, was jetzt hinderlich war. Sie gingen davon aus, dass sie das schwere Werkzeug nicht mehr benötigen würden, und konzentrierten sich darauf, Ginas bewusstlosen Körper durch das Chaos der Ladebucht zu manövrieren. Sie waren schweißgebadet, als sie endlich in der Schleuse waren und den Druckausgleich herstellten. Als die innere Tür aufging, griffen Pelle, Isabella und vanBuren gleich nach Gina und begannen, ihr den Anzug abzunehmen. Er wies sowohl am Rücken als auch auf der Brust ein winziges Loch auf. Ein kleiner Meteorit musste ihren Körper komplett durchschlagen haben. Als sie den Anzug entfernt hatten, sahen sie, dass die Unterkleidung vorn und hinten stark von Blut durchtränkt war. VanBuren schnitt ihr das Hemd mit einer Schere vorsichtig vom Körper und war zunächst erleichtert, als er sah, dass die Wunden nicht mehr bluteten. Er fühlte nach ihrem Puls und blickte gleich wieder besorgter.
»Der Puls ist schwach«, sagte er. »Wir wissen nicht, ob innere Organe verletzt sind. Möglicherweise hat sie auch innere Blutungen. Wir hätten in einem solchen Fall keine Möglichkeiten, ihr zu helfen.«
Pelle strich Gina mit der Hand sanft über die Haare.
»Gina, halte durch«, sagte er. »Du darfst nicht sterben. Du bist doch meine Freundin. Wir haben doch noch Pläne ...«
Isabella nahm ihn in die Arme und drückte ihn sanft.
»Pelle, es sieht nicht gut aus«, sagte sie. »Wir können hoffen, doch viel mehr können wir nicht tun.«
»Was ist mit unseren Medikamenten? Es muss doch etwas dabei sein, womit wir Gina helfen können.«
vanBuren hatte das Gespräch mit angehört und kam zu ihnen hinüber.
»Es tut mir leid, aber ich weiß nicht weiter«, sagte er. »Ich bin kein Arzt, sondern lediglich Biologe. Die Mittel, die wir in der Bordapotheke finden konnten, sind in erster Linie Antibiotika und Schmerzmittel. Beides wird Gina nicht helfen können. Was wir brauchen würden, wären Blutkonserven und die Möglichkeit, die inneren Organe zu untersuchen. Beides ist nicht möglich. Wir könnten zwar eine Ultraschalluntersuchung vornehmen, aber ganz ehrlich: Ich könnte mit den Anzeigen nicht viel anfangen. Es reicht, um einen Fremdkörper ausfindig zu machen oder um Knochenbrüche zu erkennen. Aber ein Organ richtig beurteilen? Das kann ich nicht.«
»Wir müssen doch etwas tun können«, sagte Pelle lahm. Man sah ihm an, dass er litt.
»Der Meteorit ist quer durch ihren Körper geschlagen und hat dabei mit Sicherheit die Lunge beschädigt – vielleicht auch mehr. Wir können nur abwarten und hoffen, dass sie lange genug durchhält, bis wir sie in eine Klinik auf dem Mond oder der Erde bringen können.«
Jan sah zu Gina hinüber und empfand einen schmerzhaften Stich bei dem Gedanken, dass er es zugelassen hatte, dass sie hinaus ins Freie gegangen waren. Ihm ging plötzlich der Gedanke durch den Kopf, warum sie das alles getan hatten. Er gab sich einen Ruck.
»Pelle, du kannst doch auch die Funkanlage bedienen«, sagte er. »Du versuchst sofort, die INDIALOX 3 zu finden und nimmst Kontakt mit ihr auf.«
Pelle sah Jan verständnislos an. »Das kann doch nicht dein Ernst sein, du Arsch. Gina ringt mit dem Tode und du willst sofort wieder den normalen Bordbetrieb aufnehmen?«
»Genau das will ich, ganz recht!«, sagte Jan sehr bestimmt. »Und den ’Arsch' will ich nicht gehört haben. Es war Ginas wichtigstes Anliegen, wieder kommunizieren zu können, um Kontakt zur INDIALOX 3 zu bekommen. Wer weiß, wie lange wir noch eine Antenne haben werden. Also versuch, den verdammten Frachter zu erreichen und gib unseren Status durch. Außerdem will ich wissen, ob sie einen Arzt an Bord haben.«
Pelles Gesichtsausdruck wurde sofort ernst und er deutete ein leichtes Salutieren an.
»Ich mach mich sofort an die Arbeit. Ich hab es nicht so gemeint.«
»Doch Pelle, das hast du und ich hab volles Verständnis dafür. Ich würde auch lieber hier an Ginas Lager bleiben, aber das hilft uns nicht weiter – am wenigsten Gina. Wir helfen ihr am Besten, wenn wir versuchen, Hilfe zu bekommen.«
Es dauerte lange, bis Pelle den Frachter gefunden hatte. Die geschweißte Halterung ließ sich nicht so präzise steuern wie die ursprüngliche Anlage, doch letztlich fand er das Peilsignal der INDIALOX 3 und loggte es ein.
»Hallo Buran, sind sie das?«, kam nach kurzer Zeit Selmas Stimme aus dem Lautsprecher. »Wir hatten schon befürchtet, ihnen wäre etwas zugestoßen.«
»Leider ist das auch der Fall«, erklärte Pelle. »Wir haben schwere Treffer erhalten und sind nun komplett manövrierunfähig. Unsere Funkantenne wurde abgerissen und konnte nur im Außeneinsatz repariert werden.«
»Sie waren bei diesen Leonidenaktivitäten draußen?«, fragte Selma entgeistert.
»Ja, leider wurde dabei unsere Funkoffizierin Gina Daccelli schwer verletzt. Wir befürchten das Schlimmste. Haben sie einen Arzt an Bord?«
»Wir haben eine Ärztin, aber wir können nicht schneller bei ihnen sein, als wir es bereits besprochen haben. Wie steht es um Ihre medizinische Ausstattung?«
»Wir haben nur Antibiotika und Schmerzmittel.«
»Verdammt!«, entfuhr es Selma. »Damit können wir hier sicherlich nicht viel anfangen. Ich werde unsere Ärztin informieren, damit sie ein paar Sachen zusammenpackt und mit der ersten Gruppe zu ihnen rüber kommt. Können wir sonst etwas für sie tun?«
»Ja, verständigen sie bitte den Mond«, sagte Pelle. »Ich wage es nicht, unsere Antenne neu auszurichten und den Kontakt zu ihnen zu verlieren.«
»Geht klar«, antwortete Selma. »Und rufen Sie uns an, wann immer Sie wollen.«
»Danke und Ende«, sagte Pelle und schaltete den Sender ab. Den Empfänger ließ er eingeschaltet.
Pelle drehte sich zu den Anderen um und sah ihre ernsten Gesichter.
»Was ist?«, fragte er. »Wir haben wieder Kontakt.«
»Gina ist tot«, sagte Isabella leise und Tränen traten ihr in die Augen.
»Nein!«, schrie Pelle und schnellte sich aus dem Sessel zu Ginas Liege hinüber. »Das darf einfach nicht sein!«
Er umfasste Ginas schlanke Gestalt und presste sie an sich. »Verdammt, du darfst jetzt nicht gehen. Wir gehören doch zusammen. Ich liebe dich doch.« Hemmungslos ließ er seinen Gefühlen ihren Lauf, und die anderen zogen sich etwas zurück.
»Ihr Herz hat einfach aufgehört, zu schlagen«, sagte Jan tonlos. »Und ich bin schuld an ihrem Tod.«
»Das ist doch Unsinn!«, sagte Eva heftig. »Du hast eine notwendige Entscheidung getroffen. Jeder andere von uns hätte in deiner Position nicht anders gehandelt. Außerdem warst du ebenfalls dort draußen. Es war ein Unfall. Gib dir nicht die Schuld daran.«
»Verdammt, aber sie ist tot!«, rief Jan verzweifelt. »Tot, versteht Ihr? Sie wird nie wieder mit uns zusammen lachen und feiern! Sie ist bei dieser beschissenen Mission draufgegangen! Und ich habe es zugelassen!«
Er stieß sich ab und schwebte in den kleinen Lagerraum für die wissenschaftlichen Instrumente, wo sich im Moment niemand aufhielt. Er musste jetzt allein sein.
Isabella wollte hinter ihm her, doch Eva hielt sie fest. »Lass ihn einen Moment allein. Er wird es schon verkraften. Er hat sich bisher wirklich wie ein Captain verhalten. Jetzt stellt er fest, dass Verantwortung schwer wiegen kann. Ich weiß, dass du liebend gern zu ihm gehen würdest, aber er kommt sicher bald zurück.«
Isabella sah Eva an und konnte es nicht verhindern, dass ihre Tränen wie kleine Silberperlen durch die Kabine schwebten. Eva nahm sie in den Arm und hielt sie, bis sie sich nach einiger Zeit allmählich beruhigte.
»Danke«, sagte Isabella. »Ich weiß, ich war in der Vergangenheit oft eifersüchtig auf dich, aber ich weiß jetzt, dass du eine wirklich gute Freundin bist.«
»Es wäre schön, wenn wir Freundinnen sein könnten, Isabella. Und du hattest nie einen Grund für deine Eifersucht. Jan wollte immer nur dich, das darfst du mir glauben.«
Pelle hatte sich inzwischen auch etwas gefangen und kam mit traurigen Augen zu ihnen herüber.
»Eva hat recht«, sagte er. »Gina wusste, wie gefährlich diese Aktion sein würde, und war bereit, dieses Risiko einzugehen.«
Stancu und Kaya wickelten Gina in ein paar Tücher, die sie gefunden hatten, und legten sie in einen der Nebenräume, die derzeit nicht genutzt wurden. Sie schalteten die Heizung dort ab und verschlossen die Tür.

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