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53 Mayday - Heimkehr zum Mond

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10. Mayday

10.7 Heimkehr zum Mond


Sie drückte den Hebel für die Triebwerksleistung nach vorn und ließ die Fähre in einer engen Kurve direkt auf den Mond zusteuern. Mit beachtlicher Geschwindigkeit stürzten sie auf den Mond zu. Hätten sie nicht selbst schon solche Fahrzeuge geflogen, wären sie sicherlich beunruhigt gewesen. Lediglich Selma hielt sich unwillkürlich an den Griffen ihres Sitzes fest. Sie war Fähren mit so hoher Triebwerksleistung nicht gewohnt. Als sie jedoch sah, dass die anderen noch immer entspannt in ihren Sitzen hockten, überwog die natürliche Neugierde. Nach wenigen Augenblicken musste sie sich eingestehen, dass eine gewisse Erregung von ihr Besitz ergriff. Von ihrem Platz aus konnte sie durch die großen Frontfenster blicken. Die Mondoberfläche kam immer näher. Bald krallten sich ihre Hände in den Bezug der Armlehnen, als sie das Gefühl hatte, sie würden ihre hohe Geschwindigkeit nicht rechtzeitig reduzieren können. Unwillkürlich hielt sie den Atem an, als die Fähre plötzlich wegkippte und mit dem Bug in den schwarzen Himmel zeigte. Die Triebwerke dröhnten unter Volllast und der Andruck der Verzögerung legte sich auf ihren Körper. Es beruhigte sie, dass es den anderen genauso erging. Auch sie hatten sich schon lange nicht mehr im Schwerefeld eines Himmelskörpers befunden.
Nach einiger Zeit zwang Maria die Fähre in eine waagerechte Fluglage. Sie wandte sich um und rief über den Lärm der Triebwerke nach hinten: »Wir sind gleich da. Ich sehe schon die Anflugbefeuerung der Akademie. Ich werde aber nicht auf dem Landefeld niedergehen, sondern gleich in den Hangar einfliegen, wenn es euch recht ist. Das erspart uns einen Fußweg durch den feinen Mondstaub oder zumindest die Wartezeit, bis ein Jumper uns abholt.«
»Das wäre schon sehr schön, Maria«, sagte Isabella. »Ich fühl mich wie zerschlagen und sehne mich nach einem richtigen Bett.«
Interessiert verfolgte Selma, wie Maria die Fähre exakt in den Hangar steuerte und sie sanft, wie eine Feder, genau auf einer blinkenden Bodenmarkierung aufsetzte. Der Lärm hörte so schnell auf, wie er begonnen hatte, als die Triebwerke abgestellt wurden.
»Willkommen auf dem Mond«, sagte Maria, während sie sich abschnallte und von ihrem Sitz erhob. An Selma gewandt, fügte sie hinzu: »Wir werden noch einen Augenblick an Bord bleiben, bis sie draußen eine atembare Atmosphäre hergestellt haben. Man hat mir versichert, dass man für uns das Außenschott des Hangars schließen würde und ihn anschließend mit Atemluft füllen wird.«
»Ich habe das Gefühl, als wenn ich nur noch Pudding in den Beinen hätte«, sagte Pelle, als er sich von seinem Sitz erhob.
»Dabei befinden wir uns nur auf dem Mond«, meinte Maria. »Was glaubst du, wie du dich fühlen würdest, wenn wir auf der Erde gelandet wären?«
»Könnte diese Fähre auch auf der Erde landen?«, fragte Selma interessiert.
»Von der Hitzeabschirmung und den Gleitflugeigenschaften her wäre es möglich«, sagte Maria. »Es wäre sogar eine tolle Sache, mal eine Landung in einer Atmosphäre vorzunehmen.« Marias Blick erhielt einen schwärmerischen Ausdruck.
»Leider lassen sie uns da bisher nicht ran. Das ist die Domäne des planetaren Korps der Akademie.«
Inzwischen leuchtete ein grünes Licht an der gegenüberliegenden Wand und zeigte damit an, dass man die Fähre gefahrlos verlassen konnte. Ein paar Gestalten kamen durch eine der Schleusen auf sie zu. Sie trugen definitiv keine Raumanzüge. Eva machte sich daher an den Türkontrollen zu schaffen und öffnete die Sicherheitsluke. Ein eiskalter Hauch wehte aus dem Hangar herein und ließ sie frösteln. Man hatte zwar die Halle mit Luft geflutet, doch hatte die rasche Expansion des Gases die Atemluft bis nahe an den Gefrierpunkt abgekühlt.
»Los kommt!«, rief Maria. »Wir müssen uns bewegen und sehen, dass wir schnell ins Gebäude kommen, sonst bekommen wir noch eine Erkältung.«
Schnell kletterten sie aus der Fähre und sprangen die drei Meter bis zum Boden der Halle. Wegen der niedrigen Schwerkraft konnten sie den Fall gut mit den Beinen abfedern. So gut sie konnten, rannten sie auf die Gestalten zu, die ihnen entgegenkamen und für jeden von ihnen eine Decke bereithielten.
Bald waren sie im Gebäude, glücklich, dieser beißenden Kälte entronnen zu sein. Jeder wickelte sich in eine der Decken ein und genoss die Wärme.
Bis sie jedoch Ruhe fanden und sich in ihre Betten fallen lassen konnten, dauerte es noch Stunden. Immer wieder mussten sie ihre Darstellung der Ereignisse der letzten Wochen wiederholen, bis Irina Onotova endlich zufriedengestellt war. Selma hatte sie wie eine verlorene Tochter begrüßt und ihr gleich mitgeteilt, dass sie ihre Ausbildung gleich am nächsten Tag beginnen könne, nachdem man festgestellt hätte, welchen Ausbildungsstand sie im japanischen Raumfahrtzentrum erhalten hatte. Man gab sie Isabella an die Hand, mit der sie sich in Zukunft eine Unterkunft teilen sollte. Also griff sie sich ihr Gepäck und schloss sich den anderen an, die ihr den Weg zu den Unterkünften zeigten.
Isabella, die inoffiziell schon seit Längerem bei Jan wohnte, blieb in dieser Nacht bei Selma, die sie nicht gleich alleinlassen wollte. Jan war zwar nicht begeistert, aber er beklagte sich nicht. Schließlich war er mit Isabella wochenlang während der Mission zusammen gewesen. Jan sah sich im Gemeinschaftsraum um. Es war schon eigenartig, aber hier, in diesen fensterlosen Räumen fühlte er sich inzwischen zu Hause. Er legte etwas Musik auf und setzte sich auf die Couch. Die ganze, verrückte Reise zog noch einmal an seinem geistigen Auge vorbei. Trotz des Fehlschlages war die Mission für ihn und Isabella gut verlaufen. Sie würden in den nächsten Tagen ihre Patente erhalten, die sie offiziell zum Führen von Raumschiffen berechtigten. Damit würden neue Aufgaben auf sie zukommen, aber es würde auch bedeuten, dass sich ihre wirtschaftliche Situation deutlich ändern würde. Er fragte sich, ob er auch in Zukunft noch so viel Zeit mit Isabella verbringen konnte, wie bisher. Er wusste, es konnte auch bedeuten, dass sie sich jeweils über viele Monate nicht sehen würden. Er war sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob er sein Privatleben wirklich dem Beruf opfern wollte.
Auf einmal fiel ihm Gina wieder ein und er versetzte ihm einen Stich ins Herz. Er dachte über seine Zukunft nach. Mit welchem Recht tat er das? Für Gina gab es keine Zukunft mehr. Für sie war die Reise bereits zu Ende. Wie würden ihre Eltern es aufnehmen, dass ihre jüngste Tochter tot war? Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es ein Trost sein konnte, dass sie in Ausübung ihrer Pflicht – wie es so schön hieß – gestorben war.
Die Wohnungstür öffnete sich und Pelle trat herein. Zum ersten Mal war er seit Ginas Unfall mit ihm allein, und er hatte ein merkwürdiges Gefühl dabei. Er konnte sich nicht helfen, aber ihn plagten Schuldgefühle gegenüber Pelle. Was wäre, wenn er hart geblieben wäre und sich nicht auf die Reparatur eingelassen hätte? Wie dachte Pelle darüber?
Er sah ihm dabei zu, wie er seine Tasche in sein Zimmer feuerte und die Tür zuschlug. Mit zusammengepressten Lippen kam er zurück zur Sitzgruppe und setzte sich ihm gegenüber in den Sessel. Schweigend sah er ihn an, und Jan wurde unwohl unter Pelles Blicken. Er glaubte, einen stillen Vorwurf darin zu entdecken.
»Pelle, ich ...«
»Was denn?«
»Ich hab das nicht gewollt. Das musst du mir glauben.«
Pelle schüttelte langsam den Kopf. »Ich mach dir keinen Vorwurf, Jan. Du hattest ja sogar versucht, es ihr auszureden. Außerdem warst auch du dort draußen. Dich hätte es auch erwischen können - oder Eva. Gina konnte immer sehr überzeugend sein, weißt du?«
Jan nickte. »Oh ja, das weiß ich.«
»Jan, was soll ich jetzt machen? Ich kann noch gar nicht begreifen, dass sie nicht mehr da ist. Ich hab mir schon ausgemalt, wie es wäre, wenn wir zusammenbleiben würden. Ich weiß, dass Gina genauso gedacht hat. Und jetzt ist alles vorbei ... Vielleicht sollte ich diese ganze Raumfahrerei einfach vergessen und zur Erde zurückfahren.«
»Tu das nicht.«
»Nein? Warum nicht? Es hat für mich alles keinen Sinn mehr. Kannst du das nicht verstehen?«
Jan nickte. »Ich verstehe dich vollkommen. Aber denkst du, dass Gina das gewollt hätte? Für sie war die Raumfahrerei das Größte. Und wenn du ehrlich bist, bist du nicht anders. Du solltest bleiben - für Gina - für eure Ziele.«
»Vielleicht hast du recht. Vielleicht tu ich mir auch einfach nur leid.«
Sie schwiegen eine Weile. Schließlich erhob sich Pelle. »Kommst du mit in die kleine Mensa? Maria hat gemeint, wenn ich jemanden zum Reden brauche ...«
Jan sah ihn überrascht an. »Und warum soll ich mitkommen?«
»Na, ich dachte ... also wegen Gina ... Ich möchte nicht, dass ...« Er winkte ab. »Ach ich weiß auch nicht.«
»Pelle, Maria war Ginas beste Freundin. Du warst ihr Freund. Ich denke nicht, dass ich mich da hineindrängen sollte. Geh hin, trefft euch und redet. Es wird euch beiden helfen. Lass mich mal hierbleiben. Ich muss mir auch noch vieles durch den Kopf gehen lassen.«
Pelle nickte. »Gut. Du meinst also, es ist in Ordnung, wenn ich allein gehe?«
»Absolut.«
»Na dann ... bis später. Bist du nachher noch auf?«
»Ich denke schon.«
Pelle deutete ein Lächeln an und verließ die Wohnung. Die Tür schloss er diesmal behutsamer. Jan blickte noch eine Weile auf die geschlossene Tür und dachte nach.
Er nahm sich vor, nach Italien zu reisen, um der Beerdigung beizuwohnen, wenn die Buran geborgen war. Er war es ihr schuldig – sie alle waren es ihr schuldig.

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