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54 Feindliche Übernahme - Kriegserklärung

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11. Feindliche Übernahme

11.1 Kriegserklärung


Mit mäßiger Geschwindigkeit kämpfte sich ein Raupenfahrzeug durch den tiefen Mondstaub. Ein Fahrzeug mit normalen Rädern wäre längst im Staub versunken, doch die spezielle Anordnung der breiten Antriebsketten ermöglichte es dem Fahrer, zügig voranzukommen. Sein Ziel war die ferne Station der UNO-Akademie, in der man von seinem Kommen bisher nichts ahnte.
Major Ning Song von der chinesischen Volksarmee warf einen Blick auf die Mondkarte und überprüfte seinen Kurs. Bisher war alles nach Plan verlaufen. Er hatte kein gutes Gefühl bei seiner Mission, doch er war an die Weisungen aus Bejing gebunden, und würde seine Karriere nicht gefährden, indem er die Entscheidungen aus seiner Hauptstadt in Zweifel zog. China hatte in den letzten Jahren viel in den Ausbau der Weltraumtechnologien investiert und sich auch intensiv in der UNO engagiert. Aus diesem Grunde hatte die UNO, wie auch die NASA, die Volksrepublik China bei ihren Bemühungen, eine Station auf dem Mond zu errichten, tatkräftig unterstützt.
Was man jedoch nicht wusste, war, dass die oberste Leitung in Bejing andere Pläne verfolgte. Man brauchte Platz für die vielen Menschen im Land und hatte erkannt, dass es auf dem Mond gewaltigen Raum gab, den man nutzen konnte. Leider hatte sich herausgestellt, dass die eigene Wissenschaft trotz aller Fortschritte noch nicht leistungsfähig genug war, wirtschaftlich sinnvolle Anlagen auf dem Mond zu errichten, zumal es an Transportkapazitäten und qualifizierten Arbeitskräften mangelte. Die erste chinesische Mondstation hatte bereits vor einiger Zeit ihre Arbeit aufgenommen und wurde über die asiatische Frachtkette India Corp. mit allem notwendigen Verbrauchsmaterial versorgt. Um von den Dienstleistungen der UNO unabhängig zu werden, kaufte China eine Reihe von Landefähren, mit deren Hilfe man nun selbst die Waren löschen konnte, die von den Schiffen der India Corp. geliefert wurden. So hatte man in der Akademie nicht mitbekommen, wie immer weitere Fahrzeuge mit Raupenantrieb, militärisches Personal und Waffen angeliefert wurden. Von der ursprünglichen wissenschaftlichen Besatzung war nur noch eine Rumpfmannschaft vorhanden. Die Übrigen hatte man inzwischen vom Mond abgezogen. So war die chinesische Mondbasis allmählich unbemerkt zu einem vorgezogenen Militärstützpunkt geworden.
Ning Song ärgerte sich darüber, dass man in China keine Jumper entwickelt hatte, wie man sie bei der Akademie verwendete, dann müsste er sich nicht so mühsam über den Boden bewegen, wie er es jetzt tun musste. Andererseits ersparte er sich so das lästige Tragen eines Raumanzuges während der Fahrt. Er blickte auf seine Uhr. Wenn er weiter gut vorankam, würde er in weniger als vier Stunden bei der Akademie eintreffen. Er drückte eine Taste und gab das vereinbarte Funksignal. Nun würde die gesamte Mondeinsatztruppe sich marschbereit machen und ihm in gleichartigen Fahrzeugen folgen. Allmählich spürte er eine unbestimmte Nervosität. Je näher er seinem Ziel kam, umso intensiver dachte er darüber nach, wie er den UNO-Leuten seine Forderungen übermitteln würde.

* * *

Jan wurde durch das stetige Klopfen geweckt, das dauernd durch sein Zimmer klang. Tranig hob er seinen Kopf und sah zu Isabella hinüber, deren schwarze Haarmähne über das gesamte Kissen verteilt war. Sie schlief noch, und auch das Klopfen schien sie nicht zu stören.
»Ja, ja, ich komm ja schon«, murmelte Jan und lief schlaftrunken zur Tür.
Als er sie öffnete, flutete helles Licht herein und er musste blinzeln, um überhaupt etwas erkennen zu können.
»Ach du bist's Pelle«, sagte Jan und sah im selben Augenblick, dass Maria hinter Pelle stand und ihn angrinste.
Jan sah an sich herab und sprang hinter die Tür. Er war vollständig nackt.
»Könntest du mich nicht wenigstens vorwarnen!«, fuhr er Pelle an, der sich ein herzhaftes Lachen nicht verbeißen konnte.
Im Bett hinter ihm regte sich Isabella. Das vom Flur her einfallende Licht hatte sie geweckt. Sie richtete sich auf und fragte: »Was ist denn los? Warum dieser Lärm?«
Dann erkannte sie Pelle, der anerkennend durch die Zähne pfiff. Isabella griff hektisch nach dem Laken und bedeckte ihre Brüste, während Maria Pelle einen Klaps mit der Hand gegen den Hinterkopf gab.
»Gleiches Recht für alle!«, verteidigte sich Pelle empört.
»Spaß beiseite«, sagte Jan. »Warum weckt ihr uns so früh?«
»Kupharhti hat versucht, uns alle zu erreichen. Wir sollen sofort in den Versammlungsraum kommen. Mit eurem Anschluss scheint etwas nicht zu stimmen. Er kam nicht zu euch durch.«
»Ich glaub, wir hatten den Signalton ausgeschaltet«, meinte Isabella. »Gebt uns ein paar Minuten – wir kommen so schnell es geht.«
Ein paar Minuten später waren alle vier bereits auf dem Weg.
Jan schaute erst Maria, anschließend Pelle an.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«, fragte Pelle. »Du schaust uns so eigenartig an.«
»Mir wird erst jetzt bewusst, dass Maria bei dir war, als du uns geweckt hast. Läuft da was zwischen euch?«
Pelle und Maria grinsten. »Du bist aber auch ein Schnellmerker. Nach Ginas Tod haben wir häufig zusammen rumgehangen, um uns gegenseitig etwas Halt zu geben. Inzwischen haben wir festgestellt, dass es mehr ist.«
»Das freut mich für euch«, sagte Isabella. »Dann können wir endlich auch mal wieder was zusammen unternehmen. Wir hatten nämlich das Gefühl, als würde es euch nur belasten, dass Jan und ich glücklich sind.«
Maria sah sie verständnislos an. »Dann habt ihr aber da aber was völlig falsch verstanden.«
Auf dem Weg trafen sie noch Selma Horec mit ihrem neuen Freund Silvio. Auch sie waren auf dem Weg zum Versammlungsraum. Als sie dort eintrafen, waren schon fast alle Plätze besetzt und sie mussten sich hinten an die Wand stellen.
»Meine Damen und Herren«, begann Dr. Kupharhti. »Sie werden sich sicher fragen, warum ich sie alle zu so früher Stunde hierher gebeten habe. Die Antwort ist ganz einfach: Wir erwarten einen Angriff auf unsere Station.«
»Soll das ein Scherz sein?«, kam von irgendwo die Frage. »Wir sind eine Station der UNO!«
»Uns liegt die Mitteilung eines Schiffsführers der Frachtlinie India Corp. vor, der zu Folge in den letzten Monaten große Mengen an Bodenfahrzeugen und Waffen, sowie Mannschaften zur chinesischen Mondstation geschafft worden sind. Auf der Erde hat es in der letzten UNO-Sitzung einen Eklat gegeben, als die Volksrepublik China ihren Anspruch auf den Mond, sowie der bereits hier installierten Stationen geltend machte. Unsere Zentrale in Florida hatte uns sofort gebeten, die chinesische Station im Auge zu behalten. Vor einigen Stunden ist von dort ein einzelnes Fahrzeug gestartet, welches offenbar auf dem Weg zu uns ist. Das wurde von einer unserer, im Orbit befindlichen, Einheiten beobachtet. Man hatte dem keine Bedeutung beigemessen, bis vor etwa einer Stunde weitere zweihundert solcher Fahrzeuge gestartet sind und denselben Weg eingeschlagen haben. Wir erwarten das erste Fahrzeug innerhalb der nächsten Stunde.«
Die versammelten Menschen waren wie vor den Kopf gestoßen.
»Was können wir denn tun?«, fragte eine junge Frau in der ersten Reihe. »Müssten wir nicht eine Abwehr aufbauen?«
»Die Akademie ist vollkommen unbewaffnet«, sagte Kupharhti. »Wir können uns nicht gegen eine solche Übermacht wehren, wenn sie uns tatsächlich angreifen. Ich möchte nicht, dass jemand von ihnen heldenhaft sein Leben aufs Spiel setzt. Ein Kampf kommt nicht infrage. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass sie unsere Akademie übernehmen wollen. Sie sind an unseren Gebäuden und unserer Technologie interessiert. Wir müssen deshalb versuchen, unsere wichtigsten Dinge in Sicherheit zu bringen. Ich plädiere dafür, dass die zurzeit hier stationierten Landefähren so schnell wie möglich starten und auch die Jumper verschwinden.«
»Wo sollen die Jumper denn hin?«, wollte Rick O'Hara wissen. »Sie haben nicht die Reichweite, um eine der anderen Stationen zu erreichen.«
»Dann bleibt uns nur die Möglichkeit, sie unbrauchbar zu machen«, entschied Kupharhti. »Wichtiger ist jedoch das Projekt ›Hellfire‹.«
»Hellfire?«, fragte Jan Isabella. »Ich habe noch nie davon gehört.«
Im nächsten Moment rief Kupharhti ihre Namen.
»Was will er von uns?«, fragte Isabella.
»Ach da hinten sind sie ja«, meinte Kupharhti, als er sie entdeckt hatte. »Kommen sie bitte, und bringen sie die Übrigen von der Buran-Mission auch mit.«
So versammelten sich die Teilnehmer der Buran-Mission sowie Selma, Silvio und Maria vorn am Rednerpult.
»Hellfire!«, rief Kupharhti. »Ich nehme nicht an, dass jemand von ihnen davon gehört hat. Es handelt sich um ein streng geheimes Projekt, welches in Zusammenarbeit von NASA und ESA hier auf dem Mond durchgeführt wird. Erst vor wenigen Tagen erfuhr ich, dass das Projekt in die Testphase gehen soll.«
Er deutete auf die Gruppe an seiner Seite und sagte: »Hier kommen sie ins Spiel. Ihre Aufgabe wird es sein, das Projekt dem Zugriff Chinas zu entziehen.«
»Wer oder was ist denn Hellfire?«, fragte Jan.
»Hellfire ist der Deckname für ein Raumschiff. Es ist eine völlig neue Gattung von Raumschiffen, mit einem neuartigen und sehr effektiven Antriebssystem. Wenn die bisherigen Angaben stimmen, ist das Schiff um ein Vielfaches schneller als alle bisher gebauten Modelle. Es befindet sich zurzeit noch in der Werft der NASA auf der Mondrückseite. Mehr darf ich im Augenblick nicht verraten. Ihre Aufgabe wird es sein, so schnell wie möglich mit einer Fähre zu starten, um zur Werft zu fliegen. Dort erhalten sie weitere Anweisungen.«
Jan wusste noch immer nicht, was man genau von ihnen erwartete.
»Was sollen wir denn genau tun, wenn wir dort eintreffen?«, fragte er.
»Wir haben leider keine Zeit mehr«, sagte Kupharhti. »Begebt euch unverzüglich zum Hangar 3 und übernehmt eine Fähre. Start kann ohne weitere Kommunikation erfolgen. Ihr müsst weg sein, bevor die Chinesen eintreffen. Die Koordinaten für die Werft findet ihr im Computer. Die Codebezeichnung für die Anlage lautet: Area 17. Bitte verliert keine Zeit. Ihr werdet bereits vom Leiter der Anlage, Samuel Rossini, erwartet. Er wird euch alles Weitere erklären.«
Jan sah seine Freunde an. Sie nickten sich zu und machten sich auf den Weg.
»Wir melden uns, sobald wir da sind«, meinte Jan.
»Auf keinen Fall!«, rief Kupharhti. »Es werden keine weiteren Funkgespräche mehr geführt. Ihr werdet es verstehen, wenn ihr mit Sam gesprochen habt. Macht, dass Ihr fortkommt!«
Sie hatten inzwischen begriffen, dass ihnen eine besondere Aufgabe zufiel und dass jede Sekunde zählte, also rannten sie, so schnell sie konnten, durch die Gänge, um zum Hangar 3 zu kommen. Als sie eintrafen, stand bereits eine Fähre startbereit vor dem Außentor und ein gutes Dutzend Techniker war damit beschäftigt, das Fluggerät einsatzfähig zu machen.
»Gut, dass Ihr kommt«, empfing sie Rick O'Hara, der als Mädchen für alles überall anzutreffen war. »Das Schiff ist startklar, euer Ziel bereits im Navigationscomputer gespeichert. Verliert keine Zeit mit dem Checken der Systeme – es ist alles erledigt. Haltet euch in Bodennähe, bis Ihr hinter dem Horizont seid. Die Chinesen dürfen unter keinen Umständen euer Ziel erahnen können. Am besten wendet ihr euch erst in eine falsche Richtung und korrigiert den Kurs später. Es besteht absolutes Funkverbot – sowohl zur Akademie als auch zu Area 17. Und jetzt macht, dass ihr verschwindet.«
Sie standen einen Moment etwas ratlos vor ihm.
»Und was ist mit euch? Wir können euch doch nicht im Stich lassen«, sagte Maria.
»Ihr ahnt nicht, wie wichtig es ist, dass ihr hier verschwindet, Leute! Ihr seid unsere letzte Chance, aber das wird man euch am Ziel erklären.«
Rick machte eine heftige Geste mit der Hand und forderte sie auf, endlich in die Fähre zu klettern.
»Ok, wer fliegt?«, fragte Jan, als er in die Luke kletterte.
»Ich!«, sagte Isabella bestimmt. »Ich bin dieses Modell schon oft geflogen. Ich kenn es wie meine Westentasche.«
Kaum waren alle an Bord und die Luke verschlossen, ließ Isabella die Triebwerke vorwärmen. Die Techniker rannten zu den Innenschleusen und bald darauf fuhr das Außentor auf, ohne, dass vorher die Luft abgepumpt worden war. Ein wahrer Sturm zerrte an der Fähre, der jedoch bald verebbte. Isabella ließ das Schiff abheben und steuerte es hinaus in die Leere des Alls. Geschickt ließ sie es knapp über dem Boden beschleunigen und zog es erst hoch, als die fernen Spitzen des Kraterrings immer näherkamen.
»Sind wir überhaupt auf Kurs?«, wollte Selma wissen.
»Keine Ahnung«, erwiderte Isabella. »Ist mir im Moment auch scheißegal. Wir sollen mit der Fähre erst mal außer Sicht kommen und das haben wir jetzt erreicht. Jan, gib mir bitte die Zielkoordinaten auf den Schirm.«
Da Rick und seine Techniker schon alles vorbereitet hatten, bedurfte es nur einiger weniger Tastendrucke, um Isabella die gewünschten Daten zu überspielen.
»Gut, dann werd ich jetzt dieses geheimnisvolle Area 17 ansteuern. Es sind nur zehn Minuten Flug. Ich bin gespannt, was uns erwartet.«
»Da bist du in bester Gesellschaft«, meinte Pelle. »Ich glaub, wir platzen alle fast vor Neugierde. Wir sind ja alle schon lange auf dem Mond, aber ich hab noch nie von einem Area 17 gehört.«
»Ich hoffe nur, dass wir die in uns gesetzten Hoffnungen auch erfüllen können«, sagte Jan nachdenklich, und blickte durch die Frontscheibe auf die unter ihnen vorbeiziehende Mondlandschaft. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass hier auf dem Mond eine solch verrückte Situation entstehen könnte. Noch wussten sie nicht, was sie erwarten würde, aber es sah danach aus, als würde es auf dem Mond zum Krieg kommen. Nur: Wie sollten sie helfen, wenn es noch nicht einmal Waffen gab, um sich zu verteidigen?
»Die Instrumente sagen, dass wir fast am Ziel sind«, sagte Isabella. »Kann jemand von euch was erkennen? Für mich sieht es hier nicht nach einer Werftanlage aus. Hat man uns falsche Daten gegeben?«
»Das kann nicht sein!«, rief Jan. »Nicht nach dem Theater, das man in der Akademie veranstaltet hat.«
Plötzlich begann sich der Boden unter der Fähre zu bewegen. Wie eine übergroße Irisblende schob sich der Boden auseinander und gab den Blick in eine gewaltige sublunare Anlage frei. Es war wie eine unausgesprochene Einladung, und Isabella wartete nicht ab, ob eine solche noch folgen würde. Zügig steuerte sie die Fähre in die noch nicht vollständig geöffnete Schleuse hinein.

* * *

Dr. Rafi Kupharhti gab den Befehl, die Hangarschleuse zu öffnen, als das Raupenfahrzeug von der chinesischen Mondstation eintraf. Viele Angehörige der Akademie hatten davon abgeraten, doch Kupharhti sah keinen Sinn darin, bereits jetzt und an dieser Stelle Widerstand zu leisten. Noch gab es keinen offiziellen Grund, den Chinesen den Zutritt zur Akademie zu verwehren. In der Vergangenheit war es häufiger zu Besuchen der wissenschaftlichen Abteilung gekommen. Kupharhti wies seine Sicherheitskräfte lediglich an, wachsam zu sein und sofort einzugreifen, wenn es zu gewaltsamen Aktionen kam..
Mit gemischten Gefühlen sahen sie das schwere Fahrzeug in den Hangar rollen, wo es kurz vor den inneren Schleusen zum Stillstand kam. Allein das Ignorieren der blinkenden Parkmarkierungen war eine Unhöflichkeit, die man als Zeichen einer neuen Politik werten konnte.
Nachdem das Außentor wieder verschlossen war, und innerhalb der Schleuse eine atembare Atmosphäre hergestellt war, kletterte ein einzelner Mann aus dem Cockpit des Bodenfahrzeugs. Mann konnte sofort erkennen, dass es sich um einen Vertreter des chinesischen Militärs handelte, denn er trug die Uniform eines ranghohen Offiziers. Unbewaffnet näherte er sich der inneren Schleuse, die von Mitgliedern der Akademie geöffnet wurde.
Als sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, ergriff der chinesische Offizier sogleich das Wort: »Meine Damen und Herren, mein Name ist Ning Song und ich bin Major der chinesischen Volksarmee. Ich komme im Auftrag meiner obersten Leitung zu ihnen, um unsere Forderungen zu übermitteln.«
Dr. Kupharhti, der im Grunde bereits wusste, worum es ging, stellte sich unwissend: »Major Ning Song, ich leite diese Einrichtung der UNO. Mein Name ist Dr. Rafi Kupharhti. Ich muss gestehen, dass mich ihr Auftritt etwas befremdet. Meines Wissens haben wir der Mondstation der Volksrepublik China in der Vergangenheit häufig bei auftretenden Problemen geholfen und auch über lange Zeit den Transport der Waren aus dem Orbit organisiert. Ich kann mir daher nicht erklären, welche Forderungen sie an uns haben könnten.«
Major Song machte ein unbewegtes Gesicht. »Wir sind ihnen natürlich dankbar für die, in der Vergangenheit, geleistete Hilfe. Jetzt allerdings liegen die Dinge etwas anders. China ist ein bevölkerungsreiches Land und wir benötigen Raum, der auf dem Mond in großer Menge verfügbar ist. Meine Regierung hat daher entschieden, den Mond als Territorium für die Volksrepublik China zu gewinnen und die bereits vorhandenen Einrichtungen zu übernehmen. Ich bin hier, um sie zu bitten, unserer Armee keinen Widerstand zu leisten, wenn sie in Kürze eintrifft. Wir sind nicht an Blutvergießen interessiert, sondern würden es begrüßen, sie alle als Spezialisten unter unserer Leitung behalten zu können.«
»Das ist aber ein reichlich starkes Stück«, rief Kupharhti aus. »Die Akademie ist eine Einrichtung der UNO, und nicht die eines einzelnen Staates. Sie wollen uns allen Ernstes für China annektieren? Sind sie sich überhaupt der Konsequenzen bewusst? Man sollte Sie auf der Stelle unter Arrest stellen.«
»Das würde ich ihnen nicht raten, denn es könnte von meinen Leuten als kriegerischer Akt verstanden werden. Sie dürfen mir glauben, dass eine größere Kampftruppe bereits in den nächsten Stunden eintreffen wird. Im Übrigen, was soll es überhaupt bedeuten, dass diese Einrichtung der UNO gehört? Sicher hat die UNO diese Station errichtet, aber wir haben genau recherchiert, dass der Mond rein völkerrechtlich bisher von keinem Staat der Erde in Besitz genommen wurde. Die Volksrepublik China erhebt daher als erster Staat der Erde offiziell Anspruch auf den gesamten Himmelskörper, wodurch alle bereits vorhandenen Einrichtungen automatisch in den Besitz Chinas übergehen. Dr. Kupharhti, sie sind somit ab sofort nicht mehr verantwortlicher Leiter dieser Akademie. Alle Angehörigen der Einrichtung sind automatisch Staatsbürger der Volksrepublik China und unterstehen ab sofort meiner Befehlsgewalt.«
»Sie sind größenwahnsinnig!«, entfuhr es Irina Onotova. »Glauben sie, wir würden unsere Station ohne Weiteres an sie übergeben? Noch dazu ohne Weisung vom UNO-Hauptquartier?«
Major Song sah Irina abschätzend an. »Wer sind sie, dass sie sich in dieses Gespräch einmischen?«
Man sah es Irina an, dass sie kurz vor dem Platzen stand.
»Ich bin die stellvertretende Leiterin der Station!«, herrschte sie ihn an. »Und ich verbitte mir ihre respektlose Behandlung!«
Major Song zuckte nur mit den Achseln. »Ihre bisherige Tätigkeit ist für mich nicht von Belang. Wem ich Respekt entgegenbringe, entscheide ich allein. Ihre Person wird nicht mehr benötigt. Ich werde veranlassen, dass sie mit dem nächsten Schiff zur Erde gebracht werden.«
Irina war vollkommen sprachlos.
»Wenn in den nächsten Stunden meine Truppen eintreffen, erwarte ich, dass man sie höflich empfängt und ihnen die Anlage übergibt. Wenn sie kooperativ sind, wird niemand zu Schaden kommen. Sie werden meine Leute in allem unterweisen, was sie wissen müssen, um die Station vernünftig handhaben zu können. Sollte es Probleme geben, werden sie allerdings die ganze Härte meiner Autorität zu spüren bekommen. Ach, und sofern jemand auf Interventionen seitens der UNO hoffen sollte, dem sei gesagt, dass die UNO ein Haufen von Schlappschwänzen ist. Wir haben ihnen unser Ultimatum bereits vorgelegt und außer einer offiziellen Protestnote ist bisher nichts geschehen. Und nun bitte ich um eine ausführliche Führung durch diese Station.«
Major Song fühlte sich offenbar absolut sicher und kümmerte sich nicht um die anwesenden Akademie-Beschäftigten. Er wandte sich um und ging auf die Tür zum Gang zu. Irina und Kupharhti sahen sich kurz an. Beide kannten sich lange genug, um zu wissen, was der andere dachte. Im Augenblick konnten sie nicht viel tun. Sie hofften, dass sie Jan, Isabella und ihre Gruppe früh genug auf die Reise geschickt hatten.
Major Song hatte nicht zu viel versprochen, als er andeutete, dass eine Streitmacht bei der Akademie eintreffen würde. Nur wenige Stunden nach seinem Eintreffen hielten fast zweihundert gepanzerte Raupenfahrzeuge vor der Akademie und forderten Einlass. Rick O'Hara öffnete und sah mit gemischten Gefühlen zu, wie diese Armee sich in seine Schleusenkammer ergoss. Bisher hatte Song noch keine unbequemen Fragen gestellt, doch irgendwann würde er wissen wollen, wo die Raumfähren geblieben waren, die normalerweise in diesen Hangars standen. Hinzu kam, dass sie die Jumper unbrauchbar gemacht hatten. Diese Fahrzeuge waren heiß begehrt, weil sie als Bodenfahrzeuge viel schneller waren, als die langsamen Panzer der Chinesen.
Diszipliniert verließen die Truppen ihre Fahrzeuge und sammelten sich im Zentrum der Halle. Bereits nach kurzer Zeit teilten die Vorgesetzten die Mannschaften in Gruppen ein und schickten sie mit Einsatzbefehlen auf den Weg. Bald darauf stürmte eine Gruppe chinesischer Soldaten in Ricks Schaltraum und forderte ihn unter Waffengewalt auf, seinen Platz zu räumen.
»Wir übernehmen das Kommando«, stellte der Führer der Gruppe klar. »Verlassen sie diesen Leitstand.«
»Aber sie brauchen mich doch zur Bedienung der Tore und der Belüftung«, wandte er ein. »oder kennen sie sich etwa damit aus?«
»Verschwinden sie, Mann, oder ich überlege es mir anders und stelle sie unter Arrest«, fuhr ihn der Soldat an und richtete seine Waffe auf ihn.
Rick verzichtete angesichts dieser Drohungen auf weitere Diskussionen und verließ die Zentrale. Auf dem Gang traf er auf Irina und beschwerte sich lautstark über die Idioten, die ihn aus der Hangarbereich vertrieben hatten.
Irina beugte sich leicht zu ihm vor und flüsterte: »Mäßige dich Rick, sie haben in der Kürze der Zeit bereits überall Abhörsysteme installiert. Sie trauen uns natürlich nicht und wollen so an weitere Informationen kommen. Wir müssen einfach abwarten. Ich glaube nicht, dass sie den Mond so einfach bekommen werden, wie sie es sich vorstellen. Kein Wort über die Fähren und deren Verbleib. Wir bekommen noch unsere Chance.«
»Hoffentlich«, flüsterte Rick zurück.

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