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51 Mayday - Rettung - Teil 1/2

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10. Mayday

10.6 Rettung - Teil 1/2


Danach begann das lange Warten. Tage vergingen, in denen nichts weiter geschah, als eine Routinemeldung an die INDIALOX 3, die sich mit jeder Stunde der Buran weiter näherte. Die meiste Zeit waren sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Gespräche wurden kaum noch geführt. Die Atemluft wurde immer stickiger und schwächte sie zusätzlich. Jan hatte sich wieder gefangen und kümmerte sich um Isabella, die der Tod Ginas arg mitgenommen hatte. Pelle hatte sich völlig zurückgezogen und vermied es, sich mit den anderen unterhalten zu müssen. Täglich verschwand er mehrfach in dem Raum, in dem sie Ginas Leichnam gelegt hatten. Aus seinen Augen sprach tiefe Trauer, als er die Zentrale wieder betrat und sich schweigend in eine Ecke zurückzog.
»Das kann nicht gut für ihn sein«, flüsterte Isabella Jan zu. »Er quält sich damit doch nur selbst.«
Jan zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde. Jeder verarbeitet seine Trauer auf unterschiedliche Weise. Normal ist unsere Situation ja wirklich nicht. Pelle ist mein bester Freund, aber ich weiß im Moment nicht, was ich ihm sagen sollte.«
Isabella drückte ihm fest die Hand. »Ich hoffe, dass er damit fertig wird.«

Dann war es endlich so weit. Die Buran passierte den Punkt geflogen, an dem die Schwerkraft von Mond und Erde sich gegenseitig aufhob, und war im Begriff, dieses System wieder zu verlassen, als das Funkgerät ansprach: »Hallo Buran, hier ist die INDIALOX 3. Wir haben sie auf dem Radarschirm und nähern uns in spitzem Winkel aus etwa fünf Uhr, relativ zu ihrer Flugrichtung. In zehn Minuten werden wir ein Angleichungsmanöver ausführen und dann parallel zu ihnen fliegen.«
»Sie glauben nicht, wie wir uns über diese Nachricht freuen«, antwortete Jan. »Unsere Atemluft wird allmählich kritisch.«
»Hier spricht Selma Horec, bitte legt schon mal eure Raumanzüge an. Wir haben gleich ein relativ kleines Fenster, um euch an Bord zu holen. Sagt uns Bescheid, wenn ihr so weit seid.«
»Was wird aus unserer Ausrüstung, den Proben von dem Asteroiden und dem Leichnam von Gina Daccelli?«, wollte Jan wissen.
»Darum muss sich die Akademie kümmern. Wir haben nicht die Mittel, um die Buran aufzubringen. Wir werden uns darauf beschränken müssen, euch alle zu retten.«
Kurze Zeit später – sie hatten soeben die Raumanzüge angelegt – blitzte es draußen ein paar Mal hell auf. Es handelte sich um die Steuerdüsen des Frachters, der seine Geschwindigkeit der ihren anpasste und allmählich näherkam. Als der Abstand etwa fünfzig Meter betrug, schoss jemand vom Frachter aus eine Art von Harpune ab, an der ein Stahlseil befestigt war. Die Harpune schlug neben dem Meteoriteneinschlagloch in die Außenwand ein und verankerte sich dort.
»Ihr könnt an dem Seil entlang zu uns hinüber kommen«, sagte Selma über Funk. »Bitte zögert nicht. Unser Pilot möchte nicht lange so dicht an einem anderen Schiff verharren.«
»Gut, wir kommen«, antwortete Jan. »Wir müssen uns nur durch die Trümmer im Lagerraum kämpfen, deshalb wird es noch ein paar Minuten dauern, bis der Erste sich am Seil entlang hangelt.«
»Verstanden, wir warten.«
Jan wandte sich an die anderen: »Wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Wir werden die Atemluft einfach über die Schleuse ablassen. Hier drin brauchen wir sie nicht mehr, und sie ist sowieso mit CO2 vergiftet.«
Pelle ging in die Schleuse und drehte an einem Rad für die Dichtungen, die er damit allmählich löste. Es begann zu zischen und es fühlte sich an, als wenn ein Sturm aufkommen würde.
»Ich lass die Luft so schnell ab, wie es vertretbar ist«, sagte Pelle. »Sonst fliegen wir noch weg, so ein Sturm wäre es.«
»Wieso schleusen wir nicht nacheinander ganz normal aus?«, fragte Kaya.
»Das würde länger dauern, als die Luft jetzt komplett abzulassen und einfach hinauszuspazieren.«
Trotzdem dauerte es noch Minuten, bevor sie das Schleusenschott einfach öffnen konnten. Zügig ließen sich alle nacheinander durch die enge Schleuse treiben und sammelten sich im Lagerraum.
»Ein paar Worte zur Sicherheit«, sagte Jan. »Jeder von euch hat an seinem Raumanzug vorn eine kleine Tasche, in der er eine kurze Sicherheitsleine mit einem Karabinerhaken findet. Wenn wir uns dem Einschlagloch nähern, wird sich jeder Einzelne zunächst mit einer längeren Leine in der Buran sichern lassen, bevor er das Schiff verlässt. Dann visiert er das Stahlseil an, welches von der INDIALOX 3 herübergeschossen wurde und versucht es zu greifen. Wenn es gelingt, wird der Karabiner am Stahlseil eingehängt. Erst danach wird die lange Leine gelöst. Wir werden diesen Ablauf für jeden einzeln vornehmen. Eva und ich werden die Evakuierung koordinieren. Noch Fragen?«
»Was ist mit unserer Ausrüstung und den Proben?«, wollte Stancu wissen.
»Was geschieht mit Gina?«, fragte Pelle. »Wir können sie doch nicht einfach hierlassen.«
Jan schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid Pelle, aber wir werden nichts mitnehmen. Um die Buran soll sich die Akademie kümmern. Sie wird sicher geborgen werden. Jetzt geht es ausschließlich um uns.«
Es war den Wissenschaftlern anzusehen, dass sie nicht begeistert darüber waren, ihre unersetzlichen Proben an Bord der Buran zu lassen, doch sahen sie ein, dass sie sich in diesem Moment damit abfinden mussten. Pelle war hin- und hergerissen. Er wusste ganz genau, dass sie Ginas Leichnam nicht mit hinübernehmen konnten. Trotzdem erschien es ihm gefühlsmäßig falsch, seine Freundin zurückzulassen.
Jan sah Pelle an, was in ihm vorging. »Pelle, Gina würde sicher nichts dagegen haben. Sie wird so bald wie möglich geborgen werden, das versprech ich dir.«
Am großen Einschlagloch angekommen, sahen sie den Frachter in einiger Entfernung im All stehen. Das Stahlseil verband locker die beiden Schiffe.
Loma, der immer noch recht schwach war, drehte sich um und entdeckte im dämmerigen Licht der wenigen, noch funktionierenden, Birnen der Notbeleuchtung, den großen Meteoriten.
»Mein Gott!«, rief er aus. »Dieses Ding hat uns getroffen? Hätte es uns an anderer Stelle getroffen, wäre es mit uns aus gewesen.«
»Stimmt«, bestätigte Pelle. »Aber es ist nicht geschehen und wir ... leben noch. Jetzt würde ich aber gern dieses Wrack verlassen.« Er warf einen letzten, wehmütigen Blick zurück in die Richtung, wo er Gina zurückgelassen hatte.
»Wie ich höre, seid ihr soweit«, sagte Selma. »Wir sind bereit und warten.«
Jan und Eva arbeiteten routiniert und konzentriert. Einen nach dem anderen sicherten sie und schickten ihn auf die Reise. Kaya und Stancu mussten noch einmal eingeholt werden, da sie sich verschätzt und das Stahlseil verfehlt hatten, doch insgesamt verlief die Evakuierung reibungslos. Die Besatzung der Buran fädelte sich auf das Stahlseil und zog sich mit den Händen daran entlang. Sobald die Geschwindigkeit ausreichend war, brauchten sie nur noch zu warten, bis sie an der Gegenstelle eintrafen.
Schließlich befanden sich nur noch Jan und Eva auf der Buran.
»Jetzt du«, sagte Eva.
»Auf keinen Fall«, erwiderte Jan. »Die Buran war für diese Mission mein Schiff. Der Captain geht als Letzter von Bord.« Er sah sich noch einmal um. »Eigentlich war sie kein schlechtes Schiff. Ich mochte sie. Leider haben die Umstände sie zerstört. Ich werde sie trotzdem nie vergessen. Sie war mein allererstes Schiff und Gina musste auf ihm ihr Leben lassen.«
Er gab sich einen Ruck und sicherte Eva. »Los Eva, verschwinde und mach, dass du nach drüben kommst. Den Rest schaff ich schon allein.«
Eva stieß sich ab und erreichte zielsicher das Stahlseil, wo sie sich einhakte. »Ich warte, bis du auch kommst.«
Also beeilte sich Jan, es ihr gleichzutun und verließ sein Schiff.
Eva und Jan zogen sich am Seil entlang und stellten fest, dass man eine ganz beachtliche Geschwindigkeit erreichen konnte. Der Karabiner hielt sie am Seil fest, doch ihre Körper schaukelten und drehten sich um das Seil, während sie der INDIALOX 3 näherkamen. Sicherheitshalber bremsten sie ihre Fahrt kurz vor ihrer Ankunft etwas ab, da sie keine Lust hatten, sich bei ihrem Eintreffen noch zu verletzen. Zwei kräftige Männer nahmen sie entgegen und zeigten ihnen, wo die Personenschleuse war. Nachdem die Evakuierung abgeschlossen war, trennten die Männer des Frachters das Stahlseil und ließen es treiben.
Bereits in der Schleusenkammer hatten sie das Gefühl, als wenn das Schiff bereits Fahrt aufnehmen würde. Nach kurzer Zeit war der Druckausgleich hergestellt und das Schott nach innen wurde aufgezogen. Einige Mitglieder der Bordcrew standen bereit, um ihnen beim Ablegen der Anzüge zu helfen. Auch Selma war unter ihnen. Sie war es auch, die Jan den Helm abnahm. Sie lächelte ihn an, als sie ihn erkannte.
»Hallo«, sagte sie freundlich. »Ich hätte damals nicht geglaubt, dich unter so dramatischen Umständen wiederzusehen.«
»Das hätte ich auch nicht geglaubt«, bestätigte Jan. »Aber ich bin froh, dass du hier an Bord bist und euer Schiff in erreichbarer Nähe war.«
Inzwischen hatte man allen Buran-Leuten die Anzüge abgenommen und Isabella kam zu Jan und Selma herüber.
»Das ist meine Freundin Isabella«, stellte er sie vor. »Und das ist Selma Horec, die uns so toll geholfen hat.«
»Das haben sie genau richtig ausgedrückt, junger Mann«, sagte ein älterer, dunkelhäutiger Mann, der aus dem Schiffsinnern zu ihnen kam. »Ich heiße Ranjan Negi und bin der Kommandant. Sie glauben nicht, mit wie viel Leidenschaft diese junge Dame hier ihre Rettung betrieben hat. Wir haben derzeit einige Personalprobleme. Unter normalen Umständen wären wir kaum in der Lage gewesen, uns um sie zu kümmern. Doch Selma, die eigentlich unsere Funkoffizierin ist, hat sich als Funkerin, Navigatorin und Ortungsspezialistin hervorgetan und unseren Piloten mit den notwendigen Daten versorgt.«
Isabella sah Selma anerkennend an. »Das ist eine tolle Leistung, Frau Horec. Dafür können wir uns nur bedanken.«
Selma winkte ab. »Nennt mich Selma. Und ich muss gestehen, dass ich tatsächlich alles daran gesetzt habe, diese Rettungsaktion durchzuführen. Es war auch nicht ganz uneigennützig, muss ich zu meiner Schande gestehen. Ich will unbedingt an die Akademie.«
»An die Akademie?«, fragte Pelle verständnislos. »Aber du hast doch schon eine Ausbildung, Selma. Was willst du dann an der Akademie?«
»Ich hab es Jan schon einmal erklärt. Meine Ausbildung fand im Uchinoura Space-Center in Japan statt. Nicht, dass man dort nicht für die Arbeit im All fit gemacht wird, aber die Qualität der Ausbildung steht in keinem Verhältnis zur Akademie. Ich hab immer davon geträumt, Navigatorin oder Pilotin zu werden, und hab nebenbei autodidaktische Studien betrieben. Zum ersten Mal konnte ich diese Kenntnisse einsetzen. Ich hoffe, dadurch die Aufmerksamkeit der Akademie zu bekommen.«
»Die du dir damit auch sicherlich verdient hättest«, ergänzte Jan. »Was sagt denn der Kommandant dazu?«
Ranjan Negi lächelte. »Selma ist hier an Bord unser Nesthäkchen und ich schätze sie und ihre Arbeit sehr. Sie ist für mich während der letzten Monate quasi die Tochter geworden, die ich nie hatte. Ich wünsche für Selma nur das Beste. Wenn jemand eine Chance verdient, sich seine Sporen bei der berühmten Akademie zu verdienen, dann ist es Selma. Ich würde sie nicht gern hergeben, aber meinen Segen hätte sie.«
Selma lächelte, als sie das hörte. »Das ist lieb von dir, Ranjan. Nur wird es mir nicht viel nützen, wenn ich schon wieder einen Antrag auf Aufnahme stelle. Bisher hab ich stets spontane Absagen erhalten. Sie haben mich noch nicht mal zu einem Gespräch eingeladen.«

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