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Kurzgeschichten

Ein später Besuch - Weihnachten 3000

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Ein später Besuch - Weihnachten 3000
 
Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi, gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nach Hause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nach Hause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor ... Er überlegte. ... dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«
 
Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen - wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut ... Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung ... sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.
Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers ...«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock ...«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie ...«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte - dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab sowas bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht ... Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem ... Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das ...«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber ...«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie dagewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden ... Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.
 
M.Stappert, 2018

Androidenwelt (Königin der Androiden)

Bewertung: 5 / 5

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Diese Geschichte war ein Beitrag für die Anthologie "Die magnetische Stadt" - 2014 Collection of Science-Fiction Stories vom Verlag für moderne Phantastik. In diesem Falle gab es eine klare Themenvorgabe, der man als Autor folgen musste:
Eine Krankheit rafft einen großen Teil der Menschheit nieder. Heilung scheint ausgeschlossen. In ihrer Verzweiflung unterwirft sich jeder, der es sich leisten kann, einer völlig neuen, ungetesteten Technologie: Man lässt sein Bewusstsein - das Ego - in das Hochleistungsgehirn eines künstlichen Körpers übertragen. Nach und nach entsteht so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Völlig unerwartet findet man schließlich die Heilung gegen die Krankheit und weitere "Übertragungen" sind nicht mehr erforderlich. Wie geht die Gesellschaft damit um?
Die folgende Geschichte entstand unter dieser Prämisse:

»Machen Sie Feierabend, Alina.« Dr. Wagner schloss die Tür zu seinem Behandlungsraum. »Es kommt doch sowieso niemand mehr.«

Sie sah von ihrem Monitor zu ihm auf. »Ich muss nur noch diese Listen hier abgleichen, Herr Doktor. Gehen Sie ruhig. Ich schließe nachher schon ab.«

Dr. Wagner trat an die Theke heran. »Kann es sein, dass Sie das nur tun, um nicht nach Hause zu müssen? Wie geht es denn Ihrem Mann?«

Alina lachte lautlos auf. »Wie soll es ihm gehen? Wie ist denn die Beziehung zu Ihrer Frau, seit wir wissen, dass der Impfstoff gegen das NT-Virus funktioniert?«

Er überlegte einen Augenblick. »Sie haben ja recht. Genau betrachtet war die Übertragung in Androidenkörper ein schwerer Fehler, aber das wusste man ja vorher nicht. Als Lisa mit der Nachricht vom Institut heimkam, dass sie sich mit NT infiziert hatte, hätte ich alles getan, um ihr Leben zu retten.«

»Eben. Und wir hatten sogar einen Kredit aufgenommen, um Kevin einen dieser Körper kaufen zu können. Es sah doch alles so gut aus. Ich kann es einfach nicht verstehen.«

Dr. Wagner nahm sich einen Bürostuhl und setzte sich zu Alina hinter die Theke. »Lassen Sie mich raten: direkt nach der Übertragung des Bewusstseins war noch alles in Ordnung. Sein Leben war nicht mehr gefährdet, und auch seine körperliche Leistungsfähigkeit schien normal. Ich weiß, dass es indiskret ist, aber haben Sie noch eine richtige Ehe geführt?«

Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Sie meinen, ob wir noch miteinander geschlafen haben? Ja, das haben wir. Es war sogar sehr schön, bis …«

»Bis was?«

»Nun, es war mein Kevin … und er benahm sich wie er. Sein neuer Körper ist äußerst wohlgeformt. Dennoch: Irgendwie ist er anders geworden. Ich wollte es zunächst nicht sehen, aber jetzt?«

»Es ist das Emotionale, nicht wahr?«, fragte Dr. Wagner. »Die Handlungen waren wie immer, doch es fehlte ihnen die Wärme und das Gefühl.«

»Genau! Ich hatte immer nur das Empfinden, mit einem Roboter zusammenzuleben, der alles über mich weiß. Mir ist klar, dass das falsch ist, denn sie haben ja ein Image seines vollständigen menschlichen Bewusstseins in die Hirnzelle des Androiden geladen. Es ist Kevin, und doch …«

Dr. Wagner nickte. »Ich kann Sie gut verstehen. Auch Lisa scheint mir immer gefühlskalter zu werden. Es ist ein unheimlicher Prozess. Ich beginne mich zu fragen, ob die Androidenkörper schon ausgereift waren, als man sie plötzlich in Massen produzieren musste.«

»Es war die einzige Möglichkeit, unser Milliardenvolk zu retten. Eigentlich hätten wir beide auch längst in Androidenkörpern stecken sollen.«

»Ja, und manchmal denke ich, dass wir dann weniger Probleme hätten. Es wäre dann normal für uns. So aber – durch den Impfstoff – sind wir immun und können weiter in unseren eigenen Körpern leben. Der Gedanke, jetzt noch transferiert zu werden, erfüllt mich mit Grauen.«

»Mir geht es ebenso. Beim Gedanken, bald nach Hause fahren zu müssen, befällt mich Unbehagen. Ich weiß genau, wie es dort zugehen wird. Die Wohnung wird dunkel sein, und er wird irgendwo in dieser Dunkelheit auf mich warten.« Sie schüttelte sich.

»Dass die Androiden kein Licht benötigen …«, sagte Wagner. »Allein das macht sie für uns fremdartig.«

Alina blickte ihn an. »Meinen Sie, das wäre alles? Manchmal hab ich das Gefühl, als ziehe sich eine Schlinge langsam um meinen Hals zusammen.«

Wagner schüttelte den Kopf. »Na, nun sehen Sie aber Gespenster.« Er erhob sich und holte seine Jacke von der Garderobe. »Wissen Sie was? Lassen Sie uns noch in der Stadt einen Drink zusammen nehmen. Ich geb einen aus.«

»Wie darf ich das verstehen?«

Wagner hob abwehrend seine Hände. »Nicht, dass Sie denken, ich wollte Ihnen zu nahe treten. Ich möchte einfach noch etwas ungezwungen mit einem echten Menschen plaudern, und ich hab das Gefühl, Ihnen könnte das auch guttun.«

Sie überlegte einen Moment. »Warum eigentlich nicht?« Sie schaltete ihren Computer aus und zog ebenfalls ihre Jacke an.

Im Labor war noch das Radio zu hören. In den Nachrichten verkündeten sie soeben, dass die Parlamentswahlen zum ersten Mal eine Mehrheit der »Liga der Transferierten« erbracht hatten. Der angehende Kanzler, ein Android namens Gunnar Sohrbeck, kündigte an, sich neben der Förderung der Wirtschaft insbesondere für die Stärkung der Androidenrechte einzusetzen.

Wagner und Alina blickten sich an. »Der scheint es ja sehr eilig zu haben, Veränderungen durchzusetzen.«

Wagner zuckte mit den Achseln. »Vermutlich wird es bedeuten, dass wir noch weniger Patienten bekommen und irgendwann schließen müssen.«

Gemeinsam verließen sie die Praxis und verriegelten die Tür. Wagners Wagen stand in der Tiefgarage, und sie fuhren mit dem Aufzug hinunter. Als sie die Kabine betraten, stand bereits ein Mann darin und grüßte höflich. »Dr. Wagner, Frau Leupert, ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend.«

»Kennen wir uns?«, fragte Wagner und sah ihn unter zusammengezogenen Brauen an.

»Nicht persönlich, aber natürlich kennt man die einzigen Bios, die noch hier im Gebäude arbeiten. Es muss deprimierend sein, wenn man als Arzt keine Patienten mehr bekommt. Sie sollten überlegen, die Praxis zu schließen.«

»Wie bitte? Wer sind Sie?«

»Alex Crohn. Ich bin von der Hausverwaltung. Nur wegen ihrer Praxis muss das gesamte Gebäude noch klimatisiert werden. Sobald das Majoritätsgesetz verabschiedet ist, werden wir uns über Ihren Mietvertrag unterhalten müssen.«

Der Lift war unten angekommen, und sie stiegen aus. Wagner und Alina waren froh, diesen sonderbaren Mann loszuwerden, der in ein Elektroauto der Hausverwaltung einstieg und davonfuhr.

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Regenzeit

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Regenzeit

 

Tellon spähte durch die Büsche in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Die Sonne neigte sich bereits zum Horizont und das Licht war kaum noch ausreichend, die weite Ebene zu überblicken, die sie überquert hatten.
Alle Glieder taten ihm weh und es fiel ihm schwer, seine Erschöpfung noch länger vor Amitra zu verbergen.
»Kannst du etwas erkennen?«, fragte sie ängstlich.
Tellon kam schwerfällig zu ihr zurück. »Nein. Überhaupt nichts.«
»Denkst du, sie sind uns noch auf den Fersen?«
Er sah sie mitfühlend an. »Ich hätte dir das niemals antun dürfen.«
Es tat ihm beinahe körperlich weh, sie so zu sehen: völlig erschöpft und schmutzig. Ohne Zögern war sie ihm gefolgt, als er den Vorschlag gemacht hatte, gemeinsam mit ihm zu fliehen - Barlon für immer den Rücken zu kehren. Klaglos war sie während der vergangenen drei Tage an seiner Seite geblieben, wie zügig er auch gelaufen war. Dafür bewunderte er sie, doch jetzt war sie am Ende. Sie beide waren am Ende.
»Was soll das bedeuten: Ich hätte dir das niemals antun dürfen? Ich habe meine Wahl getroffen und mich für ein einfaches Leben mit dir entschieden. Vergiss das nicht!«
Amitras Miene war energisch geworden, fast ärgerlich und das machte sie für Tellon noch reizvoller.
»In Barlon lebte ich in einem goldenen Käfig. Ich hatte alles, was ich mir wünschen konnte, abgesehen von Freiheit. Ihr Leute aus dem Volk denkt immer, wir leben in Luxus und Reichtum und blicken mitleidig auf euch herunter. Sicher, auch solche Menschen gibt es im Palast, aber als Mündel des Residenten ist der Palast die Hölle. Du ahnst nicht, wie sehr ich all die Menschen beneidet habe, die ich vom Fenster meiner Suite aus beobachten konnte. Ihr könnt reisen, wohin Ihr wollt und tun, wonach euch ist. Diese Wahl hatte ich nie. Wäre ich jetzt nicht hier, müsste ich mich bald mit Semjolk aus dem Fürstentum Gol treffen, um mit ihm verheiratet zu werden.«
Tellon nahm sie in den Arm. »Glaube bitte nicht, ich wäre nicht glücklich, mit dir hier zu sein - am Rande eines fremden Waldes. Vielleicht sind es die glücklichsten Tage meines Lebens, denn ob noch viele hinzukommen werden, wissen wir nicht. Aber du hast nicht verdient, hier draußen zu sterben. Ich wusste, was geschehen kann, aber war dir das auch klar?«
Amitra schob sich ein Stück von ihm weg. »Tellon, ich bin nicht dumm. Ich bin eine mögliche Thronfolgerin von Barlon und lasse mich von einem einfachen Zimmermann rauben? Nach dem Tod meiner Eltern hat Zeron die Residentschaft und die Vormundschaft über mich übernommen. Ich sollte seine Trumpfkarte für eine Übernahme von Gol sein, doch dazu war es erforderlich, mich mit dem Thronfolger von Gol zu verheiraten. Semjolk ist ein Widerling. Niemals wäre ich seine Frau geworden. Lieber würde ich mir das Leben nehmen.« Sie sah ihn ernst an. »Du musst mir etwas versprechen.«
»Was denn?«, fragte Tellon überrascht.
»Sollten sie uns einholen und einfangen, musst du mich töten. Du darfst nicht zulassen, dass sie mich zurückbringen. Ich meine das ernst.«
»Das kann nicht dein Ernst sein!«, rief Tellon entsetzt. »Wie könnte ich dich töten? Ich würde dich eher mit meinem Leben beschützen.«
»Das weiß ich, aber das wirst du nicht können, wenn die Garde uns einholt. Wenn es so weit ist, musst du es tun. Versprich es mir! Bitte!«
Tellon nickte resigniert. »Ich verspreche es.« Seine Stimme klang dabei heiser.
Ein Rauschen erfüllte plötzlich die Luft und die Baumkronen und die ersten Tropfen benetzten ihre Haut.
Amitra wandte ihr Gesicht nach oben. »Der Regen kommt. Das ist zu früh. Wir werden es niemals bis zu den grauen Landen schaffen.«
»Noch haben sie uns nicht gefangen. Wir dürfen nicht aufgeben. Der Regen behindert auch unsere Verfolger.«
Er schob sich noch einmal an den Busch heran, durch den er bereits vorher geblickt hatte und versuchte, etwas zu erkennen. Hinter ihnen war der Wald lichter und gestattete es, einen Blick zurückzuwerfen. Inzwischen war es deutlich dunkler geworden und der zunehmende Regen behinderte die Sicht zusätzlich. Im Nu war seine Kleidung vollkommen durchnässt. In weiter Ferne schimmerte etwas Licht durch den Regenvorhang. Das konnte nur ein Feuer der Gardisten sein, die sich ein Lager bereitet hatten. Es bedeutete, dass sie ihnen recht nah auf den Fersen waren.
»Mir ist kalt«, sagte Amitra. »Und meine Kleider sind nass.«
Tellon ging zu ihr und küsste sie. »Wir müssen weg. Ich habe in der Ferne ein Feuer gesehen, und wenn wir nicht erfrieren wollen, müssen wir in Bewegung bleiben.«
»Bist du sicher, dass sie ein Feuer haben?«, fragte Amitra. »Wie können sie das bei diesem Wetter in Gang bringen? Und warum können wir kein Feuer haben? Ich friere so entsetzlich.«
»Der Regen hat gerade erst eingesetzt. Vermutlich hatten sie vorher bereits Holz gesammelt. Wenn es weiter regnet wird es sicher bald verlöschen. Wir können und dürfen kein Feuer machen. Jetzt gibt es kein trockenes Holz mehr. Unsere einzige Chance ist, weiterzulaufen.«
»Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.«
»Amitra, du willst, dass ich dich töte, wenn sie uns fangen, aber ich will dich nicht töten - ich will mit dir leben! Ich kann auch nicht mehr, aber wir müssen es versuchen. Es regnet bereits und wir müssen die große Senke erreichen. Wir sind erst in Sicherheit, wenn wir sie durchquert haben. Das Reich von Barlon endet in der Senke. Dahinter beginnen die grauen Lande. Angeblich ist noch niemand von dort je zurückgekehrt, aber mehrere Waldläufer haben mir erzählt, dass die Menschen dort freundlich wären und man glücklich und unbehelligt leben kann. Ich denke, dass man einen Zimmermann und seine Frau dort brauchen kann.«
»Du bist ein hoffnungsloser Optimist. Bist du sicher, jemals dorthin zu gelangen?«
»Mit dir werde ich alles schaffen!«
Sie schmiegte sich an ihn. »Ich teile deinen Optimismus nicht, aber ich liebe dich dafür. Wenn du es schaffst, weiterzulaufen, werde ich das auch schaffen.«
Er nickte. »Dann lass uns gehen. Haben wir noch Nüsse für den Weg?«
»Für ein paar Tage wird es reichen, aber das Brot ist durch den Regen aufgeweicht.«
»Das Problem werden wir lösen, wenn es so weit ist«, sagte Tellon und nahm ihre Hand. Erschöpft und durchnässt machten sie sich auf den Weg.

Stundenlang waren sie durch die Dunkelheit gelaufen. Zweige waren ihnen ins Gesicht geschlagen, die Kleidung zum Teil zerrissen und die Knöchel ihrer Füße blutig geschlagen. Sie liefen nur noch automatisch weiter, jenem fernen Ziel entgegen, von dem sie glaubten, dass es ihnen Sicherheit und Freiheit versprach. Hin und wieder hielten sie kurz an, aßen ein paar Nüsse, tranken Wasser von großen Blättern und liefen weiter. Für Gespräche oder eine gelegentliche zärtliche Geste fehlte inzwischen jegliche Kraft.
Als die Sonne über einem trüben, regnerischen Himmel aufging, wurde die Vegetation allmählich spärlicher und der Wald öffnete sich zu einer steppenähnlichen Landschaft. Der Regen hatte nicht eine Minute nachgelassen und drückte bei den Flüchtenden nicht nur auf das Gemüt, sondern entzog ihnen weitere Kraft.
Tellon deutete mit dem Arm nach vorn. »Dort muss irgendwo die große Senke beginnen. Es kann nicht mehr weit sein.«
Amitra ließ sich auf den schlammigen Boden fallen. »Wenn es noch weit ist, bleibe ich genau hier sitzen. Tellon, ich kann einfach nicht mehr. Mir ist alles gleich. Sollen sie uns doch fassen und töten, oder was auch immer sie uns antun wollen.«
Tellon aktivierte seine letzten Reserven und zog Amitra vom Boden hoch. »Wir sind nicht so weit gelaufen, um jetzt aufzugeben. Wenn es sein muss, trage ich dich bis zur Grenze. Sie haben uns bis jetzt nicht gefasst, dann sollen sie uns auch jetzt nicht mehr fassen. Wer weiß? Vielleicht haben sie ihre Verfolgung ja auch abgebrochen.«
»Da kennst du unseren Regenten schlecht. Er würde jeden aus der Garde hinrichten lassen, wenn er nicht alles versucht hätte, mich zurückzubekommen.«

Während sie sich schwankend aneinander klammerten, hörten sie einen Ton.
»Ein Horn der Garde!«, rief Amitra. »Sie sind schon dicht hinter uns.«
»Wie ist das möglich?«, fragte Tellon. »Wir sind die ganze Nacht durchgelaufen ...«
»Sie haben Pferde«, sagte sie müde. »Es ist vorbei. Bald wirst du dein Versprechen einlösen müssen.«
»Nichts werde ich!«, rief Tellon. »Wenn wir die Senke zuerst erreichen, haben wir noch eine Chance.«
»Durch diesen Schlamm? Der Regen wird eher noch schlimmer werden.«
Tellon zog Amitra am Arm. »Komm! Wir haben nichts zu verlieren!«
Der schwere Boden machte es fast unmöglich, voranzukommen, doch Tellon stachelte Amitra immer wieder an, weiterzulaufen. Meist musste er sie inzwischen stützen.
Als sie schon fast ihre Hoffnung verloren hatten, standen sie plötzlich am Rand einer breiten Senke. Der Regen lief ihnen in breiten Bächen über Gesicht und Körper, als sie nach unten starrten und nicht glauben konnten, was sie sahen. Die Wassermassen der vergangenen Nacht hatten die gesamte Mulde in einen trägen Fluss verwandelt. In der Ferne sahen sie den gegenüberliegenden Rand der Senke und hatten das Gefühl, dort Licht zu sehen, doch das konnte in diesem Unwetter auch täuschen.
»Wie sollen wir dort hinüberkommen?«, fragte Amitra resignierend. »Wir können doch nicht den ganzen Weg schwimmen. Kannst du überhaupt schwimmen?«
»Ja, kann ich. Vielleicht ist dieses Wasser sogar unsere Chance.«
»Chance?«, rief sie hysterisch. »Bist du verrückt geworden?«
Wieder ertönte das Horn, diesmal deutlich näher. Auch undeutliche Stimmen waren zu hören, doch konnten sie ihre Verfolger noch immer nicht ausmachen.
»Wir müssen dort hinunter.« Tellon zog Amitra vorwärts, doch waren sie einfach zu schwach, um sich an dem Hang auf den Beinen zu halten. Sie strauchelten und kugelten den, glücklicherweise sandigen Hang hinunter. Fast am Wasser angelangt, kamen sie zur Ruhe und lagen im Schlamm. Minutenlang ließen sie sich nur vom Regen den Schmutz abspülen und versuchten, neue Kraft zu sammeln, doch sie waren am Ende. Als Tellon sich schließlich aufrappelte, bemerkte er eine Bewegung am oberen Rand der Senke. Die Garde war eingetroffen. Die Pferde nutzten ihnen an diesem steilen Hang nicht viel und noch schienen die Männer unschlüssig, wie sie vorgehen sollten.
Seine Kleidung wirkte schwer wie Blei, doch er kämpfte sich hoch und lief zu Amitra, die nur wenige Meter entfernt lag.
»Die Garde! Wir müssen da hinüber.« Er deutete auf das gegenüberliegende Ufer. »Los, zieh dein Kleid aus! Dein Unterkleid muss reichen. In dem schweren Ding ertrinkst du höchstens.«
Ein Pfeil bohrte sich neben ihm in den Boden.
»Bleibt, wo Ihr seid!«, brüllte jemand von oben. »Sonst müssen wir Euch erschießen!«
»Sie bluffen«, sagte Amitra. »Sie brauchen mich als Braut für diesen schrecklichen Semjolk. Sie schießen absichtlich vorbei!«
»Das gilt nicht für mich!«, rief Tellon. »Mich werden sie töten wollen! Wir müssen hier weg!«
Sie war plötzlich wie ausgewechselt. »Lieber ertrinke ich in dieser Brühe, als mich diesen Leuten zu ergeben!«
Mit einem Ruck riss sie sich ihr kostbares Kleid von Körper und stand nur noch in ihrem Unterkleid am Ufer. Ein weiterer Pfeil schlug sirrend neben ihnen ein. »Letzte Warnung!«
Die ersten Soldaten machten sich daran, die Böschung hinabzusteigen.
Sie deutete mit dem Kopf zum Wasser. »Komm, lass es uns versuchen. Wenn wir dabei umkommen, sind wir wenigstens beisammen.«
Er nickte ernst, blickte noch einmal nach oben und sprang kopfüber ins Wasser. Amitra folgte unverzüglich und beide wurden von der leichten Strömung davongetrieben. Nicht lange und sie waren außerhalb der Reichweite der Bogenschützen der Garde.

Das Wasser war verblüffend warm und gab ihnen neue Kraft. Trotzdem war ihnen bald klar, dass sie es nicht schaffen würden, den ganzen Weg zu schwimmen. Der Regen nahm noch weiter zu und bald wussten sie nicht mehr, in welche Richtung sie schwimmen mussten, da trieb ein mächtiger Baum an ihnen vorbei, komplett mit Krone und Wurzelwerk.
»Los, den müssen wir erreichen!«, rief Tellon. »Das ist unsere Fahrkarte in die Freiheit!«
Verzweifelt ruderten sie mit Armen und Beinen, um den Baum zu erreichen. Tellon schaffte es schließlich, eine Wurzel zu fassen und hielt sich fest. Amitra schaffte nur, Tellons Bein zu packen, doch auch sie hielt verzweifelt daran fest. Tellon zog sie beide näher an das Gehölz heran und erreichte eine Stelle, an der er sich hochziehen konnte. Sowie er Halt hatte, packte er Amitras Handgelenk und zog auch sie zu ihrer schwimmenden Insel.
Der Baum war groß und sein mächtiger Stamm lag wie ein großes Boot im Wasser. Seine rissige Rinde bot ihnen genügend Halt, komplett aus dem Wasser zu klettern. Allerdings ergossen sich aus den Wolken noch immer wahre Sturzbäche an Wasser.
Erschöpft blieben sie in einer breiten Astgabel liegen. Sie waren unterkühlt, müde und immer noch setzte ihnen die einsetzende Regenzeit zu. Aber sie waren der Garde entkommen und beisammen. Nur das zählte. Sie fielen in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf.

Sie wussten nicht, wie lange sie geschlafen hatten, als sie durch starke Erschütterungen geweckt wurden, die den Baum erschütterten. Der Regen hatte etwas nachgelassen und so konnten sie sehen, was um sie herum geschah.
Eine Reihe von kleinen Fahrzeugen umringte den Baum und Männer aus diesen Booten warfen Seile, die sie mit dem Baum verbanden.
Tellon und Amitra erhoben sich, um dieses eigenartige Treiben zu beobachten. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass eine Gefahr von diesen fremden Männern ausgehen könnte.
»Hey, da sind Menschen in der Baumkrone!«, rief jemand.
»Tatsächlich!«
»Wer ist das?«
Sofort zogen sie sich tiefer in die Blätter der Baumkrone zurück, doch ein paar Männer waren bereits aus ihren Booten geklettert und näherten sich ihnen.
»Hey, Ihr zwei! Wer seid Ihr und was treibt Ihr auf diesem Treibgut?«
Da sie entdeckt waren, hatte es keinen Sinn mehr, sich zu verstecken und so kletterten sie aus ihrem Versteck.
»Mein Gott, wie seht Ihr denn aus? Was ist mit Euch geschehen?«, fragte ein grobschlächtig aussehender Mann, der jedoch ehrlich besorgt wirkte.
Tellon beschloss, die Wahrheit zu sagen. »Wir kommen aus Barlon. Vielleicht sollte ich besser sagen: Wir sind von dort geflohen. Wir wollten versuchen, die grauen Lande zu erreichen.«
»Die ’grauen Lande'?« Er lachte brüllend. »Ihr müsst wahrlich aus Barlon stammen! Man ist dort noch immer im Glauben, hier leben nur mordende und raubende Barbaren. Und das versucht Ihr ausgerechnet zu Beginn der Regenzeit? Ihr müsst wirklich verzweifelt sein.«
»Dann sind wir hier in den grauen Landen?«, fragte Amitra.
»Das seid Ihr allerdings. Wir bevorzugen aber die Bezeichnung Arborien.«
Tellon blickte sich um. »Sag mal, was treibt Ihr eigentlich hier? Was haben die vielen Boote rund um diesen treibenden Baum zu bedeuten?«
Der Mann lachte erneut. »Aus Barlon seid Ihr? Das merkt man. Ihr habt keine Ahnung vom Leben in anderen Ländern. Eigentlich sind wir Fischer aus Arborien. Wir leben vom Fischfang und handeln mit den Clans im Inneren von Arborien. Holz ist ein teures Gut und kostet uns eine Menge Arbeit und Fisch. So ein Baum wie dieser als Treibgut ist ein Geschenk des Himmels. Das sind viele Fuder gutes Holz und es kostet uns nichts. Doch jetzt kommt erst einmal mit mir. In meinem Boot gibt es eine kleine Kabine. In der ist es trocken und warm. Meine Frau ist dort und kann Euch ein paar Decken geben.«
Wegen der kalten Glieder folgten sie dem Mann ungelenk zu seinem Boot, das mit Tauen am Baum festgemacht war. In der Kabine erwartete sie eine kleine, schlanke Frau, die überhaupt nicht zu dem Riesen zu passen schien, der sie entdeckt hatte.
»Hallo, ich bin Ella«, begrüßte sie die Frau und sah sie auffordernd an. Sie reichte ihnen warme Decken und Tücher, damit sie sich trocknen konnten.
»Wir heißen Amitra und Tellon«, stellte Amitra sie vor, »und stammen aus Barlon. Nun hoffen wir, hier in ... Arborien ein neues Leben anfangen zu können.«
Ella lächelte sie an. »Na, dann herzlich willkommen. Wir können immer helfende Hände gebrauchen. Arborien ist recht dünn besiedelt, aber für uns ist es das Paradies. Darf man fragen, ob Ihr besondere handwerkliche Fähigkeiten habt?«
»Ich bin Zimmermann«, sagte Tellon, »und das ist meine ... also eigentlich ...«
Ella winkte ab. »Es geht mich nichts an, wie Euer Verhältnis ist. Bei uns interessiert das niemanden. Ihr gehört also zusammen. Das ist das Einzige, was ich wissen möchte.«
Sie wandte sich direkt an Amitra: »Und was kannst du? Kochen, Nähen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ich kann nichts dergleichen. Aber ich kann lernen.«
»Kocht und näht man in Barlon nicht?«
Amitra lachte. »Doch, natürlich. Es ist nur ... Ich bin ... Ich war die Thronfolgerin von Barlon, bis Tellon mich geraubt hat.«
Ella pfiff durch die Zähne. »Das ist allerdings ein Ding. Du musst mir alles genau erzählen. Jetzt brauche ich erst einmal einen starken Tee. Hilft mir die ehemalige Thronfolgerin ein wenig in der Kombüse?«
»Aber gern.«
Die Frauen verschwanden im Nachbarraum und bald hörte Tellon das Lachen heller Frauenstimmen.
Er schaute aus dem Fenster auf das endlos scheinende Wasser hinaus und lächelte. Der Regen hatte wieder stärker eingesetzt.
Es war kurios, aber ohne dieses schreckliche Wetter wären sie vermutlich niemals in die Freiheit entkommen.

Keller

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Keller

Ich spürte plötzlich, dass es kalt war. Mein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub, und ich bekam dieses Zittern nicht unter Kontrolle. Wieso war es überhaupt so kalt? Hatte ich geschlafen?
 Ich wollte die Augen aufschlagen, merkte jedoch, dass ich sie schon weit geöffnet hatte. Wieso konnte ich nichts sehen? In meinem Zimmer war es niemals so vollkommen dunkel, dass man überhaupt nichts erkennen konnte, aber jetzt und hier umgab mich nur absolute Schwärze. Verdammt, was war das? War ich etwa blind?
 Der Schreck dieser Erkenntnis stach wie ein Messer in mein Herz. Blindheit! Nie wieder etwas sehen? Kein Licht, keine Farben? Keine Orientierung? Ich spürte, wie die Kälte in mir noch zunahm.
 Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ganz ruhig. Man wird nicht so ohne Weiteres blind. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich auf einer recht harten Matratze lag, von der ein unangenehmer, muffiger Geruch ausging. Ruckartig erhob ich mich - oder besser - wollte ich mich erheben, denn ein harter, schmerzhafter Ruck an meinem linken Handgelenk ließ mich gleich wieder auf die Matratze kippen. Mein Schmerzschrei hallte hohl von den Wänden wider.
 Verdammt, wo war ich hier? Vorsichtig zog ich an meinem linken Arm, doch etwas Scharfkantiges bohrte sich in mein Handgelenk und hielt ihn fest. War das ... eine Fessel?
 Vorsichtig bewegte ich den anderen Arm. Erleichtert stellte ich fest, dass er nicht angebunden war. Ich drehte mich auf die linke Seite und betastete mein linkes Handgelenk. Es war mit einem breiten Kabelbinder an einem metallenen Gegenstand gekettet. Ich war gefangen! Gefangen! Ich! Aber wieso? Was war überhaupt geschehen?
 »Hallo!«, rief ich. »Ist da jemand?«
 Meine Stimme hallte als leises Echo von den Wänden zurück. »Hallo! Hört mich jemand?«
 Es blieb still. Offenbar war ich allein.
 Ich setzte mich auf, soweit meine Fessel es zuließ und lehnte gegen das Metall, an das ich gekettet war. Was war das eigentlich? Mit der anderen Hand ertastete ich die typische Form eines alten Rippenheizkörpers. Er war kalt und rostig. Wer hatte mir das angetan? Und warum? War ich entführt worden? Ich besaß kein Vermögen, das man von mir erpressen konnte. Ein wahnsinniger Verbrecher? Mein Gott, das würde bedeuten, dass man mich ... Ich spürte mein Herz bis in den Hals schlagen. Es konnte doch nicht sein, dass ich ... Ich wollte nicht sterben!
 »Hilfe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber irgendwann hatte ich keine Luft mehr dazu. Ich zerrte immer wieder an der Fessel, doch dieser Kabelbinder war einfach zu stabil.
 In einer Phase der Resignation saß ich nur einfach da. Prüfend sog ich Luft durch die Nase. Was war das für ein Geruch? Die Kälte des Raumes war hinderlich. Es roch muffig und abgestanden, wie in einem ... Keller? Jetzt erinnerte ich mich. Ich kannte solche Gerüche. Im Haus meiner Eltern hatte es einen solchen Geruch im Keller gegeben. Die feuchten Wände, alter Putz, Rost auf alten Werkzeugen ... genau. Ich war in einem Keller gefangen. Aber da war noch etwas anderes - ein Anflug von Schärfe. Was konnte das sein? Kot von irgendwelchen Tieren? Irgendwie wollte ich es auf einmal nicht wissen.
Was war überhaupt das Letzte, an das ich mich erinnern konnte?
 Ich war mit dem Auto meines Chefs in die Stadt gefahren, um eine Besorgung für ihn zu machen, hatte es auf dem Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Marktplatz abgestellt. Als ich ihn abschloss, hatte mich ein Mann angesprochen. Es ging um Geldwechseln, oder eine Auskunft? Ich wusste es nicht mehr. Dann war da plötzlich ein zweiter Mann hinter mir, und ... von da an fehlte mir die Erinnerung. War es eine Entführung? Hatte man mich für meinen Chef gehalten? Was würden sie tun, wenn sich der Irrtum herausstellte? Sollte dieser dunkle Raum mein Grab werden? Ich riss wieder an der Fessel. Ich wollte nicht sterben! Man las in den Zeitungen so viel darüber, dass Zeugen einfach getötet wurden. Aber ich in einer solchen Situation? Ich doch nicht! Ich nicht!
 Ohne es verhindern zu können, musste ich schluchzen. Scheiße! Ich hatte mich immer für einen harten Brocken gehalten. Jetzt heulte ich, wie ein altes Waschweib. Dieser Gedanke brachte mich wieder zur Vernunft. Ich lauschte in die Dunkelheit. Von Ferne hörte ich ein leises Tropfen von Wasser. Bisher war mir das nicht aufgefallen. Aber da war noch etwas anderes. Das Tapsen winziger Füße. Mäuse? Oder Ratten? Oh Gott, ich hasse Ratten! Ich spürte, wie sich mir die Haare vor Entsetzen aufrichteten, bei dem Gedanken, dass sich Ratten an mir zu schaffen machen würden.
 Ich durfte das nicht zulassen! Als ich meine Körperhaltung ruckartig änderte, rutschte der Kabelbinder an der Rippe der Heizung ein Stück hoch. War da etwas Spielraum? Wieder betastete ich das Metall. Wieso war mir das nicht aufgefallen? Dieses alte Ding war rostig. Das bedeutete, dass die Kanten unter Umständen scharfkantig waren. Richtig. Die vordere Kante wirkte wie ein stumpfes Sägeblatt.
 Hoffnungsvoll begann ich damit, die Fessel rhythmisch auf und ab zu bewegen. Das schabende Geräusch wurde durch den Heizkörper verstärkt und produzierte ein Klingen, das sich durch das gesamte Rohrsystem der Heizung verbreitete. Wenn das jemand hörte, war ich geliefert. Aber wenn ich es nicht versuchte, hatte ich überhaupt keine Chance! Also machte ich weiter. Immer wieder verletzte ich dabei meine Hand, aber das war mir egal. Solange ich hier allein war, musste ich die Zeit nutzen. Vielleicht gab der Kunststoff ja irgendwann nach.
 Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Es war anstrengend, und immer wieder musste ich Pausen einlegen. Mein Handgelenk schmerzte furchtbar, und die Kälte dieses Kellers - ich war inzwischen sicher, dass ich in einem Keller gefangen war - spürte ich nicht mehr.
 Später, es mussten Stunden vergangen sein, und Hunger und Durst machten sich unangenehm bemerkbar, riss der Kabelbinder plötzlich, wobei ich mit dem Kopf hart gegen die Heizung stieß. Ich blutete, aber meine Hand war frei!
 Ich fühlte mich großartig, als mir der Triumph bewusst wurde, doch was hatte ich gewonnen? Ich konnte noch immer nichts sehen und steckte in einem Raum fest, den ich sicher nicht ohne Weiteres verlassen konnte. Wie viel Zeit hatte ich noch? Wann würden meine Peiniger zurückkehren, um - was auch immer - mit mir anzustellen? Ich war nicht bereit, das abzuwarten. Mühsam stand ich auf und bewegte meine schmerzenden Glieder. Das Hocken auf der schmutzigen Matratze in dieser Kälte forderte seinen Tribut. Es dauerte, bis das Blut in meinen Gliedern wieder richtig zirkulierte. Beide Beine waren eingeschlafen und prickelten schmerzhaft. Ich beschloss, den Raum vorsichtig, an den Wänden entlang zu erkunden. Irgendwo musste es eine Tür geben, und dahinter würde es auch Licht geben - so hoffte ich jedenfalls.
 Die Wände waren alt und schmutzig. Feuchter Backstein, bröseliger Putz. Hin und wieder stieß ich gegen ein Hindernis. Es schepperte laut. Farbeimer? Keine Ahnung. Sonst schien der Raum weitgehend leer zu sein. Nach rund zwanzig Schritten stieß ich gegen eine Wand. Es ging weiter, immer mit den Händen tastend, fand ich schließlich eine Tür. Natürlich verschlossen! Verdammte Scheiße!
 Vorsichtig tastete ich die Tür und das gesamte Umfeld des Türrahmens ab. Vielleicht fand sich dort irgendetwas, um dieses Ding zu öffnen. Plötzlich funkte es, und ich erhielt einen Schlag, der meinen gesamten Arm einen Moment lähmte. Vor meinen Augen tanzten Lichtblitze. Ich hatte einen elektrischen Schlag bekommen! Die nassen Wände ... natürlich ... dort musste ein Schalter sitzen. Ein Lichtschalter! Und es gab Strom - das hatte ich deutlich zu spüren bekommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und nahm mit bloßen Händen die Suche nach diesem Schalter auf. Als ich ihn gefunden hatte, schlug ich mit der Faust darauf, einen weiteren Schlag erwartend. Stattdessen leuchtete jedoch mitten im Raum eine Glühbirne auf, und ich hatte das Gefühl, brennende Nadeln würden sich durch die Augen in mein Hirn bohren. War ich bisher blind durch die Dunkelheit, war es nun die für mich gleißende Helligkeit, die mich nichts erkennen ließ.
 Mit tränenden Augen stand ich da und wartete darauf, wieder sehen zu können. Überhaupt war es ein grandioses Gefühl, dass meine Augen wieder etwas wahrnahmen.
 Jetzt konnte ich erstmals sehen, dass es in diesem Keller einen Tisch in der Mitte gab, auf dem alte Werkzeuge lagen. Unter ihnen gab es eine schartige, rostige Axt. Ich ergriff sie und schlug wie besessen damit auf die Tür ein. Irgendwann gab sie nach und ich stürzte hinaus. Der Kellergang lag im Dämmerlicht vor mir. Am Ende führte eine brüchige Holzstiege nach oben.
 Plötzlich hatte ich wieder Angst. Wenn dort oben jemand lauerte? Meinen Lärm hätte man auf jeden Fall gehört. Die Axt noch in der Hand schlich ich nach oben. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Ich fasste den Griff der Axt fester, zu allem entschlossen. Ich würde mich nicht kampflos ergeben, wenn sie jetzt auf mich warteten.
 Oben sah ich, dass dieses Haus sicher nicht bewohnt war. Blinde Fenster, verwahrloste Gänge. Ich hatte keine Ahnung, wo sich dieses Haus befand. Noch immer keine Spur von meinen Peinigern. Ich gebe zu, dass ich froh war, nicht auch noch gegen sie kämpfen zu müssen. Vorsichtig spähte ich aus einem blinden Fenster, das zur Straße zeigte. Es war dunkel draußen und die Straßenlaternen brannten, aber es war niemand zu sehen. Ich atmete tief durch. Keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, aber es war jetzt der Augenblick, es zu beenden. Entschlossen öffnete ich die Tür nach draußen, die nur angelehnt war, und trat in die Nacht hinaus. Die Kühle der Nachtluft tat gut, und vieles der vergangenen Stunden fiel von mir ab. Ich blickte noch einmal in jede Richtung, dann tauchte ich in die Dunkelheit zwischen den Laternen und verschmolz mit der Dunkelheit. Nur weg von hier! Jetzt war die Dunkelheit mein Freund. Es ist schon kurios. Als Gefangener, unten im Keller, hatte sie mir Angst gemacht, und jetzt legte sie sich wie eine warme Decke über mich, bot mir Schutz. Sie würden mich nicht bekommen.

Wenn einer eine Reise tut ... Iguaçu

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Lena schreckte aus ihrem unruhigen Schlaf auf. Immer wieder fielen ihr die Augen zu. Sie war einfach schon viel zu lange unterwegs. Die Sitze in der kleinen Propellermaschine ließen ihr nicht viel Beinfreiheit, doch sie versuchte, sich etwas zu strecken, um ihre Glieder zu beleben.
Der Prospekt, in dem sie gelesen hatte, war heruntergefallen und sie hob ihn auf. Dabei bemerkte sie, dass der Fluggast neben ihr sie anzüglich - wie sie meinte - anstarrte.
Lena fragte sich, wann diese Reise endlich zu Ende sein würde. Freiwillig wäre sie niemals allein hierher geflogen, doch was tat man nicht alles für die Liebe. Peter, der Mann, mit dem sie nun schon seit zwei Jahren zusammen war, hatte ein Studium mit der Bezeichnung „Science of Water“ absolviert und relativ schnell einen Job gefunden, der interessant war und dazu noch gut bezahlt wurde. Der Nachteil war, dass seine Einsatzgebiete im Grunde allesamt außerhalb Deutschlands lagen. Seit neun Monaten arbeitete er nun schon, zusammen mit anderen Ingenieuren, in Itaipu, einem der größten Wasserkraftwerke der Welt. Es lag an der Grenze zwischen Paraguay und Brasilien und versorgte fast ganz Paraguay und ein gutes Viertel von Brasilien mit elektrischem Strom. Lena verstand es ja, dass Peter diese Chance ergriffen hatte, schnell in eine Position aufzusteigen, die er zu Hause nicht bekommen hätte, aber es führte auch dazu, dass sie sich nur sehr selten sehen konnten.
Wie sehr hatte sie sich gefreut, als Peter angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er Flüge für sie gebucht hatte, damit sie ihn in Brasilien besuchen konnte. Ihre Eltern waren strikt dagegen gewesen, als sie ihnen davon erzählt hatte, doch hatten sie Lena nicht aufhalten können.

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