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Kurzgeschichten

Welt im Spiegel

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Also, nicht, dass Ihr denkt, mit mir würde etwas nicht stimmen. Ich bin ganz sicher nicht verwirrt, oder so. Meine Freunde würden jeden Eid schwören, dass ich ein absolut rational denkender Mensch bin. Ist vermutlich auch eine Frage meiner Erziehung gewesen. Ihr kennt das ja: Jungs weinen nicht. Indianer kennt keinen Schmerz. Die ganze Palette dieses Schwachsinns. Leider bleibt davon immer etwas hängen. Elaine hat auch immer ihre liebe Not, damit klarzukommen. Elaine ist meine Freundin und wir wohnen seit ein paar Monaten zusammen.
Vielleicht sollte ich sagen: Wir wohnten zusammen. Denn seit fast vierzehn Tagen - sofern mich mein Zeitgefühl nicht täuscht - bin ich mir nicht sicher, ob ich sie jemals wiedersehen werde.
Es hatte alles damit angefangen, dass Elaine mich jedes Wochenende in Möbelgeschäfte geschleift hatte. Sie hatte gemeint, dass es Zeit wäre, ein paar Dinge für unsere Diele anzuschaffen.
Habt Ihr schon mal mit einer extrem emotionalen Freundin versucht, Möbel zu finden, die vor den Augen beider Beteiligter Gnade finden? Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Seit wir zusammen waren, hatten wir uns wirklich nicht oft gestritten, aber an diesen Wochenenden geschah es fast jedes Mal. Es war furchtbar.
Schließlich einigten wir uns darauf, dass sie allein über unsere Diele entscheiden darf, wenn ich dafür die Gestaltung des Wohnzimmers übernehmen darf. Glücklich über diesen Kompromiss, wusste ich noch nicht, was mir bevorstand - ebensowenig, wie Elaine.
Ihr hatten es alte, aufgearbeitete Weichholzmöbel aus einem Antik-Shop in der Innenstadt angetan. Ich hab es nicht zugegeben, aber ich fand sie grässlich. Ich konnte noch nie etwas mit diesen vielen verspielten Schnörkeln anfangen. Ja, okay, die Sachen waren verblüffend preiswert und sicher auch nicht schlecht verarbeitet - aber sie waren eben alt. Alt und etwas wurmstichig. Elaine meinte, gerade das mache ihren Reiz aus, aber ... na ja.
Am Schlimmsten fand ich einen großen Spiegel in einem aufwändig gearbeiteten Holzrahmen, der so groß war, dass wir uns darin komplett sehen konnten. Dieser Spiegel war Elaines ganzer Stolz. Jedes Mal, wenn sie sich fertigmachte, um zur Arbeit zu gehen, oder wenn wir mit Freunden ausgehen wollten, drehte sie sich vor diesem Spiegel und überprüfte ihre Erscheinung. Ihr gefiel diese Monströsität und ich hielt mich vornehm zurück, da wir ja einen Deal geschlossen hatten.
»Dieser Spiegel vergrößert unsere kleine Diele enorm«, sagte sie immer.
Ich hätte nie geahnt, wie recht sie damit hatte.
Es geschah vor etwa zwei Wochen. Ich stand im Bad und wollte mich rasieren, als die Beleuchtung an unserem Badezimmerschrank über dem Waschbecken ausfiel. Der einzige Spiegel mit einer guten Beleuchtung ist ausgerechnet Elaines »Schmuckstück« in der Diele, also lief ich in die Diele, um mein Werk dort zu vollenden. Noch nie hatte ich mit meinem Gesicht so dicht vor dem Spiegel geklebt. Erst spürte ich es nicht, doch irgendwann - ich wischte eben die Reste des Rasierschaums weg - hatte ich das Gefühl, als ginge von dem Spiegel etwas aus. Ich weiß, Ihr haltet mich jetzt für verrückt, aber es war, als ziehe mich die Spiegelfläche an. Mir wurde regelrecht schwindelig und ich wollte einen Schritt zurück machen. Dabei strauchelte ich, versuchte, mich festzuhalten und stürzte.
Als ich mich wieder aufrappelte, stand ich zwar immer noch in unserer Diele, doch etwas war anders. Manchmal ist man ja schwer von Begriff, und so dauerte es eine Weile, bis ich verstand, was mich störte: Alles war seitenverkehrt!
Ich fuhr herum und blickte in den Spiegel. Er zeigte die Diele. Was auch sonst? Nur, dass im Spiegel mein Rasierzeug auf dem Boden gelandet war, und dort, wo ich stand, nichts davon zu entdecken war. Eiskalt lief es mir über den Rücken, als ich begriff, dass ich mich selbst nicht im Spiegel sehen konnte.
Was ging hier vor? Spiegel als Tore zu fremden Welten? Fantasy sind doch nur Geschichten! So etwas konnte es nicht geben - und dennoch stand ich hier und starrte fassungslos auf den Raum, in dem ich eben noch gestanden und mich rasiert hatte. Mit der Hand tastete ich vorsichtig auf die Oberfläche des Spiegels. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber die Oberfläche fühlte sich glatt und kühl an - und natürlich absolut undurchlässig.
Hab ich vorhin gesagt, ich wäre ein rationaler Typ? Vergesst es! In diesem Moment machte sich Panik in mir breit. Es konnte nicht sein, und doch war ich irgendwo gefangen. Doch warum war das geschehen? Wer trug die Schuld daran? Und die wichtigste Frage: Wie kam ich wieder zurück?
Elaine ging mir durch den Kopf. Wie würde sie reagieren, wenn ich plötzlich verschwunden war? Ich hatte mit einem Mal Angst.
Nachdem ich gefühlte tausend Mal versucht hatte, den verdammten Spiegel von dieser Seite zu durchdringen, setzte ich mich auf die seitenverkehrte Dielenkommode, um nachzudenken. Ich glaubt nicht, was einem alles durch den Kopf schießt, wenn man in einer so skurrilen Situation steckt. Ein Psychiater hätte an mir seine helle Freude gehabt.
Irgendwann erhob ich mich und begann, mich umzusehen. Sobald ich die Diele verlassen hatte, befand ich mich in fremden Zimmern. Hinter jeder Tür existierte ein anderes Zimmer, aber niemals eines, das ich kannte. Auffällig nur, dass es in jedem dieser Räume einen großen Spiegel gab, in dem ich mich selbst nicht sehen konnte.
Anfangs ging ich noch vorsichtig und tastend durch die Räume, aber irgendwann, als mich die Panik wieder anfiel wie ein Tier, rannte ich nur noch hindurch - blind und orientierungslos. Schwer atmend setzte ich mich schließlich auf einen Stuhl in einer fremden Küche. Wie sollte ich jemals wieder aus diesem Labyrinth in meine Welt zurückfinden? Musste ich jetzt für alle Zeit in dieser Welt herumlaufen? Ich brüllte meine ganze Panik aus mir heraus. Natürlich half das kein Bisschen, aber ich fühlte mich für einen kleinen Moment besser.
Ich spürte, dass ich an dem Morgen noch nichts gefrühstückt hatte. Mein Magen knurrte verdächtig. Da ich in einer Küche saß, stand ich auf und öffnete den Kühlschrank. Irgendwie hatte ich damit gerechnet, dass es sich um eine Kulisse handelt, um einen gigantischen Fake, aber nein, der Kühlschrank funktionierte und war sogar recht gut gefüllt. Ich nahm mir Milch heraus und fand in den Schränken sogar Cornflakes und eine Schale.
Gesättigt fühlte ich mich zwar besser, aber an meiner Situation hatte sich nichts geändert. Ich schlenderte durch weitere Zimmer, Bäder, Küchen und betrat schließlich einen Raum, in dem Musik erklang. Nach der bisherigen Stille überall irritierte mich das. Ich blickte mich um und erstarrte, als ich jemanden auf einer Couch sitzen sah.
Mit untergeschlagenen Beinen saß dort eine dunkelhäutige junge Frau - vielleicht in meinem Alter. Minutenlang starrten wir uns nur stumm an. Schließlich deutete ich mit dem Finger zunächst auf sie, dann auf mich. »Du mich verstehen?«
Das Gesicht der Frau umwölkte sich kurz, dann setzte sie ein spöttisches Lächeln auf. »Du Tarzan?«
»Was?«
»Du kannst Dich mit mir ganz normal unterhalten, wollte ich damit sagen.«
Mir war es unsagbar peinlich, und man muss es mir angesehen haben. »Entschuldige, ich hab gedacht ...«
Sie nickte. »Ich weiß. Ein dunkelhäutiges Mädchen, das muss ja direkt aus dem Dschungel kommen.«
Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. »Ich wollte wirklich nicht ...«
Sie winkte ab. »Vergiss es, okay. Ich bin Melissa. Wie heißt Du?«
»Max. Lebst Du hier, Melissa?«
Sie rollte mit den Augen. »Was man so leben nennt, in diesem Spiegellabyrinth. Ich bin schon eine Weile hier. Wie lange, kann ich nicht sagen. Man verliert das Zeitgefühl.«
Ich war auf einmal aufgeregt. »Gibt es noch andere hier? Weißt Du, was das hier alles soll - und wie man hier wieder herausfindet?«
»Komm mal wieder runter. Wir sind vielleicht nicht die Einzigen hier, aber Du bist der Erste, dem ich begegne. Bist Du auch durch einen Spiegel gefallen?«
Ich nickte. »Genau so war es. Was weißt Du darüber, Melissa?«
»Vermutlich nicht viel mehr als Du. Sie haben halt ihren Spaß daran.«
»Sie?«
»Ja, sie. Die Schöpfer dieses Labyrinths. Jemand muss es geschaffen haben. Ich hab lange überlegt und bin zu der Überzeugung gelangt, dass wir die Mäuse in einem Labyrinth sind.«
»Und zu welchem Zweck?«
»Um uns zu testen? Zum Spaß? Woher soll ich das wissen? Vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass wir uns begegnet sind.«
Ich überlegte. »Du redest jetzt von Schicksal?«
Melissa lachte auf. »Ich rede von denen, Du schicksalhafte Erscheinung. Vielleicht wollen sie sehen, ob wir es gemeinsam schaffen, den Ausgang zu finden.«
»Wir brauchen einen Plan.«
Sie nickte. »Genau. Ich hab mir überlegt, dass man, wenn man konsequent immer die rechte von zwei Türen wählt, irgendwann alle Räume durchwandert haben muss.«
Ich dachte nach. »Ich hab vorhin schon Zimmer mit mehreren Türen gesehen.«
»Ja, das ist der Haken an meinem Plan. Das macht es komplizierter.«
»Wonach suchen wir eigentlich genau? Ich weiß ... den Ausgang. Aber würden wir ihn auch erkennen, wenn wir ihn gefunden haben?«
»Vermutlich ist es etwas Auffälliges. Es hätte doch sonst keinen Sinn, oder?«
Melissa hatte ich im ersten Moment völlig falsch eingeschätzt, und es tat mir noch immer leid. Sie war eine regelrechte Schönheit mit ihren schwarzen Haaren, dem knallroten T-Shirt und der engen Jeans. Das Shirt bildete einen tollen Kontrast zu ihrer dunklen Haut. Sie hatte einen äußerst wachen Verstand und ich hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, weil ich so saublöd auf sie zugegangen war.
»Wir wollen hoffen, dass es so ist«, sagte ich. »Versuchen wir es halt. Wir starten hier und wählen in jedem Raum die äußerste rechte Tür.«
Ich wandte mich schon zum Gehen, als Melissa mich rückrief. »Wir müssen ein Zeichen setzen, dass wir hier waren. Ich hab Filzschreiber gefunden.«
Sie schrieb eine große Null auf die Wand. »Jetzt können wir gehen. Am besten zählen wir die Räume durch, dann haben wir auch gleich eine Vorstellung davon, wie groß dieses Labyrinth ist.«
In den nächsten Stunden durchschritten wir zahlreiche Zimmer. Wir schrieben gerade die Zahl 276 an die Wand, als ich im Spiegel dieses Raumes eine Bewegung wahrnahm. Ich schaute genauer hin und erstarrte. Auf der anderen Seite des Spiegels stand Elaine, die ihre Haare richtete. Ihre Augen blickten unendlich traurig.
»Elaine!«, brüllte ich und schlug mit den Fäusten gegen den Spiegel. »Elaine! Hier bin ich! Ich bin Dir ganz nah!«
Melissa zog mich sanft vom Spiegel weg. »Sie kann Dich nicht hören. Dieser Spiegel ist kein Tor. Es ist nicht der perfekte Spiegel.«
Ich sah sie fragend an. »Perfekter Spiegel?«
»Ach, ich nenne ihn halt so. Den Spiegel, der mir den Zugang zu meiner Welt öffnet.«
»Und wo wäre das?«, fragte ich. »Von wo stammst Du?«
»Berlin. Eigentlich stamme ich aus Hannover, aber ich studiere in Berlin. Dort bin ich auch in den Spiegel gestürzt. Warum fragst Du?«
»Ich wohne in Essen und es geschah in meiner Wohnung. Das Labyrinth ist also vollkommen unabhängig von einer Ortsangabe. Es erstreckt sich wer-weiß-wohin.«
Melissa dachte nach. »Wer kann so etwas bauen? Oder sollte ich sagen: erschaffen? Das ist doch wissenschaftlich nicht zu erklären.«
»Das ist mir schon länger klar. Aber es ist mir auch gleichgültig. Ich will einfach nur nach Hause.«
Melissa deutete auf den Spiegel, in dem noch immer Elaine zu sehen war. »Deine Freundin? Schwester? Oder bist Du verheiratet?«
»Freundin. Wir wohnen seit ein paar Monaten zusammen. Warum?«
»Na ja, da wir nicht wissen, wie lange wir hier zusammen festsitzen, ist es ja nicht uninteressant, ob Du vergeben bist. Sollen wir weitergehen?«
»Und Du?«, fragte ich, während wir die nächsten Räume markierten. »Hast Du einen Freund?«
Sie schmunzelte. »Nein, im Moment nicht.«
Die Suche nach etwas Besonderem in den Zimmern, das Zählen, das Betrachten der Spiegel - es ermüdete uns sehr. Irgendwann beschlossen wir, abzubrechen und erst mal zu schlafen. Es gab immer wieder auch Schlafzimmer und so war es kein Problem, ein gutes Lager für die Nacht zu finden. Da wir es nicht wagten, uns zu trennen, einigten wir uns darauf, ein Doppelbett zu teilen.
Als Melissa sich müde neben mir unter ihrer Decke rekelte, war ich fast versucht, ihr einen Kuss zu geben, zuckte jedoch bei dem Gedanken zurück. Ich kam mir schäbig vor, nach nur einem Tag, den ich von Elaine getrennt war.
Am Morgen machten wir uns frisch und frühstückten in der nächsten verfügbaren Küche, bevor wir uns wieder auf den Weg machten. Inzwischen schrieben wir Zahlen an die Wände, die größer als 600 waren und es schien kein Ende zu nehmen.
Ich betrat gerade wieder eine Küche, als mir die Zahl 75 entgegenprangte, die in Melissas Schrift an der Wand stand. »Scheiße!«
Melissa kam angelaufen. »Was ist denn?«
Ich deutete auf die Zahl. »Der Kreis hat sich geschlossen, aber nicht so, wie wir das gehofft haben.«
Sie setzte sich. »Es war umsonst. Was machen wir jetzt?«
»Plan B? Wir nehmen einfach ab jetzt die linken Türen.«
Sie sah mich zweifelnd an. »Hältst Du das für eine gute Idee?«
»Alles andere wäre Schwachsinn. Wir würden sonst im Kreis laufen.«
Melissa zog ihre Stirn kraus, wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. »Du hast recht. Also los!«
In den folgenden Stunden malten wir wieder fleißig unsere Nummern an die Wände und fügte noch einen Hinweis hinzu, dass wir links abbiegen. Ich weiß nicht, wie lange wir schon wieder unterwegs waren, als Melissa plötzlich auf einen Spiegel deutete. »Max! Schau!«
Ich folgte ihrem Blick und wusste, was sie meinte: In dem Spiegel waren wir zwei zu sehen. In keinem der bisherigen Spiegel war das der Fall gewesen. Wir näherten uns und versuchten, zu erkennen, wo sich unsere Spiegelbilder befanden. Es war etwas Besonderes daran, ohne, dass ich sagen könnte, was mir aufgefallen war. Melissa war es, die es bemerkte. »Sie halten sich an den Händen. Sieh doch!«
Sie hatte recht. Max und Melissa hielten sich an den Händen. Noch während wir fassungslos zwischen uns und unseren Doppelgängern hin und her blickten, geschah etwas. Sie wandten sich plötzlich einander zu, nahmen sich in den Arm und küssten sich leidenschaftlich.
Verständnislos schauten wir uns an. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich.
»Das ist es!«, rief Melissa aus. »Das Zeichen, das wir gesucht haben.«
»Das soll ein Zeichen sein? Melissa, wir sind kein Paar!«
»Eben.« Sie wandte sich mir vollständig zu. »Los! Nimm mich in den Arm und küss mich!«
»Melissa ich ...«
»Nun mach schon! Oder findest Du mich so widerlich?«
Einen Versuch war es zumindest wert. Zögernd nahm ich sie in den Arm und spürte überrascht, wie gut es sich anfühlte. Ich küsste sie erst sanft, doch bald wurde es leidenschaftlicher. In diesem Moment gab es keine Elaine, sondern nur Melissa und mich. Die Welt begann sich zu drehen, und ich klammerte mich Halt suchend an Melissa, als schließlich alles um mich versank.

»Max? Ist alles in Ordnung?«
Ich verstand zunächst nicht, bis ich begriff, dass es Elaines Stimme war, die ich hörte. Ich schlug meine Augen auf und sah ihr besorgtes Gesicht über mir. Ihre langen Haare kitzelten mich im Gesicht. »Hast Du geträumt?«
Ich richtete mich ruckartig auf. Meine Haare klebten am Kopf und ich fühlte mich am ganzen Körper schweißnass. »Ich bin ... Ich war ... Es muss ein Albtraum gewesen sein. Ich fühle mich schrecklich.«
Elaine tupfte mir mit einem weichen Tuch die Stirn und küsste mich sanft. »Aber es ist alles in Ordnung, Schatz. Du liegst in Deinem Bett und ich bin bei Dir. Komm, rutsch zu mir rüber! Ich pass auf, dass Du jetzt ruhig schläfst.«
Ich seufzte dankbar und schmiegte mich in ihren Arm, wie sonst ich sie hielt. Meine Nerven beruhigten sich allmählich. Dieser Traum hatte mich total aufgewühlt. Es war so verdammt realistisch gewesen. All die Räume, die Spiegel und dann Melissa. So was konnte man doch nicht so ohne Weiteres träumen, oder? Die Müdigkeit übermannte mich und ich versank in einen tiefen Schlaf.
Am Morgen fand ich das Bett neben mir leer vor, als ich die Augen aufschlug. Aus der Küche erklang das Geklapper von Geschirr, also war Elaine bereits aufgestanden. Ich stand auf, um ihr beim Frühstück zu helfen. Als ich durch die Diele ging, blieb ich kurz vor dem großen Spiegel stehen. Nichts deutete darauf hin, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem beschloss ich, dass er verschwinden musste, auch wenn Elaine daran hing. Es würde sich noch ein passender Moment ergeben, es ihr zu sagen.
»Ah, Max!«, rief meine Freundin fröhlich, als sie mich sah. »Schon wach geworden? Ich wollte Dich nach dem Albtraum einfach ausschlafen lassen. Aber jetzt kannst Du mir auch Gesellschaft leisten. Ich werd gleich abgeholt.«
»Abgeholt?«
»Ja, ich muss heute nicht mit der Bahn fahren. Wir haben eine neue Praktikantin aus Berlin in der Firma, die für ein halbes Jahr bei uns arbeitet. Wir haben fast denselben Weg und sie hat ein Auto. Als sie erfuhr, wo ich wohne, bot sie gleich an, mich mitzunehmen. Das ist doch nett, oder?«
Ich nickte. »Ja, das ist wirklich nett von ihr. Aus Berlin, sagst Du?«
Es klingelte an der Tür.
»Ah, da ist sie schon. Kannst Du sie reinlassen? Ich bin nur noch kurz im Bad, bin aber sofort fertig.«
Ich betätigte den Türöffner und zwei Minuten später klopfte es an der Wohnungstür. Ich öffnete die Tür und erstarrte mitten in der Bewegung. Vor mir stand eine schlanke, dunkelhäutige Frau mit langen, schwarzen Haaren. Wir starrten uns sekundenlang stumm an.
»Willst Du meine Kollegin nicht hereinbitten?«, fragte Elaine aus dem Bad.
Stumm trat ich zur Seite und deutete der Frau, einzutreten.
Meine Freundin kam aus dem Bad und griff in der Diele nach ihrer Jacke. »Max, darf ich Dir Melissa vorstellen? Sie ist so nett, mich ab jetzt morgens mitzunehmen. Vielleicht sollten wir uns revanchieren und sie mal zum Essen zu uns einzuladen. Sie ist auch noch neu in der Stadt.«
»Ja, das sollten wir tun«, sagte ich verstört und konnte meinen Blick nicht von Melissa nehmen. Auch sie sah mich prüfend an, sagte aber nichts. Kannte sie mich nun, oder kannte sie mich nicht? Woher kannte ich sie? Hatte Elaine mir schon mal von ihr erzählt? Wie kam sie sonst in meinen Traum? So musste es gewesen sein.
»Wir müssen los«, sagte Elaine und küsste mich schnell auf den Mund.
Melissa lächelte mich an und zwinkerte mir zu, bevor sie meiner Freundin folgte und die Tür hinter sich zuzog.
Ich blieb mit vielen Fragezeichen zurück. Minutenlang starrte ich auf die Tür, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Dann wusste ich, was zu tun war.
Ich ging in mein Arbeitszimmer, wo mein Werkzeugkasten stand. Ich holte einen schweren Hammer heraus, wog ihn in der Hand und kehrte in die Diele zurück. Vor dem Spiegel blieb ich stehen. Es war, als wollte er mich von meinem Entschluss abbringen. Ich starrte in das Gesicht, das mir daraus entgegenblickte. War ich verrückt? Spielte mir mein Verstand einen Streich? Beinah hätte ich den Hammer zurückgebracht, als ich sah, dass die Gestalt im Spiegel leicht den Kopf schüttelte. Ich hatte aber nicht meinen Kopf geschüttelt.
Mit einem Aufschrei hob ich den Hammer und schlug zu. Der Spiegel zersprang in Tausend Teile und das Glas verteilte sich über den gesamten Boden. Es war mir gleich. Immer wieder hob ich den Hammer, bis auch der Rahmen nicht mehr zu gebrauchen war. Erst dann fühlte ich mich besser und hatte das Gefühl, mich von dem Albtraum befreit zu haben.
Ich würde Elaine einiges zu erklären haben, wenn sie nach Hause kam. Ich hoffte, sie würde es verstehen. Aber aufräumen musste ich auf jeden Fall. Ich ging ins Bad, wo Handfeger und Dreckschaufel aufbewahrt wurden.
Als ich das Licht im Bad einschaltete, entfuhr mir ein Schrei.
An der Wand über der Badewanne prangte die Zahl 622 in Melissas Handschrift.

Die Zeitreisenden (Scifi-Kurzroman)

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Die Zeitreisenden

1.1    Die Ankunft

»Was hältst Du von den beiden?«, fragte Sheriff Wayne Dunn seinen Deputy. Lawrance Cole sah durch die Scheibe zu dem Pärchen hinüber, dass sie splitternackt am Coyote Run am Ortsrand von Thedford aufgegriffen hatten.
»Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir die Behörden in Omaha informieren.«
Dunn lachte humorlos. »Um denen zu demonstrieren, dass wir die Sache hier nicht im Griff haben? Was sollte ich denen auch sagen? Dass wir ein nacktes Pärchen an einer Durchgangsstraße aufgegriffen haben, ohne Papiere und nur mit einem kleinen Beutel voller rätselhafter Gegenstände?«
Cole deutete mit dem Kopf zu ihren Gefangenen, die stumm nebeneinander im Verhörraum saßen und sich nicht ansahen. »Sie sind merkwürdig, oder? Sehen aus, als wären sie einem Modemagazin entsprungen. Sie wirken weder wie Exhibitionisten, noch wie irgendwelche Verbrecher.«
»Bisher ergab der Abgleich mit den Fahndungslisten auch keine Ergebnisse. Aber was soll’s? Wir werden schon etwas aus ihnen herausbekommen.« Er erhob sich. »Kommst Du mit rein, oder schaust Du lieber von hier aus zu?«
Cole nippte an seinem Kaffee. »Lass mich mal hier sitzen. Ich kann Dich später ablösen, wenn sie weiter so schweigsam sind.«
Dunn nickte und öffnete seufzend die Tür zum Nebenraum. Der Mann trug nun Hemd und Hose, die sie ihm gegeben hatten, um ihre Blößen zu bedecken, die Frau trug ein langes Hemd, das sie in der Taille mit einer Kordel zusammengebunden hatte und wie ein kurzes Kleid wirkte. Ihre langen, weißblonden Haare trug sie offen, wie einen dichten Vorhang um die Schultern, bis auf den Rücken.
»Haben Sie es sich überlegt?«, fragte er. »Wir haben eine Menge Zeit, wenn Sie sich weiterhin weigern, uns zu erzählen, wer Sie sind. Wollen Sie vielleicht einen Kaffee oder ein Wasser?«
Sie antworteten nicht.
»Nein? Mir soll es recht sein. Also: Wie sind Sie zu der Straße gekommen, an der wir Sie gefunden haben? Wo ist Ihr Fahrzeug? Wo Ihre Kleidung? Hat Sie jemand dort abgesetzt?«
Der Mann bewegte sich plötzlich. »Mein Name ist Brungk. Meine Begleiterin heißt Sequel. Wir wollten nicht unhöflich sein, mussten jedoch zunächst Ihre Sprache erlernen. Die Analyse ist abgeschlossen. Wir können kommunizieren.«
Dunn öffnete seinen Mund, schloss ihn aber sogleich wieder. Einen Moment sah er verständnislos zwischen den beiden hin und her. »Sagen Sie, wollen Sie mich verarschen? Sie wollen mir erzählen, sie hätten unsere Sprache vorhin noch nicht verstanden, und jetzt reden Sie, als hätten Sie nie etwas anderes getan?«
»So ist es. Bei uns wird höchstens verbal kommuniziert, wenn es sich nicht vermeiden lässt, aber wir können es, wenn wir es gelernt haben. Ich danke Ihnen für Ihre vielen verbalen Vorlagen, die Sie uns mit Ihrem Kollegen gegeben haben.«
Er hob seine Hände. »Hat es einen Grund, warum man uns diese Handfesseln angelegt hat?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Zurück zum Thema. Sie sind also Brungk. Und weiter?«
»Wie? Ich heiße Brungk. Nur Brungk.«
»Und ich heiße nur Sequel«, sprach die Frau mit klarer, wohlklingender Stimme. »Aber wir sind nicht hier, um über Dinge zu sprechen, die Sie nicht verstehen. Wir sind Forscher.«
»Forscher«, sagte Dunn skeptisch. »Haben Sie kürzlich mal in den Spiegel geschaut? Sie sind doch höchstens Mitte zwanzig und sehen aus, wie aus einem Modemagazin. Was können Sie schon erforschen?«
»Lassen Sie sich nicht von unserem Äußeren täuschen. Wir sind sicher älter als Sie vermuten, und wurden lange auf unsere Mission vorbereitet. Wir würden es begrüßen, wenn Sie uns helfen, einen bestimmten Ort zu finden.«
Dunn zog seine Brauen hoch. »Einen bestimmten Ort? Genauer geht’s wohl nicht? Sonst haben Sie keine Probleme? Ich werd Ihnen jetzt mal was sagen: Solange Sie solche Spielchen mit mir spielen, werden Sie nirgendwo hinkommen, Mr Brungk.«
»Einfach nur Brungk.«
Dunn schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hören Sie endlich auf, mich zu veralbern!«
»Wir machen uns nicht über Sie lustig«, sagte Sequel. »Wir verstehen nur nicht, wieso es für Sie wichtig ist, unsere Identität zu kennen. Wir kannten uns vor unserem Erscheinen nicht und werden uns sicher nicht mehr wiedersehen, nachdem wir unsere Mission fortgesetzt haben.«
»Sie beide kosten mich den letzten Nerv, wissen Sie das? Sie sind verpflichtet, sich jederzeit, zumindest mit Ihrem Führerschein, ausweisen zu können. Ich bin berechtigt, Sie hier festzuhalten, bis wir diesen Punkt geklärt haben. Es liegt also an Ihnen, ob Sie mit uns zusammenarbeiten, oder unsere Arbeit behindern.«
Die beiden Fremden sahen Dunn nur an und schwiegen. Dunn trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. »Na gut. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Ihre Fingerabdrücke überprüft haben. Was denken Sie, was wir dann über Sie erfahren? Wenn Sie etwas zu sagen haben, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.«
Es klopfte an der Tür und Cole steckte seinen Kopf herein. »Wayne? Kannst Du mal kurz rauskommen?«
Dunn erhob sich und ließ seine Gefangenen allein im Verhörraum zurück. »Was gibt es denn?«
Cole hielt ihm einige Papiere entgegen. »Die Ergebnisse aus Omaha sind da. Sie werden Dir nicht gefallen.«
Dunn griff sie und studierte sie. »Das gibt’s doch überhaupt nicht. Das muss ein Irrtum sein.«
»Ich hab eben noch mit dem FBI telefoniert. Sie bestehen darauf.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Keine zwei Menschen auf der Erde haben exakt dieselben Fingerabdrücke. Nicht einmal bei Zwillingen gibt es das, und diese Zwei dort drinnen sind ganz sicher keine Zwillinge.«
Cole zuckte die Achseln. »Was willst Du jetzt von mir hören? Du erwartest doch nicht, dass ich Dir sagen kann, was hier los ist? Aber bist Du Dir sicher, dass wir sie tatsächlich festhalten können? Allein die Tatsache, dass wir nichts über sie wissen, macht sie nicht gleich zu Verbrechern.«
»Das weiß ich selbst! Trotzdem hab ich das Gefühl, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Sie können doch nicht von Himmel gefallen sein. Niemand hat sie kommen sehen und plötzlich stehen sie nackt an der Straße. Keine Papiere, kein Geld, nichts. Das gibt es doch nicht. Ich will wissen, was da los ist.«
»Dann wünsch ich Dir viel Spaß«, sagte Cole grinsend. »Ich würd sie laufen lassen und mich entspannt zurücklehnen und sie vergessen.«
Dunn brummte etwas und öffnete die Tür zum Verhörraum. Brungk und Sequel saßen noch so da, wie sie gesessen hatten, als er den Raum verlassen hatte. Er setzte sich den beiden gegenüber und legte betont ruhig seine Hände auf die Tischplatte.
»Die Auswertung Ihrer Fingerabdrücke liegt vor, und Sie können sich vermutlich denken, dass ich jetzt erst recht weitere Fragen an Sie habe.«
Sequel warf ihre langen, weißblonden Haare zurück und sah ihn irritiert an. »Und aus welchem Grund?«
»Weil Sie beide exakt identische Fingerabdrücke besitzen. Keine zwei Menschen auf diesem Planeten haben dieselben Fingerabdrücke. Erklären Sie mir, warum das bei Ihnen anders ist.«
»Ich denke, Sie gehen von falschen Prämissen aus. Sagen wir einfach, wir sind nicht hier aus der Gegend. Wo wir herkommen, sind identische Fingersignaturen ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Wir wurden als biologisches Konzept geschaffen, weil unsere Forschung uns lange Zeit von unseren Bezugsgruppen trennen wird, und ein Paar als kleinstes Konzept die größte Wahrscheinlichkeit auf Erfolg verspricht.«
Sheriff Dunn sah sie an, als wäre sie ein Geist. »Was zum Henker erzählen Sie mir da? Das ist doch alles Bullshit! Ich will endlich wissen, woher Sie kommen und was Sie vorhaben.«
Sequel sah Brungk an, und Dunn war sicher, dass sie so etwas wie einen nonverbalen Dialog führten. Schließlich nickte Brungk und Sequel wandte sich ihm wieder zu. »Wir sind bereit, Ihnen alles zu erzählen, auch wenn wir glauben, dass Sie es nicht verstehen oder zumindest nicht glauben werden.«
Dunn lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Sie können es ja mal versuchen.«
»Wir haben einen weiten Weg hinter uns. Wir sind Menschen, stammen jedoch nicht von dieser Welt, die Ihr Erde nennt. Unsere Geburtswelt trägt den Namen Lorana und ist viele Lichtjahre von hier entfernt. Ich könnte Ihnen die genaue Position nennen, aber ich fürchte, das würde Ihnen nicht viel sagen. Unsere Heimat ist nicht nur weit von hier entfernt, sie liegt auch in einer Zeit, die aus Ihrer Sicht in einer weit entfernten Zukunft liegt. Wir können Ihnen leider nicht genau sagen, wie viele Ihrer Jahre das sind, da die Zeitrechnungen im Laufe der Zeitalter oft gewechselt wurden.«
Sheriff Dunn starrte sie mit offenem Mund an. »Sagen Sie, wollen Sie mich testen? Erscheint hier gleich ein Kamerateam von Kanal 9 und ich werde vor Millionen Zuschauern als Depp der Nation vorgestellt?«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
»Na hören Sie! Sie tischen mir eine so verrückte Geschichte auf und verlangen, dass ich Ihnen das abnehme? Aber okay, ich spiele Ihr Spiel mal eine Weile mit. Sie kommen also von einem weit entfernten Planeten und aus einer Zeit, die viele Jahre in der Zukunft liegt. Hab ich das so weit richtig verstanden?«
»So ist es.«
»Dann sind Sie so etwas wie Aliens?«
Sequel überlegte einen Moment. »Wenn Sie damit meinen, dass wir eine fremde Lebensform darstellen, ist das falsch. Wir sind Menschen wie Sie ... oder besser: ähnlich wie Sie.«
»Und was macht den Unterschied aus?«, fragte Dunn, inzwischen gelangweilt.
»Sie stellen die archaische Form des Menschen unserer frühen Vorfahren dar. Wir besitzen ein optimiertes genetisches Gerüst und sicher einige Fähigkeiten, über die Sie nicht verfügen. Allerdings sind wir von der Reise noch etwas geschwächt und können das Potenzial nicht voll ausschöpfen. Das ist auch der Grund, aus dem wir Ihre Hilfe benötigen.«
Dunn nickte. »Das können Sie laut sagen. Sie brauchen verdammt Hilfe, wenn Sie von dem überzeugt sind, was Sie erzählen. Fangen wir noch einmal dort an, wo sie nackt an der Straße gestanden haben. Wieso überhaupt nackt, und wo ist Ihre Kleidung geblieben? Sie sind doch sicher nicht völlig nackt gestartet, von wo Sie gekommen sind.«
Sequel lächelte zum ersten Mal. »Oh doch. Es ist zu gefährlich, körperfremde Dinge mit in das Zeitfeld zu nehmen. Wir mussten so kommen, wie wir geschaffen wurden.«
»Zeitfeld. Klar. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Scottie hat Sie also quasi nackt durch die Zeit in unsere Welt gebeamt, und schon stehen Sie entspannt an unserer Durchgangsstraße.«
»Wer ist Scottie?«
Dunn winkte ab. »Ich geb ’s auf. Sie ziehen das Ding wirklich durch bis zum Schluss, was? Aber mal im Ernst: Sie hatten Ihren Spaß. Gegen Sie liegt im Grunde nichts vor. Ich hab nur ein Problem damit, dass Ihre Fingerabdrücke identisch sind. Dafür muss es doch einen nachvollziehbaren Grund geben. Wie macht man so was? Und warum?«
»Hab ich doch erklärt: ein Zeichen für Zusammengehörigkeit. Brungk und ich wurden als Paar geschickt. Wir sind vollständig kompatibel und fungieren als Einheit. Nur wir können untereinander in Gedanken miteinander sprechen und unseren Geist miteinander verschmelzen.«
Der Sheriff schüttelte den Kopf. »Mir wird das allmählich zu bunt. Aber wenn Sie sich schon so ein vollständiges Szenario ausgedacht haben, können Sie mir ja sicher erklären, wie man so einfach durch die Zeit hierher geschickt werden kann, oder?«
Er sah die beiden auffordernd an.
Sequel nickte ihrem Partner zu, der das Wort ergriff: »Wir haben nicht gesagt, dass es einfach war. Im Gegenteil. Es hat uns Jahre gekostet, diese Welt so genau zu treffen. Viele vor uns sind bei dem Versuch gestorben. Sie haben völlig falsche Vorstellungen davon, wie eine Zeitreise funktioniert. Sie stellen sich vor, wir hätten an einer identischen Stelle in der Zukunft gestanden und wären nur zurückgereist. Im weitesten Sinne ist das sogar korrekt, weil eine Reise durch die Zeit eben nicht gleichzeitig auch eine Reise durch den Raum darstellt. Sie ahnen nicht, wie viel Bewegung in jedem einzelnen Staubkorn dieses Planeten steckt. Er dreht sich um sich selbst, umkreist seine Sonne, die wiederum das galaktische Zentrum umkreist. Die Galaxis steht auch nicht still, sondern ist Bestandteil einer lokalen Gruppe von Galaxien, die in ihrer Gesamtheit um einen Superhaufen von über 2000 Galaxien rotiert. Können Sie sich vorstellen, welche Rechenleistung erforderlich ist, herauszufinden, an welcher Position Ihr Planet rund zwei Millionen Jahre vor unserer ursprünglichen Gegenwart gestanden hat? Uns reichte dabei keine grobe Schätzung, sondern wir brauchten das Ziel bis auf wenige Zentimeter genau, sonst wären wir entweder im All oder mitten im Planeten herausgekommen. Wir fürchten, dass es einigen unserer Vorgänger so ergangen ist, denn wir erhielten nie eine Nachricht von ihnen.«
Dunn lachte leise. »Sie wollen also zwei Millionen Jahre aus der Zukunft kommen? Willkommen in Thedford, dem Treffpunkt der Zeitalter. Was wollen Sie trinken?«
»Was wir trinken wollen?«
»Leute, das nennen wir archaischen Alten Ironie. Vermutlich kennt man das in zwei Millionen Jahren nicht mehr.«
»Sie glauben uns noch immer nicht.«
»Und das wundert Sie? Ihre Geschichte wird von Mal zu Mal haarsträubender. Es fällt mir zunehmend schwerer, sie ernst zu nehmen. Vielleicht sollte sich ein Psychologe mit Ihnen befassen, denn ganz normal kommen Sie mir nicht vor.«
»Ihre Sorge ist unbegründet, Sheriff Dunn. Wir sind im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte und bald werden wir auch stark genug sein, uns zu verschmelzen. Wenn das der Fall ist, werden wir Ihre Hilfe nicht mehr benötigen und Sie auch nicht länger in Anspruch nehmen.«
Sequel lächelte und streifte wie beiläufig ihre Handfessel ab. Ruhig legte sie die offenen Handschellen vor Dunn auf den Tisch. »Eine interessante, mechanische Spielerei, diese Handfesseln. Sie wurden unbequem. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich sie ablege?«
»Zum Kuckuck ...!« Dunn fielen fast die Augen aus den Höhlen. »Wie haben Sie das angestellt?«
»Es war doch nur ein mechanischer Verschluss. Wir spüren, dass Sie sich in unserer Anwesenheit unwohl fühlen. Das müssen Sie nicht. Wir sind nicht gekommen, um jemandem etwas zuleide zu tun. Im Gegenteil. Wir sind nur hier, weil es auf Ihrer Welt und ihn Ihrem Zeitalter, historischen Unterlagen zufolge, etwas geben muss, dass wir dringend finden und von hier wegschaffen müssen. Es ist wichtig.«
»Sie kommen also aus der fernsten Zukunft zu uns, weil wir etwas besitzen, das Sie unbedingt benötigen? Dass ich nicht lache!«
Sequel lächelte süffisant. »Halten Sie mich bitte nicht für arrogant, aber es hat vermutlich wenig Zweck, Sie weiter in unsere Aufgaben einzuweihen. Es würde uns jedoch helfen, wenn Sie uns verraten, welches Jahr wir haben und nach welcher Zeitrechnung es gezählt wurde.«
»Bitte was?«, fragte Dunn verblüfft. »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Sie wirken auf mich wie zwei äußerst wache Menschen. Und Sie wollen nicht wissen, welches Datum wir haben?«
»Bitte«, sagte Sequel, die inzwischen das Reden der beiden vollständig übernommen hatte. »Sie würden mir damit wirklich helfen. Wir haben einen sehr weiten Weg hinter uns und da kommt es durchaus zu gewissen Unschärfen. Wir hatten gewaltiges Glück, im richtigen Moment die Oberfläche des Planeten zu treffen. Daher vermute ich, dass wir noch im Plan sind. Wir wissen es aber nicht genau. Also?«
Der Sheriff presste seine Lippen zusammen. »Von mir aus. Wir haben den 17. März 2015.«
Die beiden blickten sich kurz an, sagten jedoch nichts. Dunn vermutete, dass sie wieder in Gedanken miteinander sprachen.
»Gut 2015. Und nach welcher Zeitrechnung? Was war vor 2015 Jahren?«
»Na, Christi Geburt. Was sonst?«
Sequels Lächeln wurde breiter. »Das hatten wir gehofft. Die Zeit stimmt, der Planet auch - jetzt müssen wir es nur noch finden.«
»Was finden? Worum geht es überhaupt?«
»Besser, Sie wissen es nicht.«
Dunn schlug mit beiden Händen auf den Tisch und erhob sich. »Ich hab jetzt endgültig die Schnauze voll von Ihnen beiden. Ich kann es auf den Tod hassen, wenn man mich nicht für voll nimmt und mich zu veralbern versucht. Ich lasse Sie jetzt eine Weile allein. Sie können sich ja dann überlegen, ob Sie mir nicht noch etwas zu erzählen haben.«
Er verließ den Verhörraum und schlug die Tür lautstark hinter sich zu. Draußen atmete er ein paar Mal tief durch und sah seinen Deputy an, der die ganze Zeit über hinter der einseitig durchsichtigen Scheibe gesessen und dem Gespräch im Verhörraum zugehört hatte.
»Und was jetzt?«, fragte Cole.
»Ich halte diese Idioten fest, bis ich sie weich gekocht habe. Die spielen ein Spiel mit mir, und so was kann ich nicht leiden.«
»Rein rechtlich können wir das nicht, Chef. Abgesehen davon, dass wir sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses dranbekommen können, haben wir nichts in der Hand. Sie sind nicht verpflichtet, Papiere mitzuführen.«
»Weiß ich selbst. Ich versteh auch nicht, wieso die mir so einen Schwachsinn auftischen müssen. Aber da ist immer noch die Frage, wieso sie identische Fingerabdrücke haben. Haben sie womöglich sogar die Wahrheit gesagt?«
Cole lachte leise. »Chef, die werden Sie doch nicht mit diesen Räuberpistolen überzeugt haben?«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll. Sie machen in ihrer Geschichte einfach keine Fehler. Entweder ist sie einfach nur gut durchdacht und konsequent erzählt, oder es ist so, wie sie behaupten.«
»Wayne, ich hab Dein Gespräch von hier aus mitverfolgt. Diese Sequel ist sicher eine äußerst heiße Frau, aber lass Dich von der doch nicht einwickeln. Ich hab auch keine Ahnung, welche Ziele die beiden verfolgen, aber ich hab nicht das Gefühl, sie würden mit offenen Karten spielen.«
»Vielleicht sollten wir uns Unterstützung aus Omaha holen.«
»Damit uns die gesamte Polizei des Staates auslacht?«
Dunn blickte durch die Scheibe, wo die beiden sich nun gegenübersaßen und ihre Köpfe mit ihren Stirnen aneinanderdrückten. »Hey, was machen die den jetzt?«
Er sprang auf und öffnete die Tür zum Verhörraum. »Was tun Sie da?«
Sequel und Brungk reagierten nicht, worauf Dunn zu ihnen trat, um sie voneinander zu trennen.
Als er sie berührte, erschien es ihm, als stürze er in ein tiefes, dunkles Loch. Die Welt um ihn versank und nur noch Dunkelheit umgab ihn. Das Gefühl des Fallens war unangenehm, und in seiner Vorstellung ruderte mit Armen und Beinen, um Halt zu finden. Sein Gefühl für Zeit und Raum ging verloren und er hatte keine Vorstellung, wie lange es dauerte, als er plötzlich die Gegenwart von zwei Persönlichkeiten wahrnahm.
»Hallo?«, rief er. »Ist da jemand?«
»Entspann Dich«, ertönte es direkt in seinem Geist. »Es ist gleich vorbei.«
Im nächsten Moment befand er sich in einem fensterlosen Zimmer, dessen Decke und Wände Licht ausstrahlten. Er saß in einem bequemen Sessel und ihm gegenüber saßen Sequel und Brungk - jeder in einem ähnlichen Sessel wie er. Sie lächelten ihm zu. Sequel beugte sich etwas nach vorn. »Wir haben unsere vollen geistigen Kräfte inzwischen zurückerlangt. Da es uns nicht gelungen ist, Dich mit Worten zu überzeugen, haben wir uns entschlossen, Dich für einen Moment in unseren geistigen Zusammenschluss einzuladen. Es ist vielleicht einfacher, Dich zu überzeugen, dass wir die sind, die wir zu sein vorgeben.« Sie sah ihn prüfend an. »Alles in Ordnung?«
»Ob alles in Ordnung ist?«, fragte Dunn schrill. Hektisch blickte er sich um. Er verstand nicht, was soeben mit ihm geschehen war. »Überhaupt nichts ist in Ordnung. Was habt ihr mit mir angestellt? Ich will sofort zurück in den Verhörraum! Sofort!«
»Beruhige dich«, sagte Sequel sanft. »Dir wird nichts geschehen. Wir haben uns lediglich entschlossen, dir zu zeigen, dass du es nicht mit zwei Verrückten zu tun hast. Wir hatten nämlich den Eindruck, dass du uns kein Wort von dem glaubst, das wir dir erzählt haben.«
Dunn schnappte nach Luft. Er hatte sich immer für einen Menschen gehalten, den nichts leicht erschüttern konnte, doch jetzt spürte er aufkeimende Panik, wie er es noch nie erlebt hatte. »Wer zum Henker seid ihr? Was wollt ihr von mir?«
Seine Augen wanderten hektisch durch den Raum. Er suchte krampfhaft nach einer Fluchtmöglichkeit. Als hätte Sequel seine Gedanken gelesen, sagte sie: »Du brauchst nicht vor uns zu fliehen. Deine Angst ist unbegründet. Wir haben diesen Raum eigens geschaffen, um uns mit dir ungestört unterhalten zu können. Natürlich hätten wir es auch in der realen Umgebung tun können, doch - wenn wir ehrlich sind - hat uns dein Kollege Cole hinter der Spiegelwand irritiert. Hier sind wir ungestört.«
»Verdammt, ihr habt mich nicht gefragt! Das ist eine Entführung! Was denkt ihr eigentlich? Dass ihr mich einfach in einen Scheiß Kerker schaffen müsst, um mich weich zu kochen? Ich kann euch versichern, dass ihr gehörigen Ärger bekommt, wenn ich hier rauskomme!«
»Wir können dich verstehen«, warf Brungk ein. »Du bist gegen deinen Willen durch uns hierher transportiert worden. Es ist jedoch weder ein Kerker noch haben wir vor, dich zu irgendetwas zu zwingen. Wir möchten dir nur unsere Mission erklären und hoffen, dass du anschließend verstehst, wer oder was wir sind. Ich gebe allerdings zu, dass wir und davon auch erhoffen, dass du uns hilfst. Aber das wird am Ende deine Entscheidung sein - nicht unsere. Begreifst du nun, dass wir dir nicht schaden wollen?«
Dunns erste Panik begann sich zu legen und sein Atem beruhigte sich etwas. »Ihr betont das zwar immer wieder, aber es übersteigt meinen Verstand. Es erklärt auch noch immer nicht, wer oder was ihr seid.«
Sequel beugte sich vor und berührte ihn sanft an der Hand. Dunn wollte sie erst zurückziehen, entschied sich dann jedoch dagegen. Es war wie ein leichter elektrischer Schlag, als sie seine Hand berührte, und was auch immer sie tat, es führte dazu, dass er sich entspannte.
»Ist jetzt alles in Ordnung? Bist du jetzt bereit, uns zuzuhören?«
Dunn nickte. »Ich weiß zwar nicht, was hier gerade abgeht, aber ja, ich bin in Ordnung.«
»Gut. Brungk und ich sind speziell für diesen Auftrag konfigurierte Menschen. Die Umweltbedingungen in unserer Heimat sind etwas anders als hier auf der Erde. Wir wurden geschickt, weil es auf der Erde etwas gibt, das so gefährlich ist, dass es den Fortbestand der menschlichen Rasse, des Planeten und vielleicht sogar des gesamten Sonnensystems gefährden könnte.«
»Bitte was? Du willst mich verscheißern, oder? Ihr kommt daher und wollt mir erzählen, dass das Ende der Welt bevorsteht und ihr das mal eben verhindern wollt? Hab ich das richtig verstanden? Seid ihr sowas wie Sekten-Heinis, die immer wieder mal den Weltuntergang prophezeien? Ich sag dir gleich: Ich glaub nicht an solchen Quatsch!«
»Ich weiß nicht, was eine Sekte ist, aber ich kann dir versichern, dass es mit einer Prophezeiung nicht das Geringste zu tun hat. Die Gefahr ist real und tödlich. Es gibt auf der Erde einen Mechanismus, der dafür geschaffen wurde, die Menschen, die Erde und zuletzt das komplette Sonnensystem zu zerstören. Er stammt aus der Zukunft und durchzieht die Zeitalter, bis zur Entstehung des Menschen. Wir wurden ausgeschickt, diesen Mechanismus zu finden und unschädlich zu machen.«
Dunn lief es eiskalt den Rücken hinunter. »Ihr wollt mich wirklich nicht verarschen? Es gibt tatsächlich so ein Ding auf der Erde?«
Sequel und Brungk blickten ihn ernst an. »Ja.«
Dunn schluckte. Sein Rachen fühlte sich an wie zugeschnürt. Seine Stimme klang heiser, als er fragte: »Wie viel Zeit haben wir noch?«
»Das kann man so einfach nicht sagen. Wenn wir versagen, mag es noch einige Planetenjahre dauern, bis es geschieht - es kann aber auch deutlich schneller gehen. Die Menschen würden davon nichts spüren. Es würde sie nur auf einmal nicht mehr gegeben haben. Eure Welt - und letztlich natürlich auch unsere Welt - würde es in dieser Form nie gegeben haben. Wir wären aus der Geschichte getilgt.«
Dunn brach der Schweiß aus. Er spürte, wie eiskalte Angst Besitz von ihm ergriff. Es war schwer zu glauben, was ihm die beiden erzählten, doch die Umstände ihres Gesprächs verlieh dem Ganzen eine irrationale Glaubwürdigkeit.
»Und Ihr sucht dieses - was immer es auch ist - und verschwindet damit wieder in Eure eigene Zeit?«
Sequel schüttelte den Kopf. »Das wird nicht gehen. Die erforderliche Technologie steht hier nicht zur Verfügung. Wir werden hierbleiben müssen und uns an die Menschen dieser Zeit anpassen.«
»Was ist es überhaupt, was Ihr sucht? Was kann so gefährlich sein, dass es unser Sonnensystem gefährden kann?«
»Was sagt Dir der Begriff ’Singularität'?«
Dunn machte ein fragendes Gesicht. »Nichts.«
Sequel nickte. »Das dachte ich mir. Weißt Du, die Menschheit ist nicht allein dort draußen im Kosmos. Es gibt noch eine Reihe anderer Intelligenzwesen, und nicht alle sind dem Menschen wohlgesonnen. Wir hatten Dir gesagt, dass wir aus einer weit entfernten Zukunft stammen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die Menschheit und auch die anderen Rassen sich in dieser Zeit enorm weiterentwickelt haben - geistig, wie auch technisch. Der größte Feind des Menschen ist eine mächtige, insektoide Rasse mit gewaltigem technischen Wissen. Sie nennen sich Skrii, und sie setzen alles daran, die Menschheit aus dem Universum zu tilgen. Rein militärisch sind sie nicht in der Lage, uns endgültig zu besiegen, aber wir konnten erfahren, dass es Kriegern der Skrii gelungen sein soll, auf dem Mutterplaneten der Menschheit einen Mechanismus auszusetzen, der sich in winzigsten Schritten rückwärts durch die Zeit frisst. Das soll so lange weitergehen, bis die menschliche Rasse im Entstehen begriffen ist.«
»Und dann?«, fragte Dunn.
»Dann wird die Singularität im Innern des Mechanismus freigesetzt. Das bedeutet, dass von diesem Moment an die Materie des Planeten allmählich in diese Singularität stürzt und sie mit Masse anreichert. Irgendwann bildet sie einen Ereignishorizont und wird zum Schwarzen Loch. Ist das einmal geschehen, wird seine Masse Einfluss auf das gesamte System nehmen. Es wird zu Kollisionen kommen, weitere Masse wird hinzukommen und schließlich wird die Sonne selbst darin verschwinden. Vermutlich wird das zu einer Nova, vielleicht sogar zu einer Supernova führen. Die Menschheit wird nie entstanden sein. Wir würden aus der Geschichte des Universums getilgt. Das wollen wir verhindern. Wir werden zur Stelle sein, wenn der Mechanismus diese Zeit passiert, und ihn unschädlich machen.« Sie machte eine kurze Pause und sah Dunn prüfend an. »Ist das etwas viel für Dich?«
Dunn schluckte. »Wenn ich ehrlich bin ... ja. Verdammt ich bin ein kleiner Sheriff in einem kleinen Nest, und Ihr erzählt mir Dinge über eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Wie die Dinge liegen, ist es Euch auch verdammt ernst damit. Könnt Ihr denn dieses Singular-Ding unschädlich machen? Geht das so einfach?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Absolut nicht. Zunächst müssen wir das Gerät finden und seine Wanderung durch die Zeit stoppen. Zumindest das sollte für uns kein Problem darstellen.«
Dunn presste seine Fäuste gegen seine Schläfen. »Aber das ist doch alles Bullshit! Habt Ihr mir nicht im Verhörraum erzählt, dass Ihr einen Punkt irgendwo im All finden musstet, an dem unsere Erde am Endpunkt Eurer Zeitreise einmal gestanden hatte? Wenn das so kompliziert ist, wieso kann dann so eine Maschine einfach auf der Erde bleiben und in die Vergangenheit reisen? Da stimmt doch etwas nicht.«
Sequel nickte anerkennend. »Du beginnst, in den richtigen Bahnen zu denken. Es stimmt, das klingt unlogisch. Es sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Dinge. Während wir in einem Zug durch die Zeit hierher gereist sind, wurde die Waffe der Skrii schon in der Zukunft auf der Erde deponiert. Sie gleitet von dort quasi in winzigsten Schritten durch den Zeitstrom in die Vergangenheit zurück. Dabei kann sie den Kontakt zum Planeten ständig neu justieren. Wir haben leider erst spät davon erfahren, was die Insektoiden getan haben und viel Zeit haben wir dabei verloren, zu errechnen, wie wir die Waffe noch aufhalten können.«
»Also jetzt mal ehrlich«, sagte Dunn. »Ihr könnt mich ja für einen ungebildeten Halbwilden halten, aber ist nicht bereits die Tatsache, dass wir uns hier unterhalten, in diesem ... ja was ist das hier eigentlich? ... ein Indiz dafür, dass der Plan dieser Fremden misslungen sein muss? Hätte er funktioniert, würde es weder Euch noch mich geben, oder?«
»Grundsätzlich folgerichtig gedacht«, stimmte Sequel zu. »Wenn man berücksichtigt, dass die Menschen dieser Epoche noch glaubten, Zeit verlaufe linear. Eine Katastrophe, von der ich nichts weiß, kann in der Vergangenheit nicht stattgefunden haben. Leider verhält es sich etwas anders. Zeit ist ein kompliziertes Gespinst von Möglichkeiten. Welchen Weg sie nimmt, hängt oft von Verkettungen winzigster Faktoren ab. Ich weiß, es ist nicht leicht, das zu verstehen, aber du musst dir vorstellen, dass jedes System seine eigene Zeit mitbringt, die zunächst einmal unabhängig von anderen existiert. So gibt es die Zeit der Erde, die einen komplizierten Weg von ihrer Entstehung über den heutigen Tag bis zu einer fernen Zukunft nimmt. Dann ist da diese Waffe der Skrii, die sich rückwärts durch den Zeitstrom der Erde ihren Weg zur Entstehung des Menschen sucht. Diese Waffe besitzt ihre eigene Zeit und sie verläuft nicht rückwärts, sondern vorwärts. Mit anderen Worten: Sie wird auf ihrem Weg rückwärts durch die Zeit der Erde älter. Solange sie ihr Ziel nicht erreicht hat, wird sie nicht aktiv werden, und erst, wenn das geschieht, beeinflusst sie den Zeitstrom der Erde.«
Sie blickte Dunn forschend an. »Kannst du mir folgen?«
Dunn nickte und schüttelte dann den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.«
»Dann begreife einfach, dass wir diese Waffe finden und aufhalten müssen. Wir können sie aufspüren, sobald wir in ihrer Nähe sind. Leider haben wir nur einige Hinweise, wo wir suchen müssen. Wir sind gut ausgebildet, aber unsere Zeit liegt eben zwei Millionen Jahre in eurer Zukunft. Du kannst dir sicher vorstellen, wie lückenhaft unsere Kenntnis der Erde und ihrer aktuellen Verhältnisse ist. Die Recherche nach zutreffenden Daten hat uns viele Jahre gekostet, und wir können nicht sicher sein, dass alles korrekt ist, was wir herausgefunden haben.«
»Spricht man auf eurer Welt und in eurer Zeit noch so wie wir?«, fragte Dunn. »Ihr habt nicht den geringsten Akzent und sprecht ein perfektes Englisch.«
Brungk lachte. »Nein, unsere Sprache ist von eurer vollkommen verschieden. Allerdings ist verbale Kommunikation bei uns nicht mehr besonders wichtig. Bei uns gibt es den mentalen Schirm, in den sich jeder Bürger einloggen kann. Ist man verbunden, kann man mit jedem anderen Teilnehmer gedanklich kommunizieren. Aber es ist schon angenehm, dass unsere Daten über eure Sprache so zutreffend waren. Es wäre fatal gewesen, wenn man uns für die falsche Epoche konditioniert hätte.«
Dunn sah ihn ungläubig an.
»Wir sind besonders konzipierte Menschen«, sagte Sequel. »Wie ich bereits sagte. Wir sind aufs Reden konditioniert worden, um in dieser Welt normal zu wirken.«
Dunn lachte humorlos auf. »Na, das ist euch ja verdammt gut gelungen. Ihr ahnt nicht, wie verdammt normal ihr auf mich wirkt.«
»Tatsächlich?«
»Nein, verdammt! Mit der Ironie habt ihr es in der Zukunft wohl nicht, oder? Was denkt ihr denn? Taucht nackt aus dem Nichts auf, könnt in Gedanken miteinander reden, und nehmt mich in einen Raum mit hinein, der nur in eurem verschmolzenen Geist existiert. Was soll daran normal sein? Habt ihr sonst noch Tricks drauf, von denen ich wissen sollte?«
»Was meinst du mit Tricks?«, fragte Sequel unbefangen. »Wirst du uns helfen?«
»Wie kann ich euch denn helfen? Ich bin ein kleiner Dorf-Sheriff, und - wenn ich ehrlich bin - fühle mich ein wenig von der Situation überfordert.«
»Nach unseren Berechnungen wird die Waffe in der Zeit vom 12. Mai bis zum 14. Mai dieses Jahres sichtbar sein. Sie soll sich in einer Gegend befinden - nicht all zu weit von diesem Ort hier entfernt -, der für seine vulkanische Aktivität bekannt ist. Es sollen dort nur wenige oder überhaupt keine Menschen leben. Kennst du einen solchen Ort?«
Dunn überlegte. »Da fällt mir nur der Yellowstone Nationalpark ein, aber der ist nicht gerade in der Nähe.«
»Kannst du uns zeigen, wo das ist?«, fragte Brungk. »Es existieren doch sicher Karten, in denen Koordinaten verzeichnet sind, oder? Wir würden uns die erforderlichen Vektoren berechnen und könnten daraus eine Ortsverlagerung generieren.«
Dunn schüttelte den Kopf. »Ich verstehe wieder mal kein Wort. Also Karten kann ich euch natürlich zeigen, und der Nationalpark ist natürlich darauf verzeichnet. Was meint ihr mit Ortsverlagerung?«
Sequel sah ihn fragend an. »Ist das nicht klar? Wir müssen doch in unmittelbarer Nähe sein, wenn die Waffe erscheint. Es nutzt nichts, wenn wir hier sind, wenn das Ding diese Zeitebene durchzieht. Wir müssen schon physikalisch vor Ort sein. Während wir geistig verschmolzen sind, können Brungk und ich uns direkt an diesen Ort versetzen.«
Dunn verzog seinen Mund. »Ich weiß nicht, ob ich überhaupt wissen möchte, was ihr alles draufhabt, aber eine Sache interessiert mich doch: Denkt ihr immer so kompliziert?«
»Nicht kompliziert, sondern nur folgerichtig.«
»Mag ja sein, aber ihr habt doch noch eine Menge Zeit, bis dieses Waffending erscheint, wie ihr sagt. Ich könnte euch hinfahren. Ich steck in dieser Sache sowieso schon tief genug drin - da kann ich euch auch weiterhin helfen. Außerdem kann es nicht schaden, meinen beschissenen Schreibtisch mal eine Weile nicht zu sehen.«
»Es mag sein, dass es nicht ungefährlich ist«, sagte Sequel ernst. »Brungk und ich sind nicht das erste funktionale Paar, das ausgesandt wurde. Etliche vor uns sind gescheitert, und wir haben keine Informationen darüber, was geschehen ist. Wir nehmen deine Hilfe natürlich gern an, aber du musst wissen, dass es uns alle das Leben kosten kann. Ihr Menschen dieser Epoche habt oft Bezugspersonen - andere Menschen, mit denen ihr verbunden seid. Ist das bei dir auch der Fall? Bist du einem Typ A verbunden?«
Dunn konnte es nicht fassen. »Typ A? Jetzt noch mal von vorn: Wovon, zum Henker, sprichst du jetzt schon wieder? Was ist ein Typ A?«
Brungk antwortete: »Du bist ein Typ B, wie auch ich einer bin. Sequel ist ein Typ A - ein Mensch der Neumenschen in sich tragen kann, bis sie Lebensreife erlangen.«
Dunn verschluckte sich fast. »Geht’s noch komplizierter? Ihr wollt wissen, ob ich eine Frau habe? Ich kann euch versichern, dass ich auf Frauen stehe, aber es ist mir leider noch keine begegnet, die einen kleinen Dorfsheriff nehmen wollte. Ich bin solo, falls euch das beruhigt.«
Sequel wandte sich an Brungk. »Vermutlich will er damit sagen, dass es keine typübergreifende, emotionale Verbindung gibt.«
Sie wandte sich zu Dunn. »Unter diesen Umständen würden wir uns freuen, die Unterstützung eines nativen Menschen dieser Epoche zu bekommen. Wir werden diesen virtuellen Raum nun auflösen. Die Rückkehr in die Realität führt bei Menschen, die es nicht gewohnt sind, zu kurzfristiger Desorientierung. Das ist normal und muss dich nicht beunruhigen.«
»Aber ...«, konnte Dunn noch sagen, dann versank die Welt um ihn in bodenlose Schwärze. Als er wieder zu sich kam, hielt er sich direkt neben Sequel und Brungk am Tisch fest und fühlte sich schwindelig. Brungk erhob sich und stützte ihn.
Als Cole das durch die halbdurchsichtige Scheibe sah, hastete er zur Tür und riss sie auf. »Was tun Sie da? Setzen Sie sich sofort wieder hin!«
Dunn winkte ab. »Ist schon in Ordnung, Lawrence. Mir war nur etwas schwindelig und unser Freund hier wollte mir helfen.«
»Freund?«, fragte Cole misstrauisch. »Hab ich was nicht mitbekommen? Als du eben in den Verhörraum gegangen bist, waren das noch unsere Gefangenen.«
»Eine lange Geschichte, Lawrence. Wir haben uns ausführlich unterhalten und ich glaub ihnen jetzt. Sie brauchen unsere Hilfe - und wenn ich das richtig verstanden habe, brauchen wir auch ihre.«
Cole blickte ihn ungläubig an. »Chef, nimm es mir nicht übel, aber das klingt jetzt ganz schön verrückt. Du bist doch erst vor wenigen Sekunden hier hineingegangen. Ihr habt überhaupt nicht miteinander gesprochen.«
Dunn sah Brungk an. Sequel antwortete: »Zeitabläufe im virtuellen Raum werden anders empfunden als in der Realität. Cole hat schon recht. Für ihn sind nur wenige Sekunden vergangen.«
Cole hob abwehrend die Hände. »Ich hab genug von dem Scheiß. Du hast dich von diesem Weib einwickeln lassen. Ich hab’s befürchtet. Ich ruf jetzt in Omaha an. Sollen die sich mit diesem Pärchen herumschlagen.« Er wandte sich um und machte einen Schritt.
»Lawrence, warte!«, rief Dunn und wandte sich an Sequel. »Könnt ihr es ihm ebenso erklären wie mir?«
Sie nickte. »Kommen Sie, Cole.« Sie lächelte ihm zuckersüß zu, und Cole ging - wie von Fäden gezogen - zu ihr.
»Und was kommt jetzt? Gehirnwäsche?«
»Man kann ein Gehirn nicht waschen«, bemerkte Sequel ernst. »Nehmen Sie Platz und fassen einen von uns an. Mehr müssen Sie nicht tun, aber Sie werden anschließend verstehen, worum es uns geht. Sie müssen nichts befürchten. Wir werden nur reden.«
Damit wandte sie sich Brungk zu und sie berührten sich gegenseitig mit ihren Stirnen.
»Was jetzt?«, fragte Cole und sah Dunn fragend an.
Dunn deutete auf die beiden. »Na mach schon! Setz dich hin und berühre einen von ihnen.«
Widerstrebend folgte er der Aufforderung und streckte seinen Arm aus, um Sequel zu berühren. Im letzten Moment zuckte er zurück. »Was wird passieren, wenn ich sie anfasse?«
»Ich verstehe dich, aber dein Misstrauen ist unbegründet.« Dunn deutete mit dem Kopf auf die beiden. »Mach endlich. Sie warten auf dich.«
Cole seufzte und berührte die Frau. Ein kurzes Zittern fuhr durch seinen Arm und er bekam einen abwesenden Gesichtsausdruck.
Dunn wollte sich gerade einen Kaffee aus der Küche holen, als die drei sich wieder bewegten. Cole lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Oh Scheiße, in was sind wir da hineingeraten? Gut, dass ich Omaha nicht angerufen habe ... Wenn das alles stimmt ... und nach diesem Gespräch hab auch ich keine Zweifel mehr ... Ich darf gar nicht darüber nachdenken ...«
»Verstehst du jetzt, dass wir ihnen helfen müssen?«
Cole nickte. »Ja, sie haben mir gesagt, dass du sie begleiten wirst. Ich mach dabei allerdings nicht mit. Ich hab Elaine, und wir planen unsere Hochzeit. Da werde ich nicht mein Leben bewusst aufs Spiel setzen.«
»Ich verstehe dich.« Dunn legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Du wirst den Laden hier eine Weile allein schmeißen müssen. Offiziell kannst du sagen, ich wäre im Urlaub. Denkst du, das geht in Ordnung?«
»Du machst Witze! Wie soll ich die zwei Strafzettel, die ich in der Woche auszustellen habe, nur allein bewältigen?«
Dunn lachte. »So hab ich mir das gedacht.« Er wandte sich an Sequel und Brungk. »Ihr seid natürlich ab sofort keine Gefangenen mehr und könnt gehen, wohin ihr wollt.«
Sequel lächelte. »Und wohin sollte das sein? Wir kennen hier nichts und haben auch nichts - nicht einmal passende Kleidung.« Sie wand ihren Körper ein wenig. »Selbst mit diesem Stück Stoff fühle ich mich etwas unvollständig bekleidet.«
Dunn schluckte, als er die Bewegungen der Frau sah. Sie sah einfach atemberaubend aus. Er fragte sich, ob sich so eine Frau für einen wie ihn interessieren könnte. Er schalt sich in Gedanken sogleich einen Narren. Die Frau war eine Fremde und hatte zudem diesen Brungk, der selbst aussah wie ein griechischer Halbgott.
»Ihr könnt erst mal mit zu mir kommen«, hörte er sich sagen. »Ich hab das Haus meiner Eltern geerbt und lebe dort seit ihrem Tod allein. Der Platz reicht für uns alle. Es gibt gute Betten und ihr könnt euch dort frisch machen. Mit etwas Glück ist auch noch Kleidung von meiner Schwester da, die mit ihrem Mann nach Cheyenne gezogen ist. Die Sachen könnten Sequel passen, wenn sie auch nicht der neuesten Mode entsprechen werden. Brungk kann ein paar Sachen von mir anprobieren.«
»Das Angebot nehmen wir gern an«, sagte Sequel. »In deinem Haus gibt es auch eine Karte?«
Dunn lächelte. »Ja, eine Karte habe ich auch im Haus.«
»Dann schaff deine Gäste mal hier raus«, schlug Cole vor. »Es haben heute Morgen sicher ein paar Leute mitbekommen, dass wir diese zwei Nudisten an der Interstate aufgegriffen haben. Bevor hier Neugierige auftauchen, sollten sie schon weg sein.«
»Er hat recht«, sagte Dunn und deutete auf die Hintertür des Büros. »Mein Wagen steht hinter dem Haus. Folgt mir, ich bring euch mit dem Wagen zu mir nach Hause.«
Sie erhoben sich und folgten ihm. Dunn bemerkte erst jetzt, dass sie noch barfuß liefen. Schuhe hatten sie ihnen noch nicht anbieten können. Er lief zu seinem Wagen und öffnete ihn. »Na kommt schon.«
Sequel zögerte einen Moment und betrachtete skeptisch den Toyota Prius, bevor sie auf den Beifahrersitz kletterte. Brungk nahm auf dem Rücksitz Platz.
Sequel strich mit ihren Händen über den Stoff des Sitzes. »Dieses Fahrzeug ist überraschend bequem. Dunns Blick fiel auf die langen Beine seiner Beifahrerin und einige Augenblicke lang war er nicht in der Lage, den Wagen anzulassen. Verdammt, er war auch nur ein Mann, und in festen Händen oder nicht - diese Frau machte ihn wahnsinnig. Dabei hatte er nicht einmal das Gefühl, sie würde es absichtlich machen. Sie machte alles, was sie tat, mit einer beeindruckenden Unbefangenheit.
Er riss sich von dem Anblick los und fuhr gab Gas. Seine Fahrgäste blickten neugierig umher und schienen alle Eindrücke förmlich in sich aufzusaugen. Sequel sah ihn von der Seite an. »Der Antrieb ist sehr laut«, sagte sie. »Mit welcher Energieform wird dieses Fahrzeug angetrieben?«
»Diesel-Benzin.«
»Darüber liegen uns keine Informationen vor. Worum handelt es sich dabei?«
»Es wird aus Erdöl gewonnen. Wir haben Motoren, die das verbrennen und daraus Leistung beziehen.«
»Da werden fossile Brennstoffe verbrannt?«, fragte Brungk ungläubig. »Das wäre bei uns strengstens verboten. Wisst ihr denn nicht, was diese Verbrennungsrückstände mit eurer Welt anstellen?«
»Willkommen im 21. Jahrhundert«, erwiderte Dunn sarkastisch.
Nach wenigen Minuten erreichten sie ein alleinstehendes Haus mit zwei Stockwerken und einem - für diese Gegend untypischen - Satteldach. Eine breite Veranda mit einem roten Holzgeländer zierte die Vorderfront.
»Wir sind da«, erklärte Dunn. »Das ist mein Zuhause. Lasst uns hineingehen, da ist es viel kühler als hier draußen.«
Sie verließen das Auto und folgten Dunn über die kleine Holztreppe auf die Veranda. Sequel schaute sich immer wieder neugierig um und Dunn bildete sich ein, dass ihr gefiel, was sie sah. Er öffnete die Tür und ließ seine Gäste eintreten. Von der Veranda aus erreichte man die Küche. Dunn hatte seit dem Tod seiner Eltern fast nichts darin verändert. So hatte er alle Möbel aus den 50er Jahren behalten und kochte noch immer auf dem alten Gasherd, den sein Vater Dutzende Male repariert hatte. Er konnte sich einfach nicht davon trennen.
»Hier wird Essen zubereitet, nicht wahr?«, fragte Sequel. »Ich habe Fotos von solchen Räumen gesehen, hab aber keine Vorstellung davon, wie so etwas vor sich geht.«
»Richtig«, grinste Dunn, »Hier werden Speisen gekocht. Wir nennen so einen Raum Küche. Dies ist eine sehr alte Küche und stammt noch von meinen Eltern. Ich hab alles gelassen, wie es ist. Mir gefällt es so.«
Brungk hatte sich auf einen der Stühle gesetzt und wirkte desinteressiert, während Sequel mit ihren Fingern über die Oberflächen von Tisch, Anrichte und Spüle fuhr.
»Ich finde das faszinierend«, sagte sie. »Es ist unsagbar fremd für mich, aber es ist atmosphärisch stimmig. Ich weiß nicht, was es auslöst, aber es gefällt mir. Darf ich auch die anderen Räume sehen?«
Dunn deutete auf die schmale Holzstiege, die nach oben führte. »Die Schlafräume liegen oben. Vielleicht sollte ich euch zunächst diese Räume zeigen. Dort steht auch der Kleiderschrank mit den zurückgebliebenen Kleidungsstücken meiner Schwester.«
Er ging vor und deutete ihnen, ihm zu folgen. Oben öffnete er die Tür zum Zimmer seiner Schwester und Sequel blickte hinein.
»Hier könnt ihr zwei übernachten. Das Bett ist breit genug für zwei Personen. Mein Zimmer liegt auf der anderen Seite. Was meint ihr?«
»Du meinst, ich soll mit Sequel zusammen in diesem Bett schlafen?«, fragte Brungk. »Ich halte das nicht für eine gute Idee.«
Dunn sah ihn ratlos an. »Ähem, und warum nicht? Ihr seid ein Paar, oder nicht? Dann könnt ihr auch in einem Bett zusammen schlafen.«
Sequel sah ihn lächelnd an. »Du hast da etwas nicht ganz richtig verstanden. Brungk und ich sind ein funktionales Paar. Wir wurden als Paar konzipiert, um eine bestimmte Aufgabe lösen zu können. Wir sind in der Lage, unsere Egos miteinander verschmelzen zu lassen und haben in diesem Zustand besondere Fähigkeiten. Wir sind genetisch aufeinander abgestimmt. Es ist dir doch selbst bereits aufgefallen. Denk an unsere Fingerabdrücke. Das ist nur ein Hinweis auf unsere enge Beziehung. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns auch geschlechtlich als Paar empfinden. Es ist im Grunde ein Zufall, dass wir als Typ A und Typ B konzipiert wurden. Zwischen Brungk und mir existiert kein emotionales Band. Wir würden es vorziehen, nicht gemeinsam in einem Bett zu schlafen.«
»Da hab ich wohl tatsächlich was in den falschen Hals bekommen«, meinte Dunn, kommentierte es jedoch nicht, als er Sequels fragenden Blick bemerkte. »Ich hab noch ein Gästezimmer am Ende des Flures, aber das ist nicht so komfortabel eingerichtet.«
»Das nehm ich!«, rief Brungk, ohne es überhaupt gesehen zu haben.
Dunn sah ihn überrascht an. »Du hast es doch noch nicht einmal gesehen.«
»Wenn es ein Bett enthält, reicht mir das völlig. Ich bin sehr müde und muss unbedingt ein paar Stunden schlafen.«
Dunn deutete auf das Ende des Flures. »Dann leg dich einfach hin.« Er wandte sich zu Sequel um. »Das gilt natürlich auch für dich. Du bist sicher auch müde.«
»Überhaupt nicht«, versicherte sie. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern weiter dein Haus anschauen und mich unterhalten. Es ist in eurem Zeitalter alles so interessant und ursprünglich. Ich möchte so viel wie möglich davon in mich aufnehmen.«
»Okay«, sagte Dunn und deutete auf das Bad. »Hier könnt ihr euch frisch machen, waschen oder duschen. Es gibt auch eine Toilette.«
Sequel warf einen Blick hinein und lächelte. »Nicht alles ist völlig verschieden, scheint mir. Das ähnelt einer Hygienezelle in meinem Heimatkomplex.«
Dunn öffnete die Tür zum Zimmer seiner Schwester. »In den Schränken dort befinden sich die Sachen meiner Schwester, die sie zurückgelassen hat. Probier einfach an, was dir passt und gefällt. Ein Spiegel befindet sich auf der Innenseite der Schranktür. Ich lass dich jetzt allein und du kannst in Ruhe auswählen. Wenn du mich suchst, findest du mich unten im Erdgeschoss. In Ordnung?«
Sequel lächelte und nickte. »Danke Dunn.«
»Wayne«, korrigierte Dunn. »Dunn ist der Familienname. Mein Vorname lautet Wayne. Wenn du schon in meinem Haus wohnst, solltest du mich beim Vornamen nennen.«
»Okay. Wayne also.«
Sie blickten sich einen Moment schweigend an, bis Sequel die Tür von innen verschloss. Dunn blieb noch einen Augenblick stehen, wandte sich dann um und lief die Treppe herunter ins Erdgeschoss. Im Kühlschrank fand er noch ein Bier, das er sogleich öffnete und mit ins Wohnzimmer nahm. Er hatte vor, sich durch das TV auf andere Gedanken bringen zu lassen, doch waren die Erlebnisse des Tages noch zu präsent in ihm. Er hielt die Fernbedienung in der einen, das Bier in der anderen Hand, konnte sich jedoch nicht entscheiden, was er tun sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, sollte in Kürze nicht mehr existieren? Und diese zwei eigenartigen Menschen, die nun auch noch in seinem Haus wohnten, sollten der Schlüssel zur Rettung sein? Ausgerechnet er sollte eine Rolle in diesem Drama spielen? Es war alles zusammen etwas viel für ihn.
Er wusste nicht, wie lange er so gesessen hatte, als er Geräusche von oben vernahm. Jemand kam die Treppe herunter. Das Erste, was er sah, waren zwei lange, nackte Beine. Es folgte eine junge Frau, wie er sie bislang nur aus Zeitschriften oder dem TV kannte. Sequel war eine ausgesprochene Schönheit und mit der Zielsicherheit einer Frau hatte sie aus dem Fundus seiner Schwester die Kleidung herausgesucht, die ihre gesamte Erscheinung am besten zur Geltung brachte.
Unten angekommen breitete sie ihre Arme aus und drehte sich einmal um ihre Achse. »Ich hoffe, ich habe passende Kleidung gefunden. Trägt man es so bei euch? Ich möchte natürlich nicht auffallen, wenn andere Menschen mich sehen.«
»Es ist perfekt«, beeilte sich Dunn zu versichern. Es war eigenartig, diese Frau in den Sachen seiner Schwester zu sehen. Sequel schien eine Vorliebe dafür zu haben, Kleidung zu tragen, die ihren Körper gut zur Geltung brachte, beziehungsweise einiges davon zeigte. Dunn konnte sich nicht erinnern, wann Kim zuletzt so kurze Röcke getragen hatte.
Sie setzte sich neben ihn auf die Couch und schlug ihre Beine unter. »Bei euch ist alles so ... ursprünglich«, sagte sie.
»Wie meinst du das?«
»In meiner Welt ist im Grunde jede Sekunde des Lebens vorgezeichnet. Bereits vor der Zusammenführung von Eizelle und Samen wird das zukünftige Leben nach den Erfordernissen der Gesellschaft geprägt. Der spätere Mensch wird exakt die Interessen und Talente entwickeln, die von der Gesellschaft benötigt werden. Dadurch sind die Menschen in ihren Tätigkeiten glücklich und werden wertvolle Elemente der Menschheit. Bei euch erscheint es mir eher roh und zufällig. Ist es nicht so?«
Dunn überlegte einen Moment. »Ich würde eher eine Prägung ungeborenen Lebens als unnatürlich oder sogar künstlich empfinden. Menschen sollten einen freien Willen haben und selbst entscheiden können, wie sie leben wollen.«
Sequel blickte ihn aus leuchtenden Augen an. »Wir haben einen freien Willen. Wie kannst du annehmen, wir unterlägen einem äußeren Zwang?«
»Wenn ihr alle für eine Aufgabe vorgesehen seid und man euch bereits vor der Zeugung genetisch darauf programmiert, sehe ich keinen freien Willen. Tut mir leid.«
»Jeder Mensch hat in unserer Gesellschaft das Recht, sich seinen Tätigkeitsbereich selbst auszusuchen. Natürlich wird er dabei seiner Prägung folgen, aber die Entscheidung liegt bei jedem selbst.«
»Du und Brungk habt also ganz allein entschieden, in die Vergangenheit zu reisen. Die Möglichkeit, hier zu scheitern, zu sterben, oder den Rest des Lebens in unserer rohen Zeit zu fristen, hat euch nie zweifeln lassen, ob ihr das Richtige tut?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nicht eine Sekunde. Wir wurden dafür geschaffen. Es war unsere Berufung.«
»Das meine ich doch! Ihr hattet überhaupt keine Wahl. In der Sekunde, als Wissenschaftler beschlossen hatten, Menschen zu schaffen, die in die Vergangenheit reisen sollen, war eure freie Wahl zum Teufel!«
Sequel sah ihn schweigend an. Dunn erwartete eine Antwort, doch sie kam nicht. Sie zog ihre Beine an und schlang ihre Arme darum. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Hatte er sie durch seine Argumente vielleicht verunsichert? Er wusste es nicht. Als die Pause zu lang wurde, schaltete er den Fernseher an und verfolgte eine Nachrichtensendung.
»Vielleicht hast du sogar recht«, sagte sie plötzlich. »Wir haben immer nur für die Reise hierher gelebt. Unsere Aufgabe steckt in uns, treibt uns an. Ich weiß jedoch nicht, was geschieht, wenn es uns gelingt, unsere Mission zu erfüllen. Unser Daseinszweck wäre dann erfüllt, obwohl wir nach unseren Maßstäben noch recht junge Menschen sind. Ich habe mir nie die Frage nach einem Danach gestellt, weißt du?«
»Na, dann denk mal darüber nach. Nach allem, was ihr erzählt habt, wird sich euer Daseinszweck schon sehr bald erfüllen.« Er erhob sich. »Habt ihr Zukunftsmenschen eigentlich keinen Hunger? In meiner Zeit muss man hin und wieder Essen. Hast du Lust, mir in der Küche zu helfen?«
Sequel sah ihn unsicher an. »Wie sollte ich dir helfen? Ich habe noch nie eine Speise selbst hergestellt. Bei uns erledigen das Maschinen. Die Synthetisierer präsentieren uns gleich vollständige Mahlzeiten.«
Dunn lachte leise. »Synthetisierer, hmm? Dann komm mal mit. Ich zeige dir, wie das hier bei uns läuft.«
Er lief voraus und Sequel folgte ihm neugierig. »Ihr bearbeitet also wirklich noch die Rohstoffe selbst? Ist jeder von euch dann eine Art Chemiker?«
Sie betraten die Küche und Dunn deutete mit dem Arm einmal im Kreis. »Sieht das aus wie ein Labor? Eine Küche ist ein Arbeitsraum, in dem man mit Lebensmitteln hantiert. Wenn ich deine Fragen richtig interpretiere, esst ihr überhaupt keine natürlich gewachsenen Dinge mehr. In meiner Zeit ist das anders. Bei uns werden essbare Pflanzen noch richtig angebaut und wachsen im Boden. Fleisch stammt noch von richtigen Tieren, die gezüchtet werden, um uns zu ernähren.«
Sequels Gesicht nahm einen entsetzten Ausdruck an. »Ihr esst Tiere? Ihr tötet Tiere, um sie zu essen? Ich hätte nie vermutet, dass Menschen in früheren Zeitaltern so barbarisch waren. Und wie muss ich mir das vorstellen, dass Pflanzen zum Essen im Boden wachsen? Ist dir nicht bewusst, wie keimverseucht wild wachsende Flora sein kann?«
Dunn lachte laut auf. »Natürlich sind wir Keimen ausgesetzt. Na und? Die meisten töten wir durch Hitze ab und an die Verbleibenden sind wir meist gewöhnt. Und was das Fleisch angeht ... Ja, wir Barbaren essen Tiere und auch ihre Produkte. Es gibt zwar auch Menschen, die das nicht tun, aber ich gehöre nicht dazu. Wenn du es nicht kennst, solltest du es zumindest einmal kosten. Du solltest wenigstens wissen, wovor du dich vor Entsetzen schüttelst. Oder kannst du etwa unsere Nahrung überhaupt nicht vertragen?«
Der Gedanke war ihm erst jetzt gekommen. Wenn diese Menschen nur keimfreie Nahrung kannten, wurden sie unter Umständen krank, wenn sie normales Essen zu sich nahmen.
»Euer Essen kann uns nicht schaden«, sagte Sequel. »Wir wurden genetisch so konzipiert, dass wir jede Nahrung vertragen sollten, die man in eurem Zeitalter kennt.«
»Okay. Also: Was hältst du von Bratkartoffeln mit Speck und Eiern? Mehr hab ich zurzeit nicht im Haus.«
»Ich kenne nichts davon. Ich werde mich überraschen lassen müssen.«
Dunn holte eine Tüte mit Kartoffeln hervor und begann, sie mit einem Schäler von der Schale zu befreien. Sequel zierte sich zunächst ein wenig, die schmutzigen Kartoffeln mit den Händen anzufassen, aber Dunn ließ nicht locker, bis auch sie versuchte, die Kartoffeln mit einem zweiten Schäler zu bearbeiten. Sie war recht ungeschickt und langsam, aber es gelang ihr nach kurzer Zeit, sie zu schälen.
»Ich schneide schon mal den Speck«, sagte Dunn. »Du könntest die Kartoffeln halbieren und in kleine Scheiben schneiden. Aber Vorsicht mit deinen Fingern. Das Messer ist sehr scharf.«
Während er den Speck würfelte, warf er immer einen Blick zu Sequel, die konzentriert an ihren Kartoffeln arbeitete. Man merkte ihr an, dass es eine völlig fremde Tätigkeit für sie war. Als alles geschnitten war, warf Dunn den Speck in eine Pfanne und zündete die Flamme auf dem Herd. Nach kurzer Zeit zog ein köstlicher Geruch nach gebratenem Speck durch die Küche und Sequel schnüffelte ständig mit der Nase.
»Ist das normal, wenn der Speichelfluss im Mund zunimmt?«, fragte sie. »Ich muss ständig schlucken.«
Dunn lachte laut. »Offenbar habt ihr Zukunftsmenschen noch nicht alles verlernt. Ja, es ist normal.«
Er nahm den ausgebratenen Speck aus der Pfanne und gab ihn in eine kleine Schale. Er fügte noch etwas Öl in die Pfanne und gab die Kartoffeln hinein. »Jetzt dauert es noch eine Weile. Man muss nur achtgeben, dass die Kartoffeln nicht am Pfannenboden anbacken. Im Schrank neben dir stehen Teller. Hol schon mal zwei heraus. Besteck findest du in der Schublade unter dem offenen Fach.«
Sequel öffnete den Schrank und bestaunte die Menge an Geschirr, die sauber aufgestapelt darin stand. Sie nahm zwei Teller heraus und holte auch zwei Messer und Gabeln aus der Schublade. »So was kenne ich auch noch aus meiner Zeit, obwohl wir Messer kaum noch verwendet haben.«
Neugierig stellte sie sich hinter Dunn und blickte in die Pfanne, in der er geschickt mit einem Pfannenwender die Kartoffeln wendete. Das laute Bratgeräusch irritierte sie. »Macht kochen immer solchen Lärm?«
»Lärm? Ich liebe dieses Geräusch beim Braten. Es stört mich auch nicht, dass es über eine halbe Stunde dauert, bis es fertig ist.«
»So lange dauert es, eine Mahlzeit zu bereiten? Bei uns ordert man sein Essen am Display des Synthetisierers und einen Augenblick später steht es dampfend im Ausgabefeld.«
»Bei uns dauert es eben. Manche Gerichte dauern noch viel länger, aber das Ergebnis rechtfertigt es in jedem Fall.«
Sequel blieb hinter ihm stehen und starrte fasziniert auf die Pfanne. Nach und nach trat sie näher an ihn heran und Dunn nahm auf einmal ihren Geruch wahr. Er musste sich krampfhaft auf sein Essen konzentrieren, um sich abzulenken. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einer Schönheit wie Sequel so nahe gewesen zu sein. Er wusste genau, dass sie eine Fremde war, eine Frau aus einer fernen Zukunft. Er wusste, dass die körperliche Nähe nichts zu bedeuten hatte und nur ihrer unbefangenen Neugier auf alles geschuldet war, das ihr Informationen aus seiner Zeit bringen konnte. Alles das wusste er genau, aber er konnte trotzdem nicht verhindern, dass er auf sie reagierte.
Mit aller Gewalt brachte er sich auf andere Gedanken und rührte in den Kartoffeln. Als sie fast fertig waren und er den Speck dazugab, fiel ihm ein, etwas vergessen zu haben.
»Zwiebeln! Wie konnte ich die Zwiebeln vergessen?«
Schnell griff er in einen Eimer unter der Spüle und holte zwei Zwiebeln heraus. Geschickt entfernte er die äußere Haut und schnitt sie in Ringe. Als er Sequel ansah, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wieso, aber es ist etwas in der Luft, das meine Augen reizt.«
»Es ist die Zwiebel«, sagte Dunn. »Das geht gleich vorbei.« Er gab auch die Zwiebeln in die Pfanne und wendete alles noch einmal. »Gleich ist es so weit.«
Als Letztes schlug er zwei Eier auf und ließ sie über die Kartoffeln laufen.
Wenige Minuten später saßen sie sich am Küchentisch gegenüber und Dunn trug Sequel etwas aus der Pfanne auf. Er schob ihr die Pfeffer- und Salzstreuer herüber.
»Salz und Pfeffer musst du nach eigenem Geschmack verwenden. Nimm nicht zu viel, bis du ein Gefühl dafür bekommst. Würze lieber nach.«
Sequel saß hilflos vor ihrem Teller, der köstlich duftete, und wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Dunn nahm die Gabel und zeigte ihr, wie man es aß. »Einfach rein damit! Du kannst nichts falsch machen. Guten Appetit!«
Sie kostete vorsichtig von ihrem Teller und ihre Miene hellte sich zusehends auf. Die zweite Gabel war bereits deutlich voller als die erste. »Das schmeckt hervorragend. Ich hab noch nie einen so intensiven Geschmack erlebt. Schmeckt jedes Essen bei euch so gut?«
»Das hängt natürlich auch davon ab, wie gut jemand kochen kann. Bratkartoffeln sind jetzt nicht unbedingt eine Wissenschaft. Das ist ein recht einfaches Essen.«
»Ich finde es ungeheuer gut«, sagte sie mit vollem Mund.
Dunn beobachtete sie, und empfand eine irrationale Freude darüber, dass es Sequel so gut schmeckte. Als sie fertig waren, holte Dunn noch ein paar Früchte hervor, die sie ebenfalls mit Heißhunger verspeiste. »Und so was wächst bei euch einfach aus dem Boden?«
»Na ja, diese Pflaumen wachsen an Bäumen, aber grundsätzlich sind es einfach Pflanzen, die eigens angebaut werden, um gegessen zu werden.«
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Allein dafür würde ich auf ewig hier in dieser Zeit bleiben wollen. Das gibt es bei uns in der Zukunft alles nicht.«
Dunn sah sie nachdenklich an. »Ich würde es dir und Brungk wünschen, dass ihr eure Mission erfüllen könnt. Mir im Übrigen auch, denn ein Scheitern würde schließlich bedeuten, dass es all das bald nicht mehr geben würde. Es erscheint mir so verdammt unwirklich, darüber nachzudenken. Gut, es gab Zeiten, in denen wir Menschen einer totalen Auslöschung näher standen als einem stabilen Frieden ...«
Sie sah überrascht auf. »Wirklich? Und warum?«
»Menschen waren zu allen Zeiten kriegerisch veranlagt. Nach der Erfindung von Atom- und Wasserstoffbombe gab es eine Phase der militärischen Aufrüstung, und es sah mehr als nur einmal so aus, als würde es einen Verrückten geben, der den globalen Krieg auslösen würde.«
»Globaler Krieg? Auf der Erde? Zwischen den Menschen? Das ist unfassbar!«
»Ist es das wirklich? Kämpft ihr in der Zukunft nicht auch gegen die Skrii? Aggressives Verhalten scheint demnach auch in zwei Millionen Jahren noch immer in den Menschen zu existieren.«
»Aber doch nicht untereinander!«, entgegnete Sequel heftig. »Die Insektoiden wollen uns auslöschen! Das rechtfertigt jede Aggression!«
Dunn hatte keine Lust, dazu eine weitere Diskussion zu entfachen und ließ Sequels Ausbruch unkommentiert. Er wechselte das Thema. »Wie soll es eigentlich weitergehen? Wenn ich mich recht erinnere, wird die Waffe der Skrii in etwa zwei Monaten diese Zeitebene kreuzen. Wir haben also noch eine Menge Zeit, uns in Stellung zu bringen, aber wann wollt ihr im Yellowstone Nationalpark eintreffen? Braucht ihr eine Vorlaufzeit? Einen Mindestzeitraum vor dem Auftauchen der Waffe?«
Sequel überlegte. »Wenn sie auftaucht, wird sie innerhalb von zwei Tagen eurer Zeit weitergezogen sein. Wir sind zwar speziell für diesen Auftrag geschaffen worden, haben allerdings noch nie unter echten Bedingungen unseren Spürsinn prüfen können. Unsere Wissenschaftler meinen, wir würden das fremde Zeitfeld etwa einen Tag vor dem Durchgang spüren und lokalisieren können. Es darf dabei allerdings nicht mehr, als 100 Bymen ... entschuldige, das sind etwa 150 eurer Meilen ... entfernt sein.«
»Gut, dann schlage ich vor, ihr lebt euch erst mal etwas in unserer Zeit ein und einige Tage vor dem Ereignis fahre ich mit euch zum Park. Unter Umständen könnt ihr Hilfe von jemandem gebrauchen, der hier aufgewachsen ist.«
Sequel lächelte ihn an. »Ich hatte gehofft, dass du so denkst. Ich gestehe, dass ich befürchtet hatte, du und Cole würdet uns einfach nur für verrückt halten. Wir hatten bereits überlegt, eine ungezielte Ortsversetzung durchzuführen, aber ich war sicher, dass uns das nicht weitergebracht hätte. Schließlich hatten wir noch immer keine geeignete Kleidung, und erst recht keine Mittel, um weiterzukommen. Ich konnte Brungk überzeugen, zu warten. Ich bin froh, dass du uns jetzt glaubst. Kannst du mir erklären, was den Ausschlag gab, uns zu vertrauen?«
Dunn trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und überlegte. Die Frage war berechtigt. Vermutlich war es seine ›Entführung‹, der Aufenthalt im psychischen Konstrukt dieses seltsamen Paares, der ihn schließlich überzeugt hatte. Solche Fähigkeiten kamen bei normalen Menschen einfach nicht vor.
»Es war unser Gespräch in eurem virtuellen Raum, denke ich.«
Sie nickte. »Das hab ich vermutet. Du weißt, worauf du dich einlässt, wenn du uns hilfst?«
Dunn schüttelte den Kopf.
»Und warum tust du es dann? Bist du immer so leichtsinnig?«
»Ich weiß es selbst nicht. Aber erkläre mir doch einfach, was geschehen kann.«
Sequel schmunzelte. »Doch, du weißt es. Du willst dir nur nicht eingestehen, dass ich der Grund sein könnte. Ich habe deine Blicke bemerkt. Das sollte für dich nicht der Grund sein, Wayne Dunn. Uns trennen Millionen Jahre Entwicklung und kulturelle Änderungen. Die Waffe der Skrii wird groß sein - wie eines eurer Häuser. Sie wird von einer künstlichen Intelligenz gesteuert werden, die nach den Wertvorstellungen der Skrii programmiert ist. Die Waffe ist darauf ausgelegt, sich gegen äußere Zugriffe zu verteidigen. Was immer wir tun, um sie unschädlich zu machen, wird von der KI als Bedrohung eingestuft und einen Verteidigungsmodus auslösen. Wir kämpfen seit Langem gegen diese Wesen und wissen daher, dass sie über mächtige Zerstörungswaffen verfügen. Unsere Mission ist vielleicht schon jetzt gescheitert, nur, dass wir es noch nicht wissen. Wir könnten alle sterben. Ist dir das klar?«
Dunn überlegte wieder. »Du hast vermutlich recht. Ich weiß selbst, dass es Schwachsinn ist, dich als normale Frau meiner Welt anzusehen. Hinzu kommt deine - für mich - unverständliche Beziehung zu Brungk, mit dem du dich in besonderer Weise mental verbinden kannst. Soweit der Verstand. Es steht nur nirgends geschrieben, dass Menschen immer nur vernünftig sind. Ist das bei euch anders?«
»Nein, auch wir sind nicht immer vernünftig - meistens aber schon. Unsere Gesellschaft basiert generell auf vernünftigem und logischem Verhalten.«
Dunn nickte. »Das dachte ich mir schon. Aber dein Argument, ich solle mich für dich nicht in Gefahr begeben, ist nicht unbedingt logisch, denn entweder wir gehen beim Versuch drauf, diese Waffe zu entschärfen, oder wir werden durch die Waffe selbst alle ausgelöscht. Was macht den Unterschied? Nur, wenn wir es überhaupt wagen, gibt es eine Chance auf Erfolg.«
»Stimmt«, sagte Sequel nachdenklich. »Das hatte ich nicht bedacht.«
»Sollten wir aber das Glück haben, und unsere Mission hat Erfolg, wirst du dich geistig davon lösen müssen, ein Mensch aus der Zukunft zu sein. Dann musst du dich in eine von uns verwandeln, oder du wirst in deinem Leben nie glücklich werden können.«
»Was meinst du mit glücklich?«
»Du kennst den Begriff Glück überhaupt nicht?«, fragte Dunn fassungslos. »Was ist mit Freude am Leben? Emotionalem oder körperlichem Hochgefühl?«
»Ich glaube, ich kann dir nicht folgen.«
Dunn betrachtete forschend die schöne Fremde. »Manchmal denke ich, dass euch in den Zeitaltern etwas verloren gegangen ist. Wenn wir Erfolg haben, werden du und Brungk eine Menge zu lernen haben. Was verbindet euch wirklich?«
»Brungk ist mein funktionaler Partner. Wir sind zwei Module, die zusammen funktionieren. Wir müssen uns geistig verschmelzen, um unser Potenzial ausschöpfen zu können. Du wirst es erleben, wenn wir gegen die Skrii-Waffe kämpfen werden. Dann wird sich zeigen, ob unsere Wissenschaftler uns richtig konfiguriert haben.«
»Wenn ihr so oft miteinander verschmelzt ... Was löst es emotional in euch aus? Was empfindet ihr dabei?«
Sequel lächelte nachsichtig. »Das scheint dir ungemein wichtig zu sein. Ich bezweifle, dass du es verstehst. Wir sind die Mission. Nur gemeinsam ist es uns möglich, sie zum Erfolg zu bringen. Wir fühlen uns erst in der Verbindung vollständig ... Ich weiß nicht, ob das korrekt ausgedrückt ist. Nur in der Verbindung gibt es überhaupt erst die Mission. Getrennt sind wir nur Menschen ohne besonderen Daseinszweck.«
»Entschuldige, aber das ist für mich eine grauenhafte Vorstellung. Eure Prägung hindert euch doch an allem, was das Menschsein ausmacht. Ihr empfindet demnach füreinander überhaupt nichts.«
»Hast du geglaubt, Brungk und ich hätten reproduktive Ambitionen?« Sie lachte hell auf. »Das ist absurd und durch unsere genetische Konditionierung auch überhaupt nicht möglich.«
Dunns Fassungslosigkeit wurde immer größer. Eigentlich hätte er das Gespräch hier gern abgebrochen, doch die Neugier und auch die auffällige Sachlichkeit Sequels trieben ihn dazu, weitere Fragen zu stellen. Er wollte einfach verstehen, mit wem er es zu tun hatte.
»Was meinst du damit? Wurdet ihr so geschaffen, dass euch Geschlechtlichkeit nichts bedeutet? Oder seid ihr überhaupt nicht in der Lage, euch zu ›reproduzieren‹, wie du es nennst?«
»Wir sind voll funktionsfähige Menschen der Typen A und B. Natürlich sind wir auch reproduktionsfähig, aber Brungk und ich sind diesbezüglich in jeder Hinsicht inkompatibel. Sind deine Fragen damit hinreichend beantwortet?«
Dunn verzog das Gesicht. »Vermutlich nicht, aber wir sollten weitere Fragen vertagen. Es ist spät geworden und ich brauche eine Mütze Schlaf. Wirst du überhaupt nicht müde? Brungk liegt schon seit Langem im Bett.«
»Ich brauche nicht so viel Schlaf, aber du hast recht. Ein paar Stunden könnten nicht schaden. Aber ich hab auch noch eine Frage.«
Dunn sah sie erwartungsvoll an.
»Wenn wir eine Weile hier bei dir wohnen ... Wird dann niemand Fragen stellen, wer wir sind? Cole weiß natürlich Bescheid, aber was ist mit anderen Menschen dieses Ortes?«
»Offiziell werde ich euch als Cousin und Cousine von der Westküste vorstellen. Ihr seid eine Weile hier bei mir zu Besuch. Von der Familie meines Vaters, die von der Westküste stammt, wissen die Wenigsten hier etwas. Man wird es euch abnehmen.«
Sequel nickte, aber er konnte sehen, dass sie noch nicht zufrieden war. »Was sind ein Cousin und eine Cousine?«
»Kinder der Geschwister der Eltern.«
Sie winkte ab. »Heute Abend wird mir das alles zu kompliziert. Vermutlich bin ich tatsächlich müder als ich dachte. Ich werde mich auch ins Bett legen.«
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich um und stieg die Treppe hinauf, die zu den Schlafräumen führte. Dunn blickte ihr hinterher und fragte sich, was er eigentlich erwartete. Er musste sich eingestehen, dass ihn diese Frau faszinierte. Sie sah toll aus, aber das war es nicht allein. Sie war hochintelligent, entstammte jedoch einer Kultur, die so fremdartig war, dass er sich ihr gegenüber vorkam wie ein Dinosaurier. Und genau genommen lagen zwischen ihnen so viele Jahre, dass dieser Vergleich durchaus angemessen war. Einige Minuten grübelte er und dann entstanden weitere Fragen in seinem Kopf. Brungk und Sequel sahen aus wie Menschen des 21. Jahrhunderts. Okay, sie sahen beide extrem gut aus, aber letztlich wirkten sie wie normale Menschen. Sollte sich der Mensch in zwei Millionen Jahren nicht weiterentwickelt haben? Was war mit Evolution? Offenbar hatten die Menschen die Erde verlassen oder zumindest andere Welten besiedelt. Müssten sie sich nicht ihrer neuen Umgebung angepasst haben? Würde sich das nicht auf das Aussehen auswirken müssen? Er hatte sich schon mit dem Gedanken angefreundet, Besuch aus der Zukunft bei sich aufgenommen zu haben, aber jetzt kamen ihm erneut Zweifel. Er beschloss, die beiden und ihr Verhalten in der nächsten Zeit sehr genau zu beobachten.


 

1.2    Yellowstone

Ein paar Wochen waren inzwischen vergangen und Dunns Gäste hatten sich alle Mühe gegeben, in der für sie fremden Zeit zurechtzukommen. Sequel hatte sich von dem Geld, das Dunn ihr gegeben hatte, im Ort etwas eigene Kleidung gekauft, die der Mode etwas besser entsprach als die von seiner Schwester zurückgelassenen Sachen. Ihre Vorliebe für kurze Röcke und Shorts hatte sie beibehalten, und wenn sie die kleine Einkaufszone von Thedford entlangbummelte, drehten sich die Männer des Ortes reihenweise nach ihr um. Auch Brungk fiel durch seine auffallend maskuline Erscheinung auf, und viele Frauen verglichen verstohlen ihre eigenen Männer mit ihm.
Man hatte sich daran gewöhnt, dass diese Zwei zum Stadtbild gehörten und jeder wusste, dass Dunn seine Verwandten zu Besuch hatte.
Dunn hatte als Sheriff des Ortes nicht viel zu tun und Cole war gern bereit, zusätzliche Aufgaben zu erledigen, um seinem Chef den Rücken frei zu halten. Oft ging Dunn schon früh nach Hause und brütete mit Brungk und Sequel über den Karten des Gebietes, in dem aller Voraussicht nach die Skrii-Waffe auftauchen würde.
Sequel entschied schließlich, dass sie es etwa in der Mitte des Mirror Plateau im Ostteil des Nationalparks versuchen sollten. Es lag fernab aller Straßen und auch Sehenswürdigkeiten für Touristen gab es im weiten Umkreis nicht. Da man mit dem Erscheinen einer gewaltigen Maschine rechnen musste, die nach Möglichkeit nicht entdeckt werden sollte, war eine weitgehend unerschlossene Gegend ideal für die Skrii.
Dunn deutete auf die Karte. »Wir fahren nach Norden bis zur Interstate 90 und von dort nach Westen bis Sheridan. Von dort müssen wir über kleinere Straßen weiter. Ich schlage vor, wir suchen ein Quartier außerhalb des eigentlichen Parks - also hier in Codi oder Wapiti. Das sind zwar kleine Nester, aber ein Hotel oder Motel werden wir dort sicher finden. Wir können uns als Naturliebhaber ausgeben, die dort durch die Wildnis wandern wollen. In gewisser Weise stimmt das ja sogar.«
Sequel und Brungk nickten.
»Die Entfernung zu unserem Zielgebiet ist nicht sehr groß«, sagte Sequel. »Wir könnten in einem Zug eine Ortsversetzung bis auf das Plateau schaffen. Was meinst du?«
»Kein Problem«, meinte Brungk. »Wir könnten sogar Dunn und unsere Ausrüstung mitnehmen.«
»Was ist, wenn ihr euch mit dem Plateau getäuscht habt und das Ding im Südwesten des Parks auftaucht?«, fragte Dunn. »Bekommt ihr das mit?«
»Das liegt in unserem Radius«, sagte Sequel. »Wir könnten sofort dorthin weiterziehen.«
Dunn schlug mit der Hand auf den Tisch. »Dann sollten wir morgen aufbrechen. Ich hab den Wagen schon vollgetankt und Vorräte für die Reise sind im Kühlschrank. Wir sollten früh schlafen gehen, damit wir morgen frisch und ausgeruht sind.«
Sie trafen noch weitere Vorbereitungen, packten das Fahrzeug und legten zweckmäßige Kleidung bereit.
Mitten in der Nacht wurde Dunn wach. Er hatte normalerweise einen festen Schlaf und wurde in der Regel nicht einfach wach. Er blickte an die Decke, wo durch seinen Projektionswecker die Uhrzeit angezeigt wurde. Es war 02:10 Uhr, also noch eine Menge Zeit bis zum Aufstehen. Er rollte sich von seiner rechten auf die linke Seite und stieß gegen ein Hindernis. Irritiert tastete er mit der Hand danach und zuckte erschreckt zurück. Seine Hand hatte warme, weiche Haut berührt. Der Körper neben ihm bewegte sich leicht und rückte näher an ihn heran.
Dunn wusste nicht, was er davon zu halten hatte. Offenbar war Sequel zu ihm ins Bett geschlüpft. Mehr als einmal hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie alles andere als romantisch veranlagt war und eine Beziehung über die Zeitalter hinweg nicht infrage kam. Was also hatte es zu bedeuten?
»Kannst du mich in den Arm nehmen?«, fragte sie zaghaft.
»Bist du sicher?«
Statt einer Antwort schmiegte sie sich in seinen Arm, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als sie an sich zu drücken. Es war ihm natürlich nicht unangenehm, zumal sie nackt war. Er verstand es nur nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte er sie.
»Ich weiß nicht«, gab sie unsicher zu. »Es ist wegen der Fahrt morgen, der Mission und ... Ich glaube, ich verspüre Angst. Ich habe Angst vor der Aufgabe, die vor uns liegt. Man hatte uns auf vieles vorbereitet, nur nicht auf Emotionen. Ich kann es nicht einmal konkret fassen. Da ist eine schreckliche Angst, zu versagen, zu sterben.« Sie blickte zu ihm auf und versuchte, im schwachen Licht der Nacht, sein Gesicht zu sehen.
»Hast du keine Angst?«
»Doch. Ich habe auch Angst. Ich wollte es nur nicht zeigen, weil ihr immer so tough gewesen seid. Wie kommt es, dass du zu mir gekommen bist?«
»Mit Brungk würde es nicht klappen. Bei dir hab ich das Gefühl, ich könnte meine Ängste loslassen. Darf ich bei dir bleiben? Ich bin auch ganz ruhig und lass dich schlafen.«
Dunn lachte leise und drückte die Frau fester an sich. »Dir ist schon klar, dass du es mir in diesem Aufzug nicht leicht machst?«
»Muss ich wieder gehen?«, fragte sie enttäuscht.
»Nein, natürlich darfst du bleiben.« Er strich ihr mit seiner freien Hand sanft über das Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie versteifte sich einen Augenblick, entspannte jedoch gleich wieder und schlief seufzend ein. Dunn blieb noch eine Weile wach und dachte über die seltsame Situation nach, in der er sich befand. Schließlich schlief auch er ein.
Als er am Morgen wach wurde, fiel ihm gleich ein, dass Sequel sich in der Nacht zu ihm ins Bett geschlichen hatte. Das Gefühl ihres warmen Körpers an seinem war noch angenehm präsent in ihm. Vorsichtig tastete er mit der Hand nach dem Platz neben sich, fand aber nur eine kalte Matratze. Sequel war genauso unbemerkt verschwunden, wie sie auch gekommen war. Dunn fühlte Enttäuschung. Zwar bildete er sich nicht ein, dass der nächtliche Besuch für sie etwas bedeutet hatte, doch hätte er sich gefreut, sie beim Erwachen noch neben sich vorgefunden zu haben.
Er setzte sich auf die Bettkante und versuchte, seinen Kopf klar zu bekommen. Er fragte sich, ob er unbewusst tatsächlich geglaubt hatte, diese Frau aus der Zukunft könnte in ihm mehr sehen als einen unbedeuteten Menschen aus ihrer fernsten Vergangenheit - eine Art von Halbwildem. Andererseits: Wieso war sie in der Nacht zu ihm gekommen? Sie hatte Trost gesucht. War sie wirklich so verschieden von den Frauen, die er kannte? Er schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn, darüber Mutmaßungen anzustellen. Zunächst galt es, die Gefahr für die Menschheit abzuwenden.
Dunn lachte humorlos auf, als er diesen Gedanken hatte. Es war hochgradig lächerlich, sich im Zusammenhang mit der Rettung der Welt zu sehen. Es fühlte sich reichlich eigenartig an.
Die Tür öffnete sich und Sequel trat ein. Sie war bereits vollständig angezogen und trug ein kariertes Hemd aus seinem Schrank, das ihr viel zu groß war, und Shorts, die sie sich im Ort gekauft hatte. Dazu trug sie feste Schuhe. Ihre langen Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten. Wäre nicht ihr weißblondes Haar gewesen ... Er hätte gedacht, Lara Croft wäre von der Leinwand herabgestiegen.
»Ich bin schon reisefertig«, verkündete sie munter. »Das Frühstück wartet in der Küche auf dich. Ich hoffe, ich hab alles richtig gemacht. Oft genug zugesehen hab ich ja.«
Dunn erhob sich und sah sie prüfend an. »Alles in Ordnung, Sequel?«
»Warum fragst du?«
»Wenn ich das heute Nacht nicht geträumt habe, dann ...«
»Ach das. Ja, ich bin wieder in Ordnung. Vermutlich ist mir die Verantwortung einfach über den Kopf gewachsen. Ich bekam einfach Panik, eine Erfahrung, die ich bisher noch nicht kannte. Danke, dass du mir den Halt gegeben hast, den ich brauchte.«
Dunn nickte. »Keine Ursache.« Damit war auch geklärt, dass Sequels Verhalten nichts mit ihm zu tun hatte. Er stand halt zur Verfügung. Das war alles.
Er folgte ihr in die Küche und pfiff anerkennend, als er den gedeckten Tisch sah. Sequel hatte gut aufgepasst, denn es fehlte absolut nichts. Sie hatten am Tag zuvor beschlossen, vor ihrer Abfahrt noch ein reichhaltiges Frühstück einzunehmen, da sie nicht wussten, was in den nächsten Tagen auf die zukommen würde.
»Was ist mit Brungk?«, fragte Dunn. »Er wird doch nicht noch schlafen?«
Sequel verzog das Gesicht, wie er es bei ihr bisher noch nicht gesehen hatte. »Er wollte noch in den Ort laufen und etwas erledigen, wie er es nannte.«
»Etwas erledigen?«
»Brungk ist unprofessionell!«, schimpfte sie. »Hast du es etwa nicht mitbekommen? In den letzten Wochen ist er immer häufiger in den Ort gegangen.«
»Warum auch nicht? Ich muss gestehen, dass ich es begrüßt habe, dass er sich bemüht hat, sich an unsere Gemeinschaft anzupassen. Von dir kann ich das nicht unbedingt behaupten. Du bist in allem, was du tust, schrecklich distanziert. Aber du solltest überlegen, dass du eine von uns werden musst, wenn die Aufgabe erfüllt ist. Für dich wird es keinen Weg zurück in deine Heimatzeit geben. Oder war das gelogen? Werdet ihr wieder verschwinden?«
»Ob ich gelogen habe? Es ist gemein, mir das zu unterstellen. Ich kann aus verschiedenen Gründen nicht mehr zurück. Es wäre selbst dann nicht möglich, wenn es eine Zeitreise zurück in meine Zeit gäbe.«
Dunn stutzte. »Und warum wäre das nicht möglich?«
Sequel setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. »Ich hatte dir erzählt, dass die Menschen die Erde verlassen haben. Wir waren am Ende so viele geworden, dass ein Exodus unvermeidbar war. Mit der Entdeckung neuer Antriebssysteme und anderen Errungenschaften gelang es, das All zu erforschen. Man fand geeignete Planeten in anderen Sonnensystem, weit entfernt vom heimatlichen Sonnensystem. Die Besiedelung der neuen Welten gelang, forderte aber auch ihren Tribut, denn keine Welt ist wie die Erde. Mal ist die Schwerkraft auf der Oberfläche zu hoch oder zu niedrig. Mal ist die Zusammensetzung der Luft von der irdischen Luft so verschieden, dass man entweder immer mit Luftaufbereitern herumlaufen muss, oder ... man passt sich an. Wir entschieden uns für die Anpassung. Wir sorgten dafür, dass die nächste Generation mit genetischen Veränderungen aufwuchs, die sie an die Gegebenheiten der neuen Heimatwelt anpasste.  Inzwischen sind Millionen Jahre vergangen. Manche der besiedelten Welten sind inzwischen wieder unbewohnt, weil Krankheiten, Katastrophen oder leider auch Kriege ihre Bevölkerung ausgelöscht haben. Auf anderen Welten ist die Adaption an die Natur inzwischen perfekt gelungen. Es gibt in der Zukunft keine einheitliche Menschheit mehr, sondern es existieren zahlreiche Rassen mit zum Teil extrem voneinander abweichenden Körpermerkmalen. Menschen wie Brungk und mich gibt es auf keiner unserer Welten mehr. Diese Linie ist vor vielen Jahren ausgestorben.«
Dunn sah sie ungläubig an. »Und woher stammt ihr dann?«
»Oh, keine Angst. Wir sind echte Menschen, aber wir wurden genetisch nach den ältesten verfügbaren Daten geschaffen, die wir finden konnten. Bis zu unserer Reise mussten wir in speziell geschaffenen Ressorts leben, in denen die Lebensbedingungen der alten Erde simuliert wurden. Wir sollten schließlich auf der alten Erde leben können. Keine der in meiner Zeit lebenden Rassen könnte hier überleben. Als ich sagte, wir wären für die Mission entworfen und geschaffen worden, meinte ich das genau so. Einen Weg zurück gibt es für uns nicht. Ich würde auch gern darauf verzichten, nachdem ich in den letzten Wochen erleben durfte, wie das Leben sein kann, wenn man es nicht in einem künstlichen Gefängnis führen darf.«
Dunn nickte. »Das hab ich verstanden. Ich verstehe aber noch nicht, warum du dich so über Brungk aufregst.«
Sequel verzog wieder das Gesicht. »Was er zu erledigen hat, trägt den Namen Melanie. Er trifft sich mit einer Typ A aus dem Supermarkt. Ich hab sogar den Verdacht, es sind typübergreifende Emotionen im Spiel.«
Dunn verschluckte sich fast. »Typübergreifende Emotionen? Sequel, du bist wirklich eine hoffnungslose Romantikerin! Es macht dir Probleme, dass unser cooler Brungk sich vielleicht in die Kassiererin vom U-Store verknallt hat? Wirklich? Er trifft sich mit Melanie Ryback? Das hätte ich nie vermutet. Und was stört dich daran? Du wirst doch nicht etwa eifersüchtig sein?«
»Das ist lächerlich. Er gefährdet die Mission, indem er seine Konzentration in Bahnen lenkt, die nicht der Aufgabe dienen.«
»Sequel bleib auf dem Teppich.«
»Warum soll ich auf einem Teppich bleiben?«
Dunn verdrehte die Augen. »Das ist eine Redensart, wenn man sagen will, dass der andere übertreibt. Ich denke nicht, dass Brungk seine Mission gefährdet. Aber im Gegensatz zu dir ist er offenbar bereit, sich zu erden - an ein Leben nach der Mission zu glauben.«
Sie knurrte leise. »Wir sind zunächst nur unserer Mission verpflichtet. Ich halte es für unverantwortlich, Kontakte zu knüpfen.«
»Ich hoffe, du siehst irgendwann ein, dass deine Einstellung nicht gesund ist«, sagte Dunn. Er griff einen Toast und begann, zu frühstücken. Auch Sequel begann zu essen, und eine Weile sagte niemand von ihnen ein Wort.
Sie waren fast fertig, als sie ein Motorengeräusch hörten, das schnell näherkam. Sequel und Dunn erhoben sich und blickten aus dem Fenster. Es war ein alter Honda, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der Lack wirkte stumpf, und zahlreiche Roststellen zierten die Motorhaube. Vor dem Haus hielt der Wagen an und Brungk stieg auf der Beifahrerseite aus und eine junge Frau kletterte hinter dem Steuer hervor.
»Das ist Melanie«, sagte Dunn. »Sicher hat Brungk ihr gesagt, dass er für eine Weile verreisen muss. Wirst du dich zusammenreißen können und nicht wieder diese Missbilligung ausstrahlen? Melanie ist ein nettes Mädchen. Sie ist die Tochter von Lawrences Schwager, und hat ein paar schlechte Erfahrungen mit Männern hinter sich.«
»Ich hab es verstanden«, zischte Sequel. »Ich bin nicht dumm.«
»Das hab ich auch nie behauptet. Ganz im Gegenteil: Du bist verdammt intelligent, aber im zwischenmenschlichen Bereich hast du Defizite.«
Brungk und Melanie kamen Hand in Hand die Stufen zur Veranda herauf, und Dunn öffnete die Tür. »Kommt herein!«
»Mel wollte mich unbedingt nach Hause fahren«, sagte Brungk entschuldigend. »Ich hab ihr schon gesagt, dass wir gleich starten werden, aber sie meinte, das störe sie nicht.«
»Hallo Wayne«, grüßte Melanie, wandte sich dann an Sequel. »Auch an dich ein Hallo. Es stört euch doch nicht, dass ich meinen Freund nach Hause gefahren habe, oder? Ich wollte mich so spät wie möglich von ihm verabschieden.«
Sequel brachte ein Lächeln zustande und hielt Mel die Hand hin. »Schön, dich kennenzulernen.«
»Wieso habt ihr Wayne nicht schon früher mal besucht?«, fragte Melanie. »Ich hätte mich dann ganz sicher nicht mit diesem Ekel Dexter eingelassen. Und ihr müsst wirklich schon wieder wegfahren? Gerade jetzt, wo Brungk und ich uns kennengelernt haben?«
Brungk griff Melanies Hände und zog sie an sich. »Ja, es muss sein, aber ich verspreche dir, zurückzukommen, wenn Sequel und ich unseren Job erledigt haben. Wir sind leider nicht nur zum Vergnügen hier. Wünsch uns einfach Glück.«
Sie küsste ihn. Anschließend blickte sie ihn fragend an. »Und du willst mir nicht sagen, was ihr tun müsst?«
Er schüttelte den Kopf. »Irgendwann werde ich es dir erzählen. Versprochen. Aber jetzt kann ich es nicht. Vertrau mir einfach. Wir sind keine Kriminellen. Frag Wayne.«
Melanie blickte zu Wayne, der nachdrücklich den Kopf schüttelte. »Sind sie ganz sicher nicht. Sie sind die Guten, das darfst du mir glauben. Gib deinem Freund noch einen Abschiedskuss, denn wir werden sofort starten.«
»Darf ich wenigstens erfahren, wohin ihr fahrt?«
»Bitte Mel«, sagte Dunn. »Bohre nicht nach. Du wirst später alles erfahren.«
Sie zuckte resignierend die Schultern und lehnte sich an Brungk, der sogleich seine Arme um das Mädchen schloss.
Dunn stieß Sequel an. »Komm, wir lassen den beiden einen Augenblick. Wir können auch am Wagen warten.«
Sie liefen zum Wagen, der eine Menge Zeug auf der Ladefläche hatte. Dunn hatte seinen Cherokee-Pick-up mit allem gepackt, das sie in den folgenden Tagen gebrauchen konnten. Er nahm am Steuer Platz und Sequel kletterte auf den Beifahrersitz. Ein paar Minuten später kamen Brungk und Melanie aus dem Haus. Brungk zog die Tür hinter sich zu und kam zu ihnen. Melanie blickte traurig hinter ihm her und hob winkend ihre Hand.
Kaum war Brungk an Bord, ließ Dunn den Motor an und fuhr los.
»Hätten wir nicht noch den Tisch abräumen müssen und das Haus verschließen?«, fragte Sequel. »Sonst hatten wir das immer getan, wenn wir alles das Haus verließen.«
»Lawrence wird sich darum kümmern. Er besitzt einen Schlüssel. Ich hatte es mit ihm abgesprochen.«
Die Fahrt war recht eintönig und langweilig. Brungk legte sich nach einiger Zeit auf die Rückbank und schlief etwas, während Sequel in einem fort die Karten studierte, die im Handschuhfach von Dunns Wagen gelegen hatten.
»Was suchst du in den Karten?«, fragte Dunn. »Bis zum Ziel sind es noch über fünfhundert Meilen.«
»Es gibt eine Sache, die ich dir noch nicht erzählt hatte. Auch wir benötigen noch Ausrüstung. Es gibt eine Kapsel mit Gegenständen, die wir für unsere Arbeit benötigen werden. Diese Kapsel ist schon lange vor uns hier angekommen und ich habe versucht, herauszufinden, wo sie zu finden ist. Offenbar haben meine Leute in der Zukunft ihren Job gut gemacht, denn wir fahren im Grunde daran vorbei.«
»Verdammt Sequel! Was gibt es noch alles, das du mir noch nicht erzählt hast?«
»Nur diese Sache noch. Es sind äußerst gefährliche Gegenstände und ich wollte nicht riskieren, dass irgendwer davon erfährt, nur weil er zufällig zugehört hat. Kannst du das verstehen?«
»Nicht so richtig, wenn ich ehrlich bin. Und was zum Teufel müssen wir noch abholen?«
Sie deutete auf die Karte. »Kurz hinter Sheridan durchfahren wir einen Nationalpark. Irgendwo neben der Route liegt die Kapsel. Ich werde sie spüren, wenn ich in ihre Nähe gelange.«
»Und um was handelt es sich? Waffen?«
Sie presste die Lippen zusammen. »Ja, es sind Waffen, die es in eurer Zeit noch nicht gibt. Sie dürfen nicht in fremde Hände fallen und wir müssen sie auch vernichten, wenn wir sie nicht mehr benötigen.«
»So gefährlich?«
»In den falschen Händen noch gefährlicher ...«
Dunn musste grinsen. Sequel passte sich allmählich an die Verhaltensweisen der Zeit immer besser an, und dieses Typ-A-Typ-B-Gerede würde er ich auch noch abgewöhnen. Aber erst würden sie noch einen Kampf auszufechten haben. Er durfte nicht daran denken, denn im Grunde wusste er noch immer nicht, was auf sie zukam.
Seit Stunden schon führte der Highway durch eine staubtrockene Mondlandschaft und ihre Stimmung sank allmählich. Sheridan lag inzwischen hinter ihnen und sie näherten sich dem Nationalpark, von dem Sequel gesprochen hatte. Ihr Gesicht drückte intensive Konzentration aus, als rechnete sie jeden Moment damit, dass sie die Kapsel spüren könnte. Brungk saß hinten und versuchte ebenfalls, die Kapsel zu orten.
Es dauerte noch einige Zeit und sie steckten schon tief im Park, als beide plötzlich aufschrien. Dunn wäre vor Schreck fast in den Graben gefahren.
»Die Kapsel! Wir spüren die Kapsel! Fahr rechts ran und warte!«
»Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Schaut euch mal die Straße an. Wo soll ich hier halten? Wir müssen diesen Serpentinenbereich hinter uns lassen, dann finden wir sicher eine geeignete Stelle.«
»Was, wenn wir sie dann nicht mehr spüren?«
»Dann haben eure Leute ihren Job doch nicht so gut gemacht, wie ihr geglaubt habt.«
Dunn hielt am ersten Halteplatz, den er finden konnte. »Und? Spürt ihr es noch?«
Sequel nickte. »Ja, aber sie steckt irgendwo dort in den Hängen. Ich werde sie mit Brungk holen müssen.«
Sie schnallte sich ab und kletterte über ihren Sitz nach hinten, wo Brungk bereits Platz gemacht hatte. Ohne sich weiter zu verständigen, legten sie ihre Stirn aneinander und leiteten eine Verschmelzung ein. Dunn sah den beiden zu, wie sie sich ineinander versenkten und zu etwas anderem wurden. Für einen Moment schienen sie zu flackern, dann waren sie verschwunden. Mit einem schmatzenden Laut füllte die umgebende Luft den Raum, den eben noch die Körper der beiden eingenommen hatten. So also sah eine Ortsversetzung aus, von der Sequel gesprochen hatte. Ihm war bewusst, dass es eine Weile dauern konnte, bis seine Passagiere zurückkehren würden, doch nach drei Stunden wurde er nervös. Er befürchtete, dass den beiden etwas zugestoßen sein konnte, und er konnte nicht das Geringste tun, weil er nicht einmal wusste, wohin sie sich transportiert hatten. Noch eine weitere Stunde verging und es war bereits nicht mehr damit zu rechnen, dass sie noch bei Tageslicht ihr Ziel in Codi oder Wapiti erreichen würden, als neben dem Auto plötzlich ein merkwürdiges Leuchten in der Luft lag. Kleine Blitze zuckten daraus hervor und schlugen in die Karosserie, den Boden und nahe stehende Bäume ein. Dunn starrte wie gebannt in dieses Leuchten und er hoffte, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment ein Auto seinen Standort passieren würde. Es roch nach Ozon und mit einem leichten Knall erschienen Sequel und Brungk, zusammen mit einer schweren Tasche. Sie wankten ein wenig, als sie die Tasche zum Wagen trugen und auf den Rücksitz des Cherokee wuchteten.
»Das war heftig«, sagte Brungk. »Wir sind total ausgelaugt. Die Ortsversetzung mit so schwerem Gepäck hätte uns beinahe das Bewusstsein geraubt.«
»Also habt Ihr die Ausrüstung gefunden?«, fragte Dunn.
»Haben wir«, nickte Sequel. »Das Zeug lag sicher schon seit ein paar Hundert Jahren in der Kapsel hier herum, aber es handelt sich um das Modernste, was unsere Waffentechniker in unserer Zeit zu bieten haben. Wir werden die Sachen allerdings noch auf ihre Funktionsfähigkeit testen müssen, bevor es ernst wird.«
Dunn warf einen neugierigen Blick auf den Rücksitz, wo Brungk bereits dabei war, alles zu begutachten. »Was sind denn das für Waffen?«
Brungk hielt eine handliche Faustwaffe hoch, die entfernt an einen futuristischen Revolver erinnerte. »Das hier ist ein Materie-Destabilisator. Man muss äußerst vorsichtig damit umgehen. Wird man davon getroffen, gibt es keine Rettung mehr.«
Er hielt noch weitere Gegenstände hoch, die zum Teil nicht als Waffen erkennbar waren. »Neuro-Stimulator, Schockwellenbombe, Destabilisatorbombe, Lähmungs-Strahler, Spezialanzüge. Eine gute Auswahl für den Einsatz.«
»Anzüge? Ich sehe keine Anzüge.«
Sequel lachte. »Das war selbst bei uns das absolut Neueste. Man schlüpft nicht mehr mühsam in einen Einsatzanzug hinein, sondern materialisiert ihn um sich herum über einen speziellen Projektor, den man am Gürtel trägt. Er passt sich dabei perfekt an die Gestalt des Trägers an. Solche Anzüge sind kleine Wunderwerke. Sie dienen dem persönlichen Schutz, der Kommunikation untereinander und der Orientierung, da der Helm über eine Vorrichtung verfügt, die jegliche Art von Wellen als sichtbares Licht darstellen kann. Wer so einen Anzug trägt, kann auch in der tiefsten Nacht hervorragend sehen. Müßig, dir alles zu erklären, da der Anzug fast alle notwendigen Maßnahmen automatisch trifft. Die Energiezelle reicht für etwa einen Monat, aber bei extremer Belastung kann das schnell auf wenige Stunden schrumpfen.«
Sie betrachtete ihn. »Du wirst diesen Anzug lieben, glaub mir.«
»Dann habt ihr mir einen solchen Anzug mitgebracht? Ich dachte, ihr zwei wärt die eigentlichen Kämpfer.«
»Sind wir auch, aber du bist nun mal dabei und dann solltest du auch dieselben Möglichkeiten nutzen können wie wir. Sobald wir aus diesem Park heraus sind, sollten wir uns mit unserer Ausrüstung vertraut machen.« Sie griff die Karte und studierte sie einen Moment. »Dieses Fahrzeug kann doch auch durchs Gelände fahren, oder?«
»Ja.«
»Dann sollten wir hinter dem Ort Greybull ein Stück in die Berge fahren, wo uns niemand zuschauen kann.«
Dunn blickte auf die Karte und nickte. »Anspruchsvolles Gelände, aber das bekomm ich hin. Eine halbe Stunde abseits der Straße wird uns niemand mehr beobachten können.«
Sequel lächelte. »Dann los! Ich will sehen, wie du mit Waffen aus der Zukunft zurechtkommst.«
Dunn startete den Wagen und fuhr wieder los. Auf den Straßen in dieser Gegend war nicht viel Verkehr und manchmal kam ihnen eine Viertelstunden lang kein einziges Fahrzeug entgegen. Hinter Greybull verließ Dunn die Hauptstraße und bog auf eine Dirt-Road ab, die in die Berge führte. Die Fahrt wurde schnell sehr holprig und sie wurden arg durchgeschüttelt. Hinzu kam, dass die Lichtverhältnisse allmählich schlechter wurden. Er fuhr eine knappe halbe Stunde, bis er einen kleinen Talkessel erreichte, der von steilen, felsigen Hängen umsäumt war.
»Hier ist es zum Üben ideal!«, rief Sequel. »Lass uns hier bleiben.«
Dunn stoppte und schaltete den Motor aus. Sie stiegen aus und sahen sich aufmerksam um. Wie es schien, waren sie tatsächlich vollkommen allein.
Brungk öffnete die hintere Tür und zog die Tasche mit den Waffen heraus. Er nahm drei Gürtel mit einem kleinen Kasten an der Seite heraus und reichte jedem einen davon.
Sequel legte ihren Gürtel um, der sich automatisch passend einstellte. Sie deutete auf Dunn. »Auch du solltest den Gürtel anlegen. Das Gerät muss dich beim ersten Mal vermessen, damit der Start des Anzuges später auf Knopfdruck erfolgen kann.«
Dunn legte sich den Gürtel um die Taille und spürte, wie sich das Gerät zusammenzog, bis es perfekt passte. »Und was muss ich jetzt tun?«
Brungk sagte: »Pass einfach auf und schau es dir an.« Er drückte einen Knopf auf dem kleinen Kasten an seiner Seite und hielt dann Arme und Beine leicht gespreizt. Vom Kasten schien eine leicht leuchtende Gallertmasse auszugehen, die sich in kurzer Zeit über den gesamten Körper ausbreitete. Brungk war jedoch nicht im Geringsten beunruhigt, selbst als die Masse sein Gesicht erreichte und schließlich seinen Kopf komplett umschloss.
»Diese Masse ist nicht materiell«, sagte er. »Es wirkt nur so, als könnte sie dich ersticken. Es gehört zum Vermessen meines Körpers. Jetzt muss ich mich einmal komplett durchbewegen.«
Im nächsten Moment begann Brungk mit Turnübungen - jedenfalls wirkte es so. Er  vermittelte dem Anzugprogramm dadurch alle wichtigen Informationen zu Bewegungserfordernissen, damit es später nicht zu Behinderungen kam. Als der Anzug genügend Informationen gesammelt hatte, leuchtete die Masse einen Moment lang heller und verwandelte sich daraufhin in ein anderes, undurchsichtiges Material, dass Brungks Körper wie aus einem Guss umschloss. Er wirkte wie eine Puppe ohne Gesicht. Alles an ihm war glatt und abgerundet. Es wirkte unheimlich.
Dunn sah Sequel fragend an. »Was ist mit ihm geschehen? Ist etwas schiefgegangen?«
»Ich bin vollkommen in Ordnung«, drang Brungks Stimme aus dem Anzug. Wie, um seine Behauptung zu beweisen, begann er sich zu bewegen. »Der Anzug ist ein abgeschlossenes System und macht mich von allen äußeren Einflüssen unabhängig. Ich schlage vor, ihr legt auch eure Anzüge an. Nur so ist eine Zusammenarbeit möglich.«
Sequel nickte. »Er hat recht. Wir sollten es ihm gleichtun.« Ohne zu zögern, drückte auch sie den Knopf und die leuchtende Masse trat aus dem Kasten. Dunn sah noch einen Moment zu, holte tief Luft und drückte ebenfalls den Knopf an seinem Gürtel. Ein leichtes Kribbeln lief durch seinen Körper und überall dort, wo das Leuchten seine Haut erreichte, fühlte er eine eigenartige Kühle. Als sein Kopf an der Reihe war, hielt er den Atem an, doch als er es nicht mehr aushielt, stellte er fest, dass diese Masse in Wahrheit nur ein Energiefeld war und ihn nicht behinderte. Sequel war bereits dabei, ihren Körper zu bewegen und so beeilte er sich, es ebenfalls zu tun. Nachdem er das hellere Aufflackern bemerkt hatte, schien nichts mehr zu geschehen. Das Kribbeln seines Körpers hörte auf und er fragte sich, ob sein Gürtel vielleicht defekt war. Er sah zu Sequel und Brungk und konnte sie klar erkennen. Brungks Anzug war nur noch als schwaches Schemen um seinen Körper wahrnehmbar.
Sequel trat auf ihn zu und berührte ihn leicht am Arm.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Wayne?«
Dunn zuckte zurück. Die Frage war direkt in seinem Kopf entstanden. »Was war das?«
»Das muss dich nicht beunruhigen. Die Anzüge verbinden sich mit deinem Gehirn und ermöglichen eine Kommunikation durch Gedanken zwischen den Trägern der Anzüge. Auch die Steuerung der Waffen kann durch Gedankenbefehl vorgenommen werden. Du musst dazu nur einmal eine Waffe in die Hand genommen haben, während du den Anzug trägst. Dadurch verbindest du dich mit deiner Waffe und nur noch du kannst sie benutzen.«
Dunn keuchte auf. »Verdammte Scheiße, was macht ihr mit mir? Muss das wirklich sein, mit Gedanken miteinander zu sprechen? Für euch mag das normal sein, aber ich mag es nicht, jemanden in meinem Kopf zu haben.«
»Wayne, niemand ist in deinem Kopf. Wir empfangen nur, was du an uns richtest, und du empfängst nur, was wir an dich richten. Versuch es wenigstens mal. Es könnte im Einsatz wichtig werden.«
Sequel sah ihn verständnisvoll an. »Ich verstehe dich ja, aber wir haben so wenig Zeit, mit den Systemen zu üben. Du schaffst es ganz sicher.«
Dunn nahm all seinen Mut zusammen und konzentrierte sich darauf, die Antwort nicht laut auszusprechen. »Ich werd mein Bestes geben, mich daran zu gewöhnen.«
Brungk schlug ihm mit der Hand auf den Rücken. »Das war schon sehr gut. Ich denke, du schaffst es.«
Er händigte Dunn eine Handfeuerwaffe aus, die gut in der Hand lag. Sie verfügte über einen kurzen, gedrungenen Lauf mit einer metallenen Spitze und einem Griff, der sich automatisch an seine Hand anpasste. »Das ist ein Materie-Destabilisator. Er ist jetzt auf dich geprägt. Such dir einen Felsen aus, der etwas weiter entfernt ist, und ziele darauf.«
Dunn wog die Waffe in seiner Hand. Sie wirkte überaus handlich. In etwa einem Kilometer Entfernung sah er einen Felsvorsprung. Er hob die Waffe und versuchte, damit zu zielen. Kimme und Korn, wie bei Waffen, die er kannte, gab es nicht. Dafür schien sein Anzug zu bemerken, dass er schießen wollte und blendete vor seinen Augen ein taktisches Display ein. Darauf wurden die Umrisse des Felsvorsprungs durch einen roten Rand hervorgehoben.
»Der Anzug orientiert sich an deinen Augen«, übermittelte Brungk. »Du visierst mit den Augen an. Das Ziel wird vorgeschlagen. Ist es nicht korrekt, ändere deinen Blick, bis es passt. Mit etwas Übung klappt das in Sekundenbruchteilen. Wenn das Ziel ausgewählt ist, übermittelt dein Gehirn es dem System automatisch. Versuch es mal. Den Schießbefehl gibst du auch mit Hilfe der Gedanken. Halte dazu die Waffe locker. Nicht verkrampfen. Um den Felsen ist es sicher nicht schade.«
Dunn hatte noch immer den roten Rand um den Felsen. Konzentriert dachte er daran, dass dies sein Ziel ist und der Rand begann in seinem Display zu blinken. »Schuss!«, dachte er. Sein Arm änderte wie von Geisterhand bewegt, geringfügig den Winkel und ein kurzer Lichtstoß fuhr aus der Waffe in den weit entfernten Felsen. Er spürte nichts dabei, aber der Felsen leuchtete grell auf und schien zu zerfließen. Einen Moment später löste er sich in einer gewaltigen Explosion einfach auf und die Reste zerstoben mit dem Wind.
»Mein Gott!«, entfuhr es ihm. »Diese Waffe ist ja furchtbar!«
Sequel nickte. »Du hast sie gegen einen ungeschützten Felsen abgefeuert. Unser Gegner wird jedoch ein Schutzfeld einsetzen, das nicht ohne Weiteres durch diese Waffe durchdrungen werden kann. Wir werden vermutlich alle destabilisierenden Bomben einsetzen müssen, die wir haben.«
»Und wenn das nicht reicht?«, wollte Dunn wissen.
»Dann haben wir genauso versagt, wie viele vor uns. Dann können wir nur hoffen, dass sie noch weitere Teams schicken können, bevor die Skrii-Maschine ihr zeitliches Ziel erreicht.«
Sie übten noch eine Weile, und einige Felsen wurden noch zerstört. Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg, bevor jemand neugierig wurde, wieso in dieser verlassenen Gegend heftige Explosionen erfolgten. Den Anzug wieder loszuwerden, war ein Kinderspiel. Der gedankliche Befehl ›Anzug aus‹ ließ ihn von einem Moment zum anderen verschwinden.
Dunn fuhr zur Hauptstraße zurück und sie setzten ihre Fahrt zum Ziel fort. Es war bereits stockfinster, als sie Cody erreichten. Sie beschlossen hier zu übernachten, bevor sie eine Ortsversetzung in den Yellowstone-Park durchführen wollten.
Sie buchten ein großes Doppelzimmer im Beartooth-Inn, direkt am Ufer des Beck-Lake und beschlossen, sich gut auszuruhen, bevor es weitergehen sollte. Zum Glück standen in amerikanischen Doppelzimmern im Grunde zwei Betten im Doppelbettformat, so dass sie ausreichend Platz zum Schlafen fanden, ohne ein zweites Zimmer buchen zu müssen. Dunn hatte gedacht, dass er und Brungk sich ein Bett teilen würden und Sequel das andere überlassen, doch stellte er überrascht fest, dass Brungk sich kommentarlos in das zweite Bett legte. Sequel zog ihre Sachen aus und stand einen Moment unschlüssig im Raum. Als sie ihre Entscheidung getroffen hatte, wählte sie die rechte Seite von Dunns Bett. Dunn fragte sich, ob das etwas zu bedeuten hatte, oder ob es nur Zufall war. Schon in Thedford war sie zu ihm geschlüpft, als sie Trost gebraucht hatte. Seine Gedanken brachten ihn nicht weiter. Zu sehr hatte ihn die Fahrt ermüdet, und so schlief er nach wenigen Augenblicken fest ein.
Am Morgen erwachte er, als er ein Kitzeln im Gesicht spürte. Als er die Augen öffnete, lag Sequel dicht an ihn gekuschelt und ihre weißblonde Haarmähne hatte sich zwischen ihnen ausgebreitet. Seine Bewegung weckte auch sie und sie hob verschlafen den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, aber Dunn konnte nicht deuten, was in ihr vorging. Offenbar hatte sie in der Nacht seine Nähe gesucht, doch er hatte es nicht bewusst bemerkt.
Sie lächelte kurz und wandte sich dann ab. Mit einem Ruck erhob sie sich und setzte sich auf die Bettkante. Dunn bewunderte ihren makellosen Rücken und spielte einen Moment mit dem Gedanken, mit seiner Hand darüberzustreichen. Doch sie stand auf und lief leichtfüßig ins Bad, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen. Dunn wälzte sich auf den Rücken und fragte sich, was ihn eigentlich mit dieser Frau verband. Zu gern hätte er gewusst, was hinter ihrer Stirn vorging. Immer, wenn er glaubte, sie zeige normale Verhaltensmuster, wie er sie von den Frauen kannte, mit denen er mal befreundet war, gab es eine kalte Dusche und sie ließ durch keine Geste erkennen, ob ihr etwas an ihm lag. Vermutlich war das auch nicht der Fall. Vielleicht sollte er in Zukunft darauf achten, dass sie ihm nicht mehr so nah kommen konnte. Etwas mehr Distanz konnte für seine geschundenen Nerven nur heilsam sein.
Als sie mit nassen Haaren aus dem Bad zurückkehrte, trug sie bereits wieder Shorts, Top und dicke Socken in Wanderschuhen. Sie ging zu Brungks Bett und weckte ihn unsanft. »Hey du Schlafmütze! Aufstehen!«
Brungk schlug die Augen auf und setzte sich übergangslos auf die Bettkante. »Wann starten wir?«
»Wir haben Frühstück gebucht«, warf Dunn ein. »Ohne dieses Frühstück geh ich nirgendwo hin.«
Zwei Stunden später fuhren sie mit dem Wagen auf den Park zu und stellten ihn kurz hinter der Wapiti-Lodge auf einem einsamen Wanderparkplatz ab. Ihre Ausrüstung hatten sie bereits zurechtgelegt und ein Zielpunkt für ihre Ortsversetzung war schon seit Wochen ausgewählt.
Dunn war besonders nervös, da Brungk und Sequel beabsichtigten, sie alle zusammen mit der Ausrüstung zu versetzen. Er verstand nicht, wie es funktionierte, und konnte nicht verhehlen, Angst davor zu haben.
Schließlich war es so weit. Die Ausrüstung war kompakt aufgestapelt. Sequel hatte ihm erklärt, dass sie nur Gegenstände und Personen transportieren könnten, die sich innerhalb eines eng begrenzten Radius um ihre Körper befinden. Sie legten sich daher von zwei Seiten auf ihr Gepäck und berührten sich mit der Stirn. Er selbst sollte sich neben einen von ihnen legen und nach Möglichkeit berühren. Wenn sie jemand dabei beobachtet hätte, würde er sich an ihrem Geisteszustand zweifeln, doch sie waren allein. Sequel und Brungk verschmolzen ihren Geist miteinander, während Dunn nervös und heftig atmete. Er lag neben Sequel und hatte ihr seine Hand auf den Rücken gelegt und spürte, dass er zitterte. Sie schien das jedoch nicht wahrzunehmen.
Plötzlich wurde er von einem kurzen Schwindel erfasst. Als er sich wieder gefasst hatte, waren sie bereits an ihrem Ziel. Sequel und Brungk lösten ihre Verbindung und erhoben sich. Dunn brauchte einen Moment länger, da er solche Ortsversetzungen nicht gewohnt war und noch desorientiert war. Sequel kniete sich neben ihn und schaute ihm prüfend in die Augen. »Bist du in Ordnung? So ein Transport ist völlig ungefährlich. Es wird dir gleich besser gehen.«
»Sind wir schon auf dem Mirror Plateau?«, fragte er mit heiserer Stimme.
Sie nickte lächelnd. »Wir müssen nur noch unser Zelt aufstellen und unsere Ausrüstung ordnen. Ab jetzt sollten wir unsere Anzuggürtel ständig tragen. Wir können nicht wissen, wann wir unser Ziel spüren können. Dann müssen wir bereit sein.«
Dunn erhob sich, als die Spinnweben in seinem Kopf verschwunden waren. Brungk stand in der Ebene und blickte in die Ferne. Dunn ging zu ihm. »Suchst du etwas?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich betrachte die Landschaft. Es ist großartig hier. Berge, wie die dort hinten, gibt es auf der Welt, auf der ich bisher gelebt habe, nicht mehr.«
»Ich dachte, ihr hättet nicht im Freien auf eurer Welt leben können.«
Brungk sah ihn an. »Nicht ungeschützt. Wir sind für das hier geschaffen. Insoweit ist dies unsere Heimat, und nicht der Ort unseres Entstehens. Glaub mir, ich tue alles, was nötig ist, um das hier zu erhalten.« Er deutete in die Ferne. »Was sind das für Tiere dort hinten?«
Dunn folgte mit den Augen der Richtung. »Wapitis. Das ist eine Herde Wapitis.«
»Sie alle wären dem Untergang geweiht, wenn wir versagen. Das darf nicht geschehen.«
Dunn warf ihm einen Seitenblick zu. »Und du bist dir sicher, dass es dir um die Tiere geht? Ist nicht eine Frau namens Melanie ein wichtiger Grund?«
Brungk zog seinen Mund schief. »Sie ist der wichtigste Grund überhaupt.«
»Ich werd aus Sequel nicht schlau«, sagte Dunn. »Ich frag mich ständig, was dieses Mädchen denkt oder fühlt.«
»Wie wichtig ist es dir, das zu erfahren?«, fragte Brungk leise.
»Ich weiß es nicht. Ich stelle nur immer wieder fest, dass sie mich irritiert. Sie verhält sich so widersprüchlich.«
»Das gilt für euch beide«, sagte Brungk. Er schaute zu Sequel hinüber, die bereits das automatische Zelt aus ihrer Ausrüstung aufgestellt hatte und dabei war, Iso-Matten und Kissen aus Dunns Garage hineinzulegen. »Sieh sie dir an! Immer in Bewegung, immer aktiv. So war sie nicht, als wir noch in der Zukunft in unserem Ressort lebten. Die Menschen der Zukunft haben nicht mehr viel mit euch gemein. Wir jedoch sind speziell gezüchtete Exemplare. Ich habe das inzwischen begriffen und arrangiere mich damit. Sequel ist das noch nicht gelungen. Sie lässt diese neue Gegenwart noch nicht an sich heran - wehrt sich noch dagegen.«
»Und was hat das mit mir zu tun?«
Brungk lächelte. »Vielleicht alles. Wer weiß? Du hast uns aufgegriffen, uns verhört und hast dich schließlich auf uns eingelassen. Hast du dich nie gefragt, wieso du das getan hast? Aus deiner Perspektive haben wir dir eine Geschichte präsentiert, für die man uns bei euch in eine Einrichtung für geistig gestörte Menschen gebracht hätte. Du aber hast es uns abgenommen und hilfst uns sogar. Es ist ganz sicher nicht mein strahlendes Lächeln, das dich dazu gebracht hat. Du lässt den Gedanken nicht zu, aber wenn du es konsequent zu Ende denkst, muss dir klar sein, dass dir Sequel nicht gleichgültig ist. Wie weit das reicht, kannst nur du dir selbst beantworten. Ich kann nur beobachten und bewerten, was ich sehe. Für mich steht absolut fest, dass du der Schlüssel zu Sequels Verhalten bist.«
Dunn sah ihn ungläubig an.
»Denk darüber nach«, sagte Brungk. »Wenn wir in ein paar Tagen noch leben, sind ein paar Entscheidungen zu treffen.« Er ließ Dunn stehen und ging hinüber zum Zelt.
Dunn blieb noch eine Weile stehen und blickte in die Ferne. Die Luft war erstaunlich mild für diesen Morgen. Er dachte über das nach, was Brungk ihm erzählt hatte. Hatte er recht und es gab ein Band zwischen Sequel und ihm? War sie ihm tatsächlich nicht gleichgültig? Und wenn es so war: Wie empfand es Sequel selbst? Noch nie in seinem Leben war er so unsicher gewesen.


 

1.3    Tag der Entscheidung

Wäre nicht ihre bedrückende Aufgabe gewesen, hätte man ihren Aufenthalt im Yellowstone-Park wie einen Abenteueraufenthalt empfinden können. Dunn wusste zwar, dass Individualreisen durch den Park grundsätzlich nicht verboten waren, sie wurden in der Realität jedoch meist nur von wenigen Extremwanderern unternommen. Zu nachhaltig wurde vor herumstreunenden Bären und anderen Tieren gewarnt, die durchaus zu einer tödlichen Gefahr werden konnten. Einem Grizzly-Bären ungeschützt gegenüberzustehen war kein Spaß. Er hoffte jedoch, dass sie auf dem Plateau weitgehend vor ihnen sicher waren. Meist hielten sie sich in den Flussbereichen auf, die von vielen anderen Tieren als Tränke benutzt wurden.
Auch vor Park-Rangern waren sie weitgehend sicher, denn die Parkaufsicht hatte nicht das Personal, auch die entlegensten Orte des riesigen Parks zu überwachen. Straßen gab es in dieser Gegend nicht. Das Einzige, das man häufiger finden konnte, waren Pfade, denen abenteuerlustige Wanderer hin und wieder folgten.
Das Hightech-Zelt aus der Zukunft, das Sequel aufgestellt hatte, bot erstaunlich guten Schutz vor der Witterung und hatte bislang nicht einen Tropfen der nächtlichen Regenfälle durchgelassen. Es wärmte automatisch, wenn es draußen kalt wurde und kühlte, wenn die Mittagssonne sich allmählich durchsetzte und das Zelt aufheizte.
Vier Tage verweilten sie inzwischen an diesem Ort und noch immer hatten Brungk und Sequel das Herannahen der erwarteten Waffe der Skrii nicht gespürt. Sie schienen darüber nicht beunruhigt, denn sie waren vollkommen überzeugt davon, dass sie erscheinen würde.
Dunn war schon früh aufgewacht und hatte sich aus dem Zelt geschlichen, um die anderen nicht zu wecken. Obwohl es noch kühl war, genoss er es, den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sequel kam aus dem Zelt gekrabbelt. Ihren Schlafsack hatte sie an der Seite geöffnet und sich wie eine Decke umgelegt, in die sie sich einwickelte, sowie sie sich erhoben hatte.
»Wie kannst du so hier in der Kälte stehen, ohne zu frieren?«, fragte sie, als sie sich zu ihm gestellt hatte.
Er sah auf sie herab und musste lächeln. »Ich bin das Klima von Wyoming gewohnt. Das kann in der kalten Jahreszeit schon mal rau sein. Mir macht das nicht so viel aus. Im Grunde liebe ich diese kurze Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn der Atem beim Ausatmen noch dampft. Es macht den Kopf klar.«
»Mich lässt es nur erzittern, wie ich feststelle. Vielleicht sollte ich besser wieder ins Zelt schlüpfen.«
»Bleib ruhig noch da«, sagte Dunn.
Sie sah ihn an, doch er sagte nichts mehr. »Wenn du das möchtest, musst du mich wärmen.«
»Na, komm her«, sagte er und breitete seine Arme aus. Sie trat zu ihm und er legte seine Arme um sie.
Sequel brummte leise. »Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in dieser morgendlichen Kälte die Wärme deines Körpers spüren könnte. Es ist angenehm. Wie lange dauert es noch, bis die Sonne aufgeht?«
»Nicht lange.«
Dunn dachte an das Gespräch mit Brungk. Er hielt die schönste Frau, die er je getroffen hatte, in den Armen. Wie fühlte sich das für ihn an? Suchte sie lediglich seine Wärme? Gab sie ihm Zeichen und er war nur zu dämlich, sie zu verstehen? War dies der Moment, sich endlich über verschiedene Dinge klar zu werden?
»Wie kommst du mit den Waffenübungen zurecht?«, fragte sie plötzlich. Die Stimmung war mit einem Moment vorbei.
»Ich denke, ich bin schon recht schnell und sicher damit. Besonders, wenn ich den Anzug aktiviert habe. Wenn es losgeht, werde ich euch sicher unterstützen können.«
Sie nickte. »Gut.«
»Wann, glaubst du, geht es los? Die Warterei geht mir an die Nieren. Ich schlafe schon recht unruhig in den letzten Tagen.«
»Vielleicht wirst du dir die Warterei zurückwünschen, wenn das Ding erscheint. Es kann nicht mehr lange dauern. Wir rechnen jeden Moment mit den ersten Anzeichen.«
Ein erster Lichtschein erschien zwischen den Bergspitzen und leuchtete ihnen direkt ins Gesicht. Die Ebene des Plateaus wurde in goldenes Licht getaucht und es sah einfach fantastisch aus.
»Die Erde ist wunderschön«, sagte Sequel leise. »Soetwas gab es auf Lorana nicht. Dieser Moment zeigt mir deutlich, dass die Erde der Heimatplanet der Menschen ist. Wir habe Vieles durch unseren Exodus zurückgelassen und verloren.«
Sie schmiegte sich enger an Dunn. »Ich danke dir, dass ich diesen Moment erleben durfte.«
Er empfand plötzlich ein irrationales Glücksgefühl und presste sie fest an sich. In diesem Moment versteifte sich Sequel und Dunn erschrak. Hatte er eine unsichtbare Grenze überschritten und Sequel wies ihn zurück? Er blickte ihr ins Gesicht und erschrak nochmals. Ihr Gesicht hatte einen vollkommen abwesenden Ausdruck und ihre Augen waren komplett schwarz.
»Sequel! Was ist mit dir?«
Sie antwortete nicht und lag stocksteif in seinen Armen. Aus dem Zelt drangen unverständliche Laute und nach wenigen Augenblicken kam Brungk aus dem Zelt. Seine Bewegungen wirkten zeitlupenhaft und fahrig, als hätte er Probleme, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Er benötigte mehrere Versuche, bis er endlich auf seinen Beinen stand. Mit steifen Schritten ging er auf die beiden zu. Auch er hatte schwarze Augen, die auch die Augäpfel mit einschlossen.
»Es geht los«, sagte er stockend. »Ich muss Sequel zurückholen.«
»Zurückholen?«
»Emotionen können unsere Deckung unterlaufen. Die temporale Bugwelle der Waffe hat sie überrascht und gelähmt. Allein kann ich nichts tun. Ich brauche ihre mentalen Kräfte. Ohne sie können wir den exakten Ort nicht orten.«
Brungk blickte in Sequels schwarze Augen. »Ich brauche sie sofort im Zelt. Hier draußen ist es zu kalt, und wenn ich es richtig sehe, ist sie unter ihrem Schlafsack nackt.«
Dunn presste die Lippen zusammen. Nur widerstrebend entließ er die Frau aus seinen Armen. Er hatte das Gefühl, für die Situation verantwortlich zu sein, sah sich aber nicht imstande, etwas zu tun.
»Fass mal mit an!«, forderte Brungk ihn auf. »Allein bekomm ich sie in diesem Zustand nicht ins Zelt.«
Gemeinsam trugen sie das Mädchen zum Zelt und zogen es auf dem Schlafsack hinein. Brungk ignorierte die durch das Aufklaffen des Schlafsacks offengelegte Nacktheit Sequels und beugte sich über sie, bis er mit seiner Stirn ihre berührte. Ein leichtes Zucken lief durch ihren Körper. Dunn beobachtete besorgt die Szene und fragte sich, was Brungk wohl mit ihr anstellte.
Nach mehr als einer halben Stunde ließ Brungk sich zurücksinken und wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Ich hab's geschafft. Sie sollte gleich zu sich kommen.«
Wenige Augenblicke später begann Sequel, sich zu bewegen. Mit einem leisen Stöhnen richtete sie sich auf und blickte mit ratlosem Gesicht umher. Ihre Augen waren noch immer tiefschwarz. »Was ist geschehen? Ich kann mich noch an den Sonnenaufgang erinnern, dann war es, als hätte mich etwas einfach ausgeknipst.«
»Der erste Gruß der Skrii«, sagte Brungk. »Die erste temporale Schockwelle. Sie hat dich überrascht.«
»Dann ist heute der Tag der Entscheidung?«, fragte Dunn.
»Nicht heute«, sagte Brungk kopfschüttelnd. »Voraussichtlich morgen. Wir werden den heutigen Tag nutzen, um den exakten Ort zu bestimmen. Mit etwas Glück gibt es noch eine weitere Schockwelle. Spätestens dann können wir genau sagen, wo das Skriikravkniikth, wie unsere Feinde die Waffe nennen, erscheinen wird, bevor es wieder in die Tiefen des Zeitstroms weiterzieht.«
»Woher wisst ihr eigentlich so genau über diese Waffe Bescheid?«
Brungk und Sequel blickten sich kurz an. Sequel nickte.
»Gut«, sagte Brungk. »Warum solltest du es auch nicht wissen. Für die Situation der Kriegsparteien in der Zukunft ist es sicher nicht relevant. Als wir unsere Reise antraten, befanden wir uns schon viele Jahrzehnte mit den Skrii im Kriegszustand. Ich kann dir nicht einmal sagen, was ursprünglich den Ausschlag dazu gegeben hat. Fest steht, dass Menschen und Insektoide vollkommen unterschiedliche Motivationen haben und von den Moralvorstellungen will ich überhaupt nicht reden. Schon beim ersten Zusammentreffen unserer Rassen war dies von Missverständnissen geprägt und gipfelte in erste kleine Gefechte. Als es eskalierte, gab es furchtbare Schlachten, aber niemandem gelang es, einen endgültigen Sieg zu erringen. Wir glauben, dass der Einsatz einer Roboterschwadron schließlich dazu führte, dass die Skrii uns endgültig auslöschen wollen.«
»Roboterschwadron?«
»Eine riesige Flotte von automatischen Schiffen mit Kampfrobotern, die wir zu einer der Zentralwelten der Skrii geschickt haben. Ihr gelang die Vernichtung des ›Nests‹, dem Mutterstamm der Skrii. Es war jedoch naiv, anzunehmen, dass dies zu einer Kapitulation des Gegners führen würde. Sie bauten das Nest wieder auf und setzten eine neue Königin ein, die bedeutend kompromissloser war als die alte. Nicht nur wir Menschen, sondern auch die Skrii haben hervorragende Wissenschaftler. Sie hatten die Natur der Zeit ebenso erforscht wie wir und die neue Königin befahl den Bau des Skriikravkniikth, um uns aus der Geschichte unseres Universums zu tilgen. Wir lagen lange genug mit dem Gegner im Krieg, dass wir genau über die Vorgänge auf ihren Wissenschafts- und Industriewelten informiert waren. Dennoch kamen wir zu spät, den Einsatz der Waffe zu verhindern. Als unser Einsatzkommando eintraf, um das Gerät zu vernichten, war es bereits nicht mehr dort, und man hatte unserem Team eine Falle gestellt. Nur einer konnte entkommen, aber es gelang ihm, eine der Chefplanerinnen der Skrii zu betäuben und nach Lorana zu entführen. Bei den Befragungen plauderte er viele Einzelheiten aus, die uns nun hoffentlich helfen.«
»Und dieser Skrii hat euch das einfach verraten?«, wunderte sich Dunn.
»Natürlich nicht. Du willst nicht wissen, was geschehen musste, an dieses Wissen zu gelangen.«
»Ihr habt dieses Wesen gefoltert.«
»Vermutlich würdet ihr es so nennen. Unsere Spezialisten nennen es ›nachdrückliche Befragung‹.«
»Ich stelle fest, dass die Menschen der Zukunft auch nicht besser sind als wir.«
»Wir stammen zwar aus der Zukunft, aber wir haben noch immer unseren Selbsterhaltungstrieb«, sagte Brungk. »Ich weise aber darauf hin, dass weder Sequel noch ich an solchen Aktionen beteiligt waren. Ich glaube auch nicht, dass wir das könnten.«
»Okay«, sagte Dunn. »Das war für mich als Hintergrundwissen natürlich interessant, aber wie geht es jetzt weiter?«
»Wir werden jetzt verschmelzen und unsere Orterfähigkeiten einsetzen«, meinte Sequel. »Das kann eine Weile dauern. Für dich bedeutet es nur, dass du uns alles vom Hals halten musst, was uns stören könnte. Schalte eventuell den Anzug ein und aktiviere den Tarnmodus. Es wird dich dann niemand sehen können. Du könntest jeden Neugierigen ablenken oder notfalls ausschalten, wenn es ein gefährliches Tier ist.«
»Denkst du, es dauert so lange?«
»Wir müssen der Temporalschockwelle nachspüren. Die Nachwirkungen sind nur noch schwach spürbar. Wenn in der nächsten Zeit keine weitere Welle kommt, kann es Stunden dauern. Mach dir also keine Sorgen, wenn wir lange in der Verbindung bleiben.«
Sie setzten sich bequem auf den Zeltboden gegenüber und legten ihre Stirn aneinander. Nur wenige Augenblicke später waren sie nicht mehr ansprechbar.
Dunn verließ das Zelt und sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass jemand oder etwas sich für ihr Zelt interessierte. Nicht einmal Wapitis hielten sich in der Nähe auf. Er aktivierte aus purer Langeweile seinen Anzug und experimentierte mit den Kontrollen herum. Es gab tatsächlich einen Tarnmodus, aber aus dem Innern des Anzuges konnte er nicht die Wirkung dieses Modus überprüfen. So übte er weiterhin das Zusammenspiel von Waffensystemen und Anzug, trainierte, das System mit seinen Gedanken zu steuern und bemühte sich allgemein, die Abläufe zu beschleunigen. Ob das letztlich ausreichend war, um den Ernstfall zu überleben, konnte er nur hoffen.
Als er nach einiger Zeit den Anzug abschaltete, war es fast Mittag und sein Magen signalisierte ihm Hunger.
Er schlüpfte ins Zelt, um sich eine Rolle Kekse zu holen. Dabei sah er, dass sich weder Brungk noch Sequel in der Zwischenzeit bewegt hatten. Seit mehreren Stunden hatten sie in dieser Position verharrt. Das konnte nicht gesund sein. Er hoffte, dass die beiden bald aus ihrer Verschmelzung auftauchen würden. Es sollte noch ein paar weitere Stunden dauern, als sie sich plötzlich bewegten und ihre schmerzenden Glieder rieben. »Wasser!«, rief Sequel. »Ich bin völlig ausgetrocknet.«
Dunn eilte sofort mit einer Flasche Quellwasser zur ihr, die sie an einer kleinen Quelle, nur wenige Meter neben dem Zelt, auffüllen konnten. Sequel trank wie eine Verdurstende. Brungk ging es nicht besser, doch er wartete geduldig, bis Sequel fertig war.
Die beiden waren völlig erschöpft. Dunn sah, dass Sequel offenbar Schmerzen verspürte. »Geht es dir nicht gut?«
Sie lachte humorlos auf. »So kann man es nennen. Mir platzt der Kopf und jeder Knochen schmerzt. Aber wir wissen jetzt, wo wir die Waffe erwarten werden.«
»Tatsächlich? Ihr konntet es lokalisieren? Ist es weit von hier?«
Brungk setzte seine Flasche ab und wischte sich über den Mund. »Etwas mehr als drei Kilometer von hier.«
»Wir sollten unser Zelt hier stehen lassen und nur mit unserer Ausrüstung loslaufen«, ergänzte Sequel. »Für diese kurze Strecke sollten wir keine Energie für eine Ortsversetzung vergeuden. Wir werden jedes Quäntchen davon brauchen, wenn das Ding erscheint.«
»Wann brechen wir auf?«
»Wir sollten uns bald auf den Weg machen«, sagte Sequel. »Bereiten wir uns vor.«
Dunn schaute sie verständnislos an. »Welche Vorbereitungen meinst du?«
»Nun. Zieh deine Sachen aus und schalte den Anzug ein. Anschließend heften wir unsere Waffen an den Anzug und los geht es.«
»Und wieso soll ich mich ausziehen? Bei euch scheint Nacktheit normal zu sein. Bei uns ist das etwas anders.«
»Damit hat das nichts zu tun«, erklärte Sequel. »Der Anzug kann sich nur richtig um die Bedürfnisse deines Körpers kümmern, wenn er Kontakt dazu hat. Wenn du unter dem Anzug nackt bist, wird er sich auch um deine Ausscheidungen kümmern. Wir können es uns nicht leisten, deswegen auch nur eine Minute unachtsam zu sein.«
Dunn zögerte noch.
»Worauf wartest du?«, fragte Sequel, die bereits fast vollständig ausgezogen war.
»Nun mal im Ernst: Wenn ich irgendwann den Anzug ausschalte, stehe ich im Adamskostüm vor meinen Gegnern? Das ist doch völlig verrückt!«
Sequel lachte. »Dann schalt ihn halt nicht aus.« Elegant warf sie ihr Höschen als letztes Kleidungsstück auf den Kleiderhaufen am Boden und aktivierte ihren Anzug. Von einem Moment zum anderen verwandelte sie sich in eine graubraune Figur aus einem Guss. Auch Brungk war bereits fertig und schaltete seinen Anzug ein. Dunn begann zögernd, auch seine Kleidung abzulegen. Vielleicht war es seine prüde Erziehung, aber es fühlte sich einfach falsch an, seine Kleidung auszuziehen, wenn es in den Kampf gegen einen mächtigen Gegner ging. Trotzdem tat er es und der Kleiderhaufen auf dem Boden wurde noch etwas größer. Er fühlte sich erst besser, als sein Anzug ebenfalls aktiv war. Aus seinem Helm heraus konnte er die Gesichter seiner Freunde wieder erkennen. Vom Hals an abwärts verbargen die Anzüge allerdings die Körper vor den Blicken der anderen, was ihn beruhigte.
Er spürte, wie sich der Anzug wie eine zweite Haut an seinen Körper anpasste, bis er ihn kaum noch spürte. Brungk nahm die Waffen zur Hand und klebte sie einfach in Hüfthöhe auf die glatte Oberfläche des Anzuges. Sie blieben dort haften wie festgeschweißt. »Wenn du danach greifst, werden sie ganz einfach abgehen.«
»Können wir uns dann auf den Weg machen?«, fragte Sequel ungeduldig. »Wir kennen den exakten Zeitplan des Skriikravkniikth nicht. Wir müssen ganz dicht am Objekt sein, wenn es erscheint. Es wird ein Schutzfeld besitzen, das wir mit unseren Mitteln nur schwer durchdringen können. Daher sollten wir von vornherein innerhalb des Schutzmechanismus sein.«
Dunn spürte, wie ihm heiß wurde. Er begann zu ahnen, dass ihre Mission kein Spaziergang werden würde.
Sie verstauten noch ihre Kleidung im Zelt und liefen los. Durch die Navigationsmodule ihrer Anzüge geführt, war es ihnen unmöglich, sich zu verlaufen, und die kinetische Unterstützung ihrer Körper durch die Anzüge ließ sie den Marsch wie einen Spaziergang empfinden. Keine Stunde später trafen sie am Ziel ein. Nichts unterschied diesen Ort von der Stelle, an der ihr Zelt stand. Es fiel Dunn schwer, sich vorzustellen, dass an dieser Stelle in Kürze eine riesige Maschine erscheinen sollte, die eine tödliche Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen sollte. Er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, das Militär auf diese Waffe anzusetzen.
»Das wäre keine Lösung«, übermittelte Sequel.
»Was?«, fragte Dunn.
»Du hast so intensiv gedacht, dass der Anzug es an uns weitergeleitet hat. Euer Militär besitzt keine Waffen, die den Schutz des Skriikravkniikth überwinden könnten. Selbst diese Atomwaffen, auf die ihr so stolz seid, würden nur das Land unbewohnbar machen. Glaub mir, wenn jemand eine Chance hat, dann sind wir es.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Den ganzen Tag verbrachten sie mit Warten im eingeschalteten Anzug. Inzwischen hatte Dunn sich so daran gewöhnt, in dem Anzug zu stecken, dass er ihn überhaupt nicht mehr bemerkte. Das System versorgte ihn mit allem, was sein Körper benötigte. Als die Sonne versank, wurden Brungk und Sequel unruhig.
»Ich hab was gespürt«, sandte Brungk. »Es kommt.«
»Wir stehen mittendrin!«, rief Sequel laut. »Weg hier!«
Dunn blickte sie ratlos an. Sequel stürzte auf ihn zu und zog ihn am Arm hinter sich her. »Willst du, dass es dich zerquetscht?«
»Ich verstehe nicht. Hier ist doch weit und breit nichts zu sehen.«
In diesem Moment begann die Luft, sich mit Elektrizität aufzuladen. Winzige Blitze zuckten aus der Luft in den Boden, und auf dem Boden zeichnete sich plötzlich eine gerade Linie ab, an der entlang das Gras der Ebene von der Faust eines Titanen niedergedrückt schien. Die Blitze wurden zahlreicher und heftiger. Die Luft stank nach Ozon.
Sequel und Brungk liefen an der Linie entlang. »Es ist ein perfektes Quadrat! Wir müssen uns ganz knapp außerhalb des Quadrats aufhalten!«
Dunn achtete darauf, diesen Hinweis zu befolgen und rannte den beiden hinterher. Er hatte keine Lust, von ihnen getrennt zu sein, wenn dieses Ding plötzlich erschien. Doch nach wenigen Metern musste er stoppen, weil die Blitze inzwischen in großer Zahl rund um sie herum in den Boden schlugen. Sequel und Brungk waren kaum noch zu erkennen. Ständig wurde er durch Blitze geblendet, da die Automatik seines Helms nicht schnell genug regierte.
»Dunn, wo steckst du?«, fragte Sequel. »Warum folgst du uns nicht?«
»Ich kann nicht! Ich müsste durch ein Blitzgewitter laufen. Ich bezweifle, dass der Anzug das aushalten würde.«
»Nein! Versuch das nicht! Warte, bis die Waffe erschienen ist. Die Blitze sollten aufhören, wenn die Waffe materialisiert ist. Nicht erschrecken! Es wird ein riesiger Würfel sein!«
Dunn hatte nicht bemerkt, dass sein Kreislauf auf Hochtouren lief. Heftig atmete er und der Anzug bemühte sich, seine Nerven zu beruhigen, aber das Ergebnis fiel nur dürftig aus. Inzwischen war das Blitzgewitter zu einem regelrechten Dauerfeuer geworden und allmählich wurde aus den strahlenden Blitzen ein gewaltiges würfelförmiges Ding sichtbar. Er wagte kaum, sich zu rühren, da er befürchtete, sonst mit den Entladungen in Kontakt zu geraten. Nie in seinem Leben hatte er solche Angst verspürt, wie in diesen Momenten.
Von einem Augenblick zum anderen hörten die Blitze auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Eine gewaltige schwarze Wand erhob sich vor ihm. Er war zu dicht davor, um das tatsächliche Ausmaß erfassen zu können, schätzte aber, dass sie sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe erstreckte. Ein schwacher Schein beleuchtete die Szenerie einen Moment später. Dunn spähte in die Richtung, aus der das Licht kam und sah, dass in wenigen Metern Entfernung ein leuchtender Vorhang erschien, der das gesamte Gebilde einhüllte.
»Sequel!«, dachte er.
»Komm jetzt zu uns«, antwortete sie. »Wir haben eine Art Schleuse gefunden.«
Dunn hastete an der Wand entlang, die völlig schwarz wirkte und leicht dampfte. Er legte versuchsweise eine Hand auf die Oberfläche und erfuhr über die Sensoren, dass die Temperatur der Oberfläche weit unter -100 Grad Celsius lag. Als er um die nächste Ecke des Würfels bog, sah er die beiden, die bereits ihre Destabilisatoren in der Hand hielten.
»Du musst uns helfen«, sagte Brungk. »Das Schott bekommen wir nicht auf. Es ist an die Physiognomie der Skrii gebunden, und damit können wir nicht dienen. Wir werden Gewalt anwenden müssen.«
Sie erhoben ihre Waffen und zielten auf eine Stelle des Schotts, wo sie das Scharnier vermuteten. Dunn hatte schon erlebt, was diese Waffen mit Materie anrichteten und wappnete sich instinktiv gegen eine heftige Explosion. Sie blieb jedoch aus und das Schott war völlig unbeschadet.
»Komm Wayne, wir versuchen es mit Dauerfeuer aus drei Waffen gleichzeitig.«
Dunn zog ebenfalls seine Waffe und gemeinsam nahmen sie das Schott unter Feuer. Minutenlang beschossen sie das Material, als es endlich Wirkung zeigte. Es löste sich zwar nicht in einer Explosion auf, doch wurde es porös und seine Dichte wurde immer geringer, bis es schließlich riss und ein gelbes Gas freigesetzt wurde.
»Weiterschießen!«, befahl Sequel. »Wir kommen da noch nicht durch. Das Loch ist noch zu klein.«
Sie feuerten immer weiter. Dunn wunderte sich, wie lange die Ladung der Waffe ausreichte, aber was wusste er schon von den Möglichkeiten der Menschen in zwei Millionen Jahren? Allmählich wurde das Loch größer. Als es groß genug war, hörten sie auf. Brungk hielt seine Waffe in der Hand und kletterte ohne zu Überlegen durch das Loch ins Innere. Sequel sah Dunn kurz an und folgte Brungk. Als Letzter folgte Dunn.
Im ersten Augenblick herrschte totale Finsternis, doch schon Sekunden später hatte der Anzug diverse Strahlenquellen ausgemacht, die sich eigneten, als sichtbares Licht über die Innenfläche des Helms auf die Augen übertragen zu werden. Es half ihm jedoch nicht weiter, da sein Verstand nicht einordnen konnte, was er sah. Das Innere des Würfels glich einem Bild von Hieronymus Bosch - vollkommen verwirrend und zugleich bedrückend. Sequel und Brungk schien es nicht anders zu ergehen, denn auch sie standen staunend und unsicher inmitten des Chaos, welchem vermutlich lediglich ein Skrii etwas Sinnvolles abgewinnen konnte.
Sie erhielten jedoch nicht viel Zeit, sich auf die Situation einzustellen, denn plötzlich begann dieses Chaos, sich zu bewegen. Gleichzeitig empfingen sie in ihren Köpfen den übermächtigen Befehl, ihre Waffen zu senken und sich zu ergeben. Aus unzähligen Öffnungen, die vorher noch nicht zu sehen waren, drängten sechsbeinige Maschinen in den Innenraum. Sie brauchten nicht zu überlegen, was das zu bedeuten hatte, denn diese Maschinen feuerten sogleich aus winzigen Strahlwaffen auf sie. Dunns Anzug signalisierte mehrere Treffer, die er jedoch neutralisieren konnte. Dunn feuerte auf die Maschinen und einige von ihnen explodierten in einer grellen Explosion. Auch Sequel und Brungk hatten das Feuer eröffnet und überall gab es Explosionen und Feuer.
Anfangs sah es noch so aus, als könnten sie der Roboter Herr werden, doch immer weitere erschienen und nahmen sie unter Feuer. Allmählich signalisierten ihre Anzüge Überlastung und Dunn schoss der Gedanke durch den Kopf, was geschehen würde, wenn sein Anzug ausfallen und er splitternackt vor diesen Maschinenmonstern stehen würde. Wild um sich schießend rief er Sequel. »Das wird nichts! Habt ihr keine anderen Möglichkeiten? Ich dachte, ihr bekommt das hier in den Griff, wenn ihr miteinander verschmelzt!«
»Wir brauchen einen Moment, um das zu tun! Wirf ein paar der Granaten, um sie aufzuhalten! Das verschafft uns die Zeit, die wir brauchen!«
Dunn hechtete zu den beiden hinüber und rollte sich ab. Sofort schoss er wieder und riss zwei der Granaten von seiner Hüfte. Er warf sie und gab dem Anzug den Befehl, sie zu zünden. Die Wirkung war verheerend und die Druckwelle warf ihn von den Beinen.
Als er wieder auf den Beinen stand, näherten sich bereits weitere Roboter von allen Seiten, aber Sequel und Brungk standen beisammen und waren von einem roten Leuchten überzogen. Die sich nähernde Armee kam ins Stocken. Vollkommen desorientiert schossen sie in alle Richtungen und dezimierten sich dabei gegenseitig.
Dunn atmete auf. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sie könnten diese Mission zu einem guten Ende bringen.
»Gebt auf!«, erschien die Stimme wieder in seinem Kopf. »Die Roboter waren erst der Anfang. Der Auftrag darf nicht gefährdet werden.«
Im nächsten Moment spürte Dunn unerträgliche Schmerzen in seinem gesamten Körper. Er konnte keine Angreifer erkennen, doch irgendetwas wurde mit seinem Gehirn angestellt. Aus tränenerfüllten Augen blickte er zu Sequel und Brungk. Sie befanden sich noch immer in dem roten Schimmer, doch ihre Gesichter drückten ebenfalls Schmerz aus. Er konnte sie nicht hören, doch schien es ihm, als würde Sequel vor Schmerz schreien. Sie mobilisierte zusammen mit Brungk ihre letzten Kräfte und Gegenstände begannen, sich von den Wänden zu lösen. Es war, als risse die Hand eines Titanen planlos schwere Metallteile los, die anschließend wie Geschosse durch den Raum flogen. Dunn war sicher, dass es eine der Erscheinungen der Verschmelzung ihrer Persönlichkeiten war. Allerdings schienen sie in gewisser Weise die Kontrolle verloren zu haben, denn ihre Aktivitäten wirkten erschreckend planlos.
Die Schmerzen ließen jedoch ein wenig nach und auch die Stimme in seinem Kopf hatte nicht mehr die zwingende Autorität, wie zu Anfang.
»Gebt auf, und ihr werdet einen schnellen Tod bekommen!«
Die Stimme hatte nicht mehr die ursprüngliche Intensität und Dunns Gedanken ordneten sich. Immer wieder musste er herumfliegenden Gegenständen ausweichen, um nicht verletzt zu werden. Er versuchte zu erkennen, ob die planlosen Angriffe seiner Freunde beim Gegner Wirkung zeigten, was sich jedoch nicht sicher, ob das der Fall war. Die Helmoptik schaffte es endlich, sich besser an die Lichtverhältnisse innerhalb des Skrii-Würfels anzupassen, und er erkannte im Zentrum des Würfels Öffnungen, die offenbar nicht dazu gedacht waren, weitere Kampfroboter auszuspucken. In geduckter Haltung rannte er zur ersten der Öffnungen uns spähte hinein.
Hinter sich hörte er erneut das verräterische Zischen der Strahlschüsse von Robotern. Das Feuer konzentrierte sich allerdings auf Sequel und Brungk, die ihm direkt ausgesetzt waren. Er hoffte, dass der Schutz durch den Anzug ausreichend sein würde. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Hinter ihm näherte sich ein sechsbeiniger Roboter, der einem anderen Typ angehörte als die Modelle, die sie bisher bekämpft hatten. In den vorderen Gliedmaßen hielt er einen, mit nadelspitzen Stacheln bewehrten Zylinder, mit dem er auf ihn zielte. Im nächsten Moment wurden zahlreiche Stacheln auf ihn abgefeuert, denen er nur durch einen beherzten Sprung entgehen konnte. Hinter ihm krachten die Stacheln mit hellem Klingen in die Wand, vor der er eben noch gestanden hatte, und blieben darin stecken.
Der Roboter schwenkte herum und zielte erneut auf ihn, doch Dunn hatte bereits seinen Destabilisator erhoben und drückte ab. Die restlichen Stacheln zerbarsten in Tausende kleiner Teile und der Roboter war unbewaffnet. Er bewegte sich dennoch blitzschnell auf ihn zu, die leeren Vordergliedmaßen drohend erhoben. Dunn brauchte zahlreiche Schüsse, bevor die Maschine ihren Dienst einstellte. Sie musste aus einem ungemein widerstandsfähigen Material bestehen.
Zum ersten Mal hatte Dunn die Zeit, sich umzusehen. Der Raum, in dem er sich befand, war im exakten Zentrum des Würfels. Die rätselhafte Anlage, die er vor sich hatte, musste demnach die eigentliche Waffe sein - der Auslöser für eine Singularität, die alles verschlingen sollte. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, als er daran dachte, das Ende der Menschheit vor sich zu haben. Er versuchte, zu ergründen, wo man Bomben hinterlegen musste, damit sie genügend Schaden anrichteten, um die Waffe außer Gefecht zu setzen.
Kampfgeräusche aus dem Vorraum lenkten ihn ab. Hastig rannte er zur Öffnung zurück und blickte hinaus. Seine Freunde hatten inzwischen ihre Verbindung aufgelöst und jeder von ihnen hielt zwei Waffen in den Händen, die sie ohne Pause abfeuerten. Einige der stachelbewehrten Roboter waren erschienen und kreisten sie allmählich ein. Dunn zielte von hinten auf die Maschinen und eröffnete seinerseits das Feuer. Wie beim ersten Mal half nur Dauerfeuer, sie zu zerstören. Leider gelang es ihnen meist noch immer, ihre Stacheln abzufeuern, und Sequel und Brungk vollführten akrobatische Sprünge, um ihnen auszuweichen.
Von der Decke wurden destabilisierende Strahlen abgefeuert, die überall, wo sie auf Materie trafen, eine Wolke Materiestaub zurückließen. Es schien den Rechner der Skrii nicht zu stören, dass jeder Fehlschuss auch Beschädigungen an der Anlage verursachte. Nur direkt bei der eigentlichen Waffe schien Dunn einigermaßen sicher zu sein, denn weitere Roboter waren nicht erschienen und auch Strahlenbeschuss gab es hier nicht. Das Gerät schien also viel zu empfindlich zu sein, um es durch Waffen zu beschädigen.
Dunn überlegte. Seine Freunde hatten draußen genug mit sich selbst und ihrer Verteidigung zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es noch bis zu ihm schaffen würden, war äußerst gering, also musste er selbst etwas tun. Eilig löste er alle Bomben von seinem Anzug. Er wusste nur, wie man sie scharfmachte, nicht aber, was sie anrichten würden. Es blieb keine Zeit, sich damit weiter zu befassen. Er aktivierte eine Bombe nach der anderen und steckte sie in jede Öffnung an der Maschine, die er finden konnte. Als er fertig war, wurde ihm bewusst, dass sie nur noch zwei Minuten Zeit hatten, bevor die Bomben zünden und vermutlich ein Inferno auslösen würden.
Er stürzte zur Öffnung des Vorraums zurück und feuerte, ohne nachzudenken, auf den nächstgelegenen Roboter. Der gesamte Raum war von Materiestaub angereichert und die Sicht schlecht. Sequel und Brungk waren nur noch als Schemen erkennbar. Aus den Augenwinkeln sah er einen der zähen Stachelroboter auf die Schemen seiner Freunde zulaufen.
»Vorsicht!«, brüllte er und schoss sofort. Die vielen Materiepartikel in der Luft beeinträchtigten jedoch die Wirkung und der Roboter konnte seine Stacheln abfeuern. Als das helle Klingen der auftreffenden Stacheln verebbte, sah er Sequel schwanken. Ohne einen Laut sackte sie zusammen und Brungk bückte sich zu ihr.
Dunn war plötzlich nicht mehr zu bremsen. »Seque!l!«, brüllte er und schoss wie ein Wahnsinniger auf den Roboter, der auf das Mädchen geschossen hatte. Er rannte direkt auf den Roboter zu und hörte erst auf, zu schießen, als er nur noch ein Haufen Schrott war. Er hatte Glück gehabt, dass ihn in diesem Moment keine der Waffen in der Decke getroffen hatte. Er lief zu Sequel und kniete sich neben sie. In ihrer Brust steckte einer der Stachel. Ihre Augen waren geschlossen. Er konnte nicht erkennen, ob sie noch lebte.
»Wir müssen sie hier rausschaffen«, sagte er zu Brungk, der hilflos neben ihr hockte.
»Sofort!«, rief Dunn eindringlich. »Fass mit an!«
Brungk schien aus einem Traum zu erwachen und bewegte sich endlich wieder. Er fasste die Beine des Mädchens, während er sie unter den Armen fasste.
»In wenigen Augenblicken ist hier die Hölle los«, erklärte Dunn. »Wir müssen versuchen, sie ins Freie zu bringen.«
Sie erhielten noch immer Treffer aus den Waffen der Skrii-Maschine, doch ihre Anzüge konnten sie neutralisieren. Weitere Roboter schien es nicht zu geben, sonst hätten sie ihnen sicher das Leben schwer gemacht. Sie erreichten die aufgebrochene Schleuse und traten ins Freie. In einiger Entfernung schimmerte der Schirm, der den Würfel vollständig umgab.
»Verdammte Scheiße!«, rief Dunn. »An den Schirm hab ich nicht gedacht.«
»Diese Dinger wirken meist nur in eine Richtung«, sagte Brungk.
»Was heißt das?«
»Sie schützen gegen Gefahren von außen. Aus unserer Richtung sollte er durchlässig sein.«
»Und wenn nicht?«
»Dann sind wir tot. So einfach ist das.«
»Dann los!«, rief Dunn. »Tot sind wir auch, wenn wir hierbleiben.«
Sie mobilisierten ihre letzten Kräfte und trugen Sequel auf den schimmernden Schirm zu. Dunn hätte Angst haben müssen, doch hatte er nur ein einziges Ziel: Sequel in Sicherheit zu bringen. Sie durchstießen den Energieschirm, der ihnen tatsächlich keine Schwierigkeiten machte.
Dunn sah sich verzweifelt nach einer Bodenmulde um, in die sie flüchten konnten, bevor die Bomben zündeten.
»Da vorn!«, rief Brungk und deutete mit dem Kopf voraus. »Eine Bodensenke!«
Das Adrenalin in seinen Adern ließ Dunn Kräfte mobilisieren, von deren Existenz er bisher nichts geahnt hatte. Sequel in seinen Armen blieb völlig bewegungslos. Er hoffte, dass sie noch lebte und nicht zu schwer verletzt war.
Sie hatten eben die Senke erreicht und sich darin tief auf den Boden geduckt, als eine gewaltige Explosion das Innere der Skrii-Waffe erschütterte. Weitere Explosionen folgten und der Würfel schien von innen zu leuchten. Sie spürten einen Hitzeschwall über sich hinwegziehen, der die umliegenden Gräser in Brand setzte. Dunn hatte sich halb über Sequels Körper geworfen, um ihn zu schützen. Er achtete jedoch darauf, den Stachel nicht zu berühren, der noch immer in ihrer Brust steckte.
Dunn wusste nicht, wie viele Bomben er scharfgemacht hatte. Er wusste nur, dass die Zahl der Explosionen weitaus höher war. Die Hitze wurde trotz ihrer Anzüge allmählich unerträglich, als eine letzte Explosion, die sich durch ein tiefes Grollen angekündigt hatte, erfolgte. Der Würfel verging in einer gewaltigen Feuersäule, die bis in die Wolken reichte. Eine Druckwelle fegte über sie hinweg und knickte noch in einiger Entfernung sämtliche Bäume um wie Zahnstocher. Danach wurde es still.
Brungk und Dunn krochen zum Rand der Senke und spähten in die Richtung, in der vorher der Würfel gestanden hatte. Nichts deutete darauf hin, dass dort eben noch eine gewaltige Maschine gewesen war. Einige Brände kündeten davon, dass hier etwas geschehen sein musste.
»Haben wir es geschafft?«, fragte Dunn.
Brungk starrte noch einen Moment auf die Brände. »Es sieht ganz danach aus. Wir haben sie vernichtet. Du hast sie vernichtet.«
Dunn kroch zurück zu Sequel. »Gut. Wenn die Welt jetzt gerettet ist ... wie können wir ihr helfen? Kann man feststellen, ob sie noch lebt?«
»Wir können uns mit ihrem Anzug verbinden. Dann zeigt mir mein eigener Anzug ihre Vitaldaten an.«
Brungk legte sich zu ihr und versuchte, möglichst viel Kontakt zwischen seinem und ihrem Anzug zu erzeugen. Nach einiger Zeit löste er sich wieder. »Sie lebt«, sagte er. »Aber sie ist ohne Bewusstsein. Der Stachel steckt in ihrer Brust, hat aber ihr Herz verfehlt.«
»Wie konnte dieses Ding überhaupt den Anzug durchdringen? Ich dachte, es wäre ein Schutzanzug und wäre absolut sicher.«
»Was ist schon absolut sicher? Wer weiß, was das für eine Legierung ist? Schutzanzüge und Schutzfelder schützen meist nur perfekt vor Energieangriffen. Klassische Waffen und kinetische Energie sind noch immer ein Problem.«
»Kannst du ihr helfen?«, fragte Dunn. »Habt ihr in eurem Gepäck etwas, das ihr helfen würde?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Wir sind gegen Krankheiten geschützt und haben schnell heilendes Gewebe, aber solche Verletzungen verlangen nach einem Heiler.«
»Einem Arzt.«
»Gut, einem Arzt.«
Dunn überlegte. Die Explosion war sicher beobachtet worden. Es musste davon ausgegangen werden, dass bald jemand nach der Rechten sehen würde. Vermutlich würde ein Helikopter kommen. Bis dahin musste Sequel normale Kleidung tragen - wie auch sie selbst. Dunn erzählte es Brungk.
»Gut, ich hol die Sachen aus dem Zelt«, sagte Brungk. »Mit dem Anzug schaff ich die Strecke in wenigen Minuten. Ich denke, dir ist lieber, hier bei Sequel zu bleiben.«
Dunn sagte nichts, aber sah besorgt auf die Frau hinab.
Brungk rannte los und war bald am Horizont verschwunden. Dunn kniete neben Sequel und strich ihr mit der Hand über den Helm. Viel lieber hätte er ihr Gesicht gespürt und ihre Haut gestreichelt. »Du darfst nicht sterben«, sagte er leise. »Wochenlang hab ich mich gefragt, was ich eigentlich für dich empfinde. Erst jetzt, wo ich befürchten muss, dich zu verlieren, weiß ich es. Bitte halte durch ...«
Als Brungk eintraf, war noch immer kein neugieriger Ranger oder ein Helikopter erschienen. Er legte das Bündel mit ihren Kleidern auf den Boden und fingerte an seinem Anzug herum, der augenblicklich verschwand. Er suchte seine Sachen heraus und zog sich zweckmäßige Kleidung an. Dunn tat es ihm gleich. Zuletzt befreiten sie Sequel von ihrem Anzug. Als sie nackt vor ihnen lag, konnten sie zum ersten Mal die Wunde mit eigenen Augen sehen. Der Stachel war exakt zwischen ihren Brüsten eingedrungen und steckte in ihrem Brustkorb. Es war nur wenig Blut ausgetreten und es blieb zu hoffen, dass es auch keine inneren Blutungen gegeben hatte. Gemeinsam zogen sie Sequel an, die von alldem nichts mitbekam. Dunn streichelte ihr immer wieder über das Gesicht und hoffte, dass endlich Hilfe eintreffen würde.
Aus der Ferne hörten sie das Näherkommen eines Helikopters.
Dunn blickte auf. »Endlich. Es kommt jemand. Hoffentlich ist ein Sanitäter oder Arzt dabei.«
Brungk sah dem Helikopter mit gemischten Gefühlen entgegen. »Wir werden eine Menge Fragen zu beantworten haben, fürchte ich.«
»Sie können fragen, soviel sie wollen - nachdem sie Sequel gerettet haben!«
Das Fluggerät ging neben ihnen nieder. Es handelte sich um eine Maschine mit dem Wappen des Staates Wyoming. Sie kamen also nicht von der Parkverwaltung.
In geduckter Haltung kamen zwei Männer mit einer schweren Tasche angelaufen. Sie trugen klobige Helme und eine dunkelblaue Kombination ohne Abzeichen.
»Was ist hier geschehen?«, fragte einer der Männer.
Dunn ignorierte die Frage. »Ist einer von ihnen Arzt oder Sanitäter? Wir müssen ihr helfen, sonst stirbt sie vielleicht.«
Einer der Männer beugte sich zu Sequel hinunter. »Oh, verdammt! Ich bin Sanitäter, aber das ist eine Nummer zu groß für mich. Sie muss sofort in eine Klinik.«
Er rief seinen Kollegen zu sich, der sich irritiert umblickte und zu ergründen versuchte, was hier geschehen war. »Wirf den Motor wieder an. Wir müssen sofort starten.«
Er stellte keine Fragen, als er das Metallteil in Sequels Brust entdeckte, und sprintete los.
»Wir müssen sie vorsichtig auf die hintere Bank im Flieger legen.« Der Sanitäter schaute Dunn an. »Sie kommen mit und achten darauf, dass die Frau nicht herumrutscht. Wir sind für Krankentransporte nicht ausgelegt.«
»Ich komme auch mit«, sagte Brungk.
Der Mann nickte. »Umso besser.« Man sah ihm an, dass er liebend gern Fragen gestellt hätte, doch sah er ein, dass das warten musste. Hier ging es um ein Menschenleben.
Sie trugen die Bewusstlose Sequel zum Flieger, wo Dunn sie so gut es ging, auf der Rückbank befestigte. Der Pilot war inzwischen auch startbereit. Unvermittelt hob er ab und Dunn fühlte ein mulmiges Gefühl in der Magengrube, als die Maschine nach vorn kippte und Fahrt aufnahm.
»Wo fliegen Sie mit uns hin?!«, brüllte Dunn gegen den Lärm nach vorn.
»Idaho-Falls! Es ist ein paar Meilen weiter als Billings, aber die Klinik dort hat einen guten Ruf. Wir werden über Funk durchgeben, dass wir kommen. Machen Sie sich keine Sorgen! Wenn man ihrer Freundin helfen kann, dann dort!«
Dunn sah Brungk an, in dessen Augen sich ebenfalls Besorgnis widerspiegelte. Er war im Grunde froh, dass die Turbine des Helikopters durch ihren Lärm jedes Gespräch von selbst verbot. So konnte er sich ungestört um Sequel kümmern, die das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt hatte. Immer wieder tastete er nach ihrem Puls, der schwach zu spüren war. Die Angst, dass sie womöglich zu spät in der Klinik eintreffen könnten, verursachte ihm beinahe körperliche Schmerzen. Die Zeit schien sich wie ein Gummiband zu ziehen, obwohl der Pilot alles aus dem Flieger herausholte.
Schließlich erreichten sie Idaho-Falls und landeten auf dem Hubschrauberlandeplatz vor dem Gebäude. Sanitäter warteten bereits mit einem fahrbaren Bett auf sie.
Als sie gelandet waren, legten sie die Verletzte darauf und verschwanden im Laufschritt mit ihr im Gebäude. Dunn sah ihnen nach und wäre am liebsten gleich hinterhergelaufen.
»Sie ist in guten Händen«, sagte der Kopilot, nachdem er den Helm abgenommen hatte. »Glauben sie mir. Sie können jetzt nichts tun - abgesehen davon, uns zu erklären, was sich auf dem Plateau im Park ereignet hat. Fangen wir einfach damit an, wer Sie eigentlich sind.«
Dunn hatte bereits erwartet, dass man sie zunächst nach ihren Identitäten fragen würde, und hatte sich etwas zurechtgelegt, von dem er nicht wusste, ob es funktionieren würde.
»Mein Name ist Wayne Dunn«, sagte er. »Ich bin Sheriff in Thedford, Nebraska. Das werden Sie schnell nachprüfen können. Meine Papiere habe ich allerdings nicht bei mir. Sie liegen im Handschuhfach meines Autos, auf einem Parkplatz bei Cody.«
Er nickte. »Gut, das werden wir dann sehen. Wer sind die anderen?«
Dunn wies auf Brungk. »Brungk Porter, ein Freund aus Kansas.«
»Brungk? Was ist denn das für ein Name?«
»Das sollten Sie besser meine Eltern fragen«, sagte Brungk geistesgegenwärtig. »Leider sind sie schon seit ein paar Jahren tot.«
»Können Sie sich ausweisen?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Ich hab beinahe alles bei dieser rätselhaften Explosion verloren. Tut mir leid.«
»Aber ich kann für ihn bürgen«, bot Dunn gönnerhaft an. »Darf ich fragen, wer Sie eigentlich sind? Ein einfacher Sanitäter sind Sie gewiss nicht.«
Der Mann grinste. Er zog einen Ausweis hervor und reichte ihn Dunn. »Agent Doyle, Staatspolizei Wyoming. Wir wurden über die Explosion im Park informiert und wollten uns dort umsehen.«
Dunn gab den Ausweis zurück. »Danke. Dann sind wir in gewisser Weise Kollegen.«
»In gewisser Weise. Aber zunächst: Wer ist die junge Dame, die wir notfallmäßig hergeflogen haben?«
»Sequel Bannister.«
»Sequel?«, fragte Doyle und winkte dann ab. »Ich weiß schon. Das sollte man die Eltern fragen. Hat sie irgendwelche Papiere?«
»Ich fürchte nein«, sagte Dunn bedauernd. »Die Explosion, wissen Sie?«
»Zurück zu dieser Explosion. Was haben Sie damit zu tun?«
»Was sollen wir damit zu tun haben? Wir waren auf einem Marsch durch den Park, und haben ganz in der Nähe gezeltet. Das Zelt sollte noch dort stehen. Wir wurden von dieser Erscheinung ebenso überrascht wie sie. Auf einmal waren überall Blitze und Feuer, dann gab es diesen gewaltigen Knall, und den Rest kennen Sie. Ich wüsste nicht einmal, womit man so etwas überhaupt auslösen könnte ...«
Doyle presste seine Lippen aufeinander und überlegte. »Nicht sonderlich überzeugend, Ihre Geschichte, aber aktuell können wir sie auch nicht widerlegen. Wir rätseln auch noch, was eine so gewaltige Explosion ausgelöst haben könnte.«
»Agent Doyle, ich werde mich einer weiteren Befragung ganz sicher nicht entziehen. Sie werden feststellen, dass ich in meiner Heimatstadt als sehr zuverlässig bekannt bin. Aber jetzt würde ich liebend gern in dieses Gebäude gehen, um mich um Sequel zu kümmern.«
Doyle lächelte gequält. »Gehen Sie schon. Der Rest hat Zeit.«
Dunn lief sofort los und Brungk folgte ihm. Sequel war bereits im OP und wurde operiert. Eine Schwester wies ihnen einen Platz im Warteraum zu. Kaffee und Zeitschriften wies er dankend zurück. Er hätte keine Ruhe dafür gehabt. Immer wieder sprang er auf und lief hin und her. Er kam sich vor, wie ein Tiger im Käfig.
»Nun setz dich doch hin«, forderte Brungk. »Das bringt doch nichts.«
Zwei Stunden mussten sie warten, bis schließlich ein Arzt aus dem OP kam und auf sie zu trat. Er nahm den Mundschutz ab. »Sind Sie ein Angehöriger der Patientin?«
»Keine Angehörigen«, sagte Dunn. »Aber wir waren mit ihr zusammen, als es geschah. Wie geht es ihr? Schafft sie es?«
Hoffnungsvoll richtete er seinen Blick auf den Arzt.
»Sie wird leben«, sagte er. »Die Metallspitze hat, wie durch ein Wunder, weder das Herz selbst, noch den Herzbeutel verletzt. Die Aorta wurde knapp verfehlt. Aber die Lunge wurde durchdrungen. Das Lungenfell musste genäht werden, aber sie wird es ganz sicher ohne Nachwirkungen überstehen.«
»Kann ich zu ihr?«, wollte Dunn wissen.
»Sie ist noch nicht aus der Narkose erwacht. Sie müssen noch warten. Eine Schwester wird Ihnen Bescheid geben.«
Dunn drückte den völlig verduzten Arzt und bedankte sich bei ihm. Das weitere Warten war zwar nervtötend, doch wusste er zumindest, dass Sequel wieder gesund werden würde.
Als endlich die Schwester erschien, um ihm zu sagen, dass er jetzt zu der Patientin dürfe, war ihm regelrecht mulmig zumute. Wie würde sie reagieren? Plötzlich hatte er Angst, sie könnte völlig anders empfinden als er. Was, wenn er sich alles nur eingebildet hatte? Sein Blick traf den Brungks.
»Na geh schon«, sagte er. »Und versteck dich nicht wieder hinter einer Maske. Lass sie ruhig wissen, wie es in dir aussieht.«
Dunn folgte der Schwester durch die Gänge der Klinik und hätte sie am liebsten angeschoben, damit sie schneller lief. Als sie auf die Tür zu einem Zimmer deutete, zögerte er sekundenlang, die Klinke niederzudrücken. Er atmete tief durch und öffnete die Tür. Dahinter lag ein typisches Krankenhauszimmer mit einem einzelnen Bett und zahllosen Instrumenten. Im Bett lag eine junge, weißblonde Frau, an der verschiedene Sensoren angebracht waren. Ein dünner Schlauch führte in ein Nasenloch. Auf den zweiten Blick bemerkte er, dass sie wach war. Müde Augen blickten ihn an.
»Wayne«, flüsterte sie. »Schön, dich zu sehen.«
Dunn eilte zu ihrem Bett und beugte sich über sie. Er griff eine Hand und streichelte sie sanft. »Ich bin so froh. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren.«
Sequel versuchte, zu lächeln, doch es gelang ihr nicht gut. »Ich bin zäh. Sag: Haben wir versagt? Ist uns das Skriikravkniikth entwischt?«
»Nein«, sagte Dunn lächelnd und strich ihr über das Gesicht. »Es ist uns nicht entwischt. Wir haben es ihm gezeigt. Es wurde in einer gewaltigen Explosion vernichtet.«
Sie schluckte. »Dann ist die Mission beendet. Brungk und ich sind endlich frei.«
Tränen erschienen in ihren Augen. »Du ahnst nicht, wie erleichtert ich bin. Und danke, dass du uns so geholfen hast. Ohne dich wären wir vermutlich gescheitert. Du kannst jetzt zurückkehren in deinen Ort und alle Menschen dürfen weiterleben.«
Dunns Gesichtszüge froren ein. »Was meinst du damit? Ich soll in meinen Ort zurückkehren? Und was ist mit dir?«
»Brungk und ich sollen versuchen, in der Welt dieser Zeit Fuß zu fassen. Du bist uns nichts mehr schuldig, Wayne. Ich danke dir für alles.«
»Moment!«, rief Dunn heftiger als beabsichtigt. »So einfach ist das nicht! So einfach wirst du mich nicht los! Nicht, nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht beurteile ich ja alles falsch, aber wenn ich gehen soll - wenn du willst, dass ich nach Thedford zurückkehre und dich hier zurücklassen soll, sag es mir direkt ins Gesicht. Ich kann nicht glauben, dass du so empfindest.«
Sequel sah ihn lange schweigend an, und Dunns Hoffnung schwand allmählich dahin. Dann begann sie zu sprechen: »Willst du mich denn nicht zurücklassen? War es nicht nur dein Versprechen, uns zu helfen, weswegen du bei uns geblieben bist?«
»Das fragst du nicht im Ernst! Verdammt, ich bin zuletzt nur wegen dir geblieben. Vermutlich warst es immer nur du, und ich hab es nur nicht begriffen. Als du dann verletzt wurdest, wurde mir mit einem Mal klar, dass ich dich liebe. Ich könnte dich überhaupt nicht verlassen, verstehst du? Die Frage ist nur, was du willst? Was siehst du in mir?«
Sequels Gesicht überzog ein Lächeln. »Ich bin noch nicht sehr gut darin, Gefühle zu äußern, aber ich empfinde genauso. Ich will, dass du bleibst. Ich möchte mit dir zusammen sein. Könntest du dir das vorstellen?«
Dunn beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Sequel war erst überrascht, erwiderte dann jedoch den Kuss leidenschaftlich, bis ein Hustenreiz sie unterbrach.
»Versprich mir, dass du das wiederholst, wenn ich dieses Bett verlassen darf.«
Dunn lachte. »Das muss ich dir nicht erst versprechen. Du wirst dich nicht beklagen müssen.«
Sie lächelte erneut. »Ich freue mich darauf. Aber jetzt fühle ich mich unsagbar müde und würde gern etwas schlafen. Sei mir nicht böse.«
»Ich bin dir doch nicht böse. Ich werde warten, und wenn du erwachst, werde ich gleich da sein. Ich werde dich nicht allein lassen.«
Sie griff seine Hand und sah ihn glücklich an. »Mir geht es gleich etwas besser. Und noch eines: Ich liebe dich auch.«
Er gab ihr noch einen sanften Kuss und ließ sie dann schlafen. Als er den Raum verließ, wartete Brungk draußen auf ihn. »Wie geht es ihr?«
»Ich konnte mit ihr sprechen«, sagte Dunn. »Sie wird wieder gesund, ist aber jetzt noch müde und muss etwas schlafen.«
»Sollen wir etwas essen gehen?«, fragte Brungk. »Ich könnte was vertragen.«
»Mich bekommst du hier nicht weg.«
Brungk grinste. »Du hast es mit ihr geklärt?«
Dunn nickte. »Jep.«
»Dann besorg ich uns mal was zum Essen, okay. Und gibst du mir dein Mobiltelefon?«
Dunn zog es hervor. »Was willst du damit?«
»Melanie anrufen. Sie hat verdient, zu erfahren, dass es uns gut geht, oder nicht?«
»Natürlich. Grüß sie schön.«
Brungk hatte sich schon abgewandt, als ihm noch etwas einfiel. »Sag mal Wayne, hier bei euch braucht man doch für alles Papiere. Wie kommen denn Sequel und ich an solche Papiere? Wir sind doch aus dem Nichts bei euch aufgetaucht.«
Dunn lächelte verschmitzt. »Natürlich hattet ihr Papiere. Brungk Porter und Sequel Bannister haben leider alles bei der Katastrophe verloren, nicht wahr? Sobald wir zurück in Thedford sind, beantragen wir Ersatzpapiere für euch. Das bekomm ich schon hin.«
»Das geht so einfach?«
»Nein, wir müssen lügen, wie gedruckt, das ist alles.«
Brungk schaute ihn erst fragend an, dann lachte er los und verschwand, immer noch lachend, im Gang nach draußen.
Dunn blieb allein auf dem Gang zurück und setzte sich auf einen Stuhl, der neben der Tür stand. Die Ereignisse der letzten Wochen zogen an seinem geistigen Auge vorbei. Er hatte Abenteuer erlebt, die es nicht geben sollte, hatte Menschen kennen und lieben gelernt, die es eigentlich nicht gab und eine Frau gefunden, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt war. Wie oft hatte er in seinem Büro in Thedford gesessen und sich gewünscht, sein Leben wäre interessanter. Jetzt fragte er sich, ob er sich nicht doch lieber die beschauliche Ruhe von Thedford wünschen sollte.
Sequel schlich sich in seine Gedanken, und ihm wurde warm ums Herz. Ganz so beschaulich würde die Zukunft doch nicht werden. Dunn lächelte. Er freute sich auf diese Zukunft.

Südsee - Ein Traumurlaub

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Trevor zeichnete mit seinem großen Zeh Striche in den feuchten Sand und ließ sein Gesicht von der Sonne bescheinen.
»Was tust du da?«, fragte Dawn, seine Ehefrau.
Trevor ließ sich auf den Rücken fallen und wandte sich ihr zu. »Ach nichts. Ich genieße einfach diese herrliche Idylle.«
Dawn lächelte ihm zu und steckte ihren durchtrainierten Körper. Sie suchte die Bucht ab, in der sie lagen, und stellte fest, dass sie vollkommen allein waren. »Willst du die ganze Zeit hier herumliegen? Keine Lust auf etwas Aktivität?«
Trevor fuhr hoch. »Jetzt? Hier?«
Sie lachte hell und warf ihre langen Haare zurück. »Nicht, was du jetzt denkst. Ich wollte schwimmen gehen. Das Wasser ist so angenehm wie eine Badewanne. Wir könnten nackt baden und niemand würde es bemerken.«
Sie kicherte, als sie Trevors beinahe enttäuschtes Gesicht sah. Schnell beugte sie sich zu ihm herüber und gab ihm einen Kuss. »Für das Andere ist später noch genug Zeit.«
Sie erhob sich und streifte mit lässigen Bewegungen ihren Bikini ab. Trevor beobachtete sie dabei und genoss immer wieder den Anblick dieser makellos schönen Frau. Ihre Haut hatte inzwischen eine nahtlose Bräune, um die man sie daheim beneiden würde. Sie wusste genau, wie sie auf ihn wirkte, und zwinkerte ihm zu, während ihr Blick auf seine Badehose fiel.
Er richtete sich auf, um nach ihr zu greifen, doch sie wandte sich zum Strand und lief ins flache Wasser, bis es tief genug war, und tauchte dann kopfüber unter.
Er presste die Lippen aufeinander und blickte hinterher. »Dieses kleine Aas«, murmelte er. »Aber was soll’s? Hier ist ja sonst niemand.«
Er erhob sich, streifte seine Badehose ab und rannte ihr hinterher. Dawn war bereits ein gutes Stück hinausgeschwommen, aber er folgte ihr mit kraftvollen Zügen. Als er sie erreicht hatte, tollten sie wie die kleinen Kinder im Wasser. Sie spritzten sich gegenseitig nass, tauchten einander unter und klammerten sich aneinander. Zwischendurch küssten sie sich leidenschaftlich und schließlich landeten sie auf einem kleinen flachen Felsen, der zweihundert Meter vor der Bucht aus dem Wasser ragte, wo sie sich liebten. Erschöpft lagen sie später nebeneinander auf dem Felsen und streichelten sich gegenseitig über die Haut. Trevor konnte es nie fassen, wie zart und weich sich Dawns Haut anfühlte.
»Weißt du, dass dies der schönste Urlaub ist, den wir je zusammen verbracht haben?«, fragte er. »Ich wollte ja ursprünglich nicht hierher, aber es ist einfach toll hier. Vor allem natürlich, weil es auch zwischen uns wieder funktioniert. Ich weiß ja, dass ich ...«
Sie legte ihm einen Finger über die Lippen. »Nicht, Trevor ... Mach es nicht kaputt. Genieße das Leben. Du weißt, dass ich dich liebe.«
Er seufzte. »Ja, das weiß ich. Und manchmal frage ich mich, womit ich dich verdient habe.«
Sie schmunzelte. »Wer sagt, dass du mich verdient hast?« Sie sah sich um. »Vielleicht sollten wir zum Strand zurückschwimmen. Wenn ich ehrlich bin, hab ich Hunger, und wir könnten im Hotelrestaurant eine Kleinigkeit essen, bevor wir uns für den Abend zurechtmachen.«
Trevor stimmte zu. »Gut, aber wir könnten ein kleines Wettschwimmen machen.«
»Wettschwimmen? Was bekomme ich, wenn ich gewinne?«
»Du wirst nicht gewinnen.«
»Und wenn doch?«
Er überlegte. »Dann darfst du dir was wünschen. Aber das gilt auch für mich.«
»Okay!«, rief sie und sprang mit einem Satz ins Wasser. Als Trevor hineinsprang, hatte sie bereits einen guten Vorsprung.
Er war ein guter Schwimmer, doch Dawn war ebenfalls gut in Form, und es gelang ihm bis zum Strand nicht, sie zu überholen.
»Ich hab einen Wunsch frei«, stieß sie keuchend und außer Atem hervor, als sie bei ihrer Decke ankamen und ihre Badesachen anzogen.
»Du hast geschummelt«, warf er ihr vor. »Du bist ins Wasser gesprungen, obwohl das Wettschwimmen noch nicht begonnen hatte.«
»Hab ich nicht! Außerdem hattest du auf zweihundert Meter genügend Gelegenheit, mich zu schlagen.«
Tevor ließ es auf sich beruhen. Sie packten ihre Sachen zusammen und liefen Hand in Hand zurück zum Hotel. Das Luxushotel machte schon von Weitem einen futuristischen Eindruck, und eigentlich wirkte es wie ein Fremdkörper in dieser Südseeidylle, doch drinnen war es einfach nur luxuriös und komfortabel. Ihre Suite hatte die Ausmaße einer Luxuswohnung und der Ausblick vom Balkon war atemberaubend.
Als sie die Drehtür zum Foyer durchschritten, fröstelten sie einen Moment, da die Räume innerhalb des Gebäudes selbstverständlich voll klimatisiert waren. Die Angestellte am Hotel-Counter lächelte ihnen freundlich zu und überreichte ihnen ungefragt ihren Schlüssel zur Suite.
»Ist das Restaurant schon geöffnet?«, fragte Dawn.
»Es öffnet erst in einer halben Stunde«, sagte sie mit Bedauern in der Stimme. »Sie könnten sich in der Zwischenzeit einen Drink an der Bar gönnen, wenn Sie mögen.«
Trevor schüttelte den Kopf. »Wir gehen erst auf unser Zimmer. In diesem Aufzug möchten wir auch nicht an die Bar.«
Die Angestellte lächelte, sagte jedoch nichts weiter.
Als sie im Aufzug standen und sie die Kabine in Bewegung setzte, um sie ins 41. Stockwerk zu bringen, fiel Trevor etwas ein: »Sag mal, welchen Tag haben wir heute? Meine ganze Zeitrechnung ist hier durcheinandergekommen.«
»Wir haben Freitag, glaube ich.«
»Das bedeutet, wir müssen morgen abreisen.«
Dawn überlegte. »Du hast recht. Dann war das bereits unser letzter Ausflug an den Strand?« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht. »Dass Urlaub immer so schnell vorübergehen muss ...«
Ein Glockenton wies darauf hin, dass sie ihr Stockwerk erreicht hatten. Die Tür öffnete sich und sie traten auf den Flur hinaus, nur, dass da nichts mehr war. Kein Flur, kein Boden, überhaupt nichts. Ihre Schritte gingen ins Leere und ein Panik erzeugendes Gefühl des Fallens machte sich in ihnen breit. Dawn hielt sich krampfhaft an Trevor fest, dass es beinahe schmerzte. Es war das Letzte, was sie empfanden, bevor ein gnädiger Schlaf ihr Bewusstsein auslöschte.

Als Trevor erwachte, wurde er von einer grellen Lampe geblendet, und er schloss die Augen wieder.
»Hey, nicht wieder einschlafen!«, rief eine unangenehme Frauenstimme. Eine Hand patschte gegen seine Wange. »Los! Augen auf! Wir haben nicht alle Zeit der Welt! Andere wollen auch an die Reihe kommen.«
Er öffnete ein Auge. »Was ist denn los? Was wollen Sie von mir?«
»Genug geschlafen! Richten Sie sich auf, damit Sie den Kaffee trinken können.«
Er öffnete das zweite Auge. Inzwischen gewöhnte er sich an das grelle Licht. Sein Blick wanderte umher, und ihm gefiel ganz und gar nicht, was er sah. Er befand sich auf einer abgewetzten Liege, von denen es in dem Raum, in dem er sich befand, noch weitere gab. Alle waren von schlafenden Männern und Frauen belegt.  Mühsam richtete er sich auf und setzte sich auf die Kante der Liege. Die Frau, die ihn angesprochen hatte, stand direkt vor ihm und schaute ihm forschend in die Augen.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie. Sie hielt ihm einen Pappbecher unter die Nase. »Ihr Kaffee. Trinken Sie ihn und dann machen Sie die Liege frei. Wir hinken bereits im Zeitplan hinterher.«
Trevor schüttelte den Kopf, um die Spinnweben zu vertreiben, die seine Gedanken noch immer lähmten. »Was ist denn überhaupt los? Wie komme ich hierher?«
Die Frau verdrehte die Augen. »Mein Gott, schon wieder so einer, der nicht zurückfindet.«
Sie hielt eine Mappe in der Hand und schlug sie auf. »Trevor Jablonski, 42 Jahre, ledig, Arbeiter in der Müllverwertung. Buchung für zwei Wochen Südsee, Luxuspaket. Fällt es Ihnen wieder ein? Sie hatten einen Traumurlaub gebucht. Zwei Wochen Südsee, und dieser Traum ist jetzt vorbei, verstehen Sie? Willkommen in der Realität. Und jetzt machen Sie bitte die Liege frei.«
»Warten Sie! Was haben Sie vorgelesen? Traumurlaub? Ich bin ledig? Aber ich hatte den Urlaub nicht allein verbracht. Ich hatte eine Frau. Ich bin zusammen mit meiner Frau dort gewesen!«
»Sehen Sie, dass Sie Ihren Kopf wieder klar bekommen. Sie sind nicht verheiratet, allerdings sehe ich hier, dass Sie ausdrücklich eine Begleitung gebucht haben. Vermutlich irritiert Sie das.«
»Dann war meine Frau nichts weiter als ein Bestandteil des Traums?«, fragte Trevor enttäuscht und auch etwas verzweifelt.
Die Frau lachte humorlos auf. »Soweit geht unser Traumservice nun auch wieder nicht. Eine virtuelle Traumbegleiterin nach eigenen Wünschen kostet keine Kleinigkeit. Das können Sie sich als Recycling-Mann sicher nicht leisten. Wir haben schließlich auch weibliche Kunden, die sich für ihren Urlaub eine Begleitung wünschen. Unser System sucht anhand der Datenerhebung vor Verabreichung des gebuchten Traums nach passenden Kunden, die infrage kommen, für die Dauer des Traums kombiniert zu werden. Sie sind lediglich auf eine Kundin getroffen, die gleichzeitig die Südsee gebucht hat, das ist alles.«
Sie deutete mit der Hand zum Ausgang der Halle. »Und jetzt gehen Sie endlich. Ihr Urlaub ist vorbei.«
Irritiert ließ er sich von der Liege gleiten und lief auf wackeligen Beinen zum Ausgang. Die Frau kümmerte sich nicht weiter um ihn. Allmählich drang die Wirklichkeit wieder zu ihm durch und er erinnerte sich daran, einen Traumurlaub gebucht zu haben. Eine wirkliche Reise kam bei seinem geringen Einkommen nicht infrage und seine Kollegen hatten ihm vorgeschwärmt, wie toll diese Traumurlaube wären. Man müsse auf nichts verzichten, alles wäre täuschend echt und es kostete kein Vermögen.
Er musste feststellen, dass sie recht gehabt hatten. Er hatte tatsächlich das Gefühl, in der Südsee gewesen zu sein.
Im Foyer der Einrichtung gab es einen Schalter, an dem er seine persönlichen Sachen abholen konnte. An seinem Handgelenk hing noch das Armband mit den Daten seiner Urlaubsbuchung. Er trat an den Schalter, wo ein junges Mädchen auf sein Armband blickte. Sie war entschieden freundlicher als die Frau, die ihn geweckt hatte.
»Hatten Sie einen schönen Urlaub?«, fragte sie lächelnd.
»Ja, danke, den hatte ich wirklich.«
»Darf ich eben ihr Armband scannen? Ich hole Ihnen dann Ihre Sachen.«
Als das Mädchen gegangen war, bemerkte Trevor eine Frau von vielleicht Mitte vierzig neben sich. Auch sie wartete auf ihre persönlichen Sachen. Sie lächelte, als sich ihre Blicke trafen. »Ihr Urlaub ist auch vorbei?«, fragte sie.
Trevor nickte.
»Darf man fragen, wo Sie waren?«, fragte sie. »Man will ja vielleicht auch später mal was anderes buchen. Ich bin immer interessiert daran, wie es an anderen Zielen ist.«
»Ich hatte zwei Wochen Südsee. War wirklich ganz toll. Kann ich empfehlen.«
»Südsee?«, fragte sie.
»Was ist daran so verwunderlich?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nichts. Es ist nur ... Ich hatte auch zwei Wochen Südsee.«
Sekundenlang starrten sie sich an und bekamen erst nicht mit, dass das Mädchen mit den Sachen für die beide zurückgekommen war.
Trevor fand seine Sprache zuerst wieder. »Ich heiße Trevor Jablonski. Wäre es unverschämt, Sie nach Ihrem Namen zu fragen?«
Ihr Gesicht zeigte ein sympathisches Lächeln, das immer breiter wurde. »Nein, das ist nicht unverschämt. Ich heiße Dawn. Dawn Browning.«
»Dawn!«
»Ja. Und Sie heißen Trevor? Und waren zwei Wochen in der Südsee?«
Er grinste. »Genau. Und ich denke, wir sollten uns irgendwie kennen, nicht wahr?«
»Ja, irgendwie schon.«
Trevor sah die Frau an. Sie hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit seiner Begleiterin aus dem Urlaubstraum, aber auch seine Erscheinung war dort arg geschönt gewesen. Es waren ihre Augen, die den Ausdruck hatten, den er aus dem Urlaub kannte, und den er liebte. Auch sie taxierte ihr Gegenüber und schien nicht sonderlich enttäuscht zu sein.
»Sagen Sie, Dawn, wie wäre es, wenn wir zusammen noch etwas trinken, und den Urlaub dabei ausklingen lassen?«
»Trevor, das ist eine hervorragende Idee«, sagte sie lächelnd. »Aber hör auf, mich zu siezen! Und eines muss dir noch klar sein.«
Trevor sah sie fragend an. »Und das wäre?«
»Ich habe noch einen Wunsch frei!« Lachend hakte sie sich bei ihm ein und beide verließen kichernd gemeinsam die Urlaubsagentur.

Kopfgefängnis

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Als ich den Bildschirm meines Computers ausschaltete, erfasste mich ein regelrechtes Hochgefühl. Im Ausgabefach meines Druckers befand sich meine Arbeit für die nächsten Tage. Es war ein Geschenk des Himmels, den Job als Lektor bei einem großen Publikumsverlag bekommen zu haben. Ich las sowieso viel und so lernte ich einige spätere Bestseller bereits vor ihrem Erscheinen kennen. Der größte Vorteil dieser Arbeit war allerdings, dass ich ihn von zu Hause erledigen konnte.
Mein Auftraggeber schickte mir die Texte mit der Post oder per Mail und ich konnte sie dann in aller Ruhe bearbeiten. Früher hatte ich einen anderen Job und bin jeden Morgen ins Büro gefahren, doch das gehörte einer Vergangenheit an, hatte in einem gefühlt anderen Zeitalter stattgefunden.
Ich griff meine Ausdrucke und ließ die Blätter durch meine Finger gleiten. Über 600 Normseiten, das würde meine Rechnungen für die kommenden Wochen bezahlen helfen. Doch heute würde ich damit nicht mehr beginnen.
In der Küche durchsuchte ich meinen Kühlschrank nach etwas Essbarem für das Abendessen, stellte jedoch fest, dass ich es versäumt hatte, meinem Lieferdienst einen Auftrag zu erteilen. Schlimm war das nicht, denn eine Pizza konnte ich mir immer bestellen. Der Pizzabäcker meines Vertrauens kannte mich und meine Vorlieben.
»Wie immer?«, fragte er, als ich die Nummer am Telefon gewählt hatte.
»Wie immer«, bestätigte ich und legte auf. Ich setzte mich schwer auf den kleinen Hocker, der in der Diele neben der Telefonkonsole stand. Mein Hochgefühl war verschwunden.
In spätestens einer halben Stunde würde es an der Haustür klingeln, und ein wildfremder Auslieferungsfahrer würde mit einer Pizza vor meiner Tür stehen. Ich brauchte sofort einen Plan, wie ich auf diese Situation reagieren sollte. Ja, ich wollte eine heiße Pizza, aber ich wusste, dass es schwierig würde, einfach die Tür zu öffnen und mich dem Fremden zu stellen. Ich durfte ihn nicht hineinlassen, ihm keinen Anlass bieten, mein Reich zu betreten.
Ich griff erneut zum Telefon und wählte die Nummer der Pizzeria. »Äh, hier ist ... Sie wissen schon. Können Sie mir schon mal sagen, wer das Essen heute ausfährt? Nein? Also es gibt da ein Problem. Kann der Fahrer das Essen einfach vor meiner Tür abstellen und wieder gehen? Ich bezahle dann wie üblich am Ende des Monats per Überweisung. Kein Problem? Danke.«
Erleichtert legte ich den Hörer aus der Hand. Ich würde dem Fremden nicht entgegentreten müssen. Erst jetzt fiel mir auf, wie heftig mein Herz geschlagen hatte, als es sich allmählich beruhigte.
Mein Blick fiel auf das Foto von mir und Katrin an der Wand. Ich hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, es von dort zu entfernen. Ein Foto aus glücklicheren Tagen. Katrin und ich waren verlobt gewesen, es hatte sogar schon einen Hochzeitstermin gegeben. Doch damals hatte es begonnen. Wir sind gern zusammen gewesen, haben gemeinsam Filme im Kino geschaut, sind zum Tanzen gegangen. Es hatte fast unauffällig begonnen. Ich hatte anfangs gedacht, ein Film im Kino hätte mich so aufgewühlt, dass mir unbehaglich war. Das Gefühl schwand erst, als wir wieder zu Hause waren. Irgendwann war mir bewusst geworden, dass mir draußen eigentlich immer unbehaglich war. Jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, verschwand das Gefühl wieder.
Katrin gefiel das nicht, doch sagte sie zunächst nichts, wenn sie mit mir und Freunden etwas zusammen unternehmen wollte, und ich vorschlug, sie könnten doch auch zu uns kommen. So ging es eine Zeit lang und allmählich wurde Katrin unzufrieden. Sie wollte endlich wieder etwas mit mir unternehmen, mit mir ausgehen, doch mir war der Gedanke inzwischen fast zuwider, meine Wohnung zu verlassen. Es wurde eher noch schlimmer und ich konnte es kaum noch ertragen, wenn unsere Freunde zu uns kamen. Katrin war die Ausnahme. Sie liebte ich, und sie brauchte ich wie die Luft zum Atmen. Ich hab es mir nicht ausgesucht, nicht gewollt. Ich hatte mir nicht einmal vorstellen können, dass ich einmal von Ängsten geplagt werden könnte.
Katrin verstand es nicht, versuchte immer wieder, mich zu beruhigen und mir meine Ängste zu nehmen. Eines Tages hatte sie aufgegeben. Vor einem Jahr hatte sie mich verlassen. Sie hatte es sich nicht leicht gemacht und es waren viele Tränen geflossen - bei ihr wie auch bei mir, aber schließlich hatte sie kapituliert. Für mich war es dadurch nicht leichter geworden. Ich liebte sie noch immer, wusste aber, dass ich sie nicht mehr erreichen konnte.
Der schrille Klang der Türklingel riss mich aus meinen Gedanken. Der Pizzamann. Ich spürte gleich, wie sich mein Puls beschleunigte und meine Hände schweißnass wurden. Ich hatte das Essen selbst bestellt, aber die wenigen Schritte bis zur Wohnungstür verlangten mir alle Energie ab, die ich aufbringen konnte. Nach dem dritten Klingeln betätigte ich den Türöffner, der die Haustür für den Lieferanten öffnete. Ich atmete mehrmals tief durch, versuchte, mein Unwohlsein und meine Nervosität in den Griff zu bekommen, wusste aber, wie aussichtslos das war.
Vorsichtig blickte ich durch den Türspion, als es an der Tür klopfte. Ich erschrak heftig. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Mann so schnell vor meiner Tür stehen könnte. Ich hatte gehofft, ihn bereits von der Treppe kommend, beobachten zu können.
»Sie hatten eine Pizza Nr. 26 bestellt?«, tönte es durch die geschlossene Tür.
Ich stand wie versteinert. Nur eine dünne Holzplatte trennte mich von diesem Unbekannten. Ich hielt den Türspion mit der Hand zu. Das Gefühl, der Fremde könnte mich dadurch beobachten und in mein Innerstes zu blicken, war mir unerträglich.
Es klopfte wieder.
»Stellen Sie es einfach auf den Boden vor die Tür«, sagte ich mit heiserer Stimme.
»Auf den Boden? Meinen Sie nicht, es wäre besser, Sie nehmen die Pizza einfach entgegen? Sie wird schnell kalt.«
»Auf den Boden!« Was war daran nicht zu verstehen? »Die Bezahlung ist schon mit Ihrem Chef geregelt.«
Lange Augenblicke hörte ich keinen Laut aus dem Hausflur. Schließlich hörte ich Schritte, die sich von meiner Tür entfernten. Ich blickte durch den Türspion. Es stand niemand mehr vor meiner Tür. Ich brauchte sie nur zu öffnen, um die Schachtel mit meinem Essen hereinzuholen. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich presste mein Ohr an das Türblatt. Nichts zu hören. Es schien sich niemand im Hausflur aufzuhalten. Die Gelegenheit war günstig.
Mit zitternden Fingern löste ich die Kette an der Tür und schloss, so leise es ging, meine vier Türschlösser auf. Ich lauschte noch einen Moment, holte tief Luft und öffnete die Tür.
Mir wurde heiß. Ich blickte vollkommen ungeschützt aus der Sicherheit meiner Wohnung in den offenen Hausflur. Ich hätte mich unverzüglich bücken und die Schachtel mit der Pizza hereinholen sollen, aber ich war einen Moment unfähig, mich zu bewegen. Als ich meinen Blick schließlich senkte und mein Abendessen auf der Fußmatte stehen sah, stürzte ich mich regelrecht darauf und zog die Schachtel in die Diele. Mit der freien Hand stieß ich die Tür zu, die knallend ins Schloss fiel. Sofort richtete ich mich auf und verriegelte meine Schlösser mit fliegenden Fingern. Aber erst, als auch die Kette wieder vorgelegt war, begann ich mich sicherer zu fühlen. Mein Puls beruhigte sich und ich konnte mich auf mein Essen konzentrieren.
Als ich schließlich in meinem Wohnzimmer saß, die Pizza vor mir und den Blick auf meinen Fernseher gerichtet, ließ das Zittern meiner Hände endlich nach, und die Pizzastücke fielen mir nicht mehr von der Gabel. Die bunten Bilder auf dem Bildschirm flimmerten einfach nur an mir vorbei. Mich interessierte im Grunde überhaupt nicht, was dort gezeigt wurde, aber die Stille, die mich sonst umgeben hätte, wäre noch schlimmer gewesen. Es gab Tage, an denen ich mich richtig gut fühlte, an denen ich sogar aus dem Fenster sah und mir vornahm, einen Spaziergang zu machen. Manchmal schaffte ich es dann bis in die Diele, wo meine Jacke hing. Spätestens dann holte es mich jedes Mal wieder ein und ich fragte mich, warum ich überhaupt dort hinaus wollte. Da draußen war es gefährlich. Im Fernsehen sah ich es täglich. Menschen wurden überfahren, verprügelt und vieles mehr. Hier drinnen war ich sicher.
Irgendwann gab ich dann auf und setzte mich still in meinen Sessel, die zitternden Hände auf meinen Knien und bemühte mich, meine Aufregung durch gezieltes Atmen zu bekämpfen.
Nach dem Essen entsorgte ich die leere Pizzaschachtel im Müllschlucker in der Küche und wusch mir die Hände im Bad. Im Wohnzimmer klingelte das Telefon. Ich ignorierte es. Ich ignorierte es immer. Der Gedanke, dass Fremde auf diesem Weg in mein Heim, in mein Privatleben eindrangen, verursachte mir Unbehagen. Natürlich telefonierte ich durchaus schon mal, aber dann nur, um etwas zu bestellen oder etwas mit meinem Auftraggeber zu klären. Mein Auftraggeber wusste das und schrieb mir eine Mail, wenn er mich sprechen wollte. Wenn ich mich angemessen darauf einstellen und mich vorbereiten konnte, ging ein Telefonanruf durchaus in Ordnung.
Das Gesicht, das mir aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegenblickte, erschien mir fremd, obwohl ich natürlich wusste, dass es meines war. Verdammt, wo war der selbstbewusste Kerl geblieben, der auf den alten Fotos neben Katrin zu sehen war? Hatte ich ein Problem? Oder hatten die anderen ein Problem, und ich war der einzig Normale? Ich gebe zu, dieser Gedanke gefiel mir. Was hatte ich denn schon für ein Problem? Ich liebte es halt, in meiner Wohnung zu bleiben und brauchte das Draußen nicht. Hatte ich da nicht einen unschätzbaren Vorteil gegenüber all denen, die sich in ihren eigenen vier Wänden nicht wohlfühlten?
Das erneute Klingeln des Telefons ließ mich aufschrecken. Ich ließ es klingeln - wie immer. Zurück in der Diele, löschte ich das Licht im Bad, bis mir einfiel, dass meine Brille noch auf der Ablage vor dem Spiegel lag. Ich schaltete das Licht wieder ein und es knallte laut. Von einem Moment zum anderen stand ich im Dunkeln. Für einen Augenblick war ich viel zu verblüfft, um etwas anderes zu empfinden. Es war stockfinster. In meiner eigenen Wohnung.
Ich merkte, wie es mir eiskalt den Rücken hinaufkroch. Meine Atmung beschleunigte sich und kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Der Verstand versuchte fast vergeblich, mich davon zu überzeugen, dass nichts Schlimmes geschehen sein konnte. Ich tastete in der Diele nach anderen Lichtschaltern, doch keiner davon funktionierte. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass die Hauptsicherung meiner Wohnung herausgesprungen sein musste. Der Sicherungskasten befand sich draußen im Flur. Draußen! Das Kältegefühl nahm zu und lähmte mich vollends. Ich konnte doch nicht einfach hinausgehen und die Sicherungen wieder einschalten! Ich konnte aber auch nicht einfach in der dunklen Wohnung stehen bleiben und darauf hoffen, dass es am kommenden Morgen wieder hell werden würde. Natürlich geht am Morgen die Sonne wieder auf und ich könnte wieder etwas erkennen, aber der elektrische Strom war etwas Grundlegendes. Ohne Strom gab es nicht nur kein Licht, nein - die Heizung fiel aus, der Gefrierschrank taute auf und ich konnte mir auch keinen Kaffee oder Tee kochen. Ich konnte nicht einmal beim Bestellservice im Internet etwas bestellen.
Ich musste also unbedingt die Wohnung verlassen. Vorsichtig tastete ich mich vorwärts, in die Richtung, in der ich die Wohnungstür wähnte. Mit dem Knie stieß ich an die Kante des Schuhschranks und wäre beinahe gestürzt. Schließlich stand ich an der Tür. Durch den Türspion drang trübes Licht vom Flur herein, und meine Augen, die sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, nahmen grobe Konturen wahr. Ich griff zu den Schlössern, zögerte jedoch noch, sie zu öffnen.
Die Tür und die Schlösser waren mein Schutz gegen das Draußen. Allein der Gedanke, diese Tür öffnen zu müssen, ließ meine Hände schweißig werden. Zum ersten Mal musste ich mir eingestehen, tatsächlich ein Problem zu haben. Die Situation überforderte mich völlig. Der Sicherungskasten befand sich nur zwei Meter rechts neben der Tür. Das war doch keine Entfernung! Ich entriegelte das erste Schloss und blickte durch den Spion, um nachzusehen, ob jemand durch das Geräusch aufmerksam geworden war. Niemand zu sehen! Erleichtert stieß ich meinen Atem aus. Die Gelegenheit war günstig und ich entriegelte die restlichen Schlösser. Bevor ich jedoch die vorgelegte Kette entfernte, warf ich noch einen Blick durch den Spion in den Hausflur. Immer noch war alles ruhig. Als ich die kühle Türklinke in meiner rechten Hand spürte, begann mein Herz zu klopfen, dass ich es bis in den Hals spürte. Zwischen mir und dem Draußen gab es erneut nur das dünne Türblatt. Kein Schloss bot mir mehr Sicherheit, und ich müsste zwei Meter durch den Hausflur laufen ...
Das schrille Klingeln des Telefons ließ mich zusammenfahren. Entgeistert starrte ich in die Dunkelheit meines Wohnzimmers. Wieso konnte das Telefon klingeln, wenn die Hauptsicherung der Wohnung herausgesprungen war? Da fiel es mir ein: Festnetztelefone haben eine eigene Stromversorgung durch die Telefonleitung. Ich hätte beruhigt sein sollen, doch der Schreck, zusammen mit dem noch immer klingelnden Telefon, zerrte an meinen Nerven. Wie sollte ich die Energie aufbringen, es bis zum Sicherungskasten zu schaffen?
Rhythmisch stieß ich mit meinem Kopf von innen gegen die Tür, als würde mir das helfen, mein Problem zu lösen. Vorsichtig drückte ich die Klinke nieder und öffnete meine Wohnungstür. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber als nichts geschah, zog ich sie weiter auf. Schließlich wusste ich ja, wie es im Hausflur aussah. Erst als der Pizzabote kam, hatte ich durch die geöffnete Tür nach draußen gelangt, und mir war nichts geschehen. Ich versuchte, mich an diesem Gedanken hochzuziehen: Mir war nichts geschehen!
Über den Schalter neben der Tür schaltete ich das Licht im Flur an und schloss gleich geblendet meine Augen. Jetzt musste ich ein paar Schritte machen, um die Sicherungen zu erreichen. Es war lächerlich, aber meine Füße klebten am Boden, als hätte sie jemand dort festgeschraubt. Es kostete mich alle Mühe, einen Fuß zu heben und einen Schritt nach vorn zu machen. Es dauerte noch drei Phasen des Drei-Minuten-Lichts im Hausflur, bis ich es endlich wagte, einen weiteren Schritt zu machen. Ich lehnte mit dem Rücken an der Wand und wusste nicht, wie ich dort jemals wieder wegkommen sollte. Mein Atem ging hektisch, das Herz schlug bis zum Hals und ich stand wie versteinert. Ich durchlebte die pure Angst, vor der Welt außerhalb meiner Wohnung, vor dem Fremden, dem Draußen, vor mir selbst.
Zentimeter für Zentimeter tastete ich mich an der Wand entlang, den Blick starr in den Hausflur gerichtet. Ich wagte es nicht, den Blick auf den Sicherungskasten zu richten, weil jeden Augenblick jemand kommen, und mich überraschen könnte. Schließlich tastete meine rechte Hand den Rand des grauen Kastens, in dem mein Stromzähler und die Sicherungen steckten. Ich nahm all meinen Mut zusammen und wandte mich den Kasten zu. Mit einem Griff öffnete ich den Schrank und sah sofort, dass der FI-Schalter herausgesprungen war. Hektisch blickte ich nach links und rechts, fasste an den Schalter und drückte den Hebel in die On-Position. Ein trockenes Knacken war alles, das ich hörte. Sollte es das bereits gewesen sein? Schnell schloss ich den Schrank, als das Flurlicht ausging. Alles, nur das nicht! Ich stand draußen und auch noch im Dunkeln? Ich spürte, wie sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten.
Noch bevor mein logisches Denken wieder einsetzte, sprang das Licht wieder an. Jemand musste sich im Flur befinden und es eingeschaltet haben. Ich musste unbedingt hier weg. Inzwischen hyperventilierte ich und mir war schon ganz schwindelig. Von unten hörte ich Schritte, wie jemand die Treppen hinaufstieg. Es konnte nur noch eine Frage von wenigen Sekunden sein, bis er mich sah. Das aktivierte meine letzten Energien und ich sprang mit zwei langen Sätzen in meine Wohnung und schlug die Tür lautstark hinter mir zu. Zu mehr war ich nicht in der Lage. Mir wurde erst später bewusst, dass die Deckenbeleuchtung wieder funktionierte und mein Exkurs zum Sicherungskasten erfolgreich gewesen war. Meine eigene Batterie jedoch war völlig leer. Ich ließ mich an der Dielenwand zu Boden gleiten und blieb dort sitzen, die Knie angezogen und mit den Armen umfasst. Mein Oberkörper schwang vor und zurück und ich hatte keinen Einfluss darauf, konnte es nicht stoppen.
Durch die Tür hörte ich die Schritte aus dem Flur immer lauter. Es war das laute Klackern von Damenschuhen. Die Schritte kamen näher. Als es plötzlich an der Tür klopfte, blieb mir fast das Herz stehen. Man hätte mich wegtragen können, so starr war ich vor Entsetzen. Es klopfte an meiner Tür! Fremde vor meiner Tür! Und ich konnte nichts tun. Ich hätte die Polizei rufen können, doch dazu hätte ich mich bewegen müssen.
Das Geräusch eines Schlüssels, der in mein Türschloss gesteckt wurde, gab mir den Rest. Ich hatte es in der Eile versäumt, die Schlösser zu schließen und die Kette vorzulegen. Mein Körper zitterte und dann wurde mir gnädig schwarz vor den Augen.

Als mein Denken wieder einsetzte, war es eine Stimme, die mich weckte. Eine Stimme, die ich kannte, auch wenn ich sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Ich öffnete meine Augen und erkannte, dass ich auf dem Boden in meiner Diele lag. Über mir schwebte ein Gesicht, das mich besorgt ansah.
»Katrin?«, fragte ich mit heiserer Stimme.
»Ja, du verrückter Kerl. Ich bin 's.«
Ich lauschte in mich hinein. Nein, keine Angst. Es war völlig in Ordnung, dass sie da war.
»Was machst du hier? Ich hab Dich nicht mehr gesehen, seit du ... gegangen bist.«
»Ich weiß.«
»Katrin, das ist ein Jahr her. Ein ganzes verdammtes Jahr. Ein Jahr, in dem mich meine Ängste fast um den Verstand gebracht haben. Und jetzt bist du einfach da?«
Katrin presste kurz ihre Lippen zusammen. Sie schüttelte den Kopf. »Nicht einfach. Und Du brauchst auch nicht zu versuchen, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Als ich damals ging, war ich selbst mit den Nerven am Ende. Du und deine fehlende Einsicht haben mich fertiggemacht. Ich hab dir so oft vorgeschlagen, eine Therapie zu machen, aber du hast immer nur geleugnet, diese Phobien überhaupt zu haben. Dabei habe ich sie erlebt, sie am eigenen Leibe erfahren müssen. Wäre ich damals bei dir geblieben, hätte ich selbst auch eine Therapie gebraucht. Ich konnte einfach nicht mehr.«
Ich sah sie fragend an. Die Angst, die ich eigentlich fast ständig spürte, und die mich permanent quälte, war in diesem Moment bedeutungslos. »Und das ist jetzt anders? Weshalb bist du jetzt gekommen? Sag jetzt nicht, die Liebe zu mir hätte dich zu mir zurückgeführt. Nicht, nachdem du vor einem Jahr plötzlich gegangen bist.«
Ihre Augen bekamen einen wütenden Ausdruck. »Spar dir bitte deinen Zynismus. Denkst du, nur Du hättest es schwer? Ich habe dich nicht wegen eines Anderen verlassen, das weißt du. Es ging einfach nicht mehr mit uns beiden. Ich musste allerdings erleben, dass es ohne dich eben auch nicht geht.«
Sie machte eine kurze Pause. »Zugegeben, ich hab mir viel Zeit gelassen, und brauchte sie auch. Aber jetzt weiß ich, dass ich vor einer Verantwortung geflohen bin, der ich damals nicht gewachsen war. Verdammt, Simon, wir wollten heiraten! Da sollte man nicht einfach auseinanderlaufen, wenn es schwierig wird. Wir sollten gemeinsam versuchen, dein und unser Problem zu lösen.«
Sie zog mich an den Armen hoch, und ich lehnte gegen die Wand. Katrin nickte. »Ja, ich bin gegangen, weil ich mit deinen Ängsten nicht mehr zurechtgekommen bin. Das bedeutet aber nicht, dass mir das leichtgefallen wäre, oder ich dich nicht mehr lieben würde. Seit Wochen versuche ich, dich anzurufen, aber du gehst einfach nicht ran. Noch vor einer halben Stunde hab ich es versucht. Da hab ich endgültig den Entschluss gefasst, herzukommen.«
Ich sah sie an und es war wie damals: In ihrer Gegenwart konnte ich atmen, bekam ich Luft und konnte meine Angst beherrschen. Mein Gott, wie sehr hatte ich sie vermisst ...
»Ich hab nicht erwartet, dich so hier vorzufinden«, sagte sie. »Vielleicht hätte ich dich nie verlassen dürfen. Inzwischen bin ich nicht untätig gewesen und habe mit Ärzten gesprochen, die sich auf so etwas spezialisiert haben. Du brauchst so schnell wie möglich eine Therapie.«
Katrin hockte sich neben mich und nahm mich in den Arm. Es tat so unendlich gut. Mit der Hand schob sie mir eine Haarsträhne aus der Stirn und hauchte einen Kuss darauf. »Ich werde dich nicht wieder verlassen«, sagte sie. »Wir stehen das gemeinsam durch. Diese Angstgefühle sind heilbar, das haben mir die Ärzte versichert.«
Ich spürte, wie etwas aus mir herausdrängte. Heftig drängte ich mich an sie und ließ die Tränen einfach laufen, die mir über die Wangen rannen. Es war mir egal, wenn ich nur in Katrins Armen liegen konnte. Sie hatte ja recht. Ich musste mich meinem Problem endlich stellen, akzeptieren, dass ich es überhaupt hatte. Mit Katrins Hilfe würde ich es schaffen.

Reise ins Ungewisse

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Ein schrilles Signal ließ Sven hochfahren. Das Wecksignal machte ihm jeden Morgen zu schaffen. Gerade an diesem Morgen hätte er es am liebsten überhört, hätte sich die Decke wieder über den Kopf gezogen und die vor ihm liegende Aufgabe einfach ignoriert. Natürlich wusste er, dass es keinen Zweck hätte, und er damit niemals durchkommen würde.
»Licht«, rief er, doch die Deckenbeleuchtung seines Zimmers produzierte nur ein trübes Dämmerlicht - gerade genug, um sich zu orientieren. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und wie es schien, hatte die dichte Wolkendecke vom Vortag nicht genügend Sonnenlicht durchgelassen, um die Kollektoren seines Wohnblocks aufzuladen.
Seufzend schaltete er seine eigene Akkulampe ein und stand auf. Heute war der Tag, der alles verändern würde. Für diesen Tag war er lange ausgebildet worden, und diesen Tag hatte er herbeigesehnt und gleichermaßen auch gefürchtet.
Mit schleppenden Schritten ging er ins Bad, wo er seine Akkulampe auf die Ablage des Rasierspiegels stellte. Er betrachtete den Mann im Spiegel.
Er war gut in Form, musste er zugeben. Ob ihm das helfen würde, wusste er zwar nicht, aber er hatte stets Wert gelegt auf eine gute körperliche Verfassung und Kondition. Die auf seinen Oberarm tätowierte Zahl 213 war ihm seit vielen Jahren geläufig und er beachtete sie nicht weiter. Sie war es, die ihn von den meisten Menschen unterschied, die noch in Australien lebten. Er war aus befruchteten Eizellen geklont worden, die aus ihm den 213. Sven gemacht hatten. Schon als Kind war ihm bewusst geworden, dass er auf eine ganz spezielle Aufgabe vorbereitet wurde. Anfangs hatte es ihm noch zu Schaffen gemacht, zu wissen, nur ein Klon zu sein, doch inzwischen war ihm das egal.
Er machte sich mit kaltem Wasser frisch und blickte wieder in den Spiegel.
»Willkommen im 24. Jahrhundert«, sagte er und schlüpfte in seinen Overall, den er voraussichtlich auch an Bord des Schiffes tragen würde, das er zu fliegen hatte.
Als er die Nasszelle verließ, war es draußen bereits heller geworden.
Der Kommunikator blinkte.
»Annehmen!«, rief Sven. »Hier Sven 213. Was gibt es?«
»John Harper, Raumüberwachung. Ich wollte Sie darauf hinweisen, dass die RENEGAT 4 startbereit ist. Ihre Passagiere sind bereits an Bord. Wir brauchen Sie so schnell wie möglich hier auf dem Raumhafen. Für den Swing-by brauchen wir einen sonnennahen Kurs. Das Schiff muss innerhalb der nächsten fünf Stunden starten, sonst müssen wir den Treibstoff neu berechnen. Schaffen Sie das?«
»Mein eCar ist nicht ausreichend aufgeladen. Gestern hatten wir fast keine Sonnenstunden, wie Sie wissen. Ich muss warten, bis die Helligkeit ausreicht, um die Live-Kollektoren ausreichend zu laden. Sobald ich kann, komme ich rüber zu Ihnen.«
»Nehmen Sie notfalls ein Miet-Car mit Brennstoffzellen. Die Kosten tragen wir.«
Sven ließ es unkommentiert und schaltete ab. Eigentlich hatte er noch frühstücken wollen, doch wenn der Raumhafen es so dringend machte, würde er stattdessen lieber dort etwas essen. Er blickte sich noch einmal in seinem Zimmer um. Seine wenigen privaten Dinge waren bereits vor einigen Tagen abgeholt worden. Trotzdem fiel es ihm schwer, jetzt wegzugehen. Ob er jemals wieder hierher zurückkehren würde, war mehr als ungewiss.
Entschlossen zog er die Tür hinter sich zu und ging, ohne abzuschließen.
Der Himmel war noch immer bleigrau. Es war nicht mehr damit zu rechnen, dass die Sonne durchbrechen würde, also wandte er sich gleich zum Mietstand, wo die teuren Brennstoffzellen-Fahrzeuge standen. Sven kletterte in ein freies Fahrzeug und nannte sein Ziel: Raumhafen Perth.
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, und Sven lehnte sich entspannt zurück. Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
Sein bisheriges Leben als Klon war nicht schlecht gewesen. Er hatte sogar einige Freiheiten mehr genossen, als vielen Normalbürgern zuteilwurden. Dafür wusste er allerdings von Anfang an, dass er irgendwann in einem der großen Siedlerraumschiffe sitzen würde, um es an sein fernes Ziel zu steuern. Jahre würden vergehen, bis er wieder einen Menschen sehen würde, mit dem er sich unterhalten konnte.
Beinahe lautlos glitt sein Fahrzeug autonom über den breiten Highway, der durch eine trostlose, rote Wüstenlandschaft nach Perth führte. Obwohl er hier aufgewachsen war, fühlte er sich diesem Land, diesem Planeten überhaupt, nicht verbunden. Australien war der letzte Kontinent, der noch weitgehend bewohnbar war. Der Rest der Welt war ein ausgezehrter Torso, heruntergewirtschaftet und unbewohnbar gemacht durch endlose Glaubens-, Ressourcen-, Rassen- und Wirtschaftskriege. Sven überlegte, wie groß die Erdbevölkerung nach der letzten Zählung war. Er glaubte, sich an eine Zahl von 20 Millionen zu erinnern, und es wurden ständig weniger. Es war ein Wunder, dass sie es überhaupt geschafft hatten, zumindest in Australien wieder eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen, mit wissenschaftlichen Errungenschaften, von denen man in früheren Jahrhunderten nur geträumt hatte.
Trotzdem waren die Tage der Menschen auf der Erde gezählt. Die Strahlungszonen nahmen allmählich zu, und das Leben bestand aus ständigem Rückzug.
Die RENEGAT 4 kam ihm in den Sinn. Sein Schiff. Noch heute würde damit die Erde verlassen, zusammen mit 50000 Siedlern, die in Kälteschlafkammern, bei Temperaturen in der Nähe des absoluten Nullpunkts an ihr fernes Ziel gebracht werden mussten.
Die RENEGAT 4 war eines von mehreren Siedlerschiffen, die gebaut worden waren, um die Reste der Menschheit zu evakuieren. Die Renegat-Serie verfügte über ein spezielles Triebwerk, dass eine Reise mit Geschwindigkeiten jenseits der Lichtgeschwindigkeit ermöglichte. Bis es jedoch zum Einsatz kommen konnte, brauchte es eine Menge Zeit.
Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Gedanken. Das Fahrzeug hatte ein Warnsignal angezeigt. Eine angenehme Frauenstimme verkündete: »Bitte bereit machen für manuelle Übernahme. Die Induktionsschleifen in der Straßendecke sind für etwa 35 Meilen außer Betrieb.«
Ein Steuerknüppel fuhr automatisch aus der Frontkonsole, sodass Sven ihn greifen konnte. »Bitte drücken Sie eine Taste, wenn Sie bereit sind, das Fahrzeug manuell zu steuern.«
Sven hatte in seinem Leben nur wenige Male ein Fahrzeug selbst gesteuert, und fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken. Er musste über sich selbst lachen. Da war er auf dem Weg, ein riesiges Raumschiff zum zweiten Planeten der Sonne Beta Hydri im Sternbild Wasserschlange zu steuern, und scheute davor zurück, ein Miet-Car zu steuern. Er war froh, dass die Automatik wieder übernahm, als die defekte Stelle der Straße überwunden war.
Als er später den Raumhafen erreichte, wurde er schon erwartet.
»Es wurde auch Zeit, S213«, sagte der Leiter des Mission-Centers vorwurfsvoll. »Sie können gleich an Bord gehen. Wir haben keine Zeit mehr. Das Schiff muss starten, wenn wir nicht noch ein paar Tonnen Reaktionsmasse zusätzlich einsetzen wollen.«
Sven hasste es, wenn man ihn nur mit seiner Klon-Nummer ansprach. Er hatte sich für den Namen Sven entschieden, aber die meisten Verantwortlichen des Raumhafens kümmerten sich nicht darum. Für sie war er der maßgeschneiderte Pilot ihres Schiffes und hatte einfach nur ihre Anweisungen zu befolgen.
»Ich würde mich vorher gern noch etwas frisch machen«, sagte er.
Sein Chef winkte ab. »Dazu ist später an Bord noch genug Zeit. Bewegen Sie Ihren Hintern in die Zentrale der RENEGAT 4. Der Countdown für den Start steht bei minus 45 Minuten.

Als Sven die Zentrale seines Schiffes betrat, dass für die kommenden Jahre sein Zuhause sein würde, hatte er tatsächlich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Er konnte nicht sagen, wie viele Tage und Wochen er während seiner Ausbildung in Simulatoren verbracht hatte, die diesem Raum ähnelten. Ein großer, runder Raum mit zahllosen Monitoren rundherum, Schalttafeln mit - für fremde Menschen - verwirrenden Anzeigen und Tasten. Dann die schweren Kontursessel, die ihm die erste Phase des Starts erleichtern würden - das ausgeklügelte Schienensystem, in dem sie Sessel steckten und das seinen Sitz in kürzester Zeit zu seinen aktuellen Armaturen transportieren würde.
Alles wirkte blitzblank und neu, aber Sven wusste es besser. Die RENEGAT 4 hatte die Reise schon zweimal gemacht und hatte einige Jahre auf dem Buckel. Er konnte nur hoffen, dass die Bodencrew ihren Job sorgfältig gemacht hatte.
Er nahm vor dem Hauptpult Platz und öffnete einen Kommunikationskanal zum Mission-Center: »Sven 213 ist an Bord und übernimmt die Schiffskontrollen. Countdown bei minus 13 Minuten. Führe jetzt die Startchecks durch.«
»Okay«, war die schlichte Antwort.
In den nächsten Minuten ging Sven die Checkliste durch und überprüfte den Status aller Systeme. Noch konnten Reparaturen vorgenommen werden. War er erst einmal unterwegs, hatte er nur Werkzeuge für einfache Probleme.
Er hatte jedoch nichts zu beanstanden und meldete kurz vor Ablauf des Countdowns, dass er startbereit war. Mit geübten Griffen zog er die Sicherungsgurte über seinem Körper straff und ließ sie einrasten. Automatisch kippte der Sitz in eine liegende Position, um den Startandruck erträglicher zu machen. Die letzten zwei Minuten des Countdowns liefen auf einem kleinen Monitor an der Decke ab, während das Dröhnen der fernen Korpuskulartriebwerke allmählich lauter wurde.
»Sven!«, klang es aus einem Lautsprecher, und ein weiterer Monitor sprang an. Er erkannte Manuel 173, einen der Techniker, mit dem er während der langen Ausbildung immer wieder zu tun hatte, und mit dem er seit Langem befreundet war.
»Manuel«, wunderte er sich. »Was gibt es noch? Wir stecken mitten in der Startsequenz. Ich hab jetzt keine Zeit mehr für private Gespräche ...«
»Ich wollte dir auch nur Lebewohl sagen. Tu mir den Gefallen und bring das Baby sicher ans Ziel. Ich würde dir wirklich wünschen, dass du es schaffst. Genieße dein Leben auf Beta Hydri 2. Das musst du mir versprechen!«
Sven grinste. Manuel wäre am liebsten mitgeflogen, aber Techniker-Klone wurden fast immer nur in den Raumhäfen und den Montagehallen gebraucht. Er hätte es begrüßt, Manuel bei sich zu haben, während der langen und langweiligen Beschleunigungs- und Bremsphasen.
»Ich verspreche es dir, Manuel. Mach’s gut. Wenn es geht, lass ich dir eine Nachricht mit einem Rückkehrschiff überbringen.« Er wollte gerade abschalten, als Manuel noch etwas rief.
»Ja? Wolltest du noch etwas sagen?«
»Es gibt da eine Sache, die ich für dich geregelt habe. Niemand weiß etwas davon. Eine Überraschung - mein letztes Geschenk an dich sozusagen.«
»Was ist es?«
Manuel zeigte ein breites Grinsen. »Du wirst es selbst herausfinden müssen. Vergiss deinen alten Kumpel nicht.« Er schaltete ab und das Bild auf dem Monitor verschwand.
Die letzten Sekunden wurden heruntergezählt. Ein Ruck ging durch die RENEGAT 4 und ein Gewicht legte sich wie eine eiserne Faust auf seine Brust. Für die nächsten Minuten musste er den Druck von etwas 7 G ertragen, bis das Schiff die Fluchtgeschwindigkeit der Erde erreicht hatte.
Es war eine Wohltat, als die Startbeschleunigung vorüber war, und die Automatik die Triebwerke auf einen Schub von 1 G zurückregelten. Sein Sitz kippte wieder in die Ausgangsposition zurück. Sven atmete schwer aus. Er war unterwegs, so wie es immer für ihn bestimmt gewesen war. Szenenhaft zog sein bisheriges Leben an ihm vorbei: Die relativ unbeschwerte Zeit in der Kinderkrippe, die Schulzeit, der Drill der Pilotenschule, die Theorie, seine kurzen Affären mit weiblichen Klonen, die wie er für das Umsiedlungsprogramm gezüchtet worden waren. Nichts in diesem Leben war dem Zufall überlassen worden, niemals war er gefragt worden, wie er sich sein Leben vorstellte. Manchmal fragte er sich, was sein Original für ein Mensch gewesen war. Ob er auch immer nur gezwungen war, den Anweisungen des Umsiedlungsprogramms Folge zu leisten?
Er musste an Cynthia denken. Sie war eine der weiblichen Klone, mit der er erst vor kurzer Zeit eine Affäre gehabt hatte. Mit ihr war es anders gewesen als mit den Frauen davor. Bei ihr hatte er zum ersten Mal auch eine emotionale Verbindung gespürt. Er wagte es nicht, bereits von Liebe zu sprechen, aber es hatte ihn erheblich belastet, als er den Befehl erhalten hatte, sich für die Renegat-Mission bereitzuhalten. Es bedeutete die unverzügliche Trennung von Cynthia. Vor seinem geistigen Auge sah er noch immer ihr trauriges Gesicht, als er ihr die Nachricht übermittelte. Sie hatte sich an ihn geklammert, wollte ihn nicht gehen lassen. Doch was sollten sie tun? Sie waren nichts weiter als zwei Klone, geschaffen für klar umrissene Aufgaben, zum Wohle der Menschheit. Sven wurde übel bei dem Gedanken. Auch, wenn er eine Kopie eines normal geborenen Menschen war, zählte doch auch er zu dem, was man ›Menschheit‹ nannte. Cynthia würde halt weiterhin beim Hibernationsprojekt arbeiten und Kälteschlafkammern zusammenschrauben, damit die vielen Tausend Menschen von der Erde evakuiert werden konnten. Sie würde schon einen neuen Partner finden, und er ...? Aber das hatte ein paar Jahre Zeit.
Ein Signal auf dem Pult erforderte seine Aufmerksamkeit. Ein Funkspruch vom Raumhafen.
»RENEGAT 4, wie ist Ihr Status? Nach unseren Daten befindet sich das Schiff - wie vorgesehen - auf Sonnenkurs. Können Sie das verifizieren?«
Sven ging automatisch alle Anzeigen durch, die ihm darüber Aufschluss gaben. Es war alles in Ordnung.
»RENEGAT 4 ist auf Kurs. Triebwerke erzeugen Schub von etwa 1 G. Erreichen der Merkur-Bahn in circa 28 Stunden und Swing-By ab Stunde 34. Alle Parameter in den zulässigen Toleranzen.«
»Gut RENEGAT 4. Wir entkoppeln jetzt unsere Kontrollsysteme von Ihrem Schiff. Ab jetzt sind Sie auf sich gestellt. Bringen Sie unsere Leute heil ans Ziel. Wir wünschen Ihnen viel Glück!«
»Danke! RENEGAT 4 meldet sich ab. Ende.«
Sven schaltete die Verbindung ab. Es war ihm bewusst, dass er damit endgültig seine Verbindung zur Erde gekappt hatte. Er war überrascht, wie leicht ihm das fiel. Was ihn jetzt beschäftigte, war der Swing-By um die Sonne. Um die hohen Geschwindigkeiten zu erreichen, die im relativistischen Bereich erforderlich waren, musste extrem viel Reaktionsmasse bereitgestellt werden. Aus diesem Grund nutzte man die gewaltige Anziehungskraft der Sonne quasi als Schwungscheibe für das Raumschiff. Man steuerte mit hoher Geschwindigkeit einen relativ niedrigen Orbit um das Zentralgestirn an, und ließ sich von der Sonne aus dem Sonnensystem katapultieren. Es kam nur darauf an, nicht zu dicht an die Sonne heranzugeraten, da die Hitzeschilde es sonst nicht mehr absorbieren konnten. Bisher war es jedoch noch nie zu Problemen bei diesem Manöver gekommen. Trotzdem war es ein eigenartiges Gefühl, direkt die Sonne anzusteuern, auch, wenn man sie nur umfliegen wollte.
Unwillkürlich kontrollierte Sven die Logdateien der Hibernationstanks, aber wie erwartet, enthielten sie keinerlei Besonderheiten. Die Systeme waren inzwischen weitgehend ausgereift. Nur selten kam es zu außergewöhnlichen Zwischenfällen, und noch seltener kam ein Mensch dabei zu Schaden.
Ein Vorteil der permanenten Beschleunigung von 1 G war, dass man das Gefühl hatte, auf dem Erdboden zu stehen. Er würde sich also während des kommenden Jahres nicht mit Schwerelosigkeit herumschlagen müssen. Sven erhob sich aus seinem Sessel und verließ die Zentrale. Unterhalb der Steuerzentrale befand sich seine private Suite, in die man seine Sachen gebracht hatte. Interessiert kontrollierte er, was man ihm an Filmen, virtuellen Spielen, Musik und Buchdateien zur Verfügung gestellt hatte. Die Zeit würde lang werden auf dieser Reise. Zwar war die RENEGAT 4 ein überlichtschnelles Schiff, aber zunächst musste sie ein Jahr lang mit 1 G beschleunigen, um möglichst nah an die Lichtgeschwindigkeit heranzugelangen. Zum Ende hin würde es ein Tanz auf der Rasierklinge werden. Mit jedem Prozent, das er näher an die magische Grenze der Lichtgeschwindigkeit heranreichte, würden sich auch die Auswirkungen der Relativität verstärken. Seine Zeitwahrnehmung würde sich verlangsamen, während seine Masse stetig zunahm. Es würde wichtig sein, im exakt richtigen Augenblick zu reagieren, da er sonst zu viel Reaktionsmasse verbrauchen würde, und ein Abbremsen im Zielgebiet nicht mehr möglich wäre.
Im entscheidenden Moment, würde Sven den Gravitonen-Antrieb einschalten. Im Grunde ähnelte der Antrieb dem normalen Korpuskular-Antrieb, bei dem nukleare Reaktionsmasse ausgestoßen wurde, nur, dass Gravitonen sich schneller bewegen konnten als Licht. Die RENEGAT 4 würde einen Stoß bekommen, der sie aus dem drei-dimensionalen Raumzeit-Kontinuum katapultierte, in dem Geschwindigkeiten oberhalb der Lichtgeschwindigkeit nicht möglich waren.
Der Effekt war bei unbemannten Schiffen zunächst entdeckt und dann vervollkommnet worden. Seit über 50 Jahren reisten Siedlerschiffe auf diesem Wege ins 24 Lichtjahre entfernte Beta Hydri-System, wo es einen Planeten gab, der der Erde so sehr ähnelte, dass dort ein Neuanfang der Menschheit versucht werden sollte.
Schiffe, die diesen Weg nahmen, stürzten in der Nähe von Beta Hydri unvermittelt wieder zurück in den dreidimensionalen Raum. Warum das so war, und ob es möglich war, auch weitere Entfernungen zu überbrücken, wusste bisher niemand. Es war noch nie versucht worden.

Zwei Tage später lag die Sonne bereits hinter ihm und der Bug der RENEGAT 4 wies auf das Sternbild Wasserschlange. Noch befand er sich innerhalb des Sonnensystems, doch seine Geschwindigkeit wuchs mit jeder Stunde, und es war nur eine Frage der Zeit, bis es endgültig hinter ihm liegen würde. Sven hockte in seinem Sessel und betrachtete einfach nur die Sterne, als ein durchdringendes Signal ihn aus seinen Gedanken riss.
»Ein Hibernationstank?«, wunderte er sich. »Bitte nicht die Kälteschlafkammern! Wenn sie einen Defekt aufweisen, ist es jetzt für jede Hilfe zu spät.«
Er sprang auf und machte sich auf den Weg, die Schlafkammern seiner Passagiere direkt in Augenschein zu nehmen. Es würde Tage dauern, sie alle zu inspizieren, das war ihm klar, aber zunächst würde er sich den Bereich ansehen, der ihm von der Anlage gemeldet worden war. Er aktivierte die Beleuchtung in den Ladezonen und kletterte die Leiter hinunter in den Laderaum.
Als er den betreffenden Sektor erreicht hatte, hörte er Schritte. Unvermittelt blieb er stehen. Niemand, außer ihm, sollte sich hier aufhalten. Er hob seine Handlampe und leuchtete in den Gang hinein, aus dem die Geräusche gekommen waren.
Eine junge Frau kam ihm entgegen. Sie hatte lange, nasse Haare und hatte sich eng in eine Decke gewickelt. Als sie ihn erreichte, erkannte er sie.
»Cynthia?«, fragte er verständnislos. »Was machst du hier?«
»Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du mit diesem Schiff für immer verschwinden würdest.«
»Wir hatten das doch besprochen«, sagte Sven. »Wir hätten doch nie eine Zukunft gehabt. Beziehungen zwischen Klonen führen zu nichts. Wir wurden alle für bestimmte Aufgaben gezüchtet und können nicht zusammenbleiben.«
»Können wir doch!!«, rief sie trotzig. »Manuel hat mich in eine der Hibernationskammern geschmuggelt, die zusätzlich eingebaut wurde, und sie umprogrammiert, damit ich nach dem Swing-By aufwache. Also: Hier bin ich.«
Sven war sprachlos.
»Freust du dich denn kein Bisschen, dass ich an Bord bin?«
Sven zog sie einfach an sich und schloss sie in seine Arme. »Doch Cynthia, und wie ich mich darüber freue. Ich hatte unsere Zeit schon als Affäre zwischen Klonen abgehakt, und durch meine Abreise war sie ja eigentlich auch vorbei, nicht wahr?«
»Aber jetzt können wir zusammen sein«, sagte sie. »Niemand kann uns jetzt noch trennen. Das Umsiedlungsprogramm hat keine Macht mehr über uns. Und wenn wir unser Ziel erreichen, hat man uns zugesagt, dass wir frei sind. Auf Beta Hydri 2 sollen Klone einfach nur Menschen sein, sagt man.«
Sie klammerten sich aneinander und küssten einander. Svens Gedanken überschlugen sich. Er würde nicht allein sein, während der langen Zeit der Beschleunigung, und sie würden sogar eine Zukunft haben, wenn sie es richtig anstellten. Zum ersten Mal fühlte er sich nicht mehr nur als Klon, sondern als Mensch. Er begann zu begreifen, dass er sich auf seine Zukunft freuen durfte.

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