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Kurzgeschichten

Einsamer Reisender

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Einsamer Reisender

Ich war aufgeregt wie niemals zuvor in meinem Leben. Seit mittlerweile sieben Zyklen meines Heimatplaneten um unsere geliebte Sonne streifte ich inzwischen durch bisher unbekannte Teile unseres Universums und war auf der Suche nach intelligentem Leben.
Natürlich hatte es immer schon Skeptiker gegeben, die daran zweifelten, dass es außer uns überhaupt noch weiteres Leben im All gab. Ich gehörte nicht zu diesen Skeptikern, obwohl ich nicht abstreiten konnte, dass alle bisherigen Versuche, Kontakt zu anderen Intelligenzen zu bekommen, ins Leere gelaufen waren. Unser eigenes Planetensystem umfasste siebzehn Planeten, von denen nur unserer Leben trug.
Trotzdem hatte mich die Idee, eines Tages mit Wesen zusammenzutreffen, die ebenfalls intelligent waren, nie losgelassen. Als unsere Wissenschaftler und Techniker das Problem der als unüberwindlich geltenden Grenze der Lichtgeschwindigkeit gelöst hatten und dadurch der Weg zu neuen Antriebssystemen für unsere Raumschiffe frei wurde, war für mich klar, dass ich eines dieser Schiffe steuern wollte.
Mit Geschwindigkeiten weit über der des Lichts wollte ich den Bereich des Zentrums unseres Spiralnebels verlassen, um die weiter entfernten Arme zu durchstreifen.
Unsere Wissenschaftsphilosophen waren sich seit langem einig darüber, dass intelligentes Leben eine äußerst großzügige Zeitspanne brauchen würde, sich zu einer Spezies zu entwickeln, die mit uns auf einer Stufe stehen könnte. Unsere Existenz und unser, bereits hoher technischer und moralischer Entwicklungsstand galt als eine nette Laune der Natur.
Man ging jedoch davon aus, dass solche Launen im Zentrum der Galaxis eher nicht die Regel sein würden. Also hatte ich mich für diesen Forschungsauftrag gemeldet und war mir von Beginn an bewusst, dass es bedeuten würde, lange Zeit allein zu sein. Nun, ich war nun mal ein asexuelles Exemplar meiner Rasse und kam daher mit der Einsamkeit gut zurecht. Niemals hätte ich einem männlichen oder weiblichen Exemplar, oder gar einem Koppler, zugemutet, eine solche Reise mit mir anzutreten. Ohne ihre Bezugsfamilien wären sie seelisch zugrunde gegangen. Nein, es war schon gut so, wie es war. Die Suche nach fremdem Leben war eine Aufgabe für einen Asexuellen.
Aber ich wollte doch berichten, wieso ich so aufgeregt war.
Ich war grob der Linie eines der äußeren Arme unseres Spiralnebels gefolgt und hatte bereits einen großen Teil meiner Hoffnung eingebüßt, noch Erfolg zu haben, als das Ortungssystem meines Schiffes ansprach. Nicht all zu weit von meinem Standort entfernt, hatte das Rechnersystem einen Gegenstand ausgemacht, der eindeutig nicht natürlichen Ursprungs sein konnte: Einen Zylinder von wenigstens elf Glib Länge und etwa halb so breit.
Das Ortungsergebnis wurde mir optisch auf meiner Facettenkugel angezeigt. Fasziniert studierte ich den Gegenstand. Eindeutig wurde er gesteuert. An einer der Schmalseiten waren Rohrenden erkennbar, aus denen Partikel ausgestoßen wurden. Das war mit Sicherheit ein Antrieb.
Ich war so aufgeregt, dass alle meine drei Herzen für einen Moment aus dem Takt kamen und ich mich festhalten musste, um nicht zu stürzen.
Ich kletterte in meine Steuerzelle und begann sogleich mit dreien meiner Arme, Befehle in die Tastaturen zu tippen. Jetzt galt es, unverzüglich die Fahrt aufzuheben und eine Kursangleichung zum fremden Schiff durchzuführen. Zugleich konnte es nicht schaden, auf allen verfügbaren Frequenzen einen Gruß an die Fremden zu richten. Was das wohl für Wesen waren? Wie sahen sie aus? Waren sie in der Lage, meinen Gruß zu empfangen und zu verstehen? Ich verwarf die letzte Frage, denn wie sollten sie unsere Sprache verstehen? Aber sie konnten vielleicht meine Funkimpulse als friedliche Kontaktaufnahme interpretieren.
Für einen kurzen Augenblick kam mir der Gedanke, was ich tun würde, wenn die Fremden nicht so friedlich waren wie ich. Mein Schiff war unbewaffnet und verfügte nicht über Schutzmechanismen gegen Projektile oder gebündeltes Licht.
Mein Funkanruf war gesendet, aber ich war einige Momente lang unentschlossen, wie es weitergehen sollte. Dann gab ich mir einen Ruck. Schließlich war ich lange unterwegs und das nur aus einem einzigen Grund: Eine Situation wie diese zu erleben.
Mein Funkempfänger schrillte laut und das bedeutete, dass man auf der anderen Seite reagiert hatte. Nervös schickte ich die empfangenen Daten durch den Rechner, in der Hoffnung, dass unser System vielleicht in der Lage wäre, aus den fremden Daten etwas Verständliches zu interpretieren. Unser Rechner forderte weitere Daten und prognostizierte, dass weitere Fremddaten eine höhere Chance boten, Strukturen zu erkennen, die auch mir verständlich sein konnten.
Also sendete ich nun ununterbrochen an das fremde Schiff und bald entspann sich zwischen uns ein reger Funkverkehr, wobei vermutlich niemand auf beiden Seiten wirklich verstand, was die andere Seite meinte. Allein die Tatsache, dass man mir auch beständig antwortete, zeigte mir allerdings, dass man dort ebenfalls stark an Kommunikation interessiert war. Waren es unter Umständen ebenfalls Forscher, mit demselben Ziel, welches auch ich verfolgte?
Das Ganze ging bereits seit mehr als zwei Mikrotageszyklen, als ein Signal meines Rechners meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf der Facettenkugel bildete sich ein unscharfes Bild zweier äußerst fremdartiger Wesen. Ihre Größe konnte ich nicht abschätzen, da mir die Vergleichswerte fehlten, doch allein ihre Körperform erschien mir völlig fremd. Offenbar besaßen sie lediglich zwei Arme und zwei Beine. Ein ovaler Auswuchs zwischen ihren Armen erhob sich nach oben. Möglicherweise war darin die Sensorik dieser Wesen enthalten, wobei ich mich fragte, ob sie überhaupt optische Informationen aufnehmen konnten, denn ich konnte kein Facettenband erkennen. Stattdessen gab es auf der mir zugewandten Seite zwei eigenartige kleine Kuhlen und einen breiten Schlitz weiter unten, der sich ständig öffnete und wieder schloss. Wie konnten Wesen mit einem solchen Körperbau überhaupt ihre Umgebung so manipulieren und beherrschen, dass sie Raumschiffe bauen konnten?
Nun, zumindest konnte ich sie jetzt sehen. Ob sie mich auch sehen konnten, war nicht festzustellen.
Irgendwie hatte ich mein Zeitgefühl verloren. Unsere Schiffe flogen nun in relativ geringer Entfernung voneinander parallel durchs All. Alles in mir fieberte danach, eine persönliche Gegenüberstellung mit diesen Wesen abzusprechen, aber das war leichter gedacht als getan. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir die ersten unbeholfenen Begriffe austauschen konnten. Es war ein großartiges Gefühl, eine Verständigung mit völlig fremden Intelligenzen aufzubauen. Offenbar gab es auch bei ihnen eine akustische Verständigung. Das würde vieles leichter machen.
Nach und nach gelang die Kommunikation immer besser. Ich erfuhr, dass sich diese Wesen Menschen nannten und auf einer wissenschaftlichen Expedition befanden. In dem aus meiner Sicht recht kleinen Schiff befanden sich mehr als vierzehn Lebewesen. Man reagierte recht überrascht, dass ich in meinem Schiff allein unterwegs war. Man lud mich ein, zu ihnen herüber zu kommen, da auch die Menschen noch nie intelligente Wesen getroffen hatten, die nicht von ihrem Planeten stammten.
Ich richtete alle meine Ortungsinstrumente auf das fremde Schiff, da ich sicher gehen wollte, mich keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Vielleicht konnte ich ja herausbekommen, welche Art von Atmosphäre in dem Schiff herrschte. Schließlich wollte ich weder mich noch die anderen vergiften, wenn wir inkompatible Gase atmeten.
Ich hatte gerade meine Messungen aktiviert, als ich auf der Facettenkugel sah, wie ein Teil sich vom fremden Raumschiff löste und vom Schiff wegtrieb.
In der Bildverbindung zu den Fremden war plötzlich Aufregung zu erkennen und laute Stimmen drangen aus meinem Lautsprecher. Es war ein solches Durcheinander, dass ich zunächst nicht begriff, dass die Menschen an einen Angriff dachten.
Ich wedelte abwehrend mit allen sieben Armen und versicherte, keine Waffe auf sie gerichtet zu haben. Ich würde lediglich Messungen vornehmen, bevor ich zu ihnen an Bord kommen wollte.
Die Aufregung unter den Menschen schien nicht abreißen zu wollen und ich schaltete meine Messinstrumente ab. Unsere Verbindung war noch so neu und frisch, da wollte ich nicht riskieren, dass man meine Handlungen falsch interpretierte. Ich kündigte an, in Kürze zu ihnen an Bord zu kommen.
Ein Mensch fragte, wie groß mein Beiboot wäre. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Ich wiederholte nur, dass ich mich gleich auf den Weg machen würde. Den Bordrechner stellte ich nur noch auf Automatik und lief zur nächsten Schleuse.
Als sich das Schott öffnete und die Luft sich mit einem Zischen ins All verflüchtigte, schloss ich meine Körperporen. In diesem Zustand konnte ich mühelos das Vakuum des Alls ertragen und brauchte erst in zwei Mikrotageszyklen wieder Atemluft. In dieser Zeitspanne würde ich längst an Bord des anderen Schiffes sein. Kraftvoll stieß ich mich mit allen Beinen von der Schleuse ab und schoss wie ein Torpedo auf das andere Schiff zu. Schnell wurde es vor meinem Facettenband größer.
Was ich für einen glatten Zylinder gehalten hatte, war in Wirklichkeit von zahlreichen Dellen uns Ausbuchtungen übersät. Überall ragten dünne Antennen ins All. Vor mir öffnete sich ein Schott und gelbes Licht drang dahinter hervor. Es blendete mich und ich versuchte verzweifelt, die Empfindlichkeit meines Facettenbandes auf dieser Seite zu dämpfen, doch es ging nicht schnell genug. Vielleicht wäre alles anders geworden, hätte ich es geschafft, die Blendung rechtzeitig auszuschalten. Doch so prallte ich viel zu schnell auf das Zylinderschiff und drang durch die Hülle, als hätte ich mit einem Messer in eine unserer Speisepflanzen geschnitten. Niemals hätte ich erwartet, dass die Hülle eines Raumschiffes so weich sein könnte.
So hielt mich die Außenhaut auch nur wenig auf und mein Körper durchschlug eine Wand nach der anderen, ein Deck nach dem anderen. Nach und nach wurde ich gebremst und als ich endlich ruhig lag, bemerkte ich eine Schneise, die ich durch das gesamte Schiff gezogen hatte. Überall jaulten Alarme, rote Lichter drehten sich an Wänden, die nicht zerstört waren.
Ich prüfte, ob ich mich beim Aufprall verletzt hatte, doch konnte ich nichts entdecken.
Aus einem defekten Schott in meiner Nähe quollen einige dieser Menschen. Sie sahen etwas anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte, bis mir einfiel, dass sie möglicherweise Schutzanzüge trugen. In ihren Händen hielten sie kleine Gegenstände, die sie auf mich richteten. Waren das Waffen? Natürlich, sie mussten denken, dass ich sie angegriffen und ihr Schiff schwer beschädigt hatte. Wie sollte ich ihnen klarmachen, dass es nur ein Versehen war? Ich fuhr einen Arm aus und schlug dem vordersten der Menschen seine Waffe aus den Händen. Dabei blitzte das Ding kurz auf und entsetzt sah ich, dass der Arm des Menschen verschwunden war. Überall klebte eine rote Substanz und der Mensch schrie laut und unverständlich.
Verursachte ihm das Schmerzen? Nur, weil ein Arm verloren ging? Wuchsen sie bei diesen Wesen etwa nicht wieder nach?
Ich versuchte, diesen Menschen zu trösten und berührte ihn sanft mit einem anderen Arm. Ich verstand es nicht, aber mein Arm glitt einfach durch ihn hindurch und das Schreien hörte auf. Noch mehr von der roten Substanz spritzte herum und war nun überall um mich herum und auch an den anderen Menschen, die nun alle ihre Waffen gegen mich hoben und feuerten. Es fühlte sich warm an, wenn mich die Strahlen aus den Waffen trafen und es kitzelte etwas.
Mir wurde erst jetzt bewusst, dass ich einen von ihnen getötet hatte. Die Situation entwickelte sich in eine Richtung, die ich nie beabsichtigt hatte. Ich suchte Kontakt und keine Auseinandersetzung. Wir waren ein friedliches Volk. Doch nun mussten die Fremden annehmen, ich wolle sie alle töten. Wie konnte ich dieses Missverständnis jetzt noch aufklären? Das Kitzeln wurde stärker und mit der Zeit unangenehm. Ich beherrschte mich, so lange ich konnte, doch die Fremden hatten offenbar beschlossen, mich für ein Monster zu halten. Meinen letzten Versuch, sie von meiner Ungefährlichkeit zu überzeugen, schlug völlig fehl. Ich hob meine sieben Arme und offenbarte meine leeren Greifer. Das veranlasste sie zu noch wütenderen Angriffen. Immer weitere Menschen in Anzügen drangen aus dem Schott und fingen ebenfalls an, auf mich zu feuern. Was sich zunächst nur warm anfühlte, wurde für mich allmählich unangenehm heiß. Meine Passivität veranlasste sie nicht dazu, ihren Beschuss einzustellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zurückzuziehen. Ein Schritt zurück und ich durchdrang die Wand hinter mir. Einer meiner Füße steckte tief im Boden und ich fürchtete schon, festzustecken, doch das Material war überall so weich wie die Außenhaut. Die Angreifer folgten mir und ich gebe zu, dass ich in Panik geriet. Ich wollte einfach nur noch weg von diesen wütenden Wesen, die ich noch dazu so gut verstehen konnte. Ich durchdrang Wand um Wand. Das Kreischen der Alarme wurde immer chaotischer. Zwar kannte ich nicht den Aufbau des fremden Schiffes, aber ich war sicher, mit jeder meiner Bewegungen neue Zerstörungen zu verursachen. Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, dass meine Mission so furchtbar danebengeht.
Ich wollte zurück zu meinem Schiff. Jeder Mikrozyklus mehr an Bord des Zylinders würde das Schiff mehr zerstören. Mir fehlte völlig die Orientierung. Die Fremden hinter mir, floh ich kreuz und quer durch das Schiff. Vereinzelt hörte ich Explosionen. Mehrfach sah ich Menschen, die bereits tot waren. Versuchte ich, sie sanft zur Seite zu schieben, zerflossen sie förmlich unter meinen Händen. Was waren das für Wesen? Bestanden sie nur aus Wasser? Mein Entsetzen wurde immer größer.
Wie viele hatte ich jetzt schon getötet? Allein dieser Gedanke war für ein Wesen wie mich die höchste Seelenqual.
Als mir einfiel, dass ich zur Rückkehr zu meinem Schiff einen Widerstand benötigen würde, um mich abzustoßen, erfasste mich erneut die Panik. Das Material war so weich, dass ich lediglich Löcher in die Wände und Böden treten würde, aber es würde mich nicht zum Schiff zurückbringen. Doch ich musste es versuchen, denn hierbleiben konnte ich auch nicht, sonst gelang es den Menschen am Ende noch, mich zu töten.
Ich trat mit den Beinen wie verrückt und zerfetzte dabei alles, was mir unter die Füße kam. Am Ende erwischte ich dabei vermutlich die Kraftwerkszelle des Schiffes, denn es gab eine gewaltige Explosion, die auch meinem Körper einige Schrammen zufügte. Das Letzte, was ich wahrnahm, war mein Schiff, dem ich mich allmählich näherte. Ein unwahrscheinlicher Zufall, denn es hätte mich auch fort vom Schiff ins All befördern können.
Die Automatik meines Schiffes hatte mich erkannt und dafür gesorgt, dass ich wieder eingefangen werde. Ich erwachte in einer Schleuse, deren Außenschott noch offenstand. Ich schloss das Schott und ließ Atemluft einpumpen. Erst dann erlaubte ich mir, meine Poren wieder zu öffnen. Ich sog gierig Luft durch alle Poren und der Schlag meiner Herzen beruhigte sich. Durch eine Scheibe des Außenschotts suchte ich das Schiff der Menschen. Es war nicht mehr da. Stattdessen trieben deformierte Teile überall herum.
Niedergeschlagen ging ich in die Zentrale des Schiffes und nahm auf einem Sitz Platz. Ich fühlte mich schlecht. Die gesamte Besatzung eines fremden Raumschiffes hatte ich auf dem Gewissen, samt dem Raumschiff selbst. Ich, ein Botschafter des Friedens, hatte sie alle umgebracht. Wie sollte ich mir das jemals verzeihen können?
Später, als ich meinen Weg bereits fortgesetzt hatte, kannte ich den Grund für das Desaster. Die Dichte der Körperstruktur eines Mitglieds meiner Rasse war um ein Vielfaches höher als die Dichte der Masse eines Menschen oder seines Raumschiffes. Niemals hätten wir uns persönlich begegnen dürfen! Doch das konnten weder ich noch die anderen wissen. Machte es das besser? Machte mich das weniger schuldig? Meine gesamte Mission machte mir mit einem Mal keine Freude mehr. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich einsam.

Havarie

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Havarie

Ich hätte meinen Kopf gegen die Wand schlagen können. Ich war einfach wütend – wütend und irgendwie auch rat- und hilflos.
Natürlich war mir bewusst, dass Einsätze dieser Art immer ein Risiko bargen. Aber die Bezahlung war okay und ein Einsatz, der auf nur sechs Monate angesetzt war, konnte mir dabei helfen, die vielen Rechnungen zu bezahlen, die zu Hause auf mich warteten.
Ich hatte es für Glück gehalten, dass die Raumstreitkräfte ausgerechnet meine Bewerbung gezogen hatten. Meine Pilotenlizenz war gerade mal noch nicht abgelaufen und hätten sie mich nicht genommen, wäre es jetzt mit der Raumfliegerei vorbei gewesen. Den Schein noch einmal neu machen? Nein, das hätte ich mir wirklich erspart. Dann lieber einen Job auf der Erde.
Eigentlich war mein Job eher die erdnahe Raumfahrt gewesen – Fähren zu den Raumstationen oder auch mal eine Reise zur Mondbasis. Die Streitkräfte wollte ich eigentlich immer vermeiden. Dieses Kriegspielen war einfach nicht mein Ding und noch vor ein paar Jahren war die politische Lage auf der Erde recht instabil. Doch als einige zivile Linien Konkurs angemeldet hatten, waren meine Möglichkeiten auf einen vernünftigen Job geschrumpft. Das war sogar noch freundlich ausgedrückt. Im Grunde hieß es für mich, das Kampf- und Jagdraumschiff Prodigy zu fliegen oder arbeitslos zu werden. Wer weiß, was meine Ex sich dann wieder hätte einfallen lassen? Vielleicht das Besuchsrecht für Steven streichen lassen? Nein, dann lieber für die Raumstreitkräfte arbeiten.
Insoweit war ich den Raumpiraten sogar dankbar, denn hätte es sie nicht gegeben, hätte man auch mich als Piloten nicht gebraucht.
Ich blickte in den Spiegel der winzigen Toilette der Prodigy. Ich sah einfach scheiße aus.
Steven kam mir wieder in den Sinn. Der Junge war jetzt sechs, kam in diesem Jahr in die Schule. Ich hatte schon so viel von ihm verpasst ... Und jetzt? Ich hätte heulen können.
Auf dem Weg zurück zur Zentrale musste ich mich an etlichen Griffen und Vorsprüngen festhalten, um nicht zu stürzen. Überall lag Zeug herum. Der Einschlag war heftig gewesen. Die künstliche Schwerkraft war komplett ausgefallen. Glücklicherweise rotierte die Schiffszelle noch und vermittelte zumindest einen Hauch von oben und unten.
Die Zentrale sah nicht viel besser aus als der Rest des Schiffes – oder besser dem, was davon übrig geblieben war.
»Art!«, rief ich in den nur dämmerig ausgeleuchteten Raum hinein. »Ablösung! Wo steckst du?«
Wo steckte dieser Kerl nur? Art war der Waffenoffizier der Prodigy und nach dem Einschlag hatte er sich ordentlich gehen lassen.«
Ein Grunzen ertönte aus der Richtung, in der einmal der Kampfstand gewesen war.
Ich hangelte mich um einen herumliegenden Computerblock herum und fand Art, der in einem Kontursessel hing, wie ein nasser Sack und mich dümmlich angrinste.
»Hast du etwa getrunken?«, fuhr ich ihn an. »Du stinkst wie eine Bar. Woher in Gottes Namen hast du das Zeug überhaupt?«
Art winkte fahrig ab. »Ist doch egal. Wir sind so was von im Arsch. Nenn mir auch nur einen Grund, aus dem ich hier nüchtern sitzen sollte, Keith. Es gibt absolut nichts, was verhindern könnte, dass wir in ... » Er blickte auf seine Armbanduhr. »... sechzehn Stunden mit hundert Kilometern in der Sekunde auf der Erde einschlagen. Kumpel, das möchte ich lieber zugedröhnt erleben.« Er hob eine Flasche Gin in die Höhe.
Ich entriss sie ihm und warf sie auf den Boden, wo sie zerplatzte und den Rest des Alkohols in alle Richtungen spritzte. »Noch sind wir nicht tot!«
Art erhob sich und stürzte fast, weil er seinen Körper kaum unter Kontrolle hatte. »Aber wir werden es sein!«, brüllte er. »Finde dich endlich damit ab! Der Antrieb ist hinüber, die Funkanlage, das Beiboot! Alles hinüber!«
Ich schüttelte den Kopf. »Noch haben wir Luft zum Atmen, du Idiot! Vielleicht sind wir im Arsch – kann sein. Aber im Augenblick leben wir noch und ganz ehrlich? Ich habe noch wirklich keinen Bock zu sterben. Ja, dieser verdammte Meteorit hat uns voll erwischt. Aber wir könnten auch jetzt schon Geschichte sein. Stattdessen können wir uns in diesem Trümmerhaufen noch immer unterhalten. Sieh zu, dass du deinen Schädel wieder frei bekommst und dann lass uns überlegen, welche Optionen wir überhaupt noch haben.«
»Optionen?«, lallte Art und lachte. »Optionen?«
»Verschwinde in der verdammten Hygienezelle und lass dir kaltes Wasser über den Kopf laufen!«, fuhr ich ihn erneut an. »Das zumindest funktioniert noch!«
Als mein Kollege den Raum verlassen hatte, ließ ich mich in den Pilotensitz gleiten. Die meisten Kontrollanzeigen auf dem Pult waren tot. Art hatte ja nicht völlig Unrecht. Die Prodigy war nicht mehr zu steuern und das Haupttriebwerk funktionierte ebenfalls nicht mehr. Bremsen war also völlig unmöglich.
Da verfolgte man Raumpiraten bis fast an den Asteroidenring, lieferte sich mit ihnen einen Kampf und gewann ihn auch noch. Es hatte mir zwar nicht gefallen, dass das gegnerische Schiff explodiert war, doch es hatte ja niemanden getroffen, der es nicht verdient hatte. Diese Piraten hatten monatelang Frachter überfallen und dabei meist die Besatzung getötet, um keine Zeugen zu hinterlassen. Ihr Pech, dass eine rechtzeitig vom letzten Opfer abgesetzte Sonde ihre Triebwerkssignatur erfassen und weitermelden konnte. So hatten wir eine Chance erhalten, diesen Verbrechern zu folgen. Auftrag ausgeführt. Alles super.
Wäre da nicht dieser Scheißmeteorit gewesen. Wie hoch ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, im leeren Raum von so einem Ding getroffen zu werden? Die Chance auf einen Hauptgewinn in einer beliebigen Lotterie ist Millionen Mal größer. Und trotzdem wurde die Prodigy von so einem Ding durchlöchert. Ein Sekundenbruchteil und ein stolzes Raumschiff der Streitkräfte war nur noch eine schrottreife Dose. Diese Lotterie hatten wir gewonnen. Schönen Dank auch.
Ich suchte das Pult nach Informationen ab, die noch abrufbar waren. Relativgeschwindigkeit zum Ziel: Hundert Sekundenkilometer. Art hatte recht gehabt.
Ich versuchte, das Ziel zu visualisieren, doch die elektronischen Kameraelemente außen waren zerstört. Optische Beobachtung? Sie funktionierte, konnte aber die Einschlagstelle nicht exakt anzeigen. Aber was waren ein paar hundert Kilometer Abweichung, wenn bereits jetzt feststand, dass wir den blauen Planeten relativ mittig treffen würden?
Sechzehn Stunden! Was konnte man in sechzehn Stunden tun? Den Antrieb reparieren? Aussichtslos! Im Übrigen war der verbliebene Treibstoff mit einem Schlag ins All entwichen. Der Funk! Wenn es gelang, zumindest eine der Orbitalstationen zu erreichen, könnte man uns unter Umständen ein kleines Rettungsschiff schicken.
Ich ließ diesen Gedanken wirken und meine Hoffnung verblasste wieder. Als Pilot wusste ich nur zu genau, was es bedeutete, uns ein Schiff entgegenzuschicken, es zu bremsen, mit Umkehrschub an unsere Geschwindigkeit anzupassen und anzudocken. Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, aber dieser Gedanke kam mindestens zehn Stunden zu spät ... Und selbst dann ... Ach, was soll’s?
Ich hatte es zwar schon wiederholt getan, aber ich ließ erneut ein Analyseprogramm über den maroden Bordcomputer laufen.
Atemluft würde noch für vierundzwanzig Stunden reichen. Ersticken würden wir zumindest nicht. Luftaufbereitung? Defekt. Wasseraufbereitung? Defekt. Elektrische Energie? Intakt.
Super! Wir würden in unseren letzten Stunden zumindest lesen können. Es war zum Kotzen. Vielleicht hätte ich den Gin nicht leichtfertig zu Boden schleudern sollen ...
Ich begann, Art zu verstehen, aber einfach aufgeben? Das war nicht mein Ding. Vermutlich lag die Lösung direkt vor meiner Nase und ich war einfach nur zu blöd, sie zu erkennen.
Art hatte unser Beiboot überprüft. Er meinte, es wäre ebenfalls nur noch Schrott. Aber es war zumindest noch da. Es konnte nicht schaden ...
Ich aktivierte das Analyseprogramm für das Beiboot. Der Monitor flackerte. Bitte lass mich jetzt nicht im Stich, du blödes Computersystem ...
Die Atemluft würde für zwei Personen mehr als fünfzehn Stunden reichen. Nicht viel, aber immerhin etwas! Elektrische Energie intakt, Triebwerk offline. Ich versuchte, es online zu stellen, doch meldete der Monitor sogleich eine Fehlfunktion.
Als ich den Funk abfragte, erhielt ich einen Grünwert. Sekundenlang starrte ich auf die Anzeige. Grün? Wirklich Grün? Der Scheißfunk im Beiboot war intakt?
In diesem Moment hörte ich Geräusche hinter mir und wandte mich um. Es war Art, dessen nasse Haare wirr an seinem Kopf klebten.
»Wieder nüchtern?«, fragte ich ihn.
»Einen Scheiß bin ich«, stieß er rau hervor. »Aber einigermaßen kann ich wieder denken. Was machst du denn da eigentlich? Ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, mich weiter zu besaufen. Weißt du eigentlich, dass ich in diesem Moment Urlaub haben sollte? Ich sollte an einem verfickten Strand in der Sonne liegen, einen Cocktail in der Hand halten und eine hübsche Frau an meiner Seite haben. Aber stattdessen? Urlaubssperre und Raumeinsatz gegen Piraten! Gib mir nur einen Grund, warum ich mich zusammenreißen sollte!«
»Weil ich dich brauche, du Idiot!«, schrie ich ihn an. »Ich suche einen Ausweg und zermartere mir das Hirn und du? Du zergehst vor Selbstmitleid! Ich will nicht draufgehen, verstehst du? Ich habe da unten einen Sohn. Ich würde alles dafür geben, ihn wiederzusehen. Und Marjorie? Irgendwie würde ich auch sie gern wiedersehen.«
»Deine Ex?«, fragte Art ungläubig. »Hast du mir nicht erzählt, sie wäre eine furchtbare Zicke? Junge, ihr habt euch scheiden lassen.«
»Sie ist keine Zicke«, sagte ich leise. »Es ist ... Ach verdammt, manchmal laufen Dinge eben nicht so ... Scheiße, es geht dich auch im Grunde nichts an.«
»Du hängst noch an ihr«, konstatierte Art. »Verdammt, du hängst noch an deiner Ex.«
Er schüttelte den Kopf, was mich einfach nur wütend machte.
»Na und? Marjorie ist ein guter Mensch! Es ist nur ... Ach lassen wir das! Bringt ja doch nichts, wenn es uns nicht gelingt ...«
»Denkst du im Ernst, du könntest noch verhindern, dass wir als Klecks auf der Erdoberfläche enden?«, fragte Art.
Ich wandte mich wieder dem Pult zu. »Der Funk im Beiboot scheint zu funktionieren.«
»Ja und? Was soll uns das bringen? Die einzige Verbindung dorthin ist dieser Teleskoprüssel und der wurde vom Meteoriten zerfetzt. Du kannst dem Beiboot zuwinken. Was soll das alles noch? Lass es einfach. Ich hab in meiner Kabine noch eine Flasche. Besaufen wir uns gemeinsam und tragen es wie Männer ...«
Ich schüttelte den Kopf. »Wie Männer? Du bist ein Arsch. Meinst du, wir könnten uns dermaßen abschießen, dass wir von all dem nichts mehr mitbekommen?«
»Wer weiß?«, sagte Art. »Wenn das nichts hilft, bleiben uns immer noch die Raketen.«
»Was?«
»Die restlichen Raketen, die wir nicht mehr gebraucht haben. Sie sind noch da. Zumindest zwei von ihnen. Machen wir sie scharf und ... Peng. Game over. Ist vielleicht besser, als zuzusehen, wie unsere gute alte Erde uns immer näher kommt.«
Es dauerte einen Moment, bis das in mein Hirn tröpfelte.
Ich fuhr zu ihm herum. »Wir haben noch zwei Raketen? Wieso hast du mir nichts davon gesagt?«
Art hob hilflos seine Arme. »Was hätte es gebracht? Hätte ich sie etwa abfeuern sollen? Wozu? Wir können sie aber immer noch verwenden, um uns schnell und schmerzlos ...«
»Stopp!«, brüllte ich. »Ich habe eine Idee!«
»Er hat eine Idee!«, echote Art. »Du bist ein Spinner!«
»Nein, im Ernst! Wo sind die Raketen? Doch gegenüber vom Beiboot, oder?«
»Ja klar. Wegen der Symmetrie und wegen des Schwerpunktes der Prodigy. Wieso?«
»Pass auf! Wir können durchaus noch ins Beiboot gelangen, wenn wir unsere Raumanzüge anlegen. Wir haben exakt einen Versuch, denn die Schleuse hat ebenfalls außen ein Leck. Öffnen wir sie, ist unsere Atemluft weg. Aber das Beiboot sieht noch recht unversehrt aus, wenn man vom defekten Triebwerk absieht und der Tatsache, dass wir den Entkopplungsmechanismus nicht auslösen können.«
»Was willst du dann in dem verdammten Beiboot, Mann?«
»Uns retten, wenn du das genau wissen willst. Im Beiboot ist der Funk in Ordnung. Wir sind schon so nah an der Erde, dass wir die Orbitalstationen sogar schon über UKW erreichen würden. Würdest du es hinbekommen, eine der Raketen scharf zu machen und sie auf Knopfdruck vom Beiboot aus detonieren zu lassen?«
»Keith, was soll das? Wenn du denkst, wir sollten uns tatsächlich in die Luft jagen, muss es doch nicht so kompliziert sein.«
Ich schüttelte meinen Kopf. »Ich weiß genau, was ich will, Art. Ich weiß nicht, ob es funktioniert, aber es ist die einzige Chance, die wir haben. Und je eher wir das tun, umso größer sind unsere Chancen, dass du demnächst einen Urlaub an einem der schönen Strände von Mutter Erde machen kannst.«
Art sah mich aus zusammen gekniffenen Augen an. »Du hast meine volle Aufmerksamkeit. Was hast du vor?«
»Ich will, dass wir so schnell wie möglich ins Beiboot übersiedeln. Vorher solltest du vorbereiten, dass wir durch einen kurzen Funkimpuls eine der Raketen – bitte nicht beide – explodieren lassen können. Wenn sie detoniert, haben wir die gesamte Prodigy zwischen uns und der Rakete. Sollte es gelingen, wird uns das einen solchen Seitenschub geben, dass es vielleicht ausreicht, unseren Anflugwinkel zu ändern. Noch reichen drei bis vier Grad Abweichung, um an der Erde vorbeizufliegen. Für einen Eintritt in die Umlaufbahn sind wir sowieso zu schnell. Aber wir können funken und den Stationen mitteilen, wer und wo wir sind und welchen Vektor wir fliegen.«
Arts Blick war voller Skepsis. »Es klingt im ersten Moment nicht schlecht, aber die Luft im Beiboot reicht auch nur für rund fünfzehn Stunden. Wenn die uns erst ein Rettungsschiff entgegenschicken müssen ... » Seine Miene erhellte sich.
»Verdammt!«, rief er. »Das müssten sie ja gar nicht. Wir rasen auf die Erde zu. Wenn wir ihnen diese Nachricht bald zukommen lassen können, brauchen sie nur ein Schiff auf den Weg bringen, das bereits etwa unseren Kurs fliegt.«
»Genau«, sagte ich. »Und wir haben in den Anzügen ja auch noch Luft. Art, das kann reichen. Es steht und fällt jetzt damit, wie schnell wir arbeiten und ob uns die Explosion nicht doch in Stücke reißt.«
Nachdem das geklärt war, schien Art wie ausgewechselt. Er klemmte sich hinter seinen Kampfstand, rief die Daten der verbliebenen Raketen ab und bereitete eine davon für eine manuelle Sprengung vor.
»Erledigt!«, rief er. »Jetzt nichts wie weg von hier. Du hast mir diesen Floh ins Ohr gesetzt und jetzt will ich auch ein verdammtes Happy End!«
Wir vergeudeten keine weitere Zeit mehr und legten direkt danach unsere Anzüge an. Ich hatte schon Angst, auch sie könnten beschädigt sein, doch diese Angst war unbegründet. Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl dabei, unsere gesamte Atemluft aus dem Schiff abzulassen, um mich auf ein Abenteuer einzulassen, das mich ebenfalls das Leben kosten konnte.
Als wir die Außenschleuse geöffnet hatten, sahen wir sogleich, dass wir sie nicht mehr schließen konnten. Es war pures Glück, dass wir sie überhaupt öffnen konnten. Mit einer Sicherungsleine gesichert, hangelten wir uns an der demolierten Halterung entlang zum Beiboot. Der Anblick, den die Prodigy uns dabei bot, war entsetzlich. Ein einziger Meteorit hatte uns getroffen, doch das Schiff sah aus, als hätte die Faust eines Riesen zugeschlagen.
Meine Finger wurden schweißig in den klobigen Handschuhen. Es war eine Mischung aus Angst und Nervosität. Hinzu kam dieses beklemmende Gefühl, das ich immer bekam, wenn ich im All einen Außeneinsatz hatte.
Art war der Erste an der Beibootschleuse und ich atmete erleichtert auf, als er sie widerstandslos öffnen konnte.
Wir kletterten in die Schleusenkammer und schlossen die schwere Luke. Der Vorgang des Schleusens dauert eigentlich nicht lange, doch uns erschienen es viele Minuten zu sein – subjektiv natürlich. Irgendwann sprang die Anzeige über die Innenluke auf grün, was bedeutete, dass der Druckausgleich erfolgt war.
Das Beiboot war zwar vergleichsweise winzig, aber dafür sprang gleich die Beleuchtung an und die Bedienelemente auf dem Pult erwachten zu Leben. Ein Hauch von Normalität in diesem Chaos.
Ich hangelte ich sofort zum Funkgerät und aktivierte es. Die wichtigsten Notfrequenzen hat jeder Raumfahrer im Kopf und so sendete ich nach kurzer Zeit unseren Notruf zur Erde.
Ich hätte weinen können, als ich die Stimme des Wachhabenden der Orbitalstation Kolumbus im Lautsprecher hörte. Wir redeten gleichzeitig auf diesen Mann ein und mussten uns kurz zusammenreißen und klären, wer die notwendigen Daten ins Mikrofon spricht. Art hatte sich schon etwas zurechtgelegt, während ich das Funkgerät vorbereitet hatte und gab alle Daten zügig weiter.
»Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?«, fragte der Mann. »Es könnte Sie zerreißen, das wissen Sie.«
»Ja, das oder der Aufschlag auf der Erde«, sagte ich sarkastisch. »Eine andere Chance bekommen wir nicht mehr.«
»Wenn es gelingt, wissen Sie aber nicht, in welche Richtung Sie abgelenkt werden«, gab der Mann zu bedenken.«
»Da müssen wir uns auf Sie uns ihre Fantasie verlassen«, sagte ich. »Sie wissen jetzt, wo wir sind und müssen ihre Ortungsantennen auf uns ausrichten. Wir zünden in zehn Minuten, gerechnet von jetzt an. Achten Sie auf unseren Kurs und bringen ein Rettungsschiff auf den Weg. Wir verlassen uns auf Sie.«
»Wir tun unser Bestes. Ich wünsche Ihnen viel Glück.«
Art und ich schauten einander einen Moment lang schweigend an. Er nickte.
»Dann kommt jetzt der unberechenbare Teil«, sagte er. »Zehn Minuten?«
Ich nickte. »Stell es ein. Und wenn die Zeit um ist, sprengst du.«
»Wir sollten uns anschnallen und die Anzüge anbehalten«, schlug Art vor.
Es war alles gesagt. Wir schlossen unsere Gurte über den Anzügen, nachdem wir in den Gelkissen der Beibootsitze lagen. Nervös beobachtete ich die Anzeige des Countdowns auf der Uhr, welche die verbleibende Zeit bis zur Sprengung anzeigte. Als die Null erschien, sahen wir einander wieder an und nickten beide. Art drückte eine Taste an dem Zünder, den er schon aus der Prodigy mitgenommen hatte.
Mehr bekam ich nicht mehr mit. Es gab einen mörderischen Schlag und ich war regelrecht ausgeknipst.
Als mein bewusstes Empfinden wieder einsetzte, fühlte ich mich, wie durch eine Mangel gedreht. Alle Glieder schmerzten und mein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand mit einem Knüppel darauf herumgehämmert.
War ich das, der da so furchtbar stöhnte? In meinem Mund schmeckte es metallisch. Ich zwang mich, die Augen zu öffnen. Die Erinnerung kam wieder. Das Beiboot. Die Explosion ... Mein Kopf ruckte zur Seite. Ich hätte es nicht tun sollen, denn die Stiche in meinem Schädel waren nicht spaßig. Trotzdem zwang ich mich dazu, den Kopf noch einmal zu schütteln, um die Tränen loszuwerden, die sich in meinen Augen angesammelt hatten. Ich trug noch immer den Raumhelm, dessen Innenseite mit etwas rotem bespritzt war. Der metallische Geschmack – ich musste wohl geblutet haben. Aber ich war am Leben. Art, auf der Liege neben mir, rührte sich noch nicht. Ich betete im Stillen, dass er es ebenfalls überstanden hatte. Verletzungen spielten keine so große Rolle, wenn unser Plan wenigstens geglückt war.
Erst jetzt bemerkte ich dieses merkwürdige blaue Blinken. Ich wandte meinen Kopf zu beiden Seiten und sah, dass es eine Lampe am Funkgerät war. Mein Versuch, diesen Knopf zu erreichen, scheiterte kläglich. Ich konnte mich so schnell nicht aus diesem dummen Gelkissen befreien.
»Art, wach auf!«, rief ich, in der Hoffnung, dass er nicht schwerer verletzt war als ich. Es bedurfte mehrerer Versuche, doch dann rührte es sich auch bei meinem Nachbarn.
»Was ist denn?«, kam es quälend aus dem Außenlautsprecher von Arts Anzug.
»Gott sei Dank, du lebst!«, rief ich. »Es geht ein Anruf über Funk ein. Der Knopf ist auf deiner Seite. Schaffst du es, ihn zu drücken?«
Er ächzte und versuchte, sich aufzurichten. »Oh fuck, tut das weh!«, schimpfte er.
Ich kannte Art inzwischen ganz gut, und wenn er fluchte, war es meist nicht so schlimm.«
Quälend langsam hob er seinen Arm und streckte den Finger aus, bis er endlich den Knopf gedrückt hatte.
»Kolumbus ruft Raumschiff Prodigy«, ertönte es aus dem Lautsprecher. »Bitte melden Sie sich. Wir haben eine Explosion geortet. Kolumbus ruft Raumschiff Prodigy.«
»Können die uns hören?«, fragte ich Art.
»Moment, ich öffne den Sendekanal.« Er beugte sich ächzend noch weiter vor und drückte ein paar weitere Tasten. »Jetzt, Keith. Mach du das. Ich bin einfach nur fertig.«
»Prodigy an Kolumbus«, rief ich. »Wir hören Sie. Können Sie uns Angaben über unseren Status machen?«
»Sie meinen, ob sie es geschafft haben, ihren Flugvektor so weit zu verändern, dass Sie die Erde verfehlen? Positiv. Das haben Sie. Die Prodigy, oder was davon noch übrig ist, wird die Erde in Höhe des 54. Breitengrades südlicher Breite um fast hunderttausend Kilometer verfehlen. Eine Rettungsmission ist bereits auf dem Weg. Sie werden sich noch etwa zehn Stunden gedulden müssen, bis die Crew der Magellan bei ihnen andockt und sie aufnehmen kann.«
Ich stieß erleichtert meine Luft aus und atmete mehrmals tief durch.
»Prodigy?«
»Alles gut«, sagte ich. »Wir sind einfach nur erleichtert, dass wir weiterleben dürfen.«
Auf der Gegenseite ertönte ein leises Lachen. »Das dürfen Sie auch sein. Und Glückwunsch, dass Ihnen diese tollkühne Aktion gelungen ist.«
»Danke«, sagte ich. »Ich schalte jetzt ab. Ich denke, wir haben uns etwas Ruhe verdient.«
Wir schwiegen eine Weile. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Irgendwie waren wir wiedergeboren worden. Den sicheren Tod vor Augen hatten wir es durch einen verrückten Schachzug geschafft, ihn zu überlisten. Oder spielte dabei eine höhere Macht mit, deren Existenz ich bislang immer verleugnet hatte? Ich wusste es nicht.
»Was tust du, wenn das alles vorbei ist?«, fragte Art.
»Keine Ahnung.«
Ich dachte einen Moment nach. »Vermutlich werde ich nie wieder bei einer Lotterie mitmachen. Den Hauptgewinn hatte ich jetzt schon. Und ... ich glaube, ich werde nie wieder ein Raumschiff betreten. Diese Art der Fliegerei werde ich an den Nagel hängen.«
»Das gilt auch für mich. Jetzt weiß ich, was du nicht mehr tun wirst«, sagte Art. »Aber was wirst du tun, später, unten auf der Erde.«
»Frag mich das, wenn wir tatsächlich dort angekommen sind. Jetzt brauche ich erst einmal Ruhe. Und zehn Stunden sind eine lange Zeit.«
Die Anspannung der letzten Stunden forderten ihren Tribut und ich merkte, wie die Müdigkeit mich übermannte. Das Schiff, die Katastrophe ... Alles trat in den Hintergrund. Meine Gedanken schweiften ab. Was war eigentlich damals der Grund für meine Trennung von Marjorie gewesen? Ich wusste es nicht einmal mehr genau, nur, dass ich zu einem gewissen Teil Schuld daran war. Der Streit? Der Job? Mein Egoismus? Das Bild von Steven erschien vor meinem geistigen Auge. Verdammt, ich hatte so viel falsch gemacht. Vielleicht war es an der Zeit, einiges davon wieder gut zu machen. Einen Versuch wäre es zumindest wert. Vielleicht ließ Marjorie sich ja überzeugen, dass ich mich geändert hatte. Ein Neuanfang, das wäre es. Das wäre wirklich schön. Ich hatte es mir bisher nicht eingestanden, doch jetzt wusste ich es auf einmal: Ich liebte sie noch immer.
Dieser letzte Gedanke zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen und ließ mich endlich einschlafen.

moriazwo (C) April 2021

Androidenwelt (Königin der Androiden)

Bewertung: 5 / 5

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Diese Geschichte war ein Beitrag für die Anthologie "Die magnetische Stadt" - 2014 Collection of Science-Fiction Stories vom Verlag für moderne Phantastik. In diesem Falle gab es eine klare Themenvorgabe, der man als Autor folgen musste:
Eine Krankheit rafft einen großen Teil der Menschheit nieder. Heilung scheint ausgeschlossen. In ihrer Verzweiflung unterwirft sich jeder, der es sich leisten kann, einer völlig neuen, ungetesteten Technologie: Man lässt sein Bewusstsein - das Ego - in das Hochleistungsgehirn eines künstlichen Körpers übertragen. Nach und nach entsteht so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Völlig unerwartet findet man schließlich die Heilung gegen die Krankheit und weitere "Übertragungen" sind nicht mehr erforderlich. Wie geht die Gesellschaft damit um?
Die folgende Geschichte entstand unter dieser Prämisse:

»Machen Sie Feierabend, Alina.« Dr. Wagner schloss die Tür zu seinem Behandlungsraum. »Es kommt doch sowieso niemand mehr.«

Sie sah von ihrem Monitor zu ihm auf. »Ich muss nur noch diese Listen hier abgleichen, Herr Doktor. Gehen Sie ruhig. Ich schließe nachher schon ab.«

Dr. Wagner trat an die Theke heran. »Kann es sein, dass Sie das nur tun, um nicht nach Hause zu müssen? Wie geht es denn Ihrem Mann?«

Alina lachte lautlos auf. »Wie soll es ihm gehen? Wie ist denn die Beziehung zu Ihrer Frau, seit wir wissen, dass der Impfstoff gegen das NT-Virus funktioniert?«

Er überlegte einen Augenblick. »Sie haben ja recht. Genau betrachtet war die Übertragung in Androidenkörper ein schwerer Fehler, aber das wusste man ja vorher nicht. Als Lisa mit der Nachricht vom Institut heimkam, dass sie sich mit NT infiziert hatte, hätte ich alles getan, um ihr Leben zu retten.«

»Eben. Und wir hatten sogar einen Kredit aufgenommen, um Kevin einen dieser Körper kaufen zu können. Es sah doch alles so gut aus. Ich kann es einfach nicht verstehen.«

Dr. Wagner nahm sich einen Bürostuhl und setzte sich zu Alina hinter die Theke. »Lassen Sie mich raten: direkt nach der Übertragung des Bewusstseins war noch alles in Ordnung. Sein Leben war nicht mehr gefährdet, und auch seine körperliche Leistungsfähigkeit schien normal. Ich weiß, dass es indiskret ist, aber haben Sie noch eine richtige Ehe geführt?«

Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Sie meinen, ob wir noch miteinander geschlafen haben? Ja, das haben wir. Es war sogar sehr schön, bis …«

»Bis was?«

»Nun, es war mein Kevin … und er benahm sich wie er. Sein neuer Körper ist äußerst wohlgeformt. Dennoch: Irgendwie ist er anders geworden. Ich wollte es zunächst nicht sehen, aber jetzt?«

»Es ist das Emotionale, nicht wahr?«, fragte Dr. Wagner. »Die Handlungen waren wie immer, doch es fehlte ihnen die Wärme und das Gefühl.«

»Genau! Ich hatte immer nur das Empfinden, mit einem Roboter zusammenzuleben, der alles über mich weiß. Mir ist klar, dass das falsch ist, denn sie haben ja ein Image seines vollständigen menschlichen Bewusstseins in die Hirnzelle des Androiden geladen. Es ist Kevin, und doch …«

Dr. Wagner nickte. »Ich kann Sie gut verstehen. Auch Lisa scheint mir immer gefühlskalter zu werden. Es ist ein unheimlicher Prozess. Ich beginne mich zu fragen, ob die Androidenkörper schon ausgereift waren, als man sie plötzlich in Massen produzieren musste.«

»Es war die einzige Möglichkeit, unser Milliardenvolk zu retten. Eigentlich hätten wir beide auch längst in Androidenkörpern stecken sollen.«

»Ja, und manchmal denke ich, dass wir dann weniger Probleme hätten. Es wäre dann normal für uns. So aber – durch den Impfstoff – sind wir immun und können weiter in unseren eigenen Körpern leben. Der Gedanke, jetzt noch transferiert zu werden, erfüllt mich mit Grauen.«

»Mir geht es ebenso. Beim Gedanken, bald nach Hause fahren zu müssen, befällt mich Unbehagen. Ich weiß genau, wie es dort zugehen wird. Die Wohnung wird dunkel sein, und er wird irgendwo in dieser Dunkelheit auf mich warten.« Sie schüttelte sich.

»Dass die Androiden kein Licht benötigen …«, sagte Wagner. »Allein das macht sie für uns fremdartig.«

Alina blickte ihn an. »Meinen Sie, das wäre alles? Manchmal hab ich das Gefühl, als ziehe sich eine Schlinge langsam um meinen Hals zusammen.«

Wagner schüttelte den Kopf. »Na, nun sehen Sie aber Gespenster.« Er erhob sich und holte seine Jacke von der Garderobe. »Wissen Sie was? Lassen Sie uns noch in der Stadt einen Drink zusammen nehmen. Ich geb einen aus.«

»Wie darf ich das verstehen?«

Wagner hob abwehrend seine Hände. »Nicht, dass Sie denken, ich wollte Ihnen zu nahe treten. Ich möchte einfach noch etwas ungezwungen mit einem echten Menschen plaudern, und ich hab das Gefühl, Ihnen könnte das auch guttun.«

Sie überlegte einen Moment. »Warum eigentlich nicht?« Sie schaltete ihren Computer aus und zog ebenfalls ihre Jacke an.

Im Labor war noch das Radio zu hören. In den Nachrichten verkündeten sie soeben, dass die Parlamentswahlen zum ersten Mal eine Mehrheit der »Liga der Transferierten« erbracht hatten. Der angehende Kanzler, ein Android namens Gunnar Sohrbeck, kündigte an, sich neben der Förderung der Wirtschaft insbesondere für die Stärkung der Androidenrechte einzusetzen.

Wagner und Alina blickten sich an. »Der scheint es ja sehr eilig zu haben, Veränderungen durchzusetzen.«

Wagner zuckte mit den Achseln. »Vermutlich wird es bedeuten, dass wir noch weniger Patienten bekommen und irgendwann schließen müssen.«

Gemeinsam verließen sie die Praxis und verriegelten die Tür. Wagners Wagen stand in der Tiefgarage, und sie fuhren mit dem Aufzug hinunter. Als sie die Kabine betraten, stand bereits ein Mann darin und grüßte höflich. »Dr. Wagner, Frau Leupert, ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend.«

»Kennen wir uns?«, fragte Wagner und sah ihn unter zusammengezogenen Brauen an.

»Nicht persönlich, aber natürlich kennt man die einzigen Bios, die noch hier im Gebäude arbeiten. Es muss deprimierend sein, wenn man als Arzt keine Patienten mehr bekommt. Sie sollten überlegen, die Praxis zu schließen.«

»Wie bitte? Wer sind Sie?«

»Alex Crohn. Ich bin von der Hausverwaltung. Nur wegen ihrer Praxis muss das gesamte Gebäude noch klimatisiert werden. Sobald das Majoritätsgesetz verabschiedet ist, werden wir uns über Ihren Mietvertrag unterhalten müssen.«

Der Lift war unten angekommen, und sie stiegen aus. Wagner und Alina waren froh, diesen sonderbaren Mann loszuwerden, der in ein Elektroauto der Hausverwaltung einstieg und davonfuhr.

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Ein später Besuch - Weihnachten 3000

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Ein später Besuch - Weihnachten 3000
 
Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi, gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nach Hause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nach Hause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor ... Er überlegte. ... dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«
 
Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen - wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut ... Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung ... sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.
Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers ...«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock ...«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie ...«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte - dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab sowas bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht ... Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem ... Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das ...«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber ...«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie dagewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden ... Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.
 
M.Stappert, 2018

Keller

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Keller

Ich spürte plötzlich, dass es kalt war. Mein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub, und ich bekam dieses Zittern nicht unter Kontrolle. Wieso war es überhaupt so kalt? Hatte ich geschlafen?
 Ich wollte die Augen aufschlagen, merkte jedoch, dass ich sie schon weit geöffnet hatte. Wieso konnte ich nichts sehen? In meinem Zimmer war es niemals so vollkommen dunkel, dass man überhaupt nichts erkennen konnte, aber jetzt und hier umgab mich nur absolute Schwärze. Verdammt, was war das? War ich etwa blind?
 Der Schreck dieser Erkenntnis stach wie ein Messer in mein Herz. Blindheit! Nie wieder etwas sehen? Kein Licht, keine Farben? Keine Orientierung? Ich spürte, wie die Kälte in mir noch zunahm.
 Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ganz ruhig. Man wird nicht so ohne Weiteres blind. Ich bemerkte erst jetzt, dass ich auf einer recht harten Matratze lag, von der ein unangenehmer, muffiger Geruch ausging. Ruckartig erhob ich mich - oder besser - wollte ich mich erheben, denn ein harter, schmerzhafter Ruck an meinem linken Handgelenk ließ mich gleich wieder auf die Matratze kippen. Mein Schmerzschrei hallte hohl von den Wänden wider.
 Verdammt, wo war ich hier? Vorsichtig zog ich an meinem linken Arm, doch etwas Scharfkantiges bohrte sich in mein Handgelenk und hielt ihn fest. War das ... eine Fessel?
 Vorsichtig bewegte ich den anderen Arm. Erleichtert stellte ich fest, dass er nicht angebunden war. Ich drehte mich auf die linke Seite und betastete mein linkes Handgelenk. Es war mit einem breiten Kabelbinder an einem metallenen Gegenstand gekettet. Ich war gefangen! Gefangen! Ich! Aber wieso? Was war überhaupt geschehen?
 »Hallo!«, rief ich. »Ist da jemand?«
 Meine Stimme hallte als leises Echo von den Wänden zurück. »Hallo! Hört mich jemand?«
 Es blieb still. Offenbar war ich allein.
 Ich setzte mich auf, soweit meine Fessel es zuließ und lehnte gegen das Metall, an das ich gekettet war. Was war das eigentlich? Mit der anderen Hand ertastete ich die typische Form eines alten Rippenheizkörpers. Er war kalt und rostig. Wer hatte mir das angetan? Und warum? War ich entführt worden? Ich besaß kein Vermögen, das man von mir erpressen konnte. Ein wahnsinniger Verbrecher? Mein Gott, das würde bedeuten, dass man mich ... Ich spürte mein Herz bis in den Hals schlagen. Es konnte doch nicht sein, dass ich ... Ich wollte nicht sterben!
 »Hilfe!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber irgendwann hatte ich keine Luft mehr dazu. Ich zerrte immer wieder an der Fessel, doch dieser Kabelbinder war einfach zu stabil.
 In einer Phase der Resignation saß ich nur einfach da. Prüfend sog ich Luft durch die Nase. Was war das für ein Geruch? Die Kälte des Raumes war hinderlich. Es roch muffig und abgestanden, wie in einem ... Keller? Jetzt erinnerte ich mich. Ich kannte solche Gerüche. Im Haus meiner Eltern hatte es einen solchen Geruch im Keller gegeben. Die feuchten Wände, alter Putz, Rost auf alten Werkzeugen ... genau. Ich war in einem Keller gefangen. Aber da war noch etwas anderes - ein Anflug von Schärfe. Was konnte das sein? Kot von irgendwelchen Tieren? Irgendwie wollte ich es auf einmal nicht wissen.
Was war überhaupt das Letzte, an das ich mich erinnern konnte?
 Ich war mit dem Auto meines Chefs in die Stadt gefahren, um eine Besorgung für ihn zu machen, hatte es auf dem Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Marktplatz abgestellt. Als ich ihn abschloss, hatte mich ein Mann angesprochen. Es ging um Geldwechseln, oder eine Auskunft? Ich wusste es nicht mehr. Dann war da plötzlich ein zweiter Mann hinter mir, und ... von da an fehlte mir die Erinnerung. War es eine Entführung? Hatte man mich für meinen Chef gehalten? Was würden sie tun, wenn sich der Irrtum herausstellte? Sollte dieser dunkle Raum mein Grab werden? Ich riss wieder an der Fessel. Ich wollte nicht sterben! Man las in den Zeitungen so viel darüber, dass Zeugen einfach getötet wurden. Aber ich in einer solchen Situation? Ich doch nicht! Ich nicht!
 Ohne es verhindern zu können, musste ich schluchzen. Scheiße! Ich hatte mich immer für einen harten Brocken gehalten. Jetzt heulte ich, wie ein altes Waschweib. Dieser Gedanke brachte mich wieder zur Vernunft. Ich lauschte in die Dunkelheit. Von Ferne hörte ich ein leises Tropfen von Wasser. Bisher war mir das nicht aufgefallen. Aber da war noch etwas anderes. Das Tapsen winziger Füße. Mäuse? Oder Ratten? Oh Gott, ich hasse Ratten! Ich spürte, wie sich mir die Haare vor Entsetzen aufrichteten, bei dem Gedanken, dass sich Ratten an mir zu schaffen machen würden.
 Ich durfte das nicht zulassen! Als ich meine Körperhaltung ruckartig änderte, rutschte der Kabelbinder an der Rippe der Heizung ein Stück hoch. War da etwas Spielraum? Wieder betastete ich das Metall. Wieso war mir das nicht aufgefallen? Dieses alte Ding war rostig. Das bedeutete, dass die Kanten unter Umständen scharfkantig waren. Richtig. Die vordere Kante wirkte wie ein stumpfes Sägeblatt.
 Hoffnungsvoll begann ich damit, die Fessel rhythmisch auf und ab zu bewegen. Das schabende Geräusch wurde durch den Heizkörper verstärkt und produzierte ein Klingen, das sich durch das gesamte Rohrsystem der Heizung verbreitete. Wenn das jemand hörte, war ich geliefert. Aber wenn ich es nicht versuchte, hatte ich überhaupt keine Chance! Also machte ich weiter. Immer wieder verletzte ich dabei meine Hand, aber das war mir egal. Solange ich hier allein war, musste ich die Zeit nutzen. Vielleicht gab der Kunststoff ja irgendwann nach.
 Ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Es war anstrengend, und immer wieder musste ich Pausen einlegen. Mein Handgelenk schmerzte furchtbar, und die Kälte dieses Kellers - ich war inzwischen sicher, dass ich in einem Keller gefangen war - spürte ich nicht mehr.
 Später, es mussten Stunden vergangen sein, und Hunger und Durst machten sich unangenehm bemerkbar, riss der Kabelbinder plötzlich, wobei ich mit dem Kopf hart gegen die Heizung stieß. Ich blutete, aber meine Hand war frei!
 Ich fühlte mich großartig, als mir der Triumph bewusst wurde, doch was hatte ich gewonnen? Ich konnte noch immer nichts sehen und steckte in einem Raum fest, den ich sicher nicht ohne Weiteres verlassen konnte. Wie viel Zeit hatte ich noch? Wann würden meine Peiniger zurückkehren, um - was auch immer - mit mir anzustellen? Ich war nicht bereit, das abzuwarten. Mühsam stand ich auf und bewegte meine schmerzenden Glieder. Das Hocken auf der schmutzigen Matratze in dieser Kälte forderte seinen Tribut. Es dauerte, bis das Blut in meinen Gliedern wieder richtig zirkulierte. Beide Beine waren eingeschlafen und prickelten schmerzhaft. Ich beschloss, den Raum vorsichtig, an den Wänden entlang zu erkunden. Irgendwo musste es eine Tür geben, und dahinter würde es auch Licht geben - so hoffte ich jedenfalls.
 Die Wände waren alt und schmutzig. Feuchter Backstein, bröseliger Putz. Hin und wieder stieß ich gegen ein Hindernis. Es schepperte laut. Farbeimer? Keine Ahnung. Sonst schien der Raum weitgehend leer zu sein. Nach rund zwanzig Schritten stieß ich gegen eine Wand. Es ging weiter, immer mit den Händen tastend, fand ich schließlich eine Tür. Natürlich verschlossen! Verdammte Scheiße!
 Vorsichtig tastete ich die Tür und das gesamte Umfeld des Türrahmens ab. Vielleicht fand sich dort irgendetwas, um dieses Ding zu öffnen. Plötzlich funkte es, und ich erhielt einen Schlag, der meinen gesamten Arm einen Moment lähmte. Vor meinen Augen tanzten Lichtblitze. Ich hatte einen elektrischen Schlag bekommen! Die nassen Wände ... natürlich ... dort musste ein Schalter sitzen. Ein Lichtschalter! Und es gab Strom - das hatte ich deutlich zu spüren bekommen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und nahm mit bloßen Händen die Suche nach diesem Schalter auf. Als ich ihn gefunden hatte, schlug ich mit der Faust darauf, einen weiteren Schlag erwartend. Stattdessen leuchtete jedoch mitten im Raum eine Glühbirne auf, und ich hatte das Gefühl, brennende Nadeln würden sich durch die Augen in mein Hirn bohren. War ich bisher blind durch die Dunkelheit, war es nun die für mich gleißende Helligkeit, die mich nichts erkennen ließ.
 Mit tränenden Augen stand ich da und wartete darauf, wieder sehen zu können. Überhaupt war es ein grandioses Gefühl, dass meine Augen wieder etwas wahrnahmen.
 Jetzt konnte ich erstmals sehen, dass es in diesem Keller einen Tisch in der Mitte gab, auf dem alte Werkzeuge lagen. Unter ihnen gab es eine schartige, rostige Axt. Ich ergriff sie und schlug wie besessen damit auf die Tür ein. Irgendwann gab sie nach und ich stürzte hinaus. Der Kellergang lag im Dämmerlicht vor mir. Am Ende führte eine brüchige Holzstiege nach oben.
 Plötzlich hatte ich wieder Angst. Wenn dort oben jemand lauerte? Meinen Lärm hätte man auf jeden Fall gehört. Die Axt noch in der Hand schlich ich nach oben. Die Treppe knarrte bei jedem Schritt. Ich fasste den Griff der Axt fester, zu allem entschlossen. Ich würde mich nicht kampflos ergeben, wenn sie jetzt auf mich warteten.
 Oben sah ich, dass dieses Haus sicher nicht bewohnt war. Blinde Fenster, verwahrloste Gänge. Ich hatte keine Ahnung, wo sich dieses Haus befand. Noch immer keine Spur von meinen Peinigern. Ich gebe zu, dass ich froh war, nicht auch noch gegen sie kämpfen zu müssen. Vorsichtig spähte ich aus einem blinden Fenster, das zur Straße zeigte. Es war dunkel draußen und die Straßenlaternen brannten, aber es war niemand zu sehen. Ich atmete tief durch. Keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte, aber es war jetzt der Augenblick, es zu beenden. Entschlossen öffnete ich die Tür nach draußen, die nur angelehnt war, und trat in die Nacht hinaus. Die Kühle der Nachtluft tat gut, und vieles der vergangenen Stunden fiel von mir ab. Ich blickte noch einmal in jede Richtung, dann tauchte ich in die Dunkelheit zwischen den Laternen und verschmolz mit der Dunkelheit. Nur weg von hier! Jetzt war die Dunkelheit mein Freund. Es ist schon kurios. Als Gefangener, unten im Keller, hatte sie mir Angst gemacht, und jetzt legte sie sich wie eine warme Decke über mich, bot mir Schutz. Sie würden mich nicht bekommen.

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