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Kurzgeschichten

Das Wunder vom Templo Major

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Es hatte ihre Hochzeitsreise werden sollen, doch hatte das Geld nie gereicht. Das Leben hatte es zunächst nicht gut mit ihnen gemeint. Die Miete für die kleine Wohnung in Tijuana war so hoch, dass es Raoul und Carmen oft schwer fiel, sie pünktlich zu bezahlen. Raoul war Landarbeiter und hatte sich ein kleines Stück Land am Rande der Stadt gekauft, welches eigentlich ihren Lebensunterhalt sichern sollte. Carmen hatte sich ihr Leben zwar anders vorgestellt, als Tag für Tag mit Raoul das bisschen Land zu bestellen, doch sie beklagte sich nicht. Sie hatte Raoul, der fleißig und treu war und fühlte sich im Grunde ihres Herzens glücklich.

Ein schwerer Rückschlag war es, als die große Dürre ihre gesamte Ernte vernichtete. Sie konnten dadurch die Kosten für die Wohnung nicht mehr aufbringen und mussten schweren Herzens das Land verkaufen.

Carmen suchte sich eine Arbeit als Bedienung in einem der wenigen Restaurants, die auch von den Gringos besucht wurden, wenn sie über die Grenze kamen, um mit ihren Dollars um sich zu werfen. Carmen hasste sie, doch sie sicherten ihr Einkommen, das für einige Zeit das einzige Geld war, das sie hatten.

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Raumschiff Freedom

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Ruben war nervös. Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals in seinem Leben so nervös gewesen war. Immer wieder schaute er auf seine Uhr. Gleich musste Sina kommen. Wenn sie nicht innerhalb der nächsten halben Stunde erschien, würde es bedeuten, dass die Bewahrer sie erwischt hätten. Dann könnte er sich auch gleich stellen, denn ohne Sina würde es für ihn keinen Sinn mehr machen, weiter in Freedom zu leben.

Eigentlich war Freedom kein schlechter Ort. Ruben musste unwillkürlich lächeln. Freedom war der einzige Ort, an dem Menschen lebten. Wenn es stimmte, was sie in der Schule gelernt hatten, war Freedom das letzte Schiff, das es noch geschafft hatte, die Erde zu verlassen, bevor der Krieg ausgebrochen war, damals, vor etwa hundertfünfzig Jahren. Freedom war die Arche, in der das menschliche Leben bewahrt wurde und einer ungewissen Zukunft entgegen strebte.

„Freedom!“, dachte Ruben verächtlich, „Das Wort bedeutete Freiheit.“

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Das Paradies

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»Lange werde ich nicht mehr hier sein.«
Sebastian drehte sich um und sah seinen Partner spöttisch an. Bernd fing immer wieder davon an und merkte überhaupt nicht, wie sehr er allen damit auf die Nerven ging.
»Natürlich. Vermutlich gewinnst du gleich heute die Lotterie und machst dich auf den Weg ins Paradies.«
»Genau das werde ich«, sagte Bernd. »Und wenn es so weit ist, werde ich mich nicht verabschieden. Ich werde einfach gehen, das schwöre ich dir. Während ihr noch hier in diesem Loch schuftet, sehe ich die Sonne und lasse mich verwöhnen. Überhaupt: Wenn du das alles so skeptisch siehst – wieso spielst du denn in der Lotterie?«
»Müssen wir diese Diskussion immer wieder führen?«, fragte Sebastian vorwurfsvoll. »Ich bin zwar sicher, dass sie uns das Einkommen nur aus der Tasche ziehen, aber vielleicht gewinne ich dabei etwas Geld, damit ich mir wenigstens eine eigene Zelle für mich alleine leisten kann. Diesen Hauptgewinn will ich doch gar nicht. Gut, wenn es mich träfe, würde ich mich nicht dagegen wehren, aber in erster Linie will ich ein kleines bisschen Privatsphäre kaufen können.«
»Siehst du Seb, darin unterscheiden wir uns. Bei mir heißt es ‚ganz oder gar nicht‘. Ich will hier weg. Wenn ich allein diesen Scheißjob betrachte: Kanalreinigung in der vierzigsten Sub-Ebene. Weißt du, wann ich zum letzten Mal das Tageslicht gesehen habe? Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern. Und mach dir nichts vor: Ist man einmal hier unten gelandet, ist das auch das Ende der Karriere.«
Sebastian lachte humorlos auf.
»Von welcher Karriere redest du denn? Von der Normschule direkt in die Sub-Ebenen? Das ist keine Karriere. Sieh es doch von der positiven Seite. Wir haben zumindest Arbeit. Okay, wir stehen zehn Stunden am Tag mit unseren Stiefeln im Brackwasser und sehen nur das, was uns unsere Helmlampen zeigen, aber wir haben ein Einkommen. Wir haben eine Teilzeitzelle und können uns die Standardrationen leisten.«

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Das Portal

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Ich kann nicht einmal sagen, dass es ein besonderer Tag war. Ganz im Gegenteil: Der Tag begann so gewöhnlich, wie ein Tag nur beginnen kann. Der Wecker klingelte um 6 und ich schwang meine Beine aus dem Bett. Michaela räkelte sich verschlafen auf der anderen Seite, wurde aber nicht richtig wach. Mir war das ganz Recht, denn einerseits wollte ich sie nicht wecken und andererseits verspürte ich kein Verlangen danach, unseren Streit vom Vortag gleich am frühen Morgen fortzusetzen.
Ich kann nicht einmal sagen, dass wir uns nicht mehr lieben würden. Das ist es nicht. Aber wir sind nun fast sieben Jahre verheiratet und da kam es dann schon mal zu Meinungsverschiedenheiten, die einem den Abend verderben konnten. Im Grunde ging es meist um Kleinigkeiten und später fragten wir uns oft, was eigentlich mit uns los war.

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Das Erwachen

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Ein leichtes Zucken war das Erste, was ich wahrgenommen hatte. Ich fühlte mich verwirrt. Es war mit nichts vergleichbar, was ich jemals vorher wahrgenommen hatte. Ich versuchte, zu ergründen, was ich daran so eigenartig fand, kam aber nicht dahinter. Meine Verwirrung steigerte sich. Es musste doch eine Erklärung dafür geben!
Ich dachte nach. Wie war es denn vorher? Mir wurde schon ganz schwindelig vom Denken. Vorher? Welches „Vorher“ eigentlich? Ich bekam einen gewaltigen Schreck, denn ich konnte mich an absolut nichts erinnern, das vor diesem eigenartigen, unerklärlichen Zucken gewesen war. Das konnte doch nicht sein, immerhin war ich ja hier und ... ja, wo befand ich mich eigentlich? Ich spürte, wie ein beunruhigendes Gefühl der Panik in mir aufstieg. Ich konnte mich an nichts erinnern und wusste überhaupt nicht, wo ich war! Wie auch, denn ich konnte überhaupt nichts erkennen. Erkennen? Was meinte ich damit? Woher hatte ich dieses Wort?
Ich merkte, dass meine Gedanken sich in Kreisen bewegten – immer wieder kam ich dort an, wo meine Gedanken begannen. Ich kam einfach nicht weiter. Immer noch spürte ich hintergründige Panik. Ich wollte das nicht, denn ich spürte, dass dieses Gefühl meine Gedanken behinderte. Ich versuchte, mich bewusst zu beruhigen.

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