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Hintos Entscheidung
Das Autoradio dröhnte und die Seitenscheibe seines Freelanders war heruntergefahren. Der Fahrtwind brachte nur wenig Kühlung, doch es war alles, was er an Erfrischung bekommen konnte, denn die Klimaanlage seines alten Geländewagens war schon lange nicht mehr in Ordnung. Hinto Hawks war das egal. Für ihn war ein Auto nur ein Arbeitsgerät, und solange es fuhr, sah er keinen Grund, sich nach etwas Neuem umzusehen. Die Interstate 93 war um diese Zeit wie ausgestorben. Die Pendler von Boulder City und Kingman waren erst viel später unterwegs, aber das interessierte Hinto nicht.
Unvermittelt tauchte der Staudamm vor ihm auf. Hier lag sein Ziel, denn der Damm war sein Job. Die Meisten passierten diese Stelle über den Highway, doch er bog auf die Hoover-Dam-Access-Road ab, wo sich die Basis seiner Abteilung befand. Er winkte dem Mann am Security-Checkpoint lässig zu und folgte der gewundenen Straße zu seiner Arbeitsstätte. Hinto stellte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Visitors-Center ab und stieg aus. Die Hitze schien noch zuzunehmen. Fluchend spuckte er sein Kaugummi aus und machte sich auf den Weg ins Dienstgebäude, gleich neben dem Center. An der Eingangstür traf er auf Grover Lincoln, seinen Kollegen von der Frühschicht.
»Na Hinto, alte Rothaut«, begrüßte er ihn. »Wird auch Zeit, dass du endlich auftauchst. Rose wartet mit dem Essen auf mich.«
Hintos Gesichtsausdruck wurde abweisend. »Werd nicht frech, Nigger. Rose wird's schon überleben, deinen schwarzen Arsch erst ein paar Minuten später zu sehen.«
Wer die beiden nicht kannte, würde vermuten, dass sie sich nicht leiden konnten, doch in Wahrheit waren sie befreundet und verbrachten ihre freien Wochenenden oft gemeinsam mit ihren Familien. Grovers Frau Rose und Eyota, Hintos Frau, waren befreundet, und auch ihre Kinder verstanden sich hervorragend.
»Was ist Samstag?«, fragte Grover lachend. »Barbecue bei uns? Mein Schwager kommt deswegen extra aus Kingman rüber. Geh mal davon aus, dass wir deine ganze rote Brut satt bekommen. Was sagst du?«
»Weiß noch nicht. Eyotas Vater geht es nicht gut. Wir werden wohl zum Reservat hinüberfahren.«
»Bis ins Navajo-Reservat? Mein Gott, da bleib ich lieber schön zu Haus am Grill. Ihr könnt es euch ja noch überlegen. Du kennst ja meine Steaks ...«
Hinto zuckte mit den Schultern. »War etwas Besonderes in deiner Schicht?«
»Was soll schon sein? Es war genauso langweilig wie immer. Was soll an einem solchen Betonklotz schon passieren?«
»Bist du ihn auch abgefahren oder hast du wieder mal nur die Einträge vom Vortag modifiziert?«
»Na hör mal! Würde ich sowas jemals tun?«
Hinto grinste. »Sonst würd ich ja nicht fragen, oder?«
»Du bist ein Arsch, Hinto. Du weißt doch, wie das ist. Schau dir das Monstrum doch genau an. Da hat sich seit den 30ern nichts geändert und wir haben draußen fast vierzig Grad. Vielleicht geht eine Rothaut an einem solchen Tag da raus. Ich bleib da lieber in der Nähe der Klimaanlage.«
Hinto schlug Grover mit der Hand auf die Schulter. »Na los, mach schon, dass du zu deiner Rose kommst, solange die Kinder noch in der Schule sind.«
»Du bist unmöglich!«
»Wer’s sagt. Hau schon ab. Ich check den Damm.«
